Der Krieg im Westen

Part 12

Chapter 123,822 wordsPublic domain

Die ganze Gegend bei La Bassée ist jammervoll. Leer, elend. Gräber, Granattrichter, zersplitterte Bäume. Die Felder verkommen und verwildert. Wo sind die Menschen? Sie sind längst geflohen vor den englischen Granaten! Sie wurden zerrissen in ihren Bauernbetten, die Granate zerschmetterte sie, während sie Futter für ihre Ziege holten. So blieb ihnen nichts anderes übrig, den Unglücklichen, die sich verzweifelt an ihre Scholle klammerten. Sie hielten es wochenlang, monatelang aus. Im Herbst sah ich oben bei Illies in einem Dorf eine alte Frau vor ihrem Häuschen sitzen und Kartoffeln schälen, während das Dorf (ich glaube Herlies) unter schwerem Feuer lag. Es gab bleiche Gesichter unter den Soldaten, aber die Alte schälte inmitten des Geschützgewitters ihre Kartoffeln ruhig und gleichmütig, und zu ihren Füßen spielte ein sechsjähriges Mädchen. Sie wollte lieber sterben, als das Stück Erde verlassen, das sie seit sechzig Jahren bewohnte. Viele starben so. Dorf um Dorf beschoß der Engländer; um einen Soldaten zu töten, tötete er drei Franzosen, aber es waren ja keine Engländer, auf die er feuerte. Die Dörfer leerten sich, eines ums andere, und heute sind sie ausgestorben.

Dörfer, Städtchen, Weiler und Gehöfte, wie mit einem großen Hammer zerschlagen sehen sie aus. Sie sinken zusammen, täglich etwas mehr, die Granate frißt sie auf. Sie sind nur noch Gespenster und Gerippe von Wohnstätten, aber der Engländer funkt täglich in die Ruinen, bald wird keine Mauer mehr stehen. Es ist ein billiges Vergnügen und kostet ihn keinen Pfennig. Sind es etwa seine Dörfer und Häuser? _Oh, by Jove, no!_ Er wird eines Tages seine Kanonen zusammenpacken und nach Hause fahren, und der Franzose kann bezahlen. Man soll ihm nicht nachsagen können, er habe nicht gearbeitet. Von der Nordsee bis südlich La Bassée hat er alles kurz und klein geschossen. –

Die Sonne blendet durch die zerfetzten, zerfallenen Häuser. Kein Mensch weit und breit. Granatlöcher größten Formats, viele ganz frisch. Ein zertrümmerter Wagen. Die Granate packte ihn und warf ihn ins Feld. Ein Schild: Violaines. Das Dorf ist ein Grab, mich fröstelt trotz der heißen Sonne.

Wir verlassen die Straße und wandern querfeldein, um nach La Bassée zurückzukehren. Die Geschütze brummen.

Plötzlich weint es böse in der Luft, eine, zwei Sekunden, und mit lautem, hartem Krach schlägt die Granate in das letzte Haus von Violaines, das wir soeben verlassen haben. Die Dachziegel fliegen durch die Luft wie ein aufgescheuchter Taubenschwarm, und schwarz wälzt sich die Wolke aus dem Hause. Wir sehen einander an. Was nun? Wieder schlägt dumpf ein Geschütz. Wir horchen. Schon kommt sie näher, sie weint und klagt, mit hoher Stimme, krach! Panzerplatten, die gegeneinanderschlagen. Grauschwarz, mit böse gekräuselten Rändern, wie Hagelwolken sie haben, brodelt die Wolke empor. Es sind schwere Schiffsgeschütze, Kaliber 28. Nun machen sie Ernst! Das Geschütz schlägt, unser Geschütz, wir kennen nun seine Stimme.

Wir schwingen die Beine. Aber sobald die Granate da oben weint und winselt, bleiben wir stehen und horchen. Qualm wirbelt aus einer Scheune in die grelle Sonne. Der nächste Einschlag ist gottlob ferner. Ein schwefelgelber Rauchklumpen, der braungelb verweht, liegt im Felde und reckt sich. Eine Schwefelgranate. Das Feuer zieht sich nach La Bassée hin. Dazwischen kracht es scharf und hart: ein Schrapnell. Es streckt seine grauweißen Fangarme gierig in die leere Luft. Wir stoßen auf eine Batterie, die im Feld eingegraben ist.

Die Kanoniere, sechs an der Zahl, stehen hinter den Geschützen, die Arme verschränkt, in Hemdärmeln, lachend und vergnügt, als fingen sie 28er Schiffsgranaten mit der bloßen Hand auf. Sie haben nur eine kleine Mauer aus Sandsäcken aufgebaut, die ihnen den Rücken decken soll, wenn sie an den Geschützen arbeiten. Neugierig lassen sie uns herankommen. Sie stehen keineswegs in Deckung, sie stehen im freien Felde, wie es sich für einen Kanonier gehört.

Meine Begleiter sind hohe Stabsoffiziere, aber das kümmert die Kanoniere wenig. Sie sind die Herren dieses Feldes, das ist offenbar, und es ist schon eine große Freundlichkeit, wenn sie uns passieren lassen.

„Guten Morgen!“

„Gut’ Morg’n!“

Sie wackeln ein bißchen mit den Beinen, rücken die Stiefel zusammen und bringen die Hände flüchtig in die Gegend der Hosennaht. Große Umstände machen sie nicht mit uns. Offizier und Mann, sagen sie sich, hier außen ist das schon so ziemlich eine Sache.

Es sind ganz prachtvolle Burschen. Kaltblütig und ruhig stehen sie hier, während ein paar hundert Meter entfernt die schweren Granaten einhauen und jederzeit eine Granate abschwenken kann.

Ein langer, der größte von ihnen, blinzelt belustigt. „Dicke Luft!“ sagt er und freut sich. Die Mütze sitzt ihm keck auf dem Ohr, die nackten braunen Arme hat er über dem offenen Hemd verschränkt. „Dicke Luft,“ sagen die Grauen, wenn es etwas lebhaft zugeht.

„Kann man quer durchs Feld nach La Bassée gehen?“

„Das kann man schon!“ antwortet der Lange.

„Übernehmen Sie die Garantie?“

„Jawohl, die übernehme ich. Aber bleiben Sie bei der Fabrik dort nicht stehen. Da schießt er immer hin!“ Keck und forsch ist der Lange. Seine Kameraden sollen sehen, daß er nicht gleich die Fassung verliert, wenn ein paar Stabsoffiziere kommen. Das wäre noch schöner.

Wir sind keine zwanzig Schritt gegangen, da ruft uns der Lange nach: „Immer ein bißchen fix, sonst garantiere ich für nichts.“ Sie lachen. Ich drehe mich um und sehe, daß sie die Mäuler vor Vergnügen aufreißen. Es amüsiert sie, daß wir durch die „dicke Luft“ hindurch müssen, während sie es so behaglich bei ihrem Dutzend Sandsäcken haben. Kleiner und dünner werden sie im Feld, aber ihre roten Gesichter sind immer noch auf uns gerichtet. Sie wollen sehen, wie wir hinüberkommen.

Die Granate singt und pfeift, hoch oben, und schlägt links in die Fabrik. Hat er es nicht gesagt, der Tausendsasa? Rechts liegt das Feuer auf La Bassée und links auf der Fabrik. In der Mitte müssen wir hindurch, denn wir haben unser Auto in La Bassée eingestellt. Die englischen Granaten haben eine unserer Batterien aufgeweckt, und nun kracht sie dazwischen. Fegt die Granate hinüber, herüber? Es ist schwer zu sagen.

Das ist eine hübsche Sache geworden, alle Wetter! Wir gehen hintereinander und pflügen uns den Weg durch Kräuter und Stauden. Die Sonne brennt, und der Schweiß steht auf unseren Gesichtern. Alle paar Augenblicke müssen wir über Telephondraht klettern. Und wieder schlägt unser Geschütz. Wir hören es deutlich aus dem Brummen und Pochen in der Ferne heraus. Nun haben sie abgerissen und die zwei Zentner auf die Reise geschickt. Die Granate fegt ihre Bahn. Es dauert viele Sekunden, bis sie herankommt. Sie weint, sie klagt, als sei sie in der Klemme und nicht wir. Näher, immer näher. Was in der nächsten Sekunde geschehen wird, wissen wir nicht. Sie ist vorüber. Einschlag – dort!

La Bassée kommt näher, ganz langsam.

Es ist ein großer Unterschied, ob man selbst feuert und zusieht, wie etwas beschossen wird, oder ob man persönlich dabei engagiert ist, ohne Frage.

Bei den ersten Häusern kommt eine Granate angewinselt, näher und näher, aber plötzlich ist sie wie weggeblasen. Ein Blindgänger.

Nun, da sind wir. Wir atmen auf. Die Häuser geben ein Gefühl der Sicherheit. Gegen einen Volltreffer ist nichts zu machen, natürlich, aber gegen Splitter ist man immerhin einigermaßen gedeckt.

Die erste Straße ist ganz leer. In der zweiten sehen ein paar Feldgraue gemütlich aus dem Fenster. Sie sind unbekümmert und sorglos wie die Kanoniere draußen im Felde. Ja, sonderbare Burschen sind diese Grauen, das muß man sagen!

„Was macht ihr hier?“

„Wache!“

Sie rauchen und haben es sich in der Stube behaglich gemacht. Daß ein bißchen geschossen wird, das kümmert sie nicht. Stürzt das Haus zusammen, so ziehen sie eine Tür weiter.

In der leeren Straße will ein Fuhrwerk umwenden. Es ist mit zwei starken Pferden bespannt, und die Stränge sind in Unordnung gekommen. Vor, zurück, die schweren Pferde drängen gegen die Deichsel. Ärgerlich steigt der Fahrer vom Bock, und Mann und Kutscher fluchen. Es ist schließlich kein Vergnügen, in einer Stadt, die unter Feuer ist, stecken zu bleiben. –

An den Hauswänden der toten, zerfetzten Stadt wandern wir entlang, und sobald die Granate pfeift, nehmen wir Deckung.

Auto. Wir fegen mit Vollgas davon.

Lebe wohl, La Bassée!

Es passieren aber doch die sonderbarsten Dinge! An einer Wegkreuzung halten wir. Ein General, hoch zu Roß, kommt des Weges. Exzellenz befinden sich auf dem Morgenritt.

„Geht es hier nach La Bassée?“ fragt der General.

„Jawohl, Exzellenz.“

Der General reitet weiter. Wir sehen einander verblüfft an. Nun, Exzellenz werden heute wohl den Morgenritt abkürzen!

Der Herr der Haubitzen

Im September

Draußen in den Gräben von La Bassée und Violaines hörte ich plötzlich seinen Namen wieder. Von einer berühmten Batterie war die Rede. Als die Engländer einen Überfall ohne Artillerievorbereitung ausführen wollten, legte die Batterie innerhalb von dreißig Sekunden ein Höllenfeuer vor unsere Drähte, der Überfall brach kläglich zusammen. Dreißig Sekunden nach dem telephonischen Anruf krachte der erste Schuß! Ich verstehe nichts von Artillerie, aber ich begreife, daß es etwas ganz Unerhörtes ist. Laden, richten, Schuß! Und darauf Wirbelfeuer. Überhaupt diese Batterie! Man brauchte nur anzuklingeln und hatte die Granaten gerade da, wo man sie haben wollte, Tag und Nacht, es war ganz einerlei. Die Offiziere priesen die Batterie, ein Kanonengenie, Hauptmann H. heißt er.

Ich kenne ihn. Plötzlich erinnerte ich mich auch, daß er, der mich durch sein ganzes Wesen bestach, so daß ich ihn nicht mehr vergessen werde, daß er mir sagte, er stehe gegenwärtig bei Violaines. Seht an, er war es also!

Ich fuhr mit ihm im Zuge, und er erzählte. Er fuhr in Urlaub, seit Kriegsbeginn zum erstenmal. Er hatte Glück, es gab viel Arbeit, und eigentlich war es gerade jetzt unmöglich abzukommen, aber er hatte, wie gesagt, Glück. Er hatte keine Batterie mehr, und aus diesem Grunde konnte er nach Hause fahren. Auf ein paar Tage.

Keine Batterie mehr?

Ja, sie hatten ihm ein paar Geschütze kaputt geschossen in den letzten Tagen, schweres Kaliber, englische Schiffsgeschütze, und das übrige Zeug, das er hatte, war total ausgeschossen. Das Dreifache, Vierfache hatte er gefeuert, was man normalerweise einem Rohr zumuten dürfe, in Friedenszeiten, aber schließlich sei es eben doch mit den Rohren zu Ende gegangen. Nun also müsse er neue Geschütze haben, denn es ginge einfach nicht mehr, und diesem Umstand verdanke er seinen Urlaub.

Er trauerte seinen Geschützen nicht nach! Er war in bester Laune.

Mein lieber Hauptmann, denke ich mir, Sie haben Ihre Batterie verloren und sind nicht im geringsten niedergeschlagen? Am Ende verstehen Sie Ihre Sache doch nicht recht?

Aber es war ihm ganz einerlei, was ich dachte. Er war seiner Sache sicher und guter Dinge.

Übrigens sah ich außen an der Front nie einen Offizier, der so viele Auszeichnungen trug. Alle Knopflöcher hatte er voll und das Eiserne Erster auf der Brust. Das machte mich immerhin stutzig. Denn er war sehr jung, kaum fünfunddreißig. Er sah gut aus und war von jener seltenen Männlichkeit, die es sich leisten kann, anmutig und liebenswürdig zu sein, ohne feminin zu wirken. Er glich Theodor Körner, er war schön. Einmal nahm er die Mütze ab, und da sah ich, daß er hellblondes Haar hatte, das sich in Locken legte wie bei Knaben. Seine Augen waren hellblau und heiter.

Und doch war er (wie ich später erfuhr!) der berühmte Batteriechef H. – Trommelfeuer in dreißig Sekunden, auf telephonischen Anruf, usw.

Er sprach sehr laut, er schrie, wie Leute, die immer in freier Luft leben und ein lärmendes Handwerk betreiben.

Er erzählte hundert Dinge im Gespräch durcheinander, aber was ihn als Batteriechef beleuchtet, das will ich hier wiedergeben.

Er war an vielen Stellen der Front während des Krieges. Wo es besonders heiß herging, da war er dabei. Zeitweise war er eine reisende Batterie, die Gastspiele gab. In den schweren Tagen von Ypern wurde er hinauf in die Gegend von Langemark geworfen. Es ging toll zu, und er mußte augenblicklich eingreifen. Er fuhr auf und feuerte los! Ja, seine Kanoniere, was sind das für Burschen! Ehe man sich umdreht, versinken die Geschütze in der Erde, eins, zwei und weg sind sie! Sie werden eingebaut, daß sie sich nach dem Schuß kaum regen, und das neue Einstellen geht blitzschnell. Das alles machen sie, ohne daß er ein Wort zu sagen hätte, sie verstehen es viel besser, als er es je verstehen könnte, es ist gar nicht zu sagen, was sie im Laufe des Krieges gelernt haben. Es sind Kerle! Richten also ist kaum mehr nötig nach dem Schuß. Ja, Donnerwetter, was für Richtkanoniere er aber auch hat. Und dann geht es los, wie gesagt. Granate eingeschoben, Verschlußstück zugeschraubt, ausgerichtet und Schuß! Sie haben die Sache nun heraus. Die Granaten wandern blitzschnell über Arme und Hände, es ist richtiges Schnellfeuer, und niemand hielt es früher für möglich, so rasch zu feuern, dreimal rascher als zu Anfang des Krieges; einfach unglaublich. Rasch, immer rasch! Sie kümmern sich Tod und Teufel um die Granaten, die herüberkommen, sie feuern.

Ja, bei Langemark, alle Achtung, da wurden sie schon nach einer halben Stunde zugedeckt. Es wimmelte von Fliegern in der Luft. Abrücken! Im Feuer! Ein Geschütz geht zum Teufel, ein paar Leute bekommen etwas ab und zwei Pferde bleiben liegen. Weiter!

An anderer Stelle haben sie mehr Glück. Sie feuern, bis sie umfallen. Befehl, abends: da- und dorthin. Verladen in der Nacht, am nächsten Morgen sind sie schon wieder in Stellung. Hier steht Rad an Rad, die guten Plätze sind besetzt, Flieger oben, schon sind sie entdeckt. Abrücken. Strahlenförmig spritzen die Geschütze mitten im Feuer übers Feld. Doch nichts geschieht. Haha, ja es war wirklich eine tolle Geschichte.

Nun haben sie es aber gut getroffen. Sie liegen ein paar Wochen unentdeckt. Hundert Meter von der Batterie steht ein zerschossenes Gehöft, und so oft ein Flieger erscheint, machen sie Rauch in dem Gehöft, und die Engländer feuern wütend in die Ruine. Am Abend und in der Nacht lassen sie einen Feuerstrahl aus dem Gehöft fahren, bei jedem Schuß, den sie abgeben, und der Engländer schießt das Gemäuer in Grund und Boden. Und die Kanoniere lachen, es macht ihnen heidenmäßigen Spaß. Wochenlang denselben Scherz, sie lachen bei jeder Granate, die in das Gehöft fährt, denn sie haben Sinn für Komik. Überhaupt, was für Leute!

Der Hauptmann rückt begeistert die Mütze über das blonde Haar.

Dann kamen sie zur Lorettoschlacht in eine ganz windige Ecke. Später nach La Bassée hinauf. Im Herbst waren sie in Lothringen. Vom ersten Tage waren sie dabei. Er, der Hauptmann, fast täglich vorn in den Gräben zur Beobachtung. Fesselballon, Flugzeug. In Lothringen, seinerzeit, gelang ihm eine glänzende Sache. Es kamen da plötzlich ganz schwere Dinger auf die Gräben geflogen. Alle Welt staunte, was war das? Flieger gingen hoch. Nichts zu finden. Der Franzose mußte ein außergewöhnlich weittragendes Geschütz aufgestellt haben. Aus den Gräben kam die Meldung, daß man die Granaten kurz vor dem Aufschlag ankommen sehe. Sofort ist der Hauptmann draußen. Es gehören Nerven dazu, den Kopf gerade in dem Augenblick aus dem Graben zu stecken, da so ein „alter Herr“ ankommt und einschlägt. Erst zuckt der Hauptmann zurück, aber es muß sein. Jawohl, man sieht sie kommen. Er schneidet die Kurve an, berechnet und findet auf diese Weise ungefähr Richtung und Standort. Flugzeug! Immer höher und weiter. Nichts regt sich, aber in der Nähe des berechneten Standortes kommt dem Hauptmann ein Wäldchen verdächtig vor. Dahin dirigiert er das Feuer seiner Haubitzen. Am andern Morgen fliegt er wieder darüber: das Wäldchen ist zerschossen. Das weittragende Geschütz ist seither verstummt.

Und so geht es weiter. Haubitzen, Granaten, Beobachtungsstände, Sprengstoffe, Flugzeuge, Trommelfeuer. Die helle Stimme des frischen, jungen Hauptmanns mit den vielen Bändern klingt und schmettert. Die Batterie, ja, er liebt seine Batterie, er liebt es, darauf loszufeuern, er liebt seine Leute. In acht Tagen wird er ganz neue Geschütze haben, dann kann es wieder losgehen. Zwölf Monate lang macht er die Sache schon mit, zwölf Monate ohne Unterbrechung lacht er dem Tod ins Gesicht. Seine Kanoniere fielen, seine Kameraden sanken in die Erde, Tausende von Feinden hat er vernichtet, er, der Herr der Haubitzen. Ich suche in seinem jungen Gesicht nach irgendeinem kleinen Zug von Ermüdung, Nervosität, Leid – nicht eine Spur ist zu finden. Hut ab vor dem Hauptmann!

Neulich aber wäre es ihm bald übel gegangen. Er hatte sich da seinen Beobachtungsstand in ein zerschossenes Haus aufs Dach gebaut, plötzlich kam eine Granate und schlug ausgerechnet in das Haus. Im nächsten Augenblick stürzten sie, sein Unteroffizier und er, mit Balken und Brettern vom Dachfirst in das Erdgeschoß hinab. Sie fielen durch eine rote qualmende Wolke und waren ein paar Minuten betäubt. Nichts geschehen, ein paar Schrammen, das war alles. Der Unteroffizier aber sagt: „Ich muß hinauf, Herr Hauptmann und den Batterieplan holen!“ –

Der Hauptmann lacht. Ein kerniges und gewinnendes Lachen.

„Hat er ihn geholt?“

„Natürlich! Das ist ja ein prachtvoller Kerl, dieser Unteroffizier, den sollten Sie kennen – haha!“

Ich steige aus. Der Hauptmann fährt weiter. Morgen nachmittag um sieben Uhr wird er in Starnberg sein, bei seiner Frau. Sie weiß nicht, daß er kommt. Er will sie überraschen.

Wie eine Granate kommt er aus La Bassée in das stille Haus am Starnberger See geflogen.

Der siegreiche Angriff in den Argonnen am 8. September

1

10. September

Am Vorabend des Kampfes erlebe ich den Angriff in allen seinen Phasen auf der Karte. Ich bin Gast bei Exzellenz, dem Kommandierenden, und seine Offiziere erklären mir die geplanten Operationen. Sie sprechen sachlich und klar, mit der Ruhe von Leuten, die ihrer Sache sicher sind. Weiß zieht und gewinnt, matt in drei Zügen. Auf dem Papier sieht es aus wie eine Schachpartie, aber nur auf dem Papier. Unsere Figuren sind aus Fleisch und Blut, und Regeln und Gesetze gibt es in dieser blutigen Partie nur so lange, als man die Kraft hat, sie dem Gegner vorzuschreiben.

Aus den Argonnen dröhnt dumpf Geschützdonner, aber es ist das normale Abendfeuer, und niemand hört es mehr, so sehr sind sie daran gewöhnt. Die Karte liegt auf dem Tisch unter der elektrischen Lampe, und mein Instruktor, der Jäger, treibt mit den feinen gepflegten Händen die Regimenter vor bis zur Linie, die sie erreichen sollen. Er läßt die im Wald und in den Bergkuppen stehenden Batterien feuern, die Minenwerfer, er trommelt die feindlichen Gräben ein, umgeht, flankiert starke Stellungen. Ich sehe den ganzen Sturm vor Augen.

Das Telephon klingelt. Herr Major. „Jawohl, die und die Batterie feuert soundsoviel Schüsse, zu der und der Zeit. Das ist das Zeichen, jawohl. Guten Abend!“ Trotz aller Ruhe schwingt eine leise Erregung im Hause. In den Argonnen bin ich nicht mehr fremd. Ich finde mich auf der Karte leicht zurecht, ich kenne zum Teil das Terrain und unsere Stellungen. Hier ist Four de Paris, nahe am Tal der Biesme. Die Gräben klettern von hier aus über die Hubertushöhe. Dann werden sie unterbrochen von der Schlucht des Charmesbaches, setzen sich fort über die Höhe, die den sonderbaren Namen Eselsnase trägt, bis hinüber zur Houyettemulde. Zum großen Teil sind dies die Stellungen, die die Argonnenleute dem Feinde im Juni und in den ersten Tagen des Juli wegnahmen. Jene Barre aus Stacheldraht, Maschinengewehren und Minenstollen, die sich Cimetière, Bagatelle, Grüner Graben, nannte.

In diese Stellung hinein ragt bogenförmig ein neues starkes französisches Werk, eine Festung aus Stollen, spanischen Reitern, Drahtbarren, Minengängen, Schluchten und Blockhäusern und unterirdischen Forts, eine Festung, aus der der Tod in hunderttausendfältiger Gestalt springt, wenn man sich ihr nähert: das Werk Marie-Thérèse.

Morgen soll es in unserer Hand sein. Morgen Punkt acht Uhr werden die Batterien einen Hagel von Eisen auf das Werk werfen, sie werden es in Stücke zerreißen, morgen um elf Uhr werden wir es stürmen!

Ob ich alles verstanden habe? Jawohl, alles. Nichts ist einfacher, klarer. Nichts ist verwickelter und unverständlicher. Es ist ein Schachspiel, in dem der Zufall eine mächtige Rolle spielt. So scheint es mir. Der Jäger zu Pferd telephoniert an die verschiedenen Stellen, die Uhren müssen genau gerichtet werden. Ein paar Minuten Differenz können zum Verhängnis werden. Jede Kleinigkeit ist besprochen, alle Vorbereitungen sind bis in die kleinsten Details getroffen. Minenstollen, Munition, Handgranaten, Gasmasken, Granaten, Wasser, Nahrungsmittel. Jede Kompanie weiß genau, was sie zu tun hat, jeder Zug, jeder Pioniertrupp, jeder einzelne Mann. Sobald er den Fuß aus dem Graben setzt, folgt er einer Reihe genau gegebener Befehle, – wenn er nicht fällt. Was moderne Kriegskunst vermag, ist geschehen. Der Angriff ist schon gelungen, Marie-Thérèse gehört in Wahrheit schon uns, – obwohl noch kein Mann die Gräben verließ. So muß es sein.

Wir begeben uns in den Gesellschaftsraum und sitzen in Sesseln um den Kamin. Vom Angriff wird nicht mehr gesprochen. Die Politik und ein schwarzgefleckter weißer Terrier treiben das Gespräch. Aber die Unterhaltung wird nie lebhaft und laut. Das Telephon klingelt häufig. Frühzeitig geht man zur Ruhe.

In meiner Dachkammer habe ich Muße nachzudenken. Dann und wann schlägt im Walde dumpf ein Geschütz. Es grollt in der Nacht und poltert irgendwo in der Ferne. Unsere Grauen, die jetzt in den Gräben draußen im Walde liegen, sie wissen es ganz genau. Sie wissen, daß er auf unser Feuer antworten wird, und um elf Uhr, Punkt elf Uhr, werden sie aus dem Graben klettern. Sie bereiten sich vor auf den Sturm, so und so. Viele Herzen schlagen rascher, und viele schlafen heute nicht in ihrem Lehmloch. Wenn sie den Kopf über den Graben strecken, so pfeift der Tod daher, springen sie in die feindliche Sappe, so kann es sein, daß sie dem Tod in die Arme springen. Offizier und Mann, sie wissen nicht, wie es morgen abend sein wird. Sie sind Soldaten und sie kämpfen. Marie-Thérèse ist alles, nicht ihre eigene Person!

Aber sie, drüben in Marie-Thérèse, sie wissen nichts, sie ahnen nichts. Nun, so schlafen sie wenigstens noch diese eine Nacht ohne Qual. Marie-Thérèse ist vieler Grab, morgen um diese Zeit. Der Jäger zu Pferde rechnet nicht mit dem Zufall. Wie aber, wenn der Franzose heute nacht angriffe? Wenn er in einem Nachbarabschnitt morgen im Morgengrauen vorginge? Aus dem Wald grollt das Rollen eines schweren Geschützes. Es feuert fast ohne Pause. Ich horche. Beginnt es zu trommeln? Nein, es ist ein Bursche, der nebenan in der Bodenkammer schnarcht. Übrigens soll ich morgen um vier Uhr hinaus in die vordersten Gräben der Eselsnase, um mir das Werk Marie-Thérèse in der Nähe zu betrachten.

2

Um vier Uhr morgens ist es bitterkalt in den Argonnen. Wir fahren, in unsere Mäntel eingehüllt, in die stockschwarze Nacht hinein. Die Sterne glitzern groß und kalt wie im Winter. Ich bekomme einen bitteren Geschmack im Mund, wenn ich die Sterne betrachte. Es ist keine Zeit für die Sterne. Wir sind in die Erde gesunken, ohne jeden Zweifel und haben keine Zeit mehr, die Sterne zu betrachten. Geschütze schlagen dumpf. Auch in der Nacht muß hier gearbeitet werden. Das Feuer ist normal, mit Befriedigung stellen wir es fest. Er hat nichts gemerkt, er bereitet nicht an irgendeiner anderen Stelle etwas vor. Ein zerschossenes Dorf. Im Wald wird die Straße morastig. Es hat hier seit acht Tagen nicht geregnet, aber die Straßen sind zerweicht, und das Auto rutscht wie ein Schlitten durch den Schmutz. Ein Fuhrwerk begegnet uns, wir biegen aus, kommen ins Schlingern, der Chauffeur geht auf den zweiten Gang, und wir mahlen uns aus dem Dreck. Hier gibt es Löcher und Granattrichter, so daß wir nur langsam vorwärts kommen.