Der Mutterhof: Ein Halligroman
Part 15
Am meisten bedrückte ihn noch der Gedanke an Peder Luersen. Denn Pastor Licht hatte dringend zur Unterbringung in eine Anstalt geraten. Und solch ein Verpflanzen aus dem Halligboden in die Fremde dünkte den Lehrer grausam.
Aber als er in seinen Wohnpesel trat, saß Peder Luersen ganz still auf der Ofenbank und hielt die Hände gefaltet. Das weiße Kissen lag neben ihm, aber er schaukelte es nicht.
»Seid Ihr wieder da, Nachbar Luersen?« fragte der Lehrer ruhig, als spräche er zu einem Gesunden. »Wolltet Ihr nicht bei Maren bleiben?« Ein paarmal mußte er die Frage wiederholen. Dann antwortete der Kranke: »Da ist nichts.«
So schickte Manne Wögens schweren Herzens den Knecht wieder nach dem Mutterhof, um Luersens Verbleib zu melden, und erfuhr bei seiner Rückkehr, daß alles wohl auf dem Mutterhof sei und der Kranke gleich, nachdem Klein-Anni zu Bett gebracht, das Haus verlassen habe.
So ging es nun Tag um Tag.
Jeden Morgen, nachdem Vadder Luersen geatzt worden, ging er rasch und unentwegt dem Mutterhof zu. Dort nahm ihn Maren in Empfang, gab ihm das Wiegenband, und er schaukelte das Kleine, ja er blickte wohl auch manchmal längere Zeit auf das Geschöpfchen nieder und wehrte ihm die Fliegen ab. Niemals mehr nahm er das Lütte eigenhändig aus der Wiege, aber er ließ auch außer Maren niemand an das Bettchen heran.
So hatte der kranke Großvater sein Enkelkind gefunden und wachte den ganzen Tag wie ein treuer Hund bei ihm in rührender Bedürfnislosigkeit.
Von einer Anstalt wurde nicht mehr gesprochen. Maren betreute Vadder Luersen tagsüber, und abends nahm ihn Manne Wögens in seine und des Schulhauses Obhut.
* * * * *
_Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens._
»_Es sollen nicht aufhören Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht_«.
Dies wäre es, was ich über mein Leben zu sagen hätte.
Die harte Arbeit und ihren Schweiß, aber auch das Beglückende, das sie mir gibt, will ich dankbar danebensetzen.
Wieder kamen Frühling und Sommer, es kamen Eintagsfliegen von Föhr herüber, und es kam ein berühmter Maler, welcher der Hallig Freund werden will und mit dem warmen Künstlerherzen unsere Insel und ihre herbe Schönheit auf die Leinwand bannt. Wieder haben wir die Fennen eingeteilt, und es meldet das Mehdebuch in diesem Jahr:
Norderlätig:
1 Schwesterteil das Verhäuß-Schifft, 1 Schwesterteil die, welche ein Schifft in 8 teilen, ohne Zugift.
Das norderste Schifft bei dem Damme erhält Lars Larsen und gibt ¹/₅ Teil aus an die, welche ein Schifft in 8 teilen; als Zugift das oberste Bruderteil von Kleiderhörn. Das süderste Schifft bei dem Damme erhalten die, welche ein Schifft in 8 teilen, als Zugift das nächstoberste Bruderteil von Kleiderhörn. Varskoog erhalten die, welche ein Schifft in 8 teilen, als Zugift das nächstwesterste Teil von Kleiderhörn.
Lars Larsen: 6 Nutzgras 6⁴⁷/₄₈ Lammgras Witwe Klausen: 0 " 3⁵⁷/₁₂₈ " Edlef Holgers: 7 " 7⁴⁷/₄₈ " Rickert Holgers: 4 " 2²⁷⁹/₆₀₈ " Henning Jürgens: 0 " 5⁵/₄₈ " Sonke Karsten: 0 " 2¹⁵⁵/₁₉₂ "
Unsere Mehdebücher in ihrer wunderlichen Verzwicktheit und zugleich rührenden Einfachheit bilden den Schatz der Hallig. --
Sie selbst und unser eigenartiges Besitzwesen stehen wohl ganz einzig da. --
Nun ist der Herbst gekommen und, wie ich in großer Bescheidenheit sagen muß: »_Der_ Baum auf meiner Schulwarft steht entlaubt.«
Dagegen grünt und blüht der ganze Mensch Manne Wögens. Denn mein Buch liegt fertig vor mir: »Im Banne der Heimat.« Prächtig hat es der Verleger ausgestattet, und wenn auch die märchenhafte Summe, wovon Schwester Maren träumt, erst kommen soll, so ist es doch bereits von der ernsten Kritik mit überraschend warmen Worten aus der Taufe gehoben worden. Und das Unerhörte, jahrelang Ersehnte, nie Geglaubte wird Wahrheit werden, ich gehe nach dem Süden. Meine Behörde hat mir diesen Urlaub gewährt und ich, der ich nie Ferien gekannt habe, dem immer Juli und August die härteste Arbeit brachten, ich darf im Winter warme Sonne und blauen Himmel erleben im fernen, schönen Land. Aber doppelt und dreifach lieb wird mir die Heimat sein, wenn ich wiederkehre. In sechs Wochen kann ich reisen. --
Im Mutterhof rüstet man zu Edlefs Heimkehr. Sie ist aber so unbestimmt, daß ich nicht weiß, ob ich noch hier bin, wenn er kommt. Wie wird er alles verändert finden! Einst wollte _er_ allen Staub hinausjagen aus dem Mutterhof, aber die Spannkraft seines Willens versagte. Meine Marenschwester ließ er als »verlassene Königin« im Märchen zurück. Das trennt mich innerlich vom alten Freunde. Welche Macht da tätig war, um diesen hochgemuten Jungen im Wachstum zu hemmen? Ich konnte es nicht ergründen, so gründlich ich auch geforscht habe, durch meine Briefe. Einmal suchte ich ihn in Hamburg auf. Er ist sehr verändert. Und sein Auge sah an mir vorbei. Die Arbeit hält ihn mit Krallen gepackt. Sie ist ihm ein Fronvogt. Mit der Peitsche treibt sie ihn an. Edlef Holgers kennt nichts Beschauliches mehr. Und ich bange für den Mutterhof, wenn er heimkehrt und diese Arbeitsunrast mitbringt. Dabei lag doch etwas in seinen Augen, in seiner Stimme, wenn er sich unbeobachtet glaubte, das sah aus wie -- Heimweh. Und Halligheimweh ist aufreibend wie eine schwere Krankheit. Warum suchte er nicht längst die einfachste und sicherste Heilung?
Mit Marenschwester habe ich nur wenig über diesen Besuch bei Edlef gesprochen. »Laß!« wehrte sie mir. »Er hat mir so wehgetan, aber ich kann von niemandem hören, _daß er es tat_.«
»Mein Deern,« sagte ich, »es wird eine große Veränderung für dich und den Mutterhof kommen, wenn er wiederkehrt. Wirst du die Herrschaft gern und willig abgeben wollen? Wie eine kleine Königin hast du den Mutterhof regiert.«
»Edlef ist der Herr«, sagte sie ruhig. »All meine Arbeit war für ihn.«
Ich las in ihrer Seele. Marenschwester und ich waren von Kindheit an innerlich untrennbar. Ich weiß, daß sie sich selbst zutiefst die Schuld gibt an der Entfremdung zwischen Edlef und sich.
Schuldlose Schuld. Arme Maren!
Jedenfalls aber wird Edlef gerecht genug denken, der jungen Herrin tief zu danken, wenn sie ihn wieder in sein Königreich führt.
Eine Macht ist der Mutterhof geworden.
Er war früher nur reich, jetzt ist er _groß_.
Meine Marenschwester hat der »Liebe« Hüsung gegeben. Es ist _warm_ im Mutterhof. Und sie, die von dem Gatten keine Liebe empfing, hat aus dem reichen Schatz ihres Innern geschürft und hat gegeben, -- immer nur gegeben. Und je mehr sie gab, desto reicher wurde sie. Und sie, deren Leib nicht gesegnet ward, wird »Mutter« genannt von allen, die ihrer Kraft und ihres Rats bedürfen. »_Mutter Maren_« heißt meine noch so junge Schwester auf Hallig Likamp.
Onnen erzählte mir, daß auch Nomine Holgers aus dem Ausland heimgekehrt ist, um ihr Staatsexamen abzulegen. Danach will sie Edlef in der Heimat begrüßen. Und will all die großzügigen Maßnahmen mit ihm durchsprechen, die Edlef zum Schutze unserer Insel getroffen hat.
Ich werde dann fern sein.
In Nomines Stübchen will ich mein Buch legen lassen, es ist wie ein Testament ...
Und zugleich eine Antwort auf ihre verschiedenen frohen Anzeigen hin, die sie uns seit Jahren schickt und die Kunde von ihrem rastlosen Fleiß geben.
Ob freilich mein Buch für sie ~summa cum laude~ sein wird? Ob sie nicht darauf herabsieht wie auf ihre arme Hallig?
Was kümmert’s mich? Immer noch dies heimliche Fragen, das sich um die Heimatflüchtige dreht. Meine Reise soll mich von dieser letzten, sentimentalen Rückständigkeit befreien.
* * * * *
Ich wollte mein »Zeitbuch« schließen und fortpacken, habe neue Seiten hineingeheftet, welche die Schilderung der Reiseeindrücke bergen sollen. Nun gebe ich noch einige Seiten für die Heimat her. Denn ich hatte heute morgen eine seltsame Begegnung. Wir Warfbohlsgenossen haben im Sommer das verfallene Haus von Peder Luersen wieder aufgebaut und gezimmert. Jeder hat sein Bestes dazu getan. Schwester Maren gab mit Edlefs Erlaubnis einen Teil der Mittel, auch stiftete sie ein Bett hinein und alles Nötige für jemand, der vielleicht einmal auf unsere Hallig verschlagen wird und hier übernachten muß. -- Nach Luersens altem Hause wanderte ich heute, um einen Haussegen aufzuhängen:
»Wo Glaube, da Liebe, Wo Liebe, da Friede, Wo Friede, da Segen, Wo Segen, da Gott, Wo Gott, keine Not.«
Die Halligleute halten darauf, daß in jedem Hause dieser Spruch hängt. So wollte auch ich etwas stiften und nagelte den hübsch gerahmten Spruch über das einfache Sofa im Wohnpesel. Das hat Tanten Frauke aus ihrer Kemenate hineinstellen lassen.
Als ich just beim Einpacken von Hammer und Nägeln war, ließ mich ein Geräusch aufblicken.
Und da lehnte Akke Luersen in der Tür.
Sie tastete sich mit unsicheren Schritten zu mir. Ihre Augen brannten in dem blassen Gesicht. »Herr Lehrer, Sie werden mir die Wahrheit sagen«, raunte sie heiser.
Beide Arme hob sie wild und zeigte mit den Händen ringsumher. »Ist das wahr? Die Sturmflut? Alles leer? Alles? Vater, Mutter, die Geschwister??? In Pellworm hat man’s mir gesagt. Von Kopenhagen komm ich ...«
»Und habt in der ganzen Zeit nicht einmal geschrieben und gefragt, wie steht’s daheim?« fragte ich ernst. Und mußte an Nomine denken, die in all ihrer herben Mädchenhaftigkeit genau so gehandelt hatte wie die verachtete, wilde Akke.
»Wem sollt ich schreiben? Der Vater hatte mir die Tür gewiesen ... Und seit der letzten Sturmflut haßte ich die Hallig und alle Menschen drauf ...«
»_Alle?_« fragte ich mit schwerer Betonung.
Eine fliegende Röte ging über ihr Gesicht. Und da wußte ich, daß sie mich verstanden hatte. Ich hätte sie schütteln mögen im grimmigsten Zorn.
Aber sie ließ mir nicht lange Zeit. »Wie furchtbar ist das alles«, stöhnte sie. »Wo, -- wo sind -- -- finde ich alle Gräber? Auf der Kirchwarf? Oder ...?«
»Ja, alle. Aber Ihr Vater lebt!«
Sie sah mich erschüttert an und packte wieder meinen Arm.
»Vater lebt? Ist das wahr? Und das sagen Sie jetzt? Wo ist er? O, diese langsame Halligart!«
Ihre Worte überstürzten sich.
»Sie kommen früh genug zu ihm hin, Frau Akke. Und Sie haben lange Zeit gebraucht, ihn zu suchen ...«
»Wo ist er?« drängte sie.
»Bei meiner Maren im Mutterhof. Und nachts bei mir.«
Die Röte ging wieder über ihr Gesicht. »Bei Maren?« fragte sie ungläubig und verlegen ...
»Auch Ihr Kind lebt dort, Akke Luersen, Sie fragten noch nicht danach.«
»Was kümmert mich das Kind?« rief sie wild. »Das kenn ich nicht, und es kennt _mich_ nicht. Nach meinem Vater verlang ich.« Sie schluchzte schwer. »Warum sagten sie mir in Pellworm, er wäre tot? Und nun will ich hin zu ihm.«
Vielleicht war es grausam von mir, die Tochter wieder zurückzuhalten, trotzdem ich sah, der Schmerz war echt. Aber der Grimm in mir und die Trauer um meiner Maren zertretenes Leben war zu lebendig, und so verstellte ich die Tür und fragte laut: »Können Sie Marens Schwelle mit reinem Gewissen betreten?« Da duckte sie sich scheu und sah mich nicht an. Und das Leid um meine Marenschwester würgte mir die Kehle.
So standen wir eine Weile stumm.
»Was soll ich tun?« fragte sie dann finster.
»Ich selbst will Vadder Luersen holen.« Mir wurde das Sprechen schwer. »Aber ... er ist krank ...«
»Was heißt das?« Ihre Stimme war unsicher. »Was fehlt ihm?«
»_Sie_ haben ihm gefehlt, Frau Akke. Sie und das Enkelkind und Ihre Mutter mit den ertrunkenen Kindern ... das Leid hat ihn verwirrt ...«
Sie erwiderte kein Wort, und ich ging hinaus nach dem Mutterhofe. Dort sprach ich mit Maren und konnte ihr liebes Gesicht nicht ansehen, während ich ihr erzählte. So sehr schämte ich mich für Edlef, den ich einst meinen liebsten Freund nannte. Der Kranke wollte mir durchaus nicht folgen. Da ging Maren eine Strecke mit uns und löste nach einer Weile ihren Arm aus dem seinen, und ich trat an ihre Stelle. Während sie still zurückschritt. Als wir zum Hause kamen, blieb Vadder Luersen stehen und horchte nach allen Seiten, aber er wollte nicht hineingehen. Die neue Haustür mutete ihn fremd und unbehaglich an. Aber ich erzählte ihm, daß das sein liebes, altes Haus sei, wo die Akke drin wohne. Und schob ihn sacht vor mir her in das Stübchen. Er blieb auf dem Fleck, da ich ihn hingestellt und machte ängstliche Augen. Und dann tastete er an den Wänden hin und lachte. Denn er fühlte da manches Bekannte. Auch ein kleines Wandschränkchen fand er mit einem alten Tabaksbeutel, den er gierig beroch. Und dann lachte er wieder.
Mit vorgebeugtem Körper stand Akke. Sie streckte die Hände abwehrend aus gegen das Jammerbild, und dann schlug sie auf den harten Boden hin, wie ein gefällter Baum.
Ich lief zum nahen Schulhaus und holte Wein und Brot und Wasser, meine alte Magd half mir alles tragen. Als wir zurückkamen, saß Akke mit ihrem Vater auf dem Bettrand. Sie hielt seine Hand und strich sacht darüber hin. Ihr schönes, wildes, derbes Gesicht war jäh gealtert. Sie stand auf und sah mich an. »Kann ich hierbleiben?« fragte sie kurz und hart. »Und kann mir mein Kind geschickt werden? Ich möchte den alten Mann bei mir behalten. Vielleicht -- daß er mich noch einmal erkennt ...« Sie schien alle Fragen ohne Pause tun zu wollen. So als bliebe ihr keine Zeit sonst, und als wolle sie danach nie mehr ein Wort an andere richten. »Könnten Sie mir Arbeit besorgen, Herr Lehrer? Damit ich verdiene. Eine Weile geht’s noch mit meinem Ersparten. Die Gemeinde soll keine Last mit uns haben.«
Ich konnte ihr das versprechen, denn Lars Larsen von der Schulwarf sucht eine Hilfe für seinen großen Hausstand. Und er vermag reichlich auszugeben. Im übrigen leidet kein Halligbewohner, daß irgendeiner von der Insel sich in Bedrängnis befinde. Nur von der Schwelle meiner Maren möcht’ ich Akke fernhalten ...
* * * * *
Aber wer rechnet mit den wunderlichen Frauen ...
Heut kann ich schon niederschreiben, daß Maren allein das Haus der Akke fertig eingerichtet und ihr übergeben hat. Vadder Luersen sitzt in einem behaglichen Ohrenstuhl und zupft das Wiegenband. Wenn seine Tochter spricht, dann hält er die Hand ans Ohr und lauscht. Als ob aus weiter Ferne etwas zu ihm dränge. Seine Züge spannen sich dann ein wenig. Noch scheint ihn aber das Ringen mit der Erkenntnis zu quälen. Am friedvollsten ist er, wenn er das Kind ganz für sich allein hat. Dann sitzt Tanten Frauke in seiner Nähe am Spinnrad. Sie hat das Amt des Betreuens übernommen, während Akke auf Arbeit geht.
Ich sprach ernst mit meiner Marenschwester, warum sie doch so viel Wohltaten auf die Frau häufe ...
»Ich kann niemand Aufrechtes am Boden liegen sehen«, sagte Maren sanft.
»War Akke so aufrecht?«
»Sie war immer heiter. Sie konnte lachen. Es ist furchtbar, wenn man das Lachen verlernt. Deshalb möcht’ ich die Akke wieder aufheben. Ihr Kind braucht das Lachen der Mutter ...«
Ich nahm Maren in meinen Arm. »Du, -- ich brauche auch Lachen, _dein_ Lachen, Schwester. Wo ist es?«
»Bei Edlef. Ich weiß nicht, Mannebruder, ob er es mir wiederbringt.« -- --
Frau Akke hat meiner Marenschwester nicht mit Worten gedankt. Sie geht finster und mit unbewegtem Gesicht einher. »Ich werde das alles abverdienen«, hat sie gesagt.
Und Maren hat entgegnet: »Das sollst du auch, -- denn sonst hast du keine Freude daran.«
So ist nun dies wunderliche Hauswesen wieder im Gange. Wir haben kein Wrack mehr auf der Hallig. Ein zerfahrener Mensch beginnt ein neues Leben, und Tanten Fraukes einsames Dasein hat neuen Inhalt bekommen. Sie pflegt Vadder Luersens Körper und ist ein Arzt für Akkes Gemüt.
Pastor Licht geht wieder händereibend umher.
»Merken Sie es, Wögens? Der Herrgott ist wieder einmal auf der Hallig«, sagte er glücklich. »Und warum, Wögens? Warum? Weil ›Mütterchen Maren‹, der gute Engel von Likamp, das _rechte_ Beten hat: ›Komm, Herr Jesus, sei unser Gast.‹«
* * * * *
Es ging auf Weihnachten zu.
Manne Wögens hatte seinen Koffer und den strammen Rucksack gepackt. Hatte beides an Knecht und Magd abgegeben, die trugen das Gepäck zur Postfähre hinunter.
Er selbst lehnte am Fenster und schaute über die sturmgepeitschte Hallig hin. Gestern war der erste Schnee gefallen, aber man entdeckte schon nichts mehr von ihm. Sturm und Regen hatten ihn fortgewaschen und gepeitscht.
Dies trübe Grau in Grau würde er nun lange nicht sehen. Ein wunderliches Herzweh war in ihm, und er schalt sich selbst. »Halligbursch! Grundinsulaner! Es ist, als ob ich schon wieder Heimweh nach der Hallig hätte, und bin noch gar nicht fort.«
Er sah sich in dem wohlaufgeräumten Stübchen um, fand es leer und ungemütlich.
Reisefieber und ein unklares Gefühl von Verlassenheit rissen an ihm herum.
Da hörte er draußen Onnens Stimme. »Fort ist er. Sieh, da unten werden seine Sachen weggeschafft. Nomine, ich renne nach. Vielleicht erwisch ich ihn noch ... kommst du auch?«
»Ich komme bald«, sagte eine herbe Stimme in wunderlichem Klange ... Dann bog sich die Klinke herunter.
Das Heimweh in Manne Wögens Brust schwieg.
Er sah auf das tief erschrockene Mädchen mit gutem, frohem Blick.
»Bleiben Sie nicht auf der Schwelle stehen, Fräulein Doktor. Treten Sie ein! Lassen Sie auch den Onnen ruhig nach der Postfähre rennen ... Warum sollen wir zwei Feinde nicht zum Abschied noch einmal die Klingen kreuzen?«
Sie suchte nach einer Antwort. Es schien nicht mehr die selbstsichere Nomine von einst ... Dann hatte sie sich wieder in der Gewalt.
»Ich bin nicht mehr Feind, Manne Wögens«, sagte sie ruhig. Aber sie meinte, man müsse ihr Herz laut schlagen hören.
Er sah sie durchdringend an.
»Sie stehen immer noch an der Tür. Ich komme mir ungastlich vor. In welchen ›Salon‹ darf ich Sie geleiten?«
»Nur jetzt keinen Spott. Ich -- ich möchte in das Schulzimmer.«
Sie öffnete rasch die wohlbekannte, alte Tür.
Erstaunt und befremdet folgte er ihr.
Die Röte kam und ging auf ihrem regen Gesicht. »Manne Wögens, ich komme, um Abbitte zu tun, da ist hier der rechte Platz ... Ganz klein möchte ich mich machen ...«
Sie hockte sich auf eine niedere Schulbank. »Wissen Sie noch, wie ich damals sagte (es ist lange, lange her), ich säße nicht mehr auf der Schulbank, und Sie sollten nicht ewig schulmeistern? Nun sitze ich wieder darauf. -- Wissen Sie alles noch, oder haben Sie es vergessen?«
»Ich habe nichts vergessen, was die Prinzessin jemals an guten und bösen Dingen zum Schweinehirten gesagt hat.«
»Oh, nicht so ein finsteres Gesicht, Manne Wögens. -- Aber es ist gut, tausendmal gut, daß Sie nichts vergessen haben. Gefürchtet habe ich mich nur vor -- Gleichgültigkeit.«
»Es wäre mir lieb, wenn Sie ganz deutlich und ruhig sprechen wollten, was Sie hierher führt«, sagte Manne Wögens schroff.
»Das habe ich Ihnen doch erklärt, -- ich wollte -- abbitten ...«
»Was heißt das? _Ich_ habe Ihnen nichts zu verzeihen. Daß Sie die Hallig nicht liebhatten ... nun sie ist unsere Mutter, und eine Mutter verzeiht alles und nimmt auch das lieblose Kind immer wieder ans Herz. Daß Sie _mich_ nicht liebhaben konnten, war Ihr gutes Recht ...«
Sie sah ihm gerade in die Augen. »_Ich habe die Hallig lieb! So_ lieb! Ist’s denn so schlimm, daß ich erst lernen mußte, was anderen im Blut liegt? Manne Wögens, -- ich hab’ nicht gewußt, was rechtes Heimweh ist. Dann kamen im Ausland bitter einsame Stunden, und in diese hinein brachte ein Professor mir Ihr Buch ...«
»Sie -- haben -- mein Buch schon gelesen?«
»_Im Banne der Heimat._ Ja. Manne Wögens, _Sie_ haben mir die Heimat geschenkt. Darf ich Ihnen die Hand geben?«
Ganz mechanisch und sehr langsam reichte er sie ihr hin, zog sie aber gleich wieder fort. Beinahe wie ein verlegener Junge, der das Weite suchen will.
»Was ist das mit Ihnen, Fräulein Doktor?« fragte er ungeduldig. »Sind Sie eine neue Ausgabe der alten spottsüchtigen Nomine Holgers? Ich finde mich nicht zurecht.«
In ihr regte sich der Zorn. Aber der heiße Wunsch, jetzt nichts zu verderben, drängte alle unguten Worte zurück. Sie standen Aug’ in Auge ...
Und obgleich Nomine Holgers innerlich feststellte, daß Manne Wögens sie unerhört quäle, war es doch der Schulmeister, der beide Fäuste ballte und mit farblosen Lippen die Worte herausstieß: »Wie Sie mich quälen, Nomine Holgers!«
Da sagte sie leise und wandte die Augen nicht von ihm: »Ihre Marenschwester hat mir geschrieben, nicht einmal, sondern in jedem Brief: ›Der Manne hat dich lieb bis in den Tod, denn er ist ein Wögens. Aber er wird es dir niemals wieder sagen, _nie_.‹«
»Was soll das?« fragte Wögens verletzt.
»Da hab’ ich gedacht: ›So muß ich etwas ganz Ungewöhnliches tun, -- etwas, das er vielleicht ... häßlich findet ... Aber ich muß es trotzdem tun. Denn sonst erfährt er ja nie ...‹«
Und nun wandte sie doch den Blick von ihm fort und senkte den feinen Kopf tief.
Ein großmächtiger Tintenfleck machte sich vor ihr auf der Schulbank breit. Eine Viertelsflasche hatte Geerd Larsen heute ausgegossen, und dafür einen Katzenkopf bekommen. Zu diesem Tintenfleck sagte Nomine laut: »Ich habe dich _auch_ lieb, Manne Wögens!«
Vielleicht jauchzte der Lehrer auf, aber es klang wie ein Schluchzen.
Und mit einem Ruck straffte er sich. Legte die Hände auf den Rücken und ging heftig auf und ab. Wäre Nomine seine Schülerin gewesen, so hätte sie gewußt, daß der Lehrer Manne Wögens aus den Fugen war und wieder zurechtkommen wollte.
Aber sie wußte es nicht. Und sie schlug jetzt in heller Scham beide Hände vor das Gesicht.
Manne Wögens blieb stehen. So fest biß er sich auf die Lippen, daß kleine Blutstropfen auf ihnen standen. Und in der peinigenden Stille nahm er die Kreide und malte wilde Schnörkel an die Wandtafel, und zerbrach die Kreide und warf die Stücke weit von sich.
Wieder nahm er den Dauerlauf auf. Blieb wieder stehen. Und sah sie an, wie sie mit blassem Gesicht durch das Fenster schaute in den grauen Regen hinein.
»Wär’ ich ein anderer, Nomine Holgers, -- ich nähme dich in meine Arme und holte nach, was wir vier lange Jahre versäumt. Aber ich bin ... Manne Wögens. Fahre nicht auf, Nomine. Du mußt mich verstehen. Ja, du hast mir eben ›Unerhörtes‹ gesagt. So unerhört Schönes und Süßes, daß ich es nicht annehmen kann, _jetzt_ nicht ... wenn ich ehrlich bleiben will.«
Da kam ein Wehlaut aus Nomines Mund.
Er streckte die Arme nach ihr aus, und ließ sie wieder sinken.
»Du sollst dich nicht einen Augenblick gekränkt fühlen«, sagte er tonlos vor innerer Erregung. »Und deshalb sag’ ich dir wieder und wieder, was du nie mehr hören solltest: ›Nomine, ich hab’ dich lieb! Ich hab’ dich lieb! Ich hab’ dich lieb!‹ Aber ich nehme dich nicht und küsse dich nicht, weil du ganz frei sein sollst, während ich fort bin. Denn über dich ist ein Rausch gekommen ... versteh mich recht, du Süße ... der Halligrausch. Ich weiß, wie er gewaltig zupackt. Du liebst die Heimat mit einer späten gewaltigen Liebe und meinst, sie gelte _mir_. Tu ich dir weh, Liebste? Ach, ich tu mir selbst am wehsten. Das muß sein, du mußt dies kommende Vierteljahr auf der Hallig bleiben, Nomine. Mußt die ganze Öde der kalten, einsamen Insel durchmachen. Um dich zu prüfen, ob deine Liebe echt ist. Ob du es aushalten kannst ›up ewig ungedeelt‹ neben dem einfachen Schulmeister _in dieser Öde_ zu stehen ... Nach all deinem ernsten, wohlbelohnten Studium -- eine Halligbäuerin zu werden. Denn das müßtest du werden -- Nomine -- mit deinem ganzen Herzen ...«
Ein Sonnenstrahl, der erste an diesem grauen Regentage, fiel durch das Fenster und leuchtete an der Wand auf, wohin das Mädchen seinen trostlosen Blick gerichtet hatte. Ein Spruch hing da, ganz ungerahmt, daß es aussah, als höben sich die Buchstaben aus der Wand heraus ... »die Liebe aber ist die Größeste unter ihnen«.
Da demütigte sich die »Prinzessin« tief ...
»So will ich warten, bis du wiederkommst«, sagte sie einfach. »Du wirst mich ganz unverändert finden, Manne Wögens, -- so wie ich heute zu dir kam.«
»Du! Du!« stammelte er ... Und dann riß er seine zärtlichen, dürstenden Blicke gewaltsam los -- »Gott behüt!« rief er noch.