Der Mutterhof: Ein Halligroman

Part 1

Chapter 13,858 wordsPublic domain

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.

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Felicitas Rose · Der Mutterhof

Der Mutterhof

Ein Halligroman

von

Felicitas Rose

141.--143. Tausend

Berlin / Leipzig Deutsches Verlagshaus Bong & Co.

Alle Rechte, auch das der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten Copyright 1918 by Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin Druck von Hallberg & Büchting (Inh.: L. A. Klepzig), Leipzig C 1 ~Printed in Germany~

Meinem Manne zu eigen

Im Mutterhof auf Hallig Likamp brannte die grünbeschirmte Lampe. Heimelig war’s in dem großen Wohnpesel.

Der uralte, gewaltige, runde Tisch stand unter der Hängelampe, und um ihn herum saßen die schmucken, hohen Gestalten mit den blonden Friesenköpfen. Die Männer rauchten, die Frauen klöppelten, der zwölfjährige Onnen Holgers las vor:

»Also lautet die Sage von Heyens Lei: Tag für Tag und Nacht für Nacht wartete die treue Schwester am Fenster ihres Stübchens auf den verschollenen Bruder. Eine brennende Kerze stellte sie abends ins Fenster, damit der Bruder den Weg nicht fehle. Und die Kerze leuchtete hin über die salzen See. Derweil schlief der verschollene Bruder längst den ewigen Schlaf tief drunten im Meer.«

Onnen Holgers mußte mit dem Lesen innehalten, denn die 85jährige Großmutter Holgers wachte aus einem leichten Nickchen auf. Doch sogleich waren ihre Augen hell und scharf, wie die der Jüngeren ringsum. Auch von der Geschichte hatte sie nichts verloren. »Das Licht hab ich selber noch brennen sehen«, rief sie lebhaft. »Ein zehnjähriges Kind war ich damals und kreuzte mit Vater in seinem Fischerewer vor Heyens Lei. Und jedesmal, wenn wir dort zu Gange waren, rief der Vater: ›Sieh, mein Deern, die treue Schwester wacht.‹«

Der Zwölfjährige schloß mit lautem Klapp sein Buch. »Großmudder weet allens«, rief er fröhlich. »Großmudder, darf ich’s dem Lehrer erzählen, daß du alles selbst erlebt hast? Er freut sich, das kannst glauben.«

Die Ahne lachte behaglich. »Lehrer Manne Wögens weiß es lange. Der hat all seine Geschichten von mir. Er führt so’n Sprichwort: ›Wer klug werden will, gehe bei seiner Großmutter to Schol.‹ Du brauchst keinen Flunsch zu ziehen, Frau Tochter, es soll dich nicht herabsetzen.« Die Schwiegertochter der Ahne und Mutter all der jungen Friesen ringsum behielt ihr verdrossenes Gesicht.

»Manne Wögens hat immer so’n Schnack«, meinte sie unwillig. »Seine Schüler werden den Respekt vor Eltern und Lehrer verlieren.« Der Zwölfjährige wollte aufmucken, aber der Blick der Ahne bannte ihn. »Hol mir einen Krug Wasser aus der Zisterne«, gebot sie.

Und als der Junge den Pesel verlassen, meinte sie geruhig: »Der feine, lustige Schnack des Schulmeisters schädigt mein Tag nicht das 4. Gebot, wohl aber tut’s die Frau Tochter, wenn sie den Lehrer vor den jungen Ohren heruntermacht, ’s ist heute ja nicht das erstemal ... Dabei sollte die ganze Hallig lobsingen, daß auf der Schulwarf ein ganzer Mann und ein kluger Mann das Regiment übernommen hat, -- das ist meine Meinung.« Sie verstummte und nickte dem wieder eintretenden Knaben zu. »Gib mir das Glas, Lütten, und dann setz dich nieder und schau in dein Buch. Sag mir, ob noch mehr drin steht von Heyens Lei?«

Onnen Holgers blätterte. »Nicht viel, Großmudder. Das Licht war eines Tages tief herabgebrannt, und dann fand man die treue Schwester tot neben der erloschenen Kerze. Weiter steht nichts drin. Weißt du noch viel, Großmutter?«

»Bannig viel, Enkel Onnen. Zur Zeit der letzten schlimmen Sturmflut 1825 nahm der blanke Hans die Hallig Heyens Lei und begrub sie. Das andere Drum und Dran ist nichts für so’n Lütten. Da könnt dir das Gräsen ankommen. Wenn du groß und stark bist, will ich dir davon erzählen. -- An unsern nordischen Geschichten ist nichts Zahmes dran. -- Und was ich aus Kinderbüchern weiß, das hab ich euch all lang erzählt.«

Onnen Holgers reckte seine jungen Arme. »Groß und stark? Fühl meine Muskeln, Großmutter, erzähl mir von Heyens Lei!!! Auch wenn nix Zahmes dran ist.« Sie lachten alle, die um den Tisch saßen, nur seine Mutter sah ihn unwirsch an. »Kannst du das Quesen und Quälen nicht lassen?« »Lat em, Mudder,« meinte die sechzehnjährige Melenke; »es ist hart, immer aufs Großsein vertröstet zu werden. Gottlob, ich hab’s überstanden.« Sie dehnte wohlig ihren vollen, runden Körper und sang:

»So lang noch treue Liebe ein »Gott behüt dich« spricht, So lang noch treue Liebe die Bonnestaven bricht, So lang noch treue Liebe aufblühet jeden Mai, So lange klingen die Glocken herauf von Heyens Lei.«

»Willst du denn noch fort, Edlef?« fragte die Ahne erstaunt in das Lied hinein einen andern Enkel, der jäh aufgesprungen war und nun in seiner überstattlichen Größe beinahe mit dem Blondschopf bis zur Decke reichte. »Laß doch das alberne Singen«, rief er der Schwester zu. Melenke aber wiederholte lachend: »So lang noch treue Liebe die Bonnestaven bricht ... Nun, Edlef? Wer hat den Riesenstrauß Statize bekommen? Und da willst du keine Liebeslieder hören? Vor Tau und Tag bist du schon herumgestiegen, du Heimlicher.«

Edlef wandte sich zornig zur Tür und drückte sie auf. Er hörte noch, wie die Ahne verweisend sagte: »Du wirst mir zu wild, Melenke. Acht auf dich!«

Auf der Schwelle prallte Edlef zurück. Ein großes, schönes Mädchen trat ihm entgegen und blickte ihn lustig an. »Willst du die Tür nicht frei geben? Wolltest du zu uns? Du hast nicht weit zu gehen, da bin ich.«

Er fuhr sich wie verlegen durch den blonden Schopf. Sie schritt lachend an ihm vorbei in den Wohnpesel. »Guten Abend beisammen.«

Sie löschte die Laterne und stellte sie auf den Beilegeofen.

»Willkommen, Akke Luersen« rief die Ahne, und Edlefs Mutter schob rasch einen Stuhl an den Tisch. -- »Je später der Abend, desto schöner die Leute!« Das Mädchen mußte ihr sehr lieb sein.

»Ja, da bin ich, und lang hat’s gedauert. Trotzdem macht mein Edlef krause Stirn.« Sie fuhr ihm mit der großen, weißen Hand übers Gesicht. »Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?« fragte sie derb, »oder blieb ich dem Schatz zulange aus und er ist fünsch?« Edlef Holgers schüttelte den Kopf und sah versonnen vor sich hin. Sie schaute ihn schier etwas lauernd an, dann zuckte sie die Achseln. »Jedenfalls konnt ich nicht eher kommen. Und nun kann ich wohl die Neuigkeit vermelden, -- ich hab wieder ’n kleinen Bruder!« Die Ahne streckte ihr lebhaft die Hand hin, Mutter Holgers gratulierte wortreich, und selbst Rickert Holgers, der alte Ohm und Altenteiler, der bis dahin schweigend an seinem Priem gekaut hatte, erhob sich und sprach lebhaft seine Anerkennung aus: »Gute Rasse, tüchtige Frau.«

Edlef Holgers blieb sitzen und fragte nur ganz ernst: »Wie befindet sich die Frau Mutter?«

»Mutter ist kreuzwohlauf«, lachte Akke Luersen. »Das macht die gute Übung«, setzte sie sehr offenherzig hinzu. Es schien so, als wolle sie den Verlobten reizen, denn die Röte lief wieder über seine Stirn, und die Falte zwischen den Brauen vertiefte sich. »Wieviel seid ihr jetzt Vögel im Nest«, fragte die Ahne ablenkend.

»Im Nest nur neun, aber sechs sind schon draußen auf See. Mutter meinte heut, es sei Zeit, daß ich flügge würde; was meinst du, Edlef?«

Edlef Holgers schwieg, aber Ohm Rickert krähte: »Mich dünkt, flügge bist all lang, man tut beinah gut, die Flüchten zu kappen.« Er spuckte in großem Bogen aus, so daß sich alle Köpfe erschrocken duckten. »Die Mutter meint wohl, daß du in dein eigen Nest fliegen sollst«, sprach geruhig die Ahne. »Uns ist es nicht zuwider, aber das mußt du mit deinem Bräutigam besprechen. Geh, Edlef, bring deine Braut zur Schulwarf, besprich dich dort und komm mit guter Nachricht heim. Der Mutterhof ist allstunds bereit, dein junges Weib zu empfangen.«

Der Abschied war herzlich. Man brachte aus Laden und Truhen, aus Beuteln und Strümpfen noch Geschenke hervor für die Wöchnerin und das Neugeborene, und die stattliche Akke ließ sich alles lachend aufpacken. Dann zündete Edlef die Laterne an und schritt mit der Braut zum Deich hinunter. Drinnen gähnte Melenke, daß alle ihre weißen, starken Zähne sichtbar wurden.

»Oha, das wird mal eine langweilige Ehe«, meinte sie. »Wenn ich nur die beiden sehe, tritt mich der Schlaf an. ’S wär nichts für mich. Bruder Edlef ist wie ein Kettenhund. Entweder er beißt oder er schläft.«

»Zu schlafen und zu gähnen wird er nicht viel haben in seiner Ehe,« krähte wieder Ohm Rickert. »Das wird ein Teufelsweib, die Akke. Möchte schier selber ihr Hochzeiter sein.« Er schmatzte behaglich an seinem Priemchen, und Melenke juchzte laut auf.

Die Ahne erhob sich fast jugendlich von ihrem Ohrenstuhl.

»Schämt Euch, Ohm Rickert. -- Und zu dir, Melenke, sag ich, -- ich bin die Ahne. Und hab trotz meiner fünfundachtzig noch die Kraft, dir eins an die Ohren zu geben, wenn du schluderig wirst. Acht auf dich, sag ich nochmal, -- du bist Haustochter vom Mutterhof!«

»Dor rük an«, raunte Rickert der Nichte zu und formte sich ein neues Priemchen.

Mutter Holgers führte die Ahne sorglich in den Schlafpesel, Onnen folgte, und auch der langjährige Knecht und die Magd verließen die Stube. Melenke maulte.

»Haustochter vom Mutterhof! Ich pfeif drauf, wenn ich nicht lustig sein darf deshalb. Und wenn die Eheleute auf dem Mutterhof ümmerlos nur gebetet hätten, dann hieß er nicht der Mutterhof.«

»Dunnerkiel, was bist vorn Deern!« bewunderte Ohm Rickert. »Aus dir haben die zwei Jahr Stadtdienst in Hamburg auch grad keine Heilige gemacht. Da wirst du mit der Ahne bald wieder zusammenwachsen.«

»Ach!« seufzte Melenke. »Wär ich nur der Hallig ledig! Ich könnt einen guten Dienst wieder bekommen. In Blankenese; aber solange die Ahne lebt, erlaubt’s die Mutter nicht.«

»Und die Ahne macht’s über die Hundert hinaus«, nickte Ohm Rickert. »Paß auf, ich hab’s gesagt. Weiber, die’s Regiment führen, vergessen aufs Sterben. Deshalb hab ich nicht geheiratet. -- Kennst doch die alte Stine Hinrichsen auf Mittelwarf? Mit der bin ich vor fuffzig Jahren gegangen. Aber sie wollt die Büx anhaben, und das litt meine Ehr nicht. Da hab ich mich fremd gemacht und bin zur Marine. Nun sind wir wieder auf einer Hallig zusammen. Und jedesmal zur Heumahd treffen wir uns, und sie mahnt mich keifend ans Eheversprechen.« Ohm Rickert schüttelte sich und spuckte wieder aus. »Beide haben wir die 70 auf dem Puckel. Gott bewohr mi. Ich krieg noch lang ’ne Junge. Die Akke Luersen möcht ich. Deuwel ok. De is to schad vörn Edlef. De jog ik em af.«

Hellauf lachte Melenke.

Aber da schaute der Kopf der Ahne wieder zur Tür hinein, und ihre scharfe Stimme rief: »Feierabend!«

Da floh Melenke eilends hinauf in ihre Kammer, und Ohm Rickert humpelte in seine Döntje. --

* * * * *

Edlef Holgers und seine Braut wanderten über den Deich nach der Schulwarf. Er ging etwas vorauf und hielt die Laterne hoch, aber Akke Luersen haschte nach seiner Hand und meinte, der Schein blende sie, daß sie nun schier gar nichts sehen könne in der Stickendusternis. Sie drückte seine kalte Rechte an ihre heiße Wange. »Frierst du, mein Edlef?« fragte sie schmeichelnd.

Er zog seine Hand fort. »Ja, ich friere.«

»Wie bist du nur heute!« Sie rief es voll Ärger. »Mein Gott, ich konnt nicht eher ab. Sieh’s doch ein! Die Hebamme saß auf ’ner andern Warf fest. Bei Löhnsens sollt auch was Kleines kommen. Ist aber eine Fehlgeburt geworden, da mußte nun die Wehmutter dortbleiben. Und meine Mutter war froh um meinen Beistand.« »Oh -- das ist’s nicht«, meinte er müde und wie gequält von ihren Ausführungen.

»Das ist’s nicht?« fragte sie scharf. »Und was ist’s dann?« Edlef Holgers leuchtete erst einmal sorglich um eine große Wasserlache herum und reichte dann seiner Braut die Hand, damit sie springen konnte.

»Nun, Edlef?«

»_Muß_ ich dir’s sagen?«

»Ich warte drauf.«

Er schritt so rasch aus, daß sie kaum folgen konnte, aber sie hielt sich doch an seiner Seite.

»Ich meinte, du solltest mir das nicht alles so erzählen«, murrte er. »Du weißt recht gut, daß ich’s nicht mag. Und andre Deerns tun es auch nicht. -- ...«

»Bist du verrückt?« schalt sie grob. »Wenn du nur wüßtest, wie schlecht es so einen großen Schlagetot kleidet, daß er so tuig ist. Und andre Deerns? Wo hast du denn andre Deerns gesehen, du blinde Hess’?«

Sie hing sich plötzlich schwer an seinen Arm und zwang ihn so, stehenzubleiben. »In wenig Wochen bin ich doch deine Frau, -- oder etwa nicht?« Er nickte düster.

»So kann ich dir auch erzählen, was ich mag.«

Nun schmiegte sie sich eng an ihn. Sie war fast so stattlich und groß wie er selbst. -- »Sei mir doch wieder gut«, bettelte sie. »Du hast es ja gewußt, wie ich bin, und hast mich doch haben wollen. Erzwungen hast du mich: denn du weißt ja ...«

»Ja ich weiß alles«, sagte er gepreßt und holte aufs neue mit langen Schritten aus.

»Nun also. Da weißt du auch, daß ich schließlich den Peder laufen ließ.«

»Du hättest es nicht tun sollen ...«

»Edlef, was soll das? -- -- --«

»Ja, Akke, ich mein es im Ernst. Es wär noch Zeit. -- Sieh, es weiß ja niemand um unsern Verspruch ...«

»Niemand? Weil’s Lehrer Manne Wögens nicht weiß, ist die ganze Welt _niemand_ für dich.«

»Warum trugst du’s weiter?« brauste er auf. »Wir hatten’s uns versprochen, daß es geheim blieb. Auch Peders wegen. Es ist ja die Frage, ob ihr besser zusammenpaßt als wir zwei, -- aber ich hab ihn gesehn, -- er ist ganz durchhin, -- er tut mir leid.«

Akke Luersen lachte auf. »Du kannst mir _auch_ leid tun mit deinem plötzlichen Erbarmen, Edlef. Aber dazu ist’s zu spät. Gewollt hab ich dich nicht, -- aber jetzt will ich dich, und du wirst mich behalten. Und heut, da du einmal auf der Schulwarf bist, kannst du es dem Lehrer auch sagen.« Edlef Holgers nickte müde. »Ich gab mein Wort«, murmelte er. Von da ab wurde nicht mehr gesprochen von den beiden. Dann und wann hob Edlef die Laterne hoch und half der Braut über eine Wasserstelle. Mechanisch führte er und stützte sie, wenn sie strauchelte. -- Aber sein Herz hatte keinen Teil an seiner Sorgfalt, und das Mädchen biß die Lippen zusammen und war voll Zorn. --

Vor dem Hause der Braut blieben sie stehen. Er reichte ihr abschiednehmend die Hand. Ungestüm zog sie seinen Kopf zu sich herunter und küßte ihn wild. Dann ließ sie ihn los.

»Willst du der Mutter nicht Glück wünschen?« fragte sie hastig.

»Nein, -- ich wünsche ihr lieber Ruh. Grüß die Mutter.«

Sie ging ins Haus. Der Wind oder der Zorn riß ihr die Tür aus der Hand und schmetterte sie ins Schloß. Edlef hörte noch die gar nicht schwache Stimme der scheltenden Wöchnerin. Dann stapfte er seinen Weg zurück. Nach zwanzig Schritten blieb er stehen und hob wieder die Laterne. Ihr Schein flog über die Fenster des Hauses, vor dem er stand, und bis zu den drei Schornsteinen mit dem Blitzableiter empor. Auch den Zaun, hinter dem der knorrige Birnbaum stand, beleuchtete Edlef, als wenn er das alte Schulhaus noch nie gesehen hätte. Und er hatte doch jahrelang darin die Bänke gedrückt, ehe er nach Husum zur Weiterbildung gekommen war, wie es die Überlieferung erforderte vom ältesten Haussohn des Mutterhofes. --

Als sich nichts regte im Schulhause, setzte Edlef seufzend seinen Weg fort; aber sein Blick haftete an den niederen Fenstern, die von dichten, weißen Vorhängen verhüllt waren. Freundlicher Lichtschein quoll trotzdem heraus. Nach weiteren zwanzig Schritten kehrte Edlef trotzig um und stand dann bald wieder vor dem Schulhause. Das Licht hinter dem Vorhang schien hin und her getragen zu werden, aber als Edlef umständlich und laut seine hohen Stiefel vom Schlick befreite und dann und wann kräftig gegen die Hauswand stieß, blieb das Licht stehen.

Die Stubentür öffnete sich, und Lehrer Manne Wögens stand auf der Schwelle. »Ist’s der Wattenmeergeist oder Knecht Ruprecht, der an meine Tür donnert«, fragte er launig. »Mensch! Edlef Holgers! Dich war ich nicht vermuten ...«

»Ich störe dich nicht, Manne Wögens?«

»Wenn du mit guten, frohen Gedanken kommst, störst du uns niemals. Aber grad wollten wir in die Heia.«

»Wir? Wer ist wir?«

Manne Wögens lachte schallend. »Maren, komm her, stell dich zu mir,« rief er, »Edlef Holgers weiß nicht mehr, wer ›wir‹ sind.«

Da sah Holgers in ein paar stille blaue Augen. Die waren von sehr dunklen Brauen umgeben und standen in einem seltsam feierlich schönen Gesicht.

Dunkles Blondhaar fiel weich in die Stirn. Die Gestalt war schlank und zierlich, und reichte dem Riesenbruder noch nicht einmal bis zur Schulter. Schier winzig stand Maren Wögens zwischen den beiden Hünen. »Er ist stumm geworden«, spottete der Lehrer. -- »Sieh sie dir nur an, Edlef, sie hat unsere alte Friesentracht angelegt und möcht’ gern eine waschechte Halligtochter sein. Aber unsere Thüringer Mutter schlägt allerorten bei ihr durch. -- Nun, Ihr Fische? Noch immer stumm?«

»Guten Abend, Fräulein Maren.« Edlef reichte ihr die Hand, und sie legte die ihre hinein. So traten sie miteinander über die Schwelle des Schulhauses. Ganz fest hielt Edlef Marens Hand. Und merkte es nicht, daß das Mädchen rot und verlegen wurde. Manne Wögens sah belustigt auf beide.

Endlich befreite sich Maren, und dann saßen sie um den runden Tisch. Und während der Herbststurm sich draußen gewaltig erhob und scheinbar versuchte, die Haustür aus ihren Angeln zu heben, dünkte es Edlef Holgers, als sei es Mai geworden. -- In ihm war Grünen und Blühen. --

Plötzlich rief er: »Bonnestave habe ich gepflückt, einen Riesenstrauß! Und ich wußte doch gar nicht, daß Sie kamen. Ich werde ihn morgen bringen. Warum sind Sie hier, Fräulein Maren?«

»Ist es Ihnen nicht recht?« lachte sie. »Es sind doch Michaelisferien.« »Aber Sie sagten mir doch im Juli in Ording, Sie kämen diesmal nicht ...«

Der junge Lehrer fuhr dazwischen. »Habt ihr euch denn in Ording gesehen? Davon weiß ich ja gar nichts.«

»Ich hab dich ja auch seitdem noch nicht gesprochen, Manne« entgegnete Edlef zerstreut.

Aber Maren wurde rot und kam nicht mit den Worten zurecht und ihr Bruder schüttelte den Kopf. -- Dann lief sie plötzlich hinaus, und die Männer sahen sich ratlos an.

»Warum geht sie? -- Mag sie mich nicht leiden?« fragte Edlef ungestüm.

Manne Wögens staunte vor sich hin: »Sie hat dich vielleicht _zu_ gern, Edlef Holgers.« Der fuhr sich durch den blonden Schopf. »_Zu_ gern? _Zu_ gern?« fragte er dringlich. Und mit tiefem Aufseufzen: »das wäre zu viel Glück!«

Da wurde Manne Wögens ganz fröhlich. -- »Steht es so um dich, Edlef? Ihr beide ließet mich ganz im unklaren. Bande, die ihr seid! Heimtücker!« Er rüttelte Edlef. »Wach auf! Ich sage dir, du hast das große Los gezogen. Schwester Maren war allstunds mein guter Engel. Und der unserer Eltern. -- Kinder, die das 4. Gebot lebendig in sich spüren, geben gute Frauen ab. Also, -- von mir aus, -- gratulor! Soll ich Maren hereinrufen? Oder willst du zu ihr? Oha, ich freu mich bannig, daß die Deern aus ihrer Volksschule herauskommt! Schwager Edlef, das ist heut ein schöner Tag!«

Da wachte Edlef Holgers auf. Mit seltsam erloschenen Augen sah er den Freund an.

»Sprichst du von deiner Schwester und mir?« fragte er heiser.

Der Lehrer sah ihn scharf an. »Bist du krank, Edlef?«

»Vielleicht. -- Krank vor Liebe zu Maren. Aber das darfst du ihr nicht sagen. Rufe sie auch nicht herein. Ich müßte sie sonst in meine Arme reißen. Und ein Schuft bin ich nicht ...«

»Edlef, was soll das?«

»Nein, Manne, frag mich nicht. Das stürzt jetzt alles über mich herein wie der blanke Hans über die Halligfennen. Herrgott, bin ich unglücklich! Ja, das kannst du deiner Schwester sagen. Gute Nacht, Manne.«

Mit schweren Schritten ging er hinaus.

Nach einer Weile kam Maren herein. In lieblicher Verlegenheit und mit glänzenden Augen.

Aber der Glanz verlosch, als sie den einsamen Bruder vorfand. Der nahm sie in seine Arme. »Mein klein Deern, ich sagte vorhin, es sei heut ein schöner Tag, aber es ist ein wunderlicher draus geworden. Edlef Holgers ist unglücklich, und ich weiß nicht warum. -- Fahr nicht auf, mein klein Deern, bleib du ruhig an meiner Schulter liegen.« Er streichelte ihr weiches Haar. »Sieh, lütt Swesting, wenn unser liebster Freund unglücklich ist, dann müssen wir fein stille sein. Das ist dann wie ein Verband für seine Wunde. Laß uns Geduld haben. Es wird sich alles klären.« Da löste sich Maren sacht aus seinen Armen und ging ganz still wieder aus der Stube. Und der Bruder sah ihr nach mit ernsten Augen. Nahm dann einen Stapel Hefte und tauchte die Feder in rote Tinte. Und las zehnmal die Aufsätze durch über das Thema: »Die letzte Sturmflut auf Hallig Likamp.«

Auch in seiner eigenen Brust tobte ein arger Sturm. Und der letzte Schüler bekam eine glatte Eins unter den Aufsatz. Trotzdem die zwei dürftigen Seiten kreuz und quer rot durchstrichen waren. Aber der Lehrer war zum erstenmal zerstreut in seinem ernsten Dienst.

Seine Schwester Maren ... sein alles. -- Daß er dies feine Lebensschifflein in einen schönen, ruhigen Hafen lotse, dafür hatte er sich gesorgt und in widrigen Verhältnissen gedarbt. Und nun schien da plötzlich eine schwere Bö aufzukommen ...

Manne Wögens grübelte und sann im ruhelosen Auf- und Abwandern. Das Licht im Schulhause wollte nicht löschen in dieser Nacht.

Edlef Holgers stand im Dunkeln am Hause seiner Braut. Er wußte selbst nicht, was er dort wollte. Wild und weh war ihm zu Sinn, und einen eklen Geschmack trug er auf der Zunge. In der Stube der Wöchnerin brannte mattes Licht. Meckerndes Kindergeschrei drang heraus. Aber auch übermütiges Kreischen aus der helleren Stube nebenan. So pflegte Akke Luersen bei derben Scherzen zu lachen, die ihm so zuwider waren. Eine Männerstimme lachte mit da drinnen und prahlte dazu mit lauten Worten, die dann wieder wie erstickt klangen. Als halte jemand eine Hand auf seinen Mund, um ihn zur Ruhe zu mahnen.

Edlef riß die Tür auf.

Da fuhren zwei auseinander.

Und Akke Luersen wurde einen Schein blasser und lachte wieder überlaut. Sie machte sich an dem großen Bild zu schaffen, das über dem Sofa hing, und der dicke, ältere Mann mit dem roten Gesicht steckte sich eine Zigarre an.

»Sieh da, Herr Holgers«, rief Akke rasch gefaßt. »Wollen Sie sich so spät noch nach Mutter erkundigen?«

»Da tun Sie recht dran«, rief dröhnend der Fremde. »Ich bin so auf ’ne Art Vetter vom Hausherrn und komme geschäftlich von Hamburg. Bahn ist mein Name. Makler und Agent. -- Finde hier so’n Gotteswunder. Ne ausgewachsene, schöne Nichte von Zweiundzwanzig mit ’nem lüttjen Bruder in der Wiege. Oha, noch mal zu, sag ich.«

Er goß sich lachend die große Tasse halb voll Kaffee und ergänzte die zweite Hälfte mit Rum. »Halten Sie mit, Herr Holgers?«

Edlef wehrte mit der Hand, er sah, daß der andere den neugeborenen Neffen wohl schon stark gefeiert hatte.

»Ich hole gleich noch eine Tasse« rief Akke hastig und lief aus der Stube.

Der Fremde sah ihr nach. »Nu sagen Sie bloß, Herr Holgers, wie is so was möglich? Sind die Mannsen hier Besenstiele? Wie kann so ’ne Deern aufwachsen und nicht vom Fleck weggeheiratet werden?«

Er trank in gierigen Zügen.

»Sie spielen wohl steinerner Gast?« fragte er dann gemütlich und rekelte sich auf dem alten, ausgesessenen Sofa. »Kinder, was seid ihr auf der Hallig für Menschen! Fischblütige Gesellen übereinander!«

»Bleiben Sie hier?« fragte Edlef frostig. »Ich hätte wohl etwas mit -- -- Akke Luersen zu reden.«

Der Fremde lachte dröhnend. »Ja, dat muggst woll. -- Der andere, der da vorhin saß, wollte auch etwas mit der schönen Deern reden. Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich euch hier freie Bahn lasse.« Er nahm wieder einen großen Schluck.

»Wer war denn der andere?« fragte Edlef mechanisch.