Der Mutterhof: Ein Halligroman

Part 17

Chapter 172,599 wordsPublic domain

Diesen Brief, oft gelesen und mit Tränen benetzt, barg Maren auf ihrem Herzen. Aber sie sann in stillen Stunden, deren sie jetzt nach dem strengen Trauergebot des Mutterhofes gar viele hatte, darüber nach, was wohl in dem Spruch für ein Geheimnis liege, der ganz klein geschrieben die Nachschrift des Briefes darstellte: »Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern ...«

Als Onnen aus der Haustür gestürmt war, hätte er beinahe Frau Akke umgerannt, die zögernden Schrittes sich gegen das Haus hin bewegte.

Der Holgersjähzorn schoß in ihm hoch. »Was willst du da?« fragte er barsch. »Meiner Maren weh tun? Das gibt’s nicht.«

Er bekam keine Antwort. Akkes Augen sahen ihn erschrocken und weh an. Und sie wandte sich sofort und ging zurück.

Ihr müder Gehorsam entwaffnete den heißblütigen Jungen. Er fühlte, -- diese gebeugte Frau wollte nichts Ungutes über die Schwelle des Mutterhofes tragen. Da ging er mit ihr die kurze Strecke nach dem Hause wieder zurück, und das Bewußtsein seines eigenen äußeren und inneren Glückes gegenüber der müden Traurigkeit Akkes machte ihn gut und ritterlich. Er öffnete ihr die schwere Haustür und rief ihr noch in großer Verlegenheit zu: »Grüß dein klein’ Anni«, ehe er wieder stürmend den Lauf nach der Schulwarf aufnahm. --

Nun stand Akke Bahn, geborene Luersen, vor Maren Holgers. Deren Blick weitete sich bei ihrem plötzlichen Erscheinen in fragendem Erstaunen und stiller Angst.

Aber Edlefs Brief, der auf ihrem Herzen lag, war wie ein Talisman, von dem geheime Kräfte ausgingen.

Sie erhob sich von ihrem Sitz und holte für den stummen Gast einen Stuhl.

Akke wehrte kopfschüttelnd ab. Sie rang nach Worten und fand kein einziges.

Da sagte Maren ruhig und freundlich: »Du willst mir Kondolenz geben? So setz dich auch.«

Aber Akke tastete sich nach rückwärts und legte einen noch größeren Raum zwischen sich und die junge Witfrau. An den Türpfosten lehnte sie sich. Scheu, als wollte sie jeden Augenblick das Weite suchen. »Können wir eine Weile allein bleiben?« stieß sie heraus.

Maren nickte. »Wir sind ungestört.«

Und sie setzte sich auf das alte Thüringer Kanapee und faltete die Hände in ihrem Schoß.

Akke war ruhelos. »Wenn nur der Anfang nicht so schwer wäre«, stöhnte sie. »Du darfst mich mit keinem Wort unterbrechen, Maren Holgers, sonst laufe ich dir wieder fort ... Weshalb ich hier bin? Weil Edlef Holgers mich so sehr verachtete. Weil er nicht glaubte, ich könne je ein Unrecht eingestehen. Und weil er dich so hochstellte, daß er meinte, es brauche dir niemand die Wahrheit zu sagen, du würdest ihm vertrauen über allen bösen Leumund hinweg. _Ich will besser sein, als Edlef von mir gedacht hat_, -- deshalb bin ich hier. --«

Eine schwüle Pause entstand. Dann ließ sich Akke plötzlich schwer in den Stuhl fallen, den sie vorher abgelehnt hatte.

»Du weißt ja nicht, Maren, wie das ist, wenn man jemand lieb hat, der sich gar nicht um einen kümmert ... Ich bin dem Edlef schon als lütt Scholdeern nachgelaufen. Und hab’ ihn mit guten Sachen beschenkt und mit Steinen geworfen, -- nur damit er mich beachten sollt’. Aber er hat nie an mich gedacht. Ich hab’ nicht mit Puppen gespielt, wie andere Deerns, ich wollte immer bei den Jungens sein. Die ließen mich auch mittun, weil ich mutig und stark war. Bis der Edlef dazu kam und mich fortjagte. Das ist so gegangen, bis wir groß waren. Die Ahne hatte mich zur Frau für Edlef bestimmt. Darauf baute ich. Ich wußte auch, daß er ein Auge auf _dich_ hatte, Maren Holgers. Und daß du ihn nicht ermuntertest. Da macht ich es genau wie du. Und nun wollt’ er mich haben. Wie die Katz mit der Maus hab’ ich mit ihm gespielt. Und ganz verrückt war er vor Eifersucht ... Aber so die richtige Holgerslieb, -- die hat er ja doch nur für dich gehabt ... Und hat dich ja auch zu seinem Weibe gemacht ... Die kurze Zeit unserer Brautschaft vorher war keine Untreue gegen dich. Als ich dann später mit meinem Kind zu euch kam, weil mein Mann mich schlecht behandelte, hat Edlef mir zuerst die Tür gewiesen. Aber du kennst ihn ja. Keinen Hund konnte er fortjagen, und als der Lütte anfing zu schreien, versprach er mir, einen Dienst bei Bekannten für mich zu suchen. -- Er gehört zu den Leuten, die nicht ›nein‹ sagen können. Bei _der_ weichen Stelle sind sie zu packen. Ich wußte ja längst, daß ihr unglücklich miteinander wart, weil du kein Kind hattest, Maren Holgers ...« Von der Stelle, da Maren saß, kam ein Laut. Und das Gesicht der jungen Frau war ganz weiß. »Nicht!« sagte sie abweisend und hart. »Nicht von mir und meinem Mann sollst du sprechen, -- nur von dir.«

Akke lachte bitter. »Ja, das ist dein Hochmut. Und so war auch Edlef. Er litt es nie, daß ich von dir sprach. Ob bös oder gut, ich sollte deinen Namen nicht erwähnen.«

Da faltete Maren die Hände noch fester, und in ihr wundes Herz kam es wie Frieden.

»Maren Holgers, -- _ich hab’ den Edlef mit meiner Liebe verfolgt_. -- Wenn er in die Versammlung ging, war ich da, und wenn er nach Hause kam, fand er mich. Und wies mich fort. -- -- -- Sag nicht, daß sich jeder Mann jedes Mädchens erwehren könnte. Konnte er mich nicht mehr lieben, so sollte er wenigstens mit mir sprechen. So blieb ich immer um seinen Weg. -- Ich habe ihm erzählt, daß ich das Gerücht nach der Hallig brachte, mein Kind sei von ihm. Da hat er mir kalt und ruhig gesagt: ›_Das glaubt die Maren nicht._‹ Und so ganz zuversichtlich immer wiederholt: ›Nein, meine Maren glaubt das nicht.‹ Da fraß der Zorn an mir. Da hab ich’s anders angefangen. Und da hatte ich Erfolg ...«

Maren hob den tief geneigten Kopf. Banges Entsetzen trat in ihre leidvollen Augen.

»Ich sagte Edlef für heilig und ganz gewiß ...« Akke sah scheu auf Maren und stieß dann rasch heraus: »Daß du schon _vor_ der Hochzeit gewußt habest, niemals Kinder zu bekommen ... Daß dein Bruder und du den Mutterhof _bewußt_ mit einer Unfruchtbaren betrogen hättet ...«

»Akke!« stöhnte Maren, »was tat ich dir ...?«

Die Worte kamen nun stoßweise aus Akkes Mund: »Du kennst ja Edlef. Das traf ihn. Er hatte dir so vertraut. Und er war stolz. Ich wußte, er hätte dich nie gefragt. Stolz und hochmütig wie du. Und er glaubte mir. Weil er selbst nicht lügen konnte. Dann hat er mich zum letztenmal davongejagt ... Aber ganz gebrochen sah er aus. Weil sein Vertrauen tot war ...«

Akke erhob sich. Und sah befremdet auf die Herrin des Mutterhofes. Die konnte sich wohl kaum noch aufrecht halten. Wie der Tod sah sie aus. Aber sie schrie nicht und klagte und weinte nicht, wie andere Frauen. Hätte sie es doch getan. Dann wären die grauen, ernsten Augen wohl nicht so furchtbar anklagend auf Akke geheftet. Diese leidvollen Augen, denen man durchwachte Nächte ansah.

Wieder tönte Akkes harte Stimme:

»Ich habe dir das alles nicht gesagt, Maren Holgers, um dich etwa jetzt um Verzeihung zu bitten. Die will ich nicht. Und brauche ich nicht. Nur um meiner selbst willen klage ich mich an. Ich _will_ besser sein als Edlef von mir gedacht hat.«

Tiefe Stille. Und darin nur diese anklagenden, wehen Augen. Akke schlich nach der Tür.

»Ich gehe nun, Maren Holgers. Ich ziehe ganz fort von der Hallig. Den kranken Vater nehme ich mit mir. Und das Kind. Mein Mann ruft mich. Er hat einen Schlaganfall gehabt und ist gelähmt ...«

Da war Maren Holgers plötzlich neben ihr, und ihre Hand legte sich auf Akkes Arm und hielt sie zurück.

»Arme Akke!« sagte eine gute Stimme. Das Bewußtsein des eigenen Reichtums, des festen Verbundenseins mit Edlef über Tod und Vergehen hinaus stand groß auf in Maren Holgers. Und sie dachte nicht mehr an die Schuld, nur noch an das Unglück der Halligschwester. Der man das letzte »Scherflein« nehmen wollte, -- die Heimat. Und mit diesem starken Empfinden kam eine große Ruhe über sie. »Willst du nicht deinen Mann auf die Hallig holen, Akke?« fragte sie. »Euer Haus hat doch Raum für ihn. Und die Hallig -- die braucht dich, Akke. Du bist fleißig, -- und -- viel stärker als ich -- -- du wirst mir oft helfen können ... Willst du, Akke?«

Da straffte sich eine gebeugte Gestalt und ein heißes, irrendes Herz wurde seiner Last ledig. Eine Antwort bekam Maren nicht. Aber deren Herz schlug zum erstenmal ruhig und froh, als sie der Enteilenden nachsah. Dann horchte sie befremdet nach draußen hin. Da waren viele Stimmen aufgestanden. Die rannten miteinander. Auch leise lachende Kinderlaute waren dazwischen. Onnens helle, warme Stimme tönte obenauf.

Maren tritt vor die Haustür.

Die ist mit Tannen bekränzt und mit zwei Tannenbäumen eingerahmt. Und den Weg bedecken Blüten der blauen Halligblume. Kinder treten auf sie zu, die tragen Bonnestave in ihren Händen. Und lachen sie glücklich an, und rufen: »Mutter Maren!«

Und der Gemeindevorsteher liest etwas aus einem großen Bogen vor, aber seine Stimme versagt so oft, daß Maren gar nichts davon versteht. Bis er plötzlich abbricht und auch nur die zwei Worte stammelt: »Mutter Maren.« Dann drängen sich die »drei Obdachlosen« vor und drücken ihre Hände, und Lütt Krischan wird ihr auf den Arm gegeben. So steht sie lieblich da, die »Mutter Maren mit dem Kinde«. Auch Bruder Mannes Hände strecken sich ihr entgegen, und Schwester Nomine umfängt sie glücklich. Mutter Holgers weint still in ihr Tuch. Tanten Frauke steht etwas abseits mit ihren versonnenen Augen. Die sieht wieder die Holgerssippe. Sieht Geschlechter kommen und gehen, und zieht ihre stillen Vergleiche.

Maren drückt viele Hände und sagte wenig Worte.

Aber ihr Herz spricht laut: »_Ich hab’ euch alle lieb!_«

Dann gehen die hundert Inselleute still davon.

Ein tiefes Freuen liegt über der Hallig.

Maren hebt das Antlitz, über das linde Tränen rinnen. Sie schaut nach dem Gottesacker ...

Und weiter hin über die liebe Heimat und die salzen See. -- In ihrem Herzen ist ein heiliges Gelöbnis.

Sie nimmt Onnens Hand und schreitet mit dem jungen Erben still über die Schwelle des Mutterhofes.

Ende.

Verlagsanzeigen

Romane von

Felicitas Rose

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*=Der Mutterhof.= Ein Halligroman.

In diesem Roman ist alles groß, stark, sicher und schicksalsvoll. Auf dem Mutterhof gilt der uralte Wahlspruch vom Segen der Fruchtbarkeit, doch eine schwere Tragik hängt über der jungen Frau Maren, der das Schicksal Mutterglück verweigerte.

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Eine spannende Handlung, durchweht von einem köstlichen Humor.

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Berlin · Deutsches Verlagshaus Bong & Co. · Leipzig

Bongs Klassiker-Bibliothek

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(»Danziger Zeitung«.)

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_Arnim_ und _Brentano_, Des Knaben Wunderhorn, 2 Bde.

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_Schenkendorf_, 1 Bd.

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