Der laufende Berg

Part 10

Chapter 103,825 wordsPublic domain

Schweigend nahm Karlin das Kind auf ihre Arme, schmiegte das vor Schluchzen zuckende Köpfl an ihre Brust und verließ die Stube.

»So!« sagte Purtscheller und schob sich hinter den Tisch. »Fangen wir gleich an. In Gschäftssachen hab ich 's lange Rumreden net gern. Wer sein Sach versteht, macht kurze Wörtln.« Er steckte die Serviette vor die Brust und füllte seinen Teller mit Suppe. »Mögen S' mitessen, Rufel?«

»Ich dank schön, Herr Purtscheller, ich eß nix.«

»Ah, richtig, Sö dürfen nur aus Ihre koschern Haferln schlecken!« Purtscheller lachte. »Hören S', Rufel, so was sollt im neunzehnten Jahrhundert doch an überwundener Standpunkt sein. Aber a Glaserl Wein?«

»Ich dank schön, Herr Purtscheller, ich trink nix.«

»So lassen Sie's bleiben!« Purtscheller leerte das Glas und begann zu essen. »Also! Daß wir zum Gschäft kommen! Ich will Ihnen was verdienen lassen.«

Rufel verbeugte sich, daß sein Kinn die auf dem Hakenstock ruhenden Hände berührte. »Soll mir e Vergnügen sein, wenn e Geschäft sich machen läßt.«

»Was der Berg da droben für Sachen aufführt, dös werden S' ja ghört haben?«

»Hab ich gehört und gesehen! Daß Gott erbarm! Die armen Leut da droben!«

»Ja! A Jammer! Und mein schöner Wald schaut aus, daß mir 's Herz bluten möcht. A paar hundert Stämm hat's mir schon gworfen. Und wann ich net im Fruhjahr noch mehr verlieren will, muß man den ganzen Wald im Winter abtreiben. Drum hab ich Ihnen kommen lassen. Wissen S' mir kein' Holzhändler, der dös ganze Gschicht bei Butz und Stingel übernimmt und 's Geld auf'n Tisch zahlt? Sechzgtausend Mark kann einer leicht geben für so an Prachtwald. Die schlagt er aussi ohne Müh und hat noch sein' fetten Profit dabei. Also? Wissen S' mir net so an Kerl? Fünf Perzent kriegen S' Provision.«

Rufel schwieg.

»No also? Reden S'!«

»Zwei Perzent bin ich gewöhnt bei en ehrlichen Vermittlungsgeschäft. Nu wollen Se mir geben fünfe. Hätt ich dreitausend Mark von der Sach! Wär e schöns Geld für den alten Rufel. Nur schad! Die Sach wird sich nix machen lassen.«

Purtscheller schien nach diesem Einwand das höfliche ›Sie‹ für überflüssig zu halten. »Du alter Narr du! Warum denn net?«

»Alt bin ich«, sagte Rufel in Ruhe, »aber nix e Narr, sondern e vernünftiger Mensch, der Augen im Kopf hat und weiß, was e Geschäft is.«

»No also, warum soll sich denn so a Gschäft net machen lassen?«

»Weil sich nix e Holzhändler wird finden, der für e so en Wald sechzigtausend Mark gibt.«

»Ah, was d' net sagst!« Lachend leerte Purtscheller das Glas und füllte es wieder. »Da bin ich neugierig! Also? Wieviel meinst, daß einer geben möcht?«

»Für e funfzehntausend trau ich mir das Geschäft zu machen.«

Purtscheller wollte aufbrausen. Da kam die Magd mit der Bratenschüssel. Und bei der Musterung des duftenden Gerichtes verrauchte Purtschellers Ärger. Als die Magd wieder gegangen war, sagte er lachend: »Weißt, mein Lieber, da red ich gleich gar nimmer weiter. Wann du dös Gschäft net machst, so macht's an andrer.«

»Gott soll Ihnen so en andern finden helfen!«

»Und net an Knopf laß ich nach. Meine sechzgtausend Mark muß ich haben. Ich brauch s'!«

»Sechzigtausend brauchen Se?« fragte Rufel halb lächelnd und halb erschrocken. »Hab ich doch geglaubt, Se brauchen nur achtundvierzig?«

Purtscheller wurde rot über das ganze Gesicht; doch er spielte den Verwunderten. »Wieso?«

»Nu! Weil Se doch müssen löschen an Neujahr die Hypothek vom Schloßbräu.«

»Ja Herrgottsakra!« Purtscheller warf Gabel und Messer vor sich hin, daß von seinem Teller die Bratensoße über das Tischtuch spritzte. »Hat er sein' Bubenstreich schon austrommelt in der ganzen Gegend? In Verruf möcht er mich vielleicht auch noch bringen? Nach der Bosheit, die er mir antan hat aus lauter Wut, weil mein Bräunl sein' Schimmel gschlagen hat.«

»Regen Se sich nix auf, Herr Purtscheller! Und reden Se, bitt ich, nix so laut! Ihre gute Frau da drunt und die Dienstleut brauchen nix zu hören, was für e Dischkurs wir haben. Und betrachten Se gefälligst, bitt ich, die Sach mit en ruhigen Aug. Der Schloßbräu hat Ihnen die Hypothek nix gekündigt aus Bosheit. Er hat se gekündigt aus Angst, weil er sein Geld zu verlieren fürcht.«

»Angst? Ah, da schau! Dös wär ja ~noch~ schöner!« Purtscheller schien sich wirklich nicht mehr aufzuregen. Er setzte Gabel, Messer und Zähne wieder in Bewegung und sagte mit Gemütsruhe: »Geh, zieh dein Schmierkappl aus'm Sack und fahr ab! Wir zwei haben ausgredt.«

Rufel lächelte und blieb sitzen. Nach einer stummen Weile sagte er mit seiner sanftesten Stimme: »Die Hypothek müssen Se löschen an Neujahr. Also müssen Se das Geld auftreiben. Und wenn Se von mir gefälligst anhören wollen e gut gemeints Wörtl, so versprech ich Ihnen, daß ich das Geld beschaffen will.«

»Aaah! Pfeifst jetzt aus an andern Klarinettl? Weil d' merkst, daß deine Schreckschüß net verfangen bei mir? Also! Red!«

»Sie brauchen zum Löschen, die Kosten eingerechnet, funfzigtausend Mark. Warum also wollen Se sechzig? ~Noch~ zehne auf den Hof laden?«

»Weil ich Verbesserungen einführen will in der Wirtschaft.« Purtscheller schwang die Gabel mit großer Armbewegung durch die Luft. »Mein Hof kunnt um d' Hälfte mehr tragen als die letzten Jahr!«

»Da haben Se recht.«

»Der alte Schlendrian muß aufhören.«

»Da haben Se wieder recht. Freut mich, daß Se das einsehen.«

»Wann der Bauer net den Fortschritt mitmacht, is er gliefert. Er muß sich halt auch a bißl nach der neuen Zeit richten.«

Rufel sah den Großsprecher mit enttäuschten Augen an. »Ach so? Hab gedacht, daß Se das schöne Wörtl vom Schlendrian anders meinen.« Er schnitt eine schmerzliche Grimasse. »Und lassen Se mich, bitt ich, mit der neuen Zeit in Ruh! Wirtschaften Se lieber, wie Ihr Vater, Gott soll ihn selig haben, gewirtschaftet hat, und alles wird gut sein!«

»Mein Vater? So? Wer hat denn die Hypothek auffidruckt auf'n Hof?« Kaum hatte Purtscheller das gesagt, als er zu merken schien, daß er mit diesem Wort an die falsche Adresse geraten war. Er brummte was vor sich hin und nahm ein Stück Braten aus der Schüssel. Dann hob er verlegen die Augen. Was der stumme Blick des alten Mannes zu ihm redete, trieb ihm das Blut ins Gesicht. »No ja!« Er stieß den Teller von sich, als wäre ihm der Appetit vergangen. »Reden wir lieber vom Gschäft.«

»Gut! Reden wir vom Geschäft. Und lassen Se mich jetzt in Ruh e bißl sagen, wie ich es mein'!«

»No also, reden S' halt!« Purtscheller erhob sich, grub die Hände in die Hosentaschen, trat zu einem der Fenster und starrte verdrießlich durch die von rotem Weinlaub umzitterten Scheiben hinaus.

»Das Geld brauchen Se! Aber denken Se dabei nix an den armen Wald da droben! Für den kriegen Se, wie heut die Sachen stehn, keine zwanzigtausend mehr.«

»Daß ich net lach!«

»Wer den Wald heut kaufen soll, schaut sich nur zur Hälft den Wald, zur anderen Hälft den meschuggenen Berg an. Was heut noch steht? Wer sagt ihm, daß es morgen noch stehen wird? Vor dem Winter, eh nix der Boden gefroren is, kann er nix anfangen zu schlagen. Bis zum Frühjahr kann er das ganze Holz nix herunterbringen ins Tal. Und da liegt nu das geschlagene Holz auf dem laufenden Boden. Wo steht's geschrieben und protokolliert, daß im Frühjahr, wenn Gott behüt de großen Wasser kommen, der laufende Boden nix einschluckt die schönen Stämm und die fertigen Klaftern?«

Purtscheller drehte sich vom Fenster und warf die Jacke von der Brust zurück, als wäre ihm heiß geworden. »Jetzt hab ich's aber gnug! Möchtest mir den Wald gern abdrucken um an Pappenstiel? Da brennen S' Ihnen, mein verehrter Herr Jud! Ich brauch kein' Holzhandler nimmer. Jetzt treib ich den Wald selber ab. Bloß daß ich beweisen kann, wieviel einer aus dem Wald noch aussibringt.«

Stolpernde Schritte kamen über die Treppe herauf. In die Stube trat ein alter Knecht, atemlos, das Gesicht mit Schweiß bedeckt. »Herr Purtscheller!«

»Um Gotts willen, was is denn?«

»Im Wald bin ich droben gwesen. D' Frau hat mich gschickt, a bißl nachschauen. Und schlecht schaut's aus. Schlecht, Herr! A paar Tagwerk Holz sind ins Laufen kommen. Ich schätz auf tausend Klafter, was der Boden im Nachrutschen zudeckt hat.«

Fahle Blässe rann über Purtschellers Gesicht. So stand er ein paar Sekunden ratlos. Dann schoß ihm das Blut in die Stirn, und mit aufbrausendem Zorn, als wäre der Bote an dem Unglück schuld, fuhr er auf den Knecht los und schrie ihn an: »Du Täpp, du gottverlorener! Wie kannst mir denn ~jetzt~ grad ins Haus fallen? Mit so einer Nachricht!«

»Aber Herr?«

»Naus, sag ich! Mein' Fried will ich haben!« Und als der Knecht erschrocken über die Schwelle zurückwich, packte Purtscheller die Tür und warf sie ins Schloß. »Alles kommt über mich! Alles! Alles!« Da war ihm nun plötzlich das Weinen näher als das Schelten. Zitternd an allen Gliedern ging er zu einem Lehnstuhl und ließ sich in die Polster fallen.

Rufel hatte sich erhoben. Zögernd schlich er gegen den Lehnstuhl und räusperte sich.

Purtscheller blickte auf. »Du? So? Du bist noch allweil da?«

»E harter Schlag, mein lieber Herr Purtscheller, der Sie da getroffen hat! Aber er soll nix ändern an dem, was ich Ihnen hab sagen wollen. Und nu erlauben Se gefälligst, daß ich Ihnen meinen Rat --«

»Ich brauch kein' Rat! Von gar keim Menschen net.« Purtscheller sprang auf. »Und wann alles über mich kommt, der Berg, der Schloßbräu und die ganze knoflige Judenschaft! Der Purtscheller macht an Ruck. Und grad steht er da, daß ihm keiner net ankann!«

Rufel verlor die Ruhe nicht. »Ja, Herr Purtscheller, machen Se den Ruck! Und lassen Se den Knofel in Fried! Knofel is en unschuldig Gewächs. Hören Se lieber an, was ich Ihnen sagen will.« Geduldig ging er Tritt um Tritt hinter Purtscheller her, der in kochendem Zorn durch die Stube wanderte. »Ich verschaff Ihnen die funfzigtausend zu ehrlichen Zinsen, damit Se löschen können die Hypothek. Und was Se sonst noch schuldig sind, soll bezahlt werden. Aber den armen Wald da droben wollen wir lassen in Ruh. Was an Holz schon liegt, machen wir im Winter zu Geld und tragen e schöns Bröckl ab von der Hypothek. Was aber droben stehenbleibt, wollen wir lassen stehen. So schneiden Se nix ins Fleisch Ihr Kind und Ihre Kindeskinder. Die brauchen auch noch e bißl e Holz. Und nu passen Se emal auf! Aber, bitt ich, schreien Se nix gleich wieder e so! De Leut, von denen ich will beschaffen das Geld, verlangen e Sicherheit, daß der Hof, solang se drauf liegen haben ihr Hypothek, nix wird entwertet, und daß de Zinsen werden in der Ordnung bezahlt, nix e so, wie die letzten Jahr her, wo der Herr Schloßbräu gehabt hat en Verdruß um den andern -- verzeihen Se gefälligst!«

»No ja! A bißl Stockung kann überall eintreten!«

»E Stockung kann eintreten. Da haben Se recht. Aber so e Stockung kann auch werden vermieden. Und nu weiß ich, Se sennen e feiner und vornehmer Mann, Herr Purtscheller!« Rufel lächelte zufrieden, als er die Wirkung dieses Komplimentes gewahrte. »Und so e feiner Mann kann sich nix abgeben mit der groben Bauernarbeit und soll lassen schwitzen de andern.«

»'s erste gscheide Wörtl, dös ich hör!« sagte Purtscheller besänftigt.

»Nu also! Und da können Se doch nix einwenden, wenn ich sag: ich will en tüchtigen, verläßlichen Menschen besorgen, dem Se die Wirtschaft vertrauensvoll übergeben können.«

»Was! Soll ich mich gleich gar unter Kuratel stellen lassen?«

»Hab ich e Wörtl gesagt von Kuratel? Wir machen bei en Notar en stillen Vertrag unter uns, und ich hab das Vertrauen zu Ihnen, daß Se den halten. Se sennen e feiner, vornehmer Mann!«

»Ja, Rufel! Mein Wort is Eisen. Da gibt's nix! Und ganz offen: an so was hab ich selber schon denkt. Den Simmerauer-Mathes hätt ich gern ghabt.«

»Den Mathes?« Rufel kam in sprudelnden Eifer. »Herr Purtscheller! Da haben Se gehabt de feinste Idee, was man kann haben! Der Mathes is e Mensch wie Gold. Den halten Se fest! Lassen Se den Mathes nimmer aus! Der Mathes, sag ich Ihnen, wenn er gebracht hat de Wirtschaft e bißelche in Ordnung, bringt heraus aus dem schönen Hof unsere funfzehntausend Mark e Jahr!«

»Mehr, sag ich!«

»Sagen wir funfzehn! Is eh schon genug. Und nu denken Se emal de schöne Rechnung: mit siebentausend Mark bezahlen wir die Zinsen und amortisieren alle Jahr e Bröckelche vom Kapital. Da sennen Se fertig in zehn, zwölf Jahr! Und wenn Se emal hinaufkommen in Ihren christlichen Himmel, können Se sagen zu Ihrem guten Vater: ›Vaterleben‹, können Se sagen, ›ich hab hinterlassen meinem Sohn en schuldenfreien Hof, wie ich ihn hab übernommen von dir!‹ Das können Se sagen! Und dabei haben Se gehabt das schönste Leben. Achttausend Mark e Jahr!«

Die Rührung, von welcher Purtscheller angeflogen schien, war beim Klang dieser Ziffer verschwunden. »Mensch! Was fallt dir denn ein? Wie soll denn ich mit achttausend Mark auskommen?«

»Mit achttausend Mark werden Se haben e Leben wie e Fürst! Und wollen Se nu gar leben wie e Kenich, so geben Se das Geld in die Hand Ihrer guten Frau! Die wird noch ersparen dabei.«

»So a Siemandl soll ich abgeben? Ah na, mein Lieber!«

»Herr Purtscheller! Se sennen nicht nur e feiner und e vornehmer Mann, Se sennen auch e ~gescheider~ Mann!« Rufel haschte Purtschellers Hand und streichelte sie. »Und nu beweisen Se das emal, daß die Leut vor Staunen sollen Augen machen wie Wagenräder e so groß! Zeigen Se emal: ›E so e Mann bin ich!‹ ~Machen~ Se den Ruck, den Se mer haben versprochen als e Mann von Wort! Mit achttausend Mark können Se leben wie e Kenich, hab ich gesagt. Und wie e Kaiser können Se leben, wenn Se wollen e bißl abstoßen von sich de unnötigen Geldfresser. Wozu brauchen Se zum Exempel e Jagd? Was rennen Se da umenander auf die steilen Berg, wo man sich kann brechen Hals und Füß? Bleiben Se lieber daheim bei Ihrer guten Frau, die Se liebhat und Ihnen machen wird e schöns Leben. Und wozu wollen Se erschießen die unschuldigen Tier? Lassen Se de armen Viecher ihr bißl Leben! Schießen Se lieber auf die geduldige Scheib! Scheibenschießen is e Vergnügen, was sich paßt für so en feinen und en vornehmen Mann!«

Purtscheller lachte.

»Nu ja, lachen Se! Lachen im Haus is e schöne, gesunde Sach. Draußen auf der Jagd ruinieren Se sich die kostbare Gesundheit. Und so e Jagd hat e Maul wie e Walfisch und frißt alle Tag en Haufen Geld, wie e Pferd den Hafer.«

»Ja, Rufel, da haben S' recht! Es is mir selber schon oft z'viel worden. Kein Tag vergeht ohne Ärger, und 's Ärgern tut mir net gut. Ja, Rufel, da haben S' mein' Handschlag! D' Jagd gib ich auf.«

»Herr Purtscheller, Se sennen e Prachtkerl!« In Freude umklammerte Rufel mit seinen dürren Fingern die Hand Purtschellers. »Da haben Se gemacht en festen Ruck! En großen Ruck! Und wenn Se machen wollen noch e ~größern~ -- schauen Se an, Herr Purtscheller, wozu brauchen Se zu halten e Rennpferd?«

Purtscheller, der lachend nach dem Wein gegriffen hatte, stellte das Glas wieder fort und wandte das Gesicht über die Schulter.

»Is e Sach, was Ihnen kostet e Heidengeld. Statt daß Se müssen bezahlen, können Se verdienen. Und wenn Se gleich haben wollen e schön Stück Geld auf die Hand, so verkaufen Se den Bräunl! Ich kann Ihnen machen e feins Gebot. Vor acht Tag hat mir gesagt der Schloßbräu, daß er für den Bräunl geben möcht viertausend Mark. Greifen Se zu, Herr Purtscheller! Und Se können wie e feiner Mann bezahlen de rückständigen Hypothekzinsen und de Feuerversicherung und de unschönen Spielschulden beim Wirt, was sich nix passen für so en vornehmen und feinen --« Erschrocken verstummte Rufel.

In aufflammendem Jähzorn hatte Purtscheller die Weinflasche gepackt und schlug sie gegen die Tischkante, daß die Scherben umherflogen und der Wein über Tisch und Diele rann. »Du Gauner, du gottverdammter! Jetzt kenn ich mich aus!« Er lachte in seinem Zorn. »So also is dö ganze Komödi gmeint? Du und der Schloßbräu mitanand?«

»Erlauben Se gefälligst«, stammelte Rufel, »wie können Se glauben --«

»In d' Hand möchts mich kriegen«, schrie Purtscheller, »und binden möchts mich am ganzen Leib, daß ich mir den Bräunl müßt abdrucken lassen um so a Schandgeld!«

»Gott der Gerechte!« Rufel wehrte mit beiden Händen. »Ich hab's ehrlich gemeint, aber ich will nix gesagt haben! In Gottes Namen, behalten Se das Roß!«

»Net um zehntausend Mark gib ich den Bräunl her!«

»Ja, ja, ja! Behalten Se das Roß! Fahren Se mit dem Roß spazieren bis zu hundert Jahr! Ich bin zufrieden, wenn Se de Jagd --«

»'s Maul halt, sag ich! Gelt, jetzt fahrt dir d' Angst in d' Nasen, weil ich so gscheid bin, daß ich hinter dein' ganzen Schwindel schau! Naus mit dir!«

»Aber Herr Purtscheller! So hören Se doch e vernünftig Wörtl. So e feiner und vornehmer --«

»Ja! A bißl ~gar~ z'fein für so ein' wie ~du~ einer bist!«

»Um Ihrer selbst willen und Ihrer guten Frau zulieb beschwör ich Ihnen --«

»Naus, sag ich, oder ich vergreif mich an dir, du Saujud, du miserabliger!«

Dunkle Röte schoß über das hagere Gesicht des Alten, und seine Stimme zitterte. »Beleidigen Se, bitt ich, den alten Rufel nix! Ich bin nix e Saujud. Ich bin e Jud. Ohne was dabei. Is heutigentags eh schon Unglück genug.«

»Naus! Naus zur Tür!«

»Ich bleib, Herr Purtscheller! Und will Ihnen wiederholen in aller Güt --«

»Daß ich mir vom Schloßbräu und dir 's Krawattl soll zuschnüren lassen, gelt? Gehst jetzt oder net? Kerl, ich bin imstand und schieß dich nieder auf der Stell!« Keuchend riß Purtscheller seine Büchse vom Gewehrrechen.

Das zu sehen, ging über Rufels guten Willen. Mit einem Sprung, daß seine Rockschöße flatterten, war er bei der Tür, mit dem nächsten draußen im Flur. Während er die Treppe hinunterstolperte, hörte er hinter sich einen Fluch und spürte einen Schlag auf dem Rücken. Purtscheller hatte ihm den Hakenstock nachgeschleudert. Taumelnd hob Rufel den Stecken auf. Als er seinen Zwerchsack unter der Treppe hervorgerissen hatte und zur Haustür kam, trat ihm Karlin entgegen, bleich und zitternd. »Rufel?«

»Verzeihen Se, meine liebe gute Frau!« Rufel vermochte kaum zu sprechen. »Verzeihen Se, aber mit Ihrem Mann is nix zu reden! E Mensch, der die Leut erschießen will, die's ihm gut meinen? Dem is nix zu helfen. Der Rufel bedankt sich schön. Mit e Schießgewehr is nix e Spaß zu machen.« Scheu blickte er über die Treppe hinauf. »Aber nehmen Se noch en Rat vom Rufel! Sehen Se zu mit aller Gewalt, daß Se bekommen das Regiment in Ihre Hand! Oder Ihr schönes Haus fangt zu laufen an, wie da droben der meschuggene Berg, und lauft bis hinunter ins Wasser. Ihnen zulieb, meine gute Frau, Ihnen zulieb will ich --« Da hörte er droben im Flur die Schritte Purtschellers und sprang erschrocken zur Haustür hinaus.

»Rufel!« stammelte Karlin und wollte ihn zurückhalten.

Ohne das Gesicht zu wenden, eilte Rufel durch den Garten. Als er von der Steintreppe auf die Straße sprang, warf er in seiner blinden Hast ein kleines Mädel zu Boden, das einen irdenen Topf zwischen den Händen trug. »Nix für ungut, Kinderl!« stotterte Rufel und rannte davon.

Vor der Haustür stand Karlin und sah ihm mit nassen Augen nach. Tonerl hatte sich an ihre Schürze gehängt. Zitternd preßte sie das Kind an ihren Schoß. Da kam der Altknecht von den Ställen gelaufen. »Frau Purtschellerin!«

Sie hörte kaum. »Was?«

»Ich trau mir's schier gar net sagen.«

Langsam blickte sie auf und strich die Zaushärchen hinters Ohr. »Was bringst?«

»Mit dem Bräunl is ebbes passiert.«

»Jesus Maria!«

Im gleichen Augenblick trat Purtscheller aus der Haustür, für die Jagd gekleidet, mit der Büchse auf dem Rücken. Er sah die beiden beisammen stehen, verzagt und wortlos. »Was gibt's denn da?« Er bekam keine Antwort. Und Karlin schob den Knaben hinter sich, als hätte sie Angst für ihn. »No? Was is denn? Krieg ich bald Antwort oder net? Ich leid keine Tuschlereien im Haus. Von meiner Frau net und noch viel weniger von eim Dienstboten!«

Da sagte es ihm der Knecht kurz und grob. »Den Bräunl hat der Schlag troffen. Im Stall liegt er.«

Purtscheller erbleichte und tastete mit der Hand nach einer Stütze.

»Toni! Toni!«

Er schob den Arm seiner Frau zurück. »Ah na! So was gibt's net!« lallte er und rannte zum Wirtschaftshof. Keuchend stellte er die Büchse an die Mauer und trat in den Stall. Da lag das schöne Tier auf dem Stroh, regungslos, mit eingekrampften Beinen. In einem Winkel stand Zäzil wispernd mit zwei Knechten beisammen. Purtschellers Gesicht verzerrte sich. »Den hat mir der Jud verwunschen!« Dann schoß ihm das Wasser in die Augen. »Bräunl! Mein Herzbinkerl!« Er warf sich auf die Knie und versuchte den Kopf des Pferdes emporzuheben. Der Hals des Tieres war starr, und ein grauer Schleier lag über den Augen, die am Morgen noch feurig geblickt hatten.

In seinem hilflosen Kummer fing Purtscheller zu weinen an wie ein Kind.

Die Tür verfinsterte sich. Karlin war auf die Schwelle getreten, mit ihrem Knaben an der Hand.

Purtscheller richtete sich auf. Das Gesicht mit den Händen bedeckend, lehnte er sich schluchzend an den Barren.

»Mammi?« fragte Tonerl. »Tut 's Rösserl schlafen?«

»Ja, mein Herzl!« flüsterte Karlin mit versagender Stimme. Dann ging sie zu ihrem Mann, legte ihm den Arm um die Schultern und bat: »Geh, komm mit eini ins Haus! Dös kann ich gar net anschauen, daß dich unsere Leut so sehen müssen. Toni! Geh, komm, laß dich einiführen ins Haus!«

Er schob sie von sich. Während ihm die Tränen über die Wangen kollerten, deutete er auf das verendete Pferd. »So meint's der Himmel mit ~mir~! Alles kommt über mich. Und 's Liebste muß ich hergeben. 's Allerliebste, was ich hab!«

Sie sah ihn erschrocken an. »Toni! Tu dich net versündigen!« In verstörter Hast hob sie den Knaben vom Boden auf und hielt ihn dem Vater hin. »Toni!« Tränen erstickten ihre Stimme. »Geh, nimm dein Kindl! 's Allerliebste, was d' haben kannst! Schau, Toni, wie's dich anlacht und d' Armerln streckt! Geh, Toni, nimm dein Kind!«

»Ja, is schon recht!« Purtscheller fuhr mit der Faust über die Augen. »Mach mir vor die Leut kei' so Komödi her!«

»Toni!«

Reizte ihn der schmerzliche Vorwurf, der aus diesem Worte klang? Oder wurde der erst halb ausgekochte Jähzorn wieder lebendig in ihm? »In Ruh laß mich!« schrie er. »Heut vertrag ich nix. Oder ich kunnt dir ebbes sagen, dir, was mich reut!«

Karlin wollte schweigend den Stall verlassen; aber Tonerl streckte zappelnd die Händchen: »Vaterl! Bitti, laß mi Rösseli reiten!«

»Ja! Schnecken! Da is ausgritten. Gut schaut's aus im Purtschellerhof! Alles krepiert. Alles geht z'grund umanand. Aber recht gschieht mir!« Purtscheller schlug sich mit der Faust an die Stirn. »So an Esel, der den Bettel einiheirat ins Haus, kann sich net beschweren, wann sich der Jammer einifrißt in alle Wänd wie der Rost ins beste Eisen. Ja, mein Büberl, ja, bedank dich bei deiner Mutter!«

Karlin mußte den Knaben zu Boden stellen, ihre Arme waren so schwach geworden, daß sie das Kind nicht mehr zu tragen vermochte. Mit fahlem Gesicht stand sie an die Mauer gelehnt, als wäre eine Lebensfaser ihres Herzens entzweigerissen.