Der Marquis de Sade und seine Zeit.

Part 22

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Seine Frau, die mit unerschütterlicher Liebe an ihm hing, schickte ihm Bücher, Schreibutensilien und andere von ihm verlangte Dinge, sogar Kölnisches Wasser[526]. Sie erhielt auch später die Erlaubnis, ihn zu besuchen. Aber jeder Besuch gestaltete sich zu einem Skandale. Man musste die Marquise vor der Wut und den Zornesausbrüchen ihres Gatten schützen. Am 25. September 1782 untersagte infolgedessen der Polizeileutnant +Le Noir+ diese Besuche. Erst am 13. Juli 1786 durfte sie den persönlichen Verkehr mit dem Marquis wieder aufnehmen. Indessen waren stets andere Personen dabei anwesend, um die Marquise gegen die Gewaltthätigkeiten ihres cynischen und rohen Gatten zu schützen.[527] +Sade+ heuchelte dann Liebe, um in seinen Briefen die treue Gattin wieder mit ungerechtfertigten Vorwürfen und schändlichen Beleidigungen zu überschütten.

+Marciat+ findet in dem Leben des Marquis +de Sade+ vor seiner Einkerkerung einen Hang zur Grausamkeit, eine Verachtung der Frau, eine unzähmbare Geschlechtslust und schliesst mit Recht, dass auf einen solchen Menschen, der zudem sich seinen Wollustkumpanen an Intelligenz überlegen zeigt, eine 13jährige Einkerkerung vom 38. bis zum 51. Lebensjahre, +die ihm jede Befriedigung seines heftigen Geschlechtstriebes unmöglich machte+, eine schwere psychische Schädigung ausüben müsse. Dafür spricht auch die +krankhaft gesteigerte Reizbarkeit+, das unendliche Misstrauen, welches sich in den von +Ginisty+ veröffentlichten Briefen an seine Gattin ausspricht. Interessant ist, dass er zu den Briefen seiner Frau die unflätigsten Randbemerkungen machte, und hinter allen Handlungen der Gattin sexuelle Motive wittert. Ebenso sind die rohen Zornesausbrüche bei Besuchen derselben charakteristisch. Den Einfluss der +Gefangenschaft+ als eines „mächtigen Factors zur Erzeugung von Seelenstörungen“ schildert +Schüle+ in ausgezeichneter Weise.[528] „Ungleich rascher, als unter den Bedingungen des freien Lebens, vollzieht sich durch die Schändlichkeiten der Einzelhaft der Uebergang in geistige Schwäche.“ In der Einsamkeit der Zelle konnte die Phantasie +Sade’s+ sich ungezügelt in Bildern der Wollust und Grausamkeit ergehen. Ersatz für die ihm mit einem Male für lange Jahre abgeschnittene reale Befriedigung übermässigen Geschlechtstriebes konnte er nur in ungeheuerlichen, die Wirklichkeit überbietenden Phantasien finden. Und sobald er die Erlaubnis zur Lectüre von Büchern bekam, suchte er nach dem treffenden Ausspruch der „Biographie universelle“ in der Vergangenheit und Gegenwart die Beispiele und Vorbilder für seine lasterhaften Anschauungen, die er dann in Gestalt von zahllosen Manuscripten niederlegte. Auch diese +Graphomanie+ scheint uns das Bild einer gewissen +geistigen Schwäche+, die in dieser Zeit sich bei +Sade+ ausprägte, zu vervollständigen. Er wurde im Gefängnis der sehr fruchtbare Schriftsteller, als welchen wir ihn später kennen lernen werden. Er las unendlich viele Bücher, ohne deren Inhalt gehörig zu verdauen; er lernte aus ihnen nur ein oberflächliches Raisonnement, während zahlreiche einzelne Beobachtungen einen mehr als gewöhnlichen Scharfblick erkennen lassen. Er war wie so viele sexuell sehr veranlagte Naturen gross in der +Analyse+ aller Dinge, die mit dem Geschlechtsleben zusammenhängen, aber klein in der allgemeinen +Synthese+, dem wahrhaft philosophischen Denken. Leider sind die während der Gefangenschaft verfassten +Tagebücher Sade’s+ von 1777 bis 1798 in 13 Heften, von denen sich 11 noch vorfanden, verbrannt worden, so dass uns dadurch ein wichtiges Hülfsmittel zur Erkenntnis seines geistigen Zustandes verloren gegangen ist. Er hatte in den Tagebüchern alles vermerkt, was er während dieser 13 Jahre „gesagt, gethan, gehört, gelesen, geschrieben, gefühlt oder gedacht hatte.“ (Biographie universelle.)[529] So sind nur noch seine Werke zur Beurteilung seiner psychischen Persönlichkeit übrig geblieben.

Von Interesse ist, dass der Marquis +de Sade+, wie es scheint, im Gefängnis auch eine Correspondenz mit seinen Maitressen unterhielt. Im April 1864 wurde bei der von +Charavay+ veranstalteten Auktion der litterarischen Schätze des Grafen +H. de M.+ ein Brief von 2 Seiten gezeigt, den eine Maitresse am 18. September 1778 an den Marquis +de Sade+ geschrieben hatte, und der von diesem mit Randbemerkungen versehen war.[530]

Dass die Gefangenschaft das Geistesleben oft nach der sexuellen Richtung hin ablenkt, beweist auch das Beispiel des grossen +Mirabeau+, der zu gleicher Zeit wie +Sade+ in Vincennes interniert war und hier seine obscönen Bücher schrieb.

Ein merkwürdiger Brief +Mirabeau’s+ über dieses Zusammensein mit dem Marquis +de Sade+ hat sich erhalten, der gerade nicht für freundschaftliche Beziehungen der Beiden spricht.[531] „Herr +de Sade+“, so heisst es in diesem Briefe, „hat gestern die Festung in Aufruhr versetzt und mir ohne die geringste Provokation meinerseits die infamsten Gemeinheiten gesagt. Ich würde von Herrn +de Rougemont+ (dem Gouverneur) begünstigt, und damit ich spazieren gehen könne, verweigere man ihm die Erlaubnis dazu. Er bat mich um Angabe meines Namens, damit er mir nach seiner Freilassung die Ohren abschneiden könne. Ich verlor die Geduld und sagte ihm: Mein Name ist der eines Ehrenmannes, der niemals Frauen zerstückelt und eingesperrt hat, der Ihnen diesen Namen mit dem Stocke auf den Rücken schreiben wird. -- Er schwieg und wagte seitdem nicht mehr, den Mund zu öffnen. Es ist schlimm in demselben Hause mit einem solchen Monstrum zu wohnen“.

6. Teilnahme an der Revolution und litterarische Tätigkeit.

Die ersten Szenen der Revolution spielten sich vor dem Gefängnis des Marquis +de Sade+ ab, der ihr von vornherein viele Sympathien entgegenbrachte. Im Juni 1789 verzeichnet das Register der Bastille, dass er „die Wachen vor seiner Thür und am Fuss des Thurmes überwältigen wollte“, dass man ihn aber in sein Zimmer zurücktrieb, „indem man ihm einen Flintenlauf ein wenig nahe zeigte.“ Er setzte sich am 2. Juli 1789 vor der Erstürmung der Bastille mit Hilfe eines Sprachrohres mit den Passanten der rue Saint-Antoine in Verbindung und lockte durch sein fürchterliches Schimpfen auf den Gouverneur der Bastille, +de Launay+, eine grosse Menschenmenge an, die mit ihren Beifallsäusserungen nicht zurückhielt. Dieser Vorfall hatte zur Folge, dass der Marquis +de Sade+ am 4. Juli nach Charenton gebracht wurde und also den am 14. Juli 1789 unternommenen Sturm auf die Bastille nicht mit erlebte.[532] Aus Charenton wurde er am 29. März 1790 durch den Beschluss der constituierenden Versammlung entlassen.[533] Seine erste Handlung war das Betreiben der Scheidung von seiner Frau.[534] Auch sonst wurde er seiner Familie entfremdet, da seine Söhne beim Beginne der Revolution auswanderten. Nach +Lacroix+ nahm er sich eine Maitresse, die in seinem Hause die Honneurs machte. Er wohnte zuerst in der Rue Pot-de-Fer, nahe bei Saint-Sulpice, später in der Rue Neuve-des-Mathurins, Chaussée d’Antin No. 20.[535] Er soll dort den Politikern ausgezeichnete Diners und Soupers gegeben und besonders den Grafen +Clermont-Tonnerre+ als gleichgesinnten Lebemann ins Herz geschlossen haben. Dies ist insofern wenig wahrscheinlich, als der Marquis +de Sade+ durch die Revolution alle seine Güter verlor und in eine traurige materielle Lage geriet. +Cabanès+ bemerkt noch nach einer Notiz im „Amateur d’Autographes“ (1864 S. 105 bis 106): „Il avait pris, pour sa maison, une jeune femme, plus gracieuse que belle qu’il nommait sa +Justine+ tout bas et son amie tout haut. Cette femme se distinguait par la décence de sa tenue et l’élégance de ses manières aristocratiques. On disait en effet, que c’était la fille d’un noble exilé; mais une tristesse indélébile se peignait sur son visage pâle, lorsqu’elle faisait les honneurs de ces réunions, ou l’on parlait de tout, excepté de politique, et toujours avec convenance et réserve. On jouait quelquefois la comédie, et le marquis excellait dans les rôles d’amoureux, qu’il choisissait d’habitude; il était plein de noblesse dans son maintien et de sensibilité dans son jeu; +Molé+ avait été son maître.“ Auf der oben erwähnten, durch +Charavay+ veranstalteten Auction im Jahre 1864 figurierte ein an den Repräsentanten +Rabaut Saint-Etienne+ gerichteter, mit einer Empfehlung von +Ant. de Bernard-Saint-Afriques+ versehener Brief vom 8. Ventôse des Jahres III, in welchem der Marquis +de Sade+ um eine Stelle als Bibliothekar oder als Museumsconservator bittet, da er vollständig mittellos geworden sei, nachdem sein litterarischer Besitz bei dem Sturm auf die Bastille verloren gegangen, und seine Güter durch die Briganten von Marseille konfisziert worden seien.[536] Die „Isographie des hommes célèbres ou Collection de fac-simile“ (1823-1824, 4 Bde.) enthält einen Brief +Sade’s+ vom 10. Pluviôse des Jahres VI, der sich im Besitz des Herrn +de la Porte+ befindet, und in dem er um baldmöglichste Einsendung des Honorars für ein Gedicht bittet und die Uebersendung einer von ihm verfassten Komödie ankündigt, in der er selbst die Rolle des Fabricius gespielt habe und wieder spielen wolle.[537] Bald nach seiner Entlassung aus Charenton fing er an, zahlreiche Komödien zu schreiben, diese an die verschiedenen, damals zahlreich wie Pilze hervorschiessenden Theater zu verkaufen und selbst für einige Louisdors eine Rolle darin zu spielen.[538] In den Archiven des Théâtre-Français befinden sich mehrere Briefe des Marquis +de Sade+ an die Direktion der Comédie Française aus den Jahren 1790 bis 1793, auf die +O. Uzanne+ durch +François Coppée+ und +Georges Monval+ aufmerksam gemacht wurde, und die er in seiner Schrift über +Sade+ veröffentlicht hat.[539] Der Marquis bittet darin um die Annahme verschiedener von ihm verfasster Theaterstücke zur Aufführung. Nur ein einziges von +Sade’s+ zahlreichen dramatischen Produkten fand Beifall. Es war dies „Oxtiern ou les Malheurs du libertinage“, das in den ersten Tagen des November 1791 mit Erfolg im Molière-Theater gespielt wurde.[540] Jedenfalls gehörte auch +Sade+ nach +Uzanne+ zu den zahlreichen „auteurs dramatiques monomanes“ der Revolutionszeit.

Während der Revolutionszeit erschienen nun nacheinander die berüchtigten Hauptwerke des Marquis +de Sade+, seine obscönen Romane, die seinen herostratischen Ruhm begründet haben. Ein Jahr nach seiner Freilassung, im Jahre 1791 erschien die „Justine“, die offenbar zum grössten Teile noch im Gefängnis abgefasst worden ist und in dieser ersten Auflage +nur obscön+ ist, ohne die blutigen Details der späteren, und besonders der letzten Auflage des Jahres 1797. Mit Recht vermutet +Marciat+, dass der Einfluss des Milieu, der gewaltigen Ereignisse der Revolutionszeit, diese späteren Veränderungen hervorgerufen habe.[541] Ein ebenfalls noch in der Bastille entworfener Roman, auf dessen Titel es ausdrücklich heisst: écrit à la Bastille un an avant la Révolution, ist „Aline et Valcour“, der im Jahre 1793 erschien. Dann folgten 1795 die „Philosophie dans le Boudoir“ und 1797 als Gipfel und Krönung die gemeinschaftliche Ausgabe der „Justine“ und der „Juliette“.[542] Bis 1801, dem Jahre seiner neuen Verhaftung dauerte die sehr fruchtbare Schriftstellerei des Marquis +de Sade+, die wir später zu würdigen haben. Man kann sagen, dass seine Werke im Gefängnis +concipiert+, in der Revolution +ausgeführt+ und nach den äusseren Eindrücken derselben +verändert+ wurden.

Man hat viel Aufhebens davon gemacht, dass der Marquis +de Sade+ zeitweise die Urheberschaft seiner Werke geleugnet hat. So schreibt er in einem Briefe vom 24. Fructidor 1795 (Auction Font... 1861): „Es wird in Paris ein scheussliches Werk verbreitet mit dem Titel ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘. Vor mehr als 2 Jahren habe ich einen Roman ‚Aline et Valcour ou le Roman philosophique‘ veröffentlicht. Zum Unglück für mich hat der schändliche Autor der ‚Justine‘ mir eine Situation gestohlen, die er aber auf die gemeinste Weise durch Obscönitäten verunstaltet hat.“[543] Auch in seiner „Idée sur les romans“ protestiert er gegen seine angebliche Urheberschaft von „Justine“ und „Juliette.“[544] Ebenso in einer Streitschrift gegen einen gewissen +Villeterque+.[545] +Marciat+ macht darauf aufmerksam, dass die letztere Schrift in das Jahr 1800 fällt, in welchem +Sade+ schon von der Gefahr der Verhaftung bedroht wurde und dass daher seine Versicherungen, nicht der Verfasser solcher Werke zu sein, wohl angebracht waren. Uebrigens waren derartige Ableugnungen nach +Marciat+ bei den Schriftstellern des 18. Jahrhunderts etwas sehr Gewöhnliches, z. B. bei +Voltaire+ und +Mirabeau+. Und man kann +Sade+ daraus keinen besonderen Vorwurf machen. Jedenfalls scheint er in Privatunterhaltungen die Wahrheit nicht verschwiegen zu haben, und es ist ganz sicher, dass er jedem der fünf Direktoren eine Luxusausgabe der 10bändigen „Justine“ und „Juliette“ überreicht hat, die man nach dem „Intermédiaire des Chercheurs et des Curieux“ in einzelnen Exemplaren wieder entdeckt hat.[546]

Ueber das +Privatleben+ des Marquis +de Sade+ während der Revolutionszeit sind wir im ganzen nur dürftig unterrichtet. Man kann eigentlich nur aus seinem früheren Verhalten schliessen, dass er sein ehemaliges lasterhaftes Leben wieder aufgenommen hat. Als der Marquis +de Sade+ im Jahre 1801 aufs Neue verhaftet wurde, fand man sein Schlafzimmer mit grossen Bildern ausgeschmückt, welche die „hauptsächlichen Obscönitäten des Romans ‚Justine‘ darstellen.“[547] +Cabanès+ berichtet -- +freilich ohne Quellenangabe+ -- dass, als die aufrührerischen Bauern 1790 +de Sade’s+ Schloss Lacoste zerstörten, man in diesem Schlosse Marterinstrumente gefunden habe, die von ihm bei seinen Orgien benutzt worden seien. Auch existierte in diesem Schlosse der berühmte „Klystier-Saal“ (Salle des Clystères), in dem ein Maler von Talent die Wände mit Klystierspritzen und menschlichen Figuren bedeckt hatte, welche letzteren eine Menge von ebenfalls gemalten menschlichen Rückseiten durch Klystiere erfrischten! (??)[548] +Rétif de la Bretonne+, der die Affäre +Keller+ und den Marseiller Skandal nach Paris in die Revolutionszeit verlegt, erzählt noch mehrere derartige Geschichten, deren Glaubwürdigkeit in keiner Weise feststeht, wenn ihnen auch etwas Wahres zu Grunde liegen mag. So erzählt er in den „Nuits de Paris“ (155te Nacht „Nefanda“): „Am selben Abend sah ich eine andere Hochzeit. Der Graf de S..., ein grausamer Wüstling, wollte sich an der Tochter eines Sattlers rächen, die er nicht hatte verführen können. Er hatte alles so hergerichtet, dass er sich nicht kompromittieren konnte. Als es ihm gelungen war... Virum trium luparum connubio adjungere coëgit, coram alligata uxore, quae quandoque virgis caedebatur ...“[549]

Eine andere Geschichte +Rétifs+, in der +Sade+ unter dem Namen +Bénavent+ vorkommt, erzählt von drei Schwestern, die der Marquis zur Befriedigung seiner Lüste benutzte, indem er zwei in einen Käfig sperrte und singen liess, die dritte in einem Zimmer, dessen Wände Spiegel waren, nackt in ein Bad steigen liess, während er selbst sich mit seiner Maitresse der Wollust hingab.[550] Der Bibliophile +Jacob+ hält es für zweifellos, dass +Rétif+ den Marquis +de Sade+ persönlich gekannt und wahrscheinlich einen Zwist mit ihm gehabt hat, der seinen Hass erklärt.

Besonders bemerkenswert ist die +politische+ Thätigkeit des Marquis +de Sade+ während der französischen Revolution. Er hatte mit dem ihm eigenen Scharfblick das Kommen dieser Revolution vorausgesehen. So sagt er in „Aline et Valcour“ (II, S. 448), welcher Roman 1788 in der Bastille geschrieben wurde: „Eine grosse Revolution wird im Vaterlande vorbereitet; die Verbrechen unserer Herrscher, ihre Grausamkeiten, Ausschweifungen und Narrheiten sind Frankreich zum Ueberdruss geworden; es hat den Despotismus satt und ist im Begriff, seine Fesseln zu zerbrechen.“ In der Einsamkeit der Zelle war er dahin gelangt, seinerseits die revolutionären Grundsätze, vor allem den Kampf gegen Gott, Königtum und Priestertum systematisch in seinen Schriften zu entwickeln. Das „Opfer der Bastille“ nahm denn auch lebhaften Anteil an den Ereignissen der Revolution und gerirte sich als einen begeisterten Anhänger der Schreckensmänner. Seiner Freundschaft mit +Clermont-Tonnerre+ haben wir schon gedacht. Er wurde Sekretär der Sektion der „Pikenmänner“ (Section des Piques), auch genannt die Sektion der Place Vendôme oder die Sektion des +Robespierre+. „In den Unruhen des 2. September, wo jedermann zu Hause blieb, glaubte er sich am sichersten im Schosse seiner Sektion aufgehoben. So verliess er seine Wohnung in der Rue Neuve-des-Mathurins und begab sich am Abend zu den Kapuzinern am Vendômeplatze. Die Freunde +Robespierre’s+ waren nicht dort, sondern im Jakobinerklub. +Sade+ war nur als ein Mann bekannt, der unter dem ancien régime im Gefängnis gewesen war. Er hatte ein feines und sanftes Gesicht, war blond, schon ein wenig kahlköpfig und grauhaarig. ‚Wollen Sie unser Sekretär sein? -- Gern?‘ Er nahm die Feder.“[551] -- Er hielt sich aber, eingedenk seiner Vergangenheit, in bescheidener Zurückhaltung und spielte in seiner Sektion die Rolle des Philanthropen, verwendete seine ganze Zeit auf das Studium der Verhältnisse in den Hospitälern, über welche er gute Berichte lieferte.

+Sade+ war ein begeisterter Bewunderer des blutdürstigen +Marat+, auf den er nach dessen Ermordung durch +Charlotte Corday+ die noch erhaltene Gedächtnisrede hielt, die von revolutionären Phrasen erfüllt ist, und in der er die „heilige und göttliche Freiheit“ als einzige Göttin der Franzosen feiert (29. Sep. 1793).[552] Unter ein Bild +Marat’s+ schrieb er die Verse:

Du vrai républicain unique et chère idole, De ta perte, Marat, ton image console. Qui chérit un grand homme adopte ses vertus, Les cendres de Scévole ont fait naître Brutus.[553]

Uebereinstimmend wird aber berichtet, dass insgeheim der Marquis +de Sade+ von den Mitgliedern der Sektion, sowie von den übrigen Revolutionären verachtet und gehasst wurde. In der berühmten „Liste des ci-devant nobles“ von +Jacques Dulaure+, die im Jahre 1791 erschien, findet sich ein heftiger Artikel gegen unsern Marquis +de Sade+ (Biographie universelle)[554]. Nach +Cabanès+ behielt er den Titel „Marquis“ sogar bei, und „man kann sagen, dass das der einzige Marquis war, den man unter der Herrschaft von +Robespierre+ und +Fouquier-Tinville+ bestehen liess.“ (+Cabanès+ a. a. O. S. 289) Er war vielleicht gar nicht Republikaner aus politischer Ueberzeugung, sondern kämpfte gegen Recht und Gesetz überhaupt nur unter dem Einflusse der von ihm gebildeten „théorie du libertinage.“ Er war der Philosoph des Lasters, aber kein leidenschaftlicher Politiker. In der Theorie absoluter Bösewicht, war er in Wirklichkeit recht sanftmütig, vorsichtig und voll von Tugendphrasen.[555] Das konnte den grossen Terroristen wenig passen. Eine schöne Handlung, die uns den Marquis +de Sade+ menschlich näher bringt, gab ihnen den Vorwand, gegen ihn vorzugehen. Er hatte durch seine Fürsprache seine Schwiegereltern, obgleich sie ihm stets feindlich gesinnt gewesen waren, vom Schaffot gerettet,[556] und wurde daher als ein „Gemässigter“ verdächtigt und am 6. Dez. 1793 auf Befehl des „Comité de la Sureté générale“ verhaftet und nacheinander in die Gefängnisse des Madelonnettes, des Carmes und Picpus gebracht, erlangte aber am 9. Thermidor 1794 durch +Rovère+ seine Freiheit wieder, dem er sein Landgut La Coste verkaufte und so in den Besitz einiger Geldmittel gelangte.

+Sade+ lebte nunmehr zurückgezogen ganz seiner schriftstellerischen Thätigkeit, der unter dem Direktorium weniger Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Wir erwähnten schon, dass er jedem der fünf Direktoren ein Exemplar der Prachtausgabe seiner „Justine“ überreichte, über deren Verbleib, besonders was das Exemplar des +Barras+ anbetrifft, man genaue Nachrichten hat.[557] Ueberhaupt wurden damals die berüchtigten Hauptwerke des Marquis +de Sade+ ganz öffentlich verkauft. Sie waren bei allen Buchhändlern zu haben und waren in den Katalogen angeführt. Ein grosser Kapitalist unterstützte den Vertrieb, der sich über das In- und Ausland erstreckte, und hatte Anteil am Gewinne. Dies dauerte bis zum Jahre 1801. (Biographie universelle). Im Thermidor des vorhergehenden Jahres (Jahr VIII) hatte der Marquis +de Sade+ einen Roman „Zoloë et ses deux acolytes“ veröffentlicht, der nichts anderes war als ein heftiges Pamphlet gegen +Joséphine de Beauharnais+ (Zoloë), die Damen +Tallien+ (Laurenda) und +Visconti+ (Volsange), gegen +Bonaparte+ (Baron d’Orsec), +Barras+ (Vicomte de Sabar), einen Senator (Fessinot) u. s. w., welche Persönlichkeiten in einer „petite maison“ sich der schändlichsten Unzucht hingeben.

Wegen dieses Pasquills wurde +Sade+ am 15. Ventôse des Jahres IX (5. März 1801) verhaftet. Ein Bericht des Polizeipräfekten an den Polizeiminister vom 21. Fructidor des Jahres XII giebt Auskunft über diese Verhaftung.[558] Er enthält viele Unrichtigkeiten, z. B. gleich im Anfang die, dass der Marquis im Begriff gewesen wäre, die „Juliette“ zu publizieren, die doch bereits mehrere Jahre vorher erschienen war. +Sade+ wurde nach diesem Bericht ohne rechtsgiltiges Urteil zunächst ins Gefängnis Sainte-Pélagie gebracht, da eine Gerichtsverhandlung „einen zu grossen Skandal erregt haben würde“ und auch die gerichtlichen Strafen „ungenügend und keineswegs den Delikten angemessen gewesen sein würden“. Der Präfekt erzählt dann weiter, dass +Sade+ in Sainte-Pélagie die jungen Leute zu unsittlichen Handlungen verführt habe und er infolgedessen nach Bicêtre überführt worden sei. „Dieser unverbesserliche Mensch war in einem Zustande ‚beständigen wollüstigen Wahnsinns‘ (démence libertine).“ Auf Betreiben seiner Familie wurde er dann am 26. April 1803 nach Charenton gebracht. (+Cabanès+, S. 301.) Alle seine Manuscripte und Bücher waren wiederholt confisciert worden.

+Aulard+ hat in einem Artikel „La Liberté individuelle sous Napoléon Ier“ (Revue du Palais, August 1897) auf die Häufigkeit der willkürlichen Verhaftungen und Einsperrungen ohne rechtsgiltiges Urteil unter dem Konsulat und ersten Kaiserreich aufmerksam gemacht. Es scheint, dass man öfter unliebsame Persönlichkeiten für irrsinnig erklärte und in Charenton unterbrachte. So wurde der Dichter +Th. Desorgues+, der ein Chanson gegen Napoleon mit dem Refrain:

Oui, le grand Napoléon Est un grand caméléon

verfasst hatte, in Charenton interniert, wo er 1803 starb. Das gleiche Schicksal traf den Forstmeister +de Laage+, sowie den Abbé +Fournier+. Beide wurden in Bicêtre eingesperrt. (+Cabanès+ S. 294-295). Bei +Sade+ hatte man ausserdem noch den bequemen Vorwand, dass man den Verfasser so vieler obscöner Bücher unschädlich machen müsse, obgleich +Marciat+ mit Recht bemerkt, dass ohne das Pamphlet gegen Bonaparte diese Bücher wohl nicht den Anstoss zu seiner Verhaftung gegeben haben würden. +Sade+, der wiederholt gegen dieselbe protestierte, hielt es deshalb für geraten, in seinen verschiedenen Briefen aus Sainte-Pélagie die Urheberschaft der „Justine“ u. a. abzuleugnen.[559]

Ueber den Aufenthalt des Marquis +de Sade+ im Irrenhaus zu +Charenton+ besitzen wir mancherlei interessante Nachrichten. Vor allem ist merkwürdig ein Gutachten des berühmten Irrenarztes +Royer-Collard+[560] über den Marquis aus dem Jahre 1808, das wir vollständig mitteilen.

Paris, den 2. August 1808.

Der Chefarzt des Hospizes zu Charenton an Seine Excellenz den Senator und Polizeiminister.

Gnädiger Herr,

Ich habe die Ehre, an die Autorität Eurer Exzellenz zu appellieren, in einer Angelegenheit, die ebenso meine amtliche Thätigkeit angeht, wie die gute Ordnung in dem Hause, dessen ärztlicher Dienst mir anvertraut ist.