Der laufende Berg

Part 19

Chapter 193,836 wordsPublic domain

Als drunten die Elf-Uhr-Glocke gezogen wurde, traten die paar Leute, die mit den Schmiedegesellen gekommen waren, den Heimweg an. Einige Stunden später war man des Wassers soweit Herr geworden, daß Schorschl auch die Gesellen heimschicken konnte. Die Bäche, die von der Höhe des Berges niederströmten, begannen spärlicher zu fließen und sprudelten auf dem Wege, den ihnen die Arbeit der Menschenhände angewiesen hatte, mit gleichmäßigem Rauschen zu Tal. Nur einige Gräben waren noch zu ziehen, um das nachquellende Sickerwasser vom Sockel der Mauern abzuleiten.

Als auch dieses Letzte getan war, legte Michel erschöpft den Spaten aus der Hand. »Jetzt haben wir's! Jetzt geht's mir wie dem Mathes. Ich muß in d' Stub eini und muß mich niedersetzen.« Mit gekrümmtem Rücken ging er zur Haustür. Vor der Schwelle erwärmte ein zufriedenes Lächeln seine müden Züge. »Die gscheide Kammissoni! Abi, hat s' gmeint, abi wird's müssen, mein Häusl? So, so?« Zärtlich strich er mit der schlaffen Hand über die feuchte, des Mörtels halb entkleidete Mauer. »Gelt, mein Häusl! Jetzt haben wir dich mit Gotts Hilf sauber durchbracht! Ja!« Er wandte das Gesicht. »Vergelts Gott, Kinder! Fest habts mitgholfen! Dös muß ich sagen.« Nickend wischte sich Michel den Schweiß von Stirn und Wangen und trat ins Haus.

Mathes arbeitete noch eine Weile, dann stellte auch er die Schaufel an die Mauer und wusch sich am rauschenden Bach die Hände und das Gesicht. Stumm wanderte er über den verwüsteten Grashang hinauf. Bei der kahlen Haselnußhecke, aus deren Zweigen er einst als Knabe die Maipfeifen für das Linerl geschnitten hatte, setzte er sich in die Sonne. Die Arme um seine Knie schlingend, spähte er hinunter ins Tal.

Schorschl und Vroni machten sich bald hier, bald dort noch ein bißchen Arbeit. Dabei gingen sie verlegen aneinander vorüber. »No ja«, sagte Schorschl endlich, während er mit einem Span den Schlamm von seinem Pickel kratzte, »d' Arbeit is gar. Jetzt kann ich heimmarschieren.« Er hob den Pickel auf die Schulter. »Oder net? Was meinst?«

Da kam sie mit heißem Gesicht auf ihn zugegangen und legte die Hand auf seinen Arm. »So viel plagt hast dich! Da därf dich d' Mutter net ungspeist heimgehn lassen. Magst net zum Essen bleiben?«

Er sah sie mit glücklichem Lachen an. »Dös kannst dir doch denken, wie gern ich bleib!«

»No also!« Sie atmete erleichtert auf. »Bleibst halt!« Die nassen Hände an der Schürze trocknend, ging sie zur Hausbank. Als sie saß, rückte sie gleich auf die Seite, damit er Platz neben ihr hätte.

»Mit Verlaub!« sagte er, lehnte den Pickel an die Mauer und setzte sich auf die Kante der Bank.

Vroni sah ihn verwundert an. »Ruck a bißl zu! Heut hast dir 's kommode Sitzen verdient.«

Er rutschte so dicht heran, daß sein Ellbogen den ihren drückte. »Ja, ja, so geht's halt!« Was Klügeres fiel ihm nicht ein. Verlegen sprang sie auf. »Was is denn?« stotterte Schorschl erschrocken. »Wirst doch net davonlaufen?«

»Ich muß doch sagen drin, daß d' Mutter mit'm Essen auf dich antragt.«

»Aber kommst gleich wieder?«

Vroni huschte ins Haus und fand die Mutter beim Herdfeuer. »Du«, sagte sie und kühlte mit den Händen das Gesicht, »der Schorschl bleibt da zum Essen.«

In Mutter Katherl schien eine Ahnung aufzudämmern. »Gleich dableiben tut er? Ah, da schau!« Sie schmunzelte.

»Geh, du! Der da draußen plagt mich, und jetzt plagst mich du auch noch!« Seufzend verließ Vroni die Küche; im Flur fragte sie über die Schulter: »Mutter? Hast doch a bißl ebbes Guts?«

»Ja! Tiroler Knödl mach ich.«

»Gott sei Lob und Dank! Die ~müssen~ ihm schmecken!« Sichtlich erleichtert kehrte Vroni zur Hausbank zurück. Schorschl haschte ihre Hand. Aber sie machte sich wieder los, ging zum Fenster und spähte in die Stube. »Da schau her!« sagte sie lächelnd. »Der Vater is schon in der Ruh. Auf der Ofenbank liegt er und schlaft.«

»Geh? Is wahr?« Lautlos kam Schorschl zum Fenster geschlichen, legte den Arm um Vronis Schultern, schmiegte seine Wange an die ihre, und so guckte das Paar in die Stube.

»So fest und gut hat er schon lang nimmer gschlafen.«

»Da müssen wir ihm dös bißl Schlaf vergunnen und müssen uns schön stad halten!« zischelte Schorschl, während er den Arm noch enger um das Mädel schlang. »Komm, setzen wir uns wieder auf d' Hausbank! Sonst rumpelst am End noch ans Fenster hin und weckst den Vater.«

»Ja, hast recht!« Mit glänzenden Augen sah sie ihn an und ließ sich führen.

Nun saßen sie in der Sonne des Nachmittags, mit fest verschlungenen Händen. Verträumt und alles um sich her vergessend, lauschten sie dem Rauschen der Bäche und genossen wortlos die erste Freude ihres jungen Glückes, mit dem sie schneller fertig waren, als Mutter Katherl mit ihren Tiroler Knödeln.

Schorschl suchte mit lachenden Augen drunten im Tal das Dach seines Hauses. »Die Bäckenmahm! Dö wird dreinschauen!« dachte er. Als er diesen Gedanken aussprechen wollte, sah er, daß Vroni, deren Kopf an seiner Schulter ruhte, die Augen geschlossen hatte. Scheu streifte er mit den Lippen ihr zerzaustes Haar.

Tief atmend öffnete sie die Augen, blickte in Verwirrung zu ihm auf und stammelte: »Ich hab a bißl viel schaffen müssen die letzten Täg und Nächt. Und so viel gut is mir 's Rasten gwesen. Meiner Seel, jetzt wär ich schier gar a bißl eingschlafen! Bist mir harb drum?«

»Gott bewahr!« Er preßte sie zärtlich an sich. »Ich tu mich recht schön stad halten. Schenier dich net und mach deine Guckerln wieder zu!«

»Na, na!«

»Warum denn net?« Er wollte ihren Kopf an seiner Schulter betten und diese Gelegenheit benützen, um ihr den ersten Kuß zu geben.

Das wehrte sie ihm erschrocken und blickte über den Wiesenhang hinauf. »~Jetzt~ net! Der Mathes schaut her. Dös möcht ich net, daß er so ebbes sehen muß.«

Er begriff diese Sorge nicht. »Geh, was hast denn? Der Mathes weiß doch eh schon lang, wie's steht mit uns. Und schenieren mußt dich net wegen meiner! Ich bin nimmer der Schorschl, der ich gwesen bin. D' Lieb hat mich kuriert von der Lumperei. Jetzt bin ich an andrer.«

»Ja, Schorschl! A ganz an andrer!« Sie sah mit stolzer Freude zu ihm auf. »Dös hab ich fein lang schon gmerkt.«

»Gelt, ja? Und dös bleibt. Grad so wie dö drei weißen Stricherln da!« Er zeigte ihr die Hand mit den Kratznarben. »Man sieht's noch allweil.« Als sie schwieg und ihn so merkwürdig ansah, lachte er. »Ich an deiner Stell hätt grad so kratzt! Ich weiß schon: a bißl grob hab ich zugriffen.«

Vroni machte immer größere Augen. »Aber Schorschl! ~Wer~ soll dich kratzt haben? Ich?«

»Geh!« Er blinzelte lustig. »Verstell dich net so!«

»Aber Schorschl!« Sie sah seine Hand an, sah ihm wieder in die Augen und schüttelte den Kopf. »Jetzt fallt's mir auch wieder ein, wie d' allweil gredt hast im Herbst: Katzerl, Katzerl! Allweil: Katzerl!«

»Da hört sich doch alles auf!« Er lachte. »Vronerl! Weißt es denn nimmer?«

»Was?«

»Selbigsmal in der Nacht --« Er hob die Hand und machte mit gekrümmten Fingern eine leichtverständliche Bewegung.

Dennoch verstand sie nicht. »~Wann~ in der Nacht?«

»Wie ich 's zweitmal bei dir am Fenster war!«

»Du? A zweits Mal? Da weiß ich nix davon.«

»Aber hörst!« Jetzt schüttelte auch er den Kopf. Um ihre schlummernde Erinnerung zu wecken, wurde er deutlicher und erzählte von jener stockfinsteren Nacht, in der er vor einem ›gwissen Fensterl‹ seine guten Vorsätze gebeichtet und um freundlichen Beistand gebettelt hatte. Um Vronis Mundwinkel begann es verdächtig zu zucken. Und ehe Schorschl noch völlig zum Ende jener nächtlichen Fenstergeschichte kam, brach sie in lautes Lachen aus. Das war ein Lachen, so hell und lustig, wie man es seit Jahresfrist in der Simmerau nicht mehr gehört hatte.

Mutter Katherl erschien mit dem Kochlöffel in der Haustür und zog, um von dem jungen Paar nicht bemerkt zu werden, hurtig den grauen Kopf wieder zurück. In der Stube erwachte Michel aus seinem Schläfchen, kam verwundert zum Fenster, drückte die Nase an die Scheibe und lächelte zufrieden. Und droben auf dem verwüsteten Grashang, bei den kahlen Haselnußstauden, erhob sich Mathes und blickte auf das kleine Haus hinunter, als hätte ihn dieses herzliche Lachen aus schweren Träumen geweckt.

Nur Vroni selbst erschrak vor diesem Lachen. »Jesus Maria! Lachen kann ich! Und da droben der Mathes! Und da drunt im Dorf --« Sie sprach nicht zu Ende. Ob sie wollte oder nicht: sie ~mußte~ lachen. Und dabei kamen ihr die Tränen.

Schorschl war so verblüfft, daß er eine Weile brauchte, bis er fragen konnte: »Madl? Bist denn narrisch worden?«

»Aber Schorschl! Ich hab doch selbigsmal gar net in meiner Kammer gschlafen.«

»Was!« Schorschl riß die Augen auf. »Bei wem hab ich denn nachher gfensterlt?«

»Bei meiner weißen Katz!«

Schorschl verstand nicht gleich. Dann kam die Erleuchtung, und er platzte los. Vroni suchte ihn zu beschwichtigen: »Net so laut, Schorschl, ich bitt dich, net so laut!«

Die Lachtränen von den Backen wischend, schlang er den Arm um Vroni. »Schatzl? Wann du in der Kammer gwesen wärst? Hättst ~du~ mich auch kratzt?«

Sie studierte ein bißchen. »Ich glaub doch net.«

Da stand Mathes vor ihnen, und erschrocken schob Vroni den Schorschl von sich. Scheu blickte sie zu dem Bruder auf. »Tu mir net harb sein, Mathes! Ich hab lachen ~müssen~.«

Stieg ihm das warme Blut in die bleichen Wangen? Oder war's nur die Abendsonne, die seine vergrämten Züge so warm überhauchte? Er lächelte, und dem jungen Paar die Hände auf die Schultern legend, sagte er: »Schau, Schwester, so von Herzen, wie ich, vergunnt dir keiner die junge Freud! Seids gut mitanand! Tuts fest zammhalten! Sonst hat 's Leben kein' Wert!« Er wollte ins Haus treten; auf der Schwelle wandte er sich. »Tust mir an Gfallen, Vroni?«

»Ja, Mathes! Alles, was d' willst.«

»So mach nach'm Essen a Sprüngl abi zu ihr. Damit s' doch ~ein'~ Menschen hat!«

»Ja, Mathes!« Zögernd fragte sie: »Magst net mit?«

Er preßte die Lippen aufeinander, daß sie weiß wurden, und schüttelte den Kopf.

Mutter Katherl rief aus dem Hausflur: »Kommts, Kinder, ich hab auftragen!«

Das gab eine stille Mahlzeit. Dem Alten fielen während des Essens vor Müdigkeit schon halb die Augen wieder zu, und Mutter Katherl stach in schweigsamer Fürsorge einen Knödel um den andern aus der Schüssel heraus und legte ihn auf Schorschls Teller. Mathes sprach kein Wort. Und das verliebte Paar hatte sich genug mit den Augen zu sagen.

Als die Mahlzeit vorüber und das Gebet gesprochen war, sagte Vroni: »Vater? Verlaubst mir's, daß ich a bißl abi schau zur Linerl?«

»Ja, Madl, gern! Und tu mir s' grüßen, dö gute Frau! Gleich morgen geh ich selber abi, heut kann ich nimmer. Wie abgschlagen sind mir d' Füß! Und gelt, bring die Kinder mit heim! Jetzt haben s' wieder ihr sichers Bleiben bei uns. Gott sei Dank! Und tu mich aufwecken, wann die Kinder heimbringst! Heut schlaf ich gleich.« Er humpelte zur Kammer. In seiner Müdigkeit vergaß er, dem Daxen-Schorschl gute Nacht zu wünschen.

Sechzehntes Kapitel

Die Almen und Felsenzinnen leuchteten im Gold des Abends, während Vroni und Schorschl am Ufer des neu entstandenen Bergbaches über die Gehänge hinunterstiegen.

Mathes stand bei der halb zerstörten Scheune und blickte den beiden nach.

Solang ihn Vroni sehen konnte, winkte sie immer wieder mit der Hand zu ihm hinauf. Als die Hügel ihn verdeckten, fragte Schorschl: »Was hat denn der Mathes?«

»Du därfst es ja wissen jetzt!« Sie wisperte: »'s Linerl hat er gern.«

Der stammelnde Laut, den Schorschl zur Antwort gab, ging unter im Rauschen des Baches. Doch hinter seinem Schreck kam gleich die Freude wieder. Daß Vroni sich eins mit ihm fürs Leben fühlte, das hatte ihm kein Händedruck, kein leuchtender Blick so deutlich gesagt, wie dieses leise Wort, mit dem sie ihm das Geheimnis des Bruders anvertraute. Schweigend umschlang er sie.

Da blickte sie zu ihm auf. »Soviel gut bin ich dir!«

»Auf mich kannst dich verlassen!«

Weiter sprachen sie kein Wort. Eng aneinandergeschmiegt, stiegen sie talwärts im leuchtenden Frühlingsabend.

Am Himmel glomm der Schein des ersten Sternes auf, als man drunten im Dorf den Abendsegen läutete.

Der schwebende Hall war schon eine Weile verstummt, da wurde noch eine andere Glocke gezogen.

Die beiden hörten nicht. So ganz versunken waren sie in ihr lebendes Glück.

Es wurde dunkler Abend, bis sie das Dorf erreichten. Sie hatten den Weg an der Daxenschmiede vorüber genommen. Sosehr es Vroni zu Karlin zog, sie mußte sich einen ›Schnaufer‹ in der Luft des Hauses vergönnen, in dem sie wohnen sollte als junge Frau. In der Stube fand sie den Tisch gedeckt und daneben im Lehnstuhl die Mahm, die seit der Heimkehr der Gesellen mit Ungeduld auf ihr ›Schorscherl‹ gewartet hatte. Da gab es nun eine Szene, bei der die ›magere‹ Mahm vor Freude viel dicke Tränen vergoß; und das ›liebe Bildl‹ des jungen Paares, beteuerte sie, täte ihrem Herzen doppelt wohl nach dem Jammer, den sie hatte mit ansehen müssen: vor einer Stunde, als sie im Lehnstuhl vor der Haustür gesessen, hatte man den Purtscheller als stillen Mann auf der Straße vorübergetragen, und neben der Reisigbahre war die arme Frau gegangen.

»Jesus!« stammelte Vroni, aus der stillen Freude ihres Glückes aufgerüttelt. Und da war sie nicht mehr zu halten. »Ich bitt dich, Schorschl, hol mir die Kinder von der Gvatterin, ich lauf zur Linerl ummi.« Sie stürzte davon und hörte nicht mehr, was Schorschl ihr nachrief.

Eine halbe Stunde später stand der junge Schmied mit den beiden Kindern vor dem Purtschellerhof und wartete. Die Straßenlampe, die am Stamm einer Pappel hing, warf ihren matten Lichtschein über den dunklen Weg. Der Vorgarten des Purtschellerhauses war mit Leuten angefüllt; sie redeten halblaut zueinander, schlichen durch die Haustür aus und ein, oder drängten sich um die Fenster, die vom Schein der Wachskerzen wie festlich beleuchtet erschienen. Hastigen Schrittes ging der Pfarrer, der das weiße Chorhemd trug, an Schorschl und den Kindern vorüber, und ihm folgte der Mesner mit dem Weihbrunnkessel.

»Du?« fragte das Jetterl den Daxen-Schorschl. »Tun s' Hochzet halten da drin?«

»Ja, mein Mäderl!« sagte Schorschl, von diesem Kinderwort erschüttert. »Freilich tut einer Hochzet halten! Hochzet für alle Ewigkeit! Und 's Bräutl heißt Schnaufnimmer, und der Hochzeiter heißt Stehnimmerauf!«

»Stehnimmerauf?« plapperte das Kind und lachte. »Is dös aber a gspassiger Nam!«

Neugierig lugten die Kinder nach den erleuchteten Fenstern und wollten wissen, wann die ›Musi‹ käme.

Schorschl vergaß zu antworten, denn er sah, daß Vroni sich durch die im Garten stehenden Leute drängte. »Schatzl!« rief er. »Da bin ich schon!«

Sie zitterte vor Erregung an allen Gliedern. »Schorschl, Schorschl«, stammelte sie, während die Kinder sich an ihre Schürze hängten, »wie mich dös Frauerl da drin derbarmt, dös kann ich gar net sagen! Gern wär ich d' Nacht über blieben bei ihr. Aber mit der eiskalten Hand hat s' mir so viel lind übers Gsicht gstrichen und hat 's Köpfl gschüttelt. Und gsagt hat s' kein Wörtl net.« Sie brach in Schluchzen aus.

Das fanden die Kinder merkwürdig: daß bei einer Hochzeit geweint wurde. Xandi grübelte sich für dieses Rätsel eine Lösung aus. »Gelt, Vronerl, tust weinen, weil d' heim mußt? Geh, bleiben wir noch a bißl da, bis d' Musi anfangt!«

Erschrocken sah sie den Knaben an; als ihr Schorschl die Erklärung der Kinderworte zuflüsterte, sagte sie: »Ja, Schorschl, lassen wir s' drauf! Besser, sie glauben an d' Freud im Leben, als wie ans andre!« Die Tränen von den Wangen trocknend, küßte sie die Kinder, knöpfte ihnen die Kittelchen zu und wand ihnen die wollenen Schlipse um die Hälse, damit sie die Kühle des Abends nicht spüren möchten.

Sie nahm den Knaben an die Hand, Schorschl das Jetterl, und so stiegen sie durch die sinkende Nacht in die Simmerau hinauf. Der Mond kam über die Berge gestiegen und übergoß ihren Weg mit seiner silbernen Helle.

Der Kinder wegen sprachen sie mit keiner Silbe von dem doppelten Tod, dem dort unten die Kerzen leuchteten. Doch unermüdlich mußten sie Antwort geben auf die Fragen der beiden Kleinen, für welche die Wanderung durch die vom Rauschen der Bäche erfüllte Mondnacht zu einem märchenhaften Ereignis wurde, das ihre kindlichen Herzen mit wohligem Gruseln erfüllte. In jedem Felsblock, den der Mond umwebte, und im schwarzen Schatten jeder Bodenschrunde erblickten sie was Geheimnisvolles. Der Ruf einer Eule machte sie zittern, und das Schwatzen der Bäche weckte ihre Neugier auf ›die Gschichtln, dös 's Wasser verzählt‹.

Das schwarze, verschobene Dach der Scheune tauchte hinter dem letzten Hügel hervor, den sie noch zu übersteigen hatten. Da legte Vroni die Hand auf Schorschls Arm. »Droben steht er schon und wartet!«

Das hatte sie kaum gesagt, als ein erstickter Schrei über den Hügel herunterklang: »Vroni?«

Die Kinder erkannten die Stimme und jubelten durch die Nacht hinauf: »Mathes! Mathes! Wir kommen schon!«

Vroni nahm das Jetterl bei der Hand. »Gelt, Schorschl, bist mir net harb? Jetzt mußt mich allein lassen mit ihm!«

Er nickte. »Gut Nacht für heut!« Und wollte sie küssen.

Sie entzog sich ihm. »Wart noch a bißl! Nacher kommst a Sprüngl zu mir ans Fenster. Magst?«

»Ob ich mag? Acht Tag lang hock ich mich da her und wart, wann's sein muß.«

Er ließ sich auf einen Felsblock nieder. Als er Vroni mit den Kindern auf der Höhe des Hügels verschwinden sah, machte ihn der Gedanke an Mathes ganz beklommen. Aber verliebte Herzen schlagen Purzelbäume über alle Tiefen weg. So war auch der Daxen-Schorschl bald wieder mitten drin in seinem träumenden Glück. Das erste, was er sich ausdachte, war das Brautgeschenk, mit dem er Vroni am Hochzeitsmorgen überraschen wollte. Eine silberne Halskette, eine ganz dünne, die nicht teuer ist, denn jetzt mußte er sparen. Und an dem Ketterl sollten, schön in Silber gefaßt, die dreißig Pfennige hängen, die er sich damals an jenem ersten Arbeitstag von Vroni verdient hatte. Die paar Nickel, die er in seinen Sorgen krampfhaft festgehalten, hatten ihm das Glück ins Haus gebracht.

Und die Bäckenmahm sollte es gut haben bei ihm! Der hatte er viel zu danken. Ihr Unglück hatte ihn zur Arbeit gezwungen. »Wann die net so warm kriegt hätt in derselbigen Nacht, ich mein' schier, es wär a bißl kalt blieben bei mir in der Schmieden!« Und gerade zur richtigen Zeit war die Hilfe gekommen: als er in seiner ›Wildheit‹ den Karren seines Glücks übel verfahren hatte! Bei diesem Gedanken durchlebte er wieder jene Begegnung am Rand des Straßengrabens; er hörte das Plumpsen der Brotlaibe, sah Vronis zornblitzende Augen und hörte den sausenden Schwung der blauen Schürze.

Lachend duckte er den Kopf und wischte mit den Händen darüber, als hinge ihm noch der Mehlstaub an den Ohren. »Sakra! Sakra! Dös Madl hat die richtige Schneid. Bei der muß ich mich ~gut~ aufführen! Oder es kracht.« So spann er in seinem warmen Glück einen fröhlichen Gedanken an den anderen und guckte lachend in den Mond. Als er nach geduldigem Warten endlich emporschlich über den Hügel, sah er, daß alle Fenster an dem kleinen Haus schon dunkel waren. »Mar' und Josef! Sie wird doch net schon warten auf mich!« Da machte er lange Sprünge und fand richtig das kleine Fenster schon offen.

Ein ›Bussel‹, das kaum enden wollte, leitete die zärtliche Zwiesprach ein, die mit Flüstern durch das eiserne Fenstergitter gehalten wurde. Und schließlich gab es für den Daxenschmied noch eine Überraschung.

»Schorschl! Jetzt geh schön heim und schlaf dich ghörig aus!« so hatte Vroni gemahnt. »Morgen mußt wieder an d' Arbeit! Gut Nacht, mein Liebster du!«

»Gut Nacht, Schatzl, mein liebs!«

»Tausendmal gut Nacht!« Erst noch ein Kuß, und dann kam der Nachsatz: »Aber wart a bißl, jetzt kriegst noch was!«

»Was denn?«

»Paß nur auf!«

Vroni verschwand vom Fenster. Als sie wiederkam, sah Schorschl im Mondschein etwas blinken wie Gold.

Seine +C+-Trompete!

»Dö hab ich gfunden und hab s' aufghoben, daß nix passiert dran.«

»Jesses na!«

In der ersten Freude des Wiedersehens wollte Schorschl die Trompete gleich an den Mund setzen. Erschrocken griff Vroni mit beiden Armen zum Gitter heraus und stotterte: »Schorschl! Was fallt dir denn ein!«

Da ging nun das Geflüster von neuem an, bis Vroni, um den Schlaf ihres Daxenschmiedes besorgt, einen Gewaltstreich übte und das Fenster schloß.

Schorschl plauderte noch eine Weile seine Zärtlichkeiten an die im Mondlicht blinkende Scheibe hin; aber die wollte sich nicht wieder öffnen. »No also, in Gotts Namen!« Seufzend nahm er die Trompete unter den Arm und trat den Heimweg an.

Als er in die Nähe des Dorfes kam, konnte er der Versuchung, die ihn auf dem ganzen Weg gequält hatte, nicht länger widerstehen. Er ~mußte~ seine Trompete hören, mußte das Glücksgefühl, das in ihm sprudelte, hinausschmettern in die Nacht. Lachend setzte er die Trompete an den Mund, und um der Freude, die sein Herz erfüllte, den passendsten Ausdruck zu geben, blies er mit schmachtenden Klängen, aber mit aller Kraft seiner gesunden Lungen in den stillen Mondschein:

»Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so trau--au--rig bin ...«

Klingend warfen die Berge das Echo zurück, als stünde am Fuß jeder Felswand ein Trompeter, der ›so traurig‹ war.

* * * * *

Der Frühling wandelte sich in Sommer. Auch auf den höchsten Zinnen war längst der letzte Schnee geschwunden. Das Almrausch blühte in leuchtendem Rot, und gleich einem gestickten Fürstenmantel schmiegte sich das Grün der Halden und Wälder um die Flanken aller Berge.

Es war an einem Tag in der zweiten Juliwoche. In der vergangenen Nacht hatte sich ein schweres Unwetter über den Bergen entladen. Die Bäche waren noch gelb vom Regen und rauschten mit doppelter Macht; doch der Himmel leuchtete in reinem Blau; nur ein paar kleine, kuglige Wolken, die letzten Nachzügler des erloschenen Gewitters, schwammen sacht, in silberweißem Glanze, über die Berge hin. Alle Farben an Wald und Wiesen hatten gesteigerte Leuchtkraft, und die Luft war so frisch, daß sich auch in der Mittagsstunde noch jeder Atemzug wie eine Erquickung genoß.

Alle Gehänge des zur Ruhe gekommenen Berges waren belebt; bald hörte man lachende Stimmen, bald einen Jodelruf oder die muntere Weise eines Liedes. Auf den tiefer liegenden Halden, die durch Erdbewegung und Überschwemmung weniger gelitten hatten, war schon die Heuernte im Gang. In der Höhe, auf den zerrissenen Wiesen, arbeiteten die Leute mit Pickel und Spaten, füllten die Bodenschrunden aus und bestreuten den geebneten Grund mit Grassamen. Von einzelnen Gehöften, die seit dem Herbst verlassen gestanden, hörte man Hammerschlag und das Geräusch der Säge; da waren die Maurer und Zimmerleute bei der Arbeit, um die übel zugerichteten Gebäude wieder in wohnlichen Stand zu bringen.

Aus dem Gärtl der Simmerau hallten die schweren Schläge einer Axt, und zu diesem eintönigen Pochen gesellte sich mit drolliger Disharmonie die Weise des Liedes, das die beiden Kinder mit kreischenden Stimmen sangen:

»Vogerl im grünen Wald Zwitschert so hell! Zwitschert Wald aus und ein, Wo mag mein Schatzerl sein? Vogerl im grünen Wald Zwitschert so hell!«

Die Kinder saßen, vom Sonnenglanz umzittert, im hohen Gras einer Wiese und banden einen Blumenstrauß für den ›Daxen-Vetter‹ und die ›Daxen-Mahm‹, für Schorschl und Vroni, die vor drei Tagen Hochzeit gehalten hatten.

Schorschl hätte sich die junge Frau am liebsten schon im Mai in seine Schmiede geholt; aber der Simmerauer hatte sein Mädel bei der Arbeit gebraucht und wollte nichts von der Hochzeit wissen, bevor nicht sein Haus wieder so schmuck und freundlich dastand wie im vergangenen Sommer, ehe der Berg sein ›narrisches Laufen‹ begonnen hatte.