Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren

Part 7

Chapter 73,771 wordsPublic domain

Walter stellte seinen Wecker und warf sich in Kleidern auf die Liege. Die Gedanken bekrochen ihn und ließen ihn nicht einschlafen. Wenn jetzt die Schuld auf ihm lasten würde, daß sein Lehrherr am Bettelstab dastände, und wenn es dem Verbrecher gelingen würde, nochmals Feuer anzulegen! Nicht auszudenken! Er nahm sich vor, von eins bis morgens Wache zu gehen. Und dann beschäftigten sich seine Gedanken mit dem lieblichen Mädchen, das heute wie ein guter Geist in das Haus eingezogen war.

Welcher Liebreiz ging von ihrer zierlichen Elfengestalt, von ihrem freundlichen Gesicht und ihren lieben Augen aus! Wo war sie bisher gewesen, was hatte sie bisher geschafft? Die Geschwister waren in Äußerungen über ihr Leben so zurückhaltend. Von seinem Lehrherrn wußte er nichts, und von Kolbe, der seine langen Ohren überall hatte, nur soviel, daß er als Sohn eines einfachen Gutskämmerers aufgewachsen, sich als Arbeiter und dann als Schachtmeister bei Tiefbauten ein kleines Vermögen erworben und dafür Nonnenhof mit geringer Anzahlung gekauft hatte. Wie kam es, daß die Schwester soviel jünger war als er, so jung ... so schön ... dann verwirrten sich seine Gedanken, und er schlief ein.

Pünktlich um ein Uhr löste er seinen Chef ab, der eben mit dem Hofhund einen Rundgang um das Gehöft gemacht hatte. Die Nacht war sternenklar und bitterkalt, aber windstill. Die ganze Natur schien in Kälte und Schweigen erstarrt zu sein. Und wie die Sterne funkelten! Ab und zu kam aus weiter Ferne ein Hundeblaff. Endlos dehnten sich die Stunden für Walter, aber er hielt durch. Als der Himmel sich im Osten rötete und das Leben im Hofe erwachte, lief er zur Küche, aus deren Fenster schon Licht strahlte.

Er war bis ins innerste Mark durchfroren und hoffte durch einen Trunk heißen Kaffees seine Lebensgeister erfrischen zu können. Zu seinem Erstaunen fand er nicht die Mamsell, wie er erwartet hatte, sondern Fräulein Minna.

„Gnädiges Fräulein schon auf?“

Sie bot ihm lachend die Hand. „Ich bin kein gnädiges Fräulein, und das Frühaufstehen bin ich gewohnt. Wollen Sie einen Topf Kaffee haben?“

Walter nahm am Küchentisch Platz und labte sich an Speise und Trank. Zu Mittag gab’s eine Überraschung. Die Mamsell hatte gekündigt, weil sie sich nicht den Anordnungen der „jungen Person“ fügen wollte, und zog schon gegen Abend mit Sack und Pack davon. Sie hatte sich für unentbehrlich gehalten und aufgetrumpft. Zu spät sah sie ein, daß sie sich in die Nesseln gesetzt hatte.

Seitdem Minna die Leitung der Wirtschaft in die Hand genommen hatte, lief der Haushalt wie am Schnürchen. Alles im Hause bekam einen behaglicheren, freundlichen Anstrich. Trotzdem behielt sie noch Zeit für feine Handarbeiten. Und oft hörte man ihre kleine, aber angenehme Stimme, wenn sie bei der Arbeit Volkslieder sang.

Eines Abends erbot sich Walter, sie beim Singen zu begleiten. Ohne sich zu zieren, trat sie ans Klavier und stimmte „Ännchen von Tharau“ an. Walter nahm nicht nur die Singstimme auf, sondern umrankte sie auch durch eine geschickte Begleitung. Fortan musizierten sie jeden Abend miteinander. In ruhiger Freundlichkeit behandelte sie den jungen Mann wie einen guten Kameraden. Und er hütete sich, ihr durch einen Blick oder Wort zu verraten, wie sehr sie ihm gefiel. Ihre seelische Reinheit und ihr lauteres Wesen umgaben sie wie ein Schutzmantel der Unnahbarkeit. Am Abend waren die beiden jungen Menschenkinder stundenlang allein, denn der Gutsherr saß meistens um diese Zeit über seinen Büchern, oder er fuhr auch ab und zu aus. Dann ließ Walter in das blaue Eckzimmer, in dem sich ein Kamin befand, einige Arme voll Holz hineintragen, und wenn das Feuer lustig prasselte und mit seinem warmen Licht den mit Sesseln behaglich ausgestatteten Raum füllte, dann setzten sie sich einander gegenüber und plauderten. Ganz von selbst kam Walter darauf, ihr von seinen Eltern und von seiner Kindheit zu erzählen. Er gestand ihr offen ein, daß er fünf Semester verbummelt und ein lockeres Leben geführt habe.

Auch sie ging allmählich aus sich heraus und erzählte aus ihrem Leben. Friedrich sei ihr ältester Stiefbruder. Ihr Vater habe noch zum zweiten Male geheiratet, und da sei sie als Spätling zur Welt gekommen. Der Bruder, der noch mehrere Geschwister hatte, habe sich ihrer angenommen, habe sie nach dem Tode der Eltern bei einer befreundeten Familie in der Stadt untergebracht und zur Schule geschickt. Dann habe sie zwei Jahre auf einem Gut die Wirtschaft gelernt, und nun sei sie hier und glücklich, daß sie für den Bruder, dem sie soviel Dank schulde, arbeiten und sorgen könne.

10. Kapitel

Es ging schon gegen das Frühjahr, als der Oberamtmann seine Frau mit der Nachricht überraschte, ein Freund von ihm, Oberleutnant Viktor von Sawerski, bäte, als Volontär für ein Jahr aufgenommen zu werden. Er habe von einer Tante ein großes Vermögen geerbt; daraufhin habe er seinen Abschied eingereicht und beabsichtige, bei ihm die Wirtschaft zu erlernen, um sich später selbst ein Gut zu kaufen. Er könne, da er selbst als Reserveoffizier bei demselben Regiment geübt, die Bitte nicht gut abschlagen.

„Dazu liegt ja auch wohl kein Grund vor. Aber dann müssen schnell im Beamtenhaus zwei, drei Zimmer eingerichtet werden, weil dein Freund nicht im Hause wohnen kann.“

„Weshalb denn nicht?“

„Weil ich meine Freundin Adelheid schon für den Sommer eingeladen habe. Sie wird mit Freuden zusagen, denn sie wartet auf die Einladung.“

Der Mann sah sie einen Augenblick verdutzt an, dann brach er in ein dröhnendes Lachen aus.

„Das nenne ich einen schnellen Entschluß.“

Frau Olga lächelte nachsichtig. „Dein Lob habe ich nicht verdient, nein, wirklich nicht. Ich habe den Brief schon gestern geschrieben, jetzt werde ich nur noch hinzufügen, daß wir deinen Freund erwarten.“

In den Augen des Hausherrn blitzte der Schalk auf. „Frau, das würde ich nicht tun, sonst kommt sie nicht, und das würde dir doch leid tun.“

„Du bist ein arger Spötter“, erwiderte Frau Olga mit etwas verlegenem Lächeln. „Ich überlege schon, ob ich nicht besser daran täte, Adelheid nicht einzuladen. Denn du bist imstande, zarte Beziehungen, die sich vielleicht anspinnen, durch deine unzarten Spöttereien im Keime zu zerstören.“

Mit heuchlerischer Miene erwiderte der Hausherr: „Ach so, du meinst, zwischen deiner Freundin und meinem Freund könnte sich was anspinnen? Daran habe ich noch nicht gedacht, aber das ist kein übler Gedanke ... da können wir ja was erleben. Du wirst mich doch auf dem Laufenden halten.“

„Pfui, Konrad! Du meinst, Adelheid wird sofort auf deinen Freund Jagd machen?“

„Ja, das meine ich allerdings, Olga, das meine ich. Und im Ernst gesprochen, das ist doch seit ungefähr zehn Jahren die einzige Beschäftigung deiner Freundin. Und weißt du, Frau, ich wundere mich, daß sie nicht schon einen Mann erwischt hat. Sie ist klassisch schön, elegant, geistreich, belesen, hat eine prachtvolle Gestalt, singt und spielt wie eine Künstlerin. Wir wissen ja auch, daß sie überall Bewunderung erregt und Verehrer findet, aber keinen ernsthaften Bewerber. Wundert dich das nicht auch?“

„Nein, Konrad, die Männer gehen oft achtlos an einem Juwel vorüber.“

„Na, Alte, von mir kannst du das nicht behaupten.“

Frau Olga lachte laut auf. „Ein blindes Huhn findet manchmal auch ein Korn.“

„Frau Oberamtmann, das ist starker Tobak. Ich erlaube mir jedoch, dich daran zu erinnern, daß du als Braut, wenn ich dir in meines Herzens Überschwang Schmeicheleien sagte, und ich will als galanter Mann hinzufügen, berechtigte Schmeicheleien sagte, mir stets erwidertest: die Liebe macht blind, woraus zu entnehmen ist, daß ich mit sehenden Augen in mein ...“ Er räusperte sich. „... Schicksal hineingetappt bin. Und nun werde ich dir offen sagen, woran es bei deiner Freundin hapert. Sie ist erstens ein Blender, was mancher Mann nicht gern sieht, und zweitens hat sie etwas ~haut goût~ an sich ... ein Spürchen nur, aber ...“

„Du drückst dich sehr drastisch aus, Konrad, aber ich kann dir nicht ganz unrecht geben“, erwiderte die Frau. „Sie steht seit ihrem siebzehnten Jahr allein in der Welt, ist sehr selbständig geworden und benimmt sich etwas frei ... aber sie ist völlig ...“, sie lächelte fein, „wie du sagen würdest, stubenrein.“

„Na, dann sind wir wieder mal einig, liebes Weib. Dann wollen wir die beiden Briefe in die Welt senden. Verderben gehe deinen Gang.“ Er trat zu ihr, legte ihr den Arm um die Schultern und küßte sie.

„Was meinst du, Olga, soll ich ihm nicht gleich ihre Adresse schreiben? Dann könnten sie sich in Berlin schon beriechen und kommen zu uns in hellen Flammen an.“

Sie gab ihm einen Klaps auf die Backe. „Du bist ja unverbesserlich.“

Pünktlich am 1. April traf Herr von Sawerski ein. Hans Kolbe hatte sich dazu gedrängt, ihn abholen zu dürfen. Er kam sehr unbefriedigt zurück. Er war dem Gast sehr höflich entgegengetreten und hatte ihm seinen Namen genannt.

„Was sind Sie auf dem Gut?“

„Lehrling, Herr Oberleutnant.“

„So, dann nehmen Sie meine Sachen aus dem Abteil und schaffen Sie meine Koffer zum Wagen.“

Er hatte alles aufs beste besorgt, und als er sich auf den Wagen schwingen wollte, hatte Herr von Sawerski mit einer kurzen Handbewegung gesagt: „Bitte, auf den Gepäckwagen“.

Aus Ärger war er zu Fuß nach Hause gegangen und kochte vor Wut über die hochmütige Abweisung. „Dem werde ich es eintränken“, sagte er zu Franz. „Der soll was erleben.“

Einige Tage später kam ein Wagen voll Möbel an. Mit einer gewissen Schadenfreude fragte der Gutsherr Hans Kolbe, ob er nicht den Möbelwagen abholen wolle.

„Ich verzichte, Herr Oberamtmann, ich bin zur Erlernung der Landwirtschaft bei Ihnen, aber nicht, um Ihre Gäste von der Bahn abzuholen.“

Der Gutsherr schmunzelte. „Ich dachte nur, Sie hätten ein besonderes Interesse daran, sich dem Herrn von Sawerski gefällig zu erweisen.“ Es war ein Rachenputzer, der die Abneigung des Lehrlings gegen den Ankömmling noch verschärfte. Sie kam wenige Tage später zum offenen Ausdruck, als Herr von Sawerski Kolbe eines Tages auf dem Hof anrief und ihm einen Auftrag erteilte. „Sie können nach Plibischken gehen und Filzschuhe wichsen, Herr Oberleutnant, das ist eine angenehme Beschäftigung“, rief der Jüngling zurück.

Auch Franz kam bald in dieselbe Lage. Herr von Sawerski hatte ihm im Befehlston einen Auftrag erteilt. „Bedauere sehr, Herr Oberleutnant. Wenn Sie mir eine Bitte aussprechen wollten, wäre ich gern bereit, sie zu erfüllen, aber zu befehlen haben Sie mir nichts.“

Ohne Verzug war der Oberleutnant ins Herrenhaus gegangen, um sich beim Oberamtmann zu beschweren. Der nickte und setzte ein ernstes Gesicht auf. „Das ist allerdings sehr unangenehm, aber für Sie, lieber Freund. Sie müssen sich daran gewöhnen, daß die beiden Jünglinge nicht unter Ihrem Kommando stehen. Der eine hat das Abiturium gemacht, der andere das Einjährige, und beide werden in absehbarer Zeit selbständige Gutsbesitzer sein. Es ist mir nicht lieb, daß Sie diese Gegensätzlichkeiten hervorgerufen haben. Ich gebe Ihnen den Rat, solche Anlässe für die Zukunft zu meiden.“

Viktor von Sawerski war sonst kein übler Mensch. Er war nur in seiner Eigenschaft als Kavallerieoffizier dem Leben etwas fremd geworden und konnte sich nicht gleich wieder in die bürgerlichen Verhältnisse zurückfinden, in die er nach seinem Abschied eingetreten war. Er suchte seinen Mißgriff wieder gut zu machen, indem er die beiden Lehrlinge zu einem gemütlichen Abend bei sich einlud. Aber damit hatte er kein Glück. Beide lehnten schriftlich kurz die Einladung mit der Begründung ab, daß sie von der schweren Tagesarbeit zu ermüdet wären, um abends noch kneipen oder feiern zu können.

Gegen Ende April kam Fräulein Adelheid Bartenwerffer. Diesmal wurde Franz von Frau Oberamtmann gebeten, sie von der Bahn abzuholen. Er hatte sich im Laufe der Zeit eine sehr angenehme Stellung im Hause errungen. Der Gutsherr hatte ihn schon vor Weihnachten aufgefordert, zwangslos abends zu oder nach dem Abendbrot im Herrenhause zu erscheinen. Die beiden Buben Max und Hans hatten dicke Freundschaft mit ihm geschlossen, und der alte Brummbär, wie seine Frau ihn oft nannte, führte lange Gespräche über Landwirtschaft mit ihm. Gern, aber mit geringer Freude hatte er der Bitte der Hausfrau willfahrt. War es denn ausgeschlossen, daß er von der jungen Dame so ähnlich behandelt werden würde wie sein Leidensgefährte von dem Oberleutnant.

Pünktlich fuhr der Zug in die kleine Haltestelle ein. Ein Abteil zweiter Klasse öffnete sich, eine hochgewachsene, junge Dame stieg heraus. Franz trat auf sie zu, zog seine Mütze und fragte, ob er ihr behilflich sein könne. Er sei sie abzuholen gekommen. Mit einem warmen Blick umfing Adelheid Bartenwerffer den frischen Jungen, aus dessen treuherzigen Augen ihr eine ganz unverhohlene Bewunderung entgegenleuchtete. Sie streckte ihm die fein behandschuhte, schmale Hand entgegen ....

„Ich danke Ihnen, Herr ...?“

„Franz Rosumek, Lehrling bei Herrn Oberamtmann ...“

„Herr Rosumek .. Ich habe nur meine Handtasche bei mir. Wenn Sie aber mein Gepäck besorgen lassen wollen, hier ist der Schein.“

Es waren sieben große Koffer, die auf dem zweiten Wagen kaum Platz hatten. Adelheid war schon in den ersten Wagen gestiegen. „Kommen Sie, junger Freund,“ rief sie Franz zu, „ich bin nach der langwierigen Bahnfahrt etwas ungeduldig, unter Dach zu kommen.“

Behend stieg er auf den Sitz neben ihr. Sein ganzes Wesen befand sich bereits in vollem Aufruhr. Er hatte noch nie eine so elegante junge Dame in der Nähe gesehen. Ihre Schönheit verwirrte ihn. Und der feine Heliotropduft, der von ihr ausging, erregte seine Sinne.

„Es ist doch alles wohl im Hause?“, begann sie, als sich der Wagen in Bewegung setzte.

„Jawohl, alles in Ordnung.“

„Sind Sie schon lange in Polommen?“

„Seit dem 1. Oktober vorigen Jahres.“

„Haben Sie noch Kollegen im Betrieb?“

„Jawohl, gnädiges Fräulein, einen Lehrling und einen Volontär, einen Oberleutnant von Sawerski.“

„Ist das ein älterer Herr?“

„Nein, etwa dreißig. Er lernt in Polommen die Landwirtschaft, um sich später selbst ein Gut zu kaufen.“

„Was ist das für ein Mensch?“

Franz errötete wie ein Schulbube, der eine Frage nicht beantworten kann. Endlich stammelte er: „Ich bitte, mir die Antwort zu erlassen, gnädiges Fräulein.“

Sie sah ihn mit einem Blick an, bei dem es ihn heiß und kalt durchrieselte. „Aber weshalb denn?“

„Mein Urteil würde nicht unparteiisch sein, da ich mit dem Herrn einen kleinen Konflikt gehabt habe.“

„So? Auf wessen Seite lag denn die Schuld?“

Franz zuckte die Achseln. „Herr von Sawerski erteilte mir einen Befehl, den ich als Bitte ihm gern erfüllt hätte.“

Seine Begleiterin nickte ein paarmal bedächtig. „So, so!“ Dann sprang sie von dem Thema ab. „Was ist das für ein Abzeichen, das Sie in der Krawatte tragen?“

„Ein Albertus, gnädiges Fräulein. In Ostpreußen als Zeichen des bestandenen Abituriums gebräuchlich.“

„Sie haben das Abiturium gemacht und wollen Landwirt werden?“

Franz lachte vergnügt. Seine Befangenheit war von ihm gewichen. „Ich habe damit den Wunsch meines Vaters erfüllt, der eine größere Bauernwirtschaft besitzt. Das Gut ist schon lange in unserer Familie, und da ich nur eine Schwester besitze, bin ich auf den Wunsch meines Vaters eingegangen. Meine Mutter wollte gern, daß ich studieren und Pastor werden sollte.“

„Und das wollten Sie nicht ... da haben Sie den heiligen vier Fakultäten den Rücken gekehrt und sind Stoppelhopser geworden.“ Sie blitzte ihn mit ihren grauen Augen an. „Halten Sie das für das kleinere Übel?“

„Gnädiges Fräulein, ich habe weder das eine noch das andere für ein Übel gehalten. Meine Neigung ging allerdings dahin, entweder Naturwissenschaften oder Medizin zu studieren.“

„Und ein berühmter Mann zu werden, anstatt auf väterlicher Scholle Kohl zu bauen.“

„Der Ehrgeiz hat mir ferngelegen“, erwiderte Franz treuherzig. „Ich hatte nur den Wunsch, möglichst viele Kenntnisse zu sammeln. Aber das kann ich ja auch als Landwirt. Mein Vater schickt mich nach der Lehrzeit auf die Hochschule. Ich will dann nach Berlin gehen, um auch noch andere Vorlesungen zu hören.“

„Nach Berlin“, wiederholte sie mit einem sinnenden Ausdruck. Es schien Franz, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber sie schwieg. Es kam auch kein Gespräch mehr zustande, obwohl Franz sie mehrmals auf die schon eingegrünten Felder hinwies. Als der Wagen vor der Rampe vorfuhr, sprang Franz schnell heraus, lief um den Wagen herum, und öffnete ihr den Schlag. Sie nahm seine Hand und sagte leise mit einem freundlichen Blick:

„Ich danke Ihnen, mein kleiner Kavalier.“

Dann schritt sie leicht die Treppe empor und begrüßte durch Kuß und Umarmung die Frau des Hauses. „Herzlich willkommen, Heide .... Du trägst den Namen mit Recht, denn du siehst wie ein Heideröslein aus.“

Hinter ihr erklang der Baß ihres Mannes mit dröhnendem Lachen. „Ich würde den Vergleich mit einer anderen, stolzeren Rosenart passender finden. Seien Sie mir gegrüßt, verehrtes Fräulein.“ Der Riese beugte sich ritterlich über ihre Hand. „Seien Sie auch mir herzlich willkommen. Sie bringen wieder etwas Großstadtluft in unsere ländliche Einsamkeit .... Wie war die Reise?“

„Gut, bis auf den Aufenthalt in Allenstein, wo ich den D-Zug verlassen und den Personenzug erwarten mußte.“

Dann schloß sich hinter ihnen die Tür. Wie im Traum wanderte Franz zum Beamtenhaus. Jedes Wort, das sie zu ihm gesprochen, klang in ihm wieder, jeden Blick, den sie ihm geschenkt, fühlte er noch einmal. Den feinen Duft, der von ihr ausging, glaubte er noch zu spüren ....

11. Kapitel

Vor Tisch stellte Frau Olga ihrer Freundin Herrn von Sawerski vor, der sich sehr elegant angezogen hatte. Er war ein hübscher, stattlicher Mann, und trug abweichend von der Mode einen gehörigen Wischer mit buschigen Enden unter der Nase. Nur seine Augen ließen die Frische vermissen, sie sahen immer so gleichgültig, ja blasiert aus und gaben dem Gesicht etwas Gelangweiltes. Bei der Vorstellung blitzten sie auf, aber der Blick war so ungezogen, daß Adelheid sich ärgerte und in die leise Neigung ihres Kopfes eine deutliche Abweisung legte, die ihrer Freundin nicht entging.

„Ich muß Ihnen schon irgendwo begegnet sein, gnädiges Fräulein“, begann Viktor von Sawerski das Gespräch. „Ich kann mich nur nicht besinnen, wo das gewesen sein kann. Aber lange ist es noch nicht her. Vielleicht können gnädiges Fräulein mir auf die Spur helfen.“

Adelheid zuckte leicht die Achseln. „Ich kann mich wirklich nicht entsinnen.“ Und im nächsten Augenblick wandte sie sich an den Hausherrn. „Was haben Sie heute auf dem Felde geschafft, Herr Oberamtmann?“

„Eine sehr prosaische Beschäftigung, aber nützlich für den Landwirt. Ich ließ Dünger fahren und streuen.“

„Müssen Sie denn das persönlich überwachen?“

„O nein, mein Fräulein, das hat Herr von Sawerski besorgt. Ich habe mich nur überzeugt, daß der Dünger richtig gestreut wird.“

Er verzog keine Miene dabei, aber er sah mit Vergnügen, wie sein Volontär errötete und sich auf die Unterlippe biß. Adelheid sprudelte während des Essens von froher Laune, aber sie ließ Herrn von Sawerski so völlig links liegen, daß die Ehegatten es merkten und sich darüber durch einen Blick verständigten. Das war der Grund, weshalb Frau Olga ihre Freundin in ihr Zimmer begleitete und sie fragte, ob ihr die Person des Volontärs durch irgendeinen Anlaß unangenehm wäre.

„Ja, liebe Olga, das ist in der Tat der Fall. Wenn der junge Mann sich noch deutlich an unser Zusammentreffen erinnerte, hätte er es wohl vorgezogen, darüber zu schweigen.“

„Darf ich es erfahren?“

„Weshalb nicht. Ich saß vor einigen Wochen nach dem Theater mit einem befreundeten Ehepaar in einem Restaurant Unter den Linden, als Herr von Sawerski mit noch einem Herrn, anscheinend einem Kameraden, aber beide in Zivil, das Lokal betrat. Sie waren in Begleitung zweier Damen der Halbwelt und ließen sich am Nebentisch nieder. Sawerski musterte mich mit frechem Blick und machte dann eine Bemerkung zu seiner Begleiterin, worauf sie mich auch musterte.“

„Das war in der Tat eine sehr unangenehme Erinnerung.“

„Ja, Liebste, aber die Strafe folgte auf dem Fuße. Der Kellner nahm ihre Bestellung entgegen, brachte jedoch nicht das Verlangte, sondern legte den Herren eine gedruckte Karte vor, worin sie zum Verlassen des Lokals aufgefordert wurden. Ich befürchtete, eine unangenehme Szene zu erleben. Jedoch die Herren benahmen sich, obwohl sie angezecht waren, ganz vernünftig, standen auf und gingen weg. Selbstverständlich wünsche ich nicht, daß dein Mann Herrn von Sawerski darüber aufklärt, wo und unter welchen Umständen er mich schon gesehen hat. Sollte es ihm sein Gedächtnis sagen, dann wird er wohl selbst wissen, was er zu tun hat.“

Das war in der Tat der Fall. Viktor von Sawerski hatte sich stundenlang mit der Erinnerung gequält, bis es wie ein Blitz in ihm aufschoß. Er suchte und fand abends Gelegenheit, Adelheid einen Augenblick allein zu sprechen. „Gnädiges Fräulein, ich bin untröstlich, daß Sie an unser erstes Zusammentreffen eine solche unangenehme Erinnerung mitgenommen haben. Ich habe mich, wie ich annehmen muß, nicht ganz korrekt benommen ....“

Mit einem eisigen Blick erwiderte Adelheid: „Ich kann mich wirklich nicht besinnen, Herr von Sawerski. Es tut mir leid, wenn die Erinnerung für Sie unangenehm ist.“

Damit ließ sie ihn stehen und ging weg. Am nächsten Morgen brachte ihr das Mädchen einen Brief von Viktor, worin er sie reumütig um Verzeihung bat, wenn er sie, wie ihm sein Gedächtnis sage, durch einen ungezogenen Blick beleidigt habe. Er sei in eine lustige Gesellschaft von Kameraden geraten. Schließlich seien die beiden Personen an ihm und seinem Freunde hängen geblieben.

Lächelnd zeigte Adelheid den Brief ihrer Freundin. „Ich weiß ja, daß junge Offiziere nicht das Leben von Wüstenheiligen führen, aber ...“

„Für den Blick bittet er dich ja um Verzeihung. Und ich meine, du brauchst dich nicht unversöhnlich zu zeigen. Er ist wirklich kein übler Mensch und führt hier auf dem Gut einen exemplarisch musterhaften Lebenswandel. Darf ich mal offen sprechen, liebe Adelheid?“

„Ich bitte darum.“

„Nun also: Sawerski besitzt ein ansehnliches Vermögen und wird in Jahr und Tag sich ein Gut kaufen. Das allein weist schon auf einen guten Untergrund in seinem Charakter hin, daß er nicht das behäbige Leben eines Reiteroffiziers fortsetzt, sondern sich einen Beruf gewählt hat, der, wie du gestern mittag von meinem Mann gehört hast, nicht mit Rosen bestreut ist.“

Adelheid lachte laut auf. „Und was ist deiner Rede kurzer Sinn?“

„Daß es nicht ausgeschlossen ist, daß Sawerski für dich Interesse gewinnt. Ganz gleichgültig bist du ihm schon jetzt nicht. Aber wenn er etwas praktisch veranlagt ist, muß er Bedenken tragen, sich dir zu nähern und, offen herausgesagt, sich um dich ernstlich zu bewerben.“

„Ach, du Gute, denkst du wirklich daran? Und welche Bedenken sollte der junge Mann gegen meine Person haben?“

„Nimm es mir nicht übel, liebe Adelheid, -- weil du das Leben einer Orchidee führst, die nur blüht, mit ihrer Schönheit prangt und ihre Düfte versendet. Es war auch nicht praktisch, daß du bei Tisch von deinem alljährlichen Aufenthalt in Baden-Baden, Ostende und ähnlichen Orten erzähltest und dabei die Grafen und Barone aufmarschieren ließest, mit denen du verkehrt hast. Das hat ihm, wie ich zu bemerken glaubte, nicht gefallen.“

Etwas empfindlich erwiderte Adelheid: „Möchtest du mir nicht gleich auch das Rezept verschaffen, wie ich dem jungen Mann gefallen könnte?“

Ohne auf ihre Empfindlichkeit zu achten, erwiderte Frau Olga: „Gern ... du brauchst nur etwas Interesse für die Pflichten einer Gutsfrau zu zeigen. Glaube mir, auch auf einem solchen Gut wie das unsrige es ist, muß die Hausfrau auf vielen Stellen nach dem Rechten sehen. Und das kann Sawerski mit Recht auch von seiner Gattin verlangen. Und nimm noch einen Rat von mir: Kleide dich etwas einfacher. Du kannst hier auf dem Lande deine kostbaren Toiletten schonen.“