Part 2
Was, dachte Werner entsetzt: ist das denn jetzt nicht aus? Ihm flimmerte alles vor den Augen: er trank hastig einen tiefen Schluck Bier. Und wie er den blutüberströmten Kopf da anstarrte, fiel ihm wieder ein: von dem laufen in Marburg wenigstens drei Bälger herum.
Es war nicht aus. Wieder kauerten die Sekundanten nieder, flogen die Klingen der Fechter in die Luft, klangen die Kommandos, krachten die Waffen zusammen, und abermals nach wenig Hieben dröhnte das »Halt!« der Sekundanten, und sieh, nun klaffte Scholzens linke Wange vom Ohr bis in die Mitte des Jochbeins. Wieder schoß das Blut hervor, aber kein Fleck des Gesichts war mehr weiß, den es hätte färben können.
Und abermals untersuchte Wichart, runzelte bedenklich die Stirn und ließ dann doch die Mensur weitergehen.
Als abermals die Klingen in der Luft standen, stieß Dammer den neben ihm stehenden Werner an und wies mit den Augen auf Scholzens Klinge: die zitterte nervös, wie rachgierig: »Gib acht, jetzt tut er's ihm gä'm.«
Kommando, Zusammenkrachen der Waffen, dreimal, dann schneidendes Halt der Sekundanten und ein unwillkürlicher Laut aus aller Munde: drei, vier Strahlen roten Blutes spritzten meterweit aus der Schläfe von Scholzens Gegner über die Mützen und hellen Anzüge der Versammlung. Hart über dem Riemen der Paukbrille hatte Scholzens »Durchgezogener« dem Gegner das linke Ohr und die ganze Schläfenbreite gespalten. Ohne auch nur einen Moment länger hinzusehen, sprang der Hessen-Nassauer Paukarzt von hinten mit einem großen Watteballen auf Seydelmann zu, bedeckte mit der Watte dessen linke Kopfseite, preßte mit beiden Händen den Kopf zusammen, sagte »Raus!«, drehte seinen Patienten herum und führte ihn durch den sich öffnenden Schwarm hinaus, während der Nassauer-Sekundant in ärgerlichem Tone seinen Paukanten für abgeführt erklärte.
Ein schwaches Hohnlächeln um die blutbekrusteten Lippen, von den Glückwünschen der Korpsbrüder umringt, verließ nun auch Scholz den Saal.
Während aufgeregte Gespräche den weiten Raum durchschwirrten, suchte Werner den Weg zur Tür, stolperte die Treppe hinab und ging in den Garten, um frische Luft zu schöpfen. Da standen in langen Reihen rohe gestrichene Tische und Stühle, Wäsche hing an Leinen, und im Dickicht am sonnenflimmernden Bach entlang schmetterten die Nachtigallen; über den Wiesen stieg Lerchengetriller in die Luft, und der Jasmin und Flieder dufteten um die Wette. Und wieder fiel dem jungen Studenten sein Kleist ein:
»Ein schöner Tag, so wahr ich Leben atme! Ein Tag, von Gott, dem hohen Herrn der Welt, Gemacht zu süßerm Ding, als sich zu schlagen! Die Sonne schimmert rötlich durch die Wolken, Und die Gefühle flattern mit der Lerche Zum heitern Duft des Himmels jubelnd auf!«
Und doch war's ihm, als sei es ein süßes Ding, sich zu schlagen. Doch war ihm, als sei alles, was er sich auf seiner Schulbank geträumt, nun Leben geworden, als kenne er sie nun wirklich, die düster-herrischen Reckengestalten seiner Dichter. Schauder und Liebe rangen in seiner Seele, die nun ihren Helden gefunden hatte: ja, er, der reine, scheue Knabe, liebte den Jüngling an der Schwelle der Mannesjahre, den S.-C.-Fechter, den, von dem »wenigstens drei Bälger in Marburg herumliefen« ... liebte ihn mit jener bangen Scheu, mit der er das Leben liebte, an dessen geöffneter Pforte er nun plötzlich stand.
-- -- Es war vorüber. Noch acht weitere Mensuren hatten stattgefunden: auf die Dielen des Saales hatten die Korpsbrüder mehr als einmal Sägemehl streuen müssen, um das geflossene Blut aufzusaugen, und als die Schar nach getaner Arbeit gen Marburg aufbrach, da schwamm im Saale ein Dunst, aus Schweiß, Blutgeruch, Bier und Tabakrauch gemischt. ... Auch Dammer hatte seine ersten Nadeln bekommen im Verlauf eines wenig aufregenden Kampfspiels, das sich nicht gar sehr vom Zusammenschlagen der Klingen beim festlichen Landesvater unterschieden hatte. Aber Achenbach gesellte sich auf dem Heimwege nicht zu ihm. Er wußte es einzurichten, daß er beim Heraustreten aus dem Ruppersbergschen Hof an Scholzens Seite kam. Scholz trug über seinem fahlen, verschwollenen Gesicht einen mächtigen weißen Wickelverband, über den er statt der Coleurmütze eine schwarze Mensurkappe gezogen hatte. Er war etwas überrascht, als er das schlanke Füchschen neben sich sah. Das stammelte errötend seine Bitte, wie ein Liebesgeständnis:
»Scholz, ich möchte dich bitten, mein Leibbursch zu werden.«
»Hm -- sag' mal, ich hab' deinen Namen noch nicht behalten.«
»Achenbach.«
»So ... aus Elberfeld, nicht wahr?«
»Ja.«
»Also, mein lieber Achenbach, ich bleib' nur noch drei Wochen hier ...«
»Nur noch drei Wochen?«
»Ja -- dann werd' ich inaktiv und geh' nach Berlin ... aber für die drei Wochen ... gut.« Er hatte einen scharf prüfenden Blick auf das Studentlein geworfen. »Also schön ... Leibfuchs Achenbach.« Ein Händedruck, ein rasches Verweilen Aug' in Auge, dann war Achenbach entlassen, und Scholz gesellte sich zu seinem Sekundanten Klauser.
Eben rasselte eine Kalesche an den Marschierenden vorbei nach Marburg zu, drinnen ein paar blasse, verbundene Gesichter; Werner erkannte den Bulldoggkopf des Nassauerseniors und sah, daß auch Scholz den besiegten Gegner erkannt hatte: mit einem kurzen Anlegen der Hand an seine Mensurmütze grüßte Scholz in die Kutsche hinein, aber nicht das leiseste Lächeln des Triumphs war auf seinen fest geschlossenen Lippen zu entdecken.
Werner hielt sich dicht hinter seinem neuen Idol. Dammer gesellte sich zu ihm. Still und etwas müde trotteten beide den Heimweg bei sinkender Sonne, deren Abendstrahlen das ruhevolle Tal mit unsäglichem Abendfrieden übergoldeten. Oben stand das Schloß noch in vollem Glanz; über die Wipfel der Chausseebäume strich sehnsüchtig ziehender Schwalbenflug.
Als die heimkehrenden Studenten näher an Marburg herankamen, zogen ihnen mancherlei Spaziergänger entgegen: darunter vor allem die Primaner und Sekundaner des Gymnasiums, die in den Angelegenheiten der Studentenverbindungen manchmal besser Bescheid wußten, als im Sallust und Aeschylos: und ferner ... die Sonnen ...
Neugierig durchmusterten die jungen, hübschen Marburgerinnen die buntbemützte Schar, und ängstlich spähte manch ein rosiges, blauäugiges Gesicht, ob man »Ihn« auch nicht zu schlimm zugerichtet ...
Und Werner dachte: ob wohl auch ihm einmal so ein zartes, schmiegsames Figürchen entgegenspähen würde? Dabei fiel ihm ein, daß das ja doch nicht sein dürfe, weil sein Herz der Trägerin eines gewissen Paares blonder Zöpfe die Treue gelobt hatte ... ach, nur sein Herz ... aber die war weit ... weit ... und nie, seit der Tanzstunde, hatte er ein Wort mit ihr gesprochen ... und dann, war er nicht jetzt Student?!
»Aber die da schmachten Und platonisch trachten ...«
Himmel ... konnte man denn solch ein junges, holdseliges Geschöpf anders als platonisch ...?
Niemals -- niemals!
Da stieß Dammer Werner an: »Nu gib mal äbens e bißchen Achtung! Nämlich, die da links kommt, das is Lenchen Trimpop, Scholzen seine jetzige!«
Und da kam in schlichtem, weißem Strohhütchen, in einem hellblauen, verwaschenen Kattunkleidchen eine vollerblühte Mädchengestalt ... nie hätte Werner es für möglich gehalten, daß so ein junges, liebliches, jungfräuliches Geschöpf ... ach, gewiß schwindelte Dammer auch nur! Sie glühte über und über, als sie Scholz erblickte: der grüßte sie vollkommen wie eine Dame, und sie dankte sittig und zeremoniell. War's möglich? Nein -- unmöglich!! Unmöglich!! Und doch --
»Aber die da schmachten Und platonisch trachten, Ach, die liebe Unschuld tut nur so --«
sang nicht so das alte rauhwuzige Renommistenlied?!
»Du ... nu jetzt kommt äbens meine Sonne!« sagte Dammer und glänzte wie ein Gänsefettbemmchen. Er riß die Mütze herunter, und drüben nickten die Köpfe von acht Backfischchen, die paarweise zum Spaziergang zogen, von einer spinösen Mademoiselle geführt ... »Hast se gesehn? Die gelbe war's, die in dem gelben Fähnichen! Ach, Kätchen, sießestes Mädichen! Ob sie wohl mei' Kompresse gesehen hat?« --
An diesem Abend betrank sich Werner Achenbach besinnungslos unter der Cimbernlinde in Maibowle und Jugendfieber.
II.
Werner lag im Bett und träumte in den Sonntagmorgen hinein. Er hatte keinen Katzenjammer, nur schien's über allen Dingen wie ein leichter Flor zu liegen, so eine mollige, duselig-dämmerige Atmosphäre, in der sich's gut faulenzen und sinnieren ließ. Er hatte zwei winzige Stuben an der Wettergasse, der winklig-engen, altertümlichen Hauptstraße von Marburg, die sich um die halbe Höhe des Schloßberges herumwand, hinter der Elisabethkirche am Steinweg in die Höhe stieg, dann eine Strecke lang horizontal hinlief und jenseits sich wieder senkte, um schließlich in die Ebene zurückzulaufen und in die Ockershausener Landstraße zu münden. Werners Wohnzimmer sah nach der Wettergasse, und zwar gerade da, wo gegenüber ein Brunnen aus der Felsmauer sprudelte, neben dem eine Straße zwischen hohen Gartenmauern links, gartenumbuschten Villen rechts, allmählich zur Sternwarte, weiter zur Cimbernkneipe und schließlich zum Schlosse führte. Sein Schlafzimmer dagegen sah in die weite, frühlingsprangende Lahnebene hinaus. Tief unten ging der Fluß, weiterhin sah man Felder und Wiesen, jenseits am Bergrande lief die Eisenbahn, und drüber hin stieg ein stattlicher Bergzug an, dessen Höhe das bescheidene Gasthaus Spiegelslust krönte. Dies alles konnte Werner vom Bette aus überschauen, wenn er nur den Kopf ein wenig wandte. Und ganz links sah er auch die Elisabethkirche, dies himmlische Kleinod der frühen Gotik. Und die Glocken der Elisabethkirche waren es auch, die nun vollchörig den Sonntag einläuteten.
Werners Herz war groß und weit vor Glück. Noch vor wenig Wochen ein geplagter Abiturient, nun ein freier Student, gebunden freilich durch die selbsterwählte Zucht des Korps, die stramm genug war, strammer in mancher Hinsicht, als die der Schule und des Elternhauses zusammengenommen ... aber dennoch frei ... frei von der Bürde des Schülertums, frei vom Zwange des formelhaften Unterrichts in tausend Dingen, deren Zweck der gesunde Menschenverstand beim besten Willen nicht einsehen wollte ... dies neunjährige Pauken des Lateinischen, das ihn doch noch nicht einmal so weit gebracht hatte, auch nur die kleinste flüssige Unterhaltung in lateinischer Sprache zu führen, geschweige denn in griechischer ... Und Französisch und Englisch? Daß Gott erbarm ... jeder Oberkellner hätte ihn beschämt ... Geschichte? Geographie? Ja, in Hellas und Rom wußte er Bescheid, aber vom Mittelalter kannte er nur den äußeren Verlauf, und die neuere Zeit endete beim Jahre 1815 ... Der Reichstag, der Bundesrat, das Abgeordnetenhaus ... was waren das alles für merkwürdige Dinge? Was hatte der Kaiser zu sagen, was der Fürst von Reuß ältere Linie? Was waren Steuern? Wie kam es, daß man dienen mußte? Was war Selbstverwaltung eigentlich für ein Ding? Was ein Bürgermeister, ein Landrat, ein Beigeordneter, ein Kreis, ein Provinziallandtag? Davon hatte er keine Ahnung, wohl aber kannte er die Steuerordnung des Servius Tullius, die Grundzüge der solonischen Gesetzgebung, den Sitz der Stämme Israels, die Namen der Leibärzte des Achilleus ...
Und nun gar die Natur? Was wußte er von der? Wie kam es, daß die Erde sich um die Sonne drehte? Woher stammten die zahllosen Arten von Lebewesen? Wo war der Himmel, wo die Hölle, von der man ihm in der Religionsstunde erzählt hatte? Was war die Seele für ein Ding? Wo kam sie her, wo ging sie hin? Was war überhaupt dies Leben, das er so selig prickelnd in allen Gliedern fühlte? Und warum gab's gar von allen Wesen zweierlei Geschlechter? Warum mußten sich immer zwei Geschöpfe von beiden vereinigen, um ein drittes zu schaffen? Wie ging das alles vor sich?
So wirblicht, so chaotisch sah es in dem Kopf des Knaben aus, den man mit dem Zeugnis der Reife ins Leben hineingestoßen hatte ...
Ja ... er haßte die Schule, haßte seine Lehrer, diese stumpfsinnigen Banausen, die jeder nur das Bestreben kannten, den von oben vorgeschriebenen Lehrplan für ihr Spezialfach abzuhaspeln und auf diesem engen Gebiete möglichst glänzende Resultate herauszudressieren ... deren jeder sein Fach für die Hauptsache angesehen und diejenigen Schüler aufs abgeschmackteste bevorzugt hatte, die hier etwas leisteten, mochten sie sonst als Menschen, als werdende Charaktere und Gesamtpersönlichkeiten sein, wer immer sie wollten ...
Und dabei war's ihm nicht einmal schlecht gegangen. In allen Fächern war er obenan gewesen und hatte seit Jahren in seiner Klasse den ersten Platz kampflos und unbestritten innegehabt. Wie mochte erst den andern zumute sein, die vor jedem Schultage und nun gar vor Zeugnis- und Versetzungsterminen hatten zittern und beben müssen?
Und sein feierlicher Vorsatz war der: nun sich »von allem Wissensqualm zu entladen«, sich dem Strom des Lebens zu überlassen, der ihn gepackt hatte und in seine Wirbel zog, planlos und ziellos den Dingen sich hinzugeben und nur dem Augenblick zu dienen.
Und dieser Augenblick hieß Marburg, hieß Cimbria!
Mit zärtlichem Blick flog sein Auge zu der hellblauen Cimbernmütze hinüber, die auf dem Tische lag, zu dem blau-roten Fuchsbande, das neben seinen Kleidern am Stuhle hing. Er nahm's und streichelte es zärtlich. Wenn doch seine Eltern ihn mal so sehen könnten, in Mütze und Band, ihren Ältesten, ihren Liebling!
Denn das war er ja, er wußte es wohl ... und in die Heimat streiften seine Gedanken voll Liebe und Zärtlichkeit ...
Er sah den Vater in seinem kleinen Bureau, meinte seine Stimme zu hören, wie er mit seinen Klienten konferierte, oft lustig plaudernd, oft erregt debattierend. Er sah die Mutter in ihrer Fensterecke, vor der ein Kastanienbaum im Sommer lieblich schattete, im Winter nackt und kahl mit seinen Ästen voll harziger Knospen in die Luft starrte ... nichts als Liebe und Vertrauen war da gewesen, bis ...
Ja, bis eines Tages etwas in ihm erwacht war, das sich der Hingabe an die Elternliebe verschloß. Bis jene unheimlichen seelischen Veränderungen in ihm begonnen hatten, zu denen Elternsorge die Brücke nicht gefunden, ja nicht einmal gesucht hatte ...
Oh, er wußte das alles ja noch so gut!
Vier Brüder waren sie daheim, und er der älteste. Auch in den befreundeten Familien gar keine Mädchen, wenigstens keine gleichaltrigen ... so hatte seine ganze Jugend sich im Verkehr mit Knaben abgespielt. Seine Mutter hatte in dem beständigen Umgang mit ihren Söhnen selbst etwas Männliches angenommen. Nichts Weiches, nichts von anschmiegsamer, hingebender Zärtlichkeit kannte sein Leben.
Mit dreizehn Jahren hatten die Eltern ihm Tanzunterricht geben lassen. Da war er zum ersten Male mit Mädchen zusammengekommen, aber auf einem Boden, der eitel Unnatur war. Als Miniaturkavaliere und Duodez-Dämchen hatte man dort die Kinder ausgebildet, so alle Vertraulichkeit und Unbefangenheit ausgeschaltet und eine Atmosphäre geschaffen, die schwül und berauschend war wie die der Salons und Tanzsäle der Großen.
Und damals war erwacht, was hinfort die geheime Folter und Seligkeit seines Lebens geworden war ... Seele und Sinne waren erwacht ... zu früh in dieser süßlich-schwülen Luft, und -- -- nicht in Einigkeit und herrlicher Harmonie, sondern jedes für sich ...
Als wär's gestern gewesen, so stand jene erste Tanzstunde vor ihm ... hüben ein Rudel ungelenker Knaben, drüben eine Reihe buntgewandeter, verlegen kichernder Mädchen, die von dem Knaben gar keine Notiz nahmen ...
Da war eine gekommen, ganz zuletzt, ein blasses, schlankes Dingelchen in einem grauen Kleidchen, dunkelblauer Schärpe, mit großen, lichten Augen und einem stets leicht geöffneten Mund, aus dem ein paar große Vorderzähne blitzten -- zwei prachtvolle Blondzöpfe hingen ihr schwer vom Scheitel. Die hatte vor den Jungens frisch und brav mit dem Köpfchen genickt, ehe sie sich unter die Mädchen gemischt ... und da hatte Werner Achenbachs Knabenherz die Herrin seiner Jugendträume gefunden ...
Hoch und heilig stand diese Liebe über seinem Leben hinfort. Alles, was Großes und Reines auf ihn zuströmte aus den Werken der Dichter, den Geschehnissen der Geschichte und der Betrachtung der Natur und Kunst, alles flocht Werner zusammen zu einem Strahlenkranz um Jung-Elfriedens blonden Scheitel.
Wohl hatten seine Eltern gemerkt, daß der Knabe anders geworden. Daß er sich sorgfältiger kleidete, daß ein Ernst und eine Bedeutsamkeit in seine Lebensführung gekommen war. Aber die heilige Größe des Geheimnisses, welches sich in der Seele vollzog, der sie das Leben gegeben, die hatten sie nicht begriffen. Sie hatten es nicht verstanden, in diesem entscheidenden Augenblick ihres Kindes Herzensfreunde zu werden und zu bleiben. Und so hatte das Kind schon gelernt, sein Tiefstes in sich zu verschließen.
Hier war ein Neues, aber ein Glück und eine Erhebung. Keine Gefahr.
Doch daneben wuchs etwas anderes in dem Knaben. Ganz unabhängig von der hohen und lichten Liebe, die das junge Herz ihm schwellte.
Daß Mädchen anders aussehen wie Knaben, das hatte ein junger Freund, der Schwestern hatte, ihm in kindlichem Geplauder ganz harmlos verraten. Und nun lasen die Knaben in der Schule den Ovid und die Bibel, und da wurden oft einzelne Stellen ausgelassen. Und jedesmal bekam dann der Lehrer einen roten Kopf, und jedesmal lasen neugierige Knabenaugen heimlich die unterdrückten Stellen. Und jedesmal mußten sie gewahr werden, daß es sich dann um geheimnisvolle Beziehungen zwischen einem Manne und einem Weibe handelte, um Umarmungen, Zärtlichkeiten, Küsse ... da löste ein Gott einer Erdentochter den jungfräulichen Gürtel, teilte mit ihr das Lager und zeugte ihr einen Sohn, oder ein Satyr verfolgte eine nackte fliehende Nymphe und bezwang sie, oder Töchter machten ihren Vater berauscht und schliefen bei ihm, daß sie Samen von ihm erhielten, und was die hundert und aberhundert rätselhaften und seltsam lockenden Dinge mehr waren. Und immer handelte es sich um einen Er und eine Sie, und das Sehnen des Mannes schien immer nach dem Weibe zu gehen, nach dem Besitz seines Körpers, nach dem Anschauen und Umfangen seiner Nacktheit ...
Und da das Leben dem Knaben den Anblick der Weibesschönheit versagte, so begann er nun auf einmal mit leuchtenden, begierigen Augen die Werke der Kunst zu betrachten. Und seltsam bestätigten ihm die, daß es etwas Süßes sein müsse um des Weibes unverhüllte Leiblichkeit ... denn sie stand ja doch im Mittelpunkt alles Kunstschaffens, sie feierten tausend Werke der Plastik, tausend farbenglühende, lebenzitternde Gemälde ...
Und zur bebenden Frage seiner Phantasie sprach Ja die Seligkeit seines schauenden Auges, das brünstige Erschauern seines zarten Leibes beim Anblick dieser hochherrlichen Gestalten ... die Kunst ward ihm der Schlüssel zum Vorhof des Lebens ...
Aber wenn ihm Aug' und Sinne tanzten in Seligkeit und Glücksüberschwang, dann rang seine Seele in Sünderbangigkeit und Verbrecherbewußtsein. Dann aber war niemand, der zu ihm gesprochen hätte: sieh hin, mein Junge, sieh dir's an; das alles, was du dir ersehnst, ist gut und recht und einfach und heilig, das alles wird einmal dein Besitz und Eigen sein, wenn du ein Mann geworden bist und reif und würdig, die Erfüllung der Lebenswonne zu erringen und zu genießen, reif, Leben zu umfangen, um Leben zu zeugen. Inzwischen genieße ruhig im Anschauen hoher und reiner Kunst einen Vorgeschmack der künftigen Wonnen ... Dann aber kehre zurück in die Wirklichkeit und sieh, daß du noch ein unfertiges Kind bist, sei enthaltsam, wahre deinen jungen Leib heilig. Rüste ihn wie deine Seele zu künftiger Mannbarkeit, und überreich wird dir das Leben einst lohnen ...
Ja, wenn einer so zu dem Knaben gesprochen hätte ...!
Aber da war keiner ... keiner ... Die Eltern?! Zu denen hatte auch niemals einer so gesprochen, und Werners Eltern waren nicht die Menschen dazu, etwas anders zu machen, als ihre Väter und Mütter es einst mit ihnen selbst gemacht ... die Mutter wußte nichts von Knabenängsten, der Vater ging auf in den Sorgen seines Berufs, in dem er tüchtig war, ohne ihn zu lieben und ihm ganz gewachsen zu sein ... eine weiche, heitere, sinnig-liebenswürdige Natur, ein Mensch voll Güte, aber ohne Festigkeit und Willensstärke ... so mußte der Knabe einsam bleiben und leiden.
Die Freunde? Vielleicht kämpften sie alle denselben einsamen Kampf ... nie im Traume war's Werner eingefallen, sich hier einem Freunde anzuvertrauen ...
Und die Lehrer? Wußten sie denn nicht, wie's aussieht in einem vierzehn-, fünfzehnjährigen Knabenherzen? Sie waren viel zu träg oder feige, an ihren Schülern irgendetwas zu tun außerhalb des vorgeschriebenen Lehrplans und der etwa angrenzenden Privatbestrebungen ... sie waren abgestumpft durch die große Zahl, die individuellen Unterschiede, den beständigen Wechsel ihrer Schüler.
Einer nur, der Religionslehrer, ein wohlmeinender, aber possierlicher Mann, hielt alljährlich einmal den Primanern eine große Rede wider die Fleischeslust ... aber erstens wirkte er komisch, und dann drohte er mit der Hölle, mit der die Primaner nichts anzufangen wußten ...
Und so hatte Werner einsam leiden, sich sehnen und suchen müssen ... und er hatte gesucht ... das Konversationslexikon, die Dichter und Romanschriftsteller in seines Vaters Bücherschrank, Bocks »Gesunden und kranken Menschen« hatte er durchwühlt, um das Geheimnis seiner Dränge zu ergründen ... sein Sehnen war nicht gestillt worden ... schließlich war er ganz von selbst, wie im Traum zu jenem unheimlichen Aushilfsmittel gekommen, auf das alle Knaben verfallen -- -- aber seine Bangigkeit, seine Sünderangst war dadurch nur gestiegen und hatte ihn mehr als einmal bis dicht an eine bange Verzweiflungstat herangebracht -- so schmutzig, so elend und verworfen war er sich vorgekommen in seiner einsamen Qual ...
~Und nun?!~
»Auch von Lieb umgeben Ist Studentenleben«
Wieder summten ihm die Renommistenverse durch den Kopf -- --
Ja, hier draußen, hier war's auf einmal ganz anders ... diese muntern Gesellen um ihn her, die sahen alles, was er in Qualen und Gewissensfoltern ersehnt, als das selbstverständliche Recht ihrer Jugend an ... denen war das Weib, der grauenvoll süße Dämon seiner Einsamkeiten, eine leichte, rascherrungene Beute ... was ihm Sünde und doch wildumgierte Seligkeit schien, das war ihnen ein Scherz und Zeitvertreib, ein munterer Sport, nichts anders, als das blutige Spiel der langen Messer und die Saufturniere der offiziellen Kneipe. Und wenn schließlich das Ziel all des Ringens erreicht war, wenn aus geheimnistiefen Gründen ein Menschenleben erwacht war, dann nahm man auch das nicht tragisch ... lästig war's nur, daß man Alimente bezahlen mußte, aber dafür stieg man dann auch mächtig in der Hochachtung seiner Kommilitonen ...
Und die so leicht hinwegtändelten über die ungeheuersten Dinge, das waren dieselben Menschen, die draußen mit der unnahbaren Würde von Hofmarschällen einherschritten im Schmuck ihrer Farben, deren Ehrgefühl durch einen scheelen Blick zum Verlangen blutiger Sühne gereizt wurde -- --
Sonderbare Welt ... sonderbare Welt ...
Und da sollte er mittun?
Ja! schrie die eine, die heischende Stimme in ihm. Das Lenchen, Scholzens Lenchen tauchte vor ihm auf, die dem sehnenstarken Senior der Cimbern angehören sollte ... solch ein Geschöpf des Himmels, solch ein blühendes, schwellendes, glühendes Gebild in seinen Armen halten dürfen, wehrlos hingegeben, aus den bergenden Hüllen schälen das ganze blendende, duftende Geheimnis ihrer Holdseligkeit ... Gott, war's denn möglich, daß so etwas ihm einmal zuteil werden könnte ... ihm, dem sehnsuchtbebenden Knaben?