Der laufende Berg

Part 11

Chapter 113,800 wordsPublic domain

Die beiden Knechte und Zäzil drückten sich wortlos zur Stalltür hinaus, und Purtscheller gewahrte noch das Lächeln der Magd. »Ja, hast recht, daß d' mich auslachst!« Es fiel ihm ein, daß er versprochen hatte, der Magd zu kündigen. »Ah na! Gscheider, wer anderer ging! Da möcht der Sonnschein bald wieder einkehren im Purtschellerhof.« Tief atmend, als wäre ihm jetzt leichter geworden, trat er ins Freie und packte die Büchse. »Heut nacht komm ich net heim, ich bleib in der Jagdhütten«, rief er über die Schulter zurück, »endlich muß ich mich doch wieder amal in Ruh ausschlafen können und a friedsame Stund haben.« Er nahm die Büchse auf den Rücken und wanderte müd davon. Im Garten blickte er unschlüssig gegen das Haus zurück. Nach dem blinden Zorn befiel ihn eine Regung von Vernunft und Reue. Doch unwillig rückte er den Hut. »Ah was! Sie muß doch wissen, daß ich's net so mein'!« Da hörte er von der Straße das bitterliche Weinen eines Kindes. »O jegerl! Was is denn?« Er stieg über die Treppe hinunter und sah neben dem Straßengraben ein kleines Mädel stehen, in hilflosem Kummer. Vor dem Kind lagen die Scherben eines irdenen Kruges. »Maderl? Was is denn? Hast dein Haferl fallen lassen?«

»Der Jud«, schluchzte das Kind, »der Jud hat mich umgrennt und hat mir 's Haferl derstößen.«

»Natürlich! Wieder der Jud! Aber geh, Butzerl, da mußt net weinen!« Purtscheller zog sein Taschentuch hervor, trocknete dem Kind die Tränen von den Augen und schenkte ihm einen Taler. »So, Schatzerl, da hast ebbes! Da kaufst dir a neus Haferl, und was übrigbleibt, dös legst in dein Sparbüchserl, gelt!« Lachend gab er dem getrösteten Kind einen Klaps und ging seiner Wege.

Als er beim Krämer vorüberkam, wollte Rufel gerade aus der Haustür treten; erschrocken fuhr der Alte bei Purtschellers Anblick zurück und verbarg sich hinter der Tür, bis das gefürchtete ›Schießgewehr‹ um die Ecke verschwunden war. Dann trat er auf die Straße und schüttelte kummervoll den Kopf. »E so e Mensch! Und de arme Frau!« Während er der Straße folgte, klangen ihm aus der Daxenschmiede die Hammerschläge entgegen. Sie tönten nicht hell und gleichmäßig; es war etwas Gereiztes in der unruhigen Hast, mit der sie aufeinander folgten; nun endeten sie mit einem dröhnenden Schlag, als hätte Schorschl seinen Ingrimm über irgendeine böse Sache den schuldlosen Amboß entgelten lassen.

Als Rufel zur Schmiede kam, sah er, daß ein Bauer einen wackligen Schubkarren, der noch mit mancherlei anderem, der Reparatur bedürftigem Eisengerät beladen war, vor dem Tor der Werkstätte niedersetzte. Es war der Bauer, dem der Leiterwagen gehört hatte. Er guckte in die leere Werkstätte. »He! Schmied!« Nichts rührte sich, keine Antwort ließ sich hören. Der Bauer ging zur Haustür, stieß sie auf und rief: »He! Schorschl! Wo bist denn?« Alles blieb still. »Natürlich! Ich hab mir's eh gleich denkt. Jetzt kann ich wieder abfahren.« Brummend schob der Bauer seinen Karren davon.

Mit den Armen über den Zaun gelehnt, hatte Rufel diesen Vorgang beobachtet. »Nu? Wo is er jetzt, der Herr Dax? Könnt Arbeit haben. Und wo steckt er nu wieder?«

Da klangen aus dem Garten der Schmiede schmachtend gezogene Trompetentöne:

»Du, du, liegst mir im Herzen, Du, du, liegst mir im Sinn.«

Wie rein und schön das klang! Es paßte so recht zu diesem klaren, von der scheidenden Sonne goldig angehauchten Herbstabend. Doch Rufel schien für poetische Naturstimmungen und musikalische Genüsse nicht das richtige Verständnis zu besitzen. Er schnitt eine säuerliche Grimasse. »Trumpeten blost 'r! Und blost m'r wieder e Loch in mein' Sack! Nu will ich ihm aber doch e Wörtche sagen!« Er trat in den Hof, kehrte aber wieder um. »Ich hab's versprochen. Ich will heut nix mehr zu ihm mahnen gehen.«

Mit inbrünstigem Krescendo klang es aus dem Garten der Schmiede:

»Du, du, machst mir viel Schmerzen, Weißt nicht, wie gut ich dir bin! Jaaa, jaaa, aaah, We-we-we-weweißt nicht, wie gut ich dir bin! Tütüüüh!«

Die Sehnsuchtsklage des Einsamen schloß mit einem so schmetternden hohen +C+, daß von den Bergen das Echo viermal zurücktönte: tütüüüh -- zuletzt noch einmal ganz leise, wie aus meilenweiter Ferne: didiiih! Und dieser letzte Klang kam über die Simmerau herunter.

Schorschl, der hinter dem Haus zu Füßen eines Apfelbaumes saß, hatte die Trompete in den Schoß gelegt und blickte melancholisch vor sich hin.

Bei seinem Brüten und Sinnen griff er nach einem der überreifen Äpfel, die vom Baum gefallen waren. Während er Stück um Stück von dem Apfel abbiß, suchte er grübelnd nach einem Ausweg aus seiner ›Schlemastik‹.

Er hatte Angst. Bei den Sorgen, die ihn drückten, bei dem vergeblichen Warten auf Arbeit drohte der alte ungeduldige Schorschl in ihm die Oberhand zu gewinnen. Die ›Lüftigkeit‹ zuckte ihm in allen Gliedern, zog ihn vom Amboß fort, hinüber ins Wirtshaus, hinunter zum Bach, hinauf in die bucklige Gegend der Simmerau. Er sah es deutlich ein, daß er diesem prickelnden Zug auf die Dauer nicht widerstehen könnte. Ja, er wollte ein ordentlicher Kerl werden, ganz ehrlich wollte er das. Aber er merkte, daß er das ›Bravsein‹ aus sich allein nicht fertigbrächte. Er brauchte die Hilfe der andern. Die wollten nicht kommen, wollten ihm die Hand nicht reichen. »Hol s' der Teufel alle mitanand, dö mißtrauischen Geizkrägen!«

Wenn nur wenigstens ~eine~ ihm die stützende Hand reichen möchte! Wenn ~die~ an ihn glauben könnte! Wenn ~die~ zu ihm sagen möchte: »Ich bin net wie die andern, ich hab Vertrauen, ich möcht's riskieren! Aber dös siehst doch ein, ich kann kein' Lumpen heiraten, der bis über d' Ohrwascheln in Schulden steckt! Ich bin doch an ordentlichs Madl!«

»Ja, Vroni, da fehlt sich nix!« würde ~er~ dann sagen. »A brävers Madl wie du gibt's in der ganzen Welt nimmer!«

»No also, schau«, müßte dann die Vroni wieder sagen, »da mußt dich halt danach aufführen! Fest antauchen mußt! Mit dem richtigen Willen laßt sich alles machen in der Welt. Hast ja gsunde Fäust, und 's gscheide Köpfl fehlt dir auch net. Und hab ich mich überzeugt, daß d' an andrer worden bist, so frag halt an bei mir! Und unter der Zeit därfst dich schon diemal an meim Fensterl anschauen lassen, daß ich dir a bißl Mut zusprich. So, und jetzt geh, Schorschl, pack's an!«

Ja! Wenn die da droben so zu ihm sprechen möchte, wäre ihm gleich geholfen. Dann wüßte er doch, ~wofür~ er sich schinden und gedulden sollte! Und dann hätte er auch das Recht, für die harte Zeit sich eine Wegstärkung mitzunehmen, und würde seinem Schätzl ›eins auffidrucken aufs Göscherl, a ~ghörigs~ Bussel‹, eines, das ausgab für ein halbes Jahr! »Herrgott sakra, ich spring auffi und probier's!«

Lachend setzte er die Trompete an den Mund und blies mit schmetternden Klängen:

»Maderl, Maderl, laß dich fragen, Tut für mich dein Herzerl schlagen? Geh, mußt net so heimlich sein, Maderl, Maderl, gsteh mir's ein!«

Wieder schloß er mit einem hohen +C+, spähte gegen die Simmerau hinauf und lauschte dem Echo. Von neugestärkter Hoffnung erfüllt, kehrte er in die Werkstätte zurück und schmiedete mit lustigem Eifer noch ein paar überflüssige Hufeisen, bis der Abend sank. Mit einer Sorgfalt, wie er sie seit Jahren nicht geübt hatte, räumte er die Werkstätte auf, schloß das Tor und versperrte die Haustür. Die Trompete unter der Joppe, wanderte er durch die Dämmerung bergan und pfiff in hoffnungsreichem Seelenvergnügen eine heitere Weise vor sich hin.

Der Wind hatte umgeschlagen. Wohl funkelten in der Höhe des Himmels freundliche Sterne aus dem tiefen Blau, und die Bergspitzen waren angehaucht vom Silberglanz des steigenden Mondes; doch eine schwarze Wolkenschicht hob sich hinter den Felswänden empor und verschlang einen leuchtenden Stern um den andern.

Neuntes Kapitel

In der Simmerau waren die Eisenschlaudern an die zersprungene Mauer gesetzt, die Wandnarben waren mit Zement überstrichen, und noch in der Dämmerung hatte Mathes die ganze Rückseite des Hauses frisch geweißt, damit der Vater am Morgen wieder eine tadellose Mauer sehen möchte.

Vor dem Schlafengehen blieben sie noch eine Weile unter der Haustür stehen und lauschten dem Trost, den ihnen der kalte Wind in die Ohren pfiff. »Vater!« sagte Mathes, »schau nur, wie hinterm Nebel die schweren Wolken nachrucken! Dö tragen Schnee. Paß auf! Dö bringen über zwei, drei Tag den richtigen Winter. Und d' Ruh für uns.«

»D' Ruh für uns!« Michel, die dürren Hände faltend, sah zum Himmel hinauf. Als fiele ihm ein besseres Gebet nicht ein, wiederholte er ein paarmal: »D' Ruh für uns! D' Ruh für uns!« Er bekreuzte Gesicht und Brust. »Heut schlaf ich a bißl besser!«

Sie traten in den Flur. Hier, in dem dunklen Raum, in dem sich der Ausdruck eines Gesichtes nimmer unterscheiden ließ, fragte Mathes unvermittelt: »Du? Vater? Hast amal ebbes reden hören, als ob der Purtscheller a Gschäft mit'm Juden hätt?«

»Warum fragst?«

»Weil ich den Rufel vor'm Purtschellerhof auf der Hausbank hab sitzen sehen.«

»Den Rufel? Ah na! Da hat's kei' Gfahr net. Der Rufel laßt sich auf schieche Sachen net ein. An Holzhandel, mein' ich, gilt's halt. Drüben im Wald is viel Holz gfallen. Dös möcht halt der Herr Purtscheller gern verkaufen, denk ich mir. Aber anbringen wird er's hart.«

Mathes trat in die Stube, ohne ein Wort zu erwidern. Dann war's in dem kleinen Hause still.

Nur Vroni war noch auf und geisterte beim flackernden Schein eines Talglichts in ihrer Kammer. Zuweilen fuhr ein kalter Windstoß durch das offene Fenster und machte die kleine Flamme zucken. Mauerbrocken waren auf den Dielen zerstreut, neben einer Mörtelkufe lagen Spitzhammer und Kelle, und an der Wand sah man noch die offenen Löcher, in welche die Schraubenmuttern der eisernen Schlaudern versenkt waren. Der Tag hatte nicht mehr ausgereicht, um auch auf der Innenseite der Mauer den Schaden völlig auszubessern und die kleine Kammer wieder in wohnliche Ordnung zu bringen. Deshalb sollte Vroni drüben in der Stube schlafen. Um Auszug zu halten, wickelte sie eine Lodendecke mit dem Unterbett und einem Kissen zu einem Pack zusammen und nahm ein Leintuch aus dem blaugestrichenen Schrank, dessen Türen mit zwei flammenden Herzen bemalt waren. Lang betrachtete sie die beiden roten Dinger, als gäbe ihr dieses brennende Herzenpaar zu denken. Eine harte Furche war zwischen Vronis Brauen gesenkt. Schließlich hob sie gar die Hand und strich über die Bretter, als wollte sie versuchen, ob die ärgerliche Malerei sich nicht fortwischen ließe. Das war gute, dauerhafte Farbe. In den fünfunddreißig Jahren, seit dieser Kasten neu und frisch lackiert auf Mutter Katherls Hochzeitswagen seinen Einzug in der Simmerau gehalten hatte, waren die zwei roten Herzen kaum merklich abgeblaßt. »So was Dumms! Söllene Sachen auf an Kasten malen!« Ein leises Klatschen machte sie aufblicken. Vom Garten herein war eine weiße Katze auf das Fensterbrett gesprungen. »So, Miezerl? Kommst heim?«

Leis miauend sprang die Katze auf die Dielen nieder, trippelte näher und ließ sich in Behaglichkeit den Rücken krauen; dann sprang sie auf das Bett, machte sich's bequem und begann die Pfoten zu lecken.

Wenn sich die Katze putzt, kommt Besuch. An dieses Sprichwort dachte Vroni, schien aber von seiner Weisheit nicht sonderlich erbaut zu sein. »Ich dank schön! Dös ging mir grad noch ab!« murrte sie. »Ja, Miez, tu mein Stüberl hüten!« Sie drückte am Fenster die Scheiben zu, nahm seufzend das Bettzeug auf den Rücken und verließ mit dem Licht die Kammer. In der Wohnstube machte sie auf den Dielen ihr Lager zurecht, blies das Licht aus und legte sich in den Kleidern zur Ruhe; nur das Mieder nestelte sie auf. »Gut Nacht, Mathes!«

»Gut Nacht!« klang von der Ofenbank die Stimme des Bruders. Eine Weile war Stille in dem finsteren Raum; dann sagte Mathes leise: »Du!«

»Was?«

»Heut hat er mir gfallen.«

»Wer?«

»Der Schorschl.«

»So?« Vroni bearbeitete mit der Faust das widerspenstige Kissen. »Laß mich lieber schlafen! Um so ein', wie ~der~ is, spar ich mir den Schlaf net ab. Warum sagst es denn ~mir~ grad?«

»No, weil neulich gmeint hast: um den is schad!«

Vroni schwieg und wickelte sich fester in die Decke.

»Ja! Gfallen hat er mir!« wiederholte Mathes nach kurzem Schweigen. »Gschanzt hat er wie a Roß. Wann er ernstlich mögen tät, der Schorschl, kunnt er sich bald wieder in d' Höh rappeln. D' Schmiederei versteht er wie net leicht einer. Gut macht er sei' Sach. Und billig. Fünf Mark hat er verlangt für d' Schlaudern. Jeder andre hätt acht oder zehn Mark begehrt.«

»Natürlich!« fiel Vroni mit gereizter Stimme ein. »Wann der net 's Geld aussischmeißen kann, is ihm net wohl.«

»Aber geh! Wirst es ihm doch net fürwerfen, daß er's für ~uns~ so billig macht.«

»Wir brauchen nix gschenkt. Von ~dem~! Hast ihn doch gleich zahlt?«

»Na. Ich hab kein Geld net bei mir ghabt.«

»Was!« Vroni richtete sich auf. »Schuldig bist blieben? Bei dem? No, wart! Gleich morgen zahl ich die fünf Mark, gleich morgen, wann ich abi komm, 's Brot holen. Gleich morgen! Gleich morgen!«

»So geh! Dem Schorschl pressiert's doch net.«

»Aber mir!«

Da wurde die Kammertür geöffnet und Mutter Katherls flüsternde Stimme ließ sich hören: »Kinder, seids doch a bißl stad! Der Vater hat so an guten Schlaf gfunden. Tuts ihn net aufwecken!« Lautlos schloß sich die Tür wieder.

In der Stube war's eine Weile still; dann schalt Vroni mit kaum vernehmbarem Gelispel: »Da hast es jetzt! Daß den Vater noch um sein' guten Schlaf bringst! Mit dem da drunt!« Es pumperte auf dem Stubenboden. So unwillig hatte Vroni sich auf die Seite geworfen.

Ein paar schweigsame Minuten vergingen; dann zischelte Mathes: »Vroni!« Keine Antwort kam. Aber Mathes ~mußte~ ihr das noch sagen: »Heut hab ich 's Linerl gsehen.«

»Dös hätt dir dein Schutzengel sparen können!«

Nun lagen sie stumm, jedes mit seiner nagenden Qual im Herzen. Aber die schwere Arbeit des Tages hatte sie zu müd gemacht, als daß sich der Schlummer von ihren Augen hätte verscheuchen lassen.

Draußen fuhr der kalte Nachtwind mit eintönigem Rascheln durch das welke Laub der Apfelbäume und über die Mauern. Tiefe Finsternis war um das kleine Haus. In so dichter Menge deckten die Wolken schon den Himmel, daß der Mond mit keinem Zwielichtschein die schwere Fülle des Gewölks durchdringen konnte.

In der schwermütigen, nur vom Wehen des Windes unterbrochenen Nachtstille ließ sich ein Geräusch vernehmen: das Kollern eines Steines. Dann bei der Böschung ein Rutschen, ein Knacken von Ästen und ein Geklapper, als wäre Blech auf Holz gefallen.

»Sakra! Die Trompeten!« Ein schwarzer Klumpen, der tastende Arme zu haben schien, bewegte sich auf der Erde hin und her. »Ah, da liegt s' ja!« Jetzt wieder Stille. Nach einer Weile konnte man schleichende Tritte hören. Ein dicker, schwarzer Strich, der drei graue Flecke (ein Gesicht und zwei Hände) an sich hatte, bewegte sich von einem Baumstamm zum andern, scharf in der Richtung gegen ein kleines Kammerfenster. Es war eine Arbeit: in solchem Dunkel das Fenster lautlos zu erreichen. Schorschl atmete erleichtert auf, als er bei der Mauer stand. Er schien die Absicht zu haben, hier längere Zeit zu rasten, richtete sich häuslich ein, trug eine Holzkufe, an die er mit den Knien angerumpelt war, dicht neben das Fenster, stülpte sie um, ließ sich bequem darauf nieder und legte die Trompete hinter sich. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt, im Schoß die Daumen drehend, wartete er, um der Ruhe im Hause völlig sicher zu sein. Endlich nahm er sich das Herz und klopfte ans Fenster, ganz leise. In der Kammer rührte sich nichts. Er klopfte wieder, ein drittes und viertes Mal. »Herrgott! Hat dö an Schlaf!«

Wieder, wie damals bei jenem ersten Besuch, wollte Schorschl das Fenster ein wenig aus dem Rahmen drücken, um durch die Fuge hineinzuflüstern. »Vronerl? Hörst mich net?« Nein, sie hörte nicht. Er drückte fester. Da gab der Fensterflügel nach und legte sich klirrend einwärts gegen die Mauer. Im ersten Augenblick erschrak Schorschl. Dann kicherte seine vergnügte Seele: »Jetzt muß sie's aber doch ghört haben!« Er lauschte. Richtig! Aus der Tiefe der Kammer hörte er ein mattes, unbestimmbares Geräusch. Sehen konnte er nichts. Das Innere des Stübchens lag wie eine schwarze Grube vor ihm. Aber er wußte: dort hinten in der Ecke stand das Bett. Genau aus dieser Richtung ließ das Geräusch sich vernehmen. Ein bißchen wunderlich war es anzuhören, fast komisch: als hätte das Mädel einen Leintuchzipfel in der Hand und klopfte damit gleichmäßig und sacht auf das Kissen.

»Vronerl!« flüsterte Schorschl mit seiner zärtlichsten Stimme. »Geh, komm a bißl her ans Fenster! Ich muß dir ebbes sagen. Mein Herz, mein Glück und mein Leben hängt dran. Schau, ich will nix Unrechts net haben! Bloß a guts Wörtl sollst mir sagen, dös mir zum Bravsein den richtigen Mut macht. Geh, Vronerl, komm her!«

Vronerl kam nicht. Wohl schwieg jetzt das merkwürdige Klopfen. Dafür schien die stumme Widerspenstige auf einen anderen Zeitvertreib geraten zu sein: sie zupfte mit den Nägeln am Leintuch.

»Vronerl! Schau, sei gscheid! Komm her a bißl!«

Vroni mußte das Gesicht in die Polster gedrückt haben, um ihr Kichern zu ersticken. So vermutete Schorschl. Anders konnte er sich dieses neue, sonderbare Geräusch nicht deuten: es hatte eine entfernte Ähnlichkeit mit jenem Kudern, das ein Hündchen oder ein anderes Tier verursacht, wenn es sein Fell schüttelt.

»Aber Vroni! Geh! Auslachen mußt mich net! Schau, mir is blutig ernst!« Seine Stimme zitterte. »Gwiß wahr, Vronerl, dein Wörtl von selbigsmal: ›Du bist a Lump!‹, dös hat mich packt, wie der Teufel die arme Seel!«

Er war im Zug und redete weiter mit sprudelndem Geflüster. Alle Gedanken der letzten Tage schilderte er mit offenherziger Wahrheit; beichtete seine Schulden, aber auch seine guten und ehrlichen Vorsätze; in zärtlichem Gestammel bekannte er der schweigsam Lauschenden, wie es in ihm aufgedämmert wäre, daß er sie liebhätte. »Schau, Vronerl, ich weiß, daß ich dich heut noch net wert bin! Und ehrlich, 's Bravsein wird mir hart. Aber ~du~ kunntst mein Schutzengel sein. Wann ~du~ mir a bißl Hoffnung geben tätst, dös kunnt an andern aus mir machen! An ~ganz~ andern! Und kein' Schlechten net! Schau, tu mich a bißl aufrichten! Geh, Vronerl, gib mir d' Hand!«

Schorschl lauschte. Aus der finsteren Kammer ließ sich kein Laut vernehmen. Glühend stieg ihm das Blut zu Kopf. »Vroni! Wann d' ~jetzt~ kein Wörtl net findst, nacher rührt sich nix in dir für'n Schorschl!« Da hörte er jenes merkwürdige Klopfen wieder. »Du! Mach dich net lustig über mich!« Er dämpfte die lautgewordene Stimme. »Geh, Vronerl, komm her!« Seine Stimme hob sich wieder. »Wann net herkommst auf der Stell, meiner Seel, so spring ich eini!« Er machte auch gleich den Versuch, diese Drohung auszuführen, stieß aber mit der Stirne recht unsanft an eine Eisenstange des Gitters. Zur Mehrung seines Ingrimmes mußte er sich auch noch erinnern, daß er selbst vor einigen Jahren dieses verwünschte Fenstergitter geschmiedet hatte. »Natürlich! Dös hat man von der guten Arbeit!« Er faßte die Stange und rüttelte. »Vroni! Spiel dich net z'lang mit mir! Oder ich geh! Und mit'm Schorschl is aus und gar! Und ~du~ hast ihn auf'm Gwissen!«

Keine Antwort.

»Recht so! Is schon gut!« Schorschl tappte nach seiner Trompete. »Mich siehst nimmer im Leben! Pfüet dich Gott!« Da hielt es ihn wieder fest. Er meinte in der Kammer einen leisen Klapp gehört zu haben, als wäre jemand mit nackten Füßen auf die Dielen gesprungen. »Sie kommt!« Und weil er im gleichen Augenblick hinter dem zweiten, noch geschlossenen Fensterflügel etwas Weißgraues über dem Fensterbrett erscheinen sah, sprang er flink zur Mauer zurück, »Vronerl!« jauchzte er in erstickter Freude. Hurtig griff seine Hand in das Fenster, um zu haschen, was er für den weißen Ellbogen des Mädels hielt.

»Himmel sakra!«

Mit diesem erschrockenen Ausruf, der ihm zugleich als Schmerzensschrei diente, zog er die übel zugerichtete Hand wieder zurück. Eine Weile stand er sprachlos, bis es in Zorn aus ihm herausbrach: »Nobel! Dös muß ich sagen! Da schau her!« Er streckte die zerkratzte Hand gegen das Fenster. »'s Blut lauft mir über d' Finger. Wie du, so kratzt net einmal die wildeste Holzkatz.«

»Miaaau!« klang es aus der Tiefe der finsteren Kammer.

Dieser Spott war mehr, als Schorschl ertragen konnte. »Pfüet dich Gott, du! Morgen kannst mich suchen lassen im tiefsten Graben!« Jetzt brauchte er kein Geräusch mehr zu scheuen. Mit plumpsenden Schritten stolperte er über den Hof gegen die Böschung. Als er droben auf der Wiese stand, blickte er zurück nach dem stillen Haus und lachte wütend vor sich hin. »Ins Wasser springen? Wegen ~so~ einer! Ah na! Jetzt bleib ich erst recht am Leben! Grad mit Fleiß! Und so was von lumpen, wie ich ~jetzt~ anfang, so was hat's noch nie net geben! Und anschauen soll sie's müssen! Und soll sich sagen müssen alle Tag: ›Den hab ich auf'm Gwissen!‹« Damit sie auch gleich wüßte, welch einen edlen Vorsatz er in seinem Rachedurst gefaßt hätte, setzte er die Trompete an den Mund und blies in die schwarze Nacht hinaus:

»O du lieber Augustin, 's Geld is hin, Alls is hin! Hätt ich nur 's Mensch beim Kragen, Wollt ich noch gar nichts sagen --«

Mit einem grellen Mißton brach die Weise ab.

»Was? So an Wunsch sollt ich noch haben? Ah na! Da muß ich ihr schon was anders blasen!«

Wieder setzte er die Trompete an. Schmetternd klang es durch die Finsternis:

»Der Graf von Luxemburg Hat all sein Geld verjuckt juckt juckt, Der Graf von Luxemburg Hat all sein Geld verjuckt! Hat hunderttausend Ta-aler In einer Nacht verjuckt juckt juckt, Der Graf von Luxemburg Hat all sein Geld verjuckt! Tütüüüh!«

Das war das schönste hohe +C+, welches Schorschl noch je geblasen hatte. »So! Und jetzt kann meintwegen alles hin sein!« Mit grimmigem Schwung schleuderte er die Trompete in die Nacht hinaus. Sie flog so weit, daß er sie gar nicht fallen hörte. Aber etwas anderes vernahm er: das Klirren eines Fensters und Mutter Katherls erregte Stimme: »So was is aber doch a bißl gar z'arg! Müde Leut aus der Ruh aufschrecken! Du Tagdieb, du gottsträflicher!«

»Tagdieb? Was, Tagdieb!« schrie Schorschl mit zornigem Lachen zurück. »Es is ja net Tag, es is ja Nacht! Und dein Katzerl kann dir von eim andern gstohlen werden! Vor ~mir~ hat's Ruh!« Die Fäuste in die Hosentaschen bohrend, stürmte er über die Wiesen hinauf, ohne sich weiter um die zweifelhaften Schmeicheleien zu kümmern, welche Mutter Katherl und der aus seinem Schlummer aufgestörte Simmerauer hinter ihm herriefen.

Wohin er wollte, wußte er selber nicht; er stolperte immer bergauf, bis er kopfüber in eine Erdschrunde des laufenden Berges purzelte. Das brachte ihn zu klarer Besinnung, und nach dem verrauchten Zorn befiel ihn eine namenlose Traurigkeit. Dazu schmerzten ihn alle Glieder von dem harten Fall. Mühsam schleppte er sich weiter bis zum Purtschellerwald. Hier wußte er eine Holzerhütte. Bei solcher Finsternis war sie schwer zu finden. Es setzte Püffe und Beulen an Ellbogen und Knien, bis er endlich unter dem niederen Rindendach geborgen war. Seufzend streckte er sich auf die harte Holzpritsche nieder und verschlang die Hände unter dem Nacken. Alle paar Minuten hörte er ein dumpfes Krachen im Wald. Dabei hatte er den christlichen Gedanken: »Wenn nur der Berg heut nacht den ganzen Wald einschlucken möcht! Und mich als Pfefferkörndl auf'm Butterbrot!«