Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Part 23
In Charenton befindet sich ein Mann, den seine kühne Immoralität unglücklicherweise zu berühmt gemacht hat, und dessen Anwesenheit die schwersten Unzuträglichkeiten nach sich zieht. Ich spreche von dem Autor des schändlichen Romans „Justine“. +Dieser Mann ist nicht geisteskrank. Sein einziges Delirium ist das des Lasters+, und dieses kann nicht in einer Irrenanstalt beseitigt werden. Er muss der strengsten Isolierung unterworfen werden, um andere vor seinen Ausbrüchen zu schützen und um ihn selbst von allen Gegenständen zu trennen, die seine hässliche Leidenschaft mehren könnten. Nun erfüllt das Haus Charenton keine dieser Bedingungen. Herr +de Sade+ geniesst hier eine zu grosse Freiheit. Er kann mit einer grossen Zahl von Kranken und Rekonvalescenten beiderlei Geschlechts verkehren, sie bei sich empfangen oder sie in ihren Zimmern besuchen. Er hat die Erlaubnis, im Park spazieren zu gehen und trifft dort ebenfalls oft Kranke. Er predigt einigen seine schreckliche Lehre und leiht ihnen Bücher. Endlich geht das Gerücht im Hause, dass er mit einer Frau zusammen lebt, die für seine Tochter gilt.
Das ist noch nicht alles. Man ist so unvorsichtig gewesen, in der Anstalt ein Theater einzurichten, um die Irren Komödie spielen zu lassen, und hat nicht die unheilvolle Wirkung einer solchen tumultuösen Veranstaltung auf die Phantasie bedacht. +Herr de Sade ist der Direktor dieses Theaters. Er giebt die Stücke an, verteilt die Rollen und leitet die Wiederholungen. Er unterrichtet die Schauspieler und Schauspielerinnen in der Deklamation und bildet sie in der grossen Bühnenkunst aus. Am Tage der öffentlichen Vorstellungen verfügt er stets über eine gewisse Zahl von Eintrittsbillets und macht inmitten seiner Gehilfen die Honneurs im Saale.+
+Zugleich ist er der Gelegenheitsdichter. Beim Feste des Direktors zum Beispiel, verfasst er entweder ein allegorisches Stück zu dessen Ehren oder wenigstens einige Couplets zu seinem Lobe.+
Ich brauche Eurer Excellenz das Skandalöse eines derartigen Vorkommnisses nicht näher zu begründen, sowie die Gefahren aller Art, welche sich daraus ergeben. Wenn die Oeffentlichkeit diese Dinge erführe, welche Ansichten würde man über eine Anstalt bekommen, in welcher so seltsame Missbräuche geduldet werden? Wie verträgt sich eine sittliche Behandlung der Geisteskranken mit demselben? Werden die Kranken, welche täglich mit diesem schrecklichen Manne in Berührung kommen, nicht unaufhörlich durch seine Verderbtheit infiziert, und genügt die blosse Idee seiner Gegenwart in diesem Hause nicht, um die Phantasie selbst derjenigen aufzuregen, die ihn nicht sehen?
Ich hoffe, dass Eure Excellenz diese Gründe gewichtig genug finden wird, um einen anderen Internirungsort als Charenton für Herrn +de Sade+ anzuordnen. Ein Verbot, dass er nicht mehr mit den Irren verkehren soll, würde nichts fruchten und nur vorübergehend Besserung herbeiführen. Ich verlange nicht, dass man ihn nach Bicêtre zurückschicke, wo er früher war, aber ich kann nicht umhin, Eurer Excellenz vorzustellen, dass eine „maison de santé“ oder ein festes Schloss für ihn besser passen würde als eine Anstalt, in der zahlreiche Kranke behandelt werden, und wo eine beständige Ueberwachung und die hingebendste moralische Aufsicht nötig ist.
+Royer-Collard+, D. M.[561]
Dieser Bericht hatte keinen Erfolg. Der Marquis +de Sade+ blieb in Charenton. Es ist sogar die Vermutung gerechtfertigt, dass er den dortigen Aufenthalt dem Gefängnisse, vielleicht auch der Freiheit vorzog. Nach der „Biographie universelle“ war er der besondere Günstling des Direktors von Charenton, des Abbé +Coulmier+. Dadurch würden die grossen Freiheiten, die er sich gestatten durfte, die Rolle als Theaterdirektor u. s. w. verständlich werden. Er hatte also Ursache, die Bemühungen des Dr. +Royer-Collard+, ihn aus der Anstalt zu entfernen, zu hintertreiben, wovon die folgende merkwürdige Adresse zeugt[562]:
„Frau Delphine de T... beehrt sich Seiner Excellenz Herrn Fouché (dem Polizeiminister) die Petitionen zu schicken, von denen sie heute morgen mit ihm sprach. Die erste ist für Herrn +de Sade+ und bittet darum, dass man möglichst baldige Anordnungen für das definitive Bleiben des Herrn +de Sade+ in Charenton treffe, wo er sich seit 8 Jahren befindet und die Pflege hat, die sein Befinden erfordert. +Seine Vorgesetzten sind mit seinem Betragen durchaus zufrieden.+
Frau von T... fügt ihrer Petition ein ärztliches Zeugnis bei, welches bestätigt, dass der Zustand des Herrn +de Sade+ sein Verbleiben in Charenton notwendig macht.
Sie dankt von neuem Seiner Excellenz für den gütigen Empfang von heute Morgen.“
Vielleicht ist +Sade+ selbst, wie +Marciat+ vermutet[563], der Anstifter dieser Petition gewesen, und vielleicht erklärt sich ein Teil der Anklagen von +Royer-Collard+ aus einer Meinungsverschiedenheit, wenn nicht Rivalität zwischen dem Arzte und dem Direktor der Anstalt. +Dieser+, der Abbé +Coulmier+, war nach der „Biographie universelle“ ein Mann von sehr leichtfertigen Sitten. +Royer-Collard’s+ wiederholte Klagen über das Theaterspielen in Charenton hatten endlich das Verbot desselben zur Folge. Aber an seine Stelle traten Konzerte und Bälle! +Royer-Collard+ erlangte endlich am 6. Mai 1813 auch das Verbot dieser einer Irrenanstalt wenig angemessenen Unterhaltungen.[564]
Die „Revue anecdotique“ hat zwei auf die Thätigkeit des Marquis +de Sade+ als Theaterregisseur sich beziehende Dokumente veröffentlicht.[565]
Seine Graphomanie trieb +Sade+ bei jeder Gelegenheit zu dichterischen Ergüssen. Besonders liebte er das „couplet laudatif“. So verfasste er zahlreiche anonyme Couplets zu Ehren des Cardinals +Maury+, Erzbischofs von Paris, die am 6. Oktober 1812 in der „maison de santé“ bei Charenton gesungen wurden, von deren Geringwertigkeit eins Zeugnis ablegen möge:
Semblable au fils de l’Eternel Par une bonté peu commune, Sous l’apparence d’un mortel Venant consoler l’infortune, Votre âme, pleine de grandeur, Toujours ferme, toujours égale, Sous la pourpre pontificale Ne dédaigne point le malheur.[566]
Ueber den +Eindruck der Persönlichkeit+ des Marquis +de Sade+ während seines Aufenthaltes in Charenton liegen mehrere, aber wenig beglaubigte Nachrichten vor. +Janin+ schildert recht lebhaft den corrumpierenden Einfluss, den +Sade+ in der Irrenanstalt ausübte, sowie die zärtliche Sympathie, die er „jungen und hübschen Frauen“ einflösste.[567] +Lacroix+ erzählt[568]: „Ich habe oft achtungswerte Personen gefragt, von denen einige noch, mehr als 80jährig, leben, und von ihnen mit einer indiscreten Neugierde merkwürdige Enthüllungen über den Marquis de Sade verlangt, und war nicht wenig erstaunt, dass diese Personen, die durch ihre Moral, ihre Stellung und ehrenwerten Antecedentien vor jedem Verdacht geschützt sind, +keinerlei Widerwillen dagegen empfanden+, sich an den Autor der ‚Justine‘ zu erinnern und von ihm als einem „aimable mauvais sujet“ zu sprechen.“ +Charles Nodier+, der den Marquis +de Sade+ einmal flüchtig sah, erinnert sich nur, dass er „höflich war bis zur Unterwürfigkeit, feierlich bis zur Salbung (onction) und dass er respectvoll von allem sprach, was Respect verdient.“ Dabei war er „enorm fett“, so dass seine Bewegungen durch diese Körperfülle gehindert wurden und ein Rest von „Grazie und Eleganz“, der sich in seinem ganzen Wesen aussprach, nicht recht zur Geltung kam. Seine müden Augen leuchteten plötzlich auf.[569] Nach der „Biographie universelle“ bewahrte +Sade+ bis zu seinem Tode seine schmutzigen Gewohnheiten. Wenn er im Hofe promenierte, zeichnete er obscöne Figuren in den Sand, besuchte man ihn, so war sein erstes Wort eine Zote; dabei war seine Stimme sanft. Er hatte schöne weisse Haare, eine liebenswürdige Miene und war von ausgesuchter Höflichkeit. Er war ein robuster Greis ohne jede Schwäche.
7. Der Tod.
Der Marquis +de Sade+ starb 74 Jahre alt, am 2. Dezember des Jahres 1814, 10 Uhr abends, sanft, ruhig, an den Folgen einer längeren Krankheit, die indessen seine Rüstigkeit nicht beeinträchtigt hatte. Ueber diese Krankheit berichtet +de Sade+ schon in einem Briefe vom 17. Juni 1808 an den Kaiser +Napoléon+. Der Brief ist gegenwärtig im Besitze des Herrn +Noël Charavay+, der +Cabanès+ die Einsicht und den Abdruck (+Cabanès+ a. a. O. S. 312) gestattete. +de Sade+ beklagt sich in demselben bitterlich darüber, dass er seit 20 Jahren in drei verschiedenen Gefängnissen das unglücklichste Leben führe. Er sei 70 Jahre alt, fast blind, von der +Gicht+ heimgesucht (der Krankheit aller Lebemänner) und von heftigen Brust- und Magenschmerzen, die ihn schrecklich peinigten. Das könne durch die Zeugnisse der Aerzte von Charenton bestätigt werden. Er flehe daher Seine Majestät an, ihm endlich die Freiheit zu geben. -- Eine von Dr. +Ramon+, dem Arzte +de Sade’s+, aufgezeichnete Notiz besagt, dass der Marquis an „Lungenanschoppung infolge von Asthma“ gestorben sei. In den Archiven von Charenton findet sich ein Bericht über den Tod des Marquis +de Sade+ an den Generaldirektor der Polizei, in dem es heisst, dass seine Gesundheit seit einiger Zeit sich zusehends verschlechtert habe. Er sei aber noch zwei Tage vor seinem Tode umhergegangen. Das Ende selbst sei schnell eingetreten, im Beginne eines „adynamischen und ganggränösen Fiebers“. Interessant ist die weitere Mitteilung, dass, da der Sohn +Armand de Sade+ anwesend sei, die Behörde es wohl nicht nötig haben werde, Vorsichtsmassregeln zu ergreifen, da der Sohn selbst gewiss etwaige „gefährliche Papiere“ seines Vaters vernichten würde. (+Cabanès+ a. a. O. S. 311-312). Am Abend vorher hatte er noch diese Papiere in Ordnung gebracht. Kaum war er tot, als sich „die Schüler +Gall’s+ auf seinen Schädel stürzten, als auf eine unschätzbare Beute, die ihnen mit einem Schlage das Geheimnis der seltsamsten menschlichen Organisation enthüllen würde, von der man jemals hatte sprechen hören. Dieser Schädel glich allen Greisenschädeln. Es war eine merkwürdige Mischung von Lastern und Tugenden, von Wohlthun und Verbrechen, von Hass und Liebe. Er war klein, wohl geformt. Man könnte ihn für den Schädel einer Frau halten, an dem die Organe der mütterlichen Zärtlichkeit (!) ebenso entwickelt sind, wie an dem Kopfe der Héloïse ‚ce modèle de tendresse et d’amour‘.“[570]
Nach seinem Tode fand man das folgende Testament, das +Jules Janin+ zuerst veröffentlicht hat:[571]
„Ich verbiete, dass mein Körper unter irgend einem Vorwande geöffnet werde, ich verlange aufs dringendste, dass er 48 Stunden in dem Zimmer, in dem ich sterben werde, liegen bleibe, in einem Holzsarge, der erst nach Ablauf dieser Zeit zugemacht werden soll. Dann soll ein Bote zu dem Holzhändler Lenormand in Versailles, Boulevard de l’Egalité No. 101, geschickt werden, damit er selbst mit einem Wagen komme und meine Leiche unter seiner Begleitung auf diesem Wagen in das Gehölz auf meinem Landgute Malmaison, Gemeinde Maucé nahe bei Epernon, gebracht werde, wo sie ohne jede Ceremonie in dem ersten Gebüsche bestattet werden soll, das sich rechts in dem Gehölze findet, wenn man durch die grosse Allée von der Seite des alten Schlosses hineintritt. Die Grube soll durch den Pächter von Malmaison unter der Aufsicht des Herrn Lenormand geschaufelt werden, der nicht vor vollendeter Bestattung fortgehen soll. Bei dieser Ceremonie können diejenigen meiner Verwandten oder Freunde zugegen sein, die mir dieses letzte Zeichen ihrer Liebe geben wollen. Das Terrain soll bepflanzt werden, damit die Spuren meines Grabes von der Erdoberfläche verschwinden, +wie ich hoffe, dass mein Andenken in der Erinnerung der Menschen ausgelöscht werden wird+.
Geschrieben zu Charenton-Saint-Maurice, im Zustand der Vernunft und Gesundheit, am 30. Januar 1806.
D.-A.-F. +Sade+.“[572]
+Marciat+ meint, dass dieses Testament den Marquis +de Sade+ am Ende seines Lebens noch als denjenigen zeige, der er während seines ganzen Lebens war: als einen vollkommenen +Atheisten+.
III.
Die Werke des Marquis de Sade.
„Justine“ und „Juliette“.
1. Geschichte der Entstehung.
Die Hauptwerke des Marquis +de Sade+, denen er seine „herostratische Unsterblichkeit“ dankt, wie +Eulenburg+ sagt, und denen wir eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen haben, sind die „Justine“ und „Juliette“, anfangs getrennt veröffentlicht, später vereinigt unter dem Titel „La nouvelle Justine ou les Malheurs de la vertu +suivi+ de l’Histoire de Juliette, sa sœur, ou les Prospérités du vice“, Hollande (Paris, Bertrandet?) 1797 10 Bände in 18^o, davon 4 der „Justine“, 6 der „Juliette“ angehörend. Selbst die +Titel+ sind, wie +Nodier+ (a. a. O.) sagt „obscön geworden“.
Der Entwurf der „Justine“ reicht in die Gefängniszeit des Marquis +de Sade+ zurück. Nach der „Biographie universelle“ verfasste er „Aline et Valcour“ und die „Justine“ in der Bastille. Nachdem er 1790 seine Freiheit erlangt hatte, erschienen im Jahre 1791 zwei Ausgaben der „Justine“, die eine mit einem Titelbild von +Chéry+, die zweite schon vergrösserte mit einem solchen von +Texier+ und 12 obscönen Bildern. Die dritte Auflage im Jahre 1792 wurde von +Cazin+ gedruckt[573] und ist noch cynischer als die beiden ersten, da z. B. Bressac seine Greuelthaten an der Mutter statt wie früher an der Tante verübt. Eine vierte Ausgabe erschien 1794.
Die „Juliette“ erschien zum ersten Male im Jahre 1796. Alle diese Angaben sind für das Studium des Marquis +de Sade+ entbehrlich, da die grosse vereinigte Ausgabe der „Justine“ und „Juliette“ im Jahre 1797 nicht nur die verbreitetste geworden ist, sondern auch diejenige ist, in welcher die Ideen des Verfassers bis zu den äussersten Konsequenzen entwickelt werden, diejenige also, auf welche allein man sich beziehen kann. In dieser Gesamtausgabe umfasst die „Histoire de Justine ou les malheurs de la Vertu par le Marquis de Sade“ (En Hollande 1797) +vier+ Bände, die „Histoire de Juliette ou les prospérités du vice par le Marquis de Sade“ (En Hollande 1797), +sechs+ Bände. Die „Justine“ enthält 40, die „Juliette“ 60 obscöne Abbildungen, zu denen noch 4 Titelbilder kommen, so dass es im Ganzen 104 Abbildungen sind. Als Motto für beide Werke ist der den Inhalt richtig bezeichnende Spruch gewählt:
On n’est point criminel pour faire la peinture Des bizarres penchants qu’inspire la nature.
Es wird berichtet, dass diese Ausgabe in einem Keller gedruckt wurde.[574]
2. Die Vorrede.
Sie befindet sich im ersten Bande der „Justine.“ Sie führt aus, dass die Conception des Werkes ins Jahr 1788 fällt, dass der Autor verstorben sei und ein ungetreuer Freund, dem das Manuscript schon zu Lebzeiten desselben anvertraut war, mehrere schlechte Ausgaben des Werkes veranstaltet habe. Die vorliegende sei ein getreuer Abdruck des Originals. Die kühnen Gedanken in demselben würden ja in einem „philosophischen Jahrhundert“ keinen Anstoss erregen, und der Schriftsteller, dem alle „Zustände der Seele“ zur Verfügung ständen, dürfe von allen möglichen Situationen und cynischen Gemälden Gebrauch machen. „Nur die Dummen nehmen daran Anstoss. Die wahre Tugend erschrickt nicht über die Gemälde des Lasters. Sie findet in ihnen nur eine weitere Förderung. Man wird vielleicht gegen dieses Werk schreien. Aber wer wird schreien? Die Wüstlinge, wie ehemals die Heuchler gegen den ‚Tartuffe‘ schrieen. Kein Buch wird eine lebhaftere Erwartung erwecken und das Interesse so anhaltend fesseln. In keinem sind die Herzensregungen der Lüstlinge geschickter dargestellt und die Einfälle ihrer Phantasie so lebenswahr ausgeführt. +Nirgendwo ist geschrieben, was man hier lesen wird.+ Haben wir daher nicht Grund zu glauben, dass dies Werk bis in die fernste Zukunft dauern wird? Die Tugend selbst, müsste sie auch einen Augenblick zittern, muss vielleicht einmal ihre Thränen vergessen, aus Stolz, in Frankreich ein so pikantes Werk zu besitzen, in dem die cynischste Sprache mit dem stärksten und kühnsten System, den unsittlichsten und gottlosesten Ideen verbunden ist.“
Man sieht, dass der Marquis +de Sade+ selbst von der Einzigartigkeit seines Werkes überzeugt war und ausspricht, dass er mit Bewusstsein alle ähnlichen Werke an Cynismus überbieten wollte. Gehen wir nun dazu über, uns mit dem Inhalt der „Justine“ und „Juliette“ bekannt zu machen. Wir sind dabei um so ausführlicher, als in deutscher Sprache keine zuverlässige Analyse des +Sade+’schen Hauptwerkes existiert, dass vielmehr, trotzdem so viel davon gesprochen wird, zu den bestunbekannten Dingen gehört.[575]
3. Analyse der „Justine“.
Es sind die „Malheurs de la vertu“, die in der „Justine“ geschildert werden. Die +Tugend+, verkörpert durch die Titelheldin Justine, gerät immer ins Unglück und wird vom Laster und vom Bösen erwürgt. Das ist die Fabel des Romans. --
Justine und Juliette sind die Töchter eines sehr reichen Pariser Bankiers, die bis zum 14. und 15. Lebensjahre in einem berühmten Kloster von Paris erzogen werden. Durch den plötzlichen Bankerott des Vaters, dem sein Tod und der der Mutter nach kurzer Zeit folgt, werden sie genötigt, das Kloster zu verlassen und, da sie mittellos sind, sich selbst den Lebensunterhalt zu verschaffen.
Juliette, die Aeltere, „lebhaft, leichtsinnig, boshaft, mutwillig und sehr hübsch“, freut sich der goldenen Freiheit. Justine, die Jüngere, 14 Jahre alt, naiver und interessanter als ihre Schwester, eine zärtliche, zur Melancholie und Phantasterei geneigte Natur, empfindet weit mehr ihr beklagenswertes Geschick. Juliette sucht sie zu trösten durch den Hinweis auf die Freuden sexueller Erregungen und zeigt ihr, wie sie durch ihre körperliche Schönheit reich und glücklich werden könne. Ihre Vorschläge werden aber von der tugendhaften Justine mit Entrüstung zurückgewiesen, worauf sich Beide von einander trennen, um sich später unter eigentümlichen Umständen wieder zu treffen.
Zunächst wird also das Schicksal der tugendhaften Justine erzählt. Diese wendet sich in ihrer Verlassenheit an die früheren Bekannten ihrer Eltern, wird aber schnöde abgewiesen. Ein Pfarrer versucht sogar, sie zu verführen. Schliesslich kommt sie zu einem Grosskaufmann Dubourg, dessen grösster geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder zum Weinen zu bringen, und der natürlich infolgedessen über die weinend ihre Klagen vorbringende Justine sehr entzückt ist. Als sie aber im Laufe des Gespräches seinen sexuellen Gelüsten einen heftigen Widerstand entgegensetzt, wird sie von ihm hinausgeworfen. Inzwischen hat eine gewisse Madame Desroches, bei der Justine abgestiegen ist, in deren Abwesenheit ihre Kommode geöffnet und Justines geringe Habseligkeiten gestohlen, sodass das arme Mädchen ganz in die Hände dieser Megäre geliefert ist. Letztere macht Justine mit einer Demimondaine, Madame Delmonse, bekannt, welche ihr eine grosse Rede über die Vorteile und die Freuden der Prostitution hält. (Justine I, 28 ff.). „+Man fordert nicht die Tugend von uns, sondern nur deren Maske+“. Daher „bin ich (Delmonse) eine Hure wie Messalina; man hält mich aber für so keusch wie Lucretia. Ich bin Atheistin wie Vanini; man hält mich für so fromm wie die heilige Therese. Ich bin falsch wie Tiberius; man hält mich für so freimütig wie Sokrates. Man glaubt, ich sei nüchtern wie Diogenes; aber Apicius war weniger unmässig als ich es bin. Ich bete alle diese Laster an und verabscheue alle Tugenden. Aber wenn Du meinen Gatten, meine Familie fragtest, würden sie sagen: Delmonse ist ein Engel!“
Justine wird nun von beiden Frauen zusammen zu verführen gesucht und schliesslich dem alten Dubourg wieder zugeführt, dem sie aber wiederum Widerstand leistet. Man lockt sie dann in das Haus der Delmonse, wo Dubourg später zum dritten Male sein Heil versuchen soll und wo Justine zunächst die tribadischen Attacken der geilen Delmonse abzuwehren hat. Endlich kommt der alte, impotente Dubourg an, wird zunächst von der Delmonse, die ihm die Testes mit einer scharfen Flüssigkeit einreibt und ihn eine wunderbare Bouillon trinken lässt, gehörig präpariert. Im kritischen Moment entwischt Justine zum dritten Male, indem sie unter das Bett kriecht. Der arme Dubourg ist wiederum betrogen, und man schwört dem widerspenstigen Mädchen schlimme Rache. Delmonse beschuldigt Justine, ihr eine goldene Uhr gestohlen zu haben, und so wird die Unglückliche ins Gefängnis geschickt.