Part 13
Wir durchqueren den Wald, die schwarzen Bäume rauschen, die Sterne blitzen durch die Wipfel, es ist schön, trotz des schlechten Weges. Ein zerschossenes Dorf. Menschen tauchen auf. Eine Sanitätskolonne in Marschbereitschaft. Sind sie jetzt schon auf den Beinen? Die Leute in den Gräben da oben sind noch gesund und munter, aber hier stehen schon die Leute, im grauen Morgen, die sie verbinden sollen. Wir löschen die Lampen. Wieder ein zerschossenes Dorf. Wir gehen zu Fuß weiter. Es wird langsam Tag. Nebelgestalten huschen an der Wegseite, Feldküchen, Krankenträger, Reserven. Wir steigen bergan. Ein Weg, der gangbar gemacht wurde dadurch, daß man Baumstamm an Baumstamm reihte. Das Holz der Stämme ist abgeschabt und zermahlen durch die vielen Räder und Stiefel, die hier bergan und bergab gingen. Der Wald wird plötzlich lichter. Es wird Tag. Die Schlucht erweitert sich, und vor uns liegt eine zerschossene kahle Bergkuppe. Wir steigen in die erste Zone ein. Die erste Zone, das sind die Gräben, um die im Winter gerungen wurde. Die hohen Bäume sind vernichtet, aber das Unterholz grünte wieder. Diese Zone hat das Aussehen eines Weinberges, einer Hopfenpflanzung. Gräben, Schutt, Granattrichter. Dann aber kommt die zweite Zone, der Berg selbst. Wie sieht er aus? Unnatürlich, ohne jeden Vergleich! Man denke sich einen wild erregten Ozean mit zornigen, dichtgedrängten Wellen, das wilde Meer bei Sturm. Aber dieses Meer ist aus Lehm und plötzlich in einer Sekunde erstarrt. Ich übertreibe nicht. So und nicht anders sieht der Berg aus.
Wogen, Zacken, Abgründe. Das erstarrte Meer wälzt sich gegen die Höhe. Dazwischen stehen Stumpen toter Bäume. Von Tausenden von Gewehrkugeln wurden sie durchlöchert, bis sie wie ein Sieb waren und ein Windstoß sie zu Boden warf. So sieht es hier aus, es ist das Trostloseste und Schrecklichste, was die Phantasie erdenken kann. Gräben, Sprengtrichter an Sprengtrichter, viele Meter tief und breit. Diese erstarrten Lehmwogen sind das Ergebnis der Kämpfe von vielen Monaten. Es riecht hier nach Leichen und schrecklichen Dingen. Teile menschlicher Körper ragen aus den Lehmkrusten, Tuchfetzen, zerschlagene Blechgeschirre liegen in den Löchern. Um jeden Granattrichter wurde hier gekämpft. Langsam, Schritt für Schritt, mußten unsere Truppen sich zur Höhe emporkämpfen. Sie standen bis an die Hüfte im Wasser. Es gibt hier einen Weg, der den Namen „Selbstmörderweg“ trägt. Ein Annäherungsgraben, der nur flach ausgehoben worden war, und den die feindlichen Maschinengewehre bestrichen. Die Leute wollten lieber das Leben riskieren, als ewig im Wasser waten! Tausende haben diese erstarrten Lehmwogen verschlungen, Freund wie Feind. Nun schweigen sie.
Früher trug diese Wüstenei Namen: es sind die berühmten Werke Central, Cimetière, Bagatelle, die im Juni und Juli genommen wurden.
Rot und dunstig steigt die Sonne über das tote Lehmmeer empor, das in seiner höchsten Wildheit erstarrte. Granaten winseln durch die Luft, Einschläge krachen. Ein schweres deutsches Geschütz schießt. Dumpf und fern klingt der Abschuß, als gehöre das Geschütz einem anderen Teil der Kampflinie an. Aber mächtig rauscht die Granate über uns dahin, und ein paar Sekunden später kracht der Berg. Drei Granaten feuert es herüber, dann schweigt es. Aber andere Geschütze schlagen. Eine Granate singt doppelstimmig durch die Luft, ein Querschläger. Das hört sich drollig an. Vereinzelte Gewehrkugeln summen über den Lehmberg dahin, ein Maschinengewehr bellt heiser. Plötzlich kommt eine ganze Horde feindlicher Granaten durch die Luft getrillert, eine hinter der anderen, in wahnsinniger Eile. Es kracht, daß die Erde zittert. Der Franzose schleudert Wurfminen.
Es ist die gewöhnliche Morgenarbeit, ganz „normales“ Feuer. Alles geht gut.
Durch den Annäherungsgraben kommen die Leute aus den Feldküchen hinter uns her. Immer zwei tragen an einer Stange auf den Schultern einen schweren eisernen Kessel. „Bringt ihr Kaffee?“ – „Nein, Suppe, es muß heute früher gegessen werden.“ – Heute! Ja, heute ist ein besonderer Tag.
Die Sonne scheint, zum erstenmal treffe ich im Argonnenwald schönes Wetter, aber die Grabenwände strömen eisige Kälte aus.
In den Gräben auf der Eselsnase ist schon alles munter. Zuerst kommen wir zu den Württembergern, dann zu den Reichsländern und Preußen. Draußen, fünfzig Meter, dreißig Meter entfernt liegt hinter einer Barre von Stacheldrähten das Werk Marie-Thérèse. Eine blaue Rauchmauer steht darüber, der Rauch von den Granaten und Minen der „Morgenarbeit“. Granaten winseln und schlagen ein. Die schweren feindlichen Wurfminen krachen wie Donnerschläge. Die Posten stehen am Gewehr, die Maschinengewehre lauern. Handgranaten, Minenwerfer mit Munition, alles ist bereit. Kupferdrähte führen hinaus in eine Sappe: um elf Uhr soll die Mine hochfliegen! Überall ist man geschäftig, in aller Ruhe, denn man hat Zeit. Ausfallstufen werden gegraben. Ernst und still sind die Leute, etwas stiller als sonst, denn sie wissen, was der Tag für sie bedeutet. Spricht man sie an, so reißen sie sich zusammen, entschlossen und kühn blicken ihre Augen.
„Macht eure Sache gut, heute!“ – „An uns soll’s nicht fehlen! Heute hau’n wir sie wieder zusammen.“
Sie machen auch Witze.
Die Offiziere kriechen aus ihren Unterständen und begrüßen uns. Hauptleute, Leutnants. Sie sind zuversichtlich und frisch. Sie erteilen uns Ratschläge, Warnungen, _sie_! Ein paar böse Ecken, wo sie Handgranaten schmeißen, Minen. Ach, und ein paar Stunden später waren einige der prächtigen Leute schon tot!
Wir gehen weiter. Minen krachen wie einstürzende Häuser. Ein Grauer schaufelt; eine Mine hat ihm Erde in den Graben geworfen. Plötzlich ist der Graben zugeschüttet. Ein paar Leute graben. „Was gibt es?“ – „Unsere Offiziere sind eben verschüttet worden!“ – Mit Schaudern sah ich es, mit Schaudern spreche ich davon, aber es ist Krieg, das darf man nicht vergessen. Die Mine hatte den Graben vollkommen eingedeckt. Ein Armstumpen ohne Hand ragte aus der Erde. Um die Ecke – – nein! Neben mir kauerte mit angezogenen Knien ein Toter, sein Kopf hing auf die Brust herab. Er sah nicht aus wie ein toter Mensch. Über und über mit grauer Erde eingestäubt, Kopf, Gesicht und Kleider, erschien er wie die Statue eines Schläfers mit angezogenen Knien, die man ausgegraben hatte. Sie alle, zwei Offiziere und vier oder fünf Mann, waren gefallen vor dem Sturm beim alltäglichen Morgenkampf. Ehre euch und Ehre dir, kleiner grauer stiller Schläfer!
„Achtung!“ Eine Mine kam durch die Luft und schlug hinter uns krachend ein. Der Jäger zu Pferd, dessen Augen so grün sind wie seine Uniform, prüfte, ob wir über den verschütteten Graben wegrutschen könnten. Aber es war unmöglich. Dreißig Meter querab lauerten die französischen Gewehre.
Wir mußten zurück. Aber nun kamen die Minen, eine nach der anderen. Bald mußten wir rechts, bald links ausweichen. Eine schlug vor uns ein, das heißt nicht in den Graben, sondern draußen, ganz nahe, aber sie explodierte nicht. In solchen Momenten ist man ganz ruhig. Man zittert nicht, und das Herz schlägt nicht rascher. Man ist längst über die Zone der Angst hinaus. Man weiß, daß man vollkommen in der Hand des Schicksals ist, und damit fertig.
Hoch oben durch das Blau des Himmels zieht die Wurfmine. Sie erscheint nicht größer als ein Habicht. Deutlich sind ihre Flügel, ihre Schwingen zu erkennen, die ihr den ruhigen Flug verleihen. Sie rast eilig dahin, in herrlicher Kurve, und sieht wundervoll aus. Wir stehen und folgen ihr mit den Blicken. Plötzlich sticht sie wie ein Habicht herab, wird mit jeder Sekunde größer, häßlicher und – gefährlicher. Achtung!
Der Teufel hat diese Minen erfunden.
Auf dem Heimweg in der Sappe begegnen wir wieder den Suppenträgern und zwängen uns an den Kesseln vorbei. Sobald sie den dumpfen, unscheinbaren Abschuß des Minenwerfers hören, lugen sie aus. Züge von Feldgrauen schieben sich an uns vorüber, Gewehre, Handgranaten, Gasmasken. Einzelne schleppen große Stahlschilde. Einer trägt auf dem Gewehr ein paar Feldpostpakete. Die Gräben werden aufgefüllt. Immer näher kommt die Stunde –
Wir überqueren das erstarrte Meer aus Lehmwogen. Das Morgenfeuer wird ruhiger.
Der Jäger zu Pferde zieht die Uhr.
„Noch fünf Minuten!“
In fünf Minuten ist es acht. Da soll es losgehen.
3
Punkt acht Uhr ging es los.
Mit der Sekunde feuerte ein Geschütz schweren Kalibers, und die Argonnen krachten. Die Wälder horchten auf. Das schwere Geschütz gab eine Salve krachender Schüsse ab. Pause. Dann begann es von allen Seiten. Ja! Die Kanoniere standen schon überall bereit, glühend vor Kampfbegierde. Die Granaten steckten schon in den Rohren, die Geschütze waren gerichtet und nun rissen sie ab! Die Hölle tobte, krachte, lachte, rasselte. Es fauchte, zischte, heulte in der Luft, es pochte, stampfte, rumpelte und knurrte. Zuweilen klang es, als ob ein Riese, groß wie ein Berg, mit einem Hammer auf eine Stahlwand losschlage, wütend und betrunken. Die Kanoniere, ja diese Kanoniere mußten arbeiten wie verrückte Teufel! Die Granaten mußten von selbst in die heißen Rohre springen, eine hinter der andern, Schuß, laden, Schuß, laden. Der Schweiß läuft ihnen übers Gesicht, aber so lieben sie es. Immer hinaus, was die Rohre hergeben können.
Links oben von mir, an meinem linken Ohr, feuert mit harten, zornigen Schlägen eine schwere Batterie, daß der Boden zittert. Die Geschosse rauschen und klirren durch die Luft wie ein Eisenbahnzug, der über eine Eisenbahnbrücke hämmert. Rechts oben, an meinem rechten Ohr, knallt eine Batterie, und die Granaten gehen mit einem Zischen hinaus, wie wenn eine Lokomotive mit Überdampf die Ventile löst. Dazu das Krachen und Knattern der Einschläge, das wir deutlich hören, denn wir sind ja nicht weit davon entfernt. Es ist ein Rauschen in der Luft, wie wenn ein Zug ein Tal, eine Schlucht passiert. Zuweilen kommen Schreie und Winseln von oben, wie wenn Menschen von Dämonen entführt würden und verzweifelt klagten.
Das ist der Anfang. Drei Stunden, drei volle Stunden, bis elf Uhr, soll dieses Feuer dauern!
Es ist nur die Eröffnung. Das Schachspiel, das mir der Jäger zu Pferde gestern abend auf dem Papier erklärte, es setzt sich in die Wirklichkeit um. Mudra spielt! Es ist die Eröffnung Mudras, und bei Gott, ich möchte nicht mit ihm diese Partie spielen!
Ich sehe auf die Uhr. Es ist acht Uhr zwölf Minuten!
Alles ist auf die Straße gelaufen, wenn man so sagen kann. Die Straße ist ein erbärmlicher Knüppelweg im Walde. Nebenan liegt der Verbandplatz. Ärzte, Krankenträger, Ordonnanzen, Feldbäcker und Chauffeure, alles steht auf der Straße, um sich das Feuer anzuhören und anzusehen, obschon es nichts zu sehen gibt. Es rauscht und schleift in der Luft, das ist alles. Alle sind in erregter und begeisterter Stimmung. (Niemand denkt an Marie-Thérèse!!) Ich weiß recht gut, daß eine Beethovensche Symphonie etwas anderes ist, aber das Feuer hat etwas Berauschendes an sich! Es ist die Musik feuerspeiender Berge und Urgewitter.
Wie sieht es droben in den Gräben aus, von denen ich eben komme? Sie ducken sich hinter die Erdwälle, so furchtbar zischen die Granaten. Wie sieht es in Marie-Thérèse aus, das ich eben sah? Die blaue Rauchmauer ist ein dicker, gelbgrauer Wall geworden, und nichts Lebendiges ist zu sehen. Fontänen von Erde jagen in die Höhe.
Es ist acht Uhr dreißig Minuten.
Der Franzose antwortet. Er kommt nur langsam in Gang. Er feuert verwirrt. Es sind Granaten, die er gerade bei der Hand hat, es sind Batterien, die noch nicht – nach der Morgenarbeit – frühstücken gingen. Telephondrähte sind zerschossen. Die Batterien warten auf Befehl. Das ist eine elende Situation. Mudras Eröffnung war zu unregelmäßig. Erst acht Uhr dreißig Minuten kommt System in das französische Feuer. Nun rauschen seine Lagen herüber –
Ein deutscher Flieger brummt über dem Wald.
Neben dem Verbandplatz treffe ich den Divisionär, Exzellenz Graf v. Pf. Der Divisionär steht unter dem Schleifen und Rauschen der Granaten, gleichmütig und ruhig, als ob er zu Hause wäre. Und doch kann jeden Augenblick eine Granate hereinfegen, daß die Späne fliegen. Die Granate ist blind und hat keinen Respekt vor gestickten Kragen.
„Es ist das Inferno!“ sagt der Divisionär gelassen, mit einem leisen Unterton von Verwunderung und Bedauern.
Ja, in der Tat, trüge ich nicht ganz klare und festgefügte Vorstellungen aus einer Zeit des Friedens und einer Welt ohne Kanonen in mir, Vorstellungen, die die schwersten Kaliber nicht erschüttern können und die dieses grausige Völkergewitter meinem Bewußtsein als ein blutiges, aber vorübergehendes Kapitel einreihen, wäre es nicht so, sage ich, so würde ich jetzt kapitulieren und bekennen, daß diese Erde, auf der wir leben, schon die Hölle ist, von der die Pfarrer immer sprechen.
Das Geschützgewitter kracht in den Bergen.
„Nun wird er lebhaft,“ sagt der Divisionär in aller Ruhe, „es wird nicht lange dauern, da schießt er hierher.“
Eine Granate saust über unsere Köpfe dahin wie eine blitzschnelle bösartige Riesenbremse, und auf der Waldhöhe, dicht gegenüber, steigt urplötzlich eine schwarze Riesenpinie aus Dreck und Rauch empor, höher als die höchsten Eichen. Eigentümlich, die schwarze Einschlagsäule stand schon im Wald, während das Ohr noch das Zischen des Geschosses aufnahm. Ein grauer Rauchklumpen zerstäubt zwischen den Bäumen. Dann kommen ein paar Granaten mit Brennzünder. Er tastet nach unseren Batterien.
„Na, was sagte ich!“ sagt der Divisionär und lacht. „Da kann er lange hinschießen.“
Und unsere Haubitzen krachen, daß der Boden bebt.
Zwischen den Eichen, wo eben die Granaten einschlugen, klettert ein Soldat den Wald herunter. Zum Teufel, was hat er da zu suchen?
Der Divisionär erzählt aus seinen Feldzugserlebnissen, von den Argonnen, von seinen prachtvollen Truppen. (Ja, das sind sie!) Er erzählt, daß er einen Fonds für die Hinterbliebenen seiner Division gegründet habe, der schon die Höhe von über dreißigtausend Mark erreicht habe. Wir plaudern, als säßen wir irgendwo behaglich bei einer Zigarre.
Nebenan, im Verbandplatz, ist schon alles bis aufs letzte vorbereitet. Hier führt ein freundlicher Arzt den Oberbefehl. Er sprüht von Leben und Arbeitseifer und steht sicherlich auf dem rechten Platze. Welch eine Wohltat muß es sein, verwundet aus dem Gefecht unter diese Hände und Augen zu kommen! Operationstisch, Verbandzeug, Instrumente, alles ist bereit, blitzblank sind die kleinen Kammern. Die Ärzte warten.
Der Jäger zu Pferde führt mich durch den Wald hinauf zu einer kleinen Baude. Hier haust während des Kampfes der Brigadegeneral v. K. mit seinem Stabe. Der General heißt mich willkommen und erlaubt mir, zu bleiben, solange ich will. Freundlicher wurde ich selten aufgenommen wie bei den Leuten im Argonner Wald.
Hier in dieser Baude wird fieberhaft (und doch mit welcher Ruhe!) gearbeitet. Der Adjutant, Hauptmann B., sitzt dauernd am Telephon. „Geben Sie mir diese und jene Stelle, rufen Sie Herrn Soundso! Wie? Das Feuer liegt vorzüglich. – Bei den Franzosen hat man eine Explosion beobachtet. Es wird ein Munitionslager in die Luft gegangen sein. – Teilen Sie Herrn X. Y. mit, daß die Batterie Z. glänzende Resultate hat. Ein Flieger hat es gemeldet. Erster Schuß saß sofort in Harazée (ein kleines Dorf), ebenso erster Schuß in Vienne-le-Château. Jawohl, danke schön. – Ich werde jetzt auf diesen und jenen Punkt feuern lassen. Es liegt Meldung vor, daß der Franzose versucht, da und dort Verstärkungen vorzuschieben.“
Das Telephon tutet. Ohne Pause geht es so fort.
Das kleine Fenster der Baude rasselt bei jedem Geschützschlag. Draußen scheint die Sonne. Die Granaten rauschen mächtig dahin. Zuweilen summt es in der Luft oder es klingt klirrend, wie wenn eine Stahlseite zerspringt, es pfeift: Sprengstücke, verirrte Kugeln, die durch den Wald fliegen.
Das Feuer hat um etwas nachgelassen, aber es ist noch immer ein infernalisches Dröhnen und Krachen.
Das Telephon tutet. „Jawohl?“ Das Regiment X. meldet, daß unser Feuer zu kurz liegt und die eigenen Gräben gefährdet. – „Das ist unmöglich,“ antwortet der Adjutant. „Es werden feindliche Einschläge sein.“ Er bekam recht. Ein paar Minuten später geht die Meldung ein, daß zwei feindliche Flieger in der Luft sind und das Feuer der Artillerie auf den betreffenden Graben lenken. „Ich werde einen Flieger hochschicken!“ antwortet der Adjutant. Eine andere Stelle muß schon Meldung gemacht haben, denn fünf Minuten später brummt ein deutscher Doppeldecker hoch oben über den Wäldern.
Wir essen zu Mittag: „Denn essen muß der Mensch, trotz allem.“ Der Adjutant sitzt in der engen Stube mit dem Rücken gegen das Telephon, um nur die Hand nach dem Hörer ausstrecken zu müssen. Dutzendmal wird er unterbrochen, aber doch findet er noch Zeit, mir zuzureden und nachzusehen, ob mir auch ja nichts fehlt.
Gegen elf Uhr schwillt das Feuer wieder zur früheren Raserei an. Die Geschütze taumeln vor Grimm. Immer hinaus, was die Rohre hergeben können! Dann kracht der Wald von furchtbaren Explosionen: die Minen wurden gesprengt. Die Erde zittert.
Und nun ist es elf Uhr. Jetzt müssen sie aus den Gräben! Es sind Minuten der größten Spannung.
4
Ja, nun steigen sie aus den Gräben! Auf der ganzen Linie von zwei Kilometern.
Über die Ausfallstaffeln klettern sie empor, durch die Sappen stürzen sie sich gegen den Feind. Handgranaten am Gürtel, Rauchmasken, Schutzschilde, eine Handgranate in der Rechten, fertig zum Abreißen, das Gewehr über der Schulter, bereit zum Schuß, bereit zum Zuschlagen. Die Kugeln schwirren.
Ein Mann fällt, während er sich aus dem Graben schwingt, ein Mann fällt auf den Grabenwall, ein Mann fällt nach drei Schritten – aber die Kameraden stürmen weiter, mit Hurra und Geschrei, hinein in Dunst und Rauch.
Der Gegner ist zusammengetrommelt, aber keineswegs erledigt. Aus Grabenlöchern feuert er, aus Granattrichtern, mitten in Schutt und Erde richtet er das Maschinengewehr, das noch intakt ist. In einer Sappe hat er sich zusammengedrängt, die Handgranaten krachen, weiter! Es fällt der Mann im Dunst, im Rauch. Ein paar Grenadiere bringen ein feindliches Maschinengewehr in Stellung. Sie fallen. Weitab sind schon die Kameraden. Vorwärts! Es fällt der Offizier.
Auf einer Linie von zwei Kilometern branden sie so vor. Heiß ist der Nahkampf. – –
Unsere Gedanken sind oben bei ihnen, unsere Wünsche, unsere Hoffnungen und unsere Angst. Die Spannung schmerzt, im Herzen, im Gehirn. Wird es gelingen? Im ganzen Umfang? Und wird es mit geringen Opfern gelingen?
Es ist ganz still in unserer Baude.
„Wollen wir hören, ob viel Infanteriefeuer hörbar ist. Denn das bedeutet nichts Gutes,“ sagt der General, und wir treten hinaus.
Es ist fast gar kein Infanteriefeuer vernehmbar. Es steht gut! Die Geschütze krachen und wettern ohne Pause. Sie schießen nun natürlich nicht mehr auf Marie-Thérèse, sie feuern auf die feindlichen Batterien und Zugangswege. Die feindlichen Einschläge krachen in den Wäldern. Aber durch die kurzen Pausen des Krachens hindurch lauschen wir gespannt nach oben. Nur vereinzelte Schüsse. Da beginnt ein Maschinengewehr hohl zu klopfen.
„Ein französisches Maschinengewehr! Das ist schrecklich!“ sagt ein Offizier leise vor sich hin.
Aller Herzen sind oben bei ihnen, die jetzt kämpfen für die deutsche Sache.
Es kommt die Meldung, daß alles gut stände. Wir atmen auf.
Elf Uhr dreißig Minuten trifft die erste bestimmte Meldung ein. Das Regiment X. hat zwei Gräben genommen, gegen hundert Gefangene. Es geht gut vorwärts.
Der Adjutant sitzt am Telephon, und sobald er eine Meldung entgegengenommen hat, teilt er sie uns mit.
Elf Uhr vierzig Minuten. Das Regiment Y. hat ein paar Gräben überrannt, eine Anzahl Gefangene, Maschinengewehre, Minenwerfer. Es sind die Leute von der Eselsnase, bei denen ich heute morgen war. Das Regiment ist berühmt und gefürchtet beim Gegner.
Ein anderes Regiment meldet, daß es infolge starken Artilleriefeuers nur mühsam aus dem Graben kam, jetzt aber rasche Fortschritte mache. Leider einige Offiziere gefallen. Kompanieführer X., Leutnant Z. – Vor ein paar Stunden sprach ich noch mit ihnen.
Der General blickt vor sich hin und holt tief Atem.
Es ist Krieg, Krieg, man darf es nicht eine Minute vergessen.
Meldung um Meldung. Das Regiment Z. meldet, daß es einhundertundfünfzig Gefangene gemacht habe. Punkt erreicht. Anschluß an Nachbarregiment.
Die Meldungen lauten alle gleich günstig. Hundert Gefangene, zweihundert, dreihundertfünfzig – kein Zweifel: der Angriff ist geglückt. Wir haben gewonnen!
Um zwölf Uhr meldet der Bursche: „Herr General, die ersten Gefangenen!“
Wir sehen einander erstaunt an. „Schon,“ sagt der General, und wir gehen durch den Wald, hinüber zum Knüppelweg.
Da stehen sie. Drei Stück. Verschwitzt und bestaubt kommen sie aus den Gräben. Sie machen einen jämmerlichen Eindruck. Einer trägt ein Käppi. Er ist ganz grau, Bretone, einundvierzig Jahre alt. Seine schmutzigen groben Hände zittern vor Erregung. Die beiden anderen sind junge Burschen, gegen zwanzig, klein, schwarzhaarig, mit runden schwarzen Glotzaugen. Sie tragen blaugraue Stahlhelme auf den runden Köpfen, Helme, die den alten Sturmhauben des Mittelalters ähneln und ganz neu sind. Die Burschen gefallen mir nicht. Und als ich anfange, sie auszufragen, bekommen sie auch sofort Streit. Einer wirft dem andern vor, sich im Unterstand versteckt zu haben. Sie hatten es eilig, in Gefangenschaft zu geraten, das kann ich sehen. Es sind Leute aus Toulouse.
„Was wird man mit uns tun?“ fragt einer der Tapferen mit dem Stahlhelm mit einem ängstlichen Blick.
„Man wird euch in ein Lager nach Deutschland schicken,“ antworte ich. Er ist befriedigt. Was dachte er denn –??
Nun aber wimmelt es auf dem Waldweg. Eine Feldbahn führt in der Nähe vorüber. Darauf laufen Karren, von vier Krankenträgern geschoben, und auf den Karren sitzen und liegen die Verwundeten. Auf einer Karre hockt oben ein junger Franzose und jammert und stöhnt in gleichen Zwischenräumen. Sonst hört man nur selten einen Schmerzenslaut.
Eine Bahre wird vorübergetragen. Ein Feldgrauer liegt ausgestreckt darin.
„Wo fehlt’s?“ fragt der General.
„Beinschuß!“
„Nun, immer rasch zum Verbandplatz.“
Eine zweite Bahre wippt auf den Schultern der Träger vorüber. Bleich und still liegt darin ein Franzose.
Leichtverwundete kommen allein an. Der General hat für jeden ein ermunterndes Wort, einen freundlichen Zuruf. „Was ist mit Ihnen?“ fragt er einen Grauen, dessen rechte Hand in blutigem Verbandzeug steckt. „Granatsplitter.“ – „Na, es wird nicht so schlimm sein. Wissen Sie den Verbandplatz? Gleich da drüben.“ Wie ein Vater spricht der General seinen Leuten zu. „Wie steht es oben?“ – „Wir haben drei Gräben genommen, Herr General!“ – „Na, das ist prachtvoll. Immer rasch zum Verbandplatz.“
Bahren, Karren.
Ein Grenadier mit verbundenem Arm, gestützt von einem Krankenträger, kommt festen Schrittes, stolz und aufgerichtet des Weges, obschon ihm Schmerz und Schrecken im Gesicht sitzen. Ein Lob des Generals läßt seine Miene aufleuchten.
Auf einer Karre sitzt ein Verwundeter. Sein Kopf ist nichts als ein weißes Knäuel mit blutigen Flecken. Aber er sitzt mit verschränkten Armen, ganz behaglich.
So strömt es unaufhörlich vorüber, und die Granaten rauschen und zischen ohne Pause über den Wald.
Ein Grauer, mit blutigem Kopfverband, tritt an den General heran und schlägt die Absätze zusammen.
„Wo kann ich Herrn Major Soundso sprechen? Ich habe eine Meldung zu machen.“ Das Blut tropft dem Tapferen übers Gesicht.
„Was soll es sein?“
„Das Regiment hat drei Gräben genommen und über zweihundert Gefangene.“
„Ich werde es bestellen lassen. Aber nun schauen Sie, daß Sie sich mal erst ordentlich verbinden lassen.“
Der Graue klappt mit den Stiefeln. Ab. Ja, was für Leute das sind!
Ein anderer kommt vorbei, den Kopf verbunden. Er war schon vor dem Sturm verwundet worden, machte aber noch den ganzen Angriff mit.