Part 10
Wir gehen quer durch den Wald. Die Wege sind hier mit Knüppeln gepflastert, ein Knüppel hübsch neben dem andern, peinlich genaue Arbeit, anders wäre es nicht möglich, hier einen Schritt zu machen. Granattrichter. Zerschossene Bäume. Mannsdicke Eichen, die Granate traf sie in der Mitte, zerriß sie und warf sie aufs Gesicht. So liegen sie nun da und sterben. Hier gibt es sonderbare Hünengräber, mitten im Walde, Stein- und Erdhügel. Blickt man aber näher hin, so sind es Batterien. Die grauen Kanonen stehen darin, anständige Kaliber! Sie feuern glatt durch Laub und Zweige hindurch. Wir steuern ein Hünengrab an und steigen in die Erde hinein. Wir klopfen und treten ein. Hier brennt die Hängelampe, obschon es elf Uhr vormittags ist. Ein Mann in einer Wollweste empfängt uns. Hier hausen Pionieroffiziere, Leute von Welt. Sie haben gute Laune, Kognak und einen herrlichen heißen eisernen Ofen, der sofort zischt, wenn man ihm nahe kommt. Sie hausen hier schon – tuh, tuh, das Telephon tutet: ein Stollen im Graben so und so, wird gemacht – sie hausen hier schon seit Ende September! Unter der Balkendecke, zwei Meter Schotter darüber, ein paar Schlafkojen. Urlaub, nein, Urlaub nahmen sie noch nicht. Sie haben keine Lust, sie sind hier nötig. In den Gräben arbeiten sie, ganz vorn, in den Minenstollen. Was sie tun, davon will ich später einmal berichten. Ihre Gedanken, ihre Pläne, ihre Frauen – alles haben sie hingegeben, mag es kommen, wie es will, sie werden auf ihrem Posten stehen. Unvergeßlich sind sie, jung und stark und kühn.
Es gießt noch immer. Düster und unheimlich rauscht der Wald. Es ist ein Wald der Unterwelt, erfüllt von einem schauerlichen und nie gehörten Lärm. Er hustet, das furchtbare Husten eines Unholds, der in den Schluchten haust. Er lacht heiser und keuchend wie ein Teufel, dem etwas schrecklichen Spaß macht. Riesenspechte klopfen. Es kracht wie ein schwerer Schmiedehammer, den nicht Menschen, sondern Zyklopen bedienen. Sie fluchen zur Arbeit, rufen und poltern. Zuweilen nehmen sie die Axt und schlagen, eins, zwei in den eisenharten Stamm der Eiche, daß die Berge hallen. Die Eiche schlägt krachend hin. Man hört, wie die Zyklopen die Eiche zerknacken zwischen ihren Fäusten und ins Feuer werfen, daß es prasselt. Das alles hört man ganz genau, aber man sieht die Einäugigen nicht. Dann und wann streicht ein Gespenstervogel unsichtbar und klagend über die brausenden Wälder. (Eine Granate.) Ja, Gott stehe mir bei, dieser Wald ist keineswegs gemütlich.
Aus dem Dickicht tritt ein Mensch. Seine Stiefel sind voller Lehm, seine Kleider naß und schmutzig. Am Gürtel hängen Flaschen und Säcke und Ledertaschen, auf dem Rücken das Gewehr. Sein Gesicht ist schwarzbraun, schmutzig und verwittert. Die Augen stehen wie _Lampen_ darin. Es ist ein Feldgrauer, der aus den Gräben da oben kommt. Die „Argonnentype“, wie sie leibt und lebt. Die Argonnentype grüßt, so nebenher, grinst beim Anruf und verschwindet im Regen. Sie sind es, die diesen höllischen Spektakel machen, keine Zyklopen, sondern kleine Menschen.
Plötzlich hört es auf zu regnen. Die Sonne bricht heiß durch die Wolken.
Wir treffen, bei seiner Batterie, einen Oberleutnant, Jurist, auch er lebt seit dem Herbst im Walde. Aber der Wald konnte ihm nichts anhaben, elegant sieht er aus und seine schmalen Hände sind gepflegt. Zusammen mit ihm klettern wir in den Wipfel einer Eiche empor. Die Eiche braust, und wir schwanken, oben angelangt, wie Äste hin und her. Wir blicken über den Wald!
Drüben liegt die Kuppe von Vauquois. Bis zum Kamm gehört sie uns. Dicht dahinter liegt der Franzose. Im Tal das Dorf Boureuilles. Mit bloßem Auge sieht man die Drahtverhaue der Franzosen, sie liegen im Tal hinter dem Dorf. Nach rechts aber, über dem Walde, liegt die berühmte _Höhe 285_, die unsre Tapfern vor acht Tagen stürmten.
Die Höhe ist braun und kahl! Es ist dem Menschen hier gelungen, den Wald weithin auszuroden, das muß man sagen. Die Bäume sind zerschmettert, liegen durcheinander, verkohlt und zerschossen, das Unterholz ist gänzlich verschwunden. Die Erde ist aufgewühlt. Gräben, Sappen, Sprengtrichter. Die Kuppe ist in hundert Risse geborsten. Ein Maschinengewehr bellt, die Gewehre husten. Ohne Pause wird da oben gekämpft. Ein schweres Geschütz feuert. Es kracht wie ein Donnerschlag, und das Echo poltert in den Schluchten.
Ziehe die Luft ein, riechst du es nicht? Es riecht wie in den Gängen eines Hospitals. Es riecht nach _Chlor_ und allen möglichen Dingen. Diesen Geruch habe ich schon heute morgen verspürt, als wir uns dem Argonnerwald _näherten_. Dieser ganze Wald, trächtig von Feuchtigkeit, Erde und Wurzeln, hat diesen sonderbaren Geruch angenommen. Er stammt von den Gasbomben der Franzosen, von den Gasen der stündlich einschlagenden Granaten, von den Massengräbern, die mit Chlorkalk zugeschüttet sind.
Fürchterlich, dreimal fürchterlich muß es hier zugegangen sein! Der Wald hat seine Geschichte, und sie ist schrecklich wie die Geschichte wilder Meere. Heute noch findet man im Dickicht verstreut Leichen und Skelette. Man sieht in den Gebüschen einen Soldaten, das Gewehr im Anschlag, man ruft ihn an, er antwortet nicht. Er ist tot und in seiner letzten Stellung von den Dornen festgehalten worden. Man mußte sich den Weg bahnen wie in einem Urwald. Man bekam Feuer aus nächster Nähe. Man sah keinen Feind. Der Franzose saß auf den Bäumen, mit Maschinengewehren saß er oben. Man hörte den Gegner sprechen, die Offiziere Befehle erteilen, aber man sah nichts, rein nichts. Man grub sich gegenüber ein, schoß das Dickicht mit Maschinengewehren ab, um Luft zu bekommen, drang vor – der Feind zog sich zehn Schritt zurück, und es war die alte Sache. Es war ein Indianerkrieg und die Argonnen bilden ein Kapitel für sich in der Geschichte dieses Feldzuges. Hier gab es keine Pausen, keine Ruhe, hier wurde erbittert gekämpft, Tag und Nacht, viele Monate hindurch, und das Wasser in den Gräben stand häufig bis zur Hüfte. Man lag sich und liegt sich an manchen Stellen zehn Schritt gegenüber, ein lautes Wort bedeutet den Tod. Handgranaten, Minenstollen und Wurfminen.
In den letzten Wochen fanden hier wütende Gefechte und Schlachten statt, am 2. Juli, am 14. Juli – doch davon später. –
Ein Knüppelweg führt ins Tal hinab. An einer verborgenen Stelle wartet unser Auto. „Hat er hergeschossen?“ Nein – na, also los!
Wir fahren eine Strecke in Sicht des Feindes, wir jagen in eine zerschossene und zerstörte Stadt hinein. Sie erinnert an eine zerfallene italienische Ortschaft. Es ist Varennes. Jene Stadt, in der Ludwig XVI. mit seiner Gemahlin auf der Flucht erkannt und festgenommen wurde. Varennes ist ständig unter Feuer. Das Auto beginnt wie toll zu jagen. Es fegt eine schnurgerade Chaussee hinab in einem Höllentempo. Eile tut hier not, denn wir fahren in etwa 1000 Meter Entfernung an den feindlichen Stellungen vorüber, und es ist eine Anfängeraufgabe, uns hier abzuschießen. Die Höhe von Vauquois, die Kirche von Montfaucon, oben auf einem Berge in der Abendsonne. Ein paar Granatfahnen rauchen aus Apremont, während wir vorüberfliegen. Neben der Chaussee sind Serien von Granattrichtern. Sie sind ganz frisch, die Erde liegt noch locker und feucht. Der Abendsegen. –
Die Kämpfe in den Argonnen
Im Juli
„_Les Argonnes, c’est l’enfer!_“
Aus dem Tagebuch eines französischen Offiziers.
Am 20. Juni begann die Sache in den Westargonnen, am 2. Juli war sie zu Ende. 37 Offiziere gefangen, 2700 Mann! 100 Minenwerfer, 28 Maschinengewehre, 5000 Gewehre und 30000 Handgranaten! 1600 tote Feinde bestattet! Es ist ein Erfolg, der sich sehen lassen kann!
Man muß im Auge behalten, daß es sich hier um Waldkämpfe handelt. Der Franzose hat Erdwerke angelegt, Festungen unter der Erde. Er hat Blockhäuser in die Erde gerammt, jedes ein Fort. Die Dachkante ragt aus dem Boden, nichts sonst. Schießscharten, Maschinengewehre, Drahtverhaue vor den Gräben, eine Schlucht mit einem Wassergraben. Wenn ich sage, wie der Argonnenkämpfer stürmt, so wird man alles begreifen: den Stahlschild vorgehalten, Handgranaten am Gürtel, Handgranaten in der Faust, das Gewehr auf dem Rücken und die Gasschutzmaske vor dem Gesicht – so geht er vor! Es ist kein Spaziergang, o nein! Es ist keineswegs wie auf jener Photographie, die eine Berliner Zeitung kürzlich brachte und die einen „Sturmangriff in den Argonnen“ vorstellen sollte. Mit dem aufgepflanzten Bajonett läuft da eine Kolonne gegen einen idyllischen Waldrand an. O, hoho! Es ist mehr als kindisch, es ist eine Schmach. Der Argonnenkämpfer wird sich totlachen über den naiven Schwindel, wenn er das Bild zu sehen bekommt.
Am 20. Juni, wie gesagt, fing es an. Die Minenwerfer begannen ihre höllische Arbeit und deckten die französischen Gräben und Verhaue zu. Die Granaten hagelten herab. Los! Die Pioniere sind die ersten. Mit Drahtscheren gehen sie vor, mit Brückenstegen aus Knüppelholz gezimmert. Sie stürzen nieder, auf, die Stacheldrähte zerfetzen ihnen die Kleider, vorwärts! Der Kampf ist im Gange. Hier kämpft Gruppe gegen Gruppe, Mann gegen Mann, die Handgranaten krachen. Um jedes winzige Grabenstück, um jeden Granattrichter wird verzweifelt gerungen. Unsichtbar ist der Feind. Aus dem Dickicht schwirren die Geschosse eines Maschinengewehrs. Ein Trupp Württemberger stürmt hinein. Leutnant Sommer klettert mit ein paar Leuten auf das Dach eines versteckten Blockhauses, aus dem das Maschinengewehr feuert. Revolver, Handgranaten durch die Schießscharten, die Besatzung ist erledigt. Leutnant Sommer fällt. Er ist tot, aber er ist unsterblich! Einem andern Offizier, Leutnant Walker, gelingt es, in die Gräben der Labordère-Stellung einzudringen. Er ist abgeschnitten, umzingelt, aber er hält stand in einem höllischen Feuer, mit einer Handvoll Leuten, bis acht Uhr abends(!) Entsatz kommt. Zwei Leutnante, Spindler und Kurz, springen in den Graben und schlagen sich nach links und rechts, bis sie fallen. Sie sind tot, aber ihre Namen werden weiterleben! Es geht heiß zu, es geht verzweifelt zu.
Am Abend ist die Stellung genommen!
Es ist nur der Anfang. Die Franzosen trommeln auf die eroberten Gräben. Acht Tage lang machen sie einen verzweifelten Versuch nach dem andern, die Gräben zurückzuerobern. Vom 21. bis zum 29. Sie versuchen es mit allen Mitteln, Gasbomben und brennender Flüssigkeit.
Am 30. Juni geht es weiter. Niemals hat der Argonnerwald solch ein Feuer gehört! Die französischen Gräben werden zu Brei geschossen. Die Toten liegen wie das Getreide nach einem Hagelwetter. Ein Handgranatenlager fliegt in die Luft. Aber der Franzose kämpft wie ein Teufel. Im vordersten Graben fällt Mann um Mann. Niemand ergibt sich! In einer halben Stunde sind die Werke Central und Cimetière gestürmt. Unsre Grauen sind nicht zu halten. Eine Kompanie Grenadiere jagt bis ins Tal der Biesme vor. Auf dem östlichen Flügel der kämpfenden Linien liegen auf der sogenannten Rheinbabenhöhe die Grauen in den Gräben. Es wird gekämpft, sie halten es nicht mehr aus in den Gräben und greifen aus freiem Entschluß an. Württemberger Freiwillige nehmen die Reste des Labordère-Werkes.
Der Franzose ist geworfen, aber kleine Verbände wehren sich noch tollkühn in kleinen Grabenstücken und Blockhäusern. Ein Unteroffizier pirscht sich an ein Blockhaus, das wütend feuert, heran und wirft eine Handgranate hinein. Nun wird es drinnen still!
Es wird Nacht. Keine Ruhe, kein Schlaf, nein, daran ist nicht zu denken. Sie wühlen und graben die ganze Nacht durch, der Morgen muß sie bereit finden! Auch der Feind schanzt fieberhaft. Die Leuchtkugeln steigen. Die ganze vorgeschobene Gräbenkette der Franzosen ist in unsrer Hand: Labordère, Central, Cimetière, Bagatelle – aber dahinter hat er im Wald ein Verteidigungswerk, den „grünen Graben“, bezogen, die Fetzen der französischen Kompanien haben ihn besetzt und zu einer Festung ausgebaut.
2. Juli Angriff auf den „grünen Graben“!
Der 1. Juli ist kein Ruhetag, das darf man nicht glauben. Ohne eine Minute Pause wird gearbeitet. Die Leichen werden geborgen, schauerlichste Arbeit des Soldaten! Lebensmittel und Wasser herbeigeschafft, Munition, Handgranaten, Minenhunde. Die Minenwerfer schießen sich ein, die Artilleriebeobachter kriechen durch die Gräben und lassen ein paar Granaten zur Probe kommen. Fertig, alles bereit!
Am 2. Juli donnert der Wald und der Boden zittert. Bis fünf Uhr nachmittags hageln die Granaten auf den grünen Graben herab. Um fünf Uhr gehen die Grenadiere vor. Bis zur Dunkelheit wogt der Kampf hin und her. Er ist mörderisch. Hier wird nur mit Handgranaten und Kolben gekämpft. Wir gewinnen Boden, Schritt für Schritt. Der Feind schlägt sich bewundernswert, alle Grauen gestehen es ohne weiteres zu. Ein Bataillon bricht durch, in der Richtung auf das Dörfchen La Harazée. Es kommt dem grünen Graben in den Rücken. Von der Rheinbabenhöhe her, von St. Hubert stürmen unsre Truppen. Der grüne Graben ist nahezu umzingelt. Die Lage des Feindes ist hoffnungslos, aber er ergibt sich nicht. Da ist ein Major im grünen Graben, Major Remy, der wie ein Rasender ficht und seine Leute zum Äußersten anpeitscht. Er fällt. Der grüne Graben ist genommen!
Die Verwundeten werden fortgeschafft. Die Gefangenen abtransportiert. Die Toten liegen, wo sie liegen. Noch gibt es keine Pause. Denn der Graben muß sofort wieder zur Verteidigung eingerichtet werden. Er ist stellenweise bis zur Sohle eingetrommelt. Die Sandsäcke, die die Granaten durch den Wald schleuderten, werden zusammengeschleppt, aufgebaut. Die Stahlschilde eingerammt, die Maschinengewehre aufgestellt.
Kommt der Feind, so ist man bereit. Und er kam und man war bereit!
Es wird still. Es ist Nacht. Die erste Nacht seit Wochen, die ruhig ist, keine Granaten, keine Minen. Der Soldat schläft, tief und traumlos, wie die Kameraden, die da draußen liegen und alles vergessen haben.
Die Horchposten kauern im Gebüsch, die Wachen stehen im finstern Graben. Das Telephon ist schon wieder eingerichtet.
Höhe 285
Im Juli
Früher war sie grün. Das Unterholz war so dicht, daß man sich wie durch einen Urwald vorwärtsarbeiten mußte. Dazwischen standen mannsdicke Eichen und sonstige Bäume, vielleicht alle zehn Schritte ein hoher Baum. Wir lagen ihnen auf vierzig bis fünfzig Schritt gegenüber. Zu sehen war nichts. Sie hatten ein Labyrinth von Gräben angelegt, Blockhäuser und große Unterstände. Aber man sah nichts! Regte man sich, so pfiffen die Kugeln. Woher, das wußte man nicht, sie saßen irgendwo in den Bäumen. Sie waren oben, wir unten, also sehr im Nachteil.
Seit Ende September pfiffen hier die Kugeln. Die Bäume und die Stämme des Unterholzes wurden hundertfach durchlöchert, bis sie abstarben. Die Granaten knickten die Eichen, das Laub wirbelte. Es wurde allmählich, ganz langsam, lichter.
Man trieb Sappen vor und kam einander näher. Die Wurfminen flogen von Graben zu Graben. Man trieb Stollen vor, unter der Erde, wir und er. Die Sprengungen rissen die Bäume in die Luft. Es wurde immer lichter.
Als ich die Höhe 285 sah, war sie _ganz kahl_. Sie ist so groß, daß eine kleine Stadt darauf Platz hätte. Kein grüner Fleck. Zerschmetterte und zerfetzte Bäume, das ist alles, was geblieben ist. Ein Schutthaufe, auf den ein Wolkenbruch niederprasselte und Rinnen, Furchen, Gräben und krumme Schluchten wühlte. So sah sie aus.
Sie bot große Vorteile. Sie beherrschte einen Teil der Höhenzüge ringsum, das Tal gegen Boureuille; er konnte unsre Straßen einsehen, unsre Zufuhr unter Feuer nehmen. Das war keineswegs angenehm. Die Höhe 285 mit La Fille morte dahinter war, klar ausgedrückt, ein Dorn, der uns im Fleisch saß. Der Dorn mußte weg! Der Franzose mußte hinter die Höhe geworfen werden, weil er dann nichts mehr sehen konnte.
Es mußte sein und wurde vollbracht! Am 13. Juli.
Es war eine Höllenarbeit, denn er hatte sich eine vollkommene unterirdische Festung gebaut, in der er bombensicher eingedeckt lag. Nur bei gewissenhaftester Vorbereitung konnte der Sturm gelingen.
Tagelang vorher schleppten die Pioniere die zentnerschweren Wurfminen durch die engen Gräben in die Depots. Tausende von Handgranaten wurden herangeschafft, Munition aller Art. Die unterirdischen Gänge wurden ausgebaut, so daß man nur die Decke einzustoßen brauchte, und man war im Freien. Jeder Mann kannte seinen Platz und wußte, wohin er den Fuß zu setzen hatte, sobald er den Graben verließ. Im Kopfe hatte jeder Mann den Sturm schon vollendet, bevor die erste Granate krepierte. Er wußte, in welchen Graben er zu gehen hatte, wenn er verwundet wurde. Er wußte, durch welchen Graben die Gefangenen geführt werden sollten. Alles war vorher festgesetzt und besprochen. Die Reserven genau instruiert. Die Gräben sind ein Labyrinth, und nichts ist leichter, als sich darin zu verlaufen.
Noch eines: die vorderste Sturmkolonne muß formiert werden. Freiwillige vor! Da melden sich alle. Man verstehe recht: nach einem Jahr Krieg, nach Monaten von Argonnenkrieg, Monaten von Mühen, Entbehrungen und Gefahren! Woher schöpfen sie, die Grauen, diese Kraft? frage ich. Es mußte _gelost_ werden.
Nun also gut, so war es, als der 13. tagte.
Die erste Granate kommt über den morgengrauen Wald und schlägt krachend auf der Höhe ein. Das ist das Signal. Die Geschütze, da hinten, stehen schon bereit, ausgerichtet, fertig zum Schuß. Hauptleute und Kanoniere sind auf dem Posten. Los! Der Wald ist ein einziges Donnern. Die Kanonen geben Schnellfeuer, ein Maschinengewehrfeuer von Granaten wirbelt auf die Stellungen des Feindes nieder. Die schweren Minenhunde rauschen durch den Morgen. Die Höhe ist eine einzige Staub- und Rauchwolke. Die Grauen stecken die Köpfe aus den Gräben, um die rauchende Hölle drüben zu sehen. Die Geschütze rasen.
Der Feind bleibt nicht müßig und antwortet mit wütendem Feuer.
Kaltblütig stehen unsre Artilleriebeobachter in den vordersten Gräben und dirigieren das Feuer, unbekümmert um Granaten und Minen, die ringsum krachen. Die Sturmkolonnen kauern dicht gedrängt in den Unterständen und warten auf ihr Kommando. Sie liegen in den Sappen bereit, mit Handgranaten am Gürtel und im Arm, soviel sie schleppen können. Sie kauern in den unterirdischen Stollen, die unter unsren Drahtverhauen hindurchführen.
Plötzlich schweigt das Feuer.
In der nächsten Minute stürzen die schlesischen Jäger vor. Aus Sappen, Stollen, Gräben. Der Feind legt einen Feuerriegel vor unsre Gräben. Hindurch! Ein Leutnant setzt mit einem Sprung über einen vier Meter breiten feindlichen Drahtverhau. In sieben Minuten sind die vordersten Gräben überrannt.
Ungeheuer sind die französischen Verluste! Seine Gräben wimmelten von Truppen, denn er hatte selbst einen Angriff geplant, und wir waren ihm um einen Tag zuvorgekommen. Eine Mine war in ein Lager von Handgranaten eingeschlagen und hatte furchtbare Verwüstungen angerichtet. In einem einzigen Unterstand fand man einhundertundfünf Tote. Seine Verbände waren zersprengt, aber noch keineswegs geschlagen.
Sie kämpfen wie Rasende.
Gräben, Sappen, Verbindungsgänge, Sprengtrichter und Granatlöcher, überall sitzen sie wie festgeschraubt und zerren so viel Feinde mit in den Tod, wie sie können. In einem Verbindungsgraben hat sich, mit zwei Gewehren, ein französischer Offizier eingenistet, der unaufhörlich feuert. Ein Soldat hockt neben ihm und ladet ihm die Gewehre. Es ist ein Einzelgefecht im großen Kampfe, bis es gelingt, den kühnen Gegner zu vernichten. Ein Hauptmann bedient einen verborgenen Minenwerfer, obschon seine Leute ringsum gefallen sind. Er kämpft mit äußerster Todesverachtung, bis ihn ein Schlesier niederschlägt.
Schon beginnt wieder das Dickicht. Tausendfach schwirrt der Tod durch den Wald. Ein Fort, ein eingegrabenes Blockhaus. Ein paar Pioniere heran, Sprengladung angebracht, fort! Das Blockhaus fliegt in die Luft. Der Feind läßt eine Mine hochgehen, Steine und Erde hagelt es aus der Luft. Im nächsten Augenblick sitzen unsre Grauen im Sprengtrichter und verteidigen ihn nach allen Seiten. Es sind rasche Teufel, man muß es zugeben!
Der Feind ist zersprengt, gefangen, geschlagen.
Die Argonnenleute sind nicht zum Stehen zu bringen. Sie jagen weiter, die Höhe hinunter. Sie stürmen ein französisches Lager, vernichten, was sie vernichten können. Für all diese Fälle sind sie schon vorbereitet. Sie haben Beile bei sich! Sie stürmen bis zu den feindlichen Geschützen vor und ringen mit den grauen Untieren, um sie wegzuschleppen, um sie auf die Höhe zu schaffen. Mit, alles mit, was mitgehen kann! Aber die Geschütze sind zu schwer, zu fest eingebaut – es ist menschenunmöglich, sie gefangenzunehmen und schon nahen französische Reserven. Kurzer Prozeß! Sie schlagen kaputt, was sich kaputt schlagen läßt, die Richtvorrichtungen, die Verschlüsse. Sie schieben den grauen Untieren noch rasch ein paar Handgranaten ins Maul, um sie zu zerstören.
Es ist höchste Zeit! Einer wirft noch rasch eine Handgranate in das Munitionslager und es fliegt in die Luft.
Zurück! In stehender Schützenlinie feuern sie auf die anrückenden Reserven ...
Der einzelne zählt hier, der einzelne Mann, er muß rasch, kühn, verwegen handeln.
Der Krieg unter der Erde
Im Juli
In die Erde sind die Gräben eingewühlt, tiefe, krumme Rinnen. Sie laufen quer durch Felder und Wälder, Dörfer und Friedhöfe, sie nehmen keine Rücksicht. Vor den Gräben sind die Drahtverhaue, niedrige, kriechende Gestrüppe mit eisernen Dornen. Diese Dornengestrüppe sind Geschöpfe des Menschen von heute. Sie tragen keine Früchte, der Mensch stirbt in ihnen wie die Fliege in den Haarborsten der fleischfressenden Pflanze. Zwischen den Drahtverhauen, hinüber und herüber, schwirren die Gewehrkugeln. Aus dem wassergekühlten Lauf des Maschinengewehres stürzen sich die zischenden Schwärme. Die Granate kommt aus weiter Ferne herüber und tastet nach allem, was lebt. Mehr, noch mehr. Die zentnerschweren Wurfminen stürzen aus den Gräben heraus, in die feindlichen Gräben hinüber. Die Handgranaten fliegen. Das ist noch lange nicht alles! Wir, die wir in der Luft, im Wasser, unter dem Wasser, auf den Schneefeldern und in der Wüste kämpfen, wir kämpfen heute auch unter der Erde. Wo die Gräben sich einander nähern, kommt zum Grabenkrieg noch der Minenkrieg. Weiter geht es nicht.
Es ist der Krieg der Pioniere!
Erst waren sie hinten, Stege und Brücken, dann kamen sie vor, Unterstände, Gräben und Drahtverhaue. Und schließlich begannen sie ihren eigenen Krieg, auf ihre Weise. Heute sind sie vorn bei den Vordersten, und wo der Mann fällt, fällt der Pionier mit ihm.
Sie sind Teufelskerle und ohne sie geht es nicht mehr. Sie sind unentbehrlich, geliebt und bewundert.
Also sie kommen, Offizier und Mann, und betrachten sich die Sache. Sie zögern nicht lange, es ist nicht ihre Art, lange zu fackeln. Sie fangen an. Hinein in die Erde! Es ist ein Loch, ein Brunnen, ein Schacht. Ganze Stockwerke tief. Knüppelleitern und Leitern von Stricken führen hinab. Dann geht es vorwärts, unter den Gräben und Drahtverhauen hindurch. Von da aus geht es nach rechts und nach links. Der Stollen wächst. Eine Anzahl von Schächten wird in die Erde getrieben, und die Stollen strahlen von ihnen aus. Galerien und Korridore verbinden die Stollen unter der Erde. Da unten in der Dunkelheit sind neue Laufgräben entstanden. Spitzhacke und Spaten und Druckluftbohrer fressen sich durch Erde und Stein und es entsteht ein richtiges Bergwerk.
„Wir haben da und dort eine Mine gesprengt.“ Wer denkt sich etwas dabei? Niemand. Wer kennt die furchtbare Arbeit?
Sie suchen hier unter der Erde nicht nach Erzen, sie suchen nach dem Menschen, sie wollen ihn von unten fassen, da es von oben nicht genügt.
Schwer und hart ist die Arbeit des Pioniers. Acht Stunden lang schleppt er ununterbrochen Erde und Gestein durch die düsteren Stollen. Oben, im Licht der Sonne, schüttet er die Erde aus, und wenn der Feind sieht, daß neue Erdwälle entstehen, so schießt er augenblicklich mit Granaten hinein. Aber der Pionier? Nun, der Pionier tut seine Pflicht.