Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren

Part 8

Chapter 83,813 wordsPublic domain

Adelheid hatte sich in einen Sessel niedergelassen und den Kopf in die Hand gestützt. „Mit einem Wort: Ich soll auf Herrn von Sawerski mit allen Mitteln Jagd machen!“

„Ach, Adelheid, wozu die scharfen Worte! Nein, du sollst, vorausgesetzt, daß er dir nicht gleichgültig oder unsympathisch bleibt, ihm die Annäherung etwas erleichtern. Ich denke doch, daß unsere Freundschaft eine solche Aussprache erfordert. Es ist wohl das beste und auch hohe Zeit, daß du unter die Haube kommst.“

Bitter lächelnd erwiderte Adelheid: „Ich warte ja schon beinahe zehn Jahre darauf ... wenn nur einer käme und mich nähme.“

„Dann muß ich dir noch sagen, daß du einen falschen Weg zu deinem Ziel eingeschlagen hast. Auf diesem Wege wirst du nie einen ernsthaften Bewerber finden. Die Kreise, in denen du bisher verkehrt hast, umflattern und umschmeicheln dich, weil du sie durch deine Person und dein Wesen reizt. Aber meinst du, daß ein Graf oder ein Baron dich ohne Vermögen nehmen wird? Selbst ein Großkaufmann oder ein hoher Beamter scheut sich, dich in seine Familie einzuführen, wenn er seine Wahl nicht durch ein stattliches Vermögen seiner Braut begründen kann. Du mußt schon ein Stufchen heruntersteigen und dich nach einem Landwirt umsehen ....“

Als die Freundin beharrlich schwieg, fuhr Frau Olga eindringlich fort: „Nun, sag mir mal offen, wie lange bist du noch imstande, dein bisheriges Leben fortzuführen?“

„Es langt noch für zwei Jahre ...“

„Und dann?“

„Dann nehme ich eine Stelle als Gesellschafterin bei einer alten Dame an oder werde Hausdame bei einem älteren Herrn.“ Nachdenklich fügte sie nach einer Weile hinzu: „Vielleicht täte ich gut daran, mich jetzt schon nach einer solchen Stelle für den nächsten Winter umzusehen.“

„Hältst du eine solche Stelle für beneidenswert?“

„Nein, liebste Olga, durchaus nicht.“ Sie lachte laut auf. „Also denn auf zur Jagd! Zum Kaffee erscheine ich schon als züchtige Jungfrau im schlichten Kleid .... Vielleicht kannst du mir mit einem passenden Tändelschürzchen aushelfen?“

Als die Freundin sie verlassen hatte, warf sich Adelheid wieder in den Sessel und schlug die Hände vors Gesicht. Unaufhaltsam kamen ihr die Tränen. Sie fühlte sich in diesem Augenblick todunglücklich. Ihr ganzes Leben widerte sie an. Erinnerungen zogen an ihrem Geist vorbei. Wie aufreibend war dieser ewige Kampf mit der Männerwelt, die sie lüstern umkreiste. Und manche Erinnerung brannte in ihr und sie konnte sie nicht verjagen. Wie ein Freiwild war sie sich manchmal vorgekommen, auf das man ungestraft Jagd machen konnte. Ja, flirten wollten die Männer alle mit ihr. Mehrere Male war auch ihr Herz nicht unberührt geblieben, und jedesmal kam danach die große Enttäuschung. Einmal war sie mit einer peinlichen Demütigung verbunden gewesen. Sie stöhnte laut auf. Heiß stieg es in ihre Wangen, als ihr der Gedanke kam, daß sie noch einmal die Jagd auf einen Mann beginnen sollte.

Sie stand auf und kühlte ihre Augen in kaltem Wasser. Dann nahm sie Sawerskis Brief zur Hand und überlas mehrere Male seine Worte, um zu prüfen, ob sich mehr darin entdecken ließ, als mit der neuen Hausgenossin in ein erträgliches Umgangsverhältnis zu gelangen. Mißmutig warf sie ihn hin. Plötzlich nahm sie ihn wieder auf und zerriß ihn mit einem schnellen Griff, und während sie halblaut vor sich hinsummte: „Auf in den Kampf, Torero!“, begann sie, ihre Garderobe zu mustern. Endlich fand sie ein ganz einfaches Kleid und ein kokettes Schürzchen dazu.

Frau Olga schmunzelte, als Adelheid in diesem Anzug vor ihr erschien. „Nun werde ich dich in die Zubereitung von Kaffee und Tee einweihen.“

„Oho, Frau Oberamtmann, über diese Anfangsgründe bin ich schon hinaus. Wenn du mir also deinen Wirkungskreis übergeben willst.“

Während sie sich an dem Kessel zu schaffen machte und die Getränke aufbrühte, trat der Hausherr ein. Schon von der Schwelle her rief er: „So gefallen Sie mir, mein Fräulein.“

„Ich kann doch nicht immer als große Dame hier paradieren, besonders nicht, wenn ich mich der Hauswirtschaft widmen will“, gab Adelheid lachend zur Antwort.

Herr von Sawerski war hinter dem Hausherrn eingetreten. Er ging ein paar Schritt auf Adelheid zu und machte ihr eine tiefe Verbeugung. Sie streckte ihm mit freundlich unbefangener Miene die Hand hin, deren Druck ihm eine deutliche Antwort gab, die ihn von seinen Zweifeln und Befürchtungen befreite.

„Gnädiges Fräulein wollen sich wirklich der Hauswirtschaft annehmen?“

„Dazu bin ich ja hierher aufs Land gekommen“, erwiderte Adelheid mit ernster Miene.

„Frau,“ rief der Hausherr laut lachend, „unser Personal mehrt sich. Was meinst du, wenn wir auf das Beamtenhaus noch eine Apanage aufbauen ließen, wie Onkel Bräsig sagen würde, und uns mit der Aufzucht von männlichen und weiblichen Wirtschaftern befaßten?“ Er lachte nochmals dröhnend auf. „Gnädiges Fräulein müssen aber schon vorläufig im Herrenhause vorlieb nehmen, denn im Beamtenhaus ist augenblicklich kein Zimmer frei.“

„Aber Konrad!“ mahnte die Hausfrau. Er sah sie mit der unschuldigsten Miene an. „Habe ich in meiner Freude einen Bock geschossen? Ich glaube, deine Freundin will allen Ernstes bei dir in die Schule gehen, um dich später völlig zu entlasten.“

„Das will ich auch“, erwiderte Adelheid fest. „Und ich bitte Ihre Gattin, meine verehrte Freundin, allen Ernstes, mich durchaus als Lehrling anzusehen und zu behandeln.“

„Na, dann wollen wir mal gleich ein Programm Ihrer Betätigung entwerfen. Heute Abend noch ein leichtes Geplänkel in der Küche mit Bratkartoffeln und Setzei. Aber morgen ... da geht’s los. Zum Melken brauchen Sie nicht zu gehen, das beaufsichtigt Franz. Aber die Behandlung der Milch muß man als perfekte Hausfrau unbedingt verstehen. Also um 6 Uhr in der Meierei. Natürlich in Begleitung meiner Frau.“

Gut gelaunt spann er den Faden immer weiter .... Adelheid kam es allmählich zum Bewußtsein, daß aus dem Spiel bitterer Ernst wurde. Aber sie war entschlossen, die neue Rolle, die ihr fast ohne ihr Zutun zugefallen war, mit Festigkeit durchzuführen. Vielleicht war es der richtige Weg, der sie in die Ehe hineinführte. Manchmal streifte ihr Blick forschend Herrn von Sawerski, der sich mit Eifer an der Ausarbeitung des Programms beteiligte, und es schien ihr, als wenn er daran Gefallen fand, daß sie mit Ernst und Eifer sich in die Rolle hineinlebte.

Am anderen Morgen erstaunte Franz nicht wenig, als er beim Abliefern der Milch in der Meierei neben der Frau des Hauses das Fräulein vorfand. Sie hatte ihr Kleid geschürzt und trug derbe Schuhe und ließ sich mit Eifer zeigen, wie der Fettgehalt der Milch festgestellt wurde. Er war so verwirrt, daß er sich bei Angabe der Literzahl irrte. Adelheid reichte ihm freundlich lächelnd die Hand. „Ich bin Ihre Kollegin geworden, Herr Rosumek. Ja, wirklich, sehen Sie mich nicht so erstaunt an. Ich erlerne die Hauswirtschaft. Der Anfang ist ja etwas feucht, aber ich denke, es wird auch anders kommen.“

Als Franz ins Freie trat, fühlte er sein Herz heftig klopfen. Das Blut hämmerte ihm in den Schläfen und in den Adern am Halse ....

12. Kapitel

Die Entwicklung, die bei Adelheid eingesetzt hatte, wurde durch Frau Olga klugerweise gefördert. Sie zügelte den Eifer, den sie zunächst, bis zum Beweise des Gegenteils, für ein Strohfeuer hielt, und beschäftigte sie nur soweit in der Wirtschaft, daß die Lernbegierige noch reichlich Zeit fand, sich ans Klavier zu setzen, zu spielen und zu singen. Auch ihrem „Brummbär“ hatte sie es beigebracht, daß er nicht durch gutmütigen Spott und Neckereien Adelheids Vorsätze zum Wanken brächte.

Man war in der Saatzeit. Viktor hatte sich ein Reitpferd angeschafft. Er erschien nur zu Mittag im Herrenhause und ließ sich abends einen kalten Imbiß in sein Zimmer bringen. Denn wenn er mit Dunkelwerden vom Felde kam, hatte er keine Lust mehr, sich umzuziehen. Er benahm sich ritterlich höflich gegen Adelheid, aber aus seinem Benehmen ließ sich kein Schluß ziehen, ob er sich für sie interessierte.

Zwischen den beiden Damen wurde darüber nicht gesprochen, ja, Adelheid verschwieg ihrer Freundin, daß sie fast täglich ein Sträußchen in ihrem Zimmer fand, das nur durch das offene Fenster hineingeworfen sein konnte. Es war aus Feld- und Waldblumen, wie sie der Frühling bringt, zierlichen Gräsern und frischem Grün geschmackvoll zusammengesetzt. Als sie das erste Sträußchen fand, klopfte ihr Herz einen Augenblick schneller, denn ihr Wunsch ließ sie auf Viktor als Spender raten. Um sich Gewißheit zu verschaffen und dem gütigen Spender ein Entgegenkommen zu erweisen, steckte sie es zu Mittag an ihren Busen. Aber Viktor verriet durch seine kühl-höfliche Frage, ob sie an den unscheinbaren, duftlosen Blümchen Gefallen finde, daß er nie daran gedacht hatte und hätte, sie durch eine solche kleine, aber sinnige Huldigung zu überraschen und zu erfreuen.

Am nächsten Sonntag, als die beiden Lehrlinge bei Tisch erschienen, steckte sie wieder solch ein Sträußchen an und entdeckte, was sie schon vermutete, daß Franz der heimliche Verehrer war, der seinen Gefühlen auf diese Weise Ausdruck gab. Er wurde rot und verlegen. Ihr Wohlgefallen an dem frischen Jüngling verleitete sie dazu, ihn mehrmals ins Gespräch zu ziehen. Er wurde dadurch noch verlegener, denn sein Herz stand in lichten Flammen.

Die Neigung zu dem schönen, reifen Mädchen, das ihm wie ein höheres Wesen vorkam, war gleich bei der ersten Begegnung aufgeflammt. Und in den letzten Wochen war sie zu einer Leidenschaft angewachsen, die sein ganzes Denken und Fühlen erfüllte. Wegen seiner Zuverlässigkeit hatte ihm der Oberamtmann den Hofdienst anvertraut, wozu auch die Verwaltung des Speichers gehörte, wo er den Kämmerern das Saatgut zumessen mußte. Und seitdem Adelheid sich in der Wirtschaft betätigte, traf er mehrmals am Tage mit ihr zusammen. Es ergab sich von selbst, daß er sie ab und zu auf einem Gang begleitete. Einmal hatte er ihr dabei einen kleinen Dienst erwiesen. Adelheid wollte ein noch sehr junges Kälbchen tränken. Aber das dumme Tierchen stieß wohl mit dem rosig gefärbten Mäulchen in den Milcheimer, trank aber nicht. Da verriet ihr Franz lachend, sie müsse dem Kälbchen einen Finger in das Mäulchen stecken. Sie tat es und erreichte dadurch ihr Ziel.

Ihr feines Gefühl hatte ihr schon bald verraten, daß Franz sie verehrte. Denn bei jeder Begegnung strahlte sein frisches Gesicht vor Freude. Und unter vier Augen überwand er schnell seine Befangenheit und plauderte mit ihr offen und vertrauensvoll. Als er jedoch am Sonntag Mittag das Sträußchen an ihrem Busen gewahrte, vermochte er sich kaum zu beherrschen, um nicht ganz verkehrte Antworten zu geben. Als die beiden Lehrlinge nach dem Essen ins Beamtenhaus zurückgingen, um den freien Nachmittag zu einem Schläfchen zu benutzen, stieß Kolbe seinen Leidensgefährten an und sagte hämisch:

„Bilden Sie sich nur nichts darauf ein, Sie Musterknabe, daß die Walküre“ -- den Namen hatte er Adelheid gegeben -- „heute so gnädig zu Ihnen gewesen ist.“

„Das habe ich gar nicht empfunden.“

„Das ist auch das Beste, was Sie tun können, wenn Sie der Walküre nicht den Hof machen. Sie sollen ihr ja auch nur als Anhetzer für den Herrn Volontär dienen, den sie einfangen und zu einem folgsamen Ehemann zähmen will.“

„Ach, Kolbe, wie können Sie bloß so gehässig von der jungen Dame sprechen“, erwiderte Franz unmutig.

„Das ist gar nicht gehässig, sondern das sind Tatsachen, die der Blinde mit dem Stock fühlen muß. Ich weiß auch noch mehr. Ich habe Sie heute früh gesehen, als Sie der Walküre das Sträußchen ins Fenster warfen. Daß sie es zu Mittag angesteckt hatte, hat Ihnen den Kopf ganz verdreht. Aber bilden Sie sich nur nichts darauf ein. Oder glauben Sie, daß die Walküre, die nach meiner Ansicht beinahe schon aus dem Schneider ist, auf Sie warten wird, um Bauersfrau auf einer Klitsche von dreihundert Morgen zu werden?“

Franz wandte sich achselzuckend ab, aber das Gespräch hatte doch eine tiefgehende Wirkung auf ihn. Er wurde sich darüber klar, daß seine ganze Seele und all sein Sinnen im Banne der schönen Frau lagen. Daß diese Leidenschaft völlig hoffnungslos war, mußte er sich selbst sagen. Sein Selbstbewußtsein hielt aber vor dieser Erkenntnis nicht stand. Er brach haltlos auf dem Sofa zusammen und weinte wie ein kleiner Junge.

Als er gegen Abend ins Herrenhaus ging, wo die beiden Knaben ihn schon mit Sehnsucht erwarteten, hatte er sich mit kühler Überlegung zu dem Entschluß durchgerungen, seine törichte Leidenschaft mit Energie zu bekämpfen. Er stahl sich sofort ins Kinderzimmer und kam erst mit den Knaben zu Tisch. Er saß ruhig am Tisch und hörte still zu, wie Adelheid und Viktor ein angeregtes Gespräch über Musik führten, wovon er nicht das Geringste verstand, denn er war ganz unmusikalisch und hatte so wenig Gehör, daß er nicht das kleinste Lied singen konnte. Gleich nach dem Essen verabschiedete er sich durch eine stumme Verbeugung ....

Die Beendigung der Saatzeit wurde nach einer alten Gewohnheit von dem Gutsherrn durch ein festliches Mahl gefeiert, zu dem nicht nur der Oberinspektor mit seiner Gattin, sondern auch die beiden Kämmerer mit ihren Frauen geladen wurden. Auch für die Gutsleute wurde ein kleines Fest veranstaltet, das in der Hauptsache in einem Tanz, der in dem untersten großen Speicherraum abgehalten wurde, bestand. Einige Zeit vorher erhielt Franz von dem Oberamtmann den Auftrag, einen Bock für das Fest zu schießen ....

„An der Regler-Grenze steht ein strammer Bock mit einem Pfropfenziehergehörn, den möchte ich abschießen“, schlug Franz vor.

„Tun Sie das, mein junger Freund, ich bin einverstanden.“

Am nächsten Abend ging Franz hinaus. Er wußte ziemlich genau, wo der Bock aus dem Walde aufs Feld austrat .... Noch bei gutem Büchsenlicht erschien der Bock und wurde von Franz mit einem sicheren Kugelschuß auf die Decke gelegt. Er ging langsam zu ihm hin, zog seinen Nickfänger und beugte sich über ihn, um ihn zu lüften. Da hörte er jemand mit hastigen Schritten durch das dichte Unterholz brechen. Im näselnden Ton kommandierte eine scharfe Stimme: „Halt! Gewehr weg!“

Ganz verdutzt sah Franz auf. Herr von Sawerski stand mit schußfertigem Gewehr vor ihm. „Wie kommen Sie dazu, den Bock zu schießen?“

Die aufgeregte Art und die Frage kamen Franz so komisch vor, daß er laut lachte. „Sie glauben doch nicht, daß ich wildern gehe?“

„Ich habe allein die Erlaubnis zum Pirschen.“

„Diesmal hat Herr Oberamtmann selbst mir den Auftrag gegeben, gerade diesen Bock zu schießen.“

Ohne sich weiter an Viktor zu kehren, lüftete er den Bock, verstaute ihn in seinem geräumigen Rucksack, warf ihn auf den Rücken und ging davon. Er lieferte das Wild in der Küche ab und meldete dem Gutsherrn, daß er den Bock geschossen hätte. Von der Begegnung mit Viktor sagte er nichts. Aber sie ärgerte ihn noch nachträglich und stimmte ihn nachdenklich. Was hatte der Mann gegen ihn? Weshalb trat er ihm so schroff entgegen? War er etwa auf ihn eifersüchtig? Dazu hatte er doch nicht die geringste Ursache. Dieser Gedanke jedoch bestärkte ihn in seinem Entschluß, seine Neigung so tief und fest in sich zu verschließen, daß niemand sie merken sollte.

Das Werfen der Sträußchen hatte er schon am nächsten Tage eingestellt, und er hatte sich wirklich soweit in der Gewalt, daß er Adelheid artig, aber ohne ein Zeichen von Erregung gegenübertreten konnte. An dem Abend des Saatfestes war die Gutsherrschaft nach dem Abendbrot auf den Speicher gegangen, um dem Tanz zuzuschauen. Frau Olga hatte die jungen Leute aufgefordert, fleißig zu tanzen. Sie hatte dabei mit den Augen nach Adelheid gewinkt. Der Wunsch der Gutsherrin wurde natürlich eifrig befolgt. Erst tanzte Viktor, dann Kolbe mit Adelheid.

Jetzt kam auch Franz, wenn er nicht unhöflich erscheinen wollte, an die Reihe. Er gab sich innerlich einen Ruck und verbeugte sich vor Adelheid. Seine Pulse hämmerten. Als sie sich in seinen Arm schmiegte, drohte ihn die Beherrschung zu verlassen, so daß er nicht gleich in den richtigen Takt kam. Aber dann riß er sich zusammen und tanzte. Der feine Duft, der von ihr ausging, berauschte ihn. Und leicht und weich wie eine Feder lag sie in seinem Arm. Es war ihm, als wenn er nicht mit den Füßen auf der Erde sprang, sondern mit ihr durch die Luft empor und davon flog.

Er erwachte erst aus seinem Rausch, als sie leise sagte: „Ich danke.“ Und mit einem strahlenden Blick fügte sie hinzu: „Sie tanzen gut.“

Als er auf seinen Platz zurückkehrte, flüsterte ihm Kolbe zu: „Mensch, sechsmal haben Sie mit ihr rumgewalzt. Mit uns beiden hat sie nur drei Runden gemacht.“

„Ich habe die Runden nicht gezählt“, erwiderte Franz. „Ich glaube, man darf mit einer Dame solange tanzen, bis sie dankt.“

„Nun werden Sie sich wohl wieder etwas darauf einbilden, daß sie bei mir schon nach drei Runden gedankt hat.“

Beim nächsten Tanz verkündete der Kämmerer, der in der Mitte als Ordner stand, mit mächtiger Stimme: „Damenwahl!“. Mit etwas Unbehagen sah Frau Olga, wie das hübsche, junge Stubenmädchen auf Viktor zueilte und ihn durch einen Knix zum Tanz aufforderte. Auch Hans Kolbe wurde sofort von einem Scharwerksmädchen geholt. Da stand Adelheid auf und bat Franz durch eine Neigung des Kopfes. Er trat schnell an sie heran und legte den Arm um sie. Von diesem Augenblick an wußte er nicht mehr, was um ihn her vorging. Er sah und fühlte nur die schöne Frau, die ihn geschickt mit leisem Druck durch das Gewühl der Tanzenden führte.

Als Adelheid auf ihren Platz zurückkehrte, beugte sich Frau Olga zu ihr und flüsterte ihr zu: „Du, verdreh’ dem Jungen nicht den Kopf.“

Lachend gab sie zur Antwort: „Hältst du das für möglich? Ich glaube, er ist viel zu vernünftig dazu.“

Auch Viktor hatte es mit Mißbehagen beobachtet, daß Franz bei der Damenwahl von Adelheid aufgefordert worden war. Er tröstete sich jedoch in Gedanken damit, daß er nicht frei gewesen war, weil die kleine hübsche Kröte von Stubenmädchen ihn so fix geholt hatte. Als jedoch Adelheid keine Miene machte, ihn zu holen, obwohl der Tanz noch ziemlich lange dauerte, beschlich ihn ein Gefühl, das nicht sehr weit von Eifersucht entfernt war. Er nahm sich vor, bei den nächsten Tänzen Adelheid eifrig zu umwerben und ihr ganz offen die Cour zu schneiden. Doch dazu kam es nicht. Denn bald darauf brach die Gutsherrin auf und nahm ihre Freundin mit sich.

Da blieb er in einem Gefühl von Trotz auf dem Fest und tanzte noch so oft mit der „kleinen Kröte von Stubenmädel“, daß es den Neid aller anderen erregte. Der Oberamtmann, der mit den Herren noch sitzen blieb, bemerkte es auch und erzählte es noch in der Nacht lachend seiner Gattin.

Franz war nach dem Tanz ins Freie gegangen. Das Stimmengewirr, der Dunst von Staub und Tabaksrauch, der wie eine Wolke über den Köpfen der Tanzenden hing, waren ihm unerträglich. Es war eine dunkle, weiche Frühlingsnacht ohne Licht von Mond oder Sternen, denn der Himmel war mit schwarzen Wolken verhangen. Aber die Natur schwieg oder schlief nicht. Sie lebte und sprach mit tausend Stimmen. In den Teichen im Park, in den Gräben, die jetzt noch voll Wasser standen, quarrten die Frösche. In den Fliederbüschen, deren Knospen vor dem Aufbrechen standen, sang ein Sprosser. Nicht so weich und flötend wie die Nachtigall des Südens, aber für ein liebendes Herz enthält auch die Stimme des Sprossers genug Liebessehnsucht ....

Es war so still, daß Franz sein Blut in den Adern hämmern hörte. Er vernahm auch das Kichern der Liebespärchen, die sich aus dem Saal gestohlen hatten. Dann wieder tiefe Stille, nur manchmal unterbrochen durch schmelzende, schmatzende Laute. Da wurden heiße Küsse getauscht, mit Glut gegeben und mit Inbrunst empfangen. Auch sein Blut regte sich. Seine Gedanken irrten wild umher. Aber ach, das Ziel seiner Sehnsucht stand so hoch und unerreichbar über ihm. Unwillkürlich kam ihm Goethes Gedicht: „Trost in Tränen“ in den Sinn, und er sprach vor sich hin:

„Ach nein, erwerben kann ich’s nicht, Es steht mir gar zu fern, Es weilt so hoch, es blinkt so schön, Wie droben jener Stern.“

„Die Sterne, die begehrt man nicht“, sprach er leise vor sich hin ....

13. Kapitel

Am nächsten Sonnabend erbat sich Franz Urlaub, um auf einen Tag nach Hause zu fahren. Er hatte nach schwerem Kampf den Entschluß gefaßt, die törichte Leidenschaft aus seinem Herzen zu reißen. Um sich darin zu bestärken, wollte er ein Zusammentreffen mit Adelheid vermeiden. Es schwebte ihm auch dunkel das Bedürfnis vor, seinem alten Freund sein Herz auszuschütten. Seit Weihnachten war er nicht zu Hause gewesen. Damals hatte er mit der fröhlichen Unbekümmertheit der Jugend mit den Eltern und der Schwester, die aus Königsberg nach Hause gekommen war, köstliche Tage verlebt. Auch Lotte war mit ihrer Mutter zum heiligen Abend und den Festtagen eingeladen, und er hatte das zur Jungfrau heranblühende Kind mit großem Wohlgefallen betrachtet und sich an ihrer sonnigen Heiterkeit erfreut.

Jetzt war ihm das Herz schwer, als er den Einspänner bestieg und den alten, schwerfälligen Gaul in Bewegung setzte. Welchen glaubwürdigen Grund sollte und konnte er vorbringen, um seinen Besuch zu erklären? Aber würde es nicht genügen, wenn er sagte, daß er für einen Tag ausspannen und die Eltern wiedersehen wollte? Er trat mit einem Scherzwort bei den Eltern ein, die sich gerade zum Abendbrot hingesetzt hatten, und gab unaufgefordert die Erklärung ab. Die Eltern begrüßten ihn herzlich, aber er entnahm aus ihren forschenden Blicken, daß sie nach einer anderen Erklärung für sein unvermutetes Erscheinen suchten. Der Vater dachte nichts anderes, als daß ihm sein Beruf nicht zusage und er sich die Zustimmung erbitten wolle, ihn aufzugeben. Aus seinem Gesicht schwand die Freude über den Besuch des Sohnes.

Auch die Mutter hatte denselben Gedanken und sich mit dem Vater durch einen Blick verständigt. Aber auch ihr bereitete der Gedanke keine Freude, denn es war nicht anzunehmen, daß er beim Wechsel des Berufes ihren Wunsch erfüllen wollte .... So verlief der Abend ohne rechte Freude für alle Teile. Am nächsten Morgen ging Franz in den Widem, um Onkel Uwis zu begrüßen und dann mit den Eltern in die Kirche. Er setzte sich nach alter Gewohnheit in den Pfarrstuhl. Bald erschien auch Lotte, setzte sich neben ihn und hielt ihm ihr Gesangbuch hin. Und als sie ihm beim Singen mehrmals so treuherzig in die Augen blickte, stieg in ihm ein Gefühl hoch, das ihn seine Leidenschaft für Adelheid als Unrecht, ja, als Sünde, empfinden ließ. Gleich nach dem Mittag ging er zu Onkel Uwis. Er war entschlossen, ihm nichts zu beichten, sondern aus eigener Kraft seine Leidenschaft zu bekämpfen und zu besiegen. Aber als sie im Garten, der im herrlichsten Blütenschmuck prangte, auf und ab wanderten, sah der alte Herr ihn mit tiefem Ernst an, doch voll milder Freundlichkeit, und fragte wie selbstverständlich: „Nun beicht’ mir mal. Wo drückt dich der Schuh?“

Franz wurde rot, das Blut stieg ihm zu Kopf und verschlug ihm die Sprache. Das war der Pfarrer an seinem jungen Freund nicht gewohnt. Er blieb stehen und legte ihm den Arm um die Schultern. „Du mußt etwas sehr Schweres auf dem Herzen haben, daß du dich nicht getraust, es mir zu beichten. Du weißt doch, daß ich dein Freund bin, dein bester Freund.“

In heftiger Bewegung ergriff Franz seine Hand und küßte sie. „Ja, Onkel, deshalb bin ich ja zu dir gekommen. Es fällt mir nur so schwer, es auszusprechen.“

„Das scheint mir ja beinahe auf ein schweres Liebesabenteuer zu deuten.“

Das war das erlösende Wort. „Ja, Onkel, es ist allerdings kein Abenteuer für mich, aber schwer, sehr schwer. Ich werde von einer heftigen Leidenschaft gepeinigt, die ganz hoffnungslos ist.“

„Weshalb denn hoffnungslos? Steht das Mädel so tief unter dir, oder ...“ Er machte eine Pause. „... ist es gar eine Frau?“