Der laufende Berg

Part 18

Chapter 183,877 wordsPublic domain

Da quoll ein Knirschen aus dem Grund, als hätte die Erde geseufzt -- so, wie ein Müder seufzt, bevor er die Augen zur Ruhe schließen will. Langsam bewegten sich an der Böschung die neu geschlagenen Pfähle und legten sich auf die Seite. Im Hof verschob sich der Balkenrost. Mit trägem Krachen knickten die geflickten Hölzer entzwei, und während an den Mauern der Mörtel niederbröckelte, klang von der Scheune ein dumpfes Ächzen, das Klirren der vom Dache fallenden Schindeln und das Gepolter losgebrochener Bretter. »Jesus!« stammelte Mutter Katherl. Und Michel sagte mit erstickter Stimme: »Da! Jetzt lauft er schon wieder!«

Wortlos hatte Mathes die letzte, noch brennende Fackel vom Baum gerissen, an den sie gebunden war, und eilte den anderen voraus über den Hof.

Die ganze Arbeit des Tages war zerstört. Alle Balkenwände der Scheune standen schief, das Dach war verschoben und hatte Lücken bekommen, von der Hälfte der Rückwand waren die Bretter niedergebrochen, und durch die klaffende Öffnung quoll in dicken Wulsten das eingelagerte Heu.

Als sie das gesehen hatten, mußte Mathes die Fackel löschen. Er drückte den qualmenden Stumpf in den Schlamm und zertrat die glühenden Kohlenstücke, damit nicht ein Funke in das dürre Heu geraten könnte. Nun standen sie wortlos in der dunklen Nacht, durch deren reine Luft die Sterne niederleuchteten, groß und mit farbigem Gefunkel. »No ja«, brach Michel mit müder Stimme das bange Schweigen, »jetzt in der Nacht können wir allweil nix mehr machen. Fangen wir halt in der Fruh wieder an! Komm, Mutter! Kommts, Kinder! In Gotts Namen, suchen wir unsern müden Schlaf!« Mit schweren Schritten ging er auf das Haus zu. Als er zur Schwelle kam, legte er den Arm um den Hals seines Weibes. »Katherl? Möchtest net lieber mit der Vroni drunt bei der Gvatterin schlafen? Es is gnug, wann der Mathes und ich daheim bleiben!«

»Na, Michel, net um d' Welt!« stammelte Mutter Katherl erschrocken. »Ich bleib bei dir!«

Und Vroni nahm seine Hand. »Geh, Vater, wirst mich doch net fortschicken!«

Er drückte die beiden an sich. »Vergelts Gott! D' Sorg hat mich trieben, daß ich's gsagt hab. Aber a Stückl von der Seel hätt's mir grissen, wann ich allein hätt bleiben müssen. Jetzt is mir wieder a bißl leichter. Aber grausen tut mir vor dem morgigen Tag! Wann der Einzig net hilft, der jetzt noch was ausrichten kann, so kunnt's morgen schlecht ausschaun um unser Häusl. Unsere müden Händ richten nix mehr aus.«

»Ja«, sagte Mutter Katherl kleinlaut, »aber beten können wir noch.«

»Hast recht, Mutter! Reden wir a bißl mit ihm! Oder beten wir lieber d' Litanei zur guten Gottesmutter! Die hat an Einfluß im Himmel. Von der laßt er sich was sagen, wann wir s' in der richtigen Frömmigkeit ansprechen um ihr mächtige Fürbitt.«

Während Vroni und Mutter Katherl in den Hausflur traten, ging Mathes mit dem Vater zum Stall; sie lösten die beiden Ziegen von den Stricken, nahmen der Kuh die Kette ab, öffneten das Gitter des Hühnerkäfigs und banden die Stalltür offen an die Mauer, damit die Tiere in drohender Gefahr einen Weg zur Rettung hätten.

In der Stube, in der die Hängelampe brannte, fanden sie den Tisch bestellt. »Geh, Michel«, sagte Mutter Katherl, »tu noch a Bröserl essen! Seit Mittag hast kein' Bissen nimmer ghabt. Und 's lange Beten strengt ein' auch noch a bißl an.«

Sie bekreuzten sich und nahmen am Tische Platz. Schweigend tranken sie die Milch, kauten das schwarze Brot und schnitten kleine Stücke von dem Rauchfleisch, das Mutter Katherl aus dem Kamin geholt hatte. Während Michel aß, sah er in der Stube umher, prüfte sorgenvollen Blickes die Decke und strich mit der Hand ein paarmal über die weiße Mauer.

Die Mahlzeit währte nicht lang.

»So!« Michel erhob sich. »Fangen wir an!« Seufzend drückte er die steifen Knie zu Boden und faltete über dem Tisch die Hände. Sein Weib kniete neben ihm; hinter ihnen, mitten in der Stube, knieten ihre Kinder. Michel machte mit schwerer Hand das Zeichen des Kreuzes und betete vor: »Herr, erbarme dich unser!«

»Erbarme dich unser!« fielen die andern ein; inbrünstige Andacht sprach aus dem bebenden Klang ihrer Stimmen.

»Christus, erbarme dich unser!«

»Erbarme dich unser!«

»Gott Vater vom Himmel, Gott Sohn, Erlöser der Welt, Gott Heiliger Geist!«

»Erhöre uns!«

»Du heilige Maria!«

»Bitt für uns!«

»Heilige Gottesgebärerin!«

»Bitt für uns!«

»O Mutter Christi -- du gute, du!«

»Bitt für uns!«

So beteten sie weiter, Ruf um Ruf, in heißer Andacht, in zitterndem Hoffen. Als Michel zu der Stelle kam: »Du Pforte des Himmels, du Morgenstern!« -- da versagte ihm die Stimme; ein dumpfes Dröhnen tönte durch die Nacht und rollte über das Haus. Es klang, als hätte man auf der Höhe des Berges den Schuß einer riesigen Kanone gelöst.

Mathes erhob sich, während Mutter Katherl sich erbleichend an den Arm ihres Mannes klammerte.

»Sorg dich net! Na! Tu dich nur gar net sorgen!« stammelte Michel. »Dös macht uns nix. Dös muß ganz droben gwesen sein in der Höh. Der Boden hat sich net grührt bei uns. Kein bißl net hat 's Häusl zittert. Dös hätt ich spüren müssen. Da hab ich a Gfühl dafür, a feins. Tu dich net sorgen, Mutter! Beten wir weiter! Nur fest einfallen, Kinder! ~Recht~ fest! Du Pforte des Himmels, du Morgenstern!«

»O bitt für uns!« fielen die anderen ein, und ihre Stimmen klangen wie ein vereinter Schrei um Hilfe.

»Du Heil der Kranken!«

»Bitt für uns!«

»Du Trösterin der Betrübten!«

»Bitt für uns!«

»Geh, sei doch so gut und tu für uns a bißl, grad a bißl ebbes, du Hilfe der Christen, du!«

»O bitt für uns!« riefen die Mutter und Mathes, während Vroni sich zitternd erhob. »Vater!« stammelte sie. »Hörst dös gspassige Sausen net, droben in der Höh? Kann's denn a Wetter sein, dös aufzieht?«

»Tu beten, Madl! Tu net ums Wetter fragen! A Wetter tut uns nix.« Michel erhob die verschlungenen Hände gegen die Decke. »Du Königin der Engel!«

»Bitt für uns!«

»Königin der Propheten!«

»O bitt für uns!«

Wie ein Frühlingssturm, der mit Toben und Brausen über die Berge fährt, so klang es durch die Nacht, von der Höhe der fernen Almen herunter, immer deutlicher, immer näher dem bedrohten Haus.

»O Königin der Apostel!« betete Michel mit versagender Stimme, zitternd an allen müden Gliedern. »Königin der Märtyrer!«

»O bitt für uns!«

»Du Königin der Jungfrauen! Königin aller Heiligen!«

»Bitt für uns!« fielen Vroni und die Mutter ein, während Mathes aufsprang, vor Erregung bleich. »Vater! Hörst es net?« Mit beiden Händen umklammerte er den Arm des Alten. »Dös kann kein Wetter net sein! So tut kein Sturm! Dös tut ja, als ob's a Wasser wär!«

»Wasser?« stotterte Michel. Dann war lautloses Schweigen in der Stube. Mit verhaltenem Atem lauschten sie alle. Da hörten sie es deutlich, dieses dumpfe Strömen und Rauschen, das über die Gehänge des laufenden Berges herunterkam. Jetzt klang es schon in der Nähe, jetzt war's, als hätt es den Garten erreicht, jetzt ging's mit dem Tosen eines mächtigen Wasserfalles zur Linken und Rechten des kleinen Hauses vorüber und jagte dem Tal entgegen. Und mitten in diesem dumpfen Brausen hörte man, wie freundliches Kinderplaudern, das helle Glucksen und Geplätscher der kleinen Wellen, die gegen den Sockel der Mauer schlugen.

»Heilige Mutter!« schrie Michel wie von Sinnen. »'s Wasser is da! 's Wasser! 's heilige Wasser!« Nach Atem ringend, fuchtelte er mit den Armen. »'s Wasser is gstiegen aus der Tief! 's Wasser is wieder am Licht! 's Wasser hat uns gholfen und die heilige Mutter!« Seinen Buben beiseite stoßend, rannte er zur Tür und sprang hinaus in die von rauschendem Lärm erfüllte Nacht.

Als ihm Mathes folgte und Vroni und die Mutter ihm nachliefen, hörten sie ihn bald im Hof und bald im Garten schreien: »Schauts doch dös Wasser an! Dös schöne Wasser! Dös viele Wasser! Meiner Lebtag hab ich soviel Wasser noch net gsehen!«

Rauschende Bäche, deren tanzender Schaum auch in der dunklen Nacht noch weißlich schimmerte, sprudelten von allen Seiten über die steile Böschung nieder und überschwemmten fußhoch den ganzen Hofraum, während die größeren Massen des aus dem Innern des Berges hervorgebrochenen Wassers brausend ihren Weg durch die das Gehöft begrenzenden Mulden und Gräben nahmen.

»Michel! Michel! Wo bist denn?« rief Mutter Katherl. Und Mathes und Vroni schrien: »Vater! So komm doch!«

Bis zu den Hüften von Wasser triefend, lachend, kam der Alte aus einem der Sturzbäche hervorgestiegen und ließ sich zur Haustür führen. Da machte er seine Hände wieder frei. »Mutter! Kinder! Jetzt können wir aufschnaufen! Dös hat die Kammissoni gsagt: wann's Wasser wieder steigt, so muß er sein Laufen einstellen, der narrische Berg! Hat gmeint, er kann treiben, was er mag! Jetzt hat er eine gfunden, die noch a bißl stärker is als er! Katherl, Kinder, kommts her!« Die Freudentränen erstickten seine Stimme fast. »Jetzt sagen wir der Gottesmutter unser Vergelts Gott! Recht a fests!«

Sie wollten ihn in die Stube ziehen, aber er tat es nicht anders: inmitten des den Hofraum überschwemmenden Wassers warf er sich auf die Knie und lallte das +Salve Regina+, in dessen Worte er das Gestammel seines eigenen Dankes mischte: »Gegrüßt seist du, Königin, Mutter der Barmherzigkeit, des Lebens Süßigkeit und unsere Hoffnung, sei gegrüßt! Schau, tausendmal sag ich dir vergelts Gott, hunderttausendmal, daß dich a bißl angnommen hast um dein' alten Michel und sein Häusl! ›Zu dir schreien wir Kinder Evas, zu dir seufzen wir Trauernde und Weinende in diesem Tal der Zähren!‹ Und schau, ich will dir's danken mein Leben lang! Und sooft ich's auf meine alten Täg noch anschau, mein Häusl, mein liebs, will ich sagen: dös hat uns d' Himmelsmutter gschenkt! ›Du unsere mächtige Fürsprecherin, wende deine barmherzigen Augen auf uns!‹ No freilich hast deine gütigen Augen gwendt auf uns! Und schau, vergelten will ich dir's nach meiner schwachen Kraft! An die hundert Markln hab ich mir gspart. Da bhalt ich kein' Pfennig davon. Dein heiligs Bildl will ich gwanden lassen! Und wächserne Kerzln zünd ich dir an, Tag für Tag eins, bis sie sich jahren tut, die heutige Freudennacht! ›O du gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria!‹« Taumelnd erhob er sich, umhalste sein Weib und seine Kinder, riß sich los von ihnen und watete wieder in einen der schäumenden Bäche hinein. »Dös Wasser schauts an, dös schöne Wasser!« Lachend wie ein Berauschter griff er mit beiden Armen in das Gesprudel, als hätte er kein köstlicheres Gut an sein Herz zu drücken als diese tanzenden Wellen.

In Sorge jammerte Mutter Katherl über diese ›Narretei‹, und Mathes mußte den Vater mit Gewalt aus dem kalten Sturzbad herausziehen; fast hätten die schießenden Wellen den von Mühsal und Freude Entkräfteten zu Boden geworfen. Sie führten ihn in die Stube, und Vroni lief, um trockenes Gewand für ihn zu holen. Als er umgekleidet war, merkte er schon die Erkältung, die er sich in dem eisigen Schneewasser geholt hatte. Mutter Katherl schlug vor Schreck die Hände zusammen. »No also, schau, jetzt hast dich verkühlt!«

»Macht nix, Mutter!« wollte er sagen. Aber da mußte er niesen, gleich ein paarmal. Und als es vorüber war, lachte er: »Helf Gott, daß 's wahr is!«

Fünfzehntes Kapitel

Das dumpfe Rauschen der Bäche, die sich über das Gehänge des laufenden Berges ins Tal hinunterstürzten, weckte im Dorf die Bauern aus dem Schlaf und ließ sie mit Sorge an ihre Felder denken. Ehe der Tag noch anbrach, sprangen sie schon mit Spaten und Pickeln aus allen Häusern.

Als der Daxen-Schorschl in der ersten Dämmerung des klaren Frühlingsmorgens das Tor seiner Werkstatt öffnete, sah er auf der Straße die Leute rennen. »He! Was is denn?«

»Auf dem narrischen Berg droben is 's Wasser ausbrochen«, rief man ihm zu, »die ganzen Felder überschwemmt's, und droben raffelt's die halbe Simmerau davon.«

»Mar' und Josef! 's Wasser wird doch dös Madl net mitreißen!« Schorschl rannte um die Hausecke und spähte im Zwielicht des Morgens gegen die Simmerau hinauf. Was er gewahrte, weckte ein Gefühl in ihm, als hätte sich eine eiserne Klammer um sein Herz gelegt. Am vergangenen Abend hatte er das kleine braune Dach da droben im welken Grün der Halden und zwischen den braunen Schrunden des laufenden Berges liegen sehen. Jetzt war alles weiß. Als wäre seit dem Abend neuer Schnee über die Simmerau gefallen. Aber dieser weiße Schnee schien Leben und Füße zu haben: er bewegte sich, er rieselte und schob sich durcheinander, machte Buckeln wie eine flüchtige Natter und schlug einen Purzelbaum um den andern wie ein ausgelassener Junge. Dumpfes Rauschen klang im windstillen Morgen von der Höhe, als wäre dort oben ein Mühlrad mit hunderttausend Schaufeln in Bewegung. »Jesus Maria!« stammelte Schorschl mit erblaßtem Gesicht. In dieser Sorge nahm sich der Daxen-Schorschl nicht mehr die Zeit, um die Kratznarben seiner Hand zu betrachten. Er machte Sprünge wie ein Hirsch, der den Schritt des Jägers hörte. In der Werkstätte riß er einen schweren Eisenpickel aus der Ecke. Durch alle Räume des morgenstillen Hauses tönte seine gellende Stimme: »Gsellenleut! He! Gsellenleut! Pressieren tut's!« Er wartete nur, bis die beiden Gesellen kamen, nicht, bis sie fertig waren. »Gschwind, um Christi willen! Nehmts Pickeln und Schaufeln und laufts mir nach! Gschwind, sag ich! Gschwind! Jesus Maria! Dös arme Madl!« Er schwang den Pickel auf die Schulter und keuchte davon.

»He? Meister? Wohin denn?« riefen die Gesellen.

»Dalkete Dippeln überanand!« schrie Schorschl in Zorn über die Schulter. »In d' Simmerau! Wie kann denn da a Mensch noch fragen!« Er rannte die Straße hinunter, daß er schon außer Atem war, als er den Fuß des Berges erreichte. Schnaufend hetzte er über den Fußsteig empor, bis der Pfad unter den sprudelnden Bächen verschwand. Droben in der Höhe schimmerten sie weiß, hier unten waren sie gelb von der Erde, die sie aus den Schrunden des Berges hervorgewaschen hatten und mit sich hinunterführten ins Tal, dessen Wiesen und Saatfelder in einen grauen See verwandelt waren. Schorschl verirrte sich in dem Netzwerk dieser Wassergassen, mußte hier einen Bach überspringen, dort eine breite Rinne durchwaten. Als er die Heubüschel und Balkenstümpfe sah, die im Schaum der Wellen von der Simmerau herunterschwammen, brach er in den Stoßseufzer aus: »Dös arme Madl! Alles reißt's ihr davon!« Erschöpft, von Wasser triefend, erreichte er die Nähe der Simmerau und gewahrte den Schaden, den der letzte Erdrutsch und die fressenden Wellen an der Scheune angerichtet hatten. »Mar' und Josef! Jetzt hat dös Madl kein' Stadel nimmer!«

Noch sah er keine Leute; doch im Lärm der Wellen hörte er die Stimme des alten Simmerauer und seines Sohnes. Aufschnaufend hielt er inne und lauschte. »Daß ich 's Madl net hör?« Nun vernahm er auch die Stimme Vronis und sprang so flink über den steilen Hang empor, daß ihm das Wasser der Pfützen, in die er trat, bis über den Kopf emporspritzte. Auf einem der Bäche, die an der Scheune vorübersprudelten, sah er ein langes Brett daherschwimmen. »Wart a bißl, du! Dös Madl ~braucht~ ihre Bretter!« Er jagte hurtig hinter dem schwimmenden Brett her, riß es aus den Wellen und trug es an eine sichere Stelle. Als er in Erregung und dennoch scheu den Hofraum betrat, war Michel der erste, der ihn kommen sah. »Jeh, schau! Da kommt der Daxen-Schorschl! Und den Pickel bringt er auch gleich mit!« rief der Alte in Freude. »Grüß dich Gott, Schorschl! Grüß dich Gott tausendmal!«

Bei diesem Ruf ließ Vroni, die neben dem Brunnen einen Graben ausschaufelte, den Spaten rasten. Sie sprach kein Wort, hatte nicht einmal einen stummen Gruß für den jungen Schmied, der zum Brunnen hinüberblinzelte. Aber die Röte, die auf ihren Wangen brannte, vertiefte sich noch, als Mathes ihr zuflüsterte: »Gelt, ich hab recht ghabt: daß er kommt!« Sie nickte und begann die Arbeit wieder.

Schorschl schien wie auf Kohlen zu stehen; es zog ihn zum Brunnen, aber Michel hatte ihn beim Hemdärmel gefaßt und wollte nicht loslassen. Erst mußte der Alte ein paarmal niesen, bevor er lachend sagen konnte: »Schorschl! Dös schöne Wasser! Und alles reißt's davon, den halben Stadel, die Bretter und Balken, den ganzen Boden im Garten, alles reißt's mit abi! Schau nur, wie alles schwimmt!«

Das sagte der Simmerauer mit so strahlendem Vergnügen, daß Schorschl in Verblüffung stotterte: »Michel! Bist übergschnappt? Oder hast an Schwammer?«

»An Schwammer bloß? An ganzen Rausch hab ich! Vom Wasser! Schau nur, wie's rebellt, dös Wasser! Aber dem Häusl kann's net an. Mein Häusl hat gsunde Mauern. Dem hat der Berg mit seiner ganzen Lauferei nix machen können. Hatschiiiiih!« Wäre die Sonne, welche die östlichen Grate vergoldete, schon in der Höhe gewesen, es hätte um Michels Nase her den schönsten Regenbogen gegeben. »Gelt, Schorschl, hilfst mit a bißl, daß wir 's Wasser in die Gräben ummidrucken?«

»Deswegen bin ich da. Wo kannst mich denn brauchen?«

»Komm nur her da!«

Schorschl wollte den Pickel fassen und guckte ratlos zum Brunnen hinüber. Es war ihm jener Herbstmorgen eingefallen, an dem er dem Simmerauer seine Hilfe angeboten hatte, und Vronis Zornwort: »~Der~ hilft's uns net! Dem lauft ja 's eigene Haus davon.« Schorschl kraute sich hinter den Ohren und tat ein paar Schritte gegen den Brunnen. Noch immer kehrte ihm Vroni den Rücken zu; sie arbeitete mit einer Hast, als wäre für die Rettung des Hofes kein Augenblick zu verlieren. »He! Madl!« klang es würgend aus Schorschls Kehle. Vroni blickte auf. Als Schorschl diese glänzenden Augen sah, fragte er kleinlaut: »Verlaubst mir's, daß ich a bißl mithilf?«

Der Simmerauer wandte sich verblüfft zu seinem Buben: »Was treibt er denn? Hab's ihm ja ~ich~ schon verlaubt! Warum muß er denn 's Madl fragen?«

»No mein«, flüsterte Mathes ihm zu, »haben tun s' halt ebbes mitanand, dö zwei!«

»Ah! Da schau!« Michel mußte niesen. »Wär gar net amal so übel: mein Madl und der Schmied! Jetzt hat er alles nobel beinand!« Vergnügt musterte er das Paar und war gespannt, was geschehen würde.

Vroni hatte den Spaten in die Erde gestoßen. Die Hände an der Schürze säubernd, ging sie auf den Daxen-Schorschl zu. Wie hübsch sie war: mit dem leuchtenden Blick in den nußbraunen Augen, mit der heißen Röte auf dem von der Arbeit erschöpften Gesicht. »Grüß dich Gott, Schorschl!« sagte sie beklommen und bot ihm die Hand, die er mit seiner schwieligen Rußpranke haschte, wie der Geier den Hasen greift. »Ich tät dich selber drum anreden, daß dem Vater a bißl hilfst. Auf deine Händ liegt der Segen. Söllene Händ sind allweil gut zur Hilf.«

Schorschl lachte wie ein unbehilfliches Kind und brachte kein Wort heraus.

»Der is ja wie 's Starl, eh's reden kann!« meinte der Simmerauer mit Schmunzeln. »Dem muß ich wohl 's Züngerl lupfen?«

Mathes zog ihn am Ärmel zurück. »Laß dö zwei ihr Sach allein mitanand ausmachen!«

»Ja, hast recht!« Michel griff nach der Schaufel und nahm die Arbeit wieder auf. Da hörte er hinter sich einen Jauchzer und platschende Sprünge im nassen Schlamm. Der Daxen-Schorschl mit dem Pickel stand neben ihm, lachend über das ganze Gesicht, mit blitzenden Augen. »So, Vater, jetzt packen wir's an!« Er tat mit dem Pickel den ersten Streich. »Dös Luderwasser müssen wir unterkriegen!« Schorschl begann zu arbeiten, daß der Simmerauer ein paarmal mahnen mußte: »Geh, tu net so narrisch!« Aber in Schorschls Fäusten schien der ›Loder‹ lebendig geworden, von dem es in den Lumpen-Gstanzeln seligen Angedenkens hieß, daß er zwanzigmal im Tag das Unterste zu oberst kehrt. Er drosch mit dem Eisen darauflos, daß sich der Wassergraben bei jedem Pickelhieb um einen guten Bauernschuh erweiterte. Wenn er für einen Augenblick die Arbeit unterbrach, blinzelte er vergnügt zum Brunnen hinüber, von wo ihm Vroni lächelnd zunickte. Solch einen Augengruß beobachtete der Simmerauer. Da puffte ihm der Daxen-Schorschl den Ellbogen in die Seite. »Michel? Spannst ebbes?«

»A bißl ebbes, ja! Aber solang ich mein Häusl net in Ordnung hab, gib ich 's Madl net her.«

»Solang wart ich schon.«

Die Sonne kam, ein warmes Leuchten goß sich über den blauen Frühlingshimmel aus, breite Fluten des Morgenlichtes schwammen um die Gehänge des zur Ruhe gekommenen Berges und spielten schmeichelnd über die von den Wellen umrauschten Mauern des kleinen Hauses. Die Sturzbäche schienen in blitzendes Silber verwandelt, jeder Tümpel spiegelte das Himmelsblau, und während von der Sonnenwärme die feuchten Flecken am Sockel des Hauses zu trocknen begannen, kräuselten sich die Wasserdünste an den Mauern empor.

Schorschl stand schon eine Stunde bei der Arbeit, als seine Gesellen kamen. Sie brachten aus dem Dorf noch ein paar Helfer mit. Da gab es bei rastlosem Schaffen ein Reden hin und her über allen Schaden, den der laufende Berg seit dem Herbste angerichtet, und über die Gefahr, die das ausgebrochene Wasser im Tal den Saatfeldern brachte. Nun bekamen sie in der Simmerau auch das erste Wort von dem Unglück zu hören, das im Purtschellerhof geschehen war. »Und der Toni geht ab seit gestern am Abend. Mit'm Rennwagl is er einigfahren in d' Stadt. Mitten in der Nacht is sein Rößl daherkommen, mit der abbrochenen Wagengabel, so schauderhaft zugricht, daß man dem Gaul den Gnadenschuß hat geben müssen. Und d' Frau mit ihre Leut is gegen d' Stadt eini, den Purtscheller suchen.«

»Um Gotts willen!« stammelte der Simmerauer. Dem Alten erlosch vor Schreck die Sprache, als er seinen Buben ansah. Auf den Stiel der Schaufel gestützt, bot Mathes den Anblick eines Menschen, dem das Leben aus dem Herzen rinnt. Michel sprang auf ihn zu. »Bub? Was is dir denn?«

Mathes sah ins Leere. Tonlos kam es über seine weißen Lippen: »Ich weiß net, Vater! Ich muß a bißl in d' Stuben und muß mich niedersetzen.«

Michel wollte den Wankenden stützen, aber Vroni hatte schon den Arm des Bruders genommen. »Komm, Mathes, ich führ dich ins Haus!« Er stützte sich schwer auf ihren Arm. Mit entstelltem Gesicht sah er in die Augen der Schwester. Vroni schwieg; sie wußte keinen Trost.

Im Hausflur kniete Mutter Katherl mit durchnäßten Röcken auf den Dielen und suchte mit einer Holzkelle das Wasser aufzuschöpfen, das vom Hof über die Schwelle geronnen war und die Küche überschwemmte. Als die beiden kamen, erhob sich die alte Frau erschrocken. »Mathes?«

»Nix, Mutter!« sagte Vroni. »A bißl ungut is ihm halt!« Sie führte ihn in die Stube und zur Holzbank. Da saß er mit schlaffen Armen, den Kopf an die Wand gelehnt, leerte das Gläschen Enzian, das ihm die Mutter brachte, und aß den Bissen Brot, den sie ihm zwischen die Lippen schob. »Jetzt kann ich dem Vater schon wieder helfen. Der braucht mich.« Schwer atmend erhob er sich. »Es geht schon wieder.« Als er vor die Haustür trat, irrte sein Blick hinunter ins Tal. Brennende Flecken erschienen auf seinen bleichen Wangen. Schweigend stellte er sich neben Schorschl an die Stelle, wo es die schwerste Arbeit zu leisten gab.

In hartem Schaffen vergingen die Stunden des Vormittags. Dem rastlosen Kampf der fleißigen Arme gelang es, die den Garten überschwemmenden Sturzbäche in die Bergfurchen abzuleiten. Im Hof begann die Sonne schon den aus dem Wasser auftauchenden Grund zu trocknen. Doch über die Freude, mit welcher Michel und die Seinen nach harter Prüfung die Rettung ihres Heimwesens hätten begrüßen können, war der Schatten gefallen, der vom Purtschellerhof seinen Weg in die Simmerau gefunden hatte.

Auch Schorschl robottete in gedrückter Stimmung und hatte unter der Sorge zu leiden, die er in Vronis Augen sah. Immer wieder konnte er den bekümmerten Blick gewahren, mit dem die Schwester den Bruder suchte. Mathes hatte, seit er die Arbeit wieder aufgenommen, kaum ein Wort gesprochen. Er arbeitete wie einer, der nicht weiß, was rings um ihn her geschieht. Manchmal ließ er den Pickel ruhen, wischte mit dem Ärmel über die Stirn und spähte verstört ins Tal hinunter.