Der krasse Fuchs

Part 3

Chapter 33,381 wordsPublic domain

Aber eine andere Stimme war in ihm -- das Bild seiner Mutter stieg vor ihm auf in ernster Mahnung: ihm war, als würde er ihr nie wieder unter die Augen treten können, wenn er das getan hätte ... und noch ein anderes Bild ... seine süße, ferne, blonde Geliebte, die Heilige seines Herzens, der er tausendmal in seiner Stille die Treue geschworen, an die er nie anders gedacht als in Reinheit und kniefälliger Anbetung ... in einem sturmgeschützten verborgenen Heiligtum seines Herzens hatte ihr Bild gestanden, angeglüht von der ewigen Lampe seiner Seelenliebe, unberührt vom Toben der Stürme, unter denen des Knaben Physis gewankt hatte wie ein junges Bäumchen im Frühlingsorkan -- -- nein -- rein bleiben, rein wie sie, rein für sie, rein und keusch!

Aber mächtiger schrie in ihm die andere Stimme: Erlösung! Erfüllung! ein Ende der einsamen Qual! einen Mund her, ihn mit wilden Küssen zu versengen, rote Flechten, sie aufzulösen und die flutenden Locken zu küssen, einen weißen Leib, die glühende Stirn hineinzugraben, ihn zu pressen mit flatternden Händen --!

Einsam lag der Knabe, noch immer einsam in seiner keuchenden Angst, und schon drängte seine Phantasie der unwürdigen Handlung entgegen, die ihm schon manchmal für eine Woche die dumpfe Ruhe gegeben hatte, die leichter zu ertragen war, als dies marternde Begehren. --

Aber nein! Er fuhr auf, und sein Blick fiel auf die Mütze an der Wand, die er neulich beim Landesvater getragen; in der Mitte zeigte sie einen kleinen Riß, die symbolische Wunde, ein Gleichnis der Bereitschaft zum Tode fürs Vaterland -- eine welke Rose war hindurchgesteckt, und Werner fielen die Verse ein:

»Halten will ich stets auf Ehre, Stets ein braver Bursche sein ...«

Ob es ehrenvoll war, ohne Ring und Segen den Kuß der Liebe zu rauben?! Er wußte es nicht, ihm kam's vor, als dürfe er das nicht glauben ... aber das stand fest: ehrlos und eines braven Burschen unwert war, was er als Knabe getrieben, um seine Qual zu lindern ... das sollte nun aus sein ...

Und er sprang aus dem Bette, wusch Gesicht, Brust, Rücken, Arme, Beine, überschwemmte die ganze, ungestrichene Diele mit dem seifengrauen Wasser, und ihm wurde wohl.

Draußen klang Gesang in die Morgenfrühe. Halb angekleidet trat er in sein Wohnzimmer und spähte durch die Vorhänge auf die Wettergasse hinaus. Da kam vom Berge her ein Trupp Bauernburschen und Mädchen im ländlichen Sonntagsstaat; sie sangen mehrstimmige Volkslieder und marschierten der Elisabethkirche zu.

Das war ihm wie ein sehnsüchtiger Gruß von Jugend zu Jugend, wie ein Weckruf des Lenzlebens da draußen drang das hinein in seine Klause. Die da marschierten munter in den Frühlingsmorgen, Burschen und Mädel Arm in Arm, nicht getrennt durch die Schranken des Herkommens, ein Geschlecht dem andern nicht fremd, beide Früchte des mütterlichen Erdreichs, gesund und gemeinsam reifend in Sturm und Sonne, bis eins dem andern zugeweht wurde, wie der Wind oder die Füße der Biene den Blütenstaub vom Staubfaden zum Stempel tragen. Ach, auch so singend wandern dürfen mit Mädeln und Buben Arm in Arm, morgens zur Kirche, nachmittags zum Tanz, abends ins Scheunenstroh oder ins Roggenfeld oder unter den nächsten Heckenbusch ... und andern Morgens zur Arbeit, auch Mann und Weib vereinigt!

Aber nie, außer in den läppischen Zieraffereien der Tanzstunde, nie hatte er ein Mädchen in der Nähe gesehen ... Geheimnis und dumpfes, drängendes Verlangen war alles, was das Weib, das ferne, das unbekannte, in ihm weckte ... so war er ein Knecht seines Begehrens geworden, so hatte in seiner reifenden Seele alles, alles eine unbewußte Richtung auf dies große, süß-grauenvolle Rätsel bekommen.

Und ohne daß seiner Seele dies klar geworden wäre, hatten seine Sinne in dieser Stunde beschlossen, in dies entnervende, zermürbende Dunkel Helle zu bringen ... sich auf das erste, das beste Wesen des anderen Geschlechts zu stürzen und aus ihm den Himmel der Erfüllung und Versöhnung zu schaffen für alles, was Unnatur und Gedankenlosigkeit an ihm, dem werdenden Geschöpf, gefrevelt ...

Werner Achenbach hatte das blau-rote Fuchsband der Cimbria über die helle Sonntagsweste gehängt und den Rock angezogen. Nun ließ er sich in sein zersessenes Plüschsofa fallen und zog den mit einer verschlissenen Glasstickerei geschmückten Klingelzug. Dabei stellte er sich die siebzehnjährige Babett vor, der Witwe Siegmund Markus, seiner Wirtin, bäuerliches Dienstmädel. Bis zu dieser Stunde hatte er in ihr nur das subalterne Geschöpf gesehen, das dem Sohne einer höheren Kaste so fern stand wie etwa ein Affenweibchen. Aber in seiner augenblicklichen Stimmung, da noch die schwermütig-lustigen Rhythmen der Volkslieder von draußen in seinen Nerven nachzitterten, war's ihm, als müsse er sich das Bauernmädel auch mal von einem anderen Standpunkt aus betrachten. Und er stellte sie sich vor in ihrer ländlichen Tracht: ein blau und weiß gemustertes, enganliegendes Jäckchen mit tiefem, umsäumtem Halsausschnitt, den aber ein nicht immer blendend weißes Halstuch neidisch ausfüllte; darunter ein grauer, vielfaltiger Rock, unter dem sie um die Hüften wohl ein wurstförmiges Kissen rings um den Leib trug -- denn so wulstig setzte der Rock hoch über den Hüften an; unten -- er reichte kaum über die Knie -- säumten ihn zwei dunkelgrüne Tuchstreifen, und drunter schauten die drallen Waden vor in weißen Strümpfen mit schön gestrickten Zwickeln über den niedrigen Lederpantoffeln -- das war die Tracht -- die derben, verarbeiteten und zerstochenen Finger hatten ihm immer abscheulich mißfallen, wenn sie ihm das Frühstückstablett hingesetzt ... aber stets hatte sie ein freundliches »Winsch aach gude Abbeditt!« dabei gesagt und ihn aus harmlos grauen Augen in sommersprossigem Gesicht scheu vertraulich, verehrungsvoll zutulich angeschaut ... so würde sie nun gleich hereintreten, ihn anschauen, still um ihn wirken einen Augenblick, und dann still und demütig verschwinden.

Die Tür ging auf, und Werner schrak zusammen, das war nicht Babett, das war ... ja, wer nur?

Werner sah nur einen wuschligen Schwarzlockenkopf, drunter ein paar Augen, die dunkel flirrten und flimmerten, ein weißes, städtisches Batistkleid, aus dessen Ausschnitt ein bronzegelber Hals kräftig aufstieg. --

»Gude Morge, Herr Achebach, ah, Sie kenne mich noch nit, ich bin die Rosalie Markus, habbe Sie mich dann noch nimmer unne im Lade g'sehn?«

»Nein, Fräulein ... Rosalie ...«

»Nu bedanke Se sich mal scheen für die große Ehr, daß ich Ihne selbscht das Frühstück bring ... 's Babett is in der Kirch.« -- Es klang fast wie eine Entweihung, die derben chattischen Akzente aus diesem blühend wundervollen Munde zu vernehmen, dessen Schnitt seine Abstammung von uralter Volksherrlichkeit verriet ...

Werner faßte sich Mut. »Also ich bedank mich, Fräulein -- hoffentlich für mehr als einmal.«

»So? meine Se?«

»Weil's mir dann jedenfalls noch mal so gut schmeckt.« Werner erschrak über seine eigene Kühnheit.

»Wann Ihne nix G'scheiteres einfallen tut --«

»Was Gescheiteres? augenblicklich nicht ... wahrscheinlich nachher, wenn Sie wieder draußen sind --«

»Was ich mir dafür kaafe tu!«

Werners Blick flog von dem lachenden Munde mit seinen festen, blitzenden Zähnen, von den flimmernden, rastlos hüpfenden Augen zu den runden, mattgelben Handgelenken, den schlanken, vollen Händen, die so behende das Geschirr dicht vor seinen Augen ordneten, und alles, was er sah, schuf ihm Rausch und Jubel. Schon war sie fertig. »Na, gude Morche, Herr Achebach -- un auf gude Freindschaft, gelle?«

Die schöne Rechte streckte sich ihm entgegen, er hatte sie gefaßt und, was er noch nie getan, einen ungelenken Kuß daraufgedrückt. Und ein neckendes Lächeln auf den Lippen stapfte der süße Fremdling zur Tür, noch ein Blick aus den flackernden Schwarzaugen, und aus war's. --

Himmel! die und mit ihm unter einem Dache!

Betäubt, schwindelnd saß Werner Achenbach und starrte nach der Tür. Sie war hinaus, aber etwas war in der Stube zurückgeblieben von ihr ... ein ganz feiner Duft umwitterte Werner, ein Duft, der ihm neu war, ganz fremd, der ihm ins Hirn stieg, daß es wie ein roter Nebel auf seine Augen sank. Und seine Sinne kannten auf einmal ihr Ziel ... nicht mehr ~ein~ Weib war's, das sie verlangten, sondern dies Weib ... Rosalie ... Rosalie ... dieweil seine Seele sich zu dem Idol seiner Jugend flüchtete, das Bild der fernen blonden Geliebten heraufbeschwor aus jenem innersten, tiefsten Heiligtum seines Herzens, war in unbekannten, unzugänglichen Regionen seiner Menschlichkeit die Entscheidung schon gefallen ... hinfort würde seine Phantasie um dies Bild gaukeln müssen, wie um das lockende Licht jene Nachtschwärmer, die der Knabe einst nächtens mit der Laterne gejagt -- und Sättigung erjagen seiner Sehnsucht, oder verzweifeln.

Unten ertönte ein Pfiff, den Werner kannte: das Signal der Cimbria ... er steckte den Kopf aus dem niedern Fenster seiner Wohnstube auf die Wettergasse: da stand ein ganzer Schwarm blaumütziger Cimbern, in ihrer Mitte der schöne Klauser, hell und sonntäglich patent, auch Dammer, Dresdens herrlicher Sohn, sehr geschniegelt und doch unelegant mit seinem glänzenden Gänsefettbemmchengesicht und den gutmütig verschlagenen Äuglein. Und Werner rettete sich aus der Einsamkeit seiner stürmenden Gefühle in den Schwarm der Korpsbrüder. Stolzer als eine Schar von Florentiner Nobili zog das Rudel Cimbern die Wettergasse entlang, laut lachend und plaudernd, durch das untertänige Städtchen, in dem jeder Philister von den Studenten lebte und von ihrer ungeheuren Wichtigkeit demnach durchdrungen war. Seit mehr als sechs Jahrzehnten war Cimbria, Marburgs älteste Couleur, mit der Geschichte der Stadt und Universität verwachsen, keine Familie, kein Haus, kein Einzelleben, das nicht zu Cimbrias Söhnen in irgendeine Beziehung getreten wäre.

Und andere Couleurstudenten kreuzten den Weg; die Vertreter der andern Korps wurden korrekt höflich und zeremoniell mit tief herabgezogener, dabei im Bogen nach außen geschwenkter Mütze begrüßt, die Angehörigen der Burschenschaften, der Turnverbindungen, des Wingolf und der »freien« Verbindungen mit eisiger Nichtachtung geschnitten, auch wenn etwa der eine oder andere einen früheren Mitschüler unter jenen Böotiern bemerkte ... höchstens ein unauffälliges Kopfnicken war erlaubt ...

Lange nach der Gründung des einigen deutschen Reiches zeigten die deutschen Hochschulen noch das trauliche Bild der weiland deutschen Kleinstaaterei in ihrer unwillkürlichen Buntscheckigkeit, ihren aufreibenden, kleinlichen Bruderkämpfen mit all ihrem Haß und ihrer kindischen Rivalität und Neidhammelei ...

Aber das alles empfand Werner nicht, so wenig als einer seiner Korpsbrüder ... er wurde sich freudig stolz bewußt, die Farben der ältesten und angesehensten Verbindung der Alma mater Philippina zu tragen, und freute sich der stattlichen Zahl von blauen Mützen, die Marburgs alte düstere Straßen mit ihrem Farbenfest belebten, das mit dem Sonnenhimmel droben und den Kornblumensträußchen wetteiferte, welche den schlendernden Cimbern von spekulativen Bauernweibern feilgeboten wurden und reißenden Absatz fanden, so daß bald jeder Cimber schier in jedem Knopfloch so ein Sträußchen trug. Auch hinüber und herüber zwischen den sich begegnenden Freunden flogen diese bunten Symbole, es war förmlich eine kleine Blumenschlacht auf der Wettergasse, und unter den Haustüren standen die feiernden Philister mit der Sonntagspfeife und sahen schmunzelnd dem Treiben ihrer Lieblinge zu.

Nun rückte der Zeiger der Elisabethkirche auf Elf, und Cimbrias Söhne teilten sich in zwei Parteien. Was für hehre Weiblichkeit schwärmte, schlenderte den Steinweg hinab, um an der Pforte von Sankt Elisabeth »Kirchenparade abzunehmen«; robuster organisierte Seelen zogen eine Morgen-Kegelpartie im Garten der Korpskneipe oder einen Vorfrühschoppen vor. --

Natürlich schloß sich Werner den »Kirchgängern« an. Auf halber Höhe des Steinwegs kam Scholzens Riesengestalt den Schlendernden entgegen. Er war bei Wichart gewesen, der ihm den Wickelverband abgenommen und ihm statt dessen je eine mächtige schwarzseidene, watteunterlegte Kompresse auf die linke Schädelseite und Wange gebunden hatte. Das sah gar martialisch und reckenmäßig aus.

Achenbach ging ihm entgegen und streckte ihm die Hand hin: »Guten Morgen, Leibbursch!«

Scholz mußte sich erst einen Augenblick besinnen. »Leibfuchs Achenbach -- Morgen! Kater?«

»Keine Spur.«

»Wohin?«

»Zur Elisabethkirche.«

»Mädels begaffen?«

»Haha! ja!«

»Kindsköpfe. Ich geh kegeln.«

»Was? Mit deinen Schmissen?«

»Macht nix. Morgen, Leibfuchs.«

»Morgen, Leibbursch.«

Scholz stieg den Steinweg hinauf, alle Cimbern zogen die Mützen vor dem gefürchteten Senior, und man stieg zur Kirche hinab.

Werner war neben Klauser geraten, und das freute ihn. Klauser war ein rechtes Gegenstück zu Scholz. Dieser war hager, unzugänglich, sarkastisch, Klauser etwas behäbig, von behaglicher Umgänglichkeit, sprach gern und mit melodischer Stimme, war ein großer Sänger und so weit Schwärmer, als sich das mit dem im Korps herrschenden Ton vertrug. Und Werner sagte sich, während er mit dem Zweitchargierten plauderte, daß dieser ihm eigentlich geistig weit näher stände als der eherne, gladiatorenhafte Scholz. Aber wenn er zum zweiten Male hätte wählen sollen, er hätte sich abermals zu Scholz bekannt ...

Nun strebten aus Blütenballen und Maiengrün die braunen Türme von Sankt Elisabeth in keuscher Herrlichkeit hoch ins Blau. Eben setzte drinnen die Orgel brausend zur Schlußfuge ein, und aus der alten Pforte ergoß sich der Strom der Besucher. Studenten waren nicht zahlreich darunter, nur die weißen Mützen des Wingolf, der evangelischen Theologenverbindung, tauchten pflichtmäßig auf. Denn das Hessenland war ja eine Vorburg des Luthertums ... droben im alten Schloßsaale hatte jenes berühmte Religionsgespräch zwischen Luther und Zwingli stattgefunden, das schon über der Geburtsstunde des neuen Bekenntnisses den Unsegensstern der Zwietracht hatte aufgehen lassen; und das Gotteshaus der heiligen Elisabeth war seit Jahrhunderten eine protestantische Predigthalle geworden.

Cimbria hatte nur Augen für die jungen Mädchen.

Die »ganz waschechten Cimberndamen« bekannten sich auch äußerlich zur Farbe des Korps, indem sie hellblau an Sommer- und Ballkleidern jeder andern Farbe vorzogen. Die Hessen-Nassauer-Damen konnte man ebenso am Hellgrün erkennen -- beides selbstverständlich, soweit der Teint es zuließ ... hier war die Grenze der weiblichen Gesinnungstüchtigkeit ...

Eine der hellgrünen jungen Damen fiel Werner auf, eine schlanke, sehr sichere Blondine mit ruhigen, festen Blauaugen; sie erwiderte einen Gruß der Cimbern, die sie von den winterlichen Museumsbällen her kannte -- selbstverständlich mit Ausnahme der krassen Füchse, die gesellschaftlich noch nicht eingeführt waren. Und Werner wollte Klauser um den Namen des Mädchens fragen; aber als er den Blick zu dem älteren wandte, blieb ihm die Frage im Munde stecken. Das Gesicht des Studenten zeigte eine Veränderung, über die Werner erschrak ... einen Ausdruck, den er noch nicht kannte, aber verstand: den der wilden, hoffnungslosen Leidenschaft, unter der diese ganze hochstämmige, schon fast männlich reife Gestalt sich zusammenzuziehen schien wie unter einem furchtbaren körperlichen Schmerz ...

Da fragte Werner nicht und ging still neben dem schweigenden Korpsbruder den Steinweg hinauf. Weit vorn flatterte ein hellgrünes Gewand, ein Gewand, das nicht Cimbrias Farben trug ... und an diesem fernen lichten Farbfleck, der mit den Maienbüschen der Berggärten zur Rechten wetteiferte, hingen die Augen von Cimbrias Subsenior. Da wurde Werner zumute wie einst, als er von Weislingens Leidenschaft zur schönen Adelheid las.

Das kannte er noch nicht ... was dieses Jünglings Mienen verzerrte, seinen Augen diesen düstern Fieberglanz weckte, das war doch noch etwas anderes als seine, Werners, fromme Anbetung vor dem Altare, den er seiner heiligen Elfriede aufgerichtet im inneren Herzenskämmerlein ... etwas anderes, als die prickelnden Schauer, die ihn durchbebt hatten, als heut morgen das schelmische Judenmädchen in seine Kammer getreten war ...

Was war es denn?

Liebe --?!

Und jene Gefühle, die er kannte, waren sie nicht Liebe?

Oder gab es am Ende nicht nur ~die~ Liebe, sondern Liebe von vielerlei Art?

Der Knabe Werner wußte keine Antwort auf all die stürmenden Fragen seines aufgewühlten Herzens.

III.

Drei heftige, angstvolle Schläge von draußen an Werners Tür. Bumm! bumm! bumm! »Herr Achebach!«

Tiefe Stille drinnen.

Bumm! bumm!

»Herr Achebach!«

»Hrrm -- hö -- hm.«

»Herr Achebach!« Bumm, bumm, bumm, bumm -- bumm!!

»Wa? -- was gibt's -- wer ist denn da?«

»Ich bin's!«

»Wer -- ich?«

»'s Babett! Se müsse uffstehe, Herr Achebach! Heechste Zeit zum Fechtbode! 's Friehstick hann ich scho mitg'bracht!«

»Ja, ja! Setzen Sie's nur vor die Tür!«

»Aber Se dirfe nit widder einschlafe!«

»Ne, ne, is gut!« -- --

Herrgottsakra! Der Brummschädel! Ach so, gestern abend war spezielle Kneipe, und der lange Korpsbursch Papendieck, der trunkfeste Mecklenburger, der Fuchsmajor, hatte mal wieder nach allen Regeln des Bierkomments die Füchse »erzogen«. Das merkte man am andern Morgen, und nun gar früh um halb sieben, wenn man von der Kneipe heimgekommen war -- ja, wann eigentlich? Und wie eigentlich? Keinen Schimmer! Und nun schon wieder heraus! Teufel! Aber was war zu wollen? Fechtboden schwänzen tut zehn Mark Korpsstrafe -- Zuspätkommen drei Mark -- also in Satans Namen -- raus!!

Golden stieg die Sonne über Augustenruh, durchschimmerte das Schlafzimmer, daß die brennenden Augen sich schmerzhaft schlossen -- -- so, platsch, platsch, einen Schwamm nach dem andern über den gemarterten Schädel -- ah, das tut herrlich! Und nun in die Kleider -- Donnerwetter -- da saß die Hose ja auf einmal verkehrt herum, wie hatte er die denn gestern nacht von den Beinen gezogen? So, anders rum wird 'ne Buchs' draus! Weste, so -- nun das Band umhängen, aber nicht wieder verkehrt um, das Rote nach oben! Das kostet ja ebenfalls Beifuhr, ein Em fünfzig! Also aufgepaßt, wenn's auch schwer fällt -- so, nun rasch einen Schluck Kaffee -- das Brötchen? Unmöglich, es bliebe ja im Halse stecken ... also die Treppen hinuntergestolpert und nun, trab, trab, zum Fechtboden! Und dabei dieser Dickschädel! Hol der Satan den Fuchsmajor! »Füchse, ich komm' euch den vierundzwanzigsten Halben! Füchse kommen den dreißigsten und einunddreißigsten Halben nach! Senior, Fuchsmajor und Füchse trinken einen Ganzen auf dein Wohl!« Himmel, wie war's nur möglich, so viel Bier in einen armen kleinen Menschenmagen hineinzuschütten -- --!

Und wie wohl gestern das Ende gewesen sein mochte, das sich, wie stets, in alkoholischem Nebel der Erinnerung entzog? Ob man wohl in seiner Besäuftheit auch die nötige »Direktion« bewahrt hatte? Nicht zärtlich, nicht ungemütlich und krakehlerisch geworden war -- oder gar das besoffene Elend bekommen? Nicht eingeschlafen auf der Kneipe? Oder gar den Weg zur Tür nicht rechtzeitig gefunden, um dort die alte Zechersitte zu üben, die ihm schon aus dem Cicero bekannt war, und so Platz für neue Bierfluten zu schaffen? Wehe, wenn anstatt einer freiwilligen Explosion da draußen eine unfreiwillige unterwegs erfolgt war! Na, im nächsten Renoncenkonvent würde man's ja erfahren!

Renoncen -- das war die offizielle Bezeichnung für die Füchse -- jawohl, Renoncen! Denn renonciert, verzichtet hatte man ja auf die mühsam erkämpfte akademische Freiheit, als man sich dieser heillos strammen Korpszucht unterwarf!

Doch da war der Fechtboden. Drinnen schon reges Leben. Eilig legte alles Mütze, Rock und Weste ab, den Paukwichs an: einen leinenen, wattierten, gesteppten Schurz um Brust und Leib, den steifen, nach altem Schweiß stinkenden Stulpärmel über Hand und Arm, die mächtig schwere, mit Eisenstangen und Drahtgitter geschützte Korbmaske auf den Kopf, nun den ungefügen Fechtbodenschläger in die Hand, und angetreten!

Himmel, war das ein Getöse, wenn zwölf, fünfzehn Paare gleichzeitig ihre Gänge schlugen! Bald dampfte die Luft von Schweiß und Staub.

»Leibfuchs Achenbach! hierher!« Der lange Scholz rief's, und herzklopfend folgte Werner. Die Anfangsgründe hatte der gemütliche, alte Universitätslehrer den Füchsen beigebracht, dann hatten die Korpsburschen die weitere Ausbildung in die Hand genommen -- und da gab's nichts zu lachen ...

»Also leg aus und schlage: Quart, Terz, Quart. Dazwischen immer sofort zurück in die Parade!«

Und bumm, bumm, nach jedem Hieb, den der Fuchs zaghaft geschlagen, dröhnte der Nachhieb des Lehrmeisters unparierbar auf Werners Maske.

»Oho! Du willst mucken? Nu warte, Söhnchen, das wollen wir dir mal abgewöhnen! Korb runter, Filzmaske auf!« Und statt des immerhin noch leidlich schützenden Eisenkorbes mußte nun der unglückliche Werner eine Maske aufsetzen, die zwar vor dem Gesicht mit Eisenstangen und Drahtgitter geschützt war, über Stirn und Schädel aber nur mit einer dünnen, sehr stark mitgenommenen Filzschicht. Auf die hagelten nun Scholzens Hiebe mit voller Wucht nieder, daß jeder Schlag fast den Schädel sprengen wollte und dicke, schmerzende Beulen aufquollen!

»So, mein Muttersöhnchen, das Reagieren, das wollen wir dir schon austreiben! Laß das verdammte Zucken mit den Augen! Stille gehalten den Schädel! Hör gefälligst nicht auf zu schlagen, ehe ich aus sage! So, jetzt wird's schon besser -- Donnerwetter, den Kopf nicht wegstecken, wenn die Hiebe kommen! Du bist Korpsstudent, verstehst du mich?!«

Nach einer Stunde war's überstanden; seelenvergnügt warf man den Paukwichs in die riesigen Kisten an den Wänden, kleidete sich an, und dann ging's zum -- Friseur.

Vor drei Wochen hatte Werner noch nicht gewußt, daß es überhaupt Männer gab, die sich frisieren ließen; jetzt ließ er sich allmorgendlich nach dem Fechtboden wie die andern rasieren, obgleich von einem Tage zum andern kaum ein Härchen sproßte; dann wurde der Kopf gewaschen, pomadisiert, ein Scheitel durchgezogen von der Stirn bis in den Nacken und jedes Härchen rechts und links korrekt gestriegelt und festgeklebt ...

Und dann: »Wo gehst du hin?« -- »Ich? Ins Kolleg.« -- »Was? Ins Kolleg? Du bist wohl meschugge! Du, ein Jurist? Ja, wenn du noch Mediziner wärst! Juristen brauchen in den ersten zwei Jahren überhaupt nichts zu tun. Im dritten geht man zum Repetitor und läßt sich einpauken ... Kolleg ist für die Minderbegabten ...« -- »Ich gehe aber doch ...«-- »Na gut, wenn du dir nicht zu schade bist für den Stumpfsinn, den die Professoren quasseln ... ich geh schwimmen.«

Werner strebte zum Kolleg. Er kam an seiner Wohnung vorbei. In der Haustür stand Rosalie: ihre Augen hüpften wie ein paar muntere Schmetterlinge, luden zu einem Schwätzchen in der Ladentür zwischen Konfitürengläsern und Konservenbüchsen. -- Werner blieb standhaft; wie vor einer Prinzessin zog er tief und korrekt die blaue Mütze und strebte zur Universität ...

Klosterstille und Klosterluft, wenig Studenten in den kühlen, dumpfen Gängen ... nicht nur die Korpsstudenten schwänzten ...