Der Mutterhof: Ein Halligroman

Part 16

Chapter 163,714 wordsPublic domain

Die Tür öffnete und schloß sich mit jähem Ruck.

Und Lehrer Wögens lief davon. Lief nach der Postfähre hinunter wie ein Schuljunge, der unerträglichem Zwang entfliehen will ... Einmal sah er sich um. Ein weißes Tuch winkte. Da rief er noch einmal in den Sturm hinein: »Gott behüt ...!«

Langsam wandte sich Nomine vom Fenster fort. Sie nahm ihr Herz in beide Hände. Fest, ganz fest.

Stammelte irgend etwas. Etwas Zärtliches, Glückseliges. Ihre Blicke umfingen noch einmal das Schulstübchen. Ein alter, sturmerprobter Filzhut hing in einer ganz versteckten Ecke am Nagel. Manne Wögens trug ihn im Frühjahr bei garstigem Wetter zur Gartenarbeit. Häßlich war der alte Hut, durchlöchert und verfärbt. Aber Nomine streichelte ihn und setzte ihn sich mit einem lieben Lachen auf den schönen, zierlichen Kopf. Und klinkte ganz sacht die Tür auf und wieder zu. Lief dann, ohne aufzuhalten, ihren Weg zurück und trug ihr ernstes, schönes Geheimnis mit lauter frohen, guten Gedanken in den Mutterhof. --

* * * * *

Alle, welche Sitz und Stimme hatten auf der Hallig, waren beim Gemeindevorsteher versammelt.

Es war eine ganz außergewöhnliche Sitzung. Und die verschlossenen Friesengesichter sahen noch etwas ernster aus als sonst. Nicht eigentlich, daß sie vermuteten, der Anlaß dieser Sitzung würde sich als etwas Trauriges herausstellen, sondern weil sie alles Außergewöhnliche besonders wichtig nahmen.

Viele sahen nicht nur ernst, sondern mißmutig und unbehaglich aus. Das waren die starken Raucher. Die mit der »korten Piep« aufstanden, und mit ihr zu Bette gingen.

Die konnten sich nicht mit dem Verbot zurechtfinden, das der Gemeindevorsteher erlassen, -- bei einer Sitzung den »Nasenwärmer« fortzulassen. Aber Ketel Boon hatte einmal das Wort »unwürdig« gebraucht, und da er viel in großen Städten gewesen und ein angesehener Mann war, so wollte niemand in seinem Hause »unwürdig« sein.

Vier hochgeschätzte Halligleute fehlten. Das waren Peder Luersen, der seine »Fiw« noch nicht wieder beisammen hatte, Pastor Licht, der mit schwerem Rheuma zu Bett lag, Edlef Holgers, der noch immer in Hamburg lebte, und Manne Wögens, der »im Süden studeerte, wat he doch nich im Norden bruken kunn«, wie der immer etwas giftige Boy Boysen sich ausdrückte.

Lars Larsen eröffnete die Sitzung.

Dann gab er das Wort dem Gemeindevorsteher.

Und was dieser vorbrachte, machte alle Herzen warm, und war auch jedem einzelnen recht aus der Seele gesprochen. Und in einem von ihnen zündeten die Worte ein ganzes Freudenfeuer an, daß er kaum ruhig auf seinem Stuhl sitzen konnte. Das war Rickert Holgers vom Mutterhof. Und weil bei ihm die kurze Pfeife das Allheitmittel gegen Not und Krankheit, und besonders auch gegen Rührung jeglicher Art bedeutete, so löschte sein heftiges Verlangen nach Tabak alle gegenteiligen Erlasse des Gemeindevorstehers in seinem Gedächtnis aus. Und er zündete sich unter heftigem Schlucken und unbestimmten Lauten seinen Tröster an und qualmte unerhört heftig.

Freilich legte er alles ebenso rasch fort, als plötzlich die Mühle still stand und Lars Larsen vor Entrüstung den Faden verlor. Aber Ohm Rickert war doch durch die paar kräftigen Züge erst mal wieder ins Gleichgewicht gekommen.

»Geehrte Gemeindemitglieder! In ein paar Tagen, mich dünkt am Donnerstag, will Edlef Holgers vom Mutterhof aus Hamburg zurückkommen. Beinahe ein ganzes Jahr ist er fortgewesen, und hat in diesem Jahre nur für uns gearbeitet, für das Wohl unserer Insel.«

»Junge, Junge, dat’s gewiß!« murmelte jemand.

»Seine Reisen und sein Aufenthalt in den wichtigen Hafenstädten hat unserer Gemeinde nicht einen Pfennig gekostet. Mit seinem Hab und Gut und mit seiner ganzen Gesundheit hat er sich eingesetzt nur aus Liebe zur Heimat und ohne eigenen Gewinn. Hohe Herren sind auf unsere Hallig gekommen und haben von Edlef Holgers gesprochen, als sei er selbst ein hoher Herr. Das ehrt uns alle. Deshalb wollen wir ihn wieder ehren und ihm einen schönen, warmen Empfang bereiten.«

»Dat’s doch Sach’ von sin Fru ...« warf Boy Boysens loses Mundwerk hin.

Ihm antworteten nur entrüstete Blicke, und Ohm Rickert machte eine ausholende Gebärde, die gar nicht mißzuverstehen war.

Ketel Boon fuhr in seiner Rede fort.

»Wir wollen Edlef Holgers feierlich einholen. Wer vorher nach Pellworm oder Husum kommt, soll Tannenzweige mitbringen. Wer noch kleine, freundliche Kinder daheim hat, läßt sie die Sonntagskleider anziehen, und so mit dem Tannengrün sollen sie am Poststeg stehen, wenn das Segelboot kommt.«

»Ich heww nur mien gnarrige Olsch to Hus«, murrte Boy Boysen.

»Und wir wollen im Gottestischrock dabeistehen und ihm die Hand geben«, schlug Ketel Boon weiter vor.

»Jawohl,« rief Lars Larsen, »und mich dünkt, es könnt nicht schaden, wenn die Glocken auf der Kirchwarf geläutet würden.«

Aber da wurde Boy Boysen ganz wild, und widersetzte sich so laut und heftig, daß der Vorschlag gleich fallen gelassen wurde.

»Das fehlte noch!« erregte er sich. Da wolle er sich dann nie und nimmermehr mit Genuß begraben lassen, wenn wegen jedem »Buh und Bah« geläutet würde.

»So lade ich euch alle am Tage von Edlef Holgers Ankunft in mein Haus zu gutem Schmaus und gutem Trunk«, sagte Lars Larsen.

»Junge, Junge, dat’s gewiß«, beruhigte sich Boy Boysen. »Eten und Drinken is beter as Läuten.«

Aber der Gemeindevorsteher stand immer noch an seinem Platz, und jetzt handhabte er die Glocke, als wolle er seinen Vorredner deutlich Lügen strafen. Oder auch, als wolle er nun etwas ganz besonders Frohes mit hellem Klange einläuten:

»Liebe Gemeindeglieder! Wenn wir nun unseren Halligbruder also ehren, was gebührt dann der Halligschwester? Was gebührt Mutter Maren?«

Da brach ein freudiges, erregtes Rufen los. »Ja, ja, _Mutter_ Maren!« »Man zu, Gemeindevorsteher!« »Wi willn se _ok_ ehren, uns’ lütt Mutter Maren!«

»Was Edlef Holgers draußen geschafft hat,« rief Ketel Boon jetzt freudig und laut, »das hat Maren Holgers drinnen getan. Im eigenen Haus und rings auf der Insel. Sie hat uns ein Armen- und Krankenhaus erspart, denn sie nahm alles auf den Mutterhof, was mühselig und beladen war.«

»Dat’s gewiß! Dat’s ekli wohr«, tönten die Stimmen durcheinander.

»Da giww du man noch’n Eten, Lars Larsen«, schlug der praktische Boy Boysen vor. »Für de Mutter Maren ok.« Aber dieser materialistische Vorschlag wurde mit lauter verächtlichen Blicken abgelehnt.

»Mein Rat ist so«, sagte der Gemeindevorsteher. »Wir schreiben eine schöne Widmung auf und sagen darin alles, was wir auf dem Herzen haben. Das soll ein guter, gewichtiger Dank für sie sein. Und in dem Schreiben wollen wir sie ›Mutter‹ nennen. Damit begraben wir zugleich das schlimme Vorurteil unserer Insel, daß nur _die_ Frauen etwas wert seien, die der Hallig Kinder gegeben haben. Mutter Maren vom Mutterhof hat uns _Liebe_ gegeben, und so sind wir _alle_ ihre Kinder geworden.«

Da streckten sich viele Hände gegen ihn aus in freudiger Zustimmung. Es war nicht eine Stimme, die dagegen sprach.

»Willst du die Worte aufsetzen, Gemeindevorsteher?«

»Ich will’s.«

»Und wer soll sie Mutter Maren bringen?«

»Wir wollen _alle_ hingehen. Denn uns allen hat sie wohlgetan. Das gibt einen stattlichen Ehrenzug!«

Da kam wieder freudige Zustimmung. Und dann gingen sie auseinander in dem Gefühl, einen sehr wichtigen und sehr glücklichen Tag erlebt zu haben.

Maren aber schmückte den Mutterhof.

Ihr eigen Herz war schon geschmückt. War ganz voll Liebe, voll Sonne, voll innigsten Verzeihens, und stand in Blüten.

Aber der Mutterhof sollte nicht minder festlich ausschauen, wenn der Herr endlich wieder einzog in seiner Väter Erbe, das die Gattin ihm verwaltet und treulich gemehrt hatte.

Der junge Schwager Onnen half Maren in eifriger Hast. Was würde das für ein köstliches Leben werden, meinte er, wenn erst der große Bruder wieder daheim sei, und all die geplanten wichtigen Unternehmungen nun Wahrheit würden. Wie würde Onnen daran wachsen! Und später die rechte Hand von Edlef werden!

Und »Mutter Maren« würde wieder das Lachen lernen! Das war noch das Schönste von allem!

In all das festliche Vorbereiten schickte Pastor Licht einen großen Schreibebrief. Er selbst lag immer noch zu Bett. -- -- -- »Mutter Maren« hieß den Boten warten und packte ein Körbchen voll schöner Sachen. Lauter Kostproben von dem, womit Edlef empfangen und verwöhnt werden sollte. Und dann erst, als sie noch den Korb mit Blumen besteckt, die sie von den prangenden Fenstertöpfen abschnitt, und der Bote den Rückweg angetreten hatte, setzte sie sich mit dem Brief zum geruhigen Lesen nieder. --

Als sie etwas später aus der Haustür trat, da war ein Sturm über ihre Gestalt und ihr zartes Gesicht gegangen. Gebeugt und alt sah sie aus.

Eine Stunde darauf stand sie schon an der Postfähre und sah mit schmerzenden, brennenden Augen, wie das Segelboot zurechtgemacht wurde. Das sollte sie nach Pellworm bringen und von dort wollte sie nach Hamburg.

Sie sprach mit niemand über den Brief von Pastor Licht. Ruhig hatte sie ihre Anordnungen gegeben und das Haus bestellt für eine längere Abwesenheit. Ohm Rickert bekam eine Vollmacht, und Onnen erhielt ein paar Vertrauensposten. Mutter Holgers übergab sie das Kind, und als die alte Frau sie forschend und traurig ansah, legte sie die Hand auf ihre Schulter: »Ein schwerer Unfall, Mutter. Edlef ... Er ruft mich.«

»Um Jesu willen, was ist? Wann kommst du wieder, Maren?«

»Das steht bei Gott.«

* * * * *

Im Eppendorfer Krankenhaus führte »Schwester Käte« die junge Frau gleich zu ihrem Gatten.

»Er hat sehr nach Ihnen verlangt, Frau Holgers«, sagte sie teilnahmevoll. »Auch in der Narkose hat er immer nach Ihnen gerufen. Soll ich Ihnen Näheres vom Unglück im Elbtunnel erzählen?«

»Nein, nein,« wehrte Maren. »Ich will zu meinem Mann. Aber wird es ihn nicht zu sehr angreifen, wenn ich plötzlich vor ihm stehe? Wollen Sie ihn vorbereiten, Schwester Käte?«

Diese wendete ihr Gesicht fort. Sie meinte, noch nie solch wehen Ausdruck in den Augen eines Menschen gesehen zu haben.

»Nein, nein, Frau Holgers, gehen Sie nur, -- -- es ist besser, Sie sehen den Verletzten _bald_ ... Aber erzählen Sie nicht von dem Unglück, er -- weiß es nicht, wie schwer seine Verletzung ist. Wenn Sie es über sich gewinnen könnten, Ihrem Manne _frohe_ Dinge zu erzählen ... so ...«

Sie drückte Maren fest die Hand. Wollte hinzusetzen: »So machen Sie ihm das Sterben leichter«, aber die Stimme versagte der Leidgewohnten diesen trostlosen Augen gegenüber.

Der Chefarzt ging vorüber und sah fragend die Schwester und die Fremde an.

»Frau Holgers von Hallig Likamp ...«

Da trat lebhafte Teilnahme in sein kluges Gesicht.

Das also war »Mutter Maren«, von der ihm Pastor Licht geschrieben. Und welche durch die Fieberträume des schwer siechen Mannes geschritten war und in seinem Wachen lebte.

Er reichte Maren die Hand in rascher, herzlicher Art.

»Nur ganz unbefangen mit ihm sein«, riet er. »Ihr Frauen seid ja doch nun einmal Helden im Schmerzverarbeiten ... Ihr Mann wurde uns schrecklich zugerichtet gebracht. Wir mußten beide Beine sofort abnehmen. Und leider ist er auch innerlich schwer verletzt.«

Sie schritt zu Edlefs Lager. Man hatte ihn in einem Zimmer allein gebettet. Und Maren konnte ihm zulächeln und sah, wie ihm dies Lächeln wohltat. Und während sie meinte aufschreien zu müssen vor Jammer und Leid, scherzte sie mit dem Wunden: »Mein Edlef, sie warten alle daheim auf dich, und du legst dich in die Heia ...?«

Er hielt ihre Hände und zwang sein schmerzverzerrtes Gesicht zur heiteren Ruhe. »Maren, mein Deern, gottlob, du bist bei mir.« So als läge gar nichts zwischen ihnen. Als seien all die eisigen Monate eitel Frühling und Sommerwärme gewesen. --

Und Maren meinte bei sich, sie würde bis an ihr Lebensende die Worte nicht vergessen, sondern würde ihre ganze Kraft aus ihnen saugen: »Gottlob, Maren, mein Deern, du bist bei mir.«

Sie hielt seine Hand und plauderte mit ihm. Von allem, was den Mutterhof betraf, und was sich dort ereignet hatte. Bei Akkes Namen verfärbte sich Edlef, und Maren sah es und litt unsäglich. Aber gleich nahm sie ihn wieder in ihre Arme: »Hast du Schmerzen?« fragte sie liebreich.

»Ja, große Schmerzen«, gestand er. »Die Beine und Füße quälen mich schrecklich. Sie müssen mehrfach gebrochen sein, aber man will es mir wohl noch verheimlichen. Maren, -- wenn ich ein Krüppel würde! Oh, und wie meine Brust schmerzt!«

»Greift dich auch das Reden nicht zu sehr an?« Sie sah voll namenloser Sorge in sein gelblich-blasses Gesicht.

»Ach, nein, Maren, ich bin sehr froh, daß du gekommen bist! Wir Holgers müssen immer erst durch Tiefen gehen, ehe wir zur Einsicht kommen. Maren -- -- es ist kaum glaublich. -- Erst als ich unter den schweren, immer aufs neue abgleitenden und stürzenden Steinen im Elbtunnel lag -- Maren, da erst -- kam mir zum Bewußtsein, daß ich dich schnöde verlassen hatte ...«

Edlef sprach abgerissen, manchmal ganz undeutlich. Dann wieder umfing ihn wohltätige Ohnmacht.

Maren labte seine Stirn und die eingefallenen Schläfen mit kölnischem Wasser. Und ihr Herz betete und schrie: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Als Edlef wieder die Augen aufschlug, faßte er sofort fest ihre Hände.

»Du bist bei mir, Maren. Und ich werde den Professor bitten, daß ich bald heimkehren darf. -- Du allein kannst mich gesund pflegen. -- Und du wirst auch einen Krüppel liebhaben, ja, Maren? Aber sorg dich nur nicht -- der Professor ist sehr geschickt -- vielleicht flickt er mich auch heil zurecht ...«

Nun stöhnte er auf, und Maren sah, wie sich helle Blutstropfen in seinen Mundwinkeln sammelten. Sacht wischte sie mit ihrem kühlen Leinentuch über seinen Mund.

»Blut?« stammelte er. »Wo kommt das wohl einmal her? Hab mir wohl gar ein paar Zähne eingeschlagen? Und es war nur Ungeschick von deinem großen Edlef, -- Maren, du kleine, süße Deern ... der Gang war so eng, ich wollte über den Riesensteinhaufen hinweg -- die waren schlecht geschlichtet und begruben mich ...«

Er wurde wieder ohnmächtig.

Nach einer Weile kam Schwester Käte. Sie beugte sich über Edlef und bedeutete Maren, sie für eine Weile mit dem Wunden allein zu lassen. Als Maren wieder gerufen wurde, lag Edlef mit wachen Augen. »Immer ist Maren da, wenn ich sie rufe«, sagte er leise. »Immer. Im Leid -- meine Mutter ... Schwester Käte, wann darf ich heimkehren ...?«

»Bald!«

Wie eine bohrende Nadel senkte sich dies »bald« in Marens Brust. Sie nahm wieder ihren Platz am Bettrande ein, und wieder haschte der Versehrte nach ihren beiden Händen.

»Maren, mein Deern, -- hast du mir vergeben?« Große Tränen rollten über sein blasses Gesicht. Maren trank sie mit ihrem Munde auf.

»Lieber, Lieber!« stammelte sie -- »ich hab’ dich lieb!«

»Ja, das tust du. Süße Maren! Und ich wollte mehr ... Wollte einen Sohn von dir haben ... Mutterhoferben ... Und nun hast du mir unsern Onnen gerettet. Solch ein prächtiger Erbe ... _Gott_ segnete dich, Maren ... die ganze Hallig nennt dich _Mutter_ ... Das ist mehr, viel mehr ...«

»Quäl dich nicht so«, bat sie. »Wir fangen ein neues, wunderschönes Leben an, Edlef, Liebster ...«

»Ein neues Leben -- Ja! Aber sag’ mir, Maren -- nur das eine ... warum hattest du kein Vertrauen zu mir???«

»Ich verstehe dich nicht, Edlef ...«

»Nein, laß! Ich hab’ es dir vergeben. Aber es war nicht gut, nicht recht ... Es paßte nicht zu euch beiden Aufrechten ... Manne! Maren! Eine falsche Scham ... Manne hätte es mir sagen müssen ...«

»Was sollte er dir sagen? Um Gottes willen, Edlef, sprich weiter, was tat ich?«

Aber sie sah, wie die blassen Mundwinkel sich wieder mit Blut füllten. Und während sie es sorgfältig abtupfte und den Erschöpften labte, rang sie mit allen lichten und allen finsteren Mächten.

Edlef sah sie an. Voll Schmerz und Liebe. »Du, du, Maren! Warum? Ach, warum?«

Da schrie Maren auf. Und sank an seinem Bett in die Knie. »Edlef, hör’ mich! Sieh deine Maren an! _Was man dir auch gesagt haben mag_, -- Lieber, rein weiß ich mich von jeder Schuld. Nie hab’ ich dir mit meinem Willen ein Leids getan. Nie!«

Er sah sie an. Lange. Auf den Grund ihrer reinen Frauenseele drangen seine Augen, in denen schon der Schimmer einer andern Welt lag. Dann verklärte sich sein Gesicht. Er lächelte. Erstaunt, fragend, wissend. Strahlend wurde sein Lächeln. Viele Dinge lagen darin.

Er nahm es mit hinüber in die Ewigkeit. --

Edlef Holgers kehrte heim.

In Tannengrün prangte der Mutterhof, und kleine Tannenzweiglein bedeckten den Weg, der von der Haustür bis zur Warftreppe führte. Und der Sarg war eingehüllt in Bonnestave. Die blaue Halligblume grüßte ihren Sohn, der heimkehrte zur Halligerde.

So bekam Edlef Holgers doch noch das Kirchengeläut, das Boy Boysen ihm versagen wollte. Der Klang der Halligglocken zitterte in der klaren Winterluft.

Maren schritt allein hinter dem Toten.

Ehern stand die Majestät des Schmerzes in ihrem leidgereiften Antlitz.

Als der Sarg über die Schwelle des Mutterhofes gehoben wurde, sagte sie laut und feierlich: »Sei willkommen, mein Edlef!«

Und die Träger meinten, sie würden niemals dies Wort vergessen und nimmer das junge Weib in seinem heiligen Schmerz.

* * * * *

Wider den Nordoststurm kämpfte sich ein Mann nach der Schulwarf. Helle, durchdringende Glockenschläge, immer vier in einer Gruppe, drangen durch die Winterluft zu ihm hin.

Und da wußte Manne Wögens, daß sein liebster Freund bereits in der Erde lag, und daß er zu spät kam, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Man »läutete den Toten aus«. Der Lehrer hüllte sich fröstelnd fester in seinen Mantel.

Der Süden hatte ihn verwöhnt, auch lagen durchreiste und durchwachte Nächte hinter ihm, seit Marens Telegramm ihn rief. Jetzt wollte er nur noch sein schweres Gepäck heimbringen und dann gleich nach dem Mutterhof zu seiner Marenschwester eilen. Ihr gehörte er jetzt _allein_.

Das war ihm klar geworden seit einer halben Stunde. Denn er hatte telegraphisch seine Ankunft gemeldet und war nur von Ohm Rickert und Onnen empfangen worden. Die, die er einzig und allein in einem zagen Glücksahnen erwartet hatte, war nicht gekommen. Er zürnte ihr nicht einmal. Sie hatte wohl das Rechte gewählt für sich und ihn. Denn mit Edlefs Tode war großer Reichtum über Nomine gekommen, und sie war Herrin des Mutterhofes bis zu Onnens Großjährigkeit. Ob sie dies Recht ausnützen würde oder nach der Stadt und ihrem Beruf zurückkehren, _er_ würde in jedem Falle abseits stehen. Das hatte ihm ihr Fernbleiben heute schonend sagen wollen.

Und Maren wollte er bitten, zu ihm zurückzukehren, anstatt ins Altenteil des Mutterhofes zu ziehen. Beide Geschwister wieder einsam, wie ehedem. Das Herz wurde ihm seltsam eng bei dem Gedanken, jetzt in das kalte Schulhaus zu kommen, in seine unbehaglichen Stuben. Denn der alte Emeritus, den die Behörde zu seiner Vertretung gesendet, hatte währenddem beim Pfarrer gewohnt.

Nun erstieg Manne Wögens die Treppen zu seiner Warf und öffnete seine Haustür. Durch die kleine Diele schritt er in sein Wohnstübchen. Da mußte er sich gleich in den alten Ohrenstuhl fallen lassen, »drin alle Wögens ausgerastet hatten«.

Denn das liebliche Bild, das sich ihm bot, übermannte ihn.

Über ihr schwarzes Trauerkleid hatte Nomine Holgers eine frauliche Schürze gebunden, und sie hielt ein großes Brot im Arm und schnitt duftende Scheiben davon ab. Die häuften sich neben dem Napf mit der goldgelben Butter. Und wenn auch die Kinder zu dem lieblichen Bild von »Werthers Lotte« fehlten, so besaß doch Manne Wögens Vorstellungskraft genug, sie sich in stattlicher Zahl dazu zu denken. --

»Du bist hier?« fragte er selig erstaunt.

»Wo sollte ich sonst sein?«

»Unten am Steg ...«

»Da waren die andern.« Sie errötete heiß. »Ich gehöre doch _hier_ her. Und mußte doch Essen für dich richten. Und mußte dir doch alles warm machen ...«

»Ja, das tust du wahrlich. Kein Mensch hat mir je so warm gemacht, wie du, Nomine Holgers ...«

Dann wurde er ganz ernst. Und in seinem lebendigen Gesicht sah das Mädchen die tiefe Ergriffenheit.

»Willst du bei mir bleiben, Schulmeisterin?«

»Ja, Schulmeister, ich will!«

Da vergaß Manne Wögens, daß er zum Tod und Begräbnis gekommen war, und er holte sich jauchzend das lachende Leben an sein Herz und in seine Arme.

* * * * *

Im Witwenstübchen saß Maren Holgers.

Das schwarze Trauerkleid lag in schweren Falten um ihre schlanke Gestalt, und die dunkle Friesenhaube rahmte schier feierlich das schöne, ernste Antlitz ein.

Vor ihr stand Onnen und hielt ihre beiden Hände.

»Du siehst arg müde aus, Mütterchen Maren«, sagte er besorgt. Sein offenes, schönes Knabengesicht beugte sich unendlich liebevoll über die junge Witwe. »Ich will auch gleich von dir fortgehen, dir tut das Alleinsein not ...«

Ein liebes Lächeln trat in ihr Gesicht. »Ich könnte dich wohl ›Väterchen Onnen‹ nennen, so besorgt bist du um mich«, sagte sie liebevoll.

»Ich gehe auch gleich, Mütterchen. Aber ich mußte dir sagen, dir ganz allein, _wie ich mich freue_. Wie dankbar ich unserm Edlef bin. Daß er alles _so_ und nicht anders geordnet hat. Nicht wahr, du fühlst, wie ich mich freue?!« fragte Onnen stürmisch.

»Ja, das tue ich, du lieber Junge. Hab’ Dank! Ihr seid alle so gut zu mir ...«

»Weil wir _alle_ dir _alles_ verdanken«, rief Onnen begeistert. »Weil im Mutterhof so viel Sonne ist! Trotzdem ihr alle schwarze Kleider tragt. Das ist wie ein Wunder ... Ach, Mütterchen Maren ...!«

»Du lieber Junge!«

Und Maren dachte still, wie viel Reichtum ihr doch geblieben sei, da sie dieses seltene junge Menschenkind erziehen und leiten dürfe zu allem Guten. Und so dem Mutterhof doch einen Erben geben konnte. Ganz selbstlos, ohne eigenes Glück. Nur auf das Ansehen und die Ehre des Mutterhofes und der Halligheimat bedacht. --

Onnen war hinausgestürmt.

In ihm war alles Wollen und Tatkraft.

Das Leben lag vor ihm wie die blühende Halligfenne in lauter goldener Sommersonne. Lernen durfte er, -- lernen. All sein dürstendes Sehnen stillen. Das angefangene Werk seines lieben, heimgegangenen Bruders dereinst fortsetzen.

Er durfte bodenständig auf seiner Hallig bleiben, ohne einen Menschen zu betrüben, ohne einem seiner Angehörigen liebgewordene Pläne zu zerstören.

Alle waren einverstanden mit seinem Wollen, freuten sich mit ihm. Der Reichtum erdrückte ihn fast. Da war es gut, daß man einen lieben, klugen Lehrer hatte, der zugleich sein bester Freund war. Auf ihn konnte man einen Teil der Freuden abladen und sich allstunds treuen Rat holen. Zu ihm wollte Onnen jetzt stürmen und viel herrliche, schier unerhörte Dinge und auch viel Ernsthaftes und Unverstandenes mit ihm durchsprechen. --

Maren hatte ihm nachgesehen mit gutem Blick und tausend guten Gedanken. Sie liebte diesen hochgemuten Jungen wie ein eigenes Kind. Und der Gram um ihr totes, eingesargtes und begrabenes Glück wich einer großen, alles überragenden Dankbarkeit gegen Edlef. Über sein Grab hinaus. --

Sie hatte am gestrigen Tage still ihre Habe gepackt, um wieder nach denn Schulhause zum einsamen Mannebruder zu gehen. Da spürte sie es zum Weinen schwer, wie sehr sie mit dem Mutterhof verwachsen war. Jede kleinste Wurzel ihres Herzens mußte sie einzeln herausreißen, und das tat unerträglich weh.

Nun hatte ihr heute der Hamburger Rechtsanwalt eröffnet, daß sie die Herrin des Mutterhofes sei.

Daß Edlef ein Testament hinterlassen habe. Der Anwalt hatte einen Brief des Toten an sie in ihre Hände gelegt. Darin standen die Gründe, weshalb Edlef alte, überlieferte Bestimmungen zu ihren Gunsten umstieß. »Weil Du mir _schrankenlos_ vertrautest. Weil nichts Dich anfocht, was Dir die Umwelt zutrug. Weil Deine Liebe zu mir so stolz und groß war, daß Du mich nicht ein einziges Mal gefragt hast: ›Ist es wahr, was man mir sagte?‹ Dafür bist auch Du meines schrankenlosen Vertrauens würdig, und sollst gesegnet sein, süße Mutter Maren.«

* * * * *