Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren
Part 6
Zu Weihnachten gab ihm sein Chef Urlaub bis nach Neujahr. Am heiligen Abend begann es zu schneien und schneite durch, bis in die Nacht zum zweiten Feiertag. Schon bei Tagesgrauen fuhr der Forstmeister mit Walter auf einer Schleife ohne Kufen, die leicht über den lockeren Schnee wegglitt, in den Wald. Es war nicht ausgeschlossen, daß die schlimmen Gäste aus Rußland sich eingestellt hatten. Fast alljährlich kamen Wölfe einzeln oder in kleinen Rudeln im Winter über die Grenze und richteten in dem Wildstand der preußischen Grenzforsten schweren Schaden an. Sie fanden auch wirklich die Fährte zweier Wölfe und die Überreste eines Rehes, daß sie gerissen und aufgefressen hatten.
Eine Stunde später hatten sie die Räuber in einem Jagen des Torfbruches eingekreist, und nun ging es in aller Eile nach Hause. Erst wurden die Förster durch den Fernsprecher benachrichtigt, die eine Menge Treiber aufbieten sollten, dann ging die Mitteilung an eine Anzahl Jäger in die Stadt. Kurz vor Mittag war die Jagdgesellschaft an dem Jagen versammelt. Die Treiber, die den Dienst schon kannten, bestellten in aller Stille drei Seiten des Jagens, während die vierte von den Jägern besetzt wurde. Bald nachdem die Treiber mit heftigem Gebrüll in das verschneite Dickicht eingedrungen waren, krachte ein Schuß. Bald darauf fielen noch zwei Schüsse. Beide Wölfe waren zur Strecke gebracht. Der eine vom Forstmeister, der andere vom Major Aldenhoven.
Das Weidmannsheil wurde in der Waldschänke gefeiert. Olga bediente ihre zahlreichen Gäste sehr gewandt und aufmerksam. Das Verschwinden ihres Onkels schien sie nicht sehr zu bekümmern. Und als der Major versprach, unauffällig Erkundigungen einzuziehen, zuckte sie nur die Achseln und meinte, das hätte doch keinen Zweck. Am anderen Vormittag ging Walter allein zu ihr. Olga erzählte ihm ganz unbefangen, sie habe jetzt einen Bräutigam, einen sehr ordentlichen Menschen. Zum Frühjahr, wenn sie mündig geworden wäre, wollte sie ihn heiraten, die Waldschänke verkaufen, wenn der Onkel noch nicht zurückgekehrt wäre und in der Stadt einen Laden aufmachen. Walter fühlte, daß das lyrische Intermezzo vom Herbst keine Fortsetzung finden würde und verabschiedete sich bald.
* * * * *
Wenige Tage später durchlief die Kunde, daß Grinda zurückgekehrt wäre, die ganze Gegend. Er war verlaust und verlumpt und sah jämmerlich elend aus. Der Forstmeister, der auch unter den Gedanken litt, daß er dazu beigetragen hätte, den alten Schulkameraden ins Unglück zu bringen, ging sofort zu ihm, und fand ihn im Bett liegen.
„Ja, Forstmeister,“ meinte er, mit einem schwachen Versuch zu lächeln, „diesmal bin ich nur mit knapper Not der hanfenen Halsbinde entgangen. Ein Glück nur war’s, daß ich mich auf mein gutes Gedächtnis verlassen und deshalb mir auch nicht die kleinste Aufzeichnung gemacht habe. Mein Notizbuch enthielt nur Eintragungen über meine Käufe und Verkäufe. Ich hatte mir den Plan zurecht gelegt, hier und dort bei den Bauern einige Stücke Vieh aufzukaufen und sie nach Garnisonorten zu treiben, um sie an die Proviantämter der Truppen, mit oder ohne Nutzen zu verkaufen. Das Geschäft ging gut und ich habe in den ersten drei Wochen eine ganze Menge neuer wichtiger Nachrichten gesammelt.
Plötzlich wurde ich in Augustowo, als ich schon an die Rückreise dachte, verhaftet und in die Kosa gesperrt. Am nächsten Morgen wurde ich scharf verhört. Ich stellte mich dumm und berief mich auf einen jüdischen Großhändler, der mir bezeugen kann, daß ich schon viele Jahre in Rußland als Aufkäufer tätig sei. Der russische Auditeur fiel darauf rein und ließ den Mann holen und mir gegenüberstellen. Auf diese Weise erfuhr der Händler, wo und in welcher Gefahr ich mich befand.
Du, Forstmeister,“ unterbrach er seinen Bericht, „ich bin ohne Zweifel auf eine Anzeige von deutscher Seite aus verhaftet worden. Hier muß einer nicht dicht gehalten haben.“
„Das ist ganz ausgeschlossen“, erwiderte der Grünrock. „Von den wenigen Offizieren, die um den Zweck deiner Reise wußten, hat sicher keiner geplaudert und von mir ist es wohl selbstverständlich. Vielleicht ist eine weibliche Zunge im Spiel.“
„Damit kannst du nur meine Nichte meinen.“ Er pochte an die Wand, worauf Olga eintrat. Sie leugnete ganz entschieden, obwohl sie sich daran erinnerte, daß sie es Walter gesagt hatte, wohin der Onkel gefahren war.
„Dann bleibt es mir unerklärlich,“ fuhr Grinda fort, „daß der russische Auditeur wußte und mir vorhielt, daß ich hier in der Waldschänke ein gutgehendes Geschäft habe. Ich erwiderte, das Geschäft sei so schlecht gegangen, daß ich meine Ersparnisse zugesetzt hätte und gezwungen gewesen wäre, so wie früher meinen Unterhalt durch Viehhandel zu erwerben. Acht Tage brachte ich in einem elenden Loch zu, wo es von Ungeziefer wimmelte. Dann wurde ich wieder zum Verhör geführt, wo man mir vorhielt, daß das Geschäft hier glänzend ginge. Man hatte also hier einen Gewährsmann, bei dem man Erkundigungen einziehen konnte. Ja noch mehr, es sei hier bekannt, daß ich nach Rußland gegangen sei, um Spionage zu treiben.
Ich erwiderte, ich hätte mir doch keine Aufzeichnungen gemacht, wie sollte ich alles, was ich hörte oder sah, in meinem Gedächtnis behalten. Der Auditeur meinte mit einem boshaften Lächeln, es gäbe schon Mittel und Wege, das, was man jeden Tag erfahre, über die Grenze zu schaffen. Mensch, Forstmeister, mir war nach diesem Verhör ganz eklig zu Mut. Ich fühlte schon den Strick an meiner Gurgel. Einige Tage später wurde ich auf einer Kibittke von Kosaken eskortiert nach Suwalki gebracht und dort noch dreimal verhört. Ich hatte schon alle Hoffnung verloren, als ich eines Tages in meinem Kommißbrot ein Päckchen fand, das eine scharfe Feile und etwas Geld enthielt. Von wem, das weiß ich, aber davon schweigt des Sängers Höflichkeit. Ich sägte in der nächsten Nacht einen Stab meiner schwedischen Gardinen durch, brach aus und fand bei meinem Helfershelfer Unterschlupf, wo ich noch drei Wochen in einem Versteck liegen mußte, bis ich nachts über die Grenze geschafft werden konnte. Aber ich habe nicht umsonst die Angst ausgestanden, ich bringe eine Menge wichtiger Nachrichten mit. Es ist wohl am besten, wenn ich mit dem Major bei dir zusammentreffe.“
In froher Stimmung berichtete der Forstmeister zu Hause die Erlebnisse seines Schulkameraden. Als er erwähnte, daß die Anzeige von deutscher Seite ausgegangen sein müßte, wurde Walter abwechselnd rot und blaß und sein Schuldbewußtsein war so stark, daß es ihm das Bekenntnis entriß, das Geheimnis ausgeplaudert zu haben. „Dann ist der Oberkellner im Café ein verkappter russischer Spion, und er hat die russischen Behörden benachrichtigt. Ich habe ihn im Verdacht, daß er jeden Abend die Offiziere belauscht, um manches zu erfahren, was ihm wissenswert erscheint.“
Der Forstmeister hielt erst seinem Sprößling eine heftige Standpauke und dann teilte er dem Major die Rückkehr Grindas und Walters Verdacht gegen den Oberkellner mit.
Zwei Stunden später rief der Major an, der Vogel sei schon in der vergangenen Nacht ausgeflogen. Er habe eine Anzahl Papiere in seinem Zimmer verbrannt, aber man habe noch genug gefunden, was den Verdacht bestätigte, unter anderem eine Anzahl falscher Pässe und Ausweise, die der Bursche wie zum Hohn offen auf seinen Tisch hingelegt habe. Man vermute einen russischen Offizier in ihm. Er sei ohne Zweifel in einer Verkleidung über die Grenze entkommen und längst in Sicherheit.
9. Kapitel
Gleich nach Neujahr setzte heftiger Frost ein. Dabei wehte ein lebhafter Nordwest, der die Kälte noch fühlbar verschärfte. Die großen masurischen Seen waren schon vor Weihnachten zugefroren. Jetzt barst ihre Eisdecke unaufhörlich unter donnerähnlichem Krachen. Ein handbreiter Spalt klaffte, aus dem das Wasser über die Ränder drang. An jedem Abend, wenn die Sonne in einem Glutmeer unterging, das mit unheimlicher Pracht den Himmel bedeckte, begann ein Höllenkonzert. Bald rollte und grollte es wie dumpfverhallender Donner, bald krachten scharfe Schläge wie Kanonendonner einer großen Schlacht.
Nach acht Tagen ging der Wind herum nach Westen und trieb dunkle, schwere Wolken herauf, aus denen der Schnee still in großen Massen fiel. Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht. Immer höher häuften sich die weißen Massen auf den Wipfeln der Kiefern und Fichten. Den Rottannen vermochte der Schnee keinen Schaden zu tun. Ihre elastischen Äste bogen sich unter der Masse abwärts, bis die Last abrutschte und sie sich wieder aufrichten konnten. Aber aus den Wipfeln der Kiefern brach der Schnee schenkeldicke Äste und riß dem Baum tiefe Wunden, in die der Frost eindrang und dem Baum ans Lebensmark ging.
Am schlimmsten sah es in den Kiefernschonungen aus, wo die Stämme schlank wie eine Gerte emporschießen. Wer da im Wachstum mit den Genossen nicht gleichen Schritt hält, wird von Luft und Licht abgeschnitten und geht kümmerlich ein. Jetzt wurde der schlanke Wuchs ihr Verderben. Die Last, die sich unaufhörlich auf ihre Wipfeln herabsenkte, bog die dünnen Stämme abwärts. Flocke auf Flocke sank hernieder, immer tiefer bog sich der Baum, bis er mit scharfem Knall abbrach. Und nicht bloß einzelne erlagen dem Verderben, nein, wie ein nie ersterbendes Gewehrfeuer knatterte es in den Schonungen.
Erschreckt, verängstigt flüchtete das Wild aus dem Walde und trieb sich am Tage auf den Feldern umher, denn die Nacht war nicht lang genug, um ihren Hunger zu stillen, weil der Schnee fußhoch die Nahrungsquelle, die Wintersaat, deckte. Die Rebhühner zogen sich bis in die Hausgärten hinein und kamen ohne Scheu angelaufen und geflattert, wenn eine mitleidige Hand ihnen Hintergetreide als Futter streute. Auf den Gehöften wanderten die Krähen wie zahme Haustiere umher und lungerten nach jedem Abfall, den sie gierig verschlangen.
Auf den Feldern hörte jede Arbeit auf. Das Wirtschaftsgebiet des Landmanns beschränkte sich auf die Ställe. Walters Lehrherr war ein erfolgreicher Viehzüchter, die Ställe waren musterhaft eingerichtet. Seine Butter ging unter der Marke „Maiblüte“ im Sommer und Winter nach Berlin. Der Schweizer war ein sehr zuverlässiger, älterer Mann, dem man in jeder Beziehung vertrauen konnte. Trotzdem hielt sich der Gutsherr täglich stundenlang in den Ställen auf.
Er war ein sehr ernsthafter Mensch, der sich unter einem schweren Schicksal mühsam emporgerungen hatte und nun in seinem Beruf volles Genüge fand. Aber ihn dauerte der junge Mensch, der seiner Obhut übergeben war. Eine große Begeisterung für den ihm von der Not aufgedrungenen Beruf durfte er bei ihm nicht voraussetzen. Dazu entbehrte er den Umgang mit Altersgenossen, die Abwechslung die wie eine Entspannung und Erholung wirkt, und Geist und Körper mit neuer Spannkraft erfüllt.
Im Herbst bis Weihnachten hatte Walter noch eine kleine Auffrischung durch die Jagd. Sie beschränkte sich allerdings darauf, daß er gegen Abend an den Waldrand ging und auf dem Anstand einen Küchenhasen erlegte. Jetzt hatte das auch aufgehört. Dafür stellte Walter, der schon etwas Erfahrung aus dem Elternhause mitbrachte, den ranzenden Füchsen mit dem Tellereisen nach und richtete in den Remisen Futterstellen ein, die von dem hungernden Wild dankbar angenommen wurden.
Dann unternahm es Braun, seinen Zögling in die Geheimnisse der Buchführung einzuweihen. Er ließ ihn in das wissenschaftliche Rüstzeug eines gebildeten Landwirts hineinsehen, der vorsichtig Ausgaben und Einnahmen abwägt, der die Gestehungspreise seiner Erzeugnisse genau verfolgt und schlechtere Methoden gegen bessere ersetzt. Und Walter war praktisch genug veranlagt, um die Wichtigkeit dieser Berechnungen zu erfassen und ihnen Interesse abzugewinnen.
Eines Tages schlug sein Lehrherr ihm vor, gegen Abend nach Polommen zu fahren und sich mit den beiden jungen Leuten bekannt zu machen. Er könne sie auch zu sich einladen, um gemeinsam die langen Abende zu verbringen. Mit Freuden nahm Walter den Vorschlag auf und fuhr im Einspänner hinüber. Franz, obwohl mehrere Jahre jünger als er, war ihm schon von der Schule her bekannt. Er wurde freundlich von ihm begrüßt. Franz hatte es sich in seiner Bude, in der angenehme Wärme herrschte, behaglich gemacht. Blaue Rauchwolken erfüllten das Zimmer. Er saß auf dem Sofa bei der brennenden Lampe. Der Tisch war mit aufgeschlagenen Büchern bedeckt.
„Mensch, was studierst du denn so eifrig“, fragte Walter nach der Begrüßung.
„Ich berechne die Ergebnisse des Körnerbaues nach den verschiedenen Düngungsarten.“
„Das muß eine interessante Beschäftigung sein,“ lachte Walter, „ich habe auch schon in die Geheimnisse der Wirtschaftsführung bei meinem Lehrherrn hineingerochen. Für heute abend möchte ich jedoch eine leichtere Beschäftigung vorschlagen. Spielst du Skat?“
„Jawohl, aber es ist auch danach, dazu muß ich aber meinen Leidensgefährten als dritten Mann heranholen.“
„Erst noch eine Frage: Was ist das für ein Mensch?“
„Gährender Most“, erwiderte Franz lachend. „Er hat auf der Presse das Einjährige errungen und betrachtet alles, was er jetzt noch lernen muß, als eine unwürdige Beeinträchtigung seiner persönlichen Freiheit. Ich mag ihn nicht, aber als Notnagel zum Skatspiel wird er zu brauchen sein.“
Kolbe war natürlich mit Vergnügen bereit, den dritten Mann zu machen. Er sorgte sofort für heißes Wasser. Rum und andere Getränke hatte er stets vorrätig, denn damit wurde er reichlich von Hause versorgt. Es wurde ein ganz vergnügter Abend, denen bald mehrere, entweder hier oder in Nonnenhof, folgten. Walter wunderte sich über sich selbst, daß er an diesem harmlosen Spiel zu geringen Sätzen Gefallen fand. Er wäre jedoch gern abends irgendwohin ausgekniffen, wo es schärfer zuging, wenn es nur möglich gewesen wäre.
Anfang Februar hörte Walter von der Mamsell, die dem unverheirateten Gutsherrn die Wirtschaft führte, daß Braun für einige Tage verreisen werde. Er bringe seine Schwester mit, für die sie die zweite Giebelstube einrichten sollte. Der älteren Person, die in der Küche ein strenges Regiment führte, schien die Vermehrung des Hausstandes durch ein weibliches Wesen nicht sehr zu passen. Wenn die Schwester dem Bruder glich, dann war es wohl mit ihrer Alleinherrschaft im Gutshause zu Ende.
Walter nahm die Neuigkeit mit geringer Teilnahme entgegen. Auch er hatte keine Hoffnung, daß die Vermehrung des Hausstandes durch eine alte Jungfer eine angenehme Abwechslung in ihrem Dasein hervorrufen würde. Sein Lehrherr machte ihm am Abend eine kurze Mitteilung von seiner Reise und sprach die Erwartung aus, daß er bei seiner Rückkehr alles in bester Ordnung vorfinden werde.
Bei Tagesgrauen fuhr Braun zur Bahn. Walter ging noch einmal durch die Ställe, um sich zu überzeugen, daß die Leute alle an der Arbeit waren. Als er den Kälberstall betrat, sagte ihm seine Nase, daß jemand darin geraucht haben müßte, was der Feuersgefahr wegen streng verboten war. Er roch deutlich den süßlichen Duft einer Zigarette. Der Missetäter konnte nur einer von den beiden halbwüchsigen Bengeln sein, die dabei waren, den Dünger aus dem Stall zu schaffen. Ohne ein Wort zu verlieren, holte er sich den Schweizer, der in erster Linie für die Ordnung im Stall verantwortlich war. Der Mann geriet in Aufregung und fuhr die beiden Bengel heftig an, die mit dreister Stirn leugneten. Ja, einer besaß sogar die Frechheit, zu sagen, vielleicht habe der Lehrling selbst geraucht, und wolle es nun auf sie schieben.
Walter schwieg dazu, aber eine Stunde später ließ er sich den Burschen, in dem er mit Recht den Übeltäter vermutete, auf den Speicher kommen und versohlte ihm gründlich das Leder, teils für das Rauchen, teils für die freche Beschuldigung. Den ganzen Tag über hielt sich Walter im Kälberstall auf, um eine Wiederholung des Rauchens zu verhüten.
Es war nicht ausgeschlossen, daß er den Kälbern einen Schaden zufügte, um Walter Ärger zu bereiten. Die heimtückischen, haßerfüllten Blicke, die der geprügelte Bursche ihm zuwarf, ließen ihn kalt. Am Nachmittag forderten die Pollommer Stoppelhoppser ihn durch den Fernsprecher auf, zu einem vergnügten Abend herüber zu kommen. Er erwiderte, er könne nicht von Hause fort, weil sein Chef verreist wäre. Sie möchten sich zu ihm bemühen. Bald nach dem Kaffee kamen beide an. Noch vor zehn Uhr rüsteten sie sich zum Aufbruch Gemeinsam gingen sie nach dem Stall, wo ihr Gaul eingestellt war, um ihn anzuspannen. Als sie um die Ecke des Kälberstalles bogen, sah Franz einen Menschen aus der offenen Tür schlüpfen und im Dunkeln verschwinden. Im nächsten Augenblick rief er: „Es riecht nach Rauch, das kann nur aus dem Stall kommen.“
Als sie durch die Tür stürmten, liefen schon an zehn bis zwölf Stellen knisternde Flammen durch das Stroh, das den Kälbern zur Nacht eingestreut war. Die verängstigten Tiere rissen wild an ihren Halftern und schlugen wie rasend mit den Hinterbeinen aus. Mit einigen Sätzen war Walter an dem Wasserrohr, aus dem die gemauerten Tröge gespeist wurden, während die beiden anderen die Flammen auszutreten versuchten. Dichter Rauch begann das Gebäude zu füllen. Die Schafe, die am anderen Ende eingepfercht waren, übersprangen ihre Hürden und rasten im Stall umher.
„Wasser her!“ schrie Franz, „dann schaffen wir’s noch.“
Da kam auch schon Walter mit zwei gefüllten Eimern angelaufen. Es war die höchste Zeit, denn an mehreren Stellen leckten bereits die Flammen an den Stangen, mit denen die Abteilungen geschieden waren, empor.
Es war ein großes Glück, daß der von einem Windmotor gespeiste Behälter, der sich auf dem Boden befand, mit Wasser gefüllt war, das im kräftigen Strahl aus dem Rohr schoß. Die Jünglinge schwitzten vor Eifer und Aufregung. Ihre Kleidung wurde naß, aber sie bezwangen das Feuer. Der größte Schaden war verhütet.
Jetzt galt es nur noch, die Kälber umzustellen und die Schafe, die auf den Hof hinausgelaufen waren, einzufangen und zurückzubringen. Der Schweizer und die Knechte wurden geweckt, dann nahm Walter seine Helfer mit, um den Brandstifter abzufassen. Er vermutete ihn anscheinend schlafend in seiner Kammer zu finden, aber er täuschte sich. Der Bursche war ausgerückt und hatte seine Sachen mitgenommen. Erst eine Stunde später, als alles wieder in Ordnung gebracht war, fuhren die Pollommer, durch deren tatkräftige Hilfe ein unermeßlicher Schaden verhütet worden war, ab. Walter hatte ihnen wiederholt mit herzlichen Worten gedankt, und sie noch durch ein Glas Grog gestärkt.
Er hatte noch keine Lust, sich schlafen zu legen. Er nahm den scharfen Hofhund von der Kette und suchte ringsum das Gehöft und das Gelände ab, obwohl es wenig wahrscheinlich war, daß der Brandstifter noch einmal zurückkommen würde, um sein Verbrechen zu wiederholen.
Am nächsten Morgen wurde der Gendarm von dem Vorfall und dem Verschwinden des Burschen unterrichtet. Er veranlaßte den üblichen Steckbrief, womit die Sache zunächst für längere Zeit und vermutlich für immer erledigt war.
Mit einigem Bangen erwartete Walter die Rückkehr seines Lehrherrn. Daß er dem Burschen des Rauchens wegen das Leder ausgewackelt hatte, war offenes Geheimnis des Hofes, und daß das Feuer aus Rache dafür angelegt war, konnte man auch nicht bezweifeln. Es war also das beste, was er tun konnte, daß Walter den Chef bei seiner Ankunft in Empfang nahm und ihm offen alles berichtete. Er sah ein zierliches, wegen der Kälte völlig vermummtes Persönchen, aus dem Schlitten steigen und ins Haus eilen. Braun nahm Koffer und Tasche seiner Schwester und folgte ihr, ohne die Mitteilung seines Zöglings einer Erwiderung zu würdigen. Er hatte Hans Kolbe auf dem Bahnhof getroffen und von ihm schon alles erfahren.
Mit einem unbehaglichen Gefühl ging Walter zum Kaffee ins Haus. Aber nicht so wie er es bisher gewöhnt war, in seiner Arbeitskleidung, sondern er begab sich auf sein Zimmer und zog sich nicht nur um, sondern er befreite auch sein Gesicht von den mehrere Tage alten Bartstoppeln. Sein Chef lächelte, als sein Eleve geschniegelt und gebügelt ins Zimmer trat und sich mit einer tiefen Verbeugung der Schwester vorstellte, die ihm mit freundlichem Lächeln die Hand bot. Walter hatte sehr gewandte Umgangsformen, aber der Unterschied zwischen der Erwartung und der Wirklichkeit verschloß ihm die Sprache. Mühsam raffte er sich zu der Frage auf, ob die Reise nicht sehr beschwerlich gewesen wäre.
Mit hellem Lächeln, das wie ein Glöckchen klang, erwiderte Minna: „Ich bin nicht sehr empfindlich gegen Kälte, und die Bahn war gut geheizt.“
Jetzt wagte Walter sie unauffällig zu mustern, und was er sah, gefiel ihm sehr. Eine zierliche Gestalt mit angenehm gerundeten Formen, ein feingeschnittenes Gesicht mit sanften, aber munteren, braunen Augen, und ein überreiches Haar von der Farbe reifer Kastanien, mit einem goldigen Schimmer. Eine Ähnlichkeit zwischen Bruder und Schwester war nicht zu erkennen. Selbst wenn man in Betracht zog, daß die junge Dame weitaus jünger war als der Gutsherr und höchstens zwanzig Lenze zählen konnte.
„Ihr Freund hat uns auf dem Bahnhof schon von der Brandstiftung erzählt“, fuhr Minna fort. „Sie haben ja eine Heldentat vollbracht.“
„Zwei“, warf der Gutsherr trocken ein.
Unwillkürlich errötete Walter. „Wie meinen Sie, Herr Braun?“
„Nun, die erste war die Durchprügelung des Burschen.“
„Ich konnte ihm doch das Rauchen nicht durchgehen lassen, besonders, nachdem er sich so frech benommen hatte“, verteidigte sich Walter.
„Ich bin ganz Ihrer Meinung und hätte es jedenfalls auch getan. Aber dann mußten Sie mit der Rachsucht des Lümmels rechnen und sich vorsehen.“
„Ich konnte doch nicht annehmen, daß er, um sich an mir zu rächen, Feuer anlegen würde.“
„Ach, Friedrich,“ warf die Schwester ein, „das hättest du auch nicht verhindern können! Und du kannst doch wirklich zufrieden sein, daß das Unheil durch die tatkräftige Entschlossenheit der drei jungen Herren glücklich abgewendet wurde.“
„Ja, allein hätte ich es wohl kaum geschafft“, bekannte Walter ehrlich. „Es war auch ein glückliches Zusammentreffen, daß wir dazu kamen, als das Feuer eben erst im Entstehen war.“
Schon beim Abendessen merkten beide Männer, daß mit dem jungen Mädchen eine ihnen ungewohnte Behaglichkeit in das Haus eingezogen war. Der runde Tisch, an dem sie von einer griesen Wachsdecke zu essen gewohnt waren, war mit weißem Linnen bedeckt, und das Essen selbst war anders und schmackhafter zubereitet, als bisher. Nach dem Abendessen setzte sich Walter unaufgefordert ans Klavier und spielte im bunten Wechsel Volkslieder, Tänze und alles, was ihm in den Sinn und die Finger kam. Als er sich gegen zehn Uhr empfahl, reichte ihm Braun die Hand. „Ich habe Ihnen heute einen Vorwurf machen müssen, gegen den sie schon meine Schwester in Schutz genommen hat. Ich wollte Ihnen bloß noch sagen, daß ich vorhin nachgerechnet und festgestellt habe, daß meine Existenz vernichtet gewesen wäre, wenn der Stall mit dem Vieh verbrannt wäre. Alles, was ich in fünf Jahren mir erarbeitet habe, wäre zum Deuwel gewesen.“
„Sind Sie denn nicht versichert?“
„Ja, aber nicht hoch genug. Ich habe mich bisher vor einer Erhöhung meiner Ausgaben gescheut, aber nun habe ich es sofort nachgeholt und gleich eine erhebliche Erhöhung der Versicherung beantragt. Von morgen an können wir ruhig schlafen.“
„Dann wollen wir doch heute Nacht noch Wache halten.“
„Das geschieht bereits. Der Kämmerer und der Schweizer sind jetzt schon draußen; nachher löse ich sie ab.“
„Und dann komme ich an die Reihe“, rief Walter.
„Ja, ich wollte Sie darum bitten. Wenn Sie von eins bis zwei die Wache übernehmen wollen.“
„Ich werde pünktlich zur Stelle sein.“
„Aber, Friedrich, glaubst du wirklich, daß der Brandstifter sich noch einmal hertrauen wird?“ fragte die Schwester.
„Ich traue dem Burschen alles zu.“