Part 12
Ein paar Stunden lag er so. Dann schlief er ein, hungrig und fröstelnd. Als er erwachte, war es heller Tag. Draußen vor der Hütte hörte Schorschl im Erwachen ein dumpfes Dröhnen, als wäre eine Fichte gefallen. Von der Kälte wie gelähmt, lag er auf der harten Pritsche. Mühsam rappelte er sich auf und brauchte lang, bis er seiner starren Glieder Herr wurde. Ziellos stieg er bergan. Was er wollte, war ihm unklar. Nur den Tag totschlagen, alles, nur nicht arbeiten! Aber da machte er eine sonderbare Erfahrung. Gestern hatte ihn die ›Lüftigkeit‹ gekitzelt, jetzt quälte ihn eine ihm völlig neue Sehnsucht nach der Arbeit. Aber um keinen Preis der Welt hätte er dieser Sehnsucht nachgegeben. Wie ›die da drunten‹ lachen würde, wenn sie aus der Schmiede herauf die Hammerschläge vernähme! Nein! Ein Lump sein, ein ärgerer noch als jemals im Leben! Um Frühstück zu halten, setzte er sich in die Heidelbeerbüsche und speiste so reichlich von den überreifen Beeren, daß er Bauchweh und ein schwarzes Maul bekam. Dabei studierte er, welche Streiche er ausführen wollte, um das Dorf in Alarm zu bringen. Es fielen ihm Narreteien ein, so ausgesucht verrückt, daß er selber lachen mußte. Das klang aber nicht sehr fröhlich. Als er weiter bergan stieg, begann er mit kreischender Stimme zu singen, konnte sich aber doch nicht in die richtige Lumpenlaune hineinjodeln. Die Schuld trug nur der abscheuliche Tag. Echter Galgenhumor pflegt sich nur einzustellen, wenn die Sonne scheint. Die spielte heut Verstecken mit dem Daxen-Schorschl. Alles war kalt und grau. Um sich heiß zu machen, kletterte Schorschl über eine Felswand hinauf und suchte den gefährlichsten Niederstieg. Endlich fiel ihm ein, daß Samstag wäre. Da gab's auf den Abend lustige Gesellschaft im Wirtshaus drunten! »Sakra! Da will ich aufhauen, daß der Tisch kracht!« Mit langen Sprüngen ging's über Stock und Stein, bis hinunter zur Simmerau.
Oberhalb der Böschung duckte er sich hinter das Heckengestrüpp. Er wollte freilich mit ›der da drunten‹ sein Leben lang nichts mehr zu schaffen haben. Aber wenn er mit ihren Eltern Mitleid hatte, das war was anderes! Erleichtert atmete er auf, als er die Mauern in bester Ordnung fand. Dabei hörte er das Schwatzen der zwei Alten, die unter der Böschung standen und die neu eingerammten Balken mit Ruten durchflochten. Ein merkwürdiger Zufall: die beiden sprachen just vom Schorschl, und sie redeten nicht viel Gutes über den Daxenschmied. Eben erklärte Mutter Katherl: »Hast recht! So ein' gibt's nimmer in der ganzen Gegend! So an narrischen Lüftikus, wie der einer is!«
»Ja, ja!« nickte Michel. »Aber seine verruckten Streich soll er machen, wo er will, nur net bei mir. Dem will ich a Wörtl sagen. Dem!«
»So?« rief Schorschl über die Böschung hinunter. »Sag mir's halt! Da hast mich gleich!«
Mutter Katherl stieß ihren Mann, um ihn zu besonnener Ruhe zu mahnen, mit dem Ellbogen in die Seite. Michel schien eines Appells zum Frieden nicht zu bedürfen; ›der da droben‹ war Luft für ihn.
Der Daxenschmied spähte über Hof und Garten. Von Vroni war nichts zu sehen, nichts zu hören. Und da konnte Schorschl die spöttische Frage nicht verschlucken: »No? Wo is denn enker liebs Katzerl?«
Die weiße Katze lag schnurrend auf der Hausbank und schien der Meinung zu sein, daß diese Frage nicht an ihre Adresse gerichtet war. Die gleiche Ansicht teilte der alte Michel. »Sei froh, daß d' Vroni net daheim is! Da kunntst ebbes hören! Du!«
Als der Daxen-Schorschl vernahm, daß Vroni nicht daheim war, schien er sich seiner Absicht, möglichst flink im Wirtshaus einzutreffen, wieder zu erinnern. Wortlos trollte er am Rand der Böschung hin und kam in immer rascheren Lauf. Solch ein abschüssiger Weg zieht in den Füßen.
Den nächtlichen Ruhestörer ganz ohne Verweis zu entlassen, das schien sich mit Michels Groll nicht zu vertragen. »Gelt, du! Wann d' wieder amal die müden Leut aufschrecken willst aus'm Schlaf, so blas a paar ~feinere~ Liedln! Schelmenstückln is man net gwöhnt bei uns da heroben.«
»Ja, is recht!« rief Schorschl über die Schulter. »'s nächste Mal blas ich: Üb immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab!« Er hopste über die von Erdrissen durchklüfteten Bühel hinunter. Dazu sang er mit hoher Stimme:
»Und 's Lumpen is lustig, Und 's Lumpen is schön, Und a Lump, der laßt d' Welt Schön kugelrund gehn!
Und d' Weltkugel draht sich Im Tag amal um, So a schläfriger Schneckentrab Wär mir schon z'dumm!
A richtiger Loder, Kreuzteufel juheh, Der draht im Tag 's Unterste Zwanzgmal in d' Höh!«
So sang er ein Schnaderhüpfl ums andere, bis er das Dorf erreicht hatte. In der Nähe des Marktplatzes begegnete er einem Trupp Burschen, die Feierabend gemacht hatten und in breiter, fast die ganze Straße füllender Marschlinie ihre qualmenden Pfeifen spazieren trugen. Wart, da laßt sich gleich a bißl ebbes machen! dachte Schorschl, stellte sich in rauflustige Positur und ließ die Burschen herankommen. »Weg frei!«
»Ja ja ja!« sagte einer der Burschen gutmütig, während die andern lachten. Und die Linie teilte sich.
»Weiter ausanand!« schrie Schorschl. »Dös Gaßl is mir z'klein. Ich brauch a größers.«
»Aber Schorschl? Was hast denn?« fragte einer der Burschen. Ein anderer sagte: »No schau, hast doch Platz, bist ja kein Leiterwagen!« Und ein dritter rief: »Der Schorschl is narrisch worden und bildt sich ein, er is die Bäckenmahm!«
»Bäckenmahm? Was? Bäckenmahm?« Das Gesicht des Daxenschmiedes strahlte vor Vergnügen. Jetzt hatte er einen, den er packen konnte. »Wart, dir will ich's austreiben, daß d' mir die Bäckenmahm beleidigst!« Er stülpte die Ärmel auf. »Komm her, du --« Schorschl verstummte, hatte plötzlich alles um sich her vergessen und starrte auf die Tür des Krämerhauses.
Lachend gingen die Burschen davon. Nur der Angerempelte blieb noch stehen, um nicht als Ausreißer zu erscheinen. Einer seiner Kameraden zog ihn am Arm mit sich fort: »Geh, laß gut sein! Dem Schorschl muß ebbes übers Leberl glaufen sein.«
Der Daxenschmied schien nicht zu merken, daß er allein blieb. Seine funkelnden Augen hingen an Vroni, die aus dem Krämerhaus getreten war. Sie trug auf den Armen drei große Brotlaibe, die ihr bis ans Kinn reichten und in die blaue Schürze gewickelt waren. Als sie den Daxen-Schorschl gewahrte, bog sie auf den Fußweg ein, der von der Straße durch einen mit rinnendem Wasser angefüllten Graben und eine Pappelreihe getrennt war.
Schorschl lachte. Er sprang über den Graben, blieb auf dem Fußweg stehen, legte die Hände hinter den Rücken und wartete.
Vroni tat, als hätte sie dieses Manöver nicht bemerkt. Erst als sie dicht vor Schorschl stand und nicht mehr weiter konnte, blickte sie auf. »Grüß Gott!« sagte sie kalt. Das klang von oben herab, obwohl sie um einen halben Kopf kleiner war als der Daxenschmied. »Gut, daß d' mir grad in Weg laufst!«
Schorschl schwieg und schaukelte sich auf den Fersen.
»Ich hätt dich heut schon in deiner Schmieden aufsuchen sollen«, sagte Vroni, »aber ich hab mir gleich denkt, daß man ~dich~ net daheim bei der Arbeit trifft.«
Schorschl machte eine tiefe Verbeugung.
»Drum hab ich dir die fünf Mark, die mein Bruder hat schuldig bleiben müssen, zur Kramerin einiglegt.« Es zuckte spöttisch um ihren Mund. »Ich hab mich schon bsonnen, ob ich dir net zehn Pfennig dazulegen soll. Hast ja heut nacht bei uns droben Musi gmacht und hast aufs Absammeln vergessen.«
Dieses Wort trieb dem Daxen-Schorschl das Blut ins Gesicht; aber er schwieg noch immer.
Vroni wurde ungeduldig. »Jetzt geh aus'm Weg! ~Dir~ liegt net viel an der Zeit. Aber mir!«
Schorschl rührte sich nicht vom Fleck; nur die Sprache fand er. »Vergelts Gott, Katzerl!« Er hob die zerkratzte Hand bis dicht vor Vronis Augen. »Feine Nagerln hast! Du kunntst an Toten wieder aus'm Grab aussikratzen!«
Vroni furchte die Brauen. »So an unsinnigs Gred!«
»Was? Leugnen willst auch noch?« Diese Erkenntnis brachte den Daxen-Schorschl ins Kochen. »Wann eine kratzt, no ja, in Gotts Namen! Aber lügen braucht s' deswegen net!«
»Du! Ich hab im Leben noch nie net glogen. Deintwegen tät ich's am allerwenigsten. Gib mein' Weg frei, sag ich zum letztenmal!«
Ihre Stirne brannte, und Blitze sprühten aus ihren Augen. Bei allem Zorn, der im Schorschl rumorte, war er doch nicht blind. So gut wie jetzt hatte sie ihm noch nie gefallen. Und da erwachte in ihm die Erinnerung an die Träume des vergangenen Abends. Statt mit dem Herzen, hatte sie ihm die Antwort mit den Fingernägeln ausgeteilt. Sollte er ~ganz~ leer ausgehen? Hatte er nicht so eine Art von Recht, sich für den Streich bezahlt zu machen, den ihm das ›liebe Katzerl‹ in der Nacht gespielt hatte? Lachend streckte er die Hände.
»Mein' Fried laß mir!« stammelte Vroni und wich zurück.
»Ich kratz ja net! Im Gegenteil.« Er schlang den Arm um ihren Hals und meinte, leichtes Spiel zu haben, weil sie die drei Brotlaibe trug und wehrlos war. Aber da hatte er wieder einmal falsch gerechnet, wie schon so oft in seinem Leben. Vroni ließ kurz entschlossen die drei Brotlaibe fallen, die plumpsend nach verschiedenen Seiten auseinanderkollerten, und stieß dem Burschen die Fäuste mit so derber Kraft vor die Brust, daß er rücklings gegen die Hecke taumelte.
»Öha! Langsam!« brummte Schorschl, während er mit den Armen fuchtelte, um das Gleichgewicht wiederzufinden. »Aus kommst mir nimmer! Du!« Mit einem Feuermut, der dem Daxenschmied auf dem Schlachtfeld die goldene Tapferkeitsmedaille eingetragen hätte, ging er wieder zum Angriff über.
Vroni hatte das Schürzentuch, in das die Brotlaibe gewickelt waren, vom Boden aufgerafft. Als Schorschl in hiebsichere Nähe kam, schwang sie mit der gesteigerten Kraft ihres Mädchenzornes diese echt weibliche Waffe. Dem Daxenschmied wurde es für ein paar Sekunden schwarz vor den Augen, obwohl die Schürze nur ein verwaschenes Blau hatte. Bei dem klatschenden Schlag stäubte eine weiße Wolke um Schorschls Kopf. Sein Gesicht, die Brauen, der Schnurrbart und die Nasenspitze waren grau gepudert von dem Mehl, das die Unterseite der Brotlaibe an das Schürzentuch abgegeben hatte.
»Ja, sakra!« fing er zu räsonieren an. »Kratzen in der Nacht und Dreinschlagen am Tag? Und so was soll ich mir gfallen lassen?« Da sah er das entstellte Gesicht des Mädels. Seine Arme sanken, erschrocken stand er vor Vroni und gewahrte auf dem rinnenden Wasser des Grabens einen tanzenden Brotlaib, der schon zu sinken drohte. »Jesus Maria!« Hurtig machte er sich auf die Jagd nach dem schwimmenden Laib.
Vroni band die Schürze um die Hüften und bückte sich nach den beiden Brotlaiben, von denen der eine im Gestrüpp der Hecke, der andere mitten auf dem Fußweg lag. Während sie langsam mit ihrer verminderten Last davonging, kam Schorschl ihr nachgelaufen. »Da, Vronerl!« Er putzte mit dem Joppenzipfel das Wasser von dem gefischten Brotlaib. »Da hast dein' dritten Wecken! Es hat ihm nix gmacht! Gar nix! A bißl lind wird er sich halt beißen.«
Sie sagte kein Wort. Als ihr Schorschl den Brotlaib auf die beiden andern laden wollte, machte sie, um das zu verhindern, eine ungestüme Bewegung. »Aber Vronerl, sei doch gscheid! Wirst doch um meintwegen deine braven Leut daheim net um dös gute Brot verkürzen?« Nun litt sie es schweigend, daß er den feucht glänzenden Laib auf die beiden anderen legte. Doch als er an ihrer Seite bleiben wollte, sah sie mit einem Blick zu ihm auf, der dem Daxen-Schorschl die Füße lähmte. Wie ein begossener Pudel blieb er an der Hecke stehen, bis sie verschwunden war. »So! Jetzt hab ich d' Suppen erst ~recht~ versalzen!« philosophierte er. In der Wut über sich selbst packte er sich bei den Joppenflügeln. »Da hätt doch jede andere ~dreimal~ kratzt und dreingschlagen, statt bloß an einzigs Mal, wie 's Vronerl!« Er sah über die leere Straße hin und seufzte. »Jetzt is's aus!« Bei dieser Einsicht überfiel ihn die Verzweiflung. »Sakra! Jetzt därf ich mir ein' anbicheln, an ghörigen! Sonst weiß ich nimmer, was mit mir gschieht in der heutigen Nacht.«
Mit brennendem Kopf und langen Schritten stürmte er dem Wirtshaus entgegen.
Inzwischen hatte Vroni den Fuß des laufenden Berges erreicht. Als sie bei sinkender Dämmerung in die Nähe des elterlichen Hauses kam, blieb sie stehen und legte die schweren Laibe zu Boden, um ein Weilchen zu rasten und die Augen zu trocknen. Da sah sie im Gestrüpp einer Haselnußstaude etwas hängen, das wie Gold glänzte. Es war die +C+-Trompete des Daxen-Schorschl, die in den Zweigen verfangen hing wie ein Christkindl-Geschenk am Weihnachtsbaum. »So an Unfürm! Wie er umgeht mit so einer kostspieligen Sach!« Scheu guckte sie nach allen Seiten, fischte flink die Trompete aus dem Gebüsch und wickelte sie sorgfältig in die Schürze.
Wenn der frostige Abendwind schärfer emporzog über die Halden, klang vom Wirtshaus mit verschwommenen Tönen ein Johlen und Singen herauf.
So lustig war es da drunten in der Wirtsstube schon lange nicht mehr zugegangen. Der Daxen-Schorschl hatte wieder einmal ›aufgemischt‹!
»Grüß Gott, Wirt! Pumpst mir noch?« Mit dieser Frage war er, als die Kellnerin eben die Lampen anzündete, in die Stube getreten.
»Ja!« hatte der Wirt lachend gesagt. »Aber nimmer viel!«
»Für an gsunden Rausch wird's reichen! Wer weiß, ob's net der letzte is?« Wahrhaftig, der Daxen-Schorschl hatte Selbstmordgedanken.
Noch ehe die Stube richtig voll mit Gästen war, unter denen sich auch der Geschäftsführer der Bäckenmahm mit seinem Gesellen befand, hatte sich Schorschl schon in eine Stimmung ›hineingebichelt‹, deren gereizte Lustigkeit die ganze Stube amüsierte. Als man ihm die Zither hinstellte, sang er die ganze Litanei seiner ›schnackerlfidelen‹ Lieder herunter, natürlich auch die ›Lumpengstanzln‹!
»A richtiger Loder, Kreuzteufel juheh! Der draht im Tag 's Unterste Zwanzgmal in d' Höh!«
Noch war das Gelächter, das dieser Strophe folgte, nicht verstummt, als draußen auf der Straße ein gellender Ruf ertönte: »Feuerjo! Feuerjo!« Und da hörte man auch schon die Schläge der Feuerglocke. In der Wirtsstube fuhren sie alle von den Bänken und Stühlen auf. Bevor noch die ersten zur Tür kamen, stürzte einer von der Straße herein: »Leut! Es brennt!«
»Wo? Wo?«
»Bei der dicken Bäckin!«
»Jesus Maria!« stotterte Schorschl. Der Daxenschmied war plötzlich nüchtern. »Wie soll denn dös arme Weiberleut aus'm Haus? Mit ihre zwei Zentner Speckschwarten?« Er sauste zur Türe. Keuchend rannte er die Straße hinunter. Vor seiner Schmiede sprang er über den Staketenzaun. Weil sich das Tor der Werkstätte auf den ersten Griff nicht öffnen wollte, warf Schorschl sich mit der Schulter gegen die Bretter, daß sie krachend auseinanderflogen. Einen schweren Schmiedhammer auf die Schulter werfend, eilte er der Brandstätte zu.
Schon glomm die Feuerhelle über die Dächer der benachbarten Häuser, und blutrot färbten sich die niedrig hängenden Wolken.
Zehntes Kapitel
Rings um das brennende Haus zuckte alles von grellroter Helle und schwarzen Schatten. Schreiende Menschen füllten den Garten; sie wollten helfen, doch Rauch und Flammen verwehrten ihnen den Eingang. Das Feuer mußte in der Backstube ausgebrochen sein, hatte schon alle ebenerdigen Räume ergriffen und war über die Treppe in den Dachstuhl hinaufgeklettert. Der Rauch hatte die alte Magd, die neben den Zimmern der Bäckin in einer Kammer schlief, aus dem Schlummer geweckt, und weil sie die Treppe schon vom Feuer ergriffen sah, war sie im ersten Schreck, ohne sich weiter um ihre Herrin zu kümmern, aus dem Fenster in den Garten gesprungen. Jetzt heulte sie um die arme Frau, die hilflos verbrennen mußte, und machte mit ihrem Geschrei die Leute noch konfuser, als sie schon waren. Während man ratlos durcheinander kreischte, kam die freiwillige Dorffeuerwehr mit Spritze und Schubleiter angerasselt, und Purtscheller, der als Kommandant eine funkelnde Uniform und einen blitzblanken Messinghelm trug, begann seine Befehle auszuteilen, von denen einer dem andern widersprach. Eine heillose Verwirrung entstand, und so hätte es der dicken Bäckin in ihrem Stubenkerker übel ergehen können, wenn nicht der Daxen-Schorschl mit seinem Schmiedhammer und einem fertigen Rettungsplan auf dem Brandplatz erschienen wäre.
Mit derbem Ellbogen stieß er den scheltenden Herrn Kommandanten beiseite, wälzte die Schubleiter vor die Firstmauer, und als er die Leiter bis zu einem Fenster aufgewunden hatte, kletterte er hurtig über die Sprossen hinauf. Mit einem einzigen Streich seines Hammers schlug er den ganzen Kreuzstock in die Stube hinein und begann auf die Mauer loszuarbeiten, mit so wilder Kraft, daß jeder Hammerstreich die Öffnung in der Wand um eine ausgiebige Scharte erweiterte. Dicker Rauch quoll ihm entgegen, der ihm fast den Atem benahm, die Mauerbrocken fielen ihm auf Kopf und Schultern, doch er schlug und schlug, bis das Loch in der Wand schon breiter wie eine Tür geworden war. Nun merkten die Leute, was er wollte, und gehorchten jedem Wort, das er aus Rauch und Staub zu ihnen hinunterrief.
Durch die weite Öffnung war der Qualm aus der Stube entwichen, und bei dem Flackerschein sah Schorschl die Bäckenmahm in weißer Nachtjacke und Schlafmütze bewußtlos auf den Dielen liegen. »Wasser! Wasser!« schrie er. Als der Spritzenmann mit dem Schlauch über die Leiter heraufgeklettert war, ließ Schorschl, um die Bewußtlose zu ermuntern und das Holzwerk gegen das eindringende Feuer zu sichern, den zischenden Wasserstrahl über den Fettberg der Bäckenmahm und durch die ganze Stube spielen. Dann sprang er in das klaffende Mauerloch. »D' Leiter in d' Höh bis unters Dach! Und den Flaschenzug abi!« befahl er. »Vierthalb Zentner Frauenzimmer tragt kein Goliath über d' Leiter. Wir müssen die Bäckin mit 'm Flaschenzug abilassen wie an Mehlsack! Aber flink! Mir scheint, es pressiert!«
Er wandte sich in die Stube, und weil ihm von dem geschluckten Rauch schon wirblig zu werden begann, griff er mit beiden Händen in das auf den Dielen stehende Wasser und wusch sich das Gesicht. Dabei merkte er nicht, daß seine Hände bluteten. Jetzt hatte er auf andere Dinge zu achten, weil jetzt das Schwerste kam: den ohnmächtigen Koloß der Bäckenmahm auf den Lehnstuhl zu heben! Vierthalb Zentner frei vom Boden emporzustemmen, das ist eine Arbeit. Sie gelang. Freilich war dem Schorschl einen Augenblick, als wollten ihm alle Sehnen reißen. Entkräftet taumelte er gegen den Tisch, umwirbelt von dem rotleuchtenden Dampf, der von der brennenden Tür durch die Stube wallte. Da kletterte schon der Spritzenmann mit Stricken und mit dem Flaschenzug durch das Mauerloch. Die Bewußtlose wurde auf dem Lehnstuhl festgeschnürt und dann der Flaschenzug in die Stricke eingehakt. »Auf!« schrie Schorschl durch das Mauerloch hinunter.
Drunten begannen die Leute am Seil zu ziehen. Der Lehnstuhl mit der Bäckenmahm geriet ins Schweben. Jetzt schwankte er durch das Mauerloch heraus und baumelte frei in der Luft. Der Spritzenmann vermochte das Schaukeln und Drehen des Sessels nicht zu verhindern, und so fing der Lehnstuhl mit der weiß gekleideten Bäckin ein immer flinkeres Kreisen und Wiegen an, während er sich langsam zu Boden senkte. Das war bei aller Gefahr des Augenblicks ein Bild von so drastischer Komik, daß die Leute trotz des Erbarmens, das sie mit der armen Frau empfanden, den Ernst nicht völlig bewahren konnten. Allen Lärm übertönte eine kreischende Weiberstimme: »Wie der Heilige Geist schwebt s' abi!« Ein dumpfer Krach erstickte das Gelächter, das diesen Worten folgte. Es war höchste Zeit gewesen, daß der Lehnstuhl mit der Bäckenmahm den Boden erreichte. Der First des brennenden Hauses war entzweigeborsten, brennende Balken stürzten nieder, droben in der Stube war die Decke eingebrochen, und während ein Gewirbel von Rauch und Funken aus dem Mauerloch hervorquoll, sausten in dicken Garben die brennenden Flocken der auf dem Bodenraum explodierten Mehlsäcke in die Nacht hinaus und rieselten gleich einem feurigen Sprühregen über den ganzen Umkreis des Hauses. Erschrocken stoben die Leute auseinander, und nur wenigen fiel es auf, daß der Daxen-Schorschl nicht beim Lehnstuhl der Bäckenmahm zu sehen war.
»Mar' und Josef! Wo is denn der Schorschl?«
Halb besinnungslos saß er droben auf der Brüstung des Mauerloches und hielt den Kopf an die geschwärzten Steine gelehnt. Die Funken fielen auf ihn nieder, brannten ihm Löcher in das Gewand und versengten ihm die Haare. Als er seinen Namen schreien hörte, schaute er auf. Im gleichen Augenblick streifte ein fallender Glutstrunk seine Schulter. »No, no, no, a bißl langsam, ich geh ja gleich!« brummte er, während ihm alle Sinne taumelten. »So arg pressiert's net, daß der Teufel den Schorschl holt!« Gemächlich rutschte er von der Brüstung und ließ sich die sechs Meter in den Garten hinunterplumpsen. Ein paar Männer fingen ihn auf, aber der Sturz war doch so hart, daß Schorschl sich kaum wieder aufzurichten vermochte. »Unkraut verdirbt net!« sagte er und schüttelte die Funken von der Joppe. »Wo is denn die Mahm? Es is ihr doch hoffentlich nix passiert?«
Als er zum Lehnstuhl kam, von dem man gerade die Stricke löste, mußte er sich an den Knäufen der Lehne festhalten, um nicht umzusinken. Die kalte Nachtluft schien ihn langsam wieder zu ermuntern.
Die Bäckenmahm war aus der Ohnmacht erwacht; doch ihre versunkenen Äuglein blickten verständnislos, während sie mit zitternden Händen an ihrem triefenden Nachtgewand herumtastete.
»Macht nix, Mahmerl!« tröstete Schorschl. »Dei' Schlafhauben trücknet schon wieder! 's Wasser is weniger gfahrlich als wie 's Fuier!« Aufatmend wandte er sich an die Umstehenden. »Ich bitt schön, Leut, packts a bißl mit an! Wir müssen die Mahm zu mir heimbringen. Ich muß ihr halt in meiner Werkstatt aufbetten, wir bringen s' ja zu keiner Tür net eini!«
Ihrer sechse faßten den Lehnstuhl. Wie eine ›heilige Martrerin beim Umzug‹ wurde die Bäckenmahm in die Daxen-Schmiede getragen.
Auf dem Brandplatze war jetzt Purtscheller als Feuerwehrkommandant wieder Herr der Situation. Er dirigierte den puffenden Wasserstrahl bald durch die Fenster in die brennenden Räume, bald wieder in die rauschende Lohe des Daches. Als der Brunnen kein Wasser mehr geben wollte, organisierte Purtscheller zwischen der Feuerspritze und dem Bach eine dicht geschlossene Reihe, durch deren Hände die ledernen Wasserkübel auf und nieder wanderten. Die Leute, als sie sahen, daß an dem brennenden Hause nichts mehr zu retten war, erlahmten bald in ihrem Eifer. Nur eine kleine Schar hielt noch tapfer beim Wassertragen aus. Unter diesen rastlos Arbeitenden befanden sich Mathes und Vroni mit ihrem Vater. Die drei waren atemlos auf dem Brandplatz eingetroffen, als man die Bäckenmahm auf ihrem ledergepolsterten Speckthron davongetragen hatte. Der Anblick des Daxen-Schorschl, der in seinem von Brandlöchern und Mauerschutt verwüsteten Gewand und mit dem rauchgeschwärzten, blutfleckigen Gesichte kaum zu erkennen war, hatte Vroni stumm und bleich gemacht; und während sie die schweren Wasserkübel schleppte, horchte sie unruhig auf jedes Wort, das in ihrer Nähe gesprochen wurde.
Eine erregt durcheinanderschwatzende Gruppe hatte sich um den Geschäftsführer der Bäckin gebildet, der die Schuld am Ausbruch des Feuers auf eine Fahrlässigkeit des Gesellen schob und seinen Verlust bejammerte; er war brotlos und hatte den Koffer mit seinen Habseligkeiten und seinem ersparten Geld verloren. »Wer macht mir denn mein' Schaden gut? Die Bäckin? Dö hat selber nix mehr. Dö hat 's ganze Vermögen in Pfandbrief droben im Kasten ghabt. Und ihr Gschäft is hin. Und ihr Haus brennt nieder bis auf'n Boden. Und kriegen tut s' nix dafür, weil s' allweil z'geizig gwesen is, als daß sie sich hätt versichern lassen.«