Part 4
In dem großen Zechensaal liegen sie, die Tapferen, die für uns gekämpft haben, in langen Reihen. Der Saal ist hoch, luftig und rein und die Betten schneeweiß. Die Fenster stehen offen. Von dem Saal aus blickt man direkt in die Baderäume, die früher den Bergleuten dienten. Nichts fehlt, nichts ist vergessen, für alles ist hier wohl gesorgt. Ärzte und Pfleger bewegen sich zwischen den Betten, Schwestern gibt es hier außen nicht. Leichter oder schwerer verwundet, je nachdem die Schlacht sie losließ, liegen sie da und leiden heroisch, so wie sie vorher heroisch kämpften. Viele schlafen. Sie sind erschöpft, oder das Morphium hilft ihnen über die schlimmsten Schmerzen hinweg. Einzelne stöhnen im Schlaf. Einer hat das Gesicht mit einem Tuch bedeckt, und seine Hände zupfen im Schlaf leicht an der Decke. Es gibt hier blutige Verbände und viel Schreckliches, daß einem das Herz stehenbleibt, aber ohne Blut und Wunden gibt es keinen Krieg. Die meisten sind erst heute nacht und in den letzten Tagen eingeliefert worden. Einer hat den Kopf vollkommen eingewickelt, so daß er aussieht wie eine Wattekugel. Aber zwei frische und muntere Augen blicken aus den Binden hervor. Es gibt hier Gesichter von allen möglichen Farben. Ein gelbes Gesicht mit geweiteten Augen verfolgt mich lange. Der Mann war am Tode, aber der Arzt versichert mir, daß für ihn keine Gefahr mehr besteht. Die meisten Gesichter aber sind, so erstaunlich es ist, braun und frisch, es sind robuste Burschen, die etwas vertragen.
Einer sitzt in seinem Bett, der geschiente linke Arm ist hoch gelagert und an einem richtigen Strick aufgehängt. Mit der Rechten schreibt er eine Feldpostkarte. Ja, er schreibt an seine Frau, daß es ihm gut geht, und er hat keine Lust, sich lange stören zu lassen. Ein junger Unteroffizier lächelt mir mit roten Wangen und hellblauen Augen entgegen. Er ist achtzehn Jahre, blond und frisch, Zögling einer Unteroffizierschule. Er bekam einen Schuß in den Schenkel, wuchtig wie eine große Keule warf ihn die kleine Kugel nieder. Er hat keine Schmerzen, nein, zuweilen ein bißchen, morgen geht es in die Heimat, und bald kommt er wieder.
Aber es gibt hier viele, die nicht schreiben und nicht fröhlich plaudern, und hier gibt es manche, die ihre Heimat nicht mehr sehen werden.
Im Hof sind zwei Krankenautos vorgefahren. Eine Tragbahre steht auf der Erde, und darin liegt ein Kanonier mit verbundenem rechten Arm. Schmutzig und zerrissen, wie er aus der Schlacht getragen wurde, liegt er da, und sein Verband rötet sich langsam vom Blute. Die Stiefel hat man ihm ausgezogen. Sein Gesicht ist braun, fast schwarz und sein Blick stark. Ich sehe, daß er die Zehen in den Socken verkrampft. Die Mütze, eine runde, schirmlose, verstaubte und verknüllte Mütze, hat er noch keck auf dem Kopfe sitzen.
„Haben Sie Schmerzen?“ frage ich ihn und sehe, wie seine Zehen arbeiten.
Er schüttelt den Kopf. „Ein bißchen Schmerzen muß man schon aushalten, es schadet nichts. Ein Volltreffer kam in die Batterie, schweres Kaliber, drei Mann tot, fünf verletzt.“ Er spricht, als stünde er mit Granaten auf du und du. „Die andern sind im Wagen.“
Ich blicke hinein. Es stöhnt da drinnen. Ich gehe.
Im Zimmer des Zechenpförtners liegt ein Franzose. Er liegt allein, nicht weil er ein Franzose ist, sondern weil es schlecht um ihn steht. Seine Wunde ist zu furchtbar, als daß man ihm wünschte, durchzukommen. Er ist ein schöner junger Mann, vielleicht fünfundzwanzig. Sein schmales Gesicht ist bleich und still, seine Augen tiefbraun und noch voller Leben und Bewußtsein. Tagelang wird er noch unterwegs sein, bevor er sein Ziel erreicht.
Die beiden Krankenwagen fahren aus dem Hof, ein voller Wagen kommt herein. Herrlich ist die Hilfsbereitschaft und Unermüdlichkeit der Ärzte und Pfleger und Krankenträger. Es gibt viel zu tun in diesen Tagen.
Mit der Landschaft haben sich die menschlichen Wohnstätten und die Menschen geändert. Es sind keine anmutigen Dörfer mehr, es sind Arbeiterviertel, aus der Großstadt in die Landschaft geworfen. Rußige Backsteinhäuser, staubige Straßen, schmucklose Fenster mit ein paar Fetzen schmutziger Gardinen. Die Bewohner sind keine Dörfler und Bauern, es sind Städter aus den Kellerwohnungen, in billigen, verschlissenen Kleidern. Bleich, schlecht genährt und schwindsüchtig stehen sie untätig vor den Haustüren und starren dem Wagen mit stumpfen Blicken nach. Fahle, greisenhafte Kinder, mit einer Spur von Schönheit, die in den Geschlechtern verklingt, halbwüchsige Burschen mit kecken Mützen, die Zigarette zwischen den schmalen Lippen. Sie greifen an die Mütze, wenn man vorbeikommt, und strecken die Zunge heraus, sobald man vorüber ist. Nur ganz selten kann ich jenen schönen und helläugigen Typus des Arbeiters entdecken, den die Arbeit nicht vernichtete.
In das Industriedorf B. wird zuweilen hineingeschossen. Ein paar Dächer sind abgedeckt, ein paar Häuser zeigen Granatlöcher. Gestern kamen einige Granaten herüber und töteten eine Frau und zwei Kinder. Heute sitzen Weiber und Kinder schon wieder an der Straße, als sei nichts geschehen.
Gleich hinter diesem Dorf sinkt die Straße ins Tal, in die breite Talmulde hinab. Und drüben liegt sie ausgebreitet wie ein Panorama, die berühmte Höhe, die so viel Blut getrunken hat, die Lorettohöhe.
Sie sieht anmutig aus. Golden und grün steigt sie aus der grünen Talmulde empor, breit und sanft, ein flacher Höhenzug, von Hügelketten flankiert. Oben ist sie bewaldet, Laubwald, das Bois de Bovigny. Sie liegt in der glühenden Sonne, und Wolkenschatten ziehen darüber hin. Sie sieht aus wie eine sonnige Höhe in Franken oder in Thüringen oder irgendwo, es ist gar nichts Besonderes an ihr. Ein breiter, sanfter Höhenzug in der Junisonne, der Dunst der Hitze darüber und etwas Wald auf der Kappe, nichts sonst. Und doch ist diese anmutige, sonnige Höhe, die so friedlich aussieht, daß man glauben könnte, Schafe würden dort weiden und Kinder spielen in den Wiesen, heute nichts als ein großer Grabhügel, ein Riesengrab. Tausende und aber Tausende liegen dort, Freund wie Feind. Sie fielen im Herbst, im Winter, im Frühjahr. Viele konnten nicht begraben werden. Sie lagen monatelang in der Sonne, im Schnee, im Regen, und die Erde zerrte an ihnen und zerrte sie langsam in sich hinein. Des Nachts starrten sie aus ihren offenen Augen in die glitzernden Sterne empor, in jene Welt des Friedens und der Herrlichkeit, wo ihre Seelen jetzt wanderten, während ihre Leiber in der Hölle dieser Erde lagen. So furchtbar ist die Wut des Krieges, daß die Gegner sich nicht einmal die Zeit zur Bestattung ihrer Toten gewähren können, wie es Heiden und Wilde taten.
Man wird nun einsehen, daß die Anmut und Lieblichkeit dieser Höhe eine Lüge ist. Dort oben gibt es schauerliche Dinge, an die niemand gern denkt. Es gibt dort Sumpfstreifen, in denen die Toten langsam versunken sind, so daß heute nur noch ein Stiefel oder ein Ellbogen heraussieht. Es gibt Gräber voller Unheimlichkeiten, halb voll Wasser und Schlamm, und ein Schnurrbart sieht aus dem Wasser. Es gibt hier Dinge, die man nicht erzählen kann. Wenn der Bauer einst hier wieder pflügt, so wird er bei jedem Schritt auf Knochen stoßen, auf Stiefel und zerbrochene Gewehre.
Hier oben stand die oft genannte Kapelle von Notre Dame de Lorette. Sie ist heute ein Haufen Trümmer.
Hier oben hat jeder Quadratmeter Boden seine Kämpfe gehabt, seine Toten, sein Entsetzen. Die Erde ist zerfetzt von Granaten. Hier oben hat jeder Weg, hat jede Besonderheit ihren Namen, und an all diesen Namen hängt viel Blut und Heldenmut. Diese Namen werden weiterleben, und die Soldaten, die die Höhe freigab, werden von ihnen sprechen, wenn sie alt sein werden. Da ist die Kanzel, der Hohlweg, der Barrikadenweg, die Schlammulde, die Totenwiese. Diese Namen kehren wieder in den Gefechtsbüchern der Regimenter, die hier kämpften.
Hat jemand gewußt, welche Bedeutung diese Höhe in diesem Kriege hat? Niemand. Zuweilen wurde sie in kurzen Telegrammen genannt. Man wird anfangen, an sie zu denken.
Seit Wochen ist sie unter schwerem Feuer. Auch heute.
Sie _raucht_.
Auf den ersten Blick sieht es aus, als würden auf dem goldgrünen sanften Abhang der Höhe, über den still die Wolkenschatten ziehen, Feuer von Kartoffelkräutern abgebrannt, deren rostbrauner Qualm senkrecht in die heiße Luft steigt. Als ständen hinter der Höhe, hinter dem Bois de Bovigny, Reihen von Fabrikschlöten, die ihren Rauch emporwirbeln lassen. Aber diese dicken Säulen rostbraunen Qualms entstehen urplötzlich, ohne jede Vorbereitung, drei, vier fahren nebeneinander aus der Erde. Sie wechseln ebenso urplötzlich den Ort, bald stehen sie höher, bald tiefer, bald ein paar Kilometer rechts, bald links. Sie sind rostbraun und rostrot und zuweilen schwarz wie Ruß. Es sind die Einschläge der französischen Granaten, die unsere Gräben eindecken wollen. Die Gräben selbst kann man von hier aus nicht sehen, aber an den Einschlägen der Granaten kann man ihre Kurve verfolgen, die sich quer über den Fuß der breiten Höhe zieht. Auch hört man die Einschläge nicht, denn die Geschütze donnern und rollen ohne Pause.
Aus dem Bois de Bovigny wirbelt eine pechschwarze Rauchwolke empor, turmhoch, und in der nächsten Sekunde eine zweite, deren Qualm sich hoch oben mit dem Qualm des ersten Einschlages vereinigt. Deutsche Granaten. Die schwarzen Rauchfahnen hinter dem Wald wehen hin und her, sie steigen an verschiedenen Stellen zur gleichen Zeit in die Höhe, stehen minutenlang und nehmen die Form von Pinien an. Sie verblassen, und ein neuer Krater speit Schwärze und Finsternis in die Luft empor.
In der Talmulde, die so friedlich und sonnig aussieht, hinter den winzigen Häusern da unten, wälzt sich eine safranfarbene Wetterwolke. Sie schwankt schwer und unheilvoll am Boden, hebt sich hoch und steigt dick geballt in die Luft, einen Teil der Höhe verdeckend. Eine schwere Granate, die einer unserer Batterien galt. Wütende Abschüsse. Schlag auf Schlag, die Luft dröhnt. Hinter dem Bois de Bovigny, im Tal gegen Ablain zu, steigt eine schwarze Wetterwand in den blauen Himmel. Wir bleiben ihnen nichts schuldig!
Plötzlich kommt unten in der Talmulde eine rostbraune Granatwolke ins Laufen. Es sieht merkwürdig aus. Es ist ein spitzer Kegel, ein spitzer Wirbel von rostbraunem Rauch, der sich rasch dahinbewegt wie der Rauch eines Eisenbahnzuges. Es ist ein Auto, das da drunten auf dem staubigen Straßenfaden wie toll dahinfegt. Es fährt um sein Leben. Ein weißes Wölkchen steht urplötzlich über dem Auto im heißen Blau des Himmels. Ein Schrapnell. Zu hoch. Ein zweites. Das Auto läuft wie eine Maus, die Angst hat. Es ist toll, hier zu fahren! Droben im Bois de Bovigny sitzt der Franzose mit seinen Scherenfernrohren und sieht jede Katze im Tal. Es sind Offiziere, Befehlsüberbringer. Es muß sein. Durch!
Die Sonne brennt. Es ist drückend heiß, und der Schweiß läuft mir über das Gesicht.
Die Lorettohöhe blinzelt und blinkt. Ein unsichtbares wütendes Fabeltier stampft auf ihr hin und her und reißt den Boden mit den Hörnern auf und schleudert die Erde in die Höhe. Heiß, heiß wie die Hölle muß es dort drüben in den Gräben sein, wo unsere tapferen Jungen liegen. Der Himmel sei ihnen gnädig.
Nachtkämpfe bei Arras
Im Juni
Erstickend heiß, staubig und lärmend waren die Straßen am Tage, und nun genieße ich es, in die sinkende Nacht hinauszufahren. Schon stehen die Sterne blaß am Himmel. Die Bäume rauschen, und die Luft ist lau und erfrischend. Die Dunkelheit erquickt die Augen, die entzündet sind von Staub und Schweiß. Es ist die Zeit, da die Kröten aus den Löchern kommen.
Auf all den dunkeln Straßen der flachen Landschaft wandert und knirscht und knarrt es. Aber es ist ein Lärm ohne Hast und Geschrei, ein Lärm wie im Frieden, wenn die Bauern auf den Markt fahren. Die Kolonnen sind unterwegs. An endlosen Wagenzügen fahren wir entlang, und die schweren Pferde strecken die Schenkel, sobald sie die Hupe hören. Große, vom Lichtschein erschreckte Pferdeaugen glotzen uns argwöhnisch von der Seite an. Es ist das Futter für die unersättlichen Schlünde der Kanonen. Langsam knarren die Wagen dahin. Sie haben keine Eile. Sie haben das Futter zur bestimmten Zeit gefaßt, sie sind zur bestimmten Zeit aufgebrochen, und sie werden auf den Punkt dort eintreffen, wo sie hin sollen. Keine Erregung, kein lautes Wort. Die Fahrer rauchen die Pfeife, sie haben sich behaglich und faul zurechtgesetzt, aber sobald der Wagen vorbeikommt, werfen sie mit einem kurzen Ruck die Nase in die Luft. Die Pfeife behalten sie dabei zwischen den Zähnen, aber niemand verlangt, daß sie hier außen die Pfeife aus dem Mund nehmen. Hier draußen ist vieles anders. Es geht auch so.
Zwischen den dunkeln stummen Pappeln marschiert ohne Tritt eine Kompanie. Auch sie traben gemächlich dahin, sie haben keine Eile. Auf den Punkt werden sie dort sein, und auf den Punkt werden sie im Graben stehen. Ihre grauen Helme wackeln hin und her, und die schweren Stiefel schlagen Staub aus der Straße. Junge Gesichter fliegen vorüber, bärtige, rasche, neugierige Blicke, ein Scherzwort. Sie sind gut ausgeruht, frisch gewaschen und gehen gleichmütig ins Gefecht, als gingen sie zur Arbeit. „Rechts getreten!“ Der Zug an der Spitze tritt zur Seite.
Wieder eine Munitionskolonne. Ein Zug Lazarettwagen kommt ihr entgegen. Wir müssen halten und uns an den muskulösen Schenkeln der Lastpferde vorbeidrücken. In den Lazarettwagen haben sie die Leinwand zurückgeschlagen, um frische Luft zu bekommen. Still und ergeben liegen sie in den Wagen. Einzelne, mit Binden um den Kopf oder mit Armschlingen, sitzen auf dem Bock. Auf der einen Seite ziehen sie hinaus, auf der andern zurück. So ist der Krieg. Neuville, die Zuckerfabrik, Souchez und die Lorettohöhe kosten viel Opfer. Tag und Nacht.
Überall wandert und trappelt es in der Nacht. Am Tag ist hier nicht viel zu sehen, ein paar Autos, ein paar Karren, fast keine Soldaten. Denn am Tage wimmelt es hier von Fliegern wie an keiner Stelle der Front. Am Tage ist hier Ebbe, aber in der Nacht kehrt die Flut zurück, um Gräben und Batterien da draußen zu speisen, und sie verschlingen viel. Nacht um Nacht ist es das gleiche, bei uns wie bei ihnen da drüben.
Achtung! Wir müssen zur Seite. Ein paar Autos kommen wie die Hölle angeritten. Es sind Befehlsempfänger, die von den Stäben zum Oberkommando jagen, und sie kennen keine Gnade. Die Mützen über den Schädel gestülpt, die Köpfe eingezogen im Luftzug, fliegen sie vorüber.
Ein schweres Geschütz, von sechs Pferden gezogen, kraucht durch die Nacht. Zur Front, wie alles. Es läßt den Kopf hängen und scheint auf der Lafette zu schlafen wie ein müdes ergrautes Walroß. Aber die Kanoniere da draußen werden es wachrütteln, und es wird seine Arbeit wieder aufnehmen wie in der letzten Nacht. Wird seinen grauen Kopf heben und zum Himmel emporbellen.
Ein matterleuchtetes Fenster. Ein Dorf. Der Posten tritt vor und mustert rasch Wagen und Insassen. Das Dorf ist stockfinster. Keine Lampe, nichts, keine Bewohner. Ein paar Soldaten sitzen in Hemdärmeln in den finsteren Haustüren. Wieder Chaussee. Wieder Kolonnen. Stille finstere Dörfer. Der Wagen biegt ab, passiert eine schnurgerade Straße schwarzer Arbeiterhäuser. Er hält bei einer Zeche.
In wenigen Minuten sind wir oben auf dem dunkeln, öden Schlackenhaufen. Ich hole Atem. Was ich sehe, ist ein nächtlicher Spuk.
Ich will versuchen, es zu beschreiben, obschon es unmöglich ist. Niemals aber werde ich imstande sein, mein Erstaunen auszudrücken, als ich es zum erstenmal sah: nicht mehr ist es und nicht weniger als ein Feuerwerk des Teufels.
Zuerst sehe ich nichts. Die dunkle Halde, der Zechenhof. Ein paar Fabrikschlöte, der Förderturm, dunkle Wände mit schwarzen hohen Kirchenfenstern. Schuppen, Bahngeleise. Die Dächer einer Arbeiteransiedlung, alle gleich hoch, gleich groß, wie Treibhäuser.
„Dort unten liegen zwei französische Spione begraben,“ sagt die Stimme des Offiziers an meiner Seite. „Dort bei den Schuppen. Vor dem kleinen Schuppen, ein paar Schritte nach rechts.“
Nun entdeckte ich den Grabhügel. „Waren es wirkliche Spione?“
„Ja. Zwei Offiziere. Sie hielten sich lange Monate in Douai verborgen. Dann verkleideten sie sich als Frauen, ein schmutziges Straßenmädchen nahmen sie noch mit. Aber sie wurden gefaßt.“
Ich bin ungläubig. Es klingt wie ein Märchen.
„Es ist wahr. Ich sah sie sterben. Sie leugneten gar nicht, sie gestanden es ein. Sie starben gefaßt und mit Würde, wie Offiziere. Es waren zwei mutige Burschen.“
Elend sieht dieser helle Fleck bei den Schuppen drunten aus. Mich fröstelt. Die Frösche quaken in den Wiesen, die dunkeln Baumwipfel bewegen sich. Die Kanonen brummen und pochen. Man gewöhnt sich daran; Tag und Nacht hört man hier nichts anderes, selbst wenn man schläft. Man hört nicht mehr hin, nur wenn eine schwere Batterie donnert und trommelt, wendet man den Kopf. Hinter den Arbeiterhäusern dehnt sich das mächtige Land, gespensterhaft durchsichtig im Licht der Sterne. Und aus dem fahlen Lande, am Horizont, steigen dunkle Höhenzüge empor, scharf abgegrenzt gegen den graublauen Nachthimmel.
„Das da links ist die Höhe von Vimy. In der Mitte, der breite Rücken, das ist die Lorettohöhe, und rechts davon, das sind die Höhen hinter Aix-Noulette.“
Plötzlich steigt hinter der Lorettohöhe ein weißer, sprühender Mond empor und bleibt minutenlang stehen. Kreidebleich ist ein Teil der Höhe. Der Mond sieht aus wie ein Leuchtfeuer, das auf das Meer hinaussprüht. Plötzlich aber sind es zwei, drei, sechs Monde, die über den Höhenzügen schweben, ein Viertel des Horizontes beherrschen sie. Hinter den dunkeln Höhen wetterleuchtet es unaufhörlich, ein Feuerstrahl, rot und flammend, dick wie ein Balken fährt schräg aus dem Wald auf der Höhe heraus. Die Monde sinken, ganz langsam, und verlöschen. Aber schon stehen neue über den Höhen. Weitab links blinzelt ein rötliches Feuer am Himmel, wie ein entzündetes Auge. Ein Blinkfeuer im Dunst. Im Norden antwortet eine grüne Kugel, die rasch steigt und rasch verlischt. Die Geschütze trommeln. Ein paar sanfte schöne Sterne versprühen, Schrapnelle. Aus der Lorettohöhe schießen, dicht nebeneinander, zwei Fühlhörner empor, mit glühenden Kugeln an den Enden. Blitze fahren über das Land und den dunkeln Himmel. Die Sterne verblassen. In der Ebene poltert und kracht es. Fahle Lichtgarben, stumpf wie Rasierpinsel, stehen in der Ebene: Einschläge von Granaten. Ein Rudel roter Leuchtkugeln. Ein gelber Halbmond, der traurig und trüb verglimmt, schauerlich wie über hoffnungsloser See.
Es ist wie ein toller Spuk, ein Traumgesicht. Das höllische Feuerwerk zuckt und spielt, jede Sekunde sprüht es anders, schöner, wilder.
Diese Lichtsignale sprechen zu den Batterien. Alles können sie lautlos in den Himmel emporsprühen. Und die Geschütze antworten, sie verstehen alles, sie antworten präzis und unerbittlich.
Früher dauerten Schlachten ein paar Stunden, höchstens ein paar Tage. In der Nacht standen sie still. Heute dauern sie wochenlang und der Tag ist zu kurz, in der Nacht wüten sie weiter.
Über der Lorettohöhe stehen nebeneinander, in gleicher Höhe, drei rote Monde und glühen zu uns herüber. Grüne Raketen fahren gespenstisch in die Höhe. Horch! Durch das Poltern und Trommeln der Geschütze hindurch, in den sekundenlangen Pausen zwischen den dumpfen Schlägen hört man deutlich das rollende Gewehrfeuer und das Knattern der Maschinengewehre. Es klingt, als würde ein Wagen voll Kohlen ausgeschüttet. Angriff!
Wieder greift Joffre an. Gestern nacht griff er an sechs verschiedenen Stellen an und dreimal an ein und derselben. Um zehn, um ein Uhr und um drei Uhr. Unsere Leute sind hart wie Stahl. Sie halten Unmögliches aus. Die Maschinengewehre mähen die französischen Kolonnen dahin, ganze Züge fliegen in die Luft, Lawinen von Leibern rollen über die Abhänge. Aber Joffre greift an! Man hat mir gesagt, wie hoch man seine Verluste schätzt, es sind irrsinnige Zahlen, ich wage sie nicht niederzuschreiben. Und doch wirft er Regiment um Regiment ins Feuer. Er erscheint mir wie ein nervös gewordener Spieler, der verloren hat und nun sein Geld aus allen Taschen reißt, Ringe und Uhr, und alles auf den Spieltisch schmeißt, um das Glück zu zwingen.
„Es ist bei der Schlammulde,“ sagt mein Begleiter.
Nichts ist mehr zu hören. Die Stimmen der Kanonen überbrummen alles, die Dunkelheit deckt alles zu, was dort geschieht und geschehen ist. Besser, es nicht zu sehen! Es mitzumachen ist möglich, es mitanzusehen, wäre unmöglich.
Feuerschein steht hinter der Höhe von Vimy. Er verblaßt. Es blitzt und wetterleuchtet, donnert und rumort. Feuerbalken fahren aus dem dunkeln Wald der Lorettohöhe wie ungeheure Stichflammen in die Nacht. Und ununterbrochen steigen Monde und fremde, nie gesehene Sonnen in die Nacht empor. Sie stehen da und dort, überall, bald sechs, acht zur gleichen Zeit, bald zwei, bald nahe, bald fern! Ein Mond sinkt herab und blinzelt im Fall, Scheinwerfer tasten: das Mündungsfeuer ferner Batterien. In der dunkeln Ebene tanzen fahle Lichtgarben. Grüne, rote Meteoriten, die hochfliegen und langsam sinken. Schwer und gewaltig schlägt eine deutsche Batterie da unten, sie saugt den ganzen Lärm auf und schlägt einen rasenden Wirbel. Und wieder steigt ein Schwarm gespenstischer leuchtender Bälle in die Nacht.
Es ist eine Gespensterküste mit hundert wechselnden und fremden Feuern, die sprühen und blinzeln, eine höllische Küste mit unverständlichen Signalen. Ich kann mir denken, daß ein Seemann, der ein Leben lang die Küsten aller Kontinente ansteuerte, im Fieber, im Wahnsinn eine Küste wie diese erblickt und verzweifelt vor diesen fremden, verwirrenden Feuern.
Ja, wohlverstanden, es ist die Küste eines fremden, geheimnisvollen Landes, und viele von denen, die da drüben kämpfen, werden noch in dieser Nacht, in dieser Stunde ihren Fuß auf das ferne, unbekannte Gestade setzen.
Ein tapferes Regiment
Im Juni
Was ist das Regiment? Das Regiment ist alles. Es ist Anfang und Ende, Offizier und Mann sterben dafür. Offizier und Mann gehören sich nicht mehr selbst, sie gehören dem Regiment. Ihre Ehre ist die Ehre des Regiments. Sie haben zu seiner Fahne geschworen, seine Fahne ist heilig, und die Eide werden besiegelt mit heißem Blut. Das Regiment will! Es geschieht. Das Regiment befiehlt! Es ist getan. Offizier und Soldat, sie können sterben bis zum letzten Mann, das Regiment stirbt nicht. Das Regiment ist ein Glaube, eine Religion, es ist alles. So war es, seit es Regimenter gab, und so muß es sein, solange es Regimenter gibt.
Hunderte stehen heute am Feind, Hunderte von Regimentern. Alle, Offizier und Mann, von all den Hunderten von Regimentern wissen wohl, was es bedeutet: _das Regiment_! Und die Kommandeure all der Regimenter, sie wissen es wohl. Sie sterben für die kleinste Faser der heiligen Standarte. So muß es sein.
Hier soll berichtet werden von einem tapferen badischen Regiment. Es ist nicht tapferer als andere, es ist ebenso tapfer wie sie, aber es hatte schwere Arbeit zu leisten in den ersten Maitagen, droben auf der Lorettohöhe, und deshalb will ich von ihm berichten.
Am 20. November bezog das Regiment die Stellungen auf der Höhe. Diese Stellungen! Mit ihren Gräben, Sappen, Verbindungsgängen und Horchstollen sehen sie auf der Karte aus wie das feine Geäder des Auges. Bei Ablain begannen sie, stiegen hinauf zur „Kanzel“, einer Kuppe, und zogen quer über den Ostabhang der Lorettohöhe, an der Kapelle Notre Dame de Lorette vorüber, hinab zur Schlammulde.