Der Krieg im Westen

Part 3

Chapter 33,550 wordsPublic domain

Der Seemann im Nachbarbett, dessen Fuß zerschossen ist, lacht. „Es war verdammt schlechtes Wetter, Sir!“

Sie erzählen mir alles mögliche, und ich bemühe mich, sie gesprächig zu halten. Die Deutschen schießen gut, sie würden es niemand raten, den Kopf auch nur eine Sekunde aus dem Graben zu strecken. Weshalb sie aus Kanada herüberkamen, um gegen uns zu kämpfen, das wollen sie mir auf der Stelle sagen. „Die Neutralität Belgiens, Sir! Wir sind gekommen, um euch aus Belgien zu vertreiben.“ – „Weshalb überlaßt ihr das nicht den Engländern, haben sie nicht genug junge Leute? Weshalb sollt ihr Kanadier die Arbeit der jungen Engländer tun?“ – Das Gespräch wird lebhafter und die Franzosen auf der andern Seite recken die Hälse.

„Und St. Julien? Wie war es da?“

Der hübsche Clerk mit dem geschienten Arm, drei Kugeln, richtet sich im Bett auf, so gut es geht: Sie kamen also da in Gräben, in denen vorher Engländer lagen. Aus welchem Grunde gewechselt wurde, wußten sie vorläufig noch nicht. Später erst begriffen sie es. Zwei Tage lagen sie da. Sie wußten gar nichts, weshalb, warum, nichts. Essen gab es nicht regelmäßig. Die Straßen um Ypern herum lagen unausgesetzt unter Feuer. Plötzlich aber hieß es vorgehen! Weshalb, warum, wohin, kein Mensch wußte es. Nun aber bekamen sie furchtbares Feuer, schwere Granaten, auf offenem Felde, ohne jede Deckung. „Ich lag hinter einem Haufen von gefallenen Kameraden, den rechten Arm zerschossen. Die Kameraden stürmten weiter, plötzlich Maschinengewehrfeuer, Flankenfeuer, Gewehrfeuer. Die Kameraden fielen wie hingemäht. Es war zu Ende.“

Er sieht mich an. „Wie groß sind die Verluste, Sir?“ Seine Augen fragen, er denkt, ich könnte mich jetzt recht wohl revanchieren für die Angaben, die er mir über die Transporte machte. Aber ich weiß es wirklich nicht. Sehr große Verluste!

Der Clerk nickt und wendet den Blick ab. „Ich glaube nicht, daß viele davongekommen sind!“ sagt er ruhig und schlicht.

„Sie haben wohl genug vom Krieg?“ frage ich ihn, indem ich mich verabschiede. „Werden Sie wieder gegen uns kämpfen?“

Er lächelt. „Nein!“ Und leiser, so daß es die Kameraden nicht hören, fügt er hinzu: „Es war die Hölle, Sir!“

Nun kommen die Franzosen an die Reihe. Sie haben die ganze Zeit aufmerksam zugehört, die Ohren gespitzt, auf jede Bewegung geachtet, damit ihnen ja nichts entgehe; verstanden haben sie kein Wort. Sie wußten, daß auch ihre Zeit kommen würde. Höflich und gefällig erwidern sie den Gruß. Selbst der Landwirt aus der Gegend von Rouen nickt mit dem dicken rechteckigen Schädel, obwohl er Schmerzen hat und fiebert. Mich interessiert mehr als alle andern der Greis an seiner Seite, ein schmächtiger Mann mit ausgeprägt französischen Zügen. Sein weißgraues Haar zieht mich an und seine lebendigen, fröhlichen Augen. Er stammt aus der Bretagne, und da ich mich dort auskenne, so haben wir gleich ein Thema, um bekannt zu werden.

„Wann wurden Sie verwundet?“ frage ich. „Im Herbst.“ Er hebt die Decke in die Höhe, und nun sehe ich, daß ihm das linke Bein bis zur Hüfte amputiert ist.

„Wie alt sind Sie?“

„Siebenunddreißig Jahre, mein Herr.“

Um meine Überraschung zu verbergen frage ich rasch nach dem Alter des Landwirts aus Rouen. Er ist zwei Jahre jünger.

„Sie fühlen sich jetzt gesund?“ „Sehr wohl!“ Und der Mann aus der Bretagne sprudelt seine Geschichte heraus, ungeheuer lebhaft, mit vielen plastischen Gesten. „Ja, man muß Glück haben, mein Herr, das ist alles. Es war im Herbst, hier oben in Flandern. Wir mußten zurück, die Deutschen waren hinter uns her. O, lala, wir hatten es eilig! Da – eine Granate zerreißt mir den Fuß. Ich verkrieche mich in ein Loch in der Erde und warte. Die Kameraden sind fort, alle weg, niemand zu sehen. Ich warte, immer in meinem Loch. Zweiunddreißig Stunden liege ich da, aber nun hören Sie! Plötzlich Schritte. Ich spitze aus meinem Loch hinaus. Ein Sergeant vom Roten Kreuz. Ich rufe, er hört. Ich strecke die Arme hoch – so – er kommt heran und sagt: ‚Rühren Sie sich nicht!‘ Zwei Stunden später war ich im Lazarett. Man muß Glück haben.“

Fröhlich und heiter ist der Mann aus der Bretagne. Er hat dem Tod ein Bein hingeworfen wie einem Haifisch und triumphiert über den Handel. Im Krieg wird der Mensch bescheiden.

Unten im Garten des Klosters treffe ich einen Scheich, mit Turban, würdigem Bart, elfenbeinernem Gesicht und elfenbeinernen Händen. Er bittet mich um eine Zigarette. Vielleicht hat er ein Dutzend Frauen zu Hause, vielleicht ist es Sünde, daß er etwas aus meinen Händen entgegennimmt, vielleicht verliert er seine Kaste. Einerlei, es ist nun doch so weit mit ihm gekommen, daß er bettelt.

Ein Flieger über Brügge

Im Mai

Brügge, das tote Brügge, ist heute keineswegs tot. Es lebt. Aber noch weiß es nicht recht, ob es wirklich erwacht ist oder ob es nur träumt. Einen wunderlichen, wirren Traum, grotesk, unfaßbar und unterhaltend, aus dem aber jeden Augenblick der Schrecken züngeln kann wie eine Stichflamme roten Feuers. So liegt es, zwischen Wachen und Schlaf, ein heiteres Lächeln auf den Zügen und einen kleinen Tropfen Angstschweiß auf der Stirn.

Seine stillen verwinkelten Gassen hallen wider von schweren genagelten Stiefeln, die ungeniert auftreten wie zu Hause, und an den Klöpplerinnen vorüber, die fleißig vor den kleinen Häuschen sitzen, rumpeln schwere Lastautomobile, so daß der Boden erbebt. Auf dem Fischmarkt hocken putzige Weiber und ziehen den Aalen die Haut über den Kopf, und während sie schaben und feilschen, rasselt eine Maschinengewehrabteilung an ihnen vorbei. Aus dem Schmuckkästchen der Rue de l’Ane Aveugle quillt ein Bilderbuch: Weiber mit weißen Hauben, Krausen und sonderbaren Umhängen, und plötzlich weichen sie zur Seite, und der Teufel in der Vermummung eines Motorradfahrers prasselt und knallt mitten durch sie hindurch und bewedelt sie mit seinem langen Schweife aus Schwefeldämpfen und Gestank. Die herrliche Grande Place wimmelt von Leben. Wachen, Autos, Karren, Züge brauner Marinesoldaten, heiß und staubig, das Gewehr auf dem Rücken. Die Zeitungsjungen schreien und rennen, um die neuesten Blätter aus Berlin, Frankfurt und Köln an den Mann zu bringen, und wenn jemand es wagt, einen scheuen Blick auf die Wunder von Architektur ringsum zu werfen, so ist eine Meute von Postkartenverkäufern hinter ihm her. Die Bevölkerung Brügges ist auf den Beinen, denn es ist immer etwas zu sehen, und die Soldaten sind auf den Beinen, um die Bevölkerung zu sehen. Ein paar Mönche in braunen Kutten rudern durch einen Schwarm Feldgrauer. Drei Jahrhunderte fließen auf der Grande Place zusammen, nicht mehr und nicht weniger. Aber jede Viertelstunde singt das Glockenspiel oben auf dem Beffroi seinen Choral, fromm und gottergeben, während unten die Motoren prasseln und rattern.

Der Krieg ging an Brügge vorüber, und Brügge freut sich, daß es lebt. Es ist eine Stadt des Friedens, eine Stadt auf Urlaub. Kommt man von da draußen, wo die Häuser keine Dächer mehr haben und mit Sandsäcken ausgestopft sind, so wirkt Brügge wie eine Großstadt, in der man nun ruhig Atem holen will.

Ein Lehmfarbiger stolpert vor mir über den Platz. An seinen Stiefeln hängt noch der Schmutz der flandrischen Gräben. Er stolpert, weil er nicht mehr gewohnt ist, auf richtigem Pflaster zu gehen, er torkelt vor Verwunderung und kann sich gar nicht zurechtfinden. Hier gibt es noch Häuser ohne Granatlöcher, und hier sehen wirklich und wahrhaftig Menschen, Zivilisten, aus den Fenstern und nicht Soldaten und Pferde! Er dreht den gebräunten Hals hin und her und kratzt sich den golden schimmernden Stoppelbart. Und hier gibt es – Frauen! Er betrachtet sie aufmerksam und eingehend, als ob er sie kaufen wolle, von den Schuhen angefangen bis hinauf zum Scheitel. Er bleibt stehen und glotzt ihnen direkt ins Gesicht. Zeitungen? Nein, Zeitungen will er nicht. Er will nichts wissen vom Krieg, er will nichts als dieses Leben hier, diese Welt, in der er fast ein Fremder geworden ist, und die ihm, weiß Gott wann, abhanden kam. Hätte er je gedacht, daß es noch eine Stadt gäbe wie diese, unversehrt, friedlich und sonnig, eine Stadt, genau so wie Städte früher waren? Er begreift es nicht. Aber nun kommt ein Mädchen über den Platz, rotweiß gestreiftes Kleid, blondes Haar, hochbusig und mit Hüften, die sich sehen lassen können. Eine Köchin. Der Lehmfarbige steht wie angewurzelt, er beginnt zu wachsen, seine Brust wird breiter, und sein heller Blick strahlt der Köchin entgegen. Sein braunes, mageres Gesicht ist ernst und ohne jede Bewegung, aber sein Blick folgt jedem Schritt des Mädchens und sein Gedanke ist so stark, daß die Köchin instinktiv einen Bogen macht, als sie nahe kommt. Und nun betrachtet er sie von hinten! Dann stolpert er weiter, bestaunt die Läden, die Frauen, und immer wieder bleibt er stehen und läßt den Blick über den Platz wandern. Die Großstadt Brügge hat ihn berauscht! Ein kleines Café, schon ist er drinnen. Ich genieße das Behagen, mit dem er ein Glas Bier hinuntergießt. Ein Schluck. Zahlen, gehen. Man sieht, er hat nicht eine Minute Zeit zu verschwenden. Ein kleines Restaurant, hinein. Beim dritten Glas verlasse ich ihn. Ich gehe nahe an ihm vorbei und sehe, daß seine linke Backe eine Anzahl Schmisse trägt. Der Lehmfarbene ist Student, Gott weiß, wer er ist, momentan ist er gemeiner Soldat, und das genügt.

In der Stunde, in der ich in dem verzauberten Brügge eintraf, hatte das Leben auf der Grande Place gerade seinen Höhepunkt erreicht. Die Matrosenkapelle konzertierte. Sie spielte laut und vergnügt wie in einem Badeort an der Ostsee, Warnemünde oder Arendsee. Das Glockenspiel des Beffroi klingelte seine fromme Weise bescheiden dazwischen. Der Platz wimmelte von Menschen, und der Waffelbäcker in seinem weißen Jahrmarktskarren machte glänzende Geschäfte. Plötzlich krachten die Kanonen in nächster Nähe. Es klang wie Kirchweihschießen, lustig und ermunternd. Unter dem grauen Gewölk, hoch oben, hing, kaum zu sehen, ein grauer Doppeldecker, mit direktem Kurs auf den Beffroi. Alle Gesichter wandten sich nach oben. Die Fenster füllten sich mit Köpfen. Aus den Haustüren, den Läden strömten die Leute und standen dicht gedrängt auf dem Platze; ganze Scharen von Kindern. Brügge bekam Besuch, und jedermann wollte sehen, wie er herankam über den Giebeldächern. Alles zappelte vor Neugier und Spannung. Die Neugier des Volkes ist immer größer als seine Angst. Aber es kam noch etwas andres dazu! Mehr oder weniger freundlich gesinnt, mehr oder weniger gleichgültig, mehr oder weniger feindlich, die Leute von Brügge waren im Herzen alle Belgier geblieben, und die da oben in der Luft waren Freunde von ihnen, Belgier, Franzosen, Engländer, einerlei. Man hatte sie nicht vergessen, da drüben, hinter dem Yserkanal, auf dem letzten Fleckchen belgischen Landes. Sie waren Boten, die man ihnen sandte. Mochten sie nun ein paar Leute, ein paar Bürger töten, darauf kam es nicht an. Es kam darauf an, daß sie mit der Absicht hierherkamen, dem Feinde zu schaden. Hätten sie es gewagt, so hätten sie dem Flieger zugejubelt, obwohl er sie töten konnte, denn er war einer der _ihrigen_! Die graue Maschine kam rasch näher. Die Kanonen krachten, Schlag auf Schlag. Ein Maschinengewehr kläffte wütend in die Höhe. Die Schrapnelle platzten rings um die graue Maschine, in einem Rahmen grauer Tupfen stand sie. Sie stieg höher, hinein in die Wolke, aber die Schrapnelle folgten ihr in die Wolke hinein. Es blitzte in der Wolke wie Büschel scharfer Messer, die sich gegen die Maschine zückten. Es knisterte. In all den Lärm hinein sang plötzlich das Glockenspiel seinen friedlichen, frommen Choral, unbekümmert um den Lärm der Welt, und es wird seine Weise singen, sollte einmal Brügge in Flammen aufgehen, was Gott verhüten möge. Da fiel mein Blick auf einen Mönch, der neben mir stand. Er hatte den Kopf halb in die Kutte gezogen und sah mit großen, warmen Augen zum Flugzeug empor. Im Schoß hielt er ein kleines Gebetbuch. Dieser Mönch verhielt sich zu den Leuten da oben wie der fromme Singsang des Beffroi zum Krachen der Geschütze. An Stelle des Gebetbuchs hielten sie Bomben im Schoß, und mit zusammengekniffenen kalten Augen fegten sie dahin. Es waren, wie gesagt, die Jahrhunderte, die sich hier auf der Grande Place von Brügge begegnen.

Nun aber wurde es Ernst! Er kam heran, so wütend auch das Maschinengewehr hämmerte. In ein paar Sekunden mußte er über dem Platze schweben. Wie der Tod auf Flügeln kam er daher.

Wie auf ein Signal rissen die Leute aus. Die Panik setzte ein, und die Menge explodierte. Nach allen Seiten, _strahlenförmig_, machten sie sich davon, die Kinder auf raschen, dünnen Beinen voran. Sie stürzten in die Gassen, in die Haustüren, in die Kaffeehäuser. Die Erde verschluckte sie, und die Köpfe verschwanden aus den Fenstern. So erstaunlich ihr Mut vor einigen Sekunden war, so komisch wirkte diese überstürzte Flucht. Mein Mönch? Er war wie weggeblasen.

Ich zog mich unter ein solides Portal zurück, und man kann mir glauben, wenn ich sage, daß ich das Portal vorher genau auf seine Konstruktion untersuchte.

Leer lag der Platz, wie reingefegt. Keine Seele weit und breit, kein Gesicht in einer Tür, einem Fenster. Es war wie Zauberei. Nicht einmal ein Hund war zu sehen.

Der Kampfplatz war dem Maschinengewehr, den Geschützen und dem Flugzeug unter den schmutzigen Wolken überlassen. Die Maschine schwebte eine Sekunde über dem Rande des Platzes, dann, gerade im entscheidenden Moment, bog sie scharf nach rechts aus. Es war ihr zu ungemütlich geworden. Sie stieg höher, verschwand in der Wolke und machte den Versuch, zurückzukehren. Aber eine Salve von Schrapnellen fuhr ihr entgegen, eine ganze Mauer grauer Wölkchen. Sie kehrte um.

Ein paar Minuten blieb der Platz leer, dann aber strömte das Leben wieder auf ihn zurück. Kinder, Mädchen, Hunde, der Waffelbäcker, Feldgraue und Lehmfarbene. Die Chauffeure, die ausgerückt waren, standen plötzlich wieder bei ihren Wagen.

Das Glockenspiel des Beffroi bimmelte wieder seine fromme, gottergebene Weise.

Nichts war geschehen. Das träumende Brügge war zusammengeschauert in seinem Traum. Das war alles.

Die Schlacht bei Arras

4. Juni

Auf der Lorettohöhe, die gestern noch niemand kannte und die heute in aller Munde ist, stand eine Kapelle, die berühmte Kapelle von Notre Dame de Lorette. Nach einer französischen Legende sollte sie in diesem Kriege eine geheimnisvolle und wunderbare Rolle spielen. Die Kapelle existiert heute nicht mehr, sie ist ein Schutthaufen. Zusammenstürzend hat sie die Legende unter ihren Trümmern begraben.

Joffres zweiter, größter und wütendster Durchbruchsversuch ist gescheitert. Diesmal sollte es geschehen! Es handelte sich nicht um ein paar lumpige Gräben, es handelte sich um die Zerschmetterung der feindlichen Menschenmauer. Die Fahnen des französischen Marschalls flatterten bereits in Lille, in Valenciennes. Es ist nichts daraus geworden.

Sorgfältig und umsichtig, wohldurchdacht waren Joffres Vorbereitungen. Sie reichen bis in den April zurück. Truppenverschiebungen, Heranziehen der Reserven, das Herbeischaffen von Munition, jener Berge von Munition, die der Marschall brauchte, um uns zuzudecken. Das alles mußte so geheimnisvoll wie möglich geschehen, heute, wo die Augen der Heere hoch oben in der Luft hängen. Eine bedeutende Leistung! Eine Provinz wollte Joffre erobern, ein Riesenheer setzte er in Bewegung, ein paar Dörfer und Schützengräben hat er gewonnen. Sie kosteten ihn eine ungeheure Zahl von Menschenleben.

Und heute, nach beinahe vier Wochen, ist diese ungeheure Schlacht noch nicht zu Ende. Noch immer stampfen und pochen die Geschütze. Die ganze letzte Nacht hindurch schlugen sie. Aber es ist nicht mehr die Wut des Orkans, der ausbricht, es ist die hohe Dünung nach dem Sturm.

Vier Tage vor dem 9. Mai begann der Feind unsre Stellungen unter schweres Feuer zu nehmen. Am 9. Mai, dem Tage des Angriffs, in aller Frühe, eröffnete er, ganz wie im Frühjahr in der Champagne, ein beispielloses Trommelfeuer auf unsre Gräben. Er trommelte sie auf der ganzen Front ab, von Arras angefangen bis hinauf in die Höhe von Lille, eine Strecke von vierundzwanzig Kilometern. Es war die Hölle. Die Erde dort ist durchsiebt von Granaten. Dann gingen seine Kolonnen in dichten Staffeln vor. Aber das Unmögliche geschah: _unsre Truppen hielten stand_ gegen die mehrfache Übermacht. Wir wollen sie nicht vergessen, die Leute von Ecurie, Neuville, Ablain, Carency und wie sie heißen! Was sie taten für uns, das wird die Geschichte später verkünden. Es war übermenschlich, mehr als Heldentum. Ein paar Gräben gingen verloren, Carency und Ablain mußten geräumt werden von uns, das war alles. Unbedeutende vorgeschobene kleinere Stellungen gaben wir freiwillig auf.

Zu gleicher Zeit, am 9. Mai, griffen die Engländer im Norden an. Südwestlich von Neuve Chapelle, östlich von Richebourg. Im Vergleich zu dem wütenden, heroischen und fanatischen Angriff der Franzosen war ihr Sturm matt. Nach einem aufgefundenen Befehl stand uns hier ebenfalls eine große Übermacht gegenüber. In drei Linien griffen die Engländer an. Das erste Regiment ging zurück. Ein zweites englisches Regiment, das vorgeworfen wurde, versagte gänzlich. Es streikte. Wie so häufig überließen die Engländer die schwere Arbeit den andern. Nun stürmten die Schotten vor, das Regiment Scotch Blackwatch. Es wurde durch unser Feuer fast gänzlich niedergemäht. Nach Aussagen von Gefangenen zählte man an diesem Tage achthundert Tote. Zwei Schotten, die bis an unsre Gräben gelangt waren, ergaben sich. Sie konnten nicht hereingenommen werden und lagen vor der Brustwehr von fünf Uhr nachmittags bis sechs Uhr früh, und unsre Leute mußten über ihre Körper wegfeuern.

Der wütende Ansturm kam zum Stehen. Unsre Heeresverwaltung ließ ihren Apparat spielen und warf Reserven und Truppenmassen ins Gefecht: Joffres Durchbruch war mißglückt.

Zu einem einheitlichen Angriff großen Stils fehlte dem Gegner seit dieser Zeit die Kraft. Indessen fanden Tag und Nacht größere und kleinere Teilangriffe statt. Der Erfolg schwankt hin und her. Zuweilen gelingt es dem Feind, in unsre Gräben einzudringen, er wird durch Handgranaten vertrieben. Ein Angriff ohne Artillerievorbereitung, den er am 12. unternahm, erstarb schon im Feuer unsrer Geschütze. Nahkämpfe, bei denen Bajonett, Kolben und Handgranaten arbeiten, sind alltäglich. Alles in allem zählte man sechsundvierzig Angriffe gegen verschiedene Stellungen unsrer Front, seit dem 9. Mai. Unter diesen sechsundvierzig Angriffen waren acht von größerer Bedeutung.

Wieder und wieder, hartnäckig und verbissen, läuft der Feind gegen Punkte unsrer Front an, die strategisch besonders wichtig sind. So gegen unsre Stellungen an der Straße Souchez-Aix-Noulette. Bei Ablain, das wir, wie erwähnt, geräumt haben. Gegen die Höhe nördlich Neuville. Im Dorfe Neuville selbst wird Tag und Nacht gekämpft, und hier werden die Kämpfe noch lange wüten. Vor einigen Tagen überrannte hier der Feind unsre Barrikaden, aber nach halbstündigem erbitterten Kampf wurde er wieder zurückgeworfen. Gegen den starken Riegel, den wir über die Lorettohöhe zogen. Die Trümmerstätte der Kapelle selbst ist in den Händen des Feindes. Gegen die Straße Ecurie-Roclincourt. Hier hatte der Feind bei La-Maison-blanche ungeheure Verluste, und die Erde trank das französische Blut in Strömen. Gegen unsre vorspringende Front nördlich von Ecurie. Hier fanden wiederholt wütende Angriffe statt. Unsre Geschütze legten einen Kranz von Geschossen vor unsre Gräben. So heftig war das Feuer, daß ein französischer Offizier überlief, er war fertig mit den Nerven. Das oft genannte Labyrinth bei Ecurie befindet sich noch in unsrem Besitz.

Die Engländer im Norden haben in der letzten Zeit größere Angriffe nicht unternommen.

Obwohl unsre Heeresleitung keine andre Absicht verfolgte als unsre Stellungen zu halten, sich also rein defensiv verhielt, haben wir in den letzten Kämpfen doch acht Offiziere und fünfzehnhundert Mann zu Gefangenen gemacht. Joffre gewann etwas Terrain. Auf einer Front von vier Kilometern rückte er achthundert bis fünfzehnhundert Meter vor. Dieser geringe und unwesentliche Geländegewinn steht in einem tragischen Mißverhältnis zu dem Aufwand an Kampfmitteln und den Verlusten. Wenn Joffre seine Toten beerdigt, so wird er finden, daß er einen Friedhof erobert hat.

Die Lorettohöhe unter Feuer

Im Juni

Der Tag ist heiß, und die Schlacht wütet. Es ist immer dieselbe Schlacht, eine der furchtbarsten und größten dieses Krieges, die Schlacht bei Arras. Sie dauert schon Wochen, wird sie nie enden? In der schwülen Nacht polterten und schlugen die Geschütze, und sie poltern und schlagen in den heißen, glühenden Tag hinein. Die Kanoniere schlafen nicht mehr. Je näher der Wagen kommt, desto lauter krachen die harten Schläge der Kanonen.

Die Landschaft ändert sich. Aus dem Grün der Wiesen und Felder heben sich riesige, unförmige Aschenhaufen, grauschwarz und öde, die Schlackenberge der Kohlenzechen. Plump und häßlich liegen die Schutthalden da, unproportioniert, die Wohnstätten der Menschen, die grünen Baumwipfel überragend, unfruchtbar inmitten der fruchtbaren Erde. Sie sehen aus wie die Krater erloschener Vulkane. Hohe Kamine, Fördertürme, Backsteingebäude, Beton- und Eisenfachwerk. Hier vorn, in der Feuerzone, stehen die Zechen still. Weiter hinten rauchen Schlote. Im Norden, im Dunst der Sonne, steht auch die feine Rauchfahne der Zeche von Courrière, deren Unglück vor Jahren das Herz der ganzen Welt erschütterte. Damals eilten westfälische Bergleute herbei, um ihren französischen Kameraden Hilfe zu bringen. Es handelte sich um zwei- bis dreihundert Bergleute, die in der harten Schlacht um das tägliche Brot fielen, und die Welt brachte ihnen jene Summe von Mitgefühl entgegen, die im geraden menschlichen Verhältnis zu der Katastrophe stand. Man hat es vergessen. Viele tausend Jahre liegen zwischen der Schlacht von Arras und jenem denkwürdigen Tage, da deutsche Männer ihren französischen Kameraden im gleichen Landstrich zu Hilfe eilten! Heute handelt es sich um Hunderttausende, um mehr. Die Welt schweigt! Mehr als das: die ganze Welt arbeitet fieberhaft, um Material zu liefern, das die Legionen der Opfer vermehrt. Die Welt will leben, damit andre sterben. Das ist die Wahrheit.

Auch drüben beim Feinde rauchen die Schlote! Sie fördern sogar in der Feuerzone, sie brauchen Kohle. Selbst wenn hineingefunkt wird, stellen sie den Betrieb nicht ein. So ist der Krieg.

Das Auto biegt in einen Zechenhof ein. Es ist still hier und so sauber wie in einem Tanzsaal. Die Zeche steht still, sie ist längst ersoffen. Wo es früher rasselte und zischte, daß man sein eignes Wort nicht verstehen konnte, herrscht jetzt Feiertagsschweigen. Stille Leute sind hier eingezogen, Verwundete und Ärzte. Die Zeche ist ein Lazarett.