Part 2
Wir steigen in die Schanze ein. Hier stand früher einmal eine Brauerei. Früher! Die Granaten sind heißhungrig darüber hergefallen und haben nur Trümmer übriggelassen. Sie haben die Mauern zerfressen, die Kamine mit Stumpf und Stiel verschlungen und Kessel und Röhren zu Klumpen zerkaut. Fanden sie nichts andres, so fraßen sie tiefe Löcher aus der Erde. Laufgänge und Schützengräben durchspinnen und umspinnen den Komplex der Ruine. Mit Sandsäcken und erdgefüllten Bierfässern hat der Kommandeur ein Fort aus den Trümmern gebaut, eine groteske und musterhafte Festung, in der man vor Gewehrkugeln wenigstens ziemlich sicher ist, wenn man nicht allzu großes Pech hat. Wieder und wieder versucht der Feind, die Schanze durch Granaten zu zerstören, immer wieder wird geflickt, gebaut und verrammelt. Bombensichere Mannschaftsunterstände mit winzigen Eingängen – Villa Duck dich, Villa Frieden usw. – mit kleinen blühenden Gärtchen davor. Hier und da ein paar blumengeschmückte Gräber. Der „Friedhof der Leichtsinnigen“. Hier ruhen zur Warnung für die Lebenden jene Tapferen, die aus Unvorsichtigkeit und Leichtsinn dem Tod entgegenliefen. Sie streckten den Kopf aus dem Graben, um zu sehen, ob etwas los wäre, sie krochen aus dem Graben heraus, obgleich es verboten ist, nur um einmal etwas _Neues_ zu tun. Nun liegen sie da, dicht neben den Blumenbeeten, und die Kameraden pfeifen ihr Liedchen über ihr Grab. Das ist, ganz kurz, was es hier oben zu sehen gibt, zwischen den Wällen sozusagen. Die eigentliche Festung aber liegt in den Kellern der Brauerei, zweistöckig und labyrinthisch. Nasse, finstere, niedrige Gänge wie in einer Schauerburg. Trübes Bier schwimmt in einem Graben, Treppen und Verschläge, die in pechschwarze Stollen und Kamine hinabführen, Mauern aus Sandsäcken und Fässern. Schießscharten dazwischen, vorsichtig mit Ziegelsteinen verschlossen. Sehr freundlich sieht es hier nicht aus. In den Kellerräumen, wo die Mauern am dicksten sind, schlafen die Mannschaften beim trübseligen Schein einer verstaubten, elektrischen Lampe. Sie liegen, dicht nebeneinander gepackt, in Uniformen und schweren Stiefeln, so wie sie aus den Gräben kommen. Wie verwunschene Bergleute, von einem Zauber eingeschläfert, liegen sie da. Sie wachen nicht auf, wenn wir eintreten. Der Schweiß perlt auf ihren eckigen Stirnen, es ist heiß hier unten. Sie genießen den Schlaf, sie klammern sich an ihn. Heute sind sie soundsoviel, morgen sind sie einer oder zwei weniger. Ein Platz wird leer sein oder zwei oder mehr. Daran sind sie gewöhnt. Sie leben von heute auf morgen, und sie gehen vom Leben in den Tod, wie man eine Tür zumacht, und niemand sieht sie wieder. Wenn sie heute das erste Wort sprechen, so wissen sie nicht, ob es nicht ihr letztes ist. Ein junger Schläfer schwitzt stärker als die andern, seine Wimpern sind nahezu weiß. Auf seinen roten Backen flimmern feine Härchen. Sein Mund steht offen und zeigt die weißen starken Zähne. Er scheint zu lachen im Schlaf und schläft so ruhig und gesund wie in seinem Dorf zu Hause. Neben ihm liegt ein Dunkelhaariger, mit gelber Gesichtsfarbe und dichten Bartstoppeln. Er schläft unruhig und röchelt gepreßt. Träumt er? Träumt er, daß der Engländer kommt und ungeniert in den Drahtverhauen wirtschaftet, und er schießt und schießt, aber der Engländer ist nicht zu treffen, er zieht eine Zange heraus und fängt an, in aller Gemütsruhe die Drähte zu durchschneiden ... Plötzlich öffnet er die Augen, sie blicken grünlich, und starrt mich an. Sobald er sich regt, taucht hinten ein fahles Gesicht empor. Aber im nächsten Augenblick schlafen sie wieder, und alle schlafen, dicht aneinandergedrückt, tief und traumlos, als ob sie keine Lust hätten aufzuwachen.
Luft, Licht. Wir tauchen aus dem dunkeln Bergwerk empor in die grelle Sonne. Über meinem Kopfe rasselt und trommelt plötzlich ein Kobold in den Kupfertöpfen der Brauerei. Eine Kugel. Sahen sie uns an den Schießscharten vorübergehen? Die Gräben sind das Letzte an Bequemlichkeit und Umsicht. Tief eingeschnitten, so daß man sich nicht zu bücken braucht, die Schießscharten solid verschalt wie tiefe Nischen. Bei jeder ein Täfelchen mit dem Namen des Schützen. Der Boden ist mit Brettern ausgelegt, und da und dort steht: Nicht ausspucken! Es spuckt auch niemand aus. Eine Dame könnte in einem Ballkleid hier gehen. Ich habe von französischen Gräben gehört, wo sie in ihrem eignen Dreck herumlaufen und ihre Toten, mit einer Lage Erde darüber, als Diele benützen. Ein Toter ist tot und spürt nichts mehr, aber trotzdem ...
„Sehen Sie etwas?“
„Ja. Einer guckt immer mit dem Kopfe raus. In der Nacht haben sie eine Puppe an einer Stange aufgehängt. Dort!“
Durch die kleine, rechteckige Schießscharte blickt man in das grüne Land hinein, wie durch ein Fernrohr. Unsere Drahtverhaue, dann eine Wiese, die leicht im Winde schwankt. Dahinter dünnes, wirres Gestrüpp. Das sind _seine_ Drahtverhaue. Ein kleiner Wall aufgeworfener Erde. Sonst ist nichts zu sehen, so sehr ich mich auch anstrenge. Auf diesem Streifen Wiesenland, ein paar hundert Meter breit, bewegt sich nichts, seit vielen Monaten nichts. Es ist ein verfluchter Streifen Land. Das Gras wächst, weil es keine Vernunft hat, aber kein Falter, kein kleiner Vogel lebt hier. Nur die Kugeln spinnen ihr Netz darüber. Plötzlich erschrecke ich. Da steht, man mag es glauben oder nicht, wahrhaftig ein Mensch aufrecht und unbekümmert auf dem Erdwall drüben! Ich erschrecke für ihn, obwohl ich es ja nicht bin, der da drüben steht, und ich erschrecke vor allem, weil sich auf diesem leblosen Streifen Land überhaupt etwas zeigt. Ist er toll geworden? Aber das ist ja die Puppe! Dann und wann knallt es da drüben, in der Ferne rumpelt Geschützdonner. Die Schanze aber schweigt. Sie hat seit zwei Tagen keinen Schuß abgegeben. „Es ist ein richtiger Spaß! Er soll glauben, daß wir fort sind.“ Aber er glaubt es ja doch nicht. Gestern hat er alle Schießscharten einzeln abgestrichen und die Schanze hatte zwei Tote.
Sonderbar ist so ein winziges rechteckiges Fensterchen ins grüne Land. Es ist ein Fenster ins Jenseits ... Es ist möglich, daß in dem gleichen Augenblick, in dem der Feldgraue hinaussieht, der Tod hereinblickt, und der Feldgraue erschrickt und fällt hintenüber ...
Ein Gewirr sind die Gräben, auf, ab, hin und her. Maschinengewehre, sie haben den schönsten Platz. Überall stehen Posten. Sie stehen hier Tag und Nacht, heute, morgen und in diesem Augenblick. Seit dem Herbst, da das Laub fiel, und jetzt ist es wieder grün.
In den letzten Tagen hat die Festung ein neues Fort dazubekommen. Der Feind hat einen Minengang vorgetrieben und gesprengt. Es ist ein Krater, rund und groß wie ein Karussell, und der Rand des Kraters ist schon wieder ausgebaut und befestigt. Ideal ist das Fort, es flankiert unsere Gräben. Leider hat es drei von unsern tapfern Leuten gekostet. Sie liegen tief unten in der Erde, so tief, daß man sie nicht holen kann. So hat hier jeder Tag seine Ereignisse, und die nächste Minute kann sie bringen. Er kann ja eine neue Mine hochfliegen lassen, Gott weiß, worüber er jetzt, in dieser Sekunde, brütet?
Ein Laufgang führt mitten durch das zerschossene Dorf zum Unterstand des Kommandeurs. Hübsch und freundlich ist es hier unten, eine Schiffskabine erster Klasse unter der Erde. Hierher kommen die Offiziere zuweilen des Abends, sozusagen, wenn sie ausgehen wollen. Es sind nur hundert Schritte, aber es ist immerhin eine Abwechslung. Nur eine Schattenseite hat dieser Salon unter der Erde. Er stößt direkt an den Friedhof. Die Granate ist ein böses Tier ohne Vernunft. So ist sie wiederholt in den Friedhof gefahren, wo sie nichts zu suchen hatte, und hat die Gräber der französischen Bürger aufgerissen. Sie warf die Grabsteine durcheinander, hat die Gebeine mit in die Tiefe gerissen, und in einer Familiengruft schwimmt ein Kindersarg. Von der Treppe des unterirdischen Salons aus sieht man über eine Reihe frischer Gräber. Das sind die Toten der Schanze. Der frühere Kommandeur, Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften. Nebeneinander liegen sie, so wie sie auf der Schanze nebeneinander kämpften.
Ja, hier liegen sie, aber in Wahrheit sind sie nicht tot. In Wahrheit leben sie, denn sie sind unvergessen. Sie leben mit den Kameraden auf der Feldschanze, ganz wie früher. Sie wandern durch die Schlafgewölbe und sehen nach, ob sie noch nicht aufstehen, sie sitzen auf den Gräbern und lauschen auf die Gespräche der Kameraden. Bei den Maschinengewehren stehen sie und lugen aus. In der Nacht wandern sie in den Gräben. Sie warnen die Kameraden, sie richten ihnen die Gewehre, sie zeigen ihnen den Feind: _dort, dort_ ...
Die Schlachtfelder in Flandern
Mai 1915
Durch die Luke in der Kirchturmspitze hat man einen weiten Blick über das Land: unten liegt winzig und verwinkelt das Dorf. Ein paar Häuser sind zerschossen. Soldaten hantieren vor den Häusern. Eine Radfahrerabteilung – braune Marinesoldaten, das Gewehr auf dem Rücken – schlängelt sich über den kleinen Marktplatz. Ein großes Postauto tutet und überholt sie. Karren, trottende Pferde, die roten Gesichter der Fuhrleute sind alle nach oben gerichtet. Zwei Flugzeuge kreuzen unter den grauen Wolken. Rasch und klein wie eine Maus läuft das entferntere am Himmel entlang. Hinter dem kleinen Dorf aber breitet sich das Land. Flandern. Es ist grün von den Wiesen und gelb von den blühenden Rüben, ganz flach; trübe und resigniert duckt es sich unter dem hängenden Gewölk. Silhouetten von Alleen, die die Landstraßen begleiten, stehen geisterhaft auf dem Lande, eine hinter der andern, wie Schleier, die herabhängen, und alle scheinen sie parallel, quer durch das Land zu laufen, bis zum Horizont, wo eine graue Regenwolke Ypern verbirgt. Dazwischen flache graue Wolken, die auf der Erde liegen, Wälder und Wäldchen, die niemand kannte, und die plötzlich einen Namen bekamen: Polygonenwald, das Wäldchen von St. Julien. Hier standen die vier großen englischen Geschütze. Hinter den geisterhaften Silhouetten der Alleen Dörfer, Reste von Dörfern, dem Auge kaum erkennbar. _Zonnebeke_, _St. Julien_, _Langemark_. Im Frieden werden Orte berühmt durch ihre Kultur und ihren Geist, im Krieg durch ihr Unglück. Da liegen sie und verstecken sich in der Erde. Still und verzweifelt liegt das Land, und der Donner der Geschütze rollt darüber weg.
Heute, Flandern, mit deinen geisterhaften Alleen, die stillstehen und sich nicht bewegen, erscheinst du mir wie ein großer Friedhof.
Eine knappe Viertelstunde von dem Kirchturm entfernt zieht sich ein lehmiges ausgetrocknetes Flußbett in weitem Bogen durch die Landschaft. Oft nähern sich die Ränder bis auf dreißig Meter, oft entfernen sie sich bis auf ein paar hundert. Die Ränder sind tief ausgegraben, unterhöhlt, gewunden und verzweigt, wie Bauten von Bibern. Das sind die verlassenen Stellungen.
Hier auf diesem Gürtel Landes lagen sie einander sechs lange Monate gegenüber, Tag und Nacht, und Tag und Nacht saß der Tod dicht angelehnt neben jedem einzelnen Mann. Hier lagen die Gewehre und hier, man sieht es noch deutlich, standen die Maschinengewehre. Zwischen den Gräben lagen die Leichen, wo sie gerade hinfielen, und da lagen sie und blieben liegen, und die Kugeln durchlöcherten sie noch hundertfach, obschon sie schon zehnfach gestorben waren. Tausendfach starb hier jeder einzelne Mann, auch der, den der Zufall verschonte. Oft raste der Tod hier wie ein Orkan, mit Finsternis, Feuer, Eisen und erstickenden Gasen. Die Gräben wurden eingetrommelt, Meter für Meter. Einmal hatten sie drüben Besuch (nicht in den Gräben, sondern weit dahinten!), zwei Könige und einen Präsidenten. An diesem einzigen Tage warfen sie _siebzigtausend_ Granaten herüber – und wir hatten keine dreißig Mann Verluste. Sie gaben den hohen Herrschaften eine Vorstellung und schossen ein Vermögen in die Luft hinein. Die Komödie auf dem Schlachtfelde! So und nicht anders ging es hier zu. Der Soldat kroch in die Erde. Aber da kam ihm das Wasser entgegen. Bis an die Knie wateten die Tapfern im Wasser. Jedes Haus hinten war zerschossen und die Trümmer unausgesetzt unter Feuer. Es entstanden ganze Städte unter der Erde, Städte in Wäldern, die Mannschaften ruhten aus in Eisenbahnzügen, die zurück mußten, sobald das Feuer zu stark wurde.
Die Erde bei den Gräben ist zerrissen. Trichter an Trichter. Der Regen spritzt heute in den kreisrunden Lehmtümpeln. Auch die Allee hat mitgekämpft. Die hohen Bäume schlugen der Länge nach hin, wie Riesen, von der Granate in den Wurzelbau getroffen und hochgeschleudert. Sie wurden in der Mitte abgerissen. Ihre Kronen stürzten zersplittert in das Feld, und so stehen sie noch. Kein Baum, der nicht seine Wunde hätte, manche sind von oben bis unten zerfetzt. Die Allee hat sich tapfer geschlagen, die Allee von Poel-Capelle nach St. Julien. Eine Armee von Krüppeln steht an der Straße.
Die verlassenen Gräben sind mit allerlei Schutt angefüllt. Konservenbüchsen, Waffenteile, zerweichte und unleserlich gewordene Briefe. Ein blutiger Tuchfetzen, den einer an die Wunde preßte, erblassend und zu Tode erschrocken. Sie sprechen eine grauenhafte Sprache und ihr Flüstern verfolgt mich. Es ist sehr still hier und es hat den Anschein, als ob die Stille sich über den Gräben verdichtete und über all den Dingen, die einst Menschen gehörten. Ich wünschte wohl, sie kämen hierher, die drei hohen Herrschaften, zu deren Ehre einmal so furchtbar laut geschossen wurde, sie kämen hierher und _hörten sich die Stille an_. Vielleicht würden sie den süßlichen Geruch spüren, der aus den Gräben steigt, vielleicht würde sich ihr Auge schließen vor all dem Grauenhaften, das der Schutt in den Gräben deckt. Sie würden gehen und nun würden sie stolpern! Bei jedem Schritt würden sie über Gräber stolpern. Gräber hier, Gräber dort. Franzosen, Schottländer, Kanadier, Kolumbier, Farbige und Schwarze. Sie würden die Namen auf den Kreuzen lesen. Sie würden die verstümmelte Allee hinabgehen, und links und rechts würden die Kreuze ihnen folgen. Sie würden bei St. Julien die Massengräber sehen. Hier lagen die Kanadier so dicht, daß die Fliegerphotographien aus 2000 Meter Höhe die Leichenhaufen zeigten. Nun würden sie begreifen, daß sie in einen Friedhof geraten sind, der naß ist von Blut und Tränen.
Aber weiter. Die Kanonen krachen. In Erdhöhlen hocken Soldaten um die dampfenden Kochtöpfe und sind guter Dinge, denn sie leben.
_Langemark_, berühmt geworden durch sein Unglück, wie viele andre Orte, ist das grinsende Skelett einer kleinen Stadt. Die wenigen Häuser, die noch stehen, zeigen fröstelnd das nackte Gebälk. Die Ziegel sind ohne Ausnahme herabgerasselt, als die schweren Geschosse einschlugen. Wie Gespenster von Häusern stehen sie inmitten der Trümmerhaufen. Der Kirchturm sieht aus wie ein verwitterter Sandsteinfelsen, rostrot und brüchig steht er am Rande eines niedergemähten Parkes. Ein Haus ist mit dem Schieferdach niedergebrochen, wie ein gefallener Elefant, der sich auf die Stoßzähne stützt. Es ist deutsche Arbeit, sie ist gründlich, das muß man sagen. Hut ab vor unsern Kanonieren!
Aus dem Keller irgendeines zerschossenen Hauses steigt langsam und still ein General, in den weiten Mantel gehüllt. Er scheint das einzige lebende Wesen weit und breit zu sein. Gelassen und würdevoll, ein wenig gelangweilt, zeigt er uns sein Heim. Das Haus ist verschüttet, es liegen noch Leichen unter dem Schutt. „Hier lebe ich nun, im Keller,“ sagt er mit leiser, gelangweilter Stimme. „Sie schießen oft wütend herein. Sehen Sie die Trichter? Es sind ganz große Dinger. Na, man gewöhnt sich an alles.“ Wir gehen und der General promeniert ruhig, in seinen Mantel gewickelt, im Regen auf und ab.
In dieser Gegend sieht man kein Tier und kein lebendes Wesen. Zuweilen ein paar Soldaten, die laut und fröhlich antworten, wenn man sie anruft. Aber die Geschütze krachen ringsum, obschon man sie nicht sieht.
Sie sind trotz des schlechten Wetters fleißig bei der Arbeit und die Luft dröhnt wie von Explosionen, hart und metallen. Die Geschosse toben in die Höhe, es röhrt und wühlt in der Luft, sie _pflügen_ sich hinauf. Die Luft zischt, genau wie das Wasser unter dem Kiel eines Rennbootes. Es gurgelt gierig da oben, wie Gurgeln voller Blut. Unwillkürlich sucht der Blick das Geschoß, obwohl es natürlich zu rasch ist, als daß man es sehen könnte. Aber es scheint greifbar nahe zu sein. Ja, ich sehe es auch, wie es in seiner Kurve dahinjagt. Es ist gelb und dreht sich rasend um die Längsachse, eine donnernde, dröhnende Röhre von Luftwirbeln als Schleppe, den blanken Zünder zischend in die dicke, graue Regenluft bohrend. Die gelbe Farbe verbrennt rauchend auf seiner Hülle. Nun ist nur noch das schleifende Zischen der Luft zu hören. Es ist hinüber! Links und rechts schlagen die Geschütze, es kracht wie von einschlagenden Blitzen. Alle paar Minuten dröhnt hinter mir ein hellerer Schlag und eine Granate jagt gurgelnd und zischend über mich hinweg. Die Luft ist voller Eisen. In den Pausen der Geschütze hört man das hastige, heisere Kläffen der Maschinengewehre und das Knattern der Gewehre.
So ist es hier. Es ist das Morgenkonzert, das gewöhnliche. Und so ist das Abend- und Nachtkonzert. Man gewöhnt sich daran, und das flandrische Land hat seit vielen Monaten nichts andres gehört. Die Front ist um einige Kilometer vorgerückt, sonst hat sich nichts geändert.
Nach den Schlachten
Mai 1915
Die Welt des Feldsoldaten ist groß und erhaben. Der sausende Himmel, die Sterne, die Wolken und das freie Feld: das ist seine Wohnung. Vertraute Wege und bekannte Dörfer, die Heimat in der Ferne, Briefe, Zeitungen, alles gehört ihm. Kameraden, bekannte Gesichter, neue, immer neue Gesichter, neues Gelächter und neue Stimmen. Ein spukhaftes Dasein, voll des Unbekannten, stetig Wechselnden. Die alltäglichsten Dinge, Essen, Schlafen, abenteuerlich und absonderlich. Außergewöhnlich, groß und unerhört, voll nie gekannten Grauens und nie gekannter Wonnen sind seine Empfindungen. Der Feldsoldat ist kein gewöhnlicher Mensch mehr, er ist der Erkorene, er ist das _Volk_ selbst, für das er kämpft. Wäre es anders, nicht den zehnten Teil der Anstrengungen, die das Feld fordert, könnte er ertragen. Wenn er sein Geschütz abreißt, so ist es nicht seine Faust, die Millionen Fäuste seines Volkes reißen das Geschütz ab, und sein Volk sendet den großen Fluch hinüber zum Feinde.
Wehe aber, wenn er das Unglück hat, gefangengenommen zu werden! Seine große und stolze Welt bricht in einer einzigen unglückseligen Stunde zusammen. Er ist nicht mehr sein Volk, er ist ein gefangener Soldat, nichts andres. In einer Sekunde sind seine Tressen und seine Auszeichnungen verblaßt, die Bewunderung seiner Kameraden, die ihn belebte, ist verstummt. Kennt hier jemand seine Geschichte, seine Geschichte als Soldat, meine ich? Weiß hier jemand, wie er sich schlug, welch kühne Patrouillengänge er hinter sich hat, daß seine Offiziere ihm die Hand drückten und ihn vor versammelter Mannschaft lobten? Fremde Gesichter, fremde Worte, eine fremde Welt. Eine Ewigkeit trennt ihn von seinen Kameraden, seinem Pferde, seiner Batterie, seiner Heimat, seinen Angehörigen, unwirklich scheinen schon jetzt die Bilder zu sein, an die sein Gedächtnis sich klammert. Sein Mut, sein Ehrgeiz, sein Rausch, sie sind dahin. Er war alles, jetzt ist er nichts. Eine Nummer in den Listen der Gefangenenlager ist er, in dem das Herz seines ganzen Volkes schlug, geworden. Nüchtern, klein und erbärmlich ist jetzt seine Welt.
Sieht man Gefangene gehen, so versteht man alles. Sie trotten müde dahin, gleichgültig, ohne Haltung, aber nichts wäre verkehrter, als von Gefangenen auf die Truppe zu schließen, der sie angehörten. Häufig wird der stolzeste und stärkste Soldat der gebrochenste Gefangene sein.
Schlimmer noch, um vieles schlimmer ist es, verwundet in Gefangenschaft zu geraten. Noch kleiner und elender ist die Welt des verwundeten Gefangenen. Ein Bett, ein getünchter Saal, die Gesichter der Pfleger und Pflegerinnen und der Ärzte, nichts sonst. Der Schritt der Wache vor der Tür. Droben in Flandern habe ich verwundete Gefangene besucht, und von ihnen will ich erzählen.
Ich trete ein, und sofort sind alle Augen auf mich gerichtet. Ein neues Gesicht! Seit vielen Tagen, seit Wochen das erste neue Gesicht. Was will er, was tut er hier, was bringt er uns? All diese glänzenden Augen forschen neugierig und aufmerksam in meinen Zügen. Einzelne haben sich aufgerichtet, um mich besser sehen zu können. Niemand spricht ein Wort, alle stellen die Ohren und es ist ganz einerlei, in welcher Sprache ich rede, die Hauptsache ist, daß sie eine neue Stimme hören.
Da ist zunächst ein Neger. Schwarz und glänzend wie ein gewichster Stiefel, das Gebiß blendend weiß. Er ist eines der hübschesten Exemplare, die ich je sah, das sauberste gewiß, fast noch ein Kind, und versucht sofort, meine Milde durch ein naives, vertrauliches Lächeln zu gewinnen. Ich rede ihn englisch an, da ich bis heute nur Englisch mit Negern gesprochen habe, aber siehe da, er antwortet französisch. Aus dem Senegal. Und wie alt? Zwanzig. „Wo hast du gekämpft?“ – Er zeigt sein schönes Tiergebiß und lächelt. Er weiß es nicht. „Bei Ypern?“ – „Ja, bei Ypern. _Chemin de fer_, hin und her, immer hin und her, _chemin de fer_“ – er radebrecht, gestikuliert, nein, er weiß gar nichts. Vergnügt legt er sich in das weiße Kissen zurück. Nie in seinem ganzen Negerleben ging es ihm so gut, nie so sauber, Gott, er wird sich nie mehr zu waschen brauchen. Er hatte zwei Lungenschüsse, aber das schadete ihm ebensowenig, wie wenn man eine Katze anschießt.
Neben ihm liegt ein Engländer, ebenfalls Lungenschuß. Ein junger, zarter, hellblonder Bursche, der eben aus dem Jenseits zurückkommt. Er hat noch die großen, glänzenden Augen, die man von dort mitbringt, und die durchsichtigen, schmalen Wangen. Er ist aus Birmingham, Kaufmann. Aufrecht sitzt er in seinem Bett, die beiden Hände auf der Decke, und sein Kopf sinkt schwach von einer Seite auf die andre, während er flüsternd antwortet. Er trägt eine Kette mit einem kleinen Kreuz um den dünnen Hals. – „Was bedeutet das Kreuz? Seid ihr Katholiken in Birmingham?“ – „Nein, ich war protestantisch, aber nun bin ich katholisch geworden.“ Eine Nonne steht neben dem Bett, eine belgische Schwester, rotbäckig und gesund, und blickt auf ihr blondes Lämmchen.
„Hier sind Kanadier!“ sagt der Arzt.
Ja, das sind sie. Schmale, feste Schädel, klar gezeichnete Gesichter, kräftige Augen, breite Schultern, die Arme lang gemessen, das Haar weich und kurz. Es sind Amerikaner, ohne jeden Zweifel, wenn sie auch etwas nördlich von den Staaten geboren wurden. Ich sehe mir sie an, und sie betrachten mich mit der gleichen Aufmerksamkeit. Sie wissen genau, daß sie nun an die Reihe kommen, und haben keine Angst.
„Wer von euch war beim Sturmangriff von St. Julien dabei?“
„Wir alle.“
Nun sehe ich, daß sie geschient und verbunden sind. Trotzdem sehen sie gesund und kräftig aus. Es sind Leute, die einen Stoß vertragen können, ausgezeichnetes Material. Sie antworten höflich, aber sie sagen nicht mehr als gerade nötig ist. Allmählich erst werden sie etwas gesprächiger. Sie sind zufrieden, sie beklagen sich über nichts. Jeder deutsche Soldat, mit dem sie es zu tun hatten, war „gut“ zu ihnen. „Nach dem Kriege werden wir uns die Hände drücken.“ – „Aber die englischen Zeitungen? Sie sind die gemeinsten Lügner der Welt!“ – Ihre Augen stehen auf Abwehr. – „Wann seid ihr herübergekommen?“ – „Ich im September, die andern später.“ – „Wieviel wart ihr? Seid ihr in England gelandet oder in Frankreich?“ – Die schönen Augen des Clerks von Toronto sehen mich offen an und schweigen. Er will nicht sprechen. Aber später, als wir mehr Vertrauen zueinander gefaßt hatten, kam er ganz von selbst auf den Transport zurück und sagte mir, daß sie 30000 waren, 21 Dampfer, drei Wochen auf See, in Plymouth gelandet, in England noch ein paar Monate gedrillt. Es war sehr schlechtes Wetter, immerzu Regen, einer ist am Regen gestorben.
„Am Regen gestorben?“ – „Ja!“