Der krasse Fuchs

Part 5

Chapter 53,614 wordsPublic domain

Dann riß er den Brief auf. Der meldete nicht viel Neues: sprach von der Eltern Befriedigung, daß der Sohn sich glücklich fühle auf der Hochschule, erzählte von kleinen Freuden und Leiden daheim, brachte die Grüße des Vaters, der Brüder, den Kuß der unversieglichen Mutterliebe.

Und wieder einmal war es Werner, als könne er's nicht mehr tragen, als müsse er dies Joch, das er freiwillig auf sich genommen, abwerfen ... aber was dann?

Dann mußte er verzichten auf dies ganze Studentenleben, nach dem er sich so gesehnt, verzichten auf den Schmuck der Korpsfarben, den Glanz des Auftretens, in dem sich seine ungefestigte Seele, ach so gerne doch! sonnte --

Denn in eine andere Verbindung eintreten, dieser Gedanke konnte ihm niemals kommen; soviel meinte er schon vom akademischen Leben begriffen zu haben, daß die anderen Korporationen doch nichts anderes seien als Korps zweiter bis siebenter Klasse. Also verschwinden, versinken in das Dunkel des Finkentums, verzichten auf die glanzvolle Zusammengehörigkeit mit allen Angehörigen des hohen Kösener Verbandes, der sämtliche Korps und ihre alten Herren zusammenschloß zu einer imposanten Masse gleich Erzogener, gleich Gesinnter, zu einem starken Rückhalt in den einstigen Kämpfen des wirklichen Lebens ... ohne den historischen Schmuck der Farben durch seine Studentenjahre gehen, wie irgendein Kommis ... angewiesen auf den Verkehr in irgendwelchen obskuren Kneipen -- die angesehenen waren der Tummelplatz der Couleuren und darum für den »Finken« fast unmöglich -- angewiesen auf den Zufall, der ihm einen Kreis von Kommilitonen zuführen möchte, mit denen er einigermaßen harmonieren könnte ... am Ende gar dem Spotte ausgesetzt, als sei es die Angst vor dem langen Messer gewesen, die ihn aus dem Korps getrieben -- --

Nein -- lieber aushalten ... die Zähne zusammenbeißen ... saufen mit der Kraft der Verzweiflung, der Eifrigste sein auf dem Fechtboden, damit wenigstens die niederdrückende Fuchsenzeit bald ihr Ende finden möchte ... und dann eine Rolle spielen im Korps -- Chargierter werden -- Senior wie Scholz ... S.-C.-Fechter ... herrschen ... Macht ausüben ... herausragen über die andern, Primus omnium auch in dieser Welt, wie er's auf dem Gymnasium gewesen ...

So kämpfte Werner Enttäuschung und Widerwillen hinunter und stülpte am Ende ein wenig beruhigter die Mütze auf den Kopf, um vor dem Frühschoppen noch einmal die Wettergasse auf und ab zu schlendern.

Und ganz vergessen hatte er über diesem Sinnen und Kämpfen, daß die erste Quelle seiner Tränen und Kümmernisse das schöne Mädel gewesen, die ihm so deutlich gemacht, daß sie nicht schmachte und platonisch trachte, nein, daß recht inwendig ...

Und er merkte auch nicht, daß seinem blonden teutonischen Wandel aus der Dämmerung des Ladens der alten Markus zwei dunkle Augenpaare folgten; in Spott und dennoch in aufsaugendem Begehren das eine, in wildem, dumpfem Neiderhaß das andere.

Simon stand ganz allein. Auf dem Gymnasium in Marburg war er in seiner Klasse der einzige Jude gewesen. Jahrelang hatte er ein paar Freunde unter seinen Mitschülern gehabt; und wenn auch der Sohn des Delikateßwarenhändlers niemals in die Häuser der Bürgerssöhne eingeladen worden war, niemals den Besuch seiner Freunde unter seines Vaters Dach empfangen hatte ... in jenen Jugendjahren hatte das Scheusal des Rassenhasses doch nicht zwischen den Bankgenossen gestanden, Simon war nicht allein gewesen inmitten seiner Kameraden. Aber dann, als er in die oberen Klassen aufrückte, war's langsam gekommen: die unbegreifliche, allmähliche Abkehr der Schulkameraden von ihm, die unbegreifliche, ungreifbare Vereinsamung. In Sekunda und Prima des Gymnasiums herrschte schon die Weltanschauung der akademischen Jugend, und diese schied den Juden aus dem Kreise der gleichberechtigten Kommilitonen aus.

Nun war Simon Student in der Heimatstadt, die zugleich eine Hochburg des Antisemitismus war, und die Herkunft aus dem Käseladen, seine armselige Börse verschloß ihm sogar die Möglichkeit, sich den wenigen semitischen Kommilitonen anzuschließen, die sich aus Unkenntnis der Verhältnisse nach Marburg verirrt hatten.

Darum hockte er tagaus, tagein in seinen kollegfreien Stunden im Laden der Mutter. Nicht einmal ein eigenes Stübchen besaß er während des Semesters, denn das winzige Haus enthielt außer den drei Schlafzimmern, die im Erdgeschoß lagen, nur noch die zwei Zimmer im Mittelstock, die Werner inne hatte, und daneben noch eine zweite Studentenwohnung, die aber nur ein Zimmer hatte. Doch das war in diesem Sommer ärgerlicherweise unvermietet geblieben. Indessen durfte man ja, vier Wochen nach Semester-Anfang, die Hoffnung noch nicht aufgeben, und das Zimmer blieb leer und wartete.

Simon nannte also im Hause seiner Mutter nichts als sein Schlafzimmer sein eigen, und so war er um die Mittag- und Abendstunden immerfort im Laden zu finden.

Hier gab es wenigstens etwas zu sehen; die Kunden kamen und machten Einkäufe, hielten auch wohl einen Schwatz mit der Mutter oder mit Rosalie, und Simon beteiligte sich manchmal daran; namentlich machte es ihm Vergnügen, die samt und sonders in die hessische Landestracht gekleideten Dienstmädchen durch gewagte Scherze derbsten Kalibers zum Kichern und Quieken zu bringen. Niemals aber war er zu bewegen, auch nur die kleinste Handreichung zu tun. Und so war denn seine Gegenwart der Mutter und Rosalien gleich verdrießlich. Die Mutter brummelte wohl mal ihren Ärger darüber halblaut vor sich hin; Rosalien war es eine besondere Genugtuung, den Bruder bei jeder Gelegenheit fühlen zu lassen, daß er im Wege sei. Ging sie aber bei ihm vorüber mit einer Schieblade voll Reis oder Sago, mit einer Trittleiter, so konnte Simon sicher sein, einen festen Puff mit der ersten besten scharfen Holzkante abzubekommen.

Und Simon ließ sich's gefallen. Er stieß nicht wieder -- schimpfte nur selten einmal. Er beneidete die schöne Schwester um ihren wundervollen Körper, um die schlenkernde Lustigkeit ihres Temperaments ... er beneidete sie, und doch war sie aller Stolz seines Lebens ...

Er hatte eine dunkle Ahnung, daß manches vorging zwischen ihr und den Studenten, die Semester für Semester die drei Zimmer im Mittelstock des elterlichen Hauses bewohnten ... eine dunkle Ahnung ... und diese Ahnung war in seinem lichtlosen Leben die schreckhafte Finsternis, in die seine nachtgewohnten Blicke nur mit Grausen hineinstierten.

Seitdem er vom Gymnasium entlassen worden war und ihm das medizinische Studium die Augen geöffnet hatte, umlauerte er jeden Schritt, jede Bewegung, jeden Blick und jedes Wort der Schwester, wenn er daheim war. Kam er vom Kolleg zurück oder vom Präparierboden, so galt sein erster, forschender Blick der Schwester: was mochte sie inzwischen getrieben haben?

Und wenn er jeden Couleurstudenten mit zähneknirschendem Pariahaß betrachtete -- eine kaum zu unterdrückende, würgende, kehlumschnürende Raserei packte ihn jedesmal, wenn er die Mieter seiner Mutter sah ... es waren seit Generationen Angehörige des Korps Cimbria ... einer von denen, das fühlte er, das fraß an ihm als ein unwiderlegliches Wissen, einer von denen hatte einmal den ersten Jugendzauber von seiner Schwester lachendem Munde geküßt, einer sie zuerst in den Armen gehalten, einer sie wissend gemacht ... und der jetzt da oben wohnte, dieser blonde, blauäugige Rheinländer, der besaß vielleicht jetzt ihren Leib ...

Und darum mußte sich Simon Markus jedesmal abwenden, wenn er Werner Achenbach im Hausflur, im Laden, auf der Treppe begegnete -- mußte sich abwenden, um den fürchterlichen Drang in sich hineinzuwürgen -- den Drang, jenem die blaue Mütze, das Band abzureißen und seine Zähne in den weißen Hals des Jünglings zu bohren ...

Heute war Rosalie, das hatte Simon wohl gemerkt, alsbald nach Werners Rückkehr zu ihm hinaufgestiegen und länger als eine Viertelstunde in seiner Stube geblieben ... was mochten die zwei in dieser Viertelstunde da oben getrieben haben? Das riß an Simons Herzen, an seiner Phantasie, seinen Sinnen ... Bilder quälten ihn, die er immer wegstieß, und die dennoch immer, immer wiederkamen ... und derweil kauerte er auf einem Schemel hinter dem Kontorpult in der Ecke des Ladens ... eine beständig schwälende Petroleumlampe hing dahinter und goß ein fahles Licht über seine ungeschlachte Nase, daß die rechte Gesichtshälfte von einem breiten Schlagschatten überschnitten wurde. Und Rosalie hantierte indessen munter und ahnungslos inmitten des Raums hinter den Verkaufstischen ... sie hatte alle Hände voll zu tun, so kurz vor Mittag.

Eben kam ein großes, blondes Mädchen in lichtgrünem Waschkleide, vor deren Eintritt die Dienstmädel, Offiziersburschen und Laufjungen ehrerbietig zur Seite wichen. Sie warf einen raschen Blick auf die Gasse zurück und lächelte unwillkürlich leise befriedigt, als draußen in diesem Augenblick die prachtvolle Gestalt des Zweiten Chargierten der Cimbria vorüberspazierte -- Klauser hatte das Mädchen, das sein ganzes Wesen beherrschte, in dem niederen Laden verschwinden sehen, und ohne sich einen Moment zu besinnen, trat er gleichfalls ein.

»Fräulein Hollerbaum?« sagte Rosalie diensteifrig, »womit kann ich Ihne diene?«

Marie Hollerbaum mußte einen Augenblick überlegen, da sie nur eingetreten war, um zu versuchen, ob Klauser ihr wohl folgen würde. Schließlich verfiel sie auf ein halbes Pfund Datteln.

Klauser trat heran und zog die Mütze.

»Guten Tag, Fräulein Hollerbaum.«

Marie nickte nur, aber daß sie rot wurde, konnte sie nicht hindern, noch verbergen.

»Darf ich fragen, ob Sie morgen abend auf der Museums-Reunion sein werden?«

»Oh, ich denke doch -- und Sie?«

»Ich bin da -- aber ich werde um halb elf nach Hause müssen.«

»Ach so --« lächelte sie, »Samstag?! Mit wem?«

»Herr Seydelmann.«

»Was?! Na, dann sollten Sie aber lieber am Freitag nicht tanzen.«

»Wenn Sie tanzen, komme ich.«

»Ich kann's Ihnen nicht verbieten. Guten Morgen, Herr Klauser!«

Sie hatte ihre Datteln in ihren Pompadour gleiten lassen, nickte kurz und schwebte hinaus. Klauser stand mit abgezogener Mütze und starrte so hingenommen hinter ihr drein, daß die Mägde und Burschen die Köpfe zusammensteckten. Kaum konnte er auf Rosaliens Frage die Bestellung einer Büchse Ölsardinen zusammenbekommen. Wie er hinausging, grinste Rosalie zu ihrem Bruder hinüber, und er grinste selig mit. Mochten diese Affen, diese Fatzken sich vergaffen, in wen sie wollten, wenn's nur nicht Rosalie war.

Aber kaum hatte Rosalie einen Teil der harrenden Kunden abgefertigt, da kam ein anderer Besuch: ein junges Bürgermädchen, etwa zwanzig Jahre alt, durch ihre einfache, schwarze Tracht als Ladnerin kenntlich.

»Tag, Lenche,« sagte Rosalie, strich die Rechte an der Schürze ab und reichte sie über die Theke hinüber der Angekommenen. »Aber -- was hast, Mädche?«

Die blauen Augen der Angekommenen standen voll Tränen.

Ein Schauer überlief ihre schlanke, feste Gestalt. »Salche, ich muß dich spreche -- allein muß ich dich spreche -- du mußt mer helfe, sonscht --«

»Na, da geh im Zimmer -- ich komm -- nur ebe die Kunde muß ich abfertige ... gleich is Middag, da wird's still.«

V.

Lenchen tastete sich zitternd in das halbdunkle Hinterzimmer. Dort stand im dunkelsten Winkel der fettige Ledersessel, von dem aus die alte Markus ihren Laden zu leiten pflegte. Seit ein paar Tagen war er leer gewesen; das mühselige Weibchen mit dem verknitterten Ledergesicht hatte vor Asthma die zwei Treppen nicht hinuntergekonnt und lag nun oben im Bett, keuchend und schwitzend vor Angst, immerfort rechnend und rechnend, wieviel Ausfall ihre Krankheit für ihr Krämche wohl bedeuten möchte. Sie hielt sich noch immer für die Seele des Geschäfts und ahnte nicht, daß das zerfahrene, verliebte Salche längst die Zügel in die Hand genommen hatte und strammer hielt, als Mutter Sidonie sie jemals gehalten. In ihren verlassenen Sessel verkroch sich nun Lenche Trimpop. Kaum vermochte das rumplige Gerät ihre mächtigen Hüften zu fassen; es knackte in allen Fugen, aber Lenche achtete nicht darauf ... einen Augenblick Rast, irgendwo, wo es keine Menschen gab, die sie kannten, einen Augenblick ... sie schloß die Augen und saß ganz still ... aber nun schauerte sie zusammen ... da war es wieder, dies fürchterliche Pochen in ihrem armen Leibe ...

»Na, Lenche, was bringst gut's?«

Frisch, rosig, nach allen möglichen Spezereien und Eßwaren duftend, stand Rosalie vor der Freundin.

»Ach, Salche -- ich muß ja sterbe, Salche!«

»Was mußt? Sterbe? Bist nit gescheit?!« Und Rosalie kniete neben der Freundin und umfaßte ihren Leib -- --

Was war das?!

»Lenche --!!«

»Ja, Salche -- das is es --«

»Nit möglich -- Lenche -- wie hast denn das angefange? Na, aber so e Dummheit! Bist denn erst gestern uf d' Welt komme?! Nu wer -- wer -- von wem hast es denn?«

»Kennst du de Scholz?«

»De Scholz? De lange von de Cimbre? De Erste von de Cimbre?«

Lenchen nickte und schluchzte stoßweise vor sich hin.

»De Scholz -- na, wer kennt den nit in Marburg?! Wie kann mer sich auch mit so eme einlasse? Das weiß doch jedes Kind in Marburg, daß der schon e Stücker drei hat unglücklich gemacht! Hast denn das nimmer g'wußt, Lenche?«

»Ach, Salche -- du kennst en nit, Salche! Du kennst en nit, wie ich en kenn! -- Das is einer, Salche -- wenn der dich will, da kannst de nit nein sage!!«

Salche mußte in sich hinein lachen. Nein sagen würde sie ja vielleicht nicht ... aber so wie dem dummen Lenchen würde es ihr trotzdem nicht gehen.

»Ach, Salche, sag mer nur, was fang ich jetzt an?«

»Was de anfangst? Du kriegst dei Kindchen, un der Scholz muß zahle!«

»Oh, Salche, du kennst doch mei Vadder -- der tut mich dotschlage, wenn er's merkt! Ach, un mei Mutter! Un mei Stell verlier ich, un -- oh, Salche, ne, ich muß sterbe! Ich geh in de Lahn geh ich, Salche!«

»Es is nit so schlimm, Lenche,« sagte Rosalie. »Es hann als mehr Mädche Kinner kriegt un sinn nit in de Lahn gange. Wie lang is es denn schon?«

»Es is noch aus em vorige Jahr, glaub ich.«

»Himmel, schon im sechsten Monat! Ja, dann wirst es wohl nimmer lange verberge könne, un für bei de Hebamm in Frankfurt zu gehn, is es auch schon e bißche zu spät, da könnst bös ereinfalle ... na, da geh doch zum Vadder un sag's em, fresse kann er dich nit!«

»Ne, Salche, das is ganz unmöglich, das gibt e gräßlich Unglück, dot tut er mich schlage, gewiß un wahrhaftig, das kann ich nit, da hab ich kein Kurasch for, och, Himmel, was mach ich nur, was mach ich nur?«

»Weiß denn dein Scholz davon, wie es mit dir steht?«

»Der weiß es, dem hab' ich's gesagt, nu, er hat mer gesagt, daß er selbstverständlich tät das Kind bezahle -- aber ... heirate will er mich nit!«

»Heirate? Der Scholz dich heirate? Hast de dir das am End gar in de Kopp gesetzt?«

Lenchens blonder Scheitel sank tief nach vorn. »Ach, Salche ... was redt mer sich nit alles ein, wenn mer eine mag ... un mer denkt, wenn de so viel für en tus, hernach muß er doch auch was für dich tun ...«

»Ja, wenn du so e dumm Gans gewese bis, hernach geschieht dir nit mehr wie recht ...«

E dumm Gans! -- Langsam, stockend hob Lenchen an, der Freundin alles zu erzählen. Wie ihr's zuerst aufgefallen war, daß der lange Scholz so gar viel Schlipse und Kragen brauchte -- wie er ihr das erste Veilchensträußchen brachte ... wie sie stolz war, daß der berühmteste Student in Marburg, er, von dem ihre Freundinnen und Kolleginnen so viel zu munkeln wußten, daß der ihr offenkundig huldigte, ihr, der armen Schreinerstochter, der blutjungen Ladenmamsell -- und dann der erste Ausflug, der erste Tanz am Sonntag draußen in Marbach, unmittelbar nach dem Beginn der Herbstferien ... und dann der Heimspaziergang durch die Augustvollmondnacht -- am andern Morgen wollte er in die Ferien reisen, auf zwei Monate fort ... und dieser Abschied am Waldrand -- und wie sie sich erst schon losgerissen hatte -- und dann doch zu ihm zurück mußte -- zurück in das Waldesdämmern ... und andern Morgens war er doch fort gewesen ... und dann nach zwei Monaten dieses Wiedersehen, ach, und die Dutzende von Mittag- und Abendstündchen, wenn sie auf dem Heimweg vom Geschäft in seine Bude geschlüpft war, und inmitten all der fürchterlich interessanten Dinge, der Wände voller bunter Mützen, Bänder, Schläger, Farbenschilde, Photographien als selige Beute in seinen Armen gelegen hatte ... und niemals, niemals hätte sie's fassen können, daß das einmal enden könnte -- daß das Leben sie aus diesen Armen reißen könnte -- nein, das war ja unmöglich ... war's nicht Wunder genug, daß sie sein war? Was wollte dagegen das andere sagen, was noch fehlte: daß er sie mitnahm, heraus aus ihrer armseligen Häuslichkeit, heraus aus dem Lärm und Brodem der väterlichen Werkstatt, aus Elterngekeif und Kindergebrüll, aus dem öden Einerlei ihres Berufslebens, hinaus in die höhere Welt, der er angehörte ... das mußte ja kommen, das würde kommen ... denn das wußte sie ja nicht, daß er selber doch noch am Anfang stand, am Anfang eines sozialen Kampfes, der nicht viel minder hart als der ihre sein würde, eines Kampfes um Amt und Brot -- -- für sie war er immer ein Gott gewesen, ein Gott, der leicht und kampflos auf Wolken wandelte, er, der junge Student, dessen Vater die dreihundert Mark Monatswechsel, die er dem Sohne zukommen lassen mußte, als Frauenarzt in Hannover auch nicht mit Spazierengehen verdiente ...

»So e dumm Gans!«

Oh, Gott, und nun?! Nun war es aus ... seit sie ihm ~das~ erzählt hatte, war es aus ... so fest hatte sie an ihn geglaubt, so dumm und sicher sich auf ihn verlassen, daß er sie heilig halten würde, nun doppelt heilig ...

Das alles erzählte sie Rosalie, und wenn das schöne Mädchen anfangs Lust gehabt hatte, die Freundin recht gründlich auszulachen ... das Lachen verging ihr nach und nach, und dumpf und wuchtend überkam sie das Gefühl, daß ihrer beider Geschick doch im Grunde das gleiche sei: den jungen Herren in patenten Anzügen, in blinkenden Mützen und Bändern als Spielzeug zu dienen, um dann eines Tages achtlos beiseite geworfen zu werden, abgewelkte, entblätterte Rosen, in den Staub, in den Gassenkot, in die ganze Armseligkeit ihres dürftigen Daseins ...

Und so weinten am Ende die beiden Mädchen ... und das forsche Salche mußte die Freundin ohne Trost ziehen lassen ... Nur daß Lenchen nicht in die Lahn gehen sollte, hatte Rosalie sich versprechen lassen.

Kaum war Lenchen fortgeschlüpft, da klangen und klirrten draußen Stimmen und Jugendschritte. Hundegebell erscholl dazwischen, Aufschlagen eisenbeschlagener Stockspitzen klapperten auf dem holprigen Pflaster. Das Korps Cimbria kam vom Frühschoppen und zog die Wettergasse entlang zum Mittagessen im Museum. Hell blinkten die blauen Mützen, die eleganten Sommerwesten und drüber die frischen Bänder im Mittagsglaste der Maisonne. An dreißig Jünglinge zogen vorüber, alle frisch, rosig, wohlgenährt, die feisten Wangen der Älteren von mancher roten Narbe zerrissen; laut schwatzend schritten sie dahin, die Herren, die Fürsten dieses Städtchens.

Herzklopfend stand Rosalie, haßgrinsend ihr Bruder Simon hinter den Ladenfenstern. Mancher Blick flog aus dem Schwarm suchend herüber nach der Tür, unter der sonst stets das schmucke Judenmädchen zu sehen war, wenn Cimbria vorüberzog. Aber diesmal suchten die Blicke der Cimbern umsonst -- Rosalie mochte ihr verweintes Gesicht nicht zeigen ... umsonst suchten auch Werner Achenbachs heiße Augen nach dem roten Munde, der ihn vor wenig Stunden so gebefreudig angelacht ...

Nicht nach Werners Anblick fahndete diesmal Rosalie ... sie suchte den langen Scholz, den sie sich bislang eigentlich nie so recht genau betrachtet ...

Da kam er, inmitten der Korpsbrüder, den Kopf im Nacken, die Augen halb geschlossen; durch das Gewirr der alten Schmisse auf seiner linken Wange zog sich rotleuchtend die neue Errungenschaft des ersten Bestimmtages. Inmitten der schwatzenden und lachenden Freunde ging er stumm, unnahbar, herrisch in sich geschlossen.

»Dettmer!« Eine Stimme wie Schwerterklang. Rosalie sah, wie der Angerufene, der um einige Paare vor Scholz schritt, herumfuhr, gehorsam stehen blieb und ehrerbietig, mit leichtgelüfteter Mütze, im Weiterschreiten den Worten des Seniors lauschte.

Das arme Ladenmädel drinnen hatte in seinem Leben niemals andere Angehörige der herrschenden Klasse zu Gesichte bekommen, als diese jungen Studenten. Sie bebte bei Scholzens Anblick, als sei ein Gott in Mächten und Prächten an ihr vorübergeschritten.

VI.

Marburgs Bürgerschaft gliederte sich in zwei Kasten: in die Gesellschaft und in das, was nicht zur Gesellschaft gehörte. Ob der einzelne Mensch, die einzelne Familie in die eine oder die andere Klasse zu rechnen sei, darüber entschied ein sehr einfaches Unterscheidungsmerkmal: die Mitglieder des Vereins »Museum« bildeten die Gesellschaft; wer diesem Kreise nicht angehörte, war ein unqualifiziertes Lebewesen. Die Mitglieder der Behörden, der Universität, der städtischen Verwaltungskörperschaften, das Offizierkorps des Jägerbataillons, ferner auch sämtliche private Akademiker und die wohlhabenden Kaufleute gehörten dem Verein an. Die Studenten konnten um ein Geringes die außerordentliche Mitgliedschaft erwerben, und so waren die Angehörigen der Korps, Burschenschaften, Landsmannschaften, akademischen Turnvereine ohne Ausnahme museumsberechtigt.

Aber auch innerhalb der Gesellschaft gab es noch zahlreiche engere Zirkel, die, wenn auch in Einzelheiten rivalisierend, doch im ganzen und großen noch eine innere gesellschaftliche Hierarchie in zuerst jäh, dann langsamer absteigendem Aufbau bildeten.

Daß die jungen Korpsstudenten sich nur an gewisse genau bezeichnete oberste Schichten dieser Hierarchie zu halten hätten, wurde ihnen vom Fuchsmajor an jedem Renoncenconvent eingeprägt. Werner wußte also schon ganz genau, als er zu seiner ersten Museumsreunion schritt, daß er beileibe nicht mit jedem Mädchen, das ihm etwa gefallen möchte, tanzen dürfe; daß er sich vielmehr, bevor er sich vorstellen lasse, jedesmal bei einem Korpsburschen zu erkundigen habe, ob die betreffende Dame auch dem Kreise angehörte, in dem das Korps verkehrte.

Aber er wußte noch zu wenig vom Leben, um sich durch die engen Schranken, innerhalb deren er Vergnügungen und Anregung suchen durfte, sonderlich beengt zu fühlen. Er war nach und nach schon so weit Cimber geworden, daß er es selbstverständlich fand, nur mit »Cimberndamen« zu tanzen. Für sein blau-rot-weißes Empfinden kamen die anderen so wenig in Betracht, als etwa für einen römischen Bürger der ältesten Zeit die Frauen derjenigen fremden Völkerschaften, mit denen kein +commercium et connubium+ bestand.

Und so spähte er denn, als er in den Museumsgarten trat, zunächst unwillkürlich nach den hellblauen Kleidern, in denen sich die ganz waschechten Cimberndamen bei festlichen Gelegenheiten zu präsentieren pflegten, und erschaute ihrer eine nicht geringe Zahl. Dann aber fesselte ihn doch das Gesamtbild, und er machte an der Eingangspforte des Berggartens halt; unwillkürlich zog er die Mütze, tupfte mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und ließ die Augen wandern.

In drei Terrassen baute sich der Garten auf; unter blühenden Linden, unter dem noch hellen Bronzebaum weitschattender Blutbuchen zogen da gedeckte Tische sich hin. Es war fünf Uhr nachmittags, und die Maisonne flimmerte munter durch die Wipfel, tupfte mit blinkenden Lichtbüscheln die hellen Gewänder der Damen, die in langen Reihen beim Kaffee saßen; in ihrer Mitte sah man zuweilen das bequeme Sommerjackett, den ergrauten Kopf, den Panamahut eines arbeitsfreien Familienvaters. Sonst war das männliche Geschlecht einzig und allein durch die Studenten vertreten. Weder die Offiziere des Jägerbataillons, noch die Beamten, soweit sie nicht Alte Herren einer Korporation waren, verkehrten auf den Museumsfestlichkeiten. Sie fühlten sich durch das Überwiegen der grünsten Jugend um ihr Behagen gebracht.