Der krasse Fuchs

Part 4

Chapter 43,641 wordsPublic domain

Im Institutionen-Kolleg vielleicht anderthalb Dutzend Hörer. Der Professor kam, von einem kurzen Trampeln begrüßt. »Meine Herren,« begann er geschäftsmäßig, entfaltete dann erst sein zerlesenes, vergilbtes Heft, nach dem er bereits seit Jahrzehnten allsommerlich denselben Lehrstoff in derselben Weise behandelte. »Der Kreis der klagbaren gegenseitigen Konsensualkontrakte war ein festgeschlossener. Klagbar waren nach klassischem Rechte nur vier Verträge mit typischem, genau bestimmtem Inhalt: nämlich Kauf, Miete, Mandat und Gesellschaft. Formlose gegenseitige Geschäfte, welche nicht unter einen dieser Typen fielen, waren nicht klagbar. Aber auch diese sogenannten Innominatrealkontrakte werden im Laufe der römischen Rechtsentwicklung ...« und so weiter in dieser Tonart. Die Hörer versanken in Stumpfsinn, lauschten kaum mit halbem Ohre den leblosen Darstellungen eines seit anderthalb Jahrtausenden versunkenen, verschollenen Rechtszustandes, mit dessen Schilderungen man sie ödete, ohne irgendwelche Anschauungen in ihnen zu erwecken, ohne anzuknüpfen an vorhandene Vorstellungen und Begriffe, ohne ihre jungen Seelen anzulocken mit irgendeinem Lebenswert. Mumien breitete man vor ihnen aus, Mumien uralter Formen, mumienhaft war der Vortrag, eine Mumie, eine redende, schien gar dieser alte Geheimrat selbst, der seit Jahren vergessen hatte, daß da vor ihm junge, sehnsüchtige Menschenleben saßen ... er aber redete wie die abschnurrende Walze eines Phonographen, seelenlos und wie zu Seelenlosen ...

Noch saß Werner täglich gewissenhaft seine drei Stunden Kolleg ab ... aber immer dümmer und alberner kam er sich dabei vor; nicht lange mehr, das fühlte er, so würde er diesem Hause den Rücken kehren, dessen Lehrmethoden noch weit sinnloser waren als die des Gymnasiums, dem er entflohen, und mit den Gefährten seiner Jugend bummeln, wandern, schwimmen, rudern, poussieren ...

Endlich waren die drei Stunden in mühsamem Kampf gegen Schlaf und Ekel überstanden, und erleichtert schlenderte der Student zum offiziellen Frühschoppen ...

Aber bitter waren seine Gedanken. Das also war die +universitas litterarum+, das war das ersehnte freie Studium!

Beim Frühschoppen herrschte große Heiterkeit. Sie ging auf Kosten eines Korpsburschen, der mit etwas blassem Gesicht am Tische saß und in seinem Bierkruge statt des gewohnten Trunkes aus München ein dünnes Gebräu aus Rotwein und Selterswasser mischte. Alles ulkte ihn an, sprach ihm ein scherzhaftes Beileid aus, ohne daß Werner sich erklären konnte, was eigentlich der Grund der allgemeinen Heiterkeit sei. Er fragte einen der Korpsburschen, was denn eigentlich mit Dettmer los sei. Antwort: »Na, siehst du's denn nich? Er ist bierkrank, hat sich's bei 'ner Sau in Gießen geholt.« Das begriff Werner nun ebensowenig. Aber der Dresdener Dammer hatte die Frage gehört und den verständnislosen Ausdruck in Werners Gesicht beobachtet. Er fragte: »Sag' mal, Achenbach, wo warscht denn du eigentlich noch uff der Penne (Gymnasium), sag' mal?«

»Nun, du weißt doch, in Elberfeld.«

»Nu, da wart ihr wohl eine sähre unschuldige Gesellschaft?«

»Wieso?«

»Nu, daß du nicht verstehst, was eben mit Dettmern los ist?«

Und mit Grauen und Ekel vernahm nun Werner das Neue und Ungeheuerliche: jener Korpsbruder dort war nach Gießen gefahren, dort zu einer Dirne gegangen (»ich sah ihn gehn in solch ein schlechtes Haus, will sagen ein Bordell«, fiel's Wernern dabei aus dem Hamlet ein), und nach einigen Tagen, just heute morgen, hatte sich die Krankheit bei ihm eingestellt. Das alles fiel in Werners Seele wie lauter dumpfe, wuchtige Keulenhiebe. Wohl hatte er aus der Lektüre der Klassiker eine schattenhafte Vorstellung davon gehabt, daß es im Altertum Buhlerinnen und Lupanare gegeben habe, wußte auch, daß damals selbst Jünglinge edlen Blutes und vornehmer Sitten zu solchen Weibern gegangen waren, ja, daß selbst in der Gegenwart leichtsinnige, heruntergekommene und verwahrloste Menschen sich mit ähnlicher Schande besudelten, davon hatte er eine dunkle Ahnung. Aber daß junge Leute aus guten Familien, brave, harmlose Jungen wie dieser gute, semmelblonde Dettmer ... Himmel, das war ja ungeheuerlich!! Und da schämte man sich nicht bis in den Tod, das gestand man ganz ruhig, und das Korps trat nicht ohne weiteres zusammen, um den Unwürdigen, den Ehrlosen auszustoßen, noch dazu, da er sich mit einer offenbar schmutzigen, widerwärtigen Krankheit besudelt hatte ... nein, man faßte die Sache als ein harmloses Mißgeschick auf, fügte zum komischen Malheur den scherzhaften Ulk ...

Himmel, dachte er, und mit denen sitze ich zusammen, mit denen trage ich die gleichen Farben ... wenn das meine Eltern wüßten, meine gütigen, liebevollen Eltern ... meine Mutter ... aber auch mein Vater ... wußte er denn nicht, daß es so etwas gab? Und wenn er's wußte, warum hatte er ihm nichts davon gesagt? ihn nicht gewarnt vor diesen gräßlichen Gefahren?!

Aber wozu ihn ~warnen~? Denn hier gab's ja für ihn, für Werner Achenbach, keine ~Gefahr~! -- Und er, der sich brennend nach Weibesliebe gesehnt, er wies den Gedanken weit von sich, zu einem käuflichen, verworfenen Weibe zu gehen ... sich mit Geld zu erhandeln, was nur süße Liebe, schwer atmender Sinnenrausch gewähren dürfte, gewähren und nehmen ...

Der gutmütige Dammer, der erst schon im Begriff gewesen war, seine erheiternde Entdeckung von Werners Kinderunschuld dem versammelten Kreise der Korpsbrüder zu verraten, sah die düstere Erregung in des jüngeren Korpsbruders Gesicht und nahm sich vor, den Ahnungslosen nun aber auch gleich gründlich und freundschaftlich aufzuklären. Und während der Frühschoppen die letzten Reste des Katers von der speziellen Kneipe aus den Köpfen der Cimbern hinwegspülte und scherzhaftes Geplauder, derbe Lieder und Trinkscherze hin und wider flogen, sank von Werners Augen die rosige und duftende Wolke -- nackt und schamlos, geschminkt und parfümiert stand vor ihm Frau Welt, die brüstestarre Dirne, Frechheit und Geldgier im erloschenen, entweihten Auge ...

Ein Fieberschauer schüttelte Werners Seele. Kaum war er imstande, den gemeinsamen Mittagstisch des Korps noch mitzumachen. Er floh in die Bergwälder und rannte lange ziellos und grauengeschüttelt umher.

Einige Stunden später stand er in Scholzens Arbeitszimmer vor seinem Leibburschen.

»Was willst du, Leibfuchs?«

»Ich bitte um meinen Austritt aus dem Korps.«

»Nanu? Ist was passiert?«

Werner verneinte stumm.

»Dann sag' mir, bitte, deine Gründe.«

»Ich passe nicht zu euch.«

»So -- -- das erklär' mir gefälligst.«

»Das kann ich nicht.«

»So, das kannst du nicht. Aber weißt du, so einfach geht das denn doch nicht. Wenn du keine Gründe angibst, dann können wir dich nicht entlassen -- in Ehren entlassen.«

»Was? Ihr könnt mich doch nicht zwingen, im Korps zu bleiben?«

»Das nicht, aber wenn du ohne Grund austreten willst, dann entlassen wir dich nicht einfach, dann geben wir dich als unbrauchbar ab, das wird nach außen gemeldet, du kannst dann nie wieder in ein anderes Korps eintreten und kannst auch im späteren Leben mancherlei Unbequemlichkeiten davon haben. Also ... rück mal raus.«

Werner schwieg noch immer, und Scholz betrachtete ihn nun genauer. Der Cimbernsenior war in seinem sechsten Studienjahr; er hatte schon manchen jungen Fuchs ins Korps eintreten und sich entwickeln sehen. Er hatte unter den jüngeren Korpsbrüdern ein halbes Dutzend Leibfüchse. Um die älteren von diesen hatte er sich noch eifrig bemüht, sie angelernt und erzogen; später hatten seine Chargensorgen und sein medizinisches Studium ihm dazu keine Muße mehr gelassen. Vollends zu diesem da hatte er gar kein inneres Verhältnis. Aber nun machte er sich doch einen leisen Vorwurf, als er den jungen Korpsbruder vor sich stehen sah, schwer atmend, in dem weichen, ungeprägten Gesicht die deutlichen Spuren inneren Wirbels.

Und er hieß Wernern sich setzen, bot Zigarren an, suchte den Schlüssel zu des Knaben Herzen in die Hand zu bekommen. Und bald wußte er, was er wissen wollte.

»Ja, lieber Leibfuchs, daß die Welt ein bißchen anders aussieht, als du dir das bei Vatern und Muttern auf deiner Schulbank vorgestellt hast, da wirst du dich dran gewöhnen müssen. Und daß wir Korpsstudenten, und daß die deutschen Studenten überhaupt gerade keine Tugendengel sind, das stimmt auch. Aber das ist nun mal so. Das ist immer so gewesen ... und du wirst das auch nicht ändern. Und gerade mit der sogenannten Liebe ... sieh, ich bin Mediziner, und unsereiner hört und sieht da noch 'ne ganze Menge mehr davon als ihr Juristen zum Beispiel. Was willst du machen? Mit dreißig oder zweiunddreißig Jahren wirst du Amtsrichter, kriegst dreiundeinhalbtausend Mark -- mit sechs- bis achtunddreißig kannst du zur Not mal eine Familie ernähren -- und inzwischen? Willst du dir wirklich alle die langen Jahre so helfen, wie du dir jedenfalls bisher geholfen hast? Denn so siehst du mir auch nicht aus, als wärst du ein Phlegmatikus, der ein Mädel für einen Laternenpfahl ansieht. Ja, wenn du ein Fabrikarbeiter wärst, dann nähmst du dir jetzt mit deinen zwanzig Jahren ein Fabrikmädel von siebzehn, machtest ihr ein Kind, gingst dann dienen, inzwischen bleibt das Mädel mit ihrem Balg einfach bei den Eltern, jeder findet das selbstverständlich; wenn du auf Urlaub kommst, machst du ihr das zweite Kind, wenn du fertig bist, heiratet ihr, mietet euch eine Stube für zehn Mark und orgelt weiter, bis ihr euer Dutzend Orgelpfeifen beisammen habt. Aber so? Ja, was denkst du dir denn? Du mußt einfach zu Weibern gehen, du mußt! Und wenn du dir's heute noch verkneifst, in ein paar Monaten tust du's doch! --«

Werner saß stumm, den Blick zu Boden gesenkt, und hatte das Gefühl, als zöge jener ihn nackt aus und sähe kalt und sicher jedes Fältchen seines Leibes und seiner Seele.

»Die Weiber,« sagte Scholz weiter, »die sind besser dran als wir. Die können warten. In denen schweigt der innere Schweinehund, bis er geweckt wird. Aber unser Corpus, der meldet sich von selber, wenn er so weit ist! Und dann ist kein Halten mehr, dann heißt's entweder zum Mädel oder -- -- pfui Deuwel! -- -- Ich weiß nicht, ob man dir auch schon erzählt hat, wie ich's gemacht hab'. Ich hab' mich auch geekelt vor dem Viehzeug, vor den Dirnen. Da hab' ich mir denn sogenannte anständige Mädels hergenommen -- Dienstmädchen, Bürgermädchen, so eine nach der andern im Laus der Zeit. Na, und was ist passiert? Drei Würmer hab' ich nach und nach in die Welt gesetzt. Daraufhin haben sich die armen Mütter mit ihren Eltern entzweit, haben ihre Stelle verloren, ich hab' mächtig berappen müssen, mein Alter hat getobt, ich darf gar nicht mehr nach Hause kommen -- und da liegt gerade noch der Brief von einem sehr netten guten Mädel, die auch was gefangen hat; ich soll sie heiraten, sonst will sie ins Wasser. Weißte, schön ist das verdammt nicht. Dann schon lieber nach Gießen.«

»Und ... der Dettmer?«

»Ja ... der hat sich ein bißchen angesengt ... das läßt sich nicht vermeiden. Aber was willst du machen? Heiraten is nich, bleibt also nur huren oder ... na, du weißt schon. Oder hast du einen andern Rat?«

»Himmel -- dann wär's doch besser noch, einfach auf alles zu verzichten ... auf alles ... bis man ... bis man heiraten kann.«

»Versuch's doch mal! Haha! Versuch's doch mal! Vielleicht hast du ja für zehn Pferde Willenskraft ... dann bringst du's vielleicht fertig. Aber wenn du nicht zugleich wie ein Mönch lebst, die Augen zukneifst, wenn ein helles Kleid von weitem blinkt, nur wissenschaftliche Bücher liest, keinen Tropfen Alkohol trinkst, kurz, auf alle Lebensfreuden verzichtest -- wenn du das nicht tust, mein Junge, und dann doch dabei enthaltsam leben willst ... dann ruinierst du dir deine Nerven in Grund und Boden und sitzest in fünf Jahren im Irrenhaus -- das garantiere ich dir. So, nu lauf und zerbrich dir den Kopf nicht über die Welt. Du hast sie ja nicht gemacht, und ändern wirst du sie auch nicht. Mach's, wie's die andern machen, laß dich belehren, wie man Ansteckung und Kinderkriegen vermeidet, oder häng' die Studien an den Nagel und werde Fabrikarbeiter. Ich weiß keinen andern Rat.« -- -- -- -- -- -- -- --

* * * * *

Gott, Gott! Da stand Werner auf der Straße.

Und wie ihn das Gefühl hilfloser Einsamkeit übermannen wollte, da kam ihm der Gedanke an seine Heimat. Seinem Vater schreiben ... ihm alles erzählen, ihn fragen, was er tun solle. Aber dann sah er ein, daß es ihm unmöglich sein würde, auch nur schriftlich mit seinem Vater ... warum hatte ihm der denn nichts von alledem gesagt? Warum ihn ins Leben hinausgestoßen, wie man einen Schuh vor die Tür stellt? Wußte der denn das alles nicht? War der denn anders gewesen, unschuldig, kampflos durchs Leben gegangen? Der hatte mit vierzig Jahren geheiratet und ihn, seinen Ältesten gezeugt ... und vorher? Hatte der vielleicht auch Dienstmädchen und Bürgermädchen verführt, und liefen vielleicht irgendwo in der Welt Menschen in der Arbeiterbluse oder im Bauernkittel herum, die seine Halbgeschwister waren? Hatte der vielleicht auch einmal Rotwein und Selterswasser getrunken, wie C. B. Dettmer Cimbriae? --

Himmel, welch fürchterliche Gedanken! Welch ein Sturz von rosigen Wolkenhöhen hinab in bodenlose Nächte! Wo ein Halt, wo eine Hilfe?

-- Werner war daheim. Er saß im Dämmern auf dem zersessenen Plüschsofa seines Wohnzimmers und hatte den Kopf in den Armen auf die Tischplatte geworfen. Alles in ihm tobte.

Da klopfte es. »Herein!« Es war die blonde Babett.

»Entschuldige Se, Herr Achebach, ich hann nit gewußt, daß Se derheem sinn.«

»Lassen Sie sich nicht stören, Babett.«

»Darf ich die Zimmern zurecht mache?«

»Nur zu.«

Einen scheuen Blick voll Güte und Verehrung warf Babett auf den Studenten.

Immer tiefer sank die Dämmerung in die Stube -- nur des Jünglings hellseidenes Band und sein fahles Gesicht leuchteten aus der Sofaecke auf.

Und Babett hantierte im Zimmer. Brachte frisches Wasser, zog die Spreite vom Bette. Ihre junge Gestalt beugte sich über des Knaben unentweihte Lagerstatt.

»Babett ...« heiser, schreckhaft fremd hatte das geklungen.

»Herr Achebach?«

Plötzlich stand Werner vor ihr, und wie sie, tödlich erschrocken, die Arme wehrlos niederhängen ließ, da fühlte sie sich umfaßt.

Wild, wahnsinnig umfaßt. Und ohne Widerstand gab sie sich den irren Küssen hin, die sie trafen, auf Haar und Stirn, auf Gesicht und Schulter.

Auf einmal war sie frei. Und der Student riß seine Mütze vom Tisch, stolperte hinaus.

Da mußte die junge Babett sich auf das Bett setzen und herzbrechend weinen.

IV.

Unter dem schmalen Türchen, das zum Delikateßwarengeschäft der Witwe Markus führte, stand die schwarze Rosalie und ihr Bruder Student. Die Geschwister zankten sich.

»Das kann ich dir sagen, Rosalie,« sagte Simon, »wenn du nit irgendwie dafür sorgst, daß die Mama mir am Wechsel zulege tut, hernach tu ich noch emal e G'schicht mache, wo ihr alle zwei dran sollt zuviel kriege.«

»Tu, was du nit kannst lasse,« sagte Rosalie mit einem unendlich gleichgültigen Achselzucken. »Du bist ebe nit als Sohn von ein Millionär auf d' Welt komme.«

»Ich weiß, daß ich der Sohn von der alte Markus bin,« knurrte Simon, und seine schmale blasse Wange glühte. »Aber ich weiß auch, daß die alte Markus Geld hat für ihrer Rosalie zehn neue batistene Sommerbluse zu kaufe, un denn tut's mer nit passe, daß ich als Student muß ins Vadders nachgelassene Kontorröckelcher erumlaufe. Wann ich soll erumlaufe wie e Fellcheshändler, hernach hätt mei Mutter nit gebraucht, mich Medizin studiere lasse.«

»Ich kann mir auch nit denke, was se sich dabei gedacht hat, die alt Markus. Du un e Student! du un e Mediziner! en Herr Doktor! Wer krank is un dein Fisionomie sieht un tut dich noch zu Rat ziehe, den kannst immer gleich obe nach Kappel in d'Irrenanstalt bringe lasse!«

»Was? Du un mein Fisionomie schlecht mache? mein Fisionomie -- die is mir wenigstens zu schad, um se von eime jede ablecke zu lasse!!«

»Simon!!« Wie eine Megäre sah das schöne Mädchen aus. »Ich kratz' dir die Auge aus auf der offene Straß!«

»Das kannst gern! Ebe kommt da euer Mieter, der Herr Korpsstudent, der Herr Cimbrefuchs Achebach -- kratz nur -- kratz! Dann weiß der auch gleich, was ihm emal von dir passieren wird, wann er dich leid is!«

Und mit Grinsen sah Simon, wie sich das Gesicht der Schwester plötzlich verwandelte, als Werner, die Kollegmappe umterm Arm, schmuck und geschniegelt, ein eben erstandenes Kornblumensträußchen im Knopfloch, von der Universität her die Wettergasse entlang geschlendert kam, seinen Arm lässig in den des guten Dammer geschoben.

Unwillkürlich strich bei diesem Anblick das Mädchen die losen Löckchen aus der Stirn, die sich, wie auch die Innenseite ihrer Hand, bei dem kurzen Wortgefecht rasch mit feinen Schweißtropfen bedeckt hatte.

Und Werner kam näher, sah Rosalie, sah ihr verheißungsvolles Lächeln und verabschiedete sich plötzlich und verlegen von dem grinsenden Dammer. Er schritt an den Geschwistern, die noch immer in der Ladentür standen, vorüber mit dem zeremoniell-respektvollen Gruß, der Rosalien immer so riesig angenehm übers Herz strich, trat in den schmalen Sondereingang, der zur Treppe führte, und stolperte in seine Bude. Rosaliens Lächeln machte seine Pulse hüpfen.

Kaum war er oben, da klopfte es, und Rosalie trat ein, unterm Arm ein wohlbekanntes Paket: den grauen Leinensack, in dem er alle drei Wochen seine Wäsche nach Hause schicken sollte ... das hatte er vor kurzem zum ersten Male, nach Mutter Achenbachs strengem und ach so zärtlich gemeintem Befehle, getan, und wunderlich war ihm zumut, wie da die Sendung der guten, vergötterten Mutter unterm Arm der +filia hospitalis+ bei ihm eintraf ...

»Da, Herr Achebach -- fünfzehn Pfennig hat's kost!« sagte Rosalie und legte das Paket auf den Tisch.

»Ah -- Sie haben's ausgelegt, Fräulein Rosalie? Tausend Dank -- hier ...« Er zog sein Portemonnaie heraus -- aber ... kein Pfennig fand sich vor -- auch nicht einer.

»Himmel -- was haben wir denn heut für'n Datum?«

»De sechsundzwanzigste -- ach so!«

Student und Mädel sahen sich an und mußten lachen, daß ihnen die Tränen die Backen herunterliefen.

»Noch vier Tag, dann kommt der Stephan!«

»Inzwischen kann ich zehnmal verhungert sein!«

»Korpsstudent, un verhungern in Marburg? -- gibt's nit -- wär auch schad um Ihne!«

»So -- finden Sie?!«

»Allemal!« Ein Blitz aus den dunklen Augen sagte: ja, ich mein's wirklich so. Werner war ganz benommen vor Glückseligkeit. »Nu? de Wasch von Haus? Soll ich Ihne helfe auspacke?«

Das meinte Werner nicht verschmähen zu dürfen, und behaglich sah er zu, wie die gewandten runden Finger die Knoten der Verschnürung lösten.

Aber die Öffnung des Sackes war mit Mutters sorgfältigen, gleichmäßig sauberen Stichen vernäht, und Werner mußte sein Taschenmesser hergeben -- daß ihn dabei die runden Finger streiften, war nicht seine Schuld, und daß diese flüchtige Berührung ihm ins tiefste Herz hineinschauerte, auch nicht. Und wieder war's ihm wunderlich, daß die Stiche alle, die seine Mutter so sauber und akkurat, so treusorglich und liebesgetrost einen neben den andern hingesetzt, nun von einem schimmernden flinken Händchen mit einem raschen Schnitt getrennt wurden ...

Als nun aber die Wäsche zum Vorschein kam, ward Werner doch rot und verlegen und wollte das Amt des Auspackens den allerliebsten Fingern entziehen. Aber das ließ Rosalie sich nicht gefallen. »Stelle Se sich nur an die Kommod -- ich geb's Ihne an!« Und ohne Scheu zählte sie ihm vor: »-- -- zwölf, dreizehn, vierzehn Hemde -- -- zehn, elf, zwölf Paar Unnerhose -- -- zehn, elf, zwölf, dreizehn Nachthemde -- uh, was habe Se für schön gestickte Nachthemde!«

Und dabei lachte sie ihn dreist an, und als sie sein Erröten sah, lachte sie noch viel stärker.

Indessen das Auspacken und Einräumen der Wäsche war ohne Zwischenfall beendigt, nur daß Werners Stimmung einen Augenblick umschlug, als Rosalie unter Lachen und Späßen zwischen den Taschentüchern und Strümpfen eine Trüffelwurst, eine Büchse Ölsardinen, ein Stück Gervais, eine Schachtel Zigaretten, ein Paket Schokolade und einen dicken Brief mit der Aufschrift »An dich!« zutage förderte. Der Brief verschwand in Werners Rocktasche, und als ob Rosalie empfunden hätte, daß sie in diesem Augenblicke auf Werner nicht mehr zu wirken vermöge, verdoppelte sie ihre Lustigkeit.

»Ah! Zigarette! un sicher gute!«

Ihre Augen funkelten begehrlich.

»Wollen Sie eine?« Werner hatte noch nie ein weibliches Wesen rauchen sehen. Doch -- einmal auf Reisen eine Russin im Eisenbahnwagen.

»Aber allemal!« Mit den Fingernägeln ritzte Rosalie die Verpackung auf, und eins, zwei, drei hatte sie die Zigarette entzündet. Nach ein paar Zügen stand sie vor Werner: »Die is fir Ihne!« Und eh' er sich's versah, hatte sie ihm die angerauchte Zigarette zwischen die Lippen geschoben. Er fühlte die Wärme, den Hauch von Feuchtigkeit auf dem Mundstück, und eine wilde Sehnsucht kam ihm nach diesen hüpfenden Lippen.

Rosalie zündete sich auch eine Zigarette an, saß auf der Sofalehne, baumelte mit den Beinen, rauchte stumm, ließ die blauen Nebelflöckchen lässig durch die Lippen steigen und sah Werner an, der, wie ein Schuljunge, der nicht mehr weiter kann, zu ihr aufschaute.

»Nu?« sagte sie nach einer Weile.

Werner schwieg und zerbiß das Mundstück seiner Zigarette. Seine Kinnbacken bebten leise.

»So e hübscher Jung -- un so langweilig!« sagte Rosalie.

»Langweilig? finden Sie mich langweilig?«

»Arg,« sagte Rosalie.

Langsam drehte sich Werner herum und ging ans Fenster, starrte durch die tief zusammengezogenen Vorhänge auf die Wettergasse hinaus.

»Gude Morge, Herr Achebach!« sagte Rosalie und ging langsam, lauernd zur Tür. Jetzt mußte er sich doch umdrehen, mußte sie in die Arme nehmen -- das war doch bei den andern auch so gewesen ...

Aber Werner drehte sich nicht um, und mit einem mißtönigen Lachen der Enttäuschung ließ Rosalie die Tür ins Schloß knallen.

Und Werner fiel in einen Sessel. Er zog den Brief der Mutter aus der Brusttasche. Die wohlbekannten, geheiligten Schriftzüge ... »An dich!!«

Und auf einmal konnte Werner weinen.

Bange, wilde Tränen ... aber doch Tränen ...

Kindertränen, Sehnsuchtstränen, wie sie vor wenig Tagen im selben Zimmer die blonde Babett geweint hatte.

»An dich!« Wie mochte sich Mutter sein Leben vorstellen -- und wie anders war das Antlitz der Wirklichkeit -- --

Ja, in seinen Briefen, da dichtete er den Eltern ein akademisches Idyll vor ... ein Gegenstück zu jenem, das des Vaters Jugenderzählungen dem Familienkreise vorgezaubert hatten ... ein Idyll aus Becher- und Schlägerklang, aus Festen der Freundschaft und Festen der Wissenschaft, aus schwärmerischen Spaziergängen im Mondenschein mit begeisterten Freunden ... und die Wirklichkeit?

Verkatertes Auffahren morgens früh bei Babetts Wecken, eilig hinuntergeschüttetes Frühstück, Galopp zum Fechtboden, eine Stunde Zitterns und Bebens unter der Behandlung der ausbildenden Korpsburschen, dann der Friseur, ein paar Stunden schläfrigen, verständnislosen Hindämmerns im Kolleg, Frühschoppen, Mittagessen in der von Mensur- und Weibergesprächen ausgefüllten Runde der Korpsbrüder -- dann ein endloser, bleierner Nachmittagsschlaf, ein Bummel auf der Wettergasse, eine Kegelpartie auf der Kneipe, und abends -- Spiel- oder offizielle Kneipe, aber hier wie dort Bier -- Bier -- Bier ... endlose Ströme Bier ... Halbe und Ganze, einfache, doppelte, dreifache Bierjungen, Bier, Bier, Bier ... und wenn der Magen rebellierte, eine Flucht nach draußen, eine Entlastung, ein Schütteln des Ekels und Grauens ... und dann wieder hinein in den dumpfen, von dichten Tabakwolken überlagerten Raum, und wieder Bier -- Bier -- Bier ...

Und dazwischen immerfort, von diesem wahnsinnigen Alkoholkonsum geschürt, die unseligen Sinnenkämpfe ...

Das war sein Leben, das war die heißersehnte akademische Freiheit ...

Ja, Werner weinte lange und heiß vor dem Briefe, aus dessen Aufschrift Mutterhoffnung, Mutterstolz, Mutterglaube so schlicht und ruhig ihm ins Auge schauten.