Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren

Part 10

Chapter 103,786 wordsPublic domain

Am nächsten Morgen stand er schon vor Tagesgrauen auf und ging an seine Arbeit. Die Saatzeit war angebrochen, und es gab sehr viel zu tun. Walter war den ganzen Tag unermüdlich auf den Beinen und leistete mehr, als selbst ein strenger Lehrherr verlangen konnte, so daß selbst Braun ihm manchmal sagte, er dürfe sich nicht zu viel zumuten. Minna umhegte ihn mit ganz besonderer Sorgfalt. Jetzt fand er täglich auf dem Frühstückstisch ein Glas Wein eingegossen. Als er ihr über ihre Verschwendung, wie er es nannte, freundliche Vorhaltungen machte, erwiderte sie ruhig, das habe Friedrich angeordnet.

Das Frühjahr, das so schnell gekommen war, hielt nicht, was es anfangs versprach. Wochenlang wehte ein sturer Ostwind, der Kälte brachte. Das Getreide, das im feuchten Acker stand, wollte und wollte nicht aufgehen. Und als sich die grünen Blattspitzen hervorwagten, da fanden sie es auf der Erde so ungemütlich, daß sie keine Lust zeigten, freudig emporzuwachsen. Erst Anfang Juni, als die Landwirte schon fast alle Hoffnung auf eine, wenn auch nur mittlere Ernte, aufgegeben hatten, schlug das Wetter um. Ein mäßiger Südwest brachte erst Wärme und dann reichlichen Regen. Mit überraschender Schnelligkeit erholte sich das Getreide. Auch die Wintersaat, die schon gelbe Spitzen zeigte, erholte und bestockte sich. Mit besseren Hoffnungen gingen die Landwirte in den Sommer hinein.

Gleich nach der Heuernte, die ziemlich spärlich ausgefallen war, ging Braun daran, eine alte Mergelgrube, die in seinem besten Weizenschlag lag, zu beseitigen. Sie war wohl uralt, denn sie war mit Steinen ausgefüllt, die man im Laufe der Zeit aus dem Acker ausgepflügt hatte. Es waren Findlingsblöcke darunter, die erst gesprengt werden mußten, ehe man sie wegschaffen konnte. Das war dem Gutsherrn nicht unlieb, denn er gedachte daraus die Fundamente für einen neuen Stall zu gewinnen. Tagelang hörte man im Gutshause das donnernde Krachen, mit dem die Felsblöcke zersprangen. In froher Laune sprach Braun beim Kaffee von seinen Plänen, einen neuen massiven Stall zu bauen und seine Viehhaltung zu vergrößern.

„Walter, Sie können mal nachher hinausgehen und zusehen, ob die Leute noch heute fertig werden.“

Nach einer Weile besann er sich anders. „Aber nein, lassen Sie das, ich werde selbst gehen; Sie haben ja noch auf dem Speicher zu tun.“

Er nahm Mütze und Stock und ging aufs Feld. Als er nicht mehr weit von der Mergelgrube entfernt war, krachte ein Sprengschuß. Er sah die Arbeiter aufstehen und langsam auf die Grube zugehen.

„Na, wie weit seit ihr denn?“ rief er sie an.

„Noch einen Schuß, dann sind wir fertig, er ist schon geladen, aber nicht losgegangen.“

Das Wort war kaum gefallen, als der Schuß verspätet losging. In Schrecken erstarrt standen die Arbeiter. Meist war ja die Ladung so bemessen, daß sie den Block nur in mehrere große Stücke zerriß. Aber es kam doch vor, daß der Stein weniger Widerstand leistete, und Brocken bis zur Kopfgröße weit fortgeschleudert wurden. Und diesmal schien die Ladung viel zu stark gewesen zu sein, denn ein Hagel von scharfkantig zerrissenen Sprengstücken sauste nach allen Seiten durch die Luft. Wie durch ein Wunder entgingen die Arbeiter dem drohenden Verderben. Nur einer sank lautlos um, der Gutsherr. Ein faustgroßer Stein hatte ihn in die Schläfe getroffen.

Walter kam gerade vom Speicher, als ein Arbeiter mit verstörtem Gesicht auf den Hof stürmte.

„Was ist los?“

„Ach Gott, Herr Walter, der Herr ist tot!“

Fassungslos faßte Walter den Mann an. „Was sagen Sie? Mensch, das ist nicht wahr!“

„Ja, ja, es ist schon wahr, ein Sprengstück hat ihn an den Kopf getroffen.“

Schnell ließ Walter zwei Wagen anspannen. Der eine sollte den Toten hereinholen, der andere nach der Stadt zum Arzt fahren. Er ging währenddessen ins Haus, um den Arzt durch den Fernsprecher anzurufen. Die Tür zur Küche stand offen, Minna schäfferte am Herd und sang dabei: „Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht“. Er mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht vor Schmerz laut aufzuschreien. Ahnungslos, welch einen Schlag das Schicksal bereits nach ihr geführt hatte, sang das lebensfrohe Mädchen, und draußen, nur wenige hundert Schritte entfernt, lag der Bruder tot, an dem sie wie ein Vater hing, der Mann, der ihre Stütze und Stab war. Eben hatte Walter die Verbindung mit dem Arzt bekommen, als Minna ihm nachkam und ins Zimmer trat. Er nahm alle seine Kraft zusammen und sagte dem Arzt, er habe eben einen Wagen nach ihm geschickt. Er möchte sofort herauskommen, ein Mann sei beim Steinsprengen verwundet worden.

„Ach, Walter, das ist doch entsetzlich, wer ist es denn?“

Da sah sie in sein schreckenbleiches Gesicht und wußte alles.

„Friedrich!“, schrie sie auf. Die Hände sanken ihr schlaff herab, ein jämmerliches Stöhnen rang sich aus ihrer Brust. Sie wäre umgefallen, wenn Walter sie nicht umgefaßt und zum Stuhle geleitet hätte. Hilflos legte sie ihren Kopf an seine Brust, als wollte sie dort Schutz suchen gegen das grausame Leben und den noch grausameren Tod.

„Fräulein Minna, fassen Sie sich“, bat er leise. „Minna, es ist doch noch nicht gesagt, daß Friedrich tot ist.“

Sie schüttelte den Kopf und richtete sich auf. „Ich fühle es.“

Mit einer unheimlichen, starren Ruhe stand sie auf und ging hinaus. Er ging ihr nach, denn er befürchtete, daß sie unter dem tränenlosen Schmerz zusammenbrechen könnte. Mechanisch nahm sie ein paar Handtücher aus dem Schrank, holte eine Schüssel Wasser aus der Küche und stellte sie auf die Diele. Jetzt kam der Wagen langsam herangerollt. Vier Männer hoben den Toten herab und trugen ihn ins Haus. Als sie ihn auf die Liege gebettet hatten, warf sich Minna über ihn und barg sein Gesicht an ihre Brust. Und jetzt kamen ihr auch die erlösenden Tränen. Leise schlichen die Männer hinaus. Langsam folgte ihnen Walter. Er hatte seinen Lehrherrn auch lieb gehabt und verehrt. Aber sein tiefstes Mitleid gehörte dem jungen Mädchen, über das so namenloses Unheil hereingebrochen war.

Als der Arzt kam, führte er ihn ins Haus. Gewohnheitsmäßig nahm der alte Herr die Hand des Toten, um den Puls zu fühlen, obwohl der erste Blick ihm schon gesagt hatte, das seine Kunst hier nicht mehr helfen konnte.

In ihrer stillen Art ordnete Minna alles an, was solch ein Todesfall nötig macht. Am Abend saßen die beiden jungen Leute sich wie immer im Wohnzimmer gegenüber. Zaghaft fragte Walter: „Was meinen Sie, Fräulein Minna, was jetzt hier werden soll?“

„Ich habe die Schwester und den Bruder schon benachrichtigt, es sind seine rechten Geschwister. Die werden zum Begräbnis kommen und bestimmen, was geschehen soll. Ich denke, sie werden das Gut verkaufen, und sich die Erbschaft teilen. Ich bin ja nur eine Stiefschwester von Friedrich.“

„Das ist gleich. Sie erben mit. Wollen Sie nicht das Gut übernehmen?“

Sie sah ihn verwundert an. „Aber, Walter, das ist doch nicht Ihr Ernst?“

„Jawohl, es ist mein völliger Ernst.“ Seine Stimme nahm einen weichen Klang an. „Minna, vertrauen Sie mir! Ich bin zwar noch jung und unerfahren als Landwirt, aber ich habe den redlichen guten Willen.“

„Sie wollen für mich wirtschaften?“

„Mit Ihnen,“ rief Walter mit gedämpfter Stimme, „mit Ihnen, Minna. Ich habe soviel von meinem Vater geerbt, daß ich Nonnenhof übernehmen kann. Ich lasse Sie nicht schutzlos allein in die Welt gehen. Minna, werden Sie meine Frau. Sie werden es nicht zu bereuen haben.“

Eine tiefe Röte stieg in ihrem Gesicht empor. Aber sie sah den Mann, der unter so seltsamen Umständen um sie warb, freundlich mit ihren lieben Augen an und reichte ihm die Hand.

„Ich vertraue Ihnen, Walter.“

Mit starkem Druck fügten sich ihre Hände für eine Minute zusammen. Ihre Blicke senkten sich ineinander. Das war ihr Verlöbnis.

Am Abend des nächsten Tages kamen die Geschwister des Verstorbenen, schlichte, biedere Menschen. Walter besprach mit ihnen, daß er das Gut zu einem angemessenen Tagespreis übernehmen und Minna heiraten wolle. Sie waren einverstanden, und auch damit, daß der Oberamtmann die Schätzung vornehmen sollte.

Am Tage nach dem Begräbnis stand Walter noch ein schwerer Weg bevor. Er fuhr zu seiner Mutter. Sie nahm seine Mitteilung nicht unfreundlich, aber mit einer Gleichgültigkeit auf, die ihn verletzte. Zögernd nur brachte er seine Bitte vor, Minna für die paar Monate bis zur Hochzeit bei sich aufnehmen zu wollen.

„Ich habe mit meinem eigenen Schmerz noch gerade genug zu tun“, erwiderte sie ausweichend. „Mich stört es, daß das junge Mädchen am offenen Grabe ihres Bruders an Verlobung und Hochzeit denken konnte.“

„Mutter!“, rief Walter. „Das traurige Ereignis drängte mich zu einem schnellen Entschluß. Ich liebe Minna und wollte sie nicht unter fremde Leute gehen lassen. Sie wird dir eine liebe Tochter werden, wenn du sie erst näher kennenlernst. Sie wird dir auch eine Stütze sein und dir die Arbeit des Umzugs abnehmen.“

„Du brauchst mich nicht damit zu locken,“ erwiderte jetzt die Mutter, „es ist selbstverständlich, daß ich die Braut meines Sohnes an mein Herz nehme. Wann bringst du sie mir?“

„Übermorgen, wenn wir mit den Geschwistern den Vertrag abgeschlossen haben.“

15. Kapitel

Adelheid begann in ihrem Eifer für die Wirtschaft nachzulassen. Sie war der Meinung, daß sie davon schon genug gelernt hätte. Sie betätigte sich nur noch beim Kochen, das ihr Vergnügen bereitete. Sie saß jetzt wieder stundenlang am Klavier, spielte und sang. Gegen Abend ging sie in den Park spazieren. Sie hatte ein Plätzchen gefunden, wo sie mit Vorliebe saß und beim Genuß einer Zigarette träumte.

Und das Plätzchen war dazu wie geschaffen. Von einer niedrigen Rasenbank sah man durch eine Lichtung des Parkes weit ins Land hinaus. Tief unten im Tal leuchtete die stille Oberfläche des Sees, auf der sich alle Farben des Abendhimmels widerspiegelten. Auf dem anderen Ufer stieg ein Berg hoch auf, der auf seinem breiten Rücken tiefdunkle Fichten und Kiefern trug. Dicht davor lag einsam ein Gehöft. Beim Dunkelwerden erhellte sich ein Fenster, dessen Schimmer wie ein schmales goldenes Band auf dem Seespiegel lag .... Gedämpft erklang das unermüdliche Schnarren der Rohrsänger und das Schmettern der wilden Enten herüber. Sanft strich der Abendwind durch die Kronen der uralten Eichen und Buchen, die das Plätzchen umgaben, und ließ sie flüstern und seufzen.

Viktor hatte allmählich Interesse für den schönen Gast seiner Gutsherrin gefaßt und begann, es zu bekunden. Vorsichtigerweise hatte er sich bei Frau Olga mit der Bitte strengster Verschwiegenheit danach erkundigt, ob ihre Freundin nicht etwa gebunden sei.

„Ich glaube, Ihnen mit Bestimmtheit versichern zu können,“ hatte sie erwidert, „daß Herz und Hand meiner Freundin noch völlig frei sind.“

„Und glauben Sie, gnädige Frau, daß ich mit einiger Hoffnung auf Erfolg mich um das gnädige Fräulein bewerben könnte?“

Mit feinem Lächeln erwiderte Frau Olga: „Aber, Herr Oberleutnant, haben Sie so wenig Selbstbewußtsein?“

Etwas verlegen gab Viktor zur Antwort: „Ich wollte eigentlich fragen, ob sich das gnädige Fräulein zu einem dauernden Landaufenthalt, zu dem Leben einer Gutsfrau wird entschließen können?“

Frau Olga lächelte. „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das müssen Sie schon bei geeigneter Gelegenheit von ihr selbst zu erfahren suchen. Aber ich halte ihr bei uns erwachtes Interesse für die Wirtschaft und ihre eifrigen Kochstudien für ein gutes Zeichen, das Sie vielleicht sogar auf Ihre Person zurückführen dürfen.“

„Meinen herzlichen Dank, gnädige Frau.“ Seitdem begann Viktor, Adelheid den Hof zu machen.

Frau Olga hatte das Gespräch natürlich sofort ihrer Freundin erzählt und die Mahnung hinzugefügt, dem Bewerber unauffällig entgegenzukommen. Adelheid nahm die Mitteilung schweigend entgegen und gab durch nichts zu erkennen, ob sie ihr willkommen war oder nicht.

Sie war in einen argen Zwiespalt mit sich geraten. Wie der Zugvogel im Herbst von einem unbezwinglichen Sehnen nach dem Süden getrieben wird, verlangte ihre Seele aus der Stille und Langeweile der ländlichen Einsamkeit heraus in die rauschenden Vergnügungen eines modernen Seebades, in dem sie sonst zu weilen pflegte. Voll Sehnsucht dachte sie an die Segelpartien, an das Tennisspiel, in dem sie eine anerkannte Meisterin war, an das Menschengewühl auf dem Korso, an die Nächte im feenhaft erleuchteten Kursaal, wenn sie am Arm eines flotten Tänzers von dem Rhythmus der Musik beschwingt über das Parkett flog ....

Ihr Herz sehnte sich danach ... und ihr graute, wenn sie daran dachte, daß sie für alle Zukunft auf diese Genüsse verzichten müsse, um ein nüchternes, langweiliges Leben als Gutsfrau zu führen, mit all den Pflichten, die sie zur Genüge kennengelernt hatte. Ja, wenn eine große, heiße Liebe sie mit zwingender Kraft dazu treiben würde, dem Mann ihrer Wahl in dies Leben zu folgen! Doch davon war keine Rede. Die Persönlichkeit Viktors ließ sie völlig kalt, obwohl er doch ein frischer, stattlicher Mann war und wenig älter als sie. Selbst in Gedanken vermochte sie nicht ein wärmeres Gefühl für ihn aufzubringen. Nur vom Verstand geleitet, aus kalter, nüchterner Überlegung heraus, sollte sie ohne Liebe in eine Ehe treten?

Ihr ganzes Wesen sträubte sich dagegen, denn alles, was bisher ihrem Leben Inhalt und Form gegeben hatte, sollte sie verlieren, nein, aus freien Stücken hinter sich werfen. Sie zweifelte daran, und wohl mit Recht, ob sie die Kraft dazu aufbringen würde. Ja, vielleicht zu dem ersten Entschluß. Aber wenn sie dann, gebunden durch die Ehefessel, das Leben auf dem Lande nicht mehr ertrug, wenn die Sehnsucht nach der großen Welt in ihr übermächtig wurde, was dann?

Unter dem Zwange dieser Gedanken, die ihre Seele aufwühlten, wurde sie launisch und widerspruchsvoll in ihrem Benehmen. Einen Tag unterhielt sie sich liebenswürdig mit Viktor und ihr ganzes Wesen strahlte eine hinreißende Anmut aus. Am anderen Tage war sie mißgestimmt, sah gleichgültig, ja blasiert aus und machte den Mund nicht auf. Das Ehepaar konnte sich den häufigen und jähen Wechsel ihrer Stimmungen erklären, denn Adelheid hatte in einer schwachen Stunde die Zweifel und Bedenken eingestanden, von denen sie gequält wurde. Einen Rat zu erteilen, lehnte Frau Olga ab. „Du bist alt genug, um über deine Zukunft allein entscheiden zu können. Ich möchte dich nur vor einem leichtfertigen Spiel mit Sawerski warnen. Willst du seine Bewerbung ausschlagen, dann sage es mir, aber bald, damit ich ihm einen Wink geben kann, sich nicht unnütz zu bemühen.“

Die Nebenperson in diesem Spiel, Franz, hatte sich in eine Entsagungsfreudigkeit hineingearbeitet. Die Hoffnungslosigkeit seiner Leidenschaft war ihm voll zum Bewußtsein gekommen, und mit großer Energie bemühte er sich, den sehnsüchtigen Gedanken keinen Raum und keinen Einfluß zu geben. Rückfälle blieben jedoch nicht aus, und manche Nacht wälzte er sich schlaflos auf seinem Lager. Und dieser Kampf ging an ihm nicht spurlos vorüber. Er sah elend aus und schlich umher wie ein müder Mann. Am Sonntag ging er zu Mittag ins Herrenhaus. Am Abend blieb er unter einer Entschuldigung in seinem Zimmer. Dann suchte Kolbe ihn auf, der unter Langeweile litt. Auch ihm war eine Schwärmerei für das schöne Fräulein angeflogen, und er sprach in den höchsten Tönen der Bewunderung von der Walküre. Franz hörte schweigend zu, obwohl er am liebsten den Burschen durchgeprügelt und hinausgeworfen hätte.

Eines Abends war Franz dem Geschwätz seines Leidensgefährten entflohen und in den Park gegangen. Ohne Ziel und Zweck wanderte er in den Gängen umher, er wollte nur allein sein. Es war ein wunderbar schöner Abend, der schon in die Nacht überging. Der Vollmond stand groß und klar am wolkenlosen Himmel. Sein Licht floß in breiten Wellen, die wie helle Balken in der Dunkelheit standen, zwischen den Stämmen hindurch. In Gedanken tief versunken schritt Franz weiter. Plötzlich erschrak er und hemmte den Fuß. Da saß auf der niedrigen Rasenbank eine lichte Gestalt. Adelheid. Sie hatte sich zurückgelehnt, ihr Kopf lag an einem Stamm, ihre Augen waren geschlossen ... aber trotzdem fühlte sie die Nähe eines Menschen. Sie schlug die Augen auf. Als sie Franz erkannte, nickte sie ihm freundlich zu. „Ach, Sie sind es, Franz.“

„Ich bitte um Entschuldigung, gnädiges Fräulein, ich hatte keine Ahnung, daß Sie hier sind. Ich will, Sie nicht stören ....“

„Sie können ruhig hier bleiben und sich neben mich setzen. Was raubt Ihnen die Ruhe?“

Ehe sie sich’s versah, lag Franz vor ihr auf den Knien, ergriff ihre beiden im Schoß gefalteten Hände und bedeckte sie mit glühenden Küssen. „Ich liebe Sie, ich bete Sie an ... ich kann nicht leben ohne Sie.“

Der Schreck lähmte sie so, daß sie kein Wort hervorbringen konnte. Im nächsten Augenblick saß er neben ihr, schlang den Arm um sie, preßte sie an seine Brust und bedeckte nicht nur ihren Mund, sondern auch ihre Augen mit heißen Küssen. „Nur einmal mich sattrinken an deinem Mund, sonst verdurste ich“, keuchte er in höchster Erregung. Einen Augenblick lag sie willenlos in seinem Arm. Ein Gefühl, das ihren Willen lähmte, durchwogte sie und beschwor eine Erinnerung herauf. Vor vielen Jahren, als sie noch sehr jung war, hatte sie auch einmal in dem Arm eines starken Jünglings gelegen. Es war das höchste Glück ihres Lebens gewesen, aber hatte ihr die größte, bitterste Enttäuschung gebracht.

Endlich gewann sie die Herrschaft über ihren Willen zurück und richtete sich auf. „Franz, Sie sind ein großes Kind. Wie können Sie mich so überfallen und beleidigen?“

Wieder sank er vor ihr auf die Knie und küßte ihre Hände, die sie ihm überließ. „Können Sie mir verzeihen? Ich war von Sinnen ... meine Liebe raubt mir den Verstand.“

Sie lächelte und legte ihm eine Hand auf sein lockiges Haar. „Das ist auch die einzige Entschuldigung für Sie ... und für mich“, fügte sie leiser hinzu. „Aber nun stehen Sie auf und setzen Sie sich ruhig neben mich. Sie werden jetzt ganz brav sein, nicht wahr?“ ...

„Ja, gnädiges Fräulein, ich bitte nochmals um Verzeihung.“

„Denken Sie nur, wenn jemand uns dabei belauscht hätte ... oder wenn ich laut um Hilfe gerufen hätte ... Ich habe nur Ihretwegen mir stillschweigend Ihre wahnsinnigen Gefühlsausbrüche gefallen lassen. Und ich werde auch weiter darüber schweigen. Sonst müßten Sie unweigerlich aus dem Hause. Sehen Sie das ein?“

„Ja, Fräulein Adelheid, ich bereue tief, was ich getan habe ... aber ... können Sie mich wirklich nicht ein bißchen lieb haben? Ich bin ja soviel jünger als sie, aber ich kann Ihnen dasselbe bieten wie Herr von Sawerski. Und ich würde Sie auf den Händen tragen ....“

Sie lächelte. „Sie haben recht, mein Junge, mich an mein Alter zu erinnern. Ich bin 28 Jahre. In zehn Jahren bin ich eine verblühte Frau ...“

„Ich werde in Ihnen stets das schönste Wesen sehen, das es auf der Erde gibt.“

„Das sagen Sie so in dem jugendlichen Überschwang Ihrer Gefühle. Nein, Franz, ich muß für uns beide vernünftig sein. Ich kann Ihren Wunsch nicht erfüllen, selbst wenn ich mich in Sie verlieben würde, was nicht der Fall ist. Sie sind ein lieber, prächtiger Mensch, und die Tatsache, daß Sie mir Ihr Herz geschenkt haben, wird mir stets eine liebe Erinnerung bleiben. Sie müssen und werden das überwinden. Und nach Jahr und Tag werden Sie ein reines Mädchen finden, das Ihr Herz mit neuer Liebe erfüllen wird. Ich habe mich schon lange mit dem Gedanken getragen, abzureisen. Jetzt ist es für mich zur Notwendigkeit geworden. Ich reise morgen weg ....“

Mit einem verzweifelten, ganz entstellten Gesicht, rief Franz aus: „Sie wollen morgen abreisen? Das ertrag’ ich nicht ....“

„Mein lieber, junger Freund, Sie wissen noch nicht, wieviel ein Herz tragen und erdulden kann, ohne zu brechen. Doch nun muß ich gehen. Leben Sie wohl. Nein, Sie dürfen mich nicht begleiten.“

Sie stand auf und reichte ihm die Hand. Als sie in seine todtraurigen und doch so flehentlich bettelnden Augen sah, überkam sie es wie Mitleid mit dieser heißliebenden Jünglingsseele. Und sie beugte sich nieder, um einen Kuß auf seine Stirn zu hauchen. Da sprang er auf, warf seine Arme um sie und küßte sie noch einmal stürmisch und heiß mit allem Ungestüm seiner kraftvollen Jugend ....

Doch schon nach einem kurzen Augenblick gab er sie frei und sank wie vernichtet auf die Bank zurück. Sie floh wie ein gehetztes Reh bis ins Dunkel der Gebüsche. Dort blieb sie atemlos stehen und sah zurück. Sie sah, wie er die Hände vors Gesicht schlug, wie sein Körper von einem unhörbaren Schluchzen erschüttert wurde. Ein tiefes Mitleid quoll in ihr auf, nicht nur mit dem armen Jungen, der da so nahe bei ihr saß, daß sie ihn mit wenigen Schritten erreichen konnte, und mit dem tiefsten Leid seines Lebens rang, sondern auch mit sich selbst. War das Schicksal nicht grausam gegen sie? Es schenkte ihr ein reines Herz, das mit einer reinen, heiligen Liebe für sie schlug, und sie durfte es nicht an sich nehmen, sie mußte es zurückweisen und ihm eine tiefe, schwere Wunde schlagen.

Ihr Busen wogte, ihr Herz klopfte stürmisch. Wirre Gedanken jagten durch ihren Kopf. Was hinderte sie, sich dies Herz zu nehmen? Verdiente diese Liebe nicht, belohnt zu werden? Sie fühlte: wenn er jetzt ihren Namen rief und seine Arme sehnsüchtig nach ihr ausstreckte, dann würde sie wie von einer magischen Gewalt gezogen, zu ihm zurückkehren, um sich in seine Arme zu werfen und seine heißen Küsse tausendfach zurückzugeben ....

Sie erschrak vor sich selbst ... sie floh vor sich und ihren Gedanken. Erst nach einer Weile wurde sie ruhiger und mäßigte ihren Schritt. Und blieb stehen und lauschte, ob er ihr nicht folgte. Aber es war nicht Angst, sondern ein heißer Wunsch, der sie zwang, stehen zu bleiben ....

Stundenlang saß Franz auf der Bank. Dumpfe Verzweiflung rang mit der Erinnerung an die kurzen Minuten des höchsten Glücks. Jedes Wort, das sie zu ihm gesprochen, haftete unauslöschlich in seinem Gedächtnis. Erst nach Mitternacht, als der helle Schein am Himmel, der das verschwundene Tagesgestirn über dem Horizont begleitete, über Norden nach Osten zu rücken begann, erhob er sich und schlich, müde, an allen Gliedern wie zerschlagen, in sein Zimmer zurück, wo er sich angekleidet auf die Liege warf.

Die Ankündigung ihrer Abreise rief, wie Adelheid erwartet hatte, großes Erstaunen hervor. Ihrer Freundin erklärte sie kurz, sie habe sich erst jetzt an ein Versprechen erinnert, mit einer befreundeten Familie in Westerland zusammenzutreffen und möchte nicht wortbrüchig werden. Frau Olga gab sich damit zufrieden und fragte nicht. Sie nahm an, daß Adelheid der Bewerbung Sawerskis ein schnelles Ende bereiten wollte. Den richtigen Grund, daß ihre Freundin vor sich selber floh, erriet sie nicht. Und doch war es so. In einer Stimmung, die sich nicht abschütteln ließ, hatte Adelheid die Nacht zugebracht .... Es war kein klarer Gedanke ... sie fühlte nur, wenn sie hier bliebe, dann würde sie Abend für Abend nach der Bank gehen und dort voll Sehnsucht warten .... Und wenn er kam und sie in seine stahlharten Arme nahm, deren Druck sie noch zu fühlen glaubte, dann ... ja dann .... Weiter wagte sie nicht zu denken ....

16. Kapitel

Auf Viktor von Sawerski machte Adelheids plötzliche Abreise einen tiefen Eindruck. Er hatte ein tiefergehendes Interesse für sie gefaßt und sich mit dem Gedanken getragen, sich ernsthaft um sie zu bewerben. An einen Mißerfolg seiner Bewerbung glaubte er nicht. Er bildete sich sogar ein, das gnädige Fräulein würde nach seiner dargebotenen Hand wie nach dem Rettungsanker greifen. Er war doch nach landläufigen Begriffen eine „gute Partie“. Außerdem bildete er sich auf seinen Stand, sein Vermögen und letzten Endes auch auf seine Persönlichkeit nicht wenig ein.

Die verletzte Eitelkeit verführte ihn zu ähnlichen Gedankengängen wie den Fuchs, dem die Trauben zu sauer werden.