Der Krieg im Westen

Part 11

Chapter 113,702 wordsPublic domain

Mit Kompaß und Meßband wird hier unten gearbeitet. Es handelt sich um geringste Winkel, Gefälle und Steigung, um Meter und halbe Meter. Züge mit Grubenhölzern rollen heran, die Pioniere schleppen Tag und Nacht Holz und Balken durch die Stollen, um sie auszubauen, damit sie ihnen nicht über dem Kopf zusammenbrechen eines Tages. Das wäre eine hübsche Geschichte! Kilometerlang sind oft Gänge und Galerien unter der Erde. Aber niemand sieht sie, niemand kennt die Arbeit der Pioniere.

Es ist eine Arbeit von Wochen und Monaten, eine Arbeit von Schweiß, Überlegung und Mut.

Wie steht es? Baut auch _er_? Der Pionier lauscht drunten in seiner Nacht. Der Pionier lugt aus, ob nicht drüben bei ihm auffallend viel Erde aufgeworfen wird. Es regnet in Strömen, tagelang, und der Pionier horcht: Ja, seine Pumpen spielen! Er hat Wasser in die Stollen bekommen.

Natürlich baut er, der Franzose. Er hat den Anfang damit gemacht und ist Meister in diesen Dingen.

Mit List und größter Vorsicht wird dieser Krieg unter der Erde, in der Finsternis, geführt, viele Meter unter dem Boden. Eines Tages, in einer Stunde der Nacht, während draußen die Gewehre peitschen und die Leuchtkugeln alles taghell beleuchten, in einer glücklichen Minute hört man ihn schaben und scharren, ihn, der von drüben herübergekommen ist, in den Wochen, in den Monaten, und der, wie wir, versucht, den Feind von unten zu packen, weil es von oben nicht genügt. Der Pionier, der ein ganzer Kerl ist und seine Sache versteht, weiß genau, was er zu tun hat. Mit seinen feinen Ohren horcht er und sagt sich, es sind vier Meter, es sind sechs Meter. Ist er rechts, links, oben, unten, feine Ohren gehören dazu. Der Offizier liegt in seinem Unterstand auf seiner Pritsche und schläft, da tutet das Telephon: Es sind vier Meter, ich glaube, er ist über uns. Nun schön, sagt der Offizier, ich komme morgen in aller Frühe.

Nun heißt es handeln! Man muß arbeiten und schaben, damit er drüben nicht merkt, daß man ihn gehört hat. Es ist ja wahrscheinlich, daß auch er es gehört hat mit seinen feinen Ohren. Der große Augenblick ist gekommen. Es handelt sich um Minuten. Die Sprengladung wird herbeigeschafft. Sandsäcke, ganze Berge von Sandsäcken werden durch den Brunnenschacht hinunter in den Stollen getragen. Die Pioniere wimmeln wie Ratten in der Dunkelheit, aber die Leute vorn arbeiten weiter. Sie markieren die Arbeit, aber es muß verdammt geschickt gemacht werden. Die Art des Schlagens und Schabens, obwohl nur markiert wird, darf sich um nichts von der wirklichen Arbeit unterscheiden, denn er drüben in den Stollen ist listig wie ein Fuchs. Er wird sich in den Bart lachen und sagen: Sie markieren jetzt, aber fünf Minuten früher werde _ich_ sprengen. Dann lebt wohl, Pioniere, Offizier und Mann!

Peinlich genau werden die Kisten mit der Sprengladung aufgebaut, mit Sprengkapseln versehen, aber währenddessen wird ohne Pause das Wühlen und Graben fortgesetzt, und er, der die Sache macht, muß ein Künstler sein, soll das Werk gelingen. Rasch, rasch!

Die Pioniere hocken im düsteren Stollen. Die Sandsäcke wandern in fieberhafter Hast von Arm zu Arm. Die Sprengladung muß eingebaut und ein meterdicker fester Wall davor gerammt werden. Sonst würde die Ladung unsre Stollen zerreißen und nicht hoch gehen. Die Säcke wandern rascher und rascher, und der Schweiß stürzt in Strömen über das Gesicht der Pioniere. Mann für Mann gibt sein Letztes her! Der vorderste arbeitet wie ein Besessener, stark und geschickt muß er sein, und baut die Mauer. Rasch, immer rascher muß es gehen. Er spürt seine Arme nicht mehr, wenn die Arbeit getan ist. Zurück! Die Leitungsdrähte werden sorgfältig durchgezogen, die Pioniere stieben rückwärts, rasch, rasch! Und der Offizier, der Offizier der Pioniere, sagt zu den Grauen in den Gräben: Also jetzt geht es los, Achtung! In drei Minuten wird gesprengt. Die Grauen verschwinden in den Unterständen und ziehen die Köpfe ein.

Der Boden wankt, die Mine fliegt hoch! Sie zerreißt die Erde, der Boden öffnet sich und Steine und Erde jagen Hunderte von Metern hoch. Ein Vulkan speit. Schwarz und grau steht turmhoch die Rauch- und Staubsäule. In dem Rauch jagen Sandsäcke und Menschenleiber in die Höhe und flattern Kleidungsstücke, die der Luftdruck von den Körpern riß. Achtung! Nun kommen sie herunter. Die Steine prasseln auf die Gräben herab.

Aber noch regnet es Steine und Trümmer und der Rauch steht noch undurchdringlich: da sind die Grauen schon aus den Gräben, schon vorn! Und ehe der Rauch sich verzogen hat, sitzen sie schon in dem Sprengtrichter, der groß ist wie eine Zirkusmanege. Alles war vorbereitet, sie hatten nur gelauert. Alles war bereit, Gewehre, Munition, Handgranaten, Maschinengewehre. Und mit den Grauen sind auch schon die Pioniere da, mit Sandsäcken, und beginnen wie die Ameisen zu bauen. Wälle, Schutzschilde, provisorische Unterstände: Nun mag er kommen! Und schon sind die Pioniere _hinten_ an der Arbeit, um eine Sappe zu der neuen Festung vorzutreiben. Wir haben zwanzig Meter, dreißig Meter gewonnen, wir haben unsere Stellung verbessert, wir haben seine unterirdischen Stollen zerstört.

In den Zeitungen steht die Notiz: Da und dort haben wir eine Mine gesprengt. Aber niemand weiß, welche Arbeit, wieviel List und Kühnheit dazu gehört. Die Pioniere sind Leute, die nicht viel reden.

Das ist der Krieg unter der Erde, der neueste, der furchtbarste. Tag und Nacht wird gegraben und gewühlt. Eine Mine fliegt hoch, an dieser und jener Stelle der Front. Man treibt die Stollen bis unter die Gräben der Feinde, und ein Grabenstück mit allem, was da drinnen ist, geht in die Luft, Menschen, Munition, Kochgeschirre und Waffen.

Für den Sturm werden Stollen vorbereitet und fliegen auf in der Sekunde, in der es sein muß.

Wehe aber, wenn er zuerst sprengt, eine Minute früher: Offizier und Pionier, sie gruben ihr eigenes Grab. Aber sie wissen, was sie tun, sie wissen, wofür sie es tun.

La Bassée

Im August

Um sechs Uhr nachmittags verschwinden die Leute von Lille von der Straße. Um neun Uhr wird es Nacht und Lille ist tot. Nur vereinzelt ein erleuchtetes Fenster und Stimmen dahinter. Die Schritte hallen. Ein Polizeisoldat, ein Feldgrauer mit der schwarzweißroten Binde am Arm, schlürft an den verschlossenen, finsteren Häusern entlang. Eine Radfahrerpatrouille gleitet schweigend durch die nächtige Straße. Ein paar verspätete Offiziere. Man kann stundenlang durch Straßen und Boulevards wandern, keine Katze regt sich. Lille schläft.

Von draußen, aus der Nacht, dringt der Lärm des Gewehrfeuers. Man hört es ganz deutlich, jeden einzelnen Schuß. So nahe sind die Gräben! Es pocht, dumpf und hart, wie eine Negertrommel. Eine Reihe von Schlägen, dazwischen ein rollender Wirbel. Dann beginnt es zu prasseln und zu knattern, metallen. Die Maschinengewehre hämmern. Ein Nachtgefecht, ein paar Gräben sind lebendig geworden. Das Feuer wird lebhafter, es prasselt minutenlang ohne jede Pause. Aber Lille schläft. Es öffnet sich kein Fenster, kein Kopf lauscht hinaus in die Nacht. Kein Herz schlägt rascher, erregt von einer leisen Hoffnung. Nein! Sie wissen es jetzt. Seit Monaten, seit dem Herbst hören sie das Rollen des Gewehrfeuers in der Nacht, sie wissen, es bedeutet – nichts. Sie schlafen, sie halten sich die Ohren zu, um es nicht zu hören, lange genug haben sie sich betrogen mit Hoffnungen, Ahnungen, Gerüchten, sie glauben es nicht mehr. Morgen um fünf Uhr wird der Flieger, klein wie ein Punkt, über der Stadt erscheinen, und die Abwehrgeschütze werden krachen, aber sie wissen, auch das bedeutet – nichts. Das Quälendste für den Menschen ist das Warten, es tötet alle Kraft zu hoffen.

Nein, Lille schläft, es will nicht aufwachen!

Niemals war eine Stadt so still und so dunkel. Punkt drei Uhr kommt das Auto, das mich hinausbringen soll zu den Gräben, und wir machen uns auf die Reise.

Das Feuer hat aufgehört, die Stadt ist noch stiller geworden. Sie schläft nicht, sie liegt in einer Art von Totenstarre. Das Auto gleitet zwischen schwarzen Häusern dahin. Kein Schnarchen hinter den dunkeln Fenstern, kein Kinderweinen, stumm, alles stumm. Die große Stadt ist tot. Wir rollen durch finstere Straßen, über öde Plätze und leere Boulevards. Eine rote Lampe schwingt am Ende der Straße hin und her. Aus der Finsternis taucht ein massiges schwarzes Festungstor. Die Wache tritt vor und blendet mit der Lampe über Wagen und Insassen. Weiter!

Nun ist es plötzlich noch finsterer geworden. Die Lampe des Autos leuchtet wie ein Scheinwerfer in die Nacht hinein. Wir jagen an fahlen Baumstämmen vorüber, durch Grotten von bleichgrünem Laub. Alleen, Straßen. Der Wagen nimmt Erhöhungen der Straße wie ein Segelboot die Woge, er tanzt, in den Kurven fegt er haarscharf an den Bäumen entlang und die Zweige peitschen unsere Gesichter. Es ist kalt und die satte Luft der Nacht stürzt uns entgegen. Die Bäume rauschen und brausen im Wind. Aufgescheuchte Tiere, kalkbleich, huschen über den Weg und Funken stieben blitzschnell vorüber. Das sind Motten, vom Lichtkegel getroffen und vom Luftdruck zur Seite geschleudert. Tote, schlafende Dörfer. Kein Laut, kein Mensch. Der Motor donnert. Rote Backsteinhäuser flammen im Lichtschein auf und sinken augenblicklich wieder in die Finsternis zurück. Die erschrockenen Augen einer schneeweißen Katze. Ein Posten. Ein paar laute Rufe wehen vorbei. Weiter! Der Wagen fliegt. Herrlich ist die Fahrt. Über uns stehen glitzernd und klar die Sterne des Sommerhimmels. Wir schweigen. Jeder ist in seine Gedanken versunken.

Hier auf dieser Straße marschierten sie, die Kolonnen, Kompanien, Regimenter, im Herbst. In die Schlacht von La Bassée. Freiwillige, Studenten. Sie stürmten dahin, sie sangen, ihre Augen sprühten. Vorwärts! Viele kehrten diese Straße nicht zurück! An der Straße stehen seltsam geformte Büsche; wie Frauengestalten, die die Hände vor das Gesicht breiten, erscheinen sie in der Nacht. Hier, dort, überall. An der Straße stehen Steine, die aufleuchten, sich gespensterhaft neben der Straße emporrichten, wie Geister, die uns betrachten wollen, die alles sehen wollen, was diese Straße kommt. Kleine weiße Kreuze stehen an der Straße, man sieht sie weithin leuchten, wenn der Lichtkegel sie trifft. Und fliegen wir vorüber, so drehen sie sich mit einem Ruck uns zu. Der Herbst ist nahe und immer noch marschieren hier die Kolonnen, die Kompanien und Regimenter. In der Nacht wandern sie dahin. Sie singen nicht mehr. Wenn sie sängen, so kämen die Granaten. Dies ist der Grund, weshalb sie nicht mehr singen.

Von den Gräben her hallen Schüsse. Sie klingen näher und näher, denn wir sind rasch. Dann und wann schlägt dumpf ein Geschütz, irgendwo. Auch nachts kann es hier außen keine Ruhe geben. Seit Monaten lärmt hier der Mensch. Ein paar Furagewagen knarren die Straße entlang. Die Pferde schlafen im Gehen und fahren unruhig auf, sobald der Lichtkegel sie faßt. Die Kutscher reißen sich zusammen. Neben der Straße werden die Granattrichter häufiger. Viele sind ganz frisch. Der Wagen humpelt über Erde und Steine. Die Granate schlug mitten in den Weg. Vor ein paar Stunden war es hier keineswegs gemütlich. Zweige und Äste, das Laub noch grün und saftig, liegen auf der Chaussee. Baumkronen sind zerfetzt, Splitter hängen von den Stämmen. Plötzlich zieht der Fahrer mit einem Ruck die Handbremse an und hält. Ein Baum ist quer über die Straße gestürzt. Er ist gefallen wie ein Soldat und hingeschlagen. Die Granate schnitt ihn über der Wurzel glatt durch und warf ihn aufs Gesicht. Seine Zweige sind noch grün und rauschen im Wind, wälzen sich hin und her und wissen noch nichts. Der Motor brummt, die Räder springen in die Höhe, hinüber.

Ein Dorf. Der Posten winkt. Wir müssen die Lampe löschen. Durch die Dunkelheit tasten wir uns weiter. Die Gewehre knallen. Ein schweres Geschütz in der Nähe reißt laut krachend ab und die Granate rauscht in das Dunkel hinein. Kein Zweifel, die Nacht geht zu Ende. Draußen bei den Gräben steigt zuweilen eine Leuchtkugel empor. Bleich und sprühend, wie ein gleißender Mond steht sie über der nächtigen Erde. Die Gewehre lärmen aufgescheucht, dann wird es wieder still. Die Leuchtkugel sinkt erblassend, ganz langsam, zur dunklen Erde herab. Nun aber steht rechts, zwischen den Pappeln, ein funkelndes Leuchtfeuer, grellweiß und drohend. Wiederum kracht das schwere Geschütz, und die Granate nimmt fauchend und gurgelnd ihre Bahn über unsere Köpfe hinweg.

Die Sterne erblassen, die Landschaft wird fahl. Nebel steigt aus den Feldern. Das Auto fliegt. Wir haben Eile, denn die Straße liegt in Sicht des Feindes. Bevor es tagt, müssen wir an Ort und Stelle sein.

Aus dem grauenden Morgen heben sich die fahlen, verschwimmenden Umrisse einer Stadt: _La Bassée_. Ein paar Soldaten in Hemdsärmeln, fröstelnd in der Morgenkühle, stehen an der Straße. Leichenhaft erscheint La Bassée im frühen Licht. Kein Mensch, kein Tier ist hier zurückgeblieben. Von ein paar Wachen abgesehen, haust hier kein Soldat. Die letzten Einwohner mußten schon vor Wochen den Ort verlassen, denn La Bassée liegt ständig unter schwerem Feuer. Die Kirche ist ein Trümmerhaufen, ganze Häuser sind in die Luft geflogen. Granateinschläge überall. Die Stadt sieht aus wie von einem Erdbeben zerrissen. Erst schossen wir hinein, dann übernahm es der Engländer. Hunderte, Tausende von Granaten fielen auf La Bassée. Es gibt nur wenig Häuser, die unversehrt sind.

Der Musikpavillon aber steht noch auf dem Marktplatz wie im Frieden.

Das Auto biegt in eine schmale Gasse ein. Sie ist düster und voller Qualm. Ein Haus brennt, von einer Granate in der Nacht in Brand gesetzt. Niemand löscht, niemand kümmert sich darum. Laß es brennen! Die Flammen lecken aus den Fenstern, sie sind ganz allein, niemand stört sie, und sie arbeiten ruhig und langsam weiter. Qualm wirbelt durch das verkohlte Gebälk. Im Hause drinnen klettert das Feuer über eine purpurrote Tapete mit zarten Empiregirlanden. Die Scherben des geplatzten Spiegels funkeln. Hier lebten einst Menschen.

Wir tasten uns durch den ätzenden Rauch, der Chauffeur flucht. Wir fahren weiter, hinaus zu den Gräben.

Die Gräben bei La Bassée

Im August

Der Kommandeur ist frühzeitig aufgestanden. Fix und fertig angekleidet kommt er aus seinem Unterstand geklettert. Sein Gesicht ist gerötet von der Frische des Morgens. Ein kleiner, rührender Friedhof mit Kreuzen auf den Gräbern und Blumen, Granattrichter und ein Haufe zusammengestürzten Mauerwerks, das ist seine Aussicht. Das Regiment liegt hier seit Monaten, aber der Kommandeur sieht aus, als sei er auf weitere Monate eingestellt. Er ist in seinem Dachsbau zu Hause, und was die Aussicht anbetrifft, so ist ihm das vollkommen gleichgültig.

Er telephoniert seinen Offizieren, daß sie uns einen Führer durch den Annäherungsgraben entgegenschicken sollen, damit wir uns nicht verirren, und wir steigen in den Graben.

„Fünf Uhr dreißig Minuten werden unsere 21er die neuen englischen Gräben eindecken. Seien Sie bis dahin zurück, denn es ist wahrscheinlich, daß er antwortet. Alles Gute!“

Wir trollen zwischen den Lehmwänden und Sandsäcken dahin. Eine Viertelstunde sind wir unterwegs, Geschütze pochen, da pfeift und saust es in der Luft, ein sonderbares und nicht zu verkennendes Pfeifen. Wir ducken uns zusammen. Mit einem höllischen Sang, böse zischend, fährt die Granate über unsere Köpfe weg. Kaum ist sie vorüber, kommt die zweite angefegt, in der nächsten Sekunde die dritte und dahinter die vierte. In einem Höllentempo jagen sie dahin, eins, zwei, als wollten sie einander einholen. Im Bruchteil einer Sekunde sind sie vorüber, man sieht sie nicht, aber in meiner Vorstellung haben sie die Gestalt von Schlangen angenommen, von höllischen Vipern, die langgestreckt zischend durch die Luft fahren. Die Einschläge klingen nahezu wie ein einziger Krach, als würden ein paar schwere Eisentüren fast gleichzeitig ins Schloß geschmettert.

So! Aber wir haben uns kaum von dem Schrecken erholt, als die zweite Lage pfeifend und fauchend angefegt kommt und uns über die Köpfe zischt. Eins, zwei, drei, vier und Schluß. Das war die Begrüßung.

„Es sind Flachbahngeschosse,“ sagt der Hauptmann, „sie zischen so blödsinnig!“

In den Gräben ist man schon munter. Die Gewehre peitschen, und die Spitzkugeln fahren summend und singend über uns dahin. Die Engländer haben die Morgenarbeit aufgenommen und knallen, um vollends wach zu werden. Sie passen verflucht auf. Sobald man die Mütze über die Sandsäcke streckt, kommt eine Kugel herüber. Draußen ist nichts zu sehen: Drahtverhaue, eine verwilderte Wiese, ein Erdwall, hinter dem es sich zuweilen bewegt. Das ist alles.

Unsere Grauen sind auf dem Posten. Die runde Mütze in die Stirn gedrückt, stehen sie und lugen durch Schießscharten und Spiegelapparate. Sie rücken die Gewehre, tasten hin und her, setzen ab, zielen von neuem. Plötzlich erstarrt das Gesicht auf eine Sekunde: Schuß! Sie spaßen nicht, o nein, sie nehmen es verdammt ernst und gewissenhaft. Sie sind ganz bei der Sache. Alle paar Schritte steht ein Grauer und lauert.

So stehen sie von der Nordsee angefangen bis hinunter zur Schweiz. So stehen Hunderttausende, Tag und Nacht, seit zehn Monaten, jetzt und in dieser Sekunde. So stehen sie, bis die tausendste Kugel kommt und sie in den Graben wirft. Wer sie gesehen hat, die Treuen, muß immer an sie denken: wie sie stehen, lauern, zielen, feuern, unermüdlich.

Eine unheimliche Spannung herrscht zwischen den beiden Labyrinthen der Gräben. Wie zwischen zwei Gewitterwolken. Sie verdichtet sich, die Kugel blitzt hinüber, herüber.

Die andern frühstücken. Sie trinken Kaffee aus Blechbüchsen, streichen sich Butterbrote, schneiden Fleisch aus den Dosen. Über ihren Köpfen die Ballen von Sandsäcken, die Maschinengewehre, das Gespinst der raschen Kugeln. Andre liegen in ihren kleinen Nischen, die schmutzigen Stiefel unter den Mantel gezogen, und schnarchen. Sie liegen schlafend mitten im Graben, und man muß über sie hinwegklettern. Sind sie tot, leben sie? Man kann es nicht sagen.

Ein Teil der Gräben ist zusammengetrommelt und wird instand gesetzt. Die Sandsäcke sind durcheinandergeschleudert, aufgeschlitzt und gelb von den Schwefelgranaten, die der Engländer feuert. Ich greife rasch nach einer Zigarette. Hier stinkt es grauenvoll! Der unsagbare Gestank wirft mich nahezu um. Schon beim Gedanken an diesen Gestank wird mir übel. Es ist der penetrante Geruch von Raubtieren, verhundertfacht, vermischt mit allerlei Unsagbarem und Scheußlichem, es ist die Pest, es ist der _verwesende Mensch_. Die Engländer faulen hier!

Arme Schufte, für ein paar Schillinge die Woche –. French jagte sie hier in den Tod.

Der Engländer schont seine Regimenter. Er spart Soldaten. Gott weiß, ob er sie nicht einmal gut gebrauchen kann, so gegen den Schluß zu, wenn der Partner genug hat? Dann ist es immer eine herrliche Sache, ein paar frische und nagelneue Divisionen an der Hand zu haben, die im Hintergrund in Paradestellung verharren, während man mit dem Partner in aller Höflichkeit über die Bedingungen verhandelt. Aber von Zeit zu Zeit ist es unbedingt notwendig, so zu tun, als mache man ernsthaft mit. Dann opfert French ein paar Regimenter, um den Franzosen seine Verlustlisten unter die Nase halten zu können. In erster Linie gibt er den Kanadiern, Irländern und Indern Gelegenheit, Beweise ihrer Loyalität zu geben. Siehe Ypern, Neuve Chapelle. Wird es Ernst, so zieht er gern seine englischen Regimenter aus den Gräben und wirft Überseeische und Farbige nach vorn. Man muß zugeben, er versteht seine Sache! Aber sie allein können ja nicht _alle_ schwere Arbeit verrichten, das ist natürlich.

Als die Franzosen sich bei Arras und Souchez verbluteten, konnte er nicht ganz müßig bleiben. Es galt Truppen und Artillerie abzuziehen. Er entschloß sich, anzugreifen, und es muß gesagt werden, er meinte es diesmal bitter ernst! Trommelfeuer, Angriff auf Angriff. Erbitterte Grabenkämpfe. Die Toten liegen in Haufen vor unsern Drähten. Unsere Grauen wanken und weichen nicht.

Gegen die Gräben, durch die ich mich jetzt winde, gegen die sogenannte Trichterstellung, warf er drei Divisionen. Er faßt Fuß, aber eine Stunde später fliegt er wieder hinaus. Der Angriff war furchtbar, er wurde trotz der Übermacht abgewiesen. So geht es nicht.

Er versucht es von neuem. Er versucht es ohne Artillerievorbereitung. Er will uns überraschen. Seine Sturmkolonnen fluten heran. Aber die Grauen sind auf dem Posten! Innerhalb von 30 Sekunden (dreißig Sekunden) legt unsere Artillerie einen Feuerriegel vor die Gräben, daß den Engländern Hören und Sehen vergeht. Sie müssen zurück, ungeheuer sind ihre Verluste.

Es ging auch so nicht. Nicht einen Meter haben sie gewonnen.

Sie haben genug, sie haben den Franzosen gezeigt, daß sie es ernst meinten – aber es ging nicht. Sie geben es auf. Aber sie werden die Gräben von Givenchy und Festubert nicht vergessen. –

Nun liegen sie in den Massengräbern, die unsere Grauen schaufelten, und verwesen. Hier sind einige Wassertümpel voll einer gelben dicken Jauche, und auch diese Tümpel strömen denselben furchtbaren Gestank aus. Niemand wagt zu denken, wie es da unten aussieht! – Unsere Grauen aber frühstücken, schneiden Fleisch aus den Büchsen und schmieren sich dicke Butterbrote. An alles gewöhnt sich der Mensch.

Wir überschreiten auf einer Planke die gelbe Tümpelkette. Hier gibt es keine Deckung, und so rasch es geht huschen wir hinüber. Einer hinter dem andern. Aber die Schufte haben uns doch gesehen. Ein paar Minuten sind wir in der Sappe unterwegs, da weint es in der Luft und die Granate schlägt krachend ein. Wir machen uns aus dem Staub. Granate um Granate segelt daher. Vorsichtig lugen wir aus dem Graben und sehen die Einschläge rauchen. Weitab! Aber plötzlich kommen sie wieder näher und schließlich müssen wir die Beine strecken. –

Punkt fünf Uhr dreißig Minuten, auf die Sekunde, nehmen die 21er das Feuer auf. Die Granate winselt hoch über uns durch die Luft. Drei Sekunden Stille, dann ein Krachen, als stürze ein Haus aus Eisen zusammen. Der Boden bebt unter unsern Füßen. Schon kommt die nächste Granate angeweint. Sie braucht eine unendlich lange Zeit, bis sie ihre Bahn durchfegt. Einschlag auf Einschlag! Es ist wie ein schweres Gewitter mit harten Donnerschlägen. Der Engländer antwortet. Er sucht aufgeregt und wütend unsere Haubitzen. Geradeaus, am Horizont, stehen die Rauchfahnen seiner Granaten, schwarz und schiefergrau.

Wir sitzen im Bataillonsunterstand und trinken Kaffee. Die Granaten weinen über uns hin. Die schweren Geschütze erschüttern die Luft mit ihrem Gebrumm.

„Fragen Sie telephonisch an, wie es steht.“

Das Telephon tutet. Von den Gräben kommt die Antwort zurück: „Der Erfolg ist überraschend günstig.“

Es ist ein Morgen wie jeder andere. Ein Duell zwischen ein paar Batterien, nichts sonst. Die Berichte bringen nicht eine Silbe darüber.

„Dicke Luft“

Im August

In den Argonnen riecht es nach Chlor, in den Gräben nach Verwesung und schrecklichen Dingen, aber hier außen, in der Gegend von La Bassée – ist es nicht sonderbar? – duftet es wohlriechend wie in den Gemächern einer verwöhnten Dame. Es riecht nach Parfüm, nach Flieder, Veilchen und anderen schönen Dingen. Seit dem Herbst liegt dieser zarte Parfümgeruch über dem Lande, einmal schwächer, einmal stärker, je nach dem Winde. Dieser Duft stammt von den Parfümfabriken in Illies, die im Herbst zerstört wurden.

Das ist aber auch alles, was aus einer Zeit herrührt, da man noch an eine Verschönerung des Daseins dachte. Heute handelt es sich für Millionen darum, das Leben zu retten, das nackte Leben ohne alle Zusätze.