Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren

Part 5

Chapter 53,760 wordsPublic domain

Er lachte dabei so herzlich, daß bei Franz jede Befangenheit schwand. „Ich werde mir Mühe geben, Ihre Zufriedenheit zu erringen.“

„Geschenkt! Das ist doch die erste Vorbedingung. Also abgemacht, sela. Zum 1. Oktober treten Sie an. Und nun wollen wir nach dieser anstrengenden Tätigkeit frühstücken.“

Er führte seine Gäste in das Nebenzimmer, wo bereits der Tisch mit all den guten Sachen, die es in einem Gutshause gibt, gedeckt war. Bald darauf trat die Frau des Hauses ein, eine hohe, schlanke Gestalt, mit reichem kastanienbraunem Haar und einem überaus freundlichen Lächeln auf dem schönen Gesicht. Gleich darauf stürmten zwei Knaben von sieben und fünf Jahren herein. Als sie die fremden Gäste erblickten, machten sie einen tiefen Diener und gaben beiden die Hand. Dann stieg der Jüngere seinem Vater auf das Knie, faßte mit beiden Händen in den Bart und gab ihm einen Kuß. Ganz warm stieg es bei diesem Anblick in Franz auf. Sein zukünftiger Lehrmeister war sicher ein herzensguter Mann, der keinem Unrecht tat.

Die vier Wochen, die Franz noch zu Hause weilte, vergingen ihm wie im Fluge. Er stand mit dem ersten Hahnenschrei auf und half den Tag über wacker bei der Ernte. Abends sank er totmüde ins Bett. Die Mutter war mit seiner Tätigkeit durchaus nicht einverstanden. Er sollte sich nach der schweren Vorbereitungszeit fürs Examen erholen, anstatt sich so anzustrengen. Aber Franz ließ sich nicht beirren. Und Onkel Uwis lobte ihn, wenn er mal abends auf ein halbes Stündchen zu ihm ging. Auch einen Teil der Saatzeit machte Franz noch beim Vater durch. Öfter wurde er vom Felde nach Hause geholt, um Wäsche oder ein neues Kleidungsstück anzuprobieren. Denn die Mutter stattete ihn sehr reichlich aus und schärfte ihm bei öfteren Ermahnungen ein, daß er sich zu jeder Mahlzeit im Herrenhause umziehen müsse.

„Du fragst einfach die gnädige Frau, wie du zu Tisch erscheinen sollst. Sagt sie: wie Sie angezogen sind, dann ziehst du dir die neuen Kniestiefel und die neue Joppe an und nimmst dir einen reinen Kragen um. Du kannst ihn ja nach dem Essen wieder gegen den anderen vertauschen.“

Lächelnd hörte Franz die Mutter an. Zum Schluß faßte er sie um und versicherte ihr, daß er alle ihre Ermahnungen beherzigen werde. Er wußte: das Mutterherz würde ihn auch in die Fremde begleiten und um ihn sorgen.

Am Tage vor seiner Abreise ging Franz zu Frau Grigo. Lotte empfing ihn und plauderte mit ihm, bis die Mutter aus der Küche hereinkam. Ein von Sorgen und schwerer Arbeit zermürbtes Frauchen. Nachdem sie ihm einen Sack voll guter Wünsche auf den Lebensweg mitgegeben hatte, fragte sie plötzlich, ob es wahr wäre, daß es bald Krieg gäbe. Erstaunt zuckte Franz die Achseln. „Das weiß ich nicht, Tante. Es ist schon so oft davon geredet worden, daß wir mit Rußland Krieg bekommen sollen, aber bis jetzt ist es doch noch nicht eingetroffen. Für uns hier an der Grenze wäre es ein großes Unglück.“

„Ja, ein sehr großes Unglück, mein lieber Franz.“

Abends, als er mit den Eltern bei Onkel und Tante Uwis war, erzählte er von der sonderbaren Frage der Lehrerwitwe. Der Pastor blies dicke Rauchwolken aus seiner Pfeife. „Ich bin in den letzten Tagen auch oft danach gefragt worden. Da hat irgendein Esel sich den Spaß gemacht, das Gerede unter die Leute zu bringen.“

„Also du hältst nichts davon, Onkel?“

„Das ist eine andere Frage, mein lieber Junge. Ich weiß ja nicht mehr, als was in den Zeitungen steht, aber ich habe das Gefühl, als wenn wir hier in Ostpreußen und namentlich wir hier an der Grenze wie auf einem Pulverfaß leben. Es braucht nur ein Funke hineinzufallen, dann fliegen wir in die Luft. Und Funken fliegen genug umher. Ich denke jedoch, wir tun nicht gut, uns heute mit diesen Sorgen das Herz zu beschweren. Wir müssen hinnehmen, was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß über uns verhängt und damit basta. Hier hast du etwas auf die Reise.“ Er reichte ihm einen verschlossenen Brief. „Den gib deinem Lehrherrn mit einem schönen Gruß von mir. Ermahnungen brauche ich dir nicht mit auf den Weg zu geben. Ich weiß, daß du deinen Eltern und mir keine Schande machen wirst.“

Am andern Morgen brachte Rosumek seinen Jungen selbst nach Polommen. Er bekam im Beamtenhaus ein freundliches Stübchen angewiesen, packte seine Sachen aus und ging dann ins Herrenhaus, um sich anzumelden. Der Oberamtmann empfing ihn kurz angebunden. „Gleich nach Mittag ziehen Sie sich einen derben warmen Anzug an, denn Sie werden die Kartoffelgräber beaufsichtigen. Jetzt stellen Sie sich dem Oberinspektor Balk vor, der Sie unter seine Obhut nehmen und Ihnen die nötigen Anweisungen erteilen wird. Wenn Sie irgendein Anliegen an mich haben, bin ich für Sie jederzeit zu sprechen.“

„Aller Anfang ist schwer, sagte der Teufel, da stahl er einen Amboß.“ Mit grimmigem Humor murmelte Franz die Worte vor sich hin, während er hinter der Reihe der Kartoffelgräber langsam auf und ab ging. Er hatte sich warm angezogen, aber der starke Nordwind drang doch durch die dicke Jacke und das wollene Unterzeug, so daß er froh war, als er hinter dem Wagen, der die letzten Säcke vom Felde holte, nach Hause ging. Und der heiße Kaffee, den ihm das Mädchen brachte, schmeckte ihm, wie ihm schon lange nichts geschmeckt hatte. Dann wurde er in die Ställe geschickt, um das Füttern der Pferde zu beaufsichtigen. Beim Abendbrot lernte er einen „Leidensgefährten“, Hans Kolbe, kennen, einen langaufgeschossenen Kaufmannssohn aus der Stadt, der in Königsberg auf einer Presse sich das Einjährigenzeugnis geholt hatte und schon ein halbes Jahr die Landwirtschaft erlernte. Er lud Franz nach dem Essen auf seine Bude zu einem Glas Grog ein und weihte ihn mit großer Selbstgefälligkeit in die Geheimnisse des Gutes ein.

Der Oberinspektor sei gutmütig und lasse sich leicht ein X für ein U machen. Er zitterte vor dem Oberamtmann; das sei ein Deuwelskerl ... der sähe alles und wüßte alles ... Franz hörte ruhig zu, aber die Art des jungen Menschen mißfiel ihm vom ersten Augenblick an, und als er gar mit seinen intimen Beziehungen zu verschiedenen Scharwerksmädeln zu prahlen begann, stand Franz auf und verabschiedete sich mit kurzem Dank. Er sei müde und müsse morgen früh aufstehen ...

Ganz allmählich gewöhnte sich Franz in seinen Wirkungskreis ein. Der Dienst wurde leichter, nachdem die Kartoffeln und Rüben geborgen waren. Aber tagaus tagein an der Dreschmaschine stehen, war gerade auch kein Vergnügen. Er überwand jedoch mit festem Willen die trübe Stimmung, die ihn oft zu beschleichen drohte und tröstete sich mit dem Gedanken an den Sommer, wo es wohl auch viel Arbeit geben würde, aber anderer Art und in freier Luft ...

An jedem Sonntag wurden die beiden jungen Leute zu Mittag ins Herrenhaus gebeten. Gleich beim erstenmal fiel es Franz auf, daß die Hausfrau seinen „Leidensgefährten“ ganz unbeachtet ließ, während sie sich mit ihm freundlich teilnehmend über seine Eltern und Onkel Uwis unterhielt. Er hatte das Gefühl, als wenn der Frau des Hauses die zärtlichen Beziehungen Kolbes zur Weiblichkeit des Hofes nicht unbekannt wären und daß sie ihn deshalb so fühlbar schnitt. Am zweiten Sonntag fragte sie Franz, was er am Nachmittag und Abend triebe.

„Ich habe mir einige Lehrbücher der Landwirtschaft mitgebracht, gnädige Frau, und beschäftige mich damit. Ich nehme auch manchmal meinen Horaz und Homer vor, um meine Schulkenntnisse nicht zu verlieren ...“

„Das gefällt mir, Franz“, lobte die Frau. „Heute möchte ich Sie mit Beschlag belegen. Wollen Sie zum Kaffee wiederkommen und den Abend bei uns verleben?“

„Sehr gern, gnädige Frau, nehme mit Dank an.“

„Sie Musterknabe haben sich ja schon bei der Gnädigen lieb Kind gemacht“, meinte Kolbe mit deutlichem Ärger in der Stimme, als sie aus dem Herrenhause traten. „Mich behandelt sie wie Luft.“

„Sie werden wohl durch irgend etwas das Mißfallen der gnädigen Frau erregt haben“, sagte Franz ruhig.

Ende November gab es eine angenehme Abwechselung durch die große Treibjagd, die der Oberamtmann veranstaltete. Schon einige Tage vorher ließ er auf dem Schlag hinter der Scheune die Treiber dazu einüben. Es wurde ein Kessel angelegt. Von zwei gegenüberliegenden Punkten wurden die Treiber abgelassen. Die Flügel wurden von den beiden Kämmerern und den Lehrlingen geführt. Der Oberamtmann ritt im Kessel umher und sprengte sofort auf die Stelle zu, wo sich zwischen den Treibern eine Lücke bildete. Dann donnerte und wetterte er, daß es weit übers Feld schallte. Am Jagdtage trafen die Gäste schon bei Tagesgrauen ein. Nach einem kräftigen Frühstück brach die Gesellschaft auf. Es war in der Nacht etwas Schnee gefallen. Hell und klar ging die Sonne auf. Dazu wehte ein frischer Ost. Das richtige Jagdwetter.

Franz durfte seine Flinte führen und schießen. Er hatte guten Anlauf und übereilte sich nicht, so daß er mit der Anzahl der von ihm erlegten Hasen immer unter den Ersten war. Sein Leidensgefährte war kein Jäger, er ging als Treiber mit.

Als beim Schüsseltreiben das Jagdergebnis verlesen wurde, rief Frau Oberamtmann ein lautes Bravo, als Franzens Name genannt und sein Weidmannsheil verkündet wurde. Nach Aufhebung der Tafel setzten sich die alten Herren an die Spieltische. Das junge Volk vergnügte sich durch ein Tänzchen. Die Hausfrau holte Franz aus dem Spielzimmer und stellte ihn mehreren jungen Mädchen vor ... Es war ein schöner Tag und Abend, an den Franz noch oft mit großem Vergnügen zurückdachte.

8. Kapitel

Es war gut, daß Grinda seiner Nichte die Schlüssel übergeben hatte als er wegfuhr, denn sein Stellvertreter, ein entfernter Verwandter, eignete sich zum Krugwirt, wie ein Igel zum Sitzkissen. Er vergaß sich nie ein Gläschen einzuschenken, wenn die Arbeiter Schnaps tranken. Ja, er verlangte von Olga auch die Schlüssel, aber sie war klug und energisch und gab sie nicht heraus.

Walter war unter dem Vorwand eines Pirschganges in den Wald gefahren und gegen Abend in der Waldschänke eingekehrt. Er fand dort eine Gesellschaft, alles junge Leute aus der Stadt, die ihm unbequem waren, und da er auch mit der Möglichkeit rechnen mußte, daß der Vater unverhofft heimkehren könnte, fuhr er zum Abendbrot nach Hause. Arglos erzählte ihm die Mutter, daß der Vater ihr durch den Fernsprecher mitgeteilt hätte, er werde erst am nächsten Vormittag nach Hause kommen. Er leistete ihr Gesellschaft und erfreute sie durch eine eingehende Schilderung alles dessen, was er sich im nächsten Semester einpauken lassen werde, um im Frühjahr das Examen zu machen. Dann setzte er sich ans Klavier, das er meisterhaft beherrschte, obwohl er nie strengen Unterricht gehabt und alles nur nach dem Gehör spielte.

Als die alte Dame sich um zehn Uhr zur Ruhe begab, ging er auf sein Zimmer und schlich wenige Minuten später wieder hinunter, nahm sein Rad und fuhr in die Stadt ins Café. Die Mehrzahl der soliden Bürger hatte sich bereits entfernt, nur der große Tisch war noch von einer Gesellschaft älterer Offiziere besetzt, die sich lebhaft unterhielten. Er ließ sich an einem kleinen Tisch nieder und bestellte sich ein Glas Bier. Der Ober, der ihn nur durch eine vertrauliche Kopfbewegung begrüßt hatte, stand dicht am Offizierstisch. Kaum daß einer der Herren seine Tasche zog, um sich eine neue Zigarre oder Zigarette anzustecken, war er schon mit dem brennenden Streichholz bei der Hand. Jedes geleerte Glas ergriff er, füllte es und brachte es schnell zurück. Die Offiziere hatten keinen Argwohn dabei, denn sie waren es gewohnt, von dem Ober so aufmerksam bedient zu werden.

In Walter stieg wieder der Verdacht auf, der ihm zuerst so ungeheuerlich erschienen war. Aber auch jetzt wollte es ihm wenig wahrscheinlich erscheinen, daß der Mann ein anderes, als ein ganz allgemeines Interesse an dem Gesprächsstoff der Offiziere nehmen könnte, der damals schon alle Menschen an der russischen Grenze beschäftigte. Aber die Tatsache war doch nun einmal da, daß der Mann alles hörte, was die Offiziere sprachen.

Als die Herren aufbrachen, begab Walter sich in die Spielzimmer. Eine Anzahl junger Leute hatte sich zusammengefunden, um Kartenlotterie zu spielen. Er konnte dem geistlosen Spiel, das er langweilig fand, kein Interesse abgewinnen und sah zu, ohne eine Karte zu kaufen. Es wurde ziemlich hoch gespielt und scharf getrunken. Denn die Bank, die von jedem großen Los ein Zehntel ablegen mußte, hielt die Spieler frei. Die Einrichtung der Abgabe war ebenso sinnreich wie einfach. Auf dem Tisch stand ein großes Glas, zur Hälfte mit Wasser gefüllt, in das der Betrag geworfen wurde. Das ergab einen großen Verdienst für den Ober, der selbst, wenn die Spieler scharf tranken, noch einen erheblichen Überschuß behielt.

Bald darauf betraten drei wohlhabende Handwerker das Zimmer. Sie forderten den ihnen bekannten Walter auf, mit ihnen zu pokern. Das war ein Spiel nach seinem Geschmack. Da konnte man selbst mit einer schlechten Karte, wenn man es nur geschickt anfing, die Mitspieler blüffen. Er hatte etwa eine halbe Stunde mit wechselndem Glück gespielt, als er merkte, daß der Ober leise, wie es seine Art war, hinter ihn trat. Gleichgültig nahm er seine fünf Karten auf. Er hatte drei Asse, eine Sieben und eine Acht. Ohne sich zu besinnen, legte er die Sieben ab und kaufte eine neue Karte dazu. Mit unbeweglichem Gesicht nahm er diese auf und warf sie nach flüchtigem Blick auf die andern. Es war das vierte Aß. Das konnte ein großer Schlag werden, aber nur, wenn auch einer der Mitspieler ein starkes Gegenspiel in der Hand hatte. Walter hatte Mühe, sich zu beherrschen und seine Freude zu verbergen, als der erste Spieler fünfzig Mark anwettete.

„Die Fünfzig bringe ich und setze noch Einhundert vor“, sagte Walter möglichst gleichmütig.

„Die Hundert und noch Zweihundert.“

Blitzschnell überlegte Walter. Wollte sein Gegner ihn rausblüffen, oder hatte er auch ein starkes Spiel in der Hand.

„Die Zweihundert und noch Zweihundert.“

„Die Zweihundert und noch Fünfhundert.“

Kalt lief es Walter über den Rücken. Soviel Geld hatte er ja nicht mehr bei sich. Wenn er nicht wenigstens die fünfhundert Mark nachsetzte, zog der Gegner den ganzen Gewinn ein, ohne überhaupt nur seine Karte aufdecken zu müssen. Da fühlte er eine leise Berührung seiner linken Seite. Er griff instinktmäßig hin und fühlte eine Hand, die ihm einen Bündel Banknoten zusteckte. Erst fuhr er mit einer Hand in die Seitentasche seiner Joppe, als wenn er von dort das Geld herausnahm, dann warf er die Scheine auf den Tisch. Es waren nach flüchtiger Schätzung mindestens zweitausend Mark.

„Die Fünfhundert und noch Tausend.“

Hochrot vor Aufregung warf sein Gegner, ein dicker Fleischermeister, die tausend Mark auf den Tisch. „Zum Teufel, was haben Sie denn? Ich will sie wenigstens sehen.“

Kaltblütig deckte Walter seine vier Asse auf.

Wütend warf der Fleischermeister seine Karten weg. „Sie haben ein fürchterliches Schwein, ich habe vier Könige gehabt.“

Eine Weile später landete Walter noch einen zweiten, etwas kleineren Gewinn, indem er mit einer schwachen Karte seine Gegner blüffte.

Gegen zwei Uhr mahnte der Ober zum Aufbruch.

Walter zögerte, bis die andern Gäste gegangen waren.

„Jetzt, lieber Ober, müssen wir abrechnen. Was habe ich von gestern zu bezahlen und was haben Sie mir heute gegeben. Und dann möchte ich mich noch durch eine Flasche Rotwein revanchieren.“

Das Geldgeschäft war bald zur beiderseitigen Befriedigung erledigt und die Gläser gefüllt.

„Ich wollte Sie mal was fragen“, begann Walter zögernd. „Mir scheint, Sie haben viel Interesse für gute militärische Nachrichten.“

Mit feinem Lächeln schüttelte der Ober den Kopf.

„Nicht mehr als jeder Deutsche an der Zuspitzung unserer Beziehungen mit Rußland hat. Wenn Sie besonders gute und wichtige Nachrichten über russische Verhältnisse haben, dann wenden Sie sich am besten an die Offiziere, mit denen Sie ja bekannt sind. Es müssen aber sehr wichtige Nachrichten sein. Denn soviel ich weiß, kennen alle Staaten voneinander und von den militärischen Geheimnissen der Gegner im allgemeinen mehr als man glaubt. Denn jeder Staat unterhält, wie ich neulich gehört habe, einen Nachrichtendienst, der bei den Nachbarn alles zu erforschen sucht, was wissenswert erscheint.“

„Das muß doch nicht genügen,“ erwiderte Walter eifrig, „denn gestern ist der Wirt der Waldschänke über die Grenze gefahren, um die Standorte der russischen Truppen im polnischen Bezirk auszukundschaften.“

„Das ist ein gefährliches Unternehmen,“ erwiderte der Ober ruhig, „denn die Russen pflegen nicht lange zu fackeln, wenn sie einen Spion erwischen.“

„Ach, der Mann läuft keine Gefahr. Er ist lange Jahre als Viehtreiber in Rußland gewesen, spricht fertig russisch und polnisch und wird, wie ich vermute, mit Vieh handeln. Auf jedem Fall verdient er damit grob Geld.“

„Oder den Strick“, erwiderte der Ober lächelnd. Er brach kurz ab und fragte: „Können Sie uns nicht einen Bock schießen, wir haben ihn heute schon bei Ihrem Herrn Vater bestellt.“

„Das läßt sich machen“, erwiderte Walter erfreut, „der Vater hat mir noch einen Bock freigegeben und ich weiß einen kapitalen Burschen, dessen Gehörn mir noch heute gehören soll, wenn ich nur etwas Weidmannsheil entwickle.“

Eine Stunde später fuhr er nach Hause, schlich auf sein Zimmer, und warf sich in den Kleidern noch für zwei Stunden auf die Liege. Als der Morgen graute, stand er auf und fuhr zu Rad in den Wald. An dem großen Torfbruch stellte er es ins Dickicht und pirschte sich am Waldrand entlang. Auf die meliorierten Wiesen, auf denen der zweite Schnitt mit viel Klee untermischt fast kniehoch stand, pflegten die Rehe gern auszutreten. Er hatte etwa eine halbe Stunde gestanden, als der kapitale Bock, an dessen weit ausgerecktem Gehörn die weißen Enden im Morgenlicht schimmerten, von dem Torfbruch her vertraut angetrollt kam und auf der Kunstwiese zu äsen begann. Mit gutem Blattschuß legte Walter ihn auf die Decke. Als er das prächtige Gehörn in der Hand hielt, stieß er vor Freude einen lautschallenden Jagdruf aus, schmückte sein Hütchen mit einem Bruch und fuhr mit der schweren Beute auf dem Rücken heim.

Der Vater war eben von seiner Reise zurückgekommen. Etwas wie Vaterstolz leuchtete in den Augen des Grünrocks auf, als der Sohn elastisch wie eine Feder vom Rad sprang und den Bock abwarf. Er war schon oben auf seinem Zimmer gewesen und dachte nichts anderes, als daß Walter irgendwo die Nacht durchsumpfte. Umsomehr freute es ihm, daß er sich geirrt hatte. „Junge“, rief er: „Wenn du dich mit solchem Eifer und Erfolg an die Wissenschaften heranpirschen würdest, dann könntest du noch ein ganzer Mann werden.“

„Dazu scheint mir das Geschick zu fehlen, lieber Vater,“ erwiderte Walter lachend, „weshalb hast du mich nicht Forstmann werden lassen?“

„Dazu muß man auch sehr viel gelernt haben, mindestens ebensoviel wie als Jurist.“

„Ach, ich kann die trockene Gelehrsamkeit nicht ausstehen, sie will mir nicht in den Kopf. Vater, ich habe zwar schon fünf Semester verbummelt, aber es ist noch nicht zu spät, laß mich noch umsatteln.“

„Ja, was willst du denn jetzt noch werden?“

„Landwirt, Vater“, rief Walter in freudiger Erregung aus.

„Ein guter Landwirt muß heutzutage auch einen ganzen Posten Kenntnisse besitzen, wenn er nicht unter die Räder kommen will.“

„Das meiste lernt man doch durch die Praxis“, gab Walter schnell zur Antwort. „Und wenn du mich blos zwei Semester auf die Hochschule schickst, will ich fleißig studieren.“

„Muttchen,“ rief er der eben eintretenden Mutter zu, „hilf mir den Vater bitten, daß er mich Landwirt werden läßt, dann werde ich euch Freude machen, statt Kummer.“

„Wenn du bloß ein ordentlicher tüchtiger Mensch wirst“, erwiderte der Forstmeister. „Was meinst du, Olsche, wollen wir es mit dem Jungen mal so herum versuchen?“

„Wenn er nicht mehr Ehrgeiz besitzt, dann kann er meinetwegen auch Landwirt werden. Diesen merkwürdigen Mangel scheint er von dir geerbt zu haben, du könntest längst schon in der Regierung oder im Ministerium sitzen.“

Der Grünrock lachte gutmütig. „Ja, wenn ich wollte, aber ich will nicht. Ich trenne mich nicht von meinem Wald, der mir ans Herz gewachsen ist, um Federfuchser in der Stadt zu werden. Da würde ich bald eingehen. Du mußt auf die Erfüllung dieses Wunsches, in der Stadt zu leben, schon warten, bis ich Pension nehme.“

„Da kann ich noch lange warten“, erwiderte die Hausfrau, anscheinend verdrießlich und verließ das Zimmer.

Es war durchaus nicht verwunderlich, daß der Forstmeister, als er einen Lehrherrn für seinen Jungen suchte, auf den Oberamtmann in Polommen verfiel, mit dem er schon lange befreundet war. Schon an einem der nächsten Tage fuhr er zu ihm und brachte sein Anliegen vor. Der Dicke schlug es ihm rundweg ab. „Ich habe schon zwei, eine Skatpartie ist zu viel. -- Ich kann dir aber einen guten Rat geben. Bringe ihn zu meinem Nachbar Braun in Nonnenhof, du kennst ihn ja auch. Das ist ein tüchtiger ehrenhafter Mann, der auf seinen tausend Morgen gut vorwärts kommt. Wart’ mal, er wird jetzt zu Hause sein.“ Er nahm den Hörer des Fernsprechers ab und ließ sich verbinden. Nachdem er die einleitende Frage getan, ließ er nur ab und zu ein zustimmendes Brummen hören.

„Also Braun will! Du fährst am besten gleich zu ihm rüber und machst alles mit ihm ab. Auf den Rückweg sprichst du bei mir an und bleibst zu Mittag.“

Der Gutsbesitzer Braun, der die Vierzig noch nicht überschritten hatte, brachte mehrere Bedenken vor. Das Schwerwiegendste war die Frage, ob Walter, der schon ein paar Jahre die studentische Freiheit genossen habe, sich in die Einsamkeit der abgelegenen Besitzung würde einfügen lassen.

„Das ist ja gerade das, was mir für meinen Jungen am wünschenswertesten erscheint. Lassen Sie ihm nichts durchgehen und nehmen Sie ihn scharf ran. Es soll keine Sommerfrische zur Erholung sein, sondern ein Lehrjahr.“

* * * * *

Schon nach acht Tagen siedelte Walter nach Nonnenhof über und begann seinen neuen Beruf, ebenso wie Franz Rosumek, mit der Beaufsichtigung der Kartoffelgräber. Und doch fühlte er sich glücklich, denn der Gedanke, Tag für Tag das trockene Jus zu büffeln, erregte ihm Grauen. Langeweile kam bei ihm nicht auf, denn sein Lehrherr sorgte dafür, daß er vom Abfüttern, das schon um fünf Uhr früh stattfand, bis zum Abend auf den Beinen blieb und dann rechtschaffen müde war, daß er sich freute, sein Bett aufsuchen zu dürfen. Am Sonntag fand er Zeit, seinen Eltern einen Brief zu schreiben. Und er bemühte sich, vor ihnen die Enttäuschung zu verbergen, die ihm sein neuer Beruf bis jetzt bereits bereitet hatte.

Die Mutter antwortete jedesmal umgehend und ausführlich. In einem ihrer Briefe berichtete sie nach den üblichen Ermahnungen, daß Grinda noch immer nicht zurückgekehrt wäre. Auch von Olga schrieb sie. Sie hätte eines Tages kurzerhand den Stellvertreter des Onkels, der sich täglich zweimal betrank, an die Luft gesetzt und wirtschaftet allein. Sie habe ein Schreiben des Onkels, daß ihr für den Fall, daß er nicht wiederkehrte, alles gehörte. Auch der Vater sei besorgt, daß Grinda in Rußland etwas zugestoßen sei. Es gebe jedoch keine Möglichkeit, nach seinem Verbleib Nachforschungen anzustellen.

Diese Nachricht ließ in Walter wieder den Verdacht aufsteigen, den er mal gegen den Oberkellner im Café gefaßt hatte. Und es fiel ihm schwer in die Seele, daß er dem Mann gegenüber Grindas Reise nach Rußland erwähnt hatte. War der Mann wirklich ein Spion, dann war Grindas Verschwinden erklärlich und das Schlimmste zu befürchten. Und er allein trug die Schuld daran.