Part 13
Diese Nachricht weckte in Purtscheller eine Erinnerung. Verstört blickte er zu dem Flug der durch die grell erleuchtete Nacht dahintreibenden Funken auf, rief stotternd dem Spritzenwart zu, das Kommando ›für ein paar Minuten‹ zu übernehmen, und rannte auf die Straße hinaus. In der Eile verlor er den blitzblanken Messinghelm und nahm sich nicht die Mühe, ihn wieder aufzuheben. Als er seinen Garten erreichte, kam ihm Karlin von der durch den Feuerschein erhellten Haustür entgegen. Sie trug ihr Bübchen auf den Armen, das sie zum Schutz gegen die Nachtkälte in eine Decke gehüllt hatte. »Gott sei Dank, Toni, daß d' heimkommst!« stammelte sie. »Ich weiß mir ja nimmer z'helfen! 's Tonerl bleibt net allein in der Stuben droben, und es muß doch wer herunten sein und aufpassen, ob nix passiert! Unsere Leut sind davonglaufen, und schau nur, wie d' Funken ummifliegen über unser Haus! Um Gotts willen, Toni! Ich bin so in Sorg!«
»Karlin«, keuchte Purtscheller, »hast net a bißl Geld bei der Hand?«
»Aber Toni! Wie soll denn ich Geld haben? Vertraust mir ja nie was an!«
»Du ~mußt~ was haben! Ich brauch's!«
Sein verstörtes Wesen mehrte ihre Sorge. »Toni, so sag mir doch, was hast denn?«
»Unglück überall! Grad heuer muß mir's passieren, daß ich net an d' Versicherung denk!«
»Jesus Maria!« Karlin umklammerte seinen Arm. »Wieviel brauchst denn? Dem Tonerl sein Sparbüchsl hab ich droben --«
»Her damit!«
Sie stürzten ins Haus und über die Treppe hinauf. In der Stube brannte die Hängelampe, die Schlafkammer war ohne Licht, nur matt erhellt durch den roten Feuerschein der Brandstätte; gleich tanzenden Sternen flogen vor den Fenstern die Funken vorüber.
»Sei stad, Herzerl!« tröstete Karlin das weinende Kind, während sie aus ihrem Wäschekasten die kleine Blechbüchse hervorsuchte. »'s Schlüsserl hab ich nimmer«, stammelte sie, »dös hab ich in der Kirch der heiligen Mutter Gottes in d' Hand glegt!«
Purtscheller packte die Blechbüchse, rannte in die Stube hinaus und riß das Vorhängeschloß von dem kleinen Schatzgut seines Kindes. Ein Dutzend Goldstücke kollerten über den Tisch. Purtscheller raffte sie zusammen und sprang davon. Zuerst suchte er den Buchbinder auf dem Brandplatz; hier fand er ihn nicht; der Mann war heimgelaufen, hatte seine Kinder und Gesellen zusammengerufen, um das von den fliegenden Funken bedrohte Schindeldach seiner Scheune mit Wasser zu überschütten, und stieg gerade, als Purtscheller kam, mit einer Gießkanne über die Leiter hinauf. »Du! Sei so gut, an Augenblick!« rief ihm Purtscheller zu.
Der Buchbinder schleppte ruhig die Gießkanne vollends über die Leiter hinauf und reichte sie einem seiner Buben. Dann erst kam er. »Was schaffen S', Herr Purtscheller?«
»Da! Nimm! Da bring ich dir 's Geld für die Polizzen! Sei gscheid und nimm's!« Purtscheller versuchte ihm die Goldstücke in die Hand zu zwängen. Der Buchbinder hielt die Faust geschlossen und schüttelte den Kopf. »So nimm doch! Ob ich gestern zahlt hätt oder ob ich heut zahl, dös wird ja doch wurst sein!« Er wollte dem Mann das Geld in die Joppentasche stecken.
Der Buchbinder wehrte sich und trat zurück. »Na, Herr Purtscheller! Dös kunnt ich als Agent net verantwortigen vor der Gsellschaft. Ich hab Ihnen gmahnt, Sö haben net ghört drauf. Jetzt kann ich nix mehr machen. Morgen, wann alles wieder in Ruh is, meintwegen! Aber heut in der Nacht, wo 's Fuier umanandfliegt? Na! Dös geht net!«
In Purtscheller loderte der Jähzorn auf. »So einer bist du? Ganz recht, daß ich dich endlich amal kennenlern! Man muß sich ja net grad bei ~dir~ versichern lassen.«
»Vater!« klang vom grell beleuchteten Dach eine kreischende Knabenstimme. »Da geht schon wieder a Fuier in d' Höh!« Der Buchbinder sah hinter dem Dach des Purtschellerhofes eine Flamme emporsteigen, als wäre Stroh in Brand geraten. »Herr Purtscheller! Schauen S', daß S' heimkommen! Ich fürcht, Sö kriegen Arbeit daheim.«
Purtschellers Gesicht war entstellt; wortlos stürzte er davon, ohne zu merken, daß ihm die Goldstücke durch die schlaff gewordenen Finger glitten. Als er in die Nähe der Dorfstraße kam, sah er einen Haufen schreiender Leute. Er rannte, bis ihm der Atem versagte. Bei der Gartentreppe stieß er mit Karlin zusammen, die ihn nicht erkannte; in verzweifelter Angst hielt sie ihr Kind umklammert und lief über die Straße hinüber, um es im Haus des Nachbars in Sicherheit zu bringen.
Auf dem Kirchturm begann eine zweite Glocke anzuschlagen, und rasselnd kam die Feuerwehr, die das verlorene Haus der Bäckin verlassen hatte, zum Purtschellerhof gefahren. Mathes ritt auf einem der beiden Pferde, die vor die Spritze gespannt waren, und mit dem Leitseil peitschte er auf die vom Geschrei der Leute, vom Glockenschlag und vom Feuer scheu gemachten Tiere los, welche die hügelige Auffahrt in Purtschellers Hof nicht nehmen wollten. So wild sich die Pferde auch gebärdeten, Mathes zwang sie. Als er vor der brennenden Scheune, durch deren offenes Tor die Flugfunken einen Weg zu den Strohgarben gefunden hatten, vom Pferd gesprungen war und den Schlauch der Spritze auseinanderrollen half, klammerten sich zwei zitternde Hände um seinen Arm.
»Mathes!«
Er sah in Karlins abgehärmte, vom Feuerschein überflackerte Züge und brachte zuerst kein Wort heraus. Dann strich er mit der Hand über Karlins Wange, als wäre er noch der Bub von dreizehn und sie noch das Kind von neun Jahren. »Sorg dich net, Linerl! Hast doch dein Büberl in gute Händ geben?«
»Ja, Mathes! Bei der Nachbarin drüben!«
»No also! Und für 's Haus is kei' Gfahr. Den Stadel wird der Toni verschmerzen müssen. Na, Linerl! Tu dich net sorgen!«
Sie atmete auf.
»Und komm, Linerl, hilf mir!« Er riß einen Ledereimer vom Spritzenwagen. »Da hast an Kübel!«
Mit heller Stimme, daß es über den wirren Lärm hinausklang, schrie sie: »Leut! Da her! Da is Wasser!« Den anderen voraus eilte sie zum Garten, zwischen dessen Bäumen der Entenweiher lag. Vroni und der Simmerauer waren die ersten bei ihr. »Michel! Vronerl! Vergelts Gott!« Karlin warf sich am Rand des Weihers auf die Knie und hob den ersten vollen Eimer aus dem Wasser.
Mathes brauchte nur wenige Minuten, um zwischen Spritze und Teich eine Doppelreihe für die laufenden Eimer zu bilden. Während man schon zu pumpen begann, um das Wasser in den Schlauch zu treiben, rannte der Spritzenwart überall umher und schrie nach Purtscheller. Neben der Hintertür des Hauses fand er ihn an die Mauer gelehnt, ratlos vor Schreck und mit schlaffen Armen. Zäzil war bei ihm und redete tröstend auf ihn ein.
»He! Purtscheller!« Der Spritzenwart rüttelte ihn am Arm. »So rühren S' Ihnen! Es brennt ja doch net bei ~mir~!«
»Lasen S' ihn doch in Ruh!« murrte Zäzil. »Sehen S' denn net, wie's ihm z'mut is, dem armen Herrn?«
Über das Rauschen der Flammen und über allen Lärm hinaus, der den Hof erfüllte, tönte die hallende Stimme, mit welcher Mathes der Spritze ein Kommando gab. Purtscheller blickte auf. »Der Mathes!« stammelte er. »Der Mathes soll reden für mich! Der versteht sich auf d' Arbeit!« Er machte eine Bewegung, als wären ihm die Knie schwach geworden.
»Was haben S' denn, Herr?« fragte Zäzil.
»Völlig übel is mir von der Aufregung. Geh, Madl, sei so gut und mach mir an schwarzen Kaffee!«
»Trinken S' lieber a Glasl Wein!«
»Ja, hast recht! Bist a guts Madl.« Purtscheller ließ sich von Zäzil, die ihn barmherzig unter den Arm genommen hatte, ins Haus und hinauf in die Wohnstube führen. Und während das Mädel für den ›armen Herrn‹ eine Flasche Tiroler holte, arbeiteten die anderen, um des Feuers Herr zu werden.
Die in Brand geratene Scheune mußte man verloren geben; es kostete schon Arbeit genug, um die umliegenden Wirtschaftsgebäude und die Ställe gegen die Flammen zu schützen. Als dieses Rettungswerk in Gang war, machte Mathes sich daran, das Vieh, das sich unter Gebrüll in den Ketten würgte, aus seiner Angst zu erlösen. Jedes einzelne Stück mußte gewaltsam aus dem Stall geführt und in einem entlegenen Teil des Gartens angepflöckt werden. Dann kehrte Mathes in den Hof zurück und stellte sich an die Pumpe. Die anderen, die den Spritzenschwengel zogen, ließen sich von Zeit zu Zeit ablösen, nur Mathes nicht.
Gegen die fünfte Morgenstunde, als der Tag zu grauen begann, war alle Gefahr überwunden und die Scheune in glimmende Kohlen zerfallen. Nun konnte die Spritze hinüberfahren zum Bäckenhaus, um auch dort die versinkenden Flammen vollends zu löschen.
Mit durchnäßten Kleidern, zitternd vor Erschöpfung und Kälte, stand Karlin unter dem Hoftor; jedem, der hinausging, reichte sie die Hand. »Vergelts Gott, Nachbar! Vergelts Gott, Bub! Vergelts Gott, Madl! Hast dich auch noch plagen müssen!« Jedes, dem sie ihr Vergelts Gott sagte, hatte ein freundlich Wort für sie. So deutlich, wie in dieser Stunde, hatte es Karlin noch nie gemerkt, wie gut ihr alle Leute waren. Diese Erkenntnis tat ihr wohl und hauchte ein bißchen Wärme auf ihre bleichen, erschöpften Wangen.
Der Hofraum leerte sich. Nur Purtschellers Dienstleute waren noch bei der Arbeit, um die Pferde und das Vieh in die Ställe zurückzuführen, und der alte Simmerauer mit seinen Kindern half ihnen dabei. Dann konnten auch diese letzten gehen.
Karlin reichte dem Alten die Hand. »Vergelts Gott, Michel! Hast selber die härteste Sorg daheim und bist trotzwegen kommen!«
»Wär net übel, Frau Purtschellerin, wann der Mensch kei' Zeit net übrig hätt für an bedrängten Nachber!« Der Alte streichelte Karlins Hand. »In der Not muß man zamm helfen. Der gute Herr Purtscheller hat mir auch sei' Hilf anboten! Wo is er denn, daß ich ihm d' Hand drucken kann?«
»Ich weiß net.« Es zuckte um Karlins Lippen. »Bei der Arbeit wird er sein.« Sie konnte nicht weitersprechen und wandte sich zu Vroni.
Schweigend legte das Mädel den Arm um Karlins Hals und schmiegte die Wange an das Gesicht der jungen Frau.
»Da kommt der Mathes auch!« sagte Karlin mit schwankender Stimme. Sie machte sich von den Armen des Mädels los, und während Vroni den Vater zum Hoftor hinauszog, ging Karlin auf Mathes zu und reichte ihm die Hand. »Vergelts Gott!«
Mathes erschrak, als er sie ansah. »Aber Linerl! Hast ja kein' trockenen Faden mehr am Leib! Mußt dir ja ebbes holen bei so einer Kälten! Ich bitt dich um Christi willen, geh auffi und tu dich gwanden!«
»Ja, Mathes! Bloß auf dich hab ich noch gwart, daß ich dir mein Vergelts Gott sagen kann, 's erste Wörtl nach soviel Jahr!« Sie sah ihm in die Augen.
»Aber geh, Linerl! A Vergelts Gott? Mir? Dös braucht's doch net! Schau nur an, wie der Wind herblast! Ich bitt dich, geh auffi! Schau, es pressiert mir selber, daß ich heimkomm! Pfüet dich, Linerl!«
Lächelnd und mit nassen Augen nickte sie zu ihm auf, strich die losen Härchen hinters Ohr und ging der Haustür zu. Auf halbem Wege wandte sie sich um und rief: »Mathes! Die heutige Nacht vergiß ich dir nimmer!«
Er stand schon unter dem Tor. »Aber geh!« Verlegen schob er die Hände in die Joppentaschen. Dann lächelte er und trat auf die Straße hinaus.
»Komm, Bub!« sagte der Simmerauer, der auf ihn gewartet hatte. »Schauen wir, daß wir heimkommen! Wie wird's wohl da droben ausschauen?«
»Gut, Vater!« Mathes stampfte mit dem Fuß, daß die harte Erde klang. »Der Boden is gfroren. Den taut sobald kei' Sonn nimmer auf! Heut noch, mein' ich, fallt der Schnee! Und da haben wir gute Zeit.«
»Ja, kannst recht haben!«
»Wo is denn d' Vroni?«
»Sie kommt gleich. A Sprüngl hat s' ins Ort einigmacht, nachschauen, wie's der armen Bäckin geht.«
»Der Bäckin? So so?« Mathes spähte zur Daxen-Schmiede hinüber.
Während sie dem Gehäng des laufenden Berges zustrebten, jammerte der Simmerauer: »Dös arme Weiberleut! Alles verlieren müssen! So a schöns Haus! Und was soll s' denn machen auf ihre alten Täg? Sie hat kein' Menschen net als den Lüftikus, den Daxen-Schorschl, der sich selber net erhalten kann.«
Im oberen Stock des Purtschellerhofes, in der Wohnstube, hatten die Fenster noch roten Lichtschein. Jetzt verschwand er. Karlin hatte die Hängelampe ausgelöscht, die sie brennend vorgefunden. Erschöpft und zitternd stand die junge Frau am Tisch, starrte im Morgengrau die drei geleerten Weinflaschen an und sah in dem von Zigarrenqualm erfüllten Raum umher, mit so verlorenem Blick, als wäre sie in einer fremden Stube und wüßte nicht, durch welchen Irrtum sie hierhergekommen. Ein Schauer befiel sie. Mit langsamen Händen strich sie an den nassen Kleidern hinunter, die ihr halb gefroren am Körper klebten, nickte vor sich hin und murmelte: »Ja, der Mathes hat recht, ich muß mich gwanden.« Sie trat in die Schlafkammer und sah ihren Mann in der Feuerwehruniform und mit den Stiefeln auf dem Bett liegen. Als die Türe ging, erwachte er halb aus seinem Dusel und drehte sich auf die Seite. Karlin faßte seine Hand. »Geh, laß mich schlafen!« brummte er. »Wie Blei liegt's mir in alle Glieder!« Dann richtete er halb den Kopf in die Höhe, sah sie mit steifen Augen an, und während er sprach, spürte Karlin den Geruch des Weines. »Wie schaut's denn aus drunten?«
»'s Feuer is glöscht.«
»Hast dich bedankt bei die Leut?«
»Ja.«
»Hast Wein oder Bier aufstellen lassen und Zigarren hergeben?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Du denkst aber auch an gar nix! Alles liegt auf mir! Alles!« Seufzend drückte er den schweren Kopf in die Kissen. »Mit dir is einer aufgricht, dös muß ich sagen!«
Wortlos wandte sich Karlin ab, ging zum Kasten und nahm heraus, was sie an Wäsche und Kleidern brauchte. Als sie zur Tür wollte, fragte Purtscheller unwillig: »Wohin denn schon wieder?«
»Zu meim Kind.«
Karlins Stimme klang verändert. Dieser fremde Klang schien auch ihrem Mann aufzufallen, trotz seines Dusels; er stierte sie an, als stünde nicht seine Frau, sondern eine andere vor ihm, die er noch nie gesehen hatte. »Ich bitt dich, mach mir jetzt keine so narrischen Gschichten!« murrte er. »Was hast denn?«
Ohne zu antworten, verließ Karlin die Kammer. In der Stube kleidete sie sich um. Dann stieg sie die Treppe hinunter und verließ das Haus. Im Garten blieb sie stehen und atmete auf. Nun ging sie raschen Schrittes über die Straße und trat ins Nachbarhaus.
In einer niederen, warmen Stube, durch deren kleine Fenster schüchtern das erste Licht des Tages schimmerte, fand Karlin die alte Bäurin in einem Lehnstuhl neben dem Ledersofa, auf dem für den kleinen Tonerl mit geblumten Kissen ein Bett gerichtet war. Das Kind hatte rote Wangen. »Schauen S' nur, wie gut er schlaft!« flüsterte die Bäuerin. »Und guter Schlaf is Kinderglück! Da übertaucht so a Hascherl alles und kann noch lachen dazu!« Sie erhob sich, um ihren Platz der Mutter einzuräumen.
»Vergelts Gott, Nachbarin!« sagte Karlin, während sie sich über die Kissen beugte. Die Bäurin wollte von dem Unglück der Nacht zu reden beginnen, aber Karlin blickte flehend zu ihr auf: »'s Kindl kunnt aufwachen.« Sie ließ sich müde in den Lehnstuhl sinken. »Dös tut mir wohl! Gelt, ich kann a bißl bleiben?«
»Aber ja, Purtschellerin! Und was meinen S', wann ich an recht an guten Kaffee machen tät? Ja?«
»Ich bitt schön, Nachbarin! Aber sein muß 's net!«
Geschäftig humpelte die alte Frau zur Tür hinaus.
Karlin saß regungslos, den Kopf zurückgesunken in den Lehnenwinkel des Sessels. Vom nahen Ofen strömte die Wärme an ihren Körper. Das Frösteln ihrer Glieder löste sich, und nach aller Angst und Erschöpfung dieser Nacht fiel ihr der Schlummer über die Augen. Einmal lächelte sie im Traum.
Der kleine Vogel der Wanduhr rief die siebente Morgenstunde.
»Kuckuck!«
In der winterlichen Stube ein Frühlingsruf!
Weder das schlummernde Kind noch seine müde Mutter erwachten.
Elftes Kapitel
Auf der Straße begann das Leben des Morgens. Die Ochsengespanne zogen mit schwerem Schritt, die Leiterwagen rasselten, und die Leute gingen ihrer Arbeit nach. Der erst halb zerflossene Rauch der beiden Brandstätten lag wie ein Schleier über dem ganzen Tal, und der widerliche Geruch des verbrannten Mehls erfüllte die Luft. Das war kein Morgen, um die Menschen fröhlich zu stimmen. Dennoch gingen die Leute auf der Straße mit vergnügten Gesichtern aneinander vorüber. Jeder freute sich, daß das Unglück dieser Nacht an ~seinem~ Haus vorbeigeschritten war.
Von Purtscheller wurde wenig geredet, nur von Karlin und von der armen Bäckin. Der Toni würde den Stadel im Frühjahr wieder aufbauen und könnte den Schaden verschmerzen. Aber die Bäckin, die zur Bettlerin geworden? Dazu wäre sie so elend, daß man für ihre ›dicke‹ Gesundheit, vielleicht sogar für ihr Leben fürchten müßte. Wenigstens hätte der Doktor, den Schorschl noch in der Nacht gerufen, ein bedenkliches Gesicht gemacht.
Der Hof der Daxen-Schmiede wurde nicht leer von Leuten, die aus Neugier oder Mitgefühl nach dem Befinden der Bäckin fragen wollten. Mit leisem Schwatzen standen sie um das Tor gedrängt, das Schorschl in der Nacht eingedrückt hatte, und lugten durch die Spalten der Bretter, um einen Blick in das Innere der Werkstätte zu erhaschen.
Vor dem Fenster, das gegen den Obstgarten der Schmiede ging, hatte sich Vroni einen Platz erobert; hier stand sie, spähte bald durch die halb erblindete Scheibe, bald wieder fuhr sie erschrocken zurück, als hätte sich in der Werkstätte ein schreckhaftes Ungeheuer dem Fenster genähert.
Der Morgen wurde heller und heller. »Jesses, na! Ich muß heim!« murmelte Vroni. Aber das ›Mitleid mit der Bäckin‹ war so stark in ihr, daß sie das Fenster nicht verlassen konnte. Die anderen Neugierigen verzogen sich, nur Vroni zögerte noch immer.
Hinter ihr im Garten klangen die Beilschläge der beiden Zimmerleute, die im ersten Morgengrau begonnen hatten, die neuen Türen zu zimmern, die man in die Stubenwände der Daxen-Schmiede einsetzen mußte, um die Bäckenmahm aus der Werkstätte in einen wohnlicheren Aufenthalt verbringen zu können. Vorne im Haus waren auch schon die Maurer bei der Arbeit, um die alten Türstöcke auszubrechen und die Lichtung in der Mauer zu erweitern.
Vroni hörte die Zimmerleute im Garten von dem ›Gfrett‹ reden, das der Daxen-Schorschl haben würde, um in dem der Gant zulaufenden Hause sich selbst, die Bäckin und dazu noch die Magd zu erhalten, die ihm zur Pflege der kranken Frau unentbehrlich war. »Man müßt ihm eigentlich a bißl beispringen«, meinte der Zimmermeister, »und schauen, daß ihm d' Leut wieder Arbeit zutragen.« Vroni atmete so erleichtert auf, als hätte man ihr selbst eine Wohltat versprochen. Freilich, mit dem ›Wildling‹ hatte sie ausgeredet, ein für allemal! Aber wenn die Leute dem Daxen-Schorschl auf die Beine halfen, das kam doch auch der armen Bäckin zugute. »Jetzt ~muß~ ich aber heim!« Seufzend über das ›harte Los der Bäckin‹, warf sie noch einen letzten Blick durch die trübe Scheibe und fuhr mit purpurrotem Gesicht zurück.
Schorschl war aus der Werkstätte getreten und ging zum Brunnen. In den Händen hielt er eine irdene Schüssel mit einer Wasserflasche und zwei Gläsern; ein paar nasse Handtücher hingen ihm über die Schulter. Er trug noch die von Brandlöchern durchsiebte Joppe; das Gesicht hatte er gewaschen; dabei hatte er freilich nur den Ruß und Mörtelstaub weggebracht; die roten Schrunden, die ihm die scharfkantigen Mauerbrocken in Stirne, Nase und Wangen gerissen hatten, waren geblieben; und auf der einen Seite des Kopfes hatten ihm die Feuerfunken das Haar bis auf die Haut versengt; das war anzusehen, als hätte der Daxen-Schorschl Türke werden wollen, sich aber mit halb rasiertem Kopf noch eines Besseren besonnen.
Beim Brunnen pumpte er so energisch, daß das Wasser mit dickem Strahl aus der Röhre schoß. Freilich, aufs ›pumpen‹ verstand sich Schorschl wie kein anderer. Dann begann er die Handtücher auszuwaschen und die Gläser zu spülen. Er stellte sich durchaus nicht ungeschickt. Aber Vroni, die hinter der Hausecke hervorguckte, meinte doch, daß ihm diese Frauenzimmerarbeit nicht recht von der Hand ginge. Wär's ein anderer gewesen als der Daxen-Schorschl, sie wäre flink zum Brunnen gesprungen. Aber ›dem da‹ helfen? Nicht um die Welt!
Während Schorschl wusch und plätscherte, sah er einen Buben mit dem Schulränzl kommen und rief ihm zu: »Du, lauf zum Wirt ummi und sag, er soll mir an Zuber voll Eis ummischicken.«
»Ich kann net, ich muß in d' Schul.«
Schon wollte Schorschl dem Buben ein paar gesunde Grobheiten mit auf den Weg geben, als er hinter sich eine scheue Mädchenstimme fragen hörte: »Schorschl? Soll ~ich~ ummispringen zum Wirt?«
Der Daxen-Schorschl fuhr auf, als hätte der Blitz vor ihm eingeschlagen. Während er die Finger spreizte, von denen das Wasser niedertropfte, betrachtete er zuerst das Mädel vom Kopf bis zu den Füßen, dann die Kratzwunden auf seiner Hand. »Was willst denn?«
Die Antwort klang nicht freundlich. »Ob ich net a bißl helfen muß, hab ich gmeint?«
»So, so?« Schorschl streifte mit schiefem Blick die blaue Schürze, die sich im kalten Morgenwind bewegte. »Helfen? Wie gestern vielleicht? Und ~mir~ willst helfen?«
»Na! Dir net! Der armen Bäckin aber gern!«
»Ich dank schön. Der Bäckin hilf ich selber. Pfüe Gott!« Mit diesem Gruß ließ Schorschl das Mädel stehen und sprang zum Wirtshaus hinüber, um das Eis zu holen.
Verblüfft und geärgert sah ihm Vroni nach. »Was kann denn dö arme Bäckin dafür, daß ihr so einer helfen muß?« Sie ging zum Brunnen, spülte das Geschirr, wusch die Handtücher, daß kein Fleck mehr an ihnen war, und trug die Sachen in die Schmiede. »O du mein lieber Herrgott!« stammelte sie, als sie bei dem Zwielicht, das die Morgenhelle und ein in der Esse flackerndes Holzfeuer in dem großen, rußgeschwärzten Raum verbreitete, die schwer geprüfte Frau in den von Schorschl aus dem ganzen Haus zusammengeschleppten Decken und Kissen auf der Erde liegen sah; weil man ein für ihren Umfang passendes Gewand zum Austausch für die durchnäßten Kleider nicht hatte auftreiben können, hatte man die Bäckin in zwei zusammengeheftete Leintücher und in den weiten Wintermantel gehüllt, der noch von Schorschls Vater und Großvater stammte. Ein nasser Umschlag bedeckte das halbe Gesicht; kraftlos lagen die rund gepolsterten Hände auf der Decke und glühten von heißem Fieber.
»Schorscherl?« lispelte die Kranke, als sie den Schritt auf der Schwelle hörte.
»Ich bin's, Bäckin, die Simmerauer-Vroni!«
»So? Wo is denn mein Schorscherl?«
»Ins Wirtshaus is er um a bißl Eis.«
»Kommt er bald wieder?«
»Ja, Bäckin!« Vroni hatte sich auf die Knie niedergelassen und streichelte die heißen Hände der Kranken. »Gleich wird er wieder da sein.«
Da atmete die Bäckenmahm auf. »Mein Schorscherl! Gott sei Dank, daß ich ~den~ noch hab! Und so viel ungut bin ich gwesen, wie er ~mich~ braucht hätt!« Sie hörte einen Schritt. »Kommt er schon?«
Es war die Magd, die eine Schale mit Fleischsuppe brachte.
Hätte die Bäckin eine lange Stunde das Lob des Daxen-Schorschl gesungen, es hätte bei Vroni nicht so tief gewirkt wie dieses erleichternde Aufatmen der Kranken und der dankbar zärtliche Klang dieses Namens: »Mein Schorscherl!«
Fürsorglich war Vroni der Magd behilflich, um der Kranken die Suppe einzuflößen. Dann erhob sie sich und versprach, bald wieder nachzuschauen, wie es der ›lieben Bäckin‹ ginge. Als sie in den Hof hinaustrat, kam Schorschl mit dem Eis. Sie nickte: »Pfüet dich Gott, Schorschl! D' Handtücher hab ich ausgwaschen.«
Er machte große Augen. Und während er kopfschüttelnd in die Schmiede trat, brummte er: »Pfüet dich Gott, Katzerl!«
Unwillig blieb Vroni stehen. »Katzerl! Allweil: Katzerl! Ich möcht nur wissen, was er meint mit dem unsinnigen Gred!« Sie machte Miene, wieder umzukehren. Da sah sie, daß es durch die Lüfte weiß und gaukelnd herunterfiel. Erst waren es nur vereinzelte Flocken; doch in der Höhe verwandelten sich alle Wolken schon in wirbelnde Schleier. Mit warmer Freude dachte Vroni an die Ihrigen. »Gott sei Lob und Dank! Der Winter is da!« Sie begann zu laufen. Als sie an dem noch rauchenden Brandschutt des Bäckenhauses vorüberkam, fielen die Flocken schon in dichter Menge.