Part 1
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Anmerkungen zur Transkription:
Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
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~gesperrt gedruckter Text~ +antiqua gedruckter Text+
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Der krasse Fuchs
Roman
von
Walter Bloem
47.-49. Tausend
Grethlein & Co. G. m. b. H. Leipzig
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten. Copyright 1910 by Grethlein & Co. G. m. b. H. Leipzig
Erstes Buch
I.
Aus hundert blühenden Apfelbäumen strich eine laue Welle Frühlingsduft über die morgenflimmernde Chaussee, und aus den Büschen zu beiden Seiten schmetterte Nachtigallenjauchzen. Feine Glockentöne waren in der Luft.
»Ein Tag, von Gott, dem hohen Herrn der Welt, Gemacht zu süßerm Ding, als sich zu schlagen!«
zitierte Werner Achenbach und schob seinen Arm in den des neben ihm marschierenden Korpsbruders.
»Du hast gut reden,« sagte der. »Bis du mal selbst vors lange Messer kommst! Aber ich, siehste! Wer weeß, ob 'ch mei scheenes grades Neeschen wieder wer' mit zuricke bring'n!«
»Wie ist dir denn eigentlich zumute, Dammer?«
»Nu, äbens doch e bißchen benaut,« sagte der stämmige kleine Dresdener ehrlich. »Wenn's bloß wegen der Senge wäre, nu, das tät'n mir schon machen, denk 'ch -- aber daß m'r ooch den Ansprichen eines wohlleeblichen C. C. geniegt --«
»Wieso?«
»Nu, bei der ganzen korpsstudent'schen Fechterei kommt's doch eenzig und alleene aufs gute Stehen an!« erklärte Dammer, und was sein Leibbursch und sein Fuchsmajor ihm im vorigen Semester eingeprägt und eingeprügelt durch die Filzmaske hindurch, das setzte er dem »Krassen« in längerer Rede auseinander: daß der Hauptzweck der Mensur Erziehung zur Standhaftigkeit und Charakterstärke sei.
Werner hörte kaum mehr zu. Er sah den Frühling ringsum, er fühlte die Jugend und Freiheit durch alle Glieder rieseln. Schwüler schon flimmerte die Maisonne. Blendend flammte die Chaussee; aber das strahlende Grün der Laubmassen in den Gärten, sachtes Grüßen der schwellenden Waldberge labten das ermüdete Auge. Und aus den lichten Büschen hoben sich viele schmucke Landhäuser, streckte sich droben das graue Gemäuer des Marburger Schlosses in den sanften Morgenhimmel, und zur Linken, wenn einmal die Gärten den Durchlug gestatteten, überflog der Blick das breite, gesegnete Tal, durch dessen mattschimmernde Fläche die Lahn ein flirrendes Band hindurchwob ... so schön war der Frühling noch nie gewesen, selbst damals nicht, als Werner, das rote Sekundanerkäppchen auf dem Kopfe, zum ersten Male zwei blonden Zöpfen nachgestiegen war ...
Student -- Korpsstudent ... Himmel, das war ja wie ein Traum. Und plötzlich riß Werner mit der freien Linken die hellblaue Cimbernmütze vom Kopfe, stieß einen wilden, formlosen Jubelschrei aus ...
Nervös zuckte Dammer zusammen. »Nanu? biste verrickt geworden?« Seine blassen Nasenflügel zitterten.
»Ach so!« Werner fand es komisch, daß der andere, der Brandfuchs, Dampf hatte vor seiner ersten Mensur. Und das war ersichtlich der Fall. Er, Werner Achenbach, hätte am liebsten gleich einen Schläger in die Hand genommen ...
»Na warte nur, mei Jungchen, wenn du mal erscht den Rummel da draußen wirscht kennen!« meinte der Ältere. »Nämlich sehre gemietlich is das gerade nich, das kann 'ch dir sagen! Aber nu sei stille, jetzt kommt mei Orakel!«
»Dein Orakel?«
»Nu äben! nämlich, hier zur Linken das große weiße Haus, das ist das Pensionat Vogt, mußte wissen, un da nämlich, da is meine ~Sonne~ dadrinne!«
»Deine Sonne?!«
»Nu ja, mei Mädichen nämlich, weeßte, mei sießes Mädichen! Kätchen heeßt se, Kätchen Fröhlich ... un wenn ich die jetzt zu sehen krieg, weeßte, dann is das e gutes Omen für mei erschte Mensur, verstehste?«
Werner verstand und drückte ein wenig den Arm des neuen Freundes. Beide forschten im Schreiten gespannt an der langen Fensterfront des Pensionats, ob irgendwo ein Mädchenkopf sich blicken ließe.
Umsonst ... in der frühen Morgenstunde waren alle die Fensterchen mit weißen Vorhängen dicht verhüllt.
»Du, was meenste, wenn m'r da mal kennt e bißchen hinterkucken?« meinte der Sachse.
Werner erschrak und wurde rot. Er hatte den gleichen Gedanken gehabt, aber wie man den Mut und die Schamlosigkeit haben konnte, solch einem tempelschänderischen Wunsch Worte zu leihen -- --
Sieh da: an einem der letzten Fenster öffnete sich inmitten der weißen Gardinen ein Spalt: ein lieblich verschlafenes Köpfchen lugte einen Augenblick hervor -- unter dem Kinn bauschte und knitterte der Vorhang, als zögen da zwei Fäustchen das Leinen fest zusammen -- muntere Augen spähten einen Moment zum Schloß empor, flogen dann zur Chaussee hinunter -- und hui, war alles verschwunden wie weggeweht.
Dammer war zusammengezuckt, hatte ohne Bedenken seine blaue Mütze heruntergerissen. Nun preßte er den Arm des Korpsbruders: »Du, Achenbach ... hast se gesehen? Das war se! Ach, Kätchen, Kätchen, sießestes Mädichen!«
Und dann richtete er sich stramm auf und schlug mit dem silberbeschlagenen spanischen Rohr in seiner Rechten einen mächtigen Lufthieb. »So, mei gutester Herr Pasche Guestphaliae, nu kenn' Se sich meineswegens in acht nähm'!« und dann schmetterte er los:
»Auch von Lieb umgä'm Ist 's Studentenlä'm, Uns beschitzet Fenus Cipriah, Mäddchen, die da lie'm Und das Kissen ie'm, Waren stets in schwerer Menge da, Aber die da schmacht'n Und bladonisch tracht'n, Ach, die liebe Unschuld tut nur so ... Denn so recht inwend'g Brennts doch ganz unbänd'g Fier den kreizfidelen Studio!«
Werner war ganz still geworden. Dieses plötzlich auftauchende blühende Jugendgesicht hatte jählings in ihm aufgewirbelt, was seit seiner Ankunft in Marburg, unterm ersten Ansturm der tausend neuen Eindrücke des Studentenlebens geschlummert hatte: ein dumpfes, sehnsüchtig-süßes Weh ... Und den Anblick des ruhesatten Gesichtchens ergänzte seine beutelustige Phantasie durch ein Traumbild der ganzen Erscheinung, die der neidische Vorhang verhüllt hatte: da mußte ja ein ganzer, lebender, duftender Leib dazugehören, kaum verhüllt vom Nachtgewande -- ein Mädchen ... ein junges, junges Weib ...
Da war sie wieder, die tolle Sehnsucht, die ihn so oft gequält in seinen drei letzten Schuljahren, auf harten Bänken, im öden Wechsel von Mathematik und zerfetzten, mißhandelten und doch unverwüstlichen und heimlich aufwühlenden Dichterworten ...
Und im munteren Schreiten summte da die Melodie des alten Burschenliedes und die seltsamen Worte in ihm nach:
»Auch von Lieb umgeben Ist Studentenleben, Uns beschützet Venus Cypria: Mädchen, die da lieben Und das Küssen üben, Waren stets in schwerer Menge da ... Aber die da schmachten Und platonisch trachten ...«
also nicht alle trachteten platonisch?! »die da lieben und das Küssen üben«?! Himmel --!
Und seine Seele sprang aufgescheucht und ruhelos in ihm hin und her, wie ein Raubtier im Käfig, wenn die Stunde der Fütterung naht.
Indessen hatten die beiden Wanderer die letzten Häuser von Marburg hinter sich gelassen und schritten nun munter aus, dem nahen Dörfchen Ockershausen zu, wo die Marburger Korps allsamstäglich ihre Mensuren schlugen. Noch war vom Ziele nichts zu sehen als der Morgenrauch, der in blauen Säulchen über einem Schwall blühender Apfelbäume kräuselte. Aber da nun die Chaussee schnurgerade vor ihnen lag, konnten sie sehen, daß sie nicht die ersten waren. Vor ihnen marschierten schon, zu zweien und dreien, in ganzen kleinen Trupps die Angehörigen der drei Marburger Korps: die blaumützigen Cimbern, die hellgrünen Hessen-Nassauer und die Westfalen in ihren weißen Sommerstürmern. Und auch von hinten klang Geplauder und Lachen. Die ganze Landstraße war betupft von bunten Farbflecken: den hellen, schmucken Anzügen, den gleißenden Mützen und Bändern der Korpsstudenten, die in den Frühlingsmorgen hineinmarschierten, nicht zu fröhlicher Lenzfahrt, sondern zu blutigem Turnier.
Dieser Anblick brachte Werner zur Gegenwart zurück und zu dem herannahenden Erlebnis dieses Tages. Zum ersten Male sollte sein junges Leben Waffen und Blut schauen. Und da befiel ihn denn doch eine sachte wachsende Beklemmung. So friedvoll war seine Jugend verlaufen, so sturmbehütet im sichern Elternhause, inmitten gleichstrebender Freunde, nur den Studien, harmlosen Vergnügungen, vor allem den Dichtern gewidmet ... erst die letzten drei Jahre hatten heimliche, verschwiegene Ängste und Kämpfe gebracht ... Draußen war immer Friede gewesen ... nun war's auf einmal anders geworden -- das Leben kam. Er fühlte, wie ihm ganz langsam etwas die Kehle verengerte. Immer mehr, ganz leise, aber stetig. Er mußte sprechen, um das Gefühl zu bekämpfen.
»Kommst du zu allererst dran?« sagte er zu Dammer, der auch ganz still und etwas fahl geworden war.
»Nunee,« sagte Dammer, »das wär nu doch gerade keene wirdije Eröffnung nich fiers Fechtsemester. Zuerst kommt unser Scholz kontra Seydelmann, den Ersten von den Nassauern.«
Scholz! bei diesem Namen hatte Werner Achenbach ein unbehagliches Gefühl. Ein Gefühl -- ähnlich dem, das er, der zarte, geistige Knabe, in der Schule stets den stämmigen Schulkameraden gegenüber gehabt, die er in allen Unterrichtsgegenständen leicht und verächtlich hinter sich gelassen, während sie ihm beim Turnen und Spielen mit Hohngelächter über seine unbeholfenen und schwächlichen Versuche vergolten hatten. Scholz! Eine hagere, riesige Gestalt, ein schmales, herrisches Gesicht mit scharfen, gebietenden Augen, mit einem Munde, der meist zusammengekniffen war, aber auch plötzlich lächeln konnte, flüchtig, überlegen, halb mitleidig, halb spöttisch; einem Munde, dessen Lächeln etwas Geheimnisvolles hatte ... etwas, das den Knaben Werner abstieß und lockte. Scholz! den gefürchteten und für die Füchse unnahbaren Senior des Korps -- den sollte er heute fechten sehen ... das konnte ein Schauspiel werden. Und bei diesem Gedanken empfand Werner ein seltsames Doppelspiel der Empfindungen: jenes physische Mißbehagen in der Kehle und zugleich im Herzen ein neugieriges, schauensfrohes Jauchzen.
»Gib mal Achtung,« sagte Dammer, »das wird e wiestes Geflitze wer'n, das Mensierchen. Der Scholz und der Seydelmann, die haben im vorichten Winter schon eemal zusammen gefochten, das war e beeses Gemärsche, das kann 'ch dir nur sagen. Damals haben sie ausgepaukt.«
»Ausgepaukt? Was heißt das?«
Dammer erklärte dem Novizen, es gäbe zweierlei Arten von Mensuren: Bestimmungsmensuren und Kontrahagen. Bei letzteren sei ein unangenehmes Zusammentreffen und demnach eine Forderung vorausgegangen: das sei aber unter Korpsstudenten Ausnahme: meist fechte man nur aus Bestimmung, das heißt, die zweiten Chargierten der drei Korps kämen zusammen und machten untereinander aus, welche ihrer Korpsbrüder gegeneinander auf Mensur treten sollten: das seien also lediglich Turniere ohne alle persönliche Feindschaft.
Und derjenige Fechter, der allen andern im Seniorenkonvent, also unter allen aktiven Korpsstudenten der Hochschule, überlegen sei, den nenne man den S.-C.-Fechter. Zwischen Scholz und Seydelmann sei das noch unentschieden, und obwohl die Mensur des letzten Winters beide Fechter viel Blut gekostet, sei sie doch ohne Entscheidung zu Ende gegangen, keinem der Rivalen sei es gelungen, innerhalb der vorgeschriebenen Zeit den andern kampfunfähig zu machen. Nun solle der heutige Morgen gleich zu Anfang des Semesters die Entscheidung bringen.
»Ich für mein Teil, weeßte, ich möcht ja schon am liebsten, daß wir Cimbern täten den S.-C.-Fechter haben, aber was der Scholz is, das hochmietige Luder, weeßte, dem tät 'ch schon genn', daß er mal e paar ticht'ge über die Schnauze tät kriegen. Freilich, seine Mädchens, die täten scheene traurig sein.«
»Seine Mädchen? Hat er denn mehrere?«
»Nu, der? Hinter ihm sein se doch alle her, wer weeß wie sehr! Von dem laufen in Marburg wenigstens drei Bälger herum.«
Werner fühlte etwas wie einen Stoß, der von unten, vom Magen her, gegen das Herz geführt worden wäre. Was --?! so etwas ... so etwas Fürchterliches ... das gab's?!
Da lies ein junger Mann von -- na vielleicht von zwei-, dreiundzwanzig Jahren in Marburg umher, trug die Mütze eines Korps, war sein gefürchteter und gefeierter Senior, und hatte ...?
»Unehelich: +pelice ortus, spurius, incerto+ oder +nullo patre natus+« rezitierte etwas in seinem Innern ganz mechanisch.
Ja, was war denn das für eine Welt, in der ... war denn so etwas keine Schande?! Machte denn so etwas nicht verächtlich, unwürdig, unehrlich?!
Werner schauderte. Ein Gefühl von Einsamkeit, Verlassenheit, Heimweh überkam ihn. Und dann dachte er wieder an Scholz, an sein ehernes Gesicht, sein spöttisch-mitleidiges Lächeln, seinen Herrscherblick. »Hinter dem sein se doch alle her --?« Und ... ~so~? ~der~ kannte das alles, was in Werners Seele seit ein paar Jahren als brennendes, verzehrendes Rätsel gärte und wühlte, was in schlaflosen, schwülen Nächten seine jungen Glieder umherwarf ... der hatte Mädchen umfangen, dem hatte die Schönheit des Weibes sich hingegeben ... und von all diesen Erfüllungen gab's Zeugen in Marburg ... kleine Menschen, lebende, zappelnde ...?
Ganz verworren marschierte Werner dahin. Beide schwiegen; Erich Dammer dachte an seine nahe Mensur und ahnte nicht, was für Stürme in der Seele des Jünglings tobten, dessen Arm in dem seinen hing. Er, der Großstädter, war früh witzig geworden ... Nur den einen Wunsch hatte er an die Zukunft in diesem Augenblick: daß er schon sechs Stunden älter sein möchte und alles vorüber ... Er mußte noch einmal anfangen zu sprechen und fragte:
»Hast du dir ooch schon e Leibburschen ausgesucht?«
»Nein,« sagte Werner auffahrend. »Ich ... es ist ja wohl noch Zeit ... ich bin doch erst zehn Tage in Marburg.«
»Ja, nimm dir nur e bißchen Zeit,« sagte Dammer, »sieh dir se nur e bißchen gründlich an, die Herren C. B. C. B. Und vor allem: daß du nu nich am Ende gar den Scholz nimmst. Erschtens: er geht balde weg, und dann: schlecht tut er sie behandeln, seine Leibfichse, nu ja, die ha'm nischt zu lachen.«
Inzwischen waren die Wanderer in das Dörfchen Ockershausen eingerückt. Hier umsäumten verschnittene Weißbuchenhecken den Pfad, braune Dächer lugten aus dem Grün, manche Häuser standen, aus gelbem Lehmfachwerk mit schwärzlichen Balken erbaut, dicht an der Straße, und durch ihre breiten Tore und Einfahrten fiel der Blick in die Höfe voll Ackergerät, Stallungen und Mist. Dorfkinder lärmten an der Straße, die Jungens auch in der Sonnenglut in verschlissenen Pelzmützen, die Mädchen in jener schmucken Hessentracht, die Haare nach dem Scheitel zu gestrichen, das magere Krönchen von dem bebänderten Rotkäppchen bedeckt. Sie begrüßten die lang vermißten Studenten mit einem Freudengeheul und begleiteten sie, die Kleinsten, Stolpernden, an der Hand fassend: »Hurra! die Cimbern sein widder da! Hurra, die Nassove! Hurra, die schwazze Weschtfale!«
Und nun war man am Ziel: dem Wirtshause von Ruppersberg. Ein bäuerliches Anwesen, von den andern nur unterschieden durch einen Fachwerkbau von zwei Stockwerken, der unten Ställe, oben aber einen geräumigen Saal enthielt. Man stolperte eine steile Treppe empor, nun sah man links in den Saal hinein, in dem schon Gruppen von Korpsstudenten sich ansammelten; rechts zog sich ein Flur, auf den niedrige Türen stießen ...
»Willst mal die Flickstub' sehen?« sagte Dammer zu dem Neuling und stieß eine der Türen auf. Ein betäubender Dunst von Karbol und Jodoform schlug Werner entgegen: er erkannte rechts am Fenster, an einem kleinen Tische, eine Gestalt in Hemdsärmeln und schwarzer Lederschürze: es war der Paukarzt, ein Mediziner kurz vor dem Staatsexamen und inaktiver Korpsbursch der Cimbria, Wichart mit Namen, ein gemütlicher, heiterer Marburger. Der stand gebückt und hantierte mit einem blinkenden Schwall von merkwürdigen und unheimlichen Instrumenten, flachen Schalen, Waschbecken, Flaschen ... nun hob er etwas gegen's Licht: es war eine krumme, starke Nadel, wie ein kleiner Finger lang, in die fädelte er einen langen Seidenfaden hinein.
Und an der andern Seite stand Scholz, bis an die Hüfte nackt, vor ihm Peter, der Korpsdiener der Cimbern, ein gutmütiges Doggengesicht; er hatte ein blendend weißes Paukhemd über die Arme gestreift und raffte es in Falten, um es dem gestrengen Senior überzustreifen. Werner starrte den sonnübergleißten Jüngling an -- der Apoll von Belvedere stand vor ihm, oder der Apoxyomenos, und in der Ferne dämmerte die Gestalt des leuchtenden Achilleus ... vollkommen schön war dieser stählerne Leib gebildet, und darüber das kühne Gesicht, dessen linke Seite durch zahlreiche Hiebnarben einen mittelalterlich wilden Ausdruck erhalten hatte, während die gänzlich unberührte rechte Seite die Idealität eines antiken Kopfes zeigte ... Und da mußte Werner denken, wie Dammer gesagt hatte: von dem laufen in Marburg wenigstens drei Bälger herum ... und ihm war's, als säh' er an diese Brust, an diese Schultern geschmiegt einen Mädchenkopf, einen blonden ... und nun war's auf einmal ein schwarzer ... und nun ein rötlich-blonder ... und aus den Umarmungen der Schönheit und der Stärke jedesmal entsproß ein junges Leben ... doch +pelice natus, spurius, sine patre+ oder +incerto patre natus+ ...
Aber nun hatte Scholz die Angekommenen bemerkt. »Was habt ihr da zu gaffen, Füchse? Schert euch in den Saal!« Beschämt schlichen die beiden Jüngeren hinaus, und Werner folgte Dammer in den Fechtsaal.
Da gab's viel zu sehen und zu staunen. Im bäuerlich getünchten, von rechts und links durch je vier Fenster erhellten Saal standen Reihen Tische an den Fensterwänden entlang; hinten war das Gemach durch eine Schmalwand abgeschlossen; darin war eine Orchesternische eingelassen, von deren Fußgestell herab Sonntags die Tanzweisen dörflicher Fiedler ertönen mochten. Aber wo sonst die Paare im Reigen sich drehten, da wurde nun alles für ein ernsteres Schauspiel bereitet: inmitten von buntbemützten Gruppen plaudernder Jünglinge standen zwei in Hemdsärmeln, mit einem ungefügen Schurz um die Lenden, der beim einen die Farben grün-weiß-blau, beim andern blau-rot-weiß trug -- im letzteren erkannte Werner den vorläufigen zweiten Chargierten seines Korps, den schönen, stämmigen, wangenroten und augenleuchtenden Mediziner Willy Klauser. Beide Herren trugen ferner eine hohe, steife Halsschutzbinde, gelbe Armstulpen und wüste Mützen mit weit vorspringenden Lederschirmen. Es waren die Sekundanten, die eben in Gegenwart des Unparteiischen, eines lockigen Westfalen, mit steifem Zeremoniell gravitätisch die Mensur abmaßen und durch zwei rücklings gegenübergestellte Stühle bezeichneten. Und um sie her stand man in Gruppen zusammen, begrüßte sich, umdrängte den bierschleppenden bäuerlichen Kellner und entriß ihm die Gläser, um den Nachdurst der Spielkneipe und die Hitze des Morgenmarsches zu kühlen. Aber die Gruppen der blauen, grünen und schwarzen Mützen hielten sich gesondert, und nur ein gelegentliches »Herr Soundso, darf ich mir gestatten?« schwirrte über die Klüfte hinüber, so die rivalisierenden Völkerschaften der Cimbern, Westfalen und Nassauer trennten. Nun schmetterte plötzlich Gelächter: in der Tür erschien ein schmächtiger Westfalenfuchs und trug sorgsam unterm Arm einen korbartigen Käfig aus Weidenruten, in dem ängstlich ein weißes Huhn gackerte. Das überreichte er mit höflich abgezogener Mütze dem Paukarzt der Westfalen mit den Worten: das sei das Mensurhuhn. Neues schallendes Gelächter der ganzen Versammlung: Werner ließ sich von Dammer erklären, das sei ein Fuchsleim, ein uraltüberlieferter Scherz: man habe dem guten Jungen eingeredet, er müsse ein Huhn besorgen, aus dessen Fleisch etwaige abgeschlagene Nasen sofort ersetzt werden könnten.
Indessen entstand eine Bewegung an der Saaltür: in vollem Mensurwichs, durch die breite schwarze Paukbrille häßlich entstellt, betrat den Saal der Senior der Hasso-Nassovia, ein vierkantiger, stierschultriger Gesell, den mit seidenen Binden dick umwickelten rechten Arm auf die erhobenen Hände eines Fuchses gestützt, schritt auf einen der die Mensur bezeichnenden Stühle zu, lehnte sich mit dem Gesäß an dessen Lehne und ließ mit gemachter Ruhe und Gleichgültigkeit seine aus der Paukbrille hervorfunkelnden Augen durch den Saal gleiten. Noch summte das Gespräch, etwas leiser, weiter, nur die Zigarren ließen bläuliche Kringel über die Versammlung emporsteigen. Aber sachte begann man sich doch im Kreise um den Kampfplatz zu scharen, und eine Erregung begann und schwoll an, als nun auch die Tür zum Bandagierzimmer der Cimbria von innen aufgestoßen wurde und Scholz erschien.
Werner fühlte, wie ein Frösteln ihm durch alle Glieder lief. Vergebens suchte er sich an seinen Primanererinnerungen aufzurichten, Bilder homerischer Heldenkämpfe in sich heraufzubeschwören: ihm schauderte das ungestählte, friedgewohnte junge Herz. Und er vermochte den Blick nicht vom Gesichte des Korpsbruders zu wenden: auf der schmalen Wange zwischen Paukbrille und Halsbinde flammten jetzt die alten Narben, in gebändigter Kampflust flackerten die grauen Augen aus den kurzen Röhren der Brille hervor, unter dem weißen Bausch des Paukhemdes meinte man alle Nerven sich straffen, alle Muskeln sich anspannen zu sehen.
Nun klangen aus dem Munde der beiden Sekundanten, des Unparteiischen ein paar rasche formelhafte Wechselworte, die Werner in seiner Erregung nicht verstand; dann vernahm er das Kommando: »Fertig!«, und beide Fechter taten, aufgerichtet, den rechten Arm mit der Waffe hoch aufgereckt, ein paar feste, schnelle Schritte nach vorn, so daß sie auf anderthalb Armlängen einander gegenüberstanden. Die Sekundanten setzten rasch von hinten den Fechtern ihre großen Sekundiermützen auf, und Klauser kommandierte gelassen: »Los! Halt!« Das war der »Scheingang«; die Sekundanten setzten ruhig ihre Mützen wieder auf, kauerten nun wie sprungbereite Katzen zur Linken ihrer Paukanten nieder, und abermals klang's, aber jetzt heiser und erregt, in die Totenstille hinein:
»Fertig!« -- »Los!«
Und krach, krach, dröhnten drei-, viermal die blechgeschützten Körbe der Schläger aneinander, dann klirrte ein doppeltes »Halt!!« und von beiden Seiten warfen die Sekundanten die stumpfen Klingen ihrer Schläger, ihre stulpgeschützten Arme zwischen die Fechter und trennten sie.
»Herr Unparteiischer, bitte drüben nachzusehen und einen Blutigen zu konstatieren!« rief, Triumph in der Stimme, der Nassauersekundant.
Werner war's blau und schwarz vor den Augen geworden: mit Mühe zwang er eine Bewegung seiner Eingeweide nieder, die seinen Mageninhalt ausstülpen zu wollen schienen, und sah unverwandt Scholzens Gesicht an. Nun fuhr aus dem wirren, dunkelblonden Haar des Seniors ein roter, senkrechter Strich über Stirn und Wange, und dann schossen auch gleich ganze Bäche Bluts über das Gesicht, röteten das Weiß des Paukhemdes und rannen auf den Boden.
»Silentium! Ein Blutiger auf seiten von Cimbria!« sagte der Unparteiische ruhig, ohne sich vom Platze zu bewegen, und machte eine Notiz. Nun kam der Paukarzt Wichart, die Hemdärmel wie ein Schlächtergeselle aufgekrempelt, bedächtig heran, einen nassen, karbolduftenden Wattebausch in der Hand, untersuchte die Wunde, die nun auf der linken Kopfseite als langer, klaffender Spalt durch die ganze Kopfhaut sichtbar wurde, fühlte mit dem Zeigefinger hinein und machte plötzlich ein bedenkliches Gesicht. Er sah Klauser an, Klauser schüttelte heftig mit dem Kopfe; da zog Wichart die völlig blutbedeckte Hand zurück und sagte: »Na, meinetwegen!«