Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren

Part 9

Chapter 93,823 wordsPublic domain

„Nein, Onkel, es ist ein Mädchen, aber acht oder neun Jahre älter als ich ... eine Freundin der Frau Oberamtmann. Sie steht turmhoch über mir. Meine Leidenschaft ist ein Wahnsinn, das weiß ich, das sage ich mir selbst täglich hundertmal. Aber meine ganze Seele ist in Aufruhr und ich bin glücklich, wenn ich sie sehen und ein paar Worte mit ihr sprechen kann. Und nachts kann ich vor Verzweiflung und Sehnsucht nicht schlafen. Nur einmal möchte ich sie in meinen Armen halten, nur einmal ihren Mund küssen, dann wollte ich gern sterben.“

Der alte Herr erschrak vor diesem Ausbruch einer hemmungslosen Leidenschaft. Doch er ließ es sich nicht merken. Ganz ruhig fragte er: „Ist die junge Dame schon verlobt?“

„Nein, ich glaube aber, man will sie mit unserem Volontär, einem Oberleutnant von Sawerski, zusammenbringen.“

„Liebt sie ihn?“

„Ich glaube nein.“

„So? Na, weshalb hältst du deine Liebe für hoffnungslos?“

Ganz verblüfft sah Franz ihn an. „Aber Onkel, willst du mit mir scherzen?“

„Das fällt mir gar nicht ein. Ich frage allen Ernstes, weshalb du denn nicht ehrlich um ihre Liebe werben willst? Schreckt dich der Unterschied der Jahre? Der gleicht sich mit der Zeit aus. Vielleicht ist deine Jugend in ihren Augen kein Hindernis.“

„Onkel, meinst du das wirklich? Aber nein, es geht nicht. Ich werde erst in zwei Jahren mündig. Und was kann ich ihr bieten? Einen Bauernhof.“

Das Gesicht des alten Herrn hatte sich wieder aufgehellt. Er zwinkerte mit den Augen. „Na, unter Umständen könnte sie auch Gutsherrin werden. Dein Vater, mein Junge, steht gut in der Wehr. Er wäre imstande, dir ein anständiges Gut zu kaufen oder dir das Geld zu einer großen Pachtung zu geben. Meine paar Kröten bekämst du auch mal nach unserem Tode.“

„Ach Onkel, wie soll ich dir für all deine Liebe und Güte danken! Du gibst mir wieder neuen Lebensmut. Aber nein ... sie wird mich auslachen. Sie lebt in der großen Welt, verkehrt wie eine Prinzessin mit Fürsten und Grafen und soll mich unreifen Bauernjungen wählen? Nein, Onkel, das ist undenkbar. Ich glaube, sie wird auch den Herrn von Sawerski nicht nehmen. Nein, Onkel, es ist ja sehr freundlich von dir, daß du mich nicht wie einen dummen Jungen auslachst, sondern mir sogar Mut machst, aber die Hoffnung wollen wir doch fahren lassen. Nein, Onkel, du mußt mir raten, wie ich diese Leidenschaft überwinde. Sonst werde ich wahnsinnig oder tue mir ein Leid an.“

Diesmal erschrak der Pfarrer noch stärker vor dem Ausbruch dieser Gefühle. „Ist sie denn so schön?“

„Schön,“ rief Franz überschwenglich, „das ist gar kein Ausdruck für sie.“ Und nun begann er zu schwärmen und schwelgte förmlich in den höchsten Tönen der Bewunderung, die ihm sein Gefühl eingab. Und zum Schluß warf er sich dem alten Freund an die Brust und begann fassungslos zu schluchzen. Sanft führte ihn der alte Herr zur Gartenbank und setzte sich neben ihn.

„Du hast mir vorhin erzählt, daß die junge Dame in der großen Welt lebt und sich in den höchsten Kreisen bewegt. Da wundert es mich doch, daß sich bis jetzt kein Mann gefunden hat für sie, wenn sie so wunderbar schön ist.“

„Sie ist nicht adlig und für die vornehmen Herren auch wohl nicht reich genug.“

„Ach, mein Junge, das übersieht man bei einer tiefen Neigung. Du würdest doch auch nicht danach fragen?“

„Nein, bei Gott, Onkel, danach frage ich nicht.“

„Hat die junge Dame Angehörige, Vater, Mutter?“

„Nein, Onkel, soviel ich gehört habe, steht sie ganz allein in der Welt.“

„Siehst du, ~mi fili~, da sitzt der Haken! Eine junge Dame, die so allein in der Welt herumreist, ohne den Rückhalt, den ihr die Familie gibt, wird nicht für voll angesehen. Und ich glaube, mich nicht zu irren, daß sie einzig und allein zu dem Zweck nach Polommen gekommen ist, den Herrn Oberleutnant dingfest zu machen.“

Franz sprang auf. „Onkel, du beleidigst die junge Dame. Sie ist die Freundin meiner gnädigen Frau.“

„Das bestärkt mich in meiner Annahme. Die Frau Oberamtmann will die Freundin unter die Haube bringen. Ich nehme es als sicher an, daß deine Angebetete nach Jahr und Tag Frau von Sawerski ist. Dann wirst du auch von deiner Leidenschaft geheilt sein.“

„Nie, nie!“, rief Franz in höchster Erregung. „Sobald sie sich mit ihm verlobt, erschieße ich sie und mich.“

Der Pastor zog ihn auf den Sitz nieder. „Dunner Lüchting ... min Jung .... Da bliw du man so bi. Du bist ja en groten Schafskopp.“

Franz war zusammengefahren, als der Onkel platt zu sprechen anfing, aufstand und nach der Pfeife langte, die für alle Fälle gestopft in der Gartenlaube stand. Er setzte sie umständlich in Brand und ging, mächtige Rauchwolken ausstoßend, eine Weile schweigend vor der Laube auf und ab. Dann blieb er vor Franz stehen.

„Es wird wohl das beste sein, wenn dein Vater dich heute hier behält und dich in den nächsten Tagen in eine Heilanstalt bringt, wo du mit reichlich viel kaltem Wasser behandelt wirst.“

Ganz zaghaft fragte Franz: „Onkel, ist das dein Ernst?“

„Mein völliger, völliger Ernst. Du bist wirklich imstande, in deiner Verblendung Unheil anzurichten. Dem muß vorgebeugt werden, wenn du nicht Vernunft annimmst. Ich schäme mich bis in den tiefsten Grund meiner Seele, daß ich dein Lehrer und Erzieher gewesen bin. Willst du deine Eltern und mich aus Gram vorzeitig in die Grube bringen?“

„Onkel, du weißt nicht, was Liebe ist.“

„So? Globst du dat, min Jung? Na, dann huck di man wedder hin, ich war’ di wat vertellen.“

Er ging, mächtig dampfend, eine Weile schweigend auf und ab. Dann begann er: „Ich war schon mehrere Jahre älter als du, als ich nach dem ersten Examen als Hauslehrer auf das Gut ... na, der Name tut nichts zur Sache ... kam. Der Gutsherr, ein kalter, unfreundlicher Mann, hatte vor kurzem zum zweiten Male geheiratet, ein blutjunges, lebenslustiges Mädel, das den Witwer nur genommen hatte, um sich und ihre Mutter von schweren Sorgen zu befreien. Als ich auf das Gut kam, war die junge Frau schon im Stadium stiller Verzweiflung. Der Mann verstand sie nicht .... Ach, daß mir diese abgedroschene Redensart in den Mund kommen mußte! Der Mann war fünfzehn Jahre älter als sie. Das hätte nichts geschadet, wenn nur sein Herz jung geblieben wäre. Aber das war alt und hart geworden. Er gönnte seiner Frau kein Vergnügen, keinen Umgang mit den Nachbarn. Er mäkelte an ihr herum und schalt sie in Gegenwart der Dienstboten aus. Schon nach ein paar Stunden hatte ich den Stand ihrer Ehe durchschaut. Ich war innerlich wund, denn ich hatte noch Stunden, und sie waren nicht selten, in denen ich mit mir rang, die ganze Gottesgelahrtheit von mir zu tun und umzusatteln. Ich hatte das Bedürfnis, mich auszusprechen, und fand bei der jungen Frau teilnahmsvolles Verständnis. Schon nach acht Tagen wußte ich, daß mich eine heftige Leidenschaft ergriffen hatte, daß ich ihr mit Leib und Seele verfallen war. Nach weiteren acht Tagen glaubte ich, zu wissen, daß meine Liebe erwidert würde.“

Franz war aufgesprungen und an ihn herangetreten. „Onkel, lieber Onkel, sag mir alles .... Was tatet ihr da?“

„Ich habe vierzehn Tage der höchsten Qual durchgemacht. Ich war überzeugt, daß die junge Frau mir bei dem leisesten Wort in die Arme fliegen würde. Ich überwand die Versuchung, und mein reines Gewissen gab mir die Kraft, vor den Mann zu treten und von ihm die Freigabe seiner Frau zu fordern. Er lachte mich aus und warf mich aus dem Hause. Vier Wochen später ging die Frau, die er durch die schwersten Beschimpfungen bis aufs Blut gequält hatte, im tollsten Schneesturm abends heimlich aus dem Hause. Erst nach drei Tagen fand man ihre Leiche im Walde.“

In tiefem Mitgefühl schlang Franz seine Arme um ihn. „Onkelchen, wie hast du das überwunden?“

„Wie ich es überwunden habe?“, erwiderte der alte Herr leise. „Ich habe mit Gott und der Welt gehadert, ich habe wochenlang stumpfsinnig bei einem Freunde gesessen, der schon in einer Pfarre war ....“

„Und dann hast du gebetet, nicht wahr? Ich habe auch schon nachts gebetet, Gott möchte mich von dem Übel erlösen.“

„Nein, mein Junge, das habe ich erst viel später getan. Nimm es mir nicht übel, wenn ich es dir sage, obwohl ich Pastor und Seelenhirt bin, gegen solche Leidenschaften hilft das Beten nicht ... Das können dir auch meine Kollegen von der anderen Fakultät bestätigen, die nicht nur beten, sondern auch ihren Leib kasteien, weil sie ihn für ihr sündiges Begehren verantwortlich machen. Das kann nur gegen die Sinne helfen, wenn sie allein an der Leidenschaft beteiligt oder schuld sind. Sobald die Sache dem Menschen in die Seele schlägt, wenn das Herz im edelsten Sinne daran beteiligt ist, dann muß sich Verstand und Vernunft ihm beugen. Dann hilft nur die Zeit, die mächtigste aller Trösterinnen.“

Er sah Franz forschend an. „Nun sag mir mal, aber ganz ehrlich und offen: Ist dein Herz an dieser Leidenschaft beteiligt?“

„Ich ... ich weiß es nicht“, stotterte der Jüngling. „Ich glaube aber nein.“

„Ich glaube, du hast recht, mein Junge. Du kennst die junge Dame zu wenig, um mit dem Herzen daran beteiligt zu sein. Du kennst noch keine Dame aus der großen Welt. Ihre herrliche Erscheinung, ihr Liebreiz, die Anmut ihres Benehmens haben dich bezaubert und verzaubert. Du hast also bloß gegen deine Sinne anzukämpfen. Und da bist du doch Manns genug, dich nicht unterkriegen zu lassen .... Das Leben liegt noch so lang und so schön vor dir. Du wirst, wenn du diese Leidenschaft überwunden hast, ein liebes Mädchen finden, das dir den Himmel auf Erden bereitet .... Halt die Ohren steif und mach uns keine Schande. Und nun geh mit Gott, mein Junge. Grüße Herrn und Frau Oberamtmann von mir. Das sind ein paar prächtige Menschen.“

Zum Kaffee ging Franz noch auf ein Stündchen zu Frau Grigo. Lotte plauderte mit ihm so vertrauensvoll und offenherzig, daß er eine große Freude daran hatte. In froher Stimmung, mit heiterem Gesicht kehrte er zu seinen Eltern zurück. Bald nach dem Abendbrot rüstete er sich zur Rückfahrt. Der Vater begleitete ihn zum Wagen. Erst jetzt fragte er den Sohn, ob er etwa die Landwirtschaft aufgeben wollte und sich darüber beim Onkel Uwis Rat geholt hätte.

„Nein, Vater, die Landwirtschaft gefällt mir je länger um so besser. Nein, ich hatte etwas anderes auf dem Herzen. Wenn du es durchaus wissen willst, frag’ Onkel Uwis und bestell’ ihm von mir, daß er es dir erzählen darf.“

14. Kapitel

Je mehr Walter die Schwester seines Lehrherrn kennenlernte, desto größere Hochachtung ja Bewunderung zwang sie ihm ab. Wie eine Lichtgestalt aus einer besseren Welt erschien sie ihm, der alle Erdenschwere mangelt. Noch nie hatte ein weibliches Wesen ihm soviel Hochachtung abgenötigt, selbst seine eigene Mutter nicht, die sehr oft in Kleinigkeiten aufging und durch ihre Schwäche für den einzigen Sohn, wie er es jetzt selbst fühlte, dazu beigetragen hatte, daß er auf eine abschüssige Bahn geriet. Minna war so schlicht und klar in ihrem Wesen, daß er bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen vermeinte. Und er fand dort nichts anderes als lauteres, gediegenes Gold.

Ihre bemerkenswerteste Eigenschaft war die unendliche Herzensgüte. Nie wurde sie launisch oder unfreundlich. Selbst wo sie mal eine Rüge erteilen mußte, klang ein freundlicher Unterton mit, der ihren Worten jedes Verletzende nahm. Denn wie oft wirkt schon ein leichter Tadel durch den Ton, mit dem er erteilt wird, verletzend. Sie war jedoch nicht etwa weich, oder ließ fünf gerade sein. Nein, sie war sehr entschieden in ihrem Auftreten und von einer ruhigen Sicherheit, die jeden Widerspruch erstickt, noch ehe er laut wird. Die Dienstmädchen hingen mit großer Liebe an ihr und erfüllten ihre Pflicht mit Eifer, um ein Lob, oder auch nur einen freundlichen Blick von ihr zu gewinnen.

Walter kam es gar nicht zum Bewußtsein, welch einen Einfluß sie auch auf ihn allmählich gewonnen hatte. Er führte früher einen steten Kampf mit seinen bösen Lüsten und Leidenschaften und hatte sie nur dann besiegt, wenn ihm seine Klugheit es in den einzelnen Fällen geraten erscheinen ließ, sie zurückzudrängen und sich zu beherrschen. Jetzt erschien es ihm selbstverständlich, daß er sich in jeder Beziehung musterhaft aufführte. Wenn er früher mit Getreide auf den Bahnhof fuhr oder in der Stadt Besorgungen zu erledigen hatte, wo er mit Bekannten zusammentraf, hatte er nicht selten einen kleineren oder größeren Affen mit nach Hause gebracht, der sich bis zum nächsten Morgen in einen greulichen Kater verwandelte. Jetzt kehrte er stets völlig nüchtern nach Hause zurück. Der Gedanke, Minna könnte ihm aus solchem Anlaß ihr Mißfallen durch kaltes Benehmen zu erkennen geben, bereitete ihm schon Unbehagen und gab ihm eine Widerstandskraft, die er früher nicht besessen hatte.

Ganz allmählich wurde es ihm klar, daß sie sein ganzes Denken und Fühlen erfüllte, und er begann um sie zu werben. Nicht mit Worten oder Blicken. Das verbot sich ihrer klaren, reinen Art gegenüber von selbst, sondern durch sein Benehmen. Er wollte und mußte vor sich als ein anständiger Kerl dastehen können, wenn er ihr vertrauenswürdig sein sollte.

Auch bei dem Bruder gewann ihr Wesen Einfluß. Er war seinen Leuten gegenüber gerecht und hatte sie sogar besser gestellt, als die meisten Güter der Umgegend. Aber er war rauh in seinem Wesen und polterte oft los, wenn ihm etwas nicht gefiel, und schreckte auch vor drastischen Ausdrücken nicht zurück. Dann brauchte ihn Minna bloß mahnend aus ihren sanften Augen anzusehen. In schwereren Fällen genügte ein sanftes, etwas vorwurfsvolles „Aber Friedrich!“, um ihn zu mäßigen.

Der Gutsherr beobachtete den Verkehr der beiden jungen Leute ganz genau. Es lag doch nicht so fern, anzunehmen, daß sich zwischen zwei so jungen Menschen geistige und seelische Beziehungen anspinnen, wenn sie so lange Zeit völlig aufeinander angewiesen sind. Er konnte aber nichts weiter entdecken, als einen harmlosen, freundschaftlichen Verkehr, wie zwischen zwei guten Kameraden. Daß Walter sich sehr zusammennahm und beherrschte, um seine Gefühle nicht zu verraten, ahnte er nicht. Und Minna verriet ebensowenig ein tieferes Gefühl für den jungen Menschen.

Nach dem Abendbrot setzte sie sich mit einer feinen Handarbeit an den runden Tisch unter der großen Hängelampe. Die geschäftlichen Angelegenheiten und kleinen Fragen, die von der Wirtschaft aufgeworfen wurden, waren bald durchgesprochen. Dann stand Walter auf, setzte sich ans Klavier und spielte ohne Aufforderung. Oft begann Minna, wenn er eine Pause machte, ein Volksliedchen zu singen, das von Walter kunstvoll begleitet wurde.

Eines Tages bereitete Braun, auf Minnas Anregung, seinem Zögling eine große Freude. Er lud Walters Eltern zu einem Besuch für den nächsten Sonntag ein. Sie kamen bei guter Zeit schon am Vormittag. Das Wetter war endlich umgeschlagen und hatte Tauwetter gebracht. Die Märzsonne begann mit ihren Strahlen bereits den Schnee wegzuzehren. Von den Dächern tropfte es. Gegen Abend, sobald die wärmende Kraft des Tagesgestirns nachzulassen begann, verwandelten sich die Tropfen zu langen Eiszapfen, die jeden Morgen abgeschlagen werden mußten, um nicht beim Herabfallen Mensch oder Tier zu verletzen. Von den Kuppen der Berge schwand der Schnee. Auf dem dunklen Acker trippelte die Lerche umher und schwang sich im Sonnenschein zum Himmel empor, um den Frühling, der noch weit im Süden weilte, ein Willkommen zuzurufen.

Mit großer Freude begrüßte Walter die Eltern, deren Besuch ihm ganz überraschend kam. Die Mutter hob er aus dem Schlitten und trug sie auf seinen starken Armen ins Haus. Mit Stolz musterte der Forstmeister seinen Jungen, der ihm frischer und kräftiger geworden zu sein schien. Und er nahm noch vor Mittag Gelegenheit, seinen Lehrherrn zu befragen, wie er mit ihm zufrieden wäre.

Braun erteilte seinem Zögling ein volles Lob. Er sei durchaus zuverlässig, diensteifrig und leiste freiwillig mehr, als er von ihm verlange. Ja, er habe das Gefühl, daß Walter mit seinem Entschluß, Landwirt zu werden, das Richtige getroffen habe. Er führe mit Liebe und Fleiß die ganzen Bücher des Gutes und studiere eifrig landwirtschaftliche Lehrbücher. Der Forstmeister fühlte mit freudigem Stolz, was das Lob aus dem Munde des ernsten Mannes bedeutete.

Minna gab dem ganzen Tag ein freundliches Gepräge. Sie hatte den Mittagstisch mit großem Geschmack gedeckt und ein Essen angerichtet, das vor jeder Zunge mit Ehren bestehen mußte. Nach Tisch geleitete sie die alte Dame in ein von der Sonne durchleuchtetes Zimmer, um sie auf einer Liege zu einem Nickerchen zu betten. Die Männer blieben noch bei einem Glas Rotwein und einer guten Zigarre am Tisch sitzen. Der Forstmeister erzählte, was er aus Grindas Bericht wußte. Danach unterlag es keinem Zweifel, daß die Russen in äußerst bedrohlicher Weise gewaltige Truppenmassen an ihrer Westgrenze zusammenballten. Mit Ingrimm sprach er es aus, daß die Reichsregierung diesen Nachrichten kein Gewicht beizulegen schien. Als wenn es von uns allein abhinge, ob der Friede erhalten werden sollte, oder nicht!

Daran schloß sich ein Rundgang über den Hof und durch die Ställe. Bald nach dem Kaffee wollten die Gäste aufbrechen, aber Minna bat so gewinnend, ihnen auch noch den Abend zu schenken, daß sie sich zum Bleiben bestimmen ließen. Im blauen Zimmer loderte ein helles Kaminfeuer. Zu der in Ostpreußen sehr beliebten Zwischenmahlzeit, die allgemein den komischen Namen „Schweine-Vesper“ führt, gab es ein Glas Grog. Der Forstmeister sah mit Verwunderung, daß sein Sohn das zweite Glas, das Minna ihm anbot, verschmähte.

„Ist mein Junge immer so mäßig?“ fragte er lachend.

„Ich kenne ihn nicht anders“, erwiderte Minna mit freundlichem Lächeln.

Die Mutter beobachtete argwöhnisch den Verkehr der beiden jungen Leute. Sie machte keine Ausnahme von all den Müttern, die einen erwachsenen Sohn besitzen, die sich schon lange, noch bevor es Zeit ist, mit der Auswahl einer zukünftigen Schwiegertochter beschäftigen. Sollte sich zwischen den beiden jungen Menschen noch nichts angesponnen haben? Das Mädel gefiel ihr mehr, als sie sich eingestehen mochte. Und sie fühlte, daß Minna für eine Liebelei kein Verständnis besaß. Desto größer war die Gefahr, daß sich zwischen ihr und Walter eine ernsthafte Neigung anbahnen konnte. Und das müßte ihr doch mißfallen, denn nach allem, was man über Minna wußte, war sie ein ganz armes Mädchen.

Das war in den Augen der alten Dame ein ganz unverzeihlicher Fehler, denn Walter brauchte eine Frau mit Vermögen, wenn er nicht auf einer kleinen Klitsche anfangen sollte. Aber so sehr sie auch mit allen Sinnen beobachtete, sie konnte nichts entdecken, was auf ein geheimes Einverständnis zwischen den beiden jungen Menschen hindeutete. Eher das Gegenteil, denn solch ein harmloser, freundlicher Verkehr ist nur möglich, wenn nicht einem oder beiden die Unbefangenheit durch geheime Wünsche und Gefühle gestört wird.

Sehr befriedigt fuhr das Ehepaar heim. Es war kein Kutscher mitgenommen worden, so daß die beiden Altchen ungestört miteinander sprechen konnten. Der Forstmeister berichtete jetzt erst seiner Gattin ausführlich, welch ein hohes Lob Braun seinem Zögling erteilt hatte. „Das war bis jetzt die größte Freude meines Lebens! Und weißt du, Olsche, wem wir diese Wandlung zu danken haben? Keinem anderen als dem lieben, jungen Mädchen. Mir wurde ordentlich das alte Herz jung, als ich sie so still und geräuschlos und doch so umsichtig und besorglich walten sah.“

„Ich glaube, du siehst in ihr schon unsere zukünftige Schwiegertochter.“

„Na, Olsche, wäre das nicht ein Glück für den Jungen, solch ein liebes Wesen zur Frau zu bekommen?“

„An dem Wesen habe ich nichts auszusetzen.“

„Aber?“

„Sie hat doch nichts; sie wird von ihrem Bruder höchstens etwas Aussteuer bekommen. Aber ich sehe keine Gefahr für unseren Jungen.“

Walter bedankte sich noch, ehe er in sein Zimmer ging, für die Einladung der Eltern. Lächelnd wies Braun auf seine Schwester. „Minna hat den Gedanken angeregt, und ich habe es gern getan.“

Mit stummem Blick reichte Walter dem jungen Mädchen die Hand.

Er ahnte nicht, daß er seinen Vater zum letzten Male gesehen hatte. Acht Tage später erhielt er von der Mutter die Nachricht, daß er ganz plötzlich verstorben wäre. Gesund, ohne jede Beschwerde, hatte er sich abends zu Bett gelegt. Am anderen Morgen stand die Mutter leise auf und schlich sich hinaus, um ihn, der anscheinend noch fest schlief, nicht zu wecken.

Es wurde acht, es wurde neun Uhr. Sie öffnete ein paarmal leise die Tür und schaute ins Zimmer. Er schlief anscheinend immer noch. Schließlich beschlich sie eine böse Ahnung. Sie trat ans Bett und berührte seine Schultern. Und jetzt erst erkannte sie, daß er sanft, ohne seine natürliche Stellung zu ändern, entschlafen war.

Gleich, nachdem die Nachricht eingetroffen war, fuhr Walter nach Hause. Er fand die Mutter fassungslos vor Schmerz. Sie machte sich den Vorwurf, daß sie den Entschlafenen noch am Abend vorher mit ihrer Sehnsucht nach dem Stadtleben geplagt hatte. Walter kam durch die vielen Besorgungen, die er zu erledigen hatte, über den ersten heftigen Schmerz hinweg, und es war ihm eine wehmütige Freude, von der Mutter zu erfahren, daß der Vater sich noch so kurz vor seinem Tode über ihn und das Lob, das Braun ihm gespendet, gefreut habe.

Es war ein großes, stattliches Begräbnis. Sechs Grünröcke, die den Forstmeister als einen gerechten, gütigen Vorgesetzten verehrten, trugen den Sarg. Über das offene Grab knatterten drei Salven. Der Kirchhof lag vorn im Walde, zwischen uralten Kiefern und dazwischen aufstrebenden Eichen, deren Wipfel ihm das Schlummerlied rauschten. Nun schlief er im Walde, den er so geliebt hatte, daß er Beförderungen und Ehrenzeichen ausschlug, um sich nicht von ihm trennen zu müssen.

Einige Tage dauerte noch die Regelung der Geschäftsverhältnisse. Da kein Testament vorhanden war, erbten Frau und Sohn zu gleichen Teilen. Dabei erfuhr Walter, daß der Vater ein ziemlich erhebliches Vermögen hinterlassen hatte. Die Mutter konnte und wollte noch bis zum nächsten Quartal in der Oberförsterei wohnen bleiben. Denn die Regierung hatte einen unverheirateten Forstassessor geschickt, der das Revier bis zur endgültigen Neubesetzung der Stelle verwalten sollte. In der Zeit wollte die Mutter sich für eine Mittelstadt im Reich entscheiden und die Übersiedlung vorbereiten.

Walter litt es nicht lange zu Hause. Die lauten Wehklagen der Mutter störten ihm die eigene, tiefe Trauer um den Vater, für dessen Wert und Bedeutung er erst jetzt die richtige Schätzung gewonnen hatte. Er sehnte sich auch nach Tätigkeit. Das Frühjahr war sehr schnell gekommen. An den Südabhängen sprießten im Walde schon die bescheidenen Leberblümchen. Hier und dort hob auch schon eine Anemone ihr weißes Köpfchen. Noch einmal war Walter tagsüber durch den Wald gewandert, hatte alle seine Lieblingsplätze besucht und mit freudiger Rührung sich eingeprägt, was der Vater in seiner langen, gesegneten Tätigkeit geschaffen hatte.

Am schwersten fiel ihm der Abschied vom Elternhaus. Ach, es war ja nicht mehr sein Elternhaus! Bald würden andere Menschen kommen, Fremde, die es nach ihrem Willen und Geschmack einrichten würden. Einige Geweihe und eine Anzahl der besten Gehörne gab ihm die Mutter zum Andenken mit. Die anderen sollte er erst nach ihrem Tode erhalten.

Als er nach Nonnenhof zurückkam, war aus dem heiteren Jüngling ein ernster Mann geworden. Mit feinem Takt regte Minna ihn abends an, von dem Begräbnis zu erzählen. Er tat es gern und lobte die Liebe und Verehrung, die der Verstorbene sich in seinem Leben erworben hatte. Und dann kam er auf den Vater zu sprechen, der Zeit seines Lebens ein frohmütiger Mann gewesen und als Weidmann und Forstwirt sich einen guten Namen und ein ehrenhaftes Andenken geschaffen habe. Minna hörte still zu, ohne ihn zu unterbrechen. Und doch las Walter in ihren Augen und fühlte, wie von ihr eine mitleidsvolle Teilnahme zu ihm herüberwallte.