Der krasse Fuchs

Part 15

Chapter 153,536 wordsPublic domain

vorwärts mochten, tastete er sich weiter durchs Gebüsch, fühlte endlich den harten, knirschenden Boden eines Fußpfades unter den Sohlen und tappte weiter durch die Finsternis, an den Buchenhecken entlang, die den Weg einsäumten. Nun endete der Wald, und über seinem Haupte spannte sich plötzlich der tiefschwarze Sternhimmel aus, überflammt von den unfaßbaren Herrlichkeiten des Unendlichen.

So übergewaltig riß diese unerwartete Schau an den aufgepeitschten Nerven des einsamen Knaben, daß ein jäher Strom brennender Tränen ihm in die Augen schoß.

Ach, Leben! Leben! Unermeßliche Welt ... was ist dein Sinn? Was quälst du mit so wirrem Schrecknis deiner hilflosen Kinder verlassene Seelen? Warum von Leid zu Leid, warum von seligen Graten des Glücksjauchzens immer wieder hinunter in lichtlose Gurgelschächte?!

Ach, eine Seele wissen, in die man sie ausgießen dürfte, die fressende, rüttelnde Lebensbangigkeit! zwei Hände, die sich kühlend über die fiebernden Augen legen würden, auf das schmachtende, keuchende Herz!

Einen gnädigen Mund, sattzuküssen an ihm die ängstende, schwellende, jagende Sinnenpein -- einen Busen, die qualfiebernde Stirn dran zu bergen!

Liebe -- Liebe --!!

Nicht jene, die den armen Freund so grausam quält ... nicht jene blasse, blutlose Seelenliebe mit all den schattenhaften, phantastischen Hoffnungen in verdämmernde Lebensfernen, nein, die einzige, die Gewißheit gäbe: die Liebe der Stunde, des Augenblicks, die erfüllende, die befriedigende, die erlösende Sinnenliebe --!!

Und wieder stand das blühende, wangenrote Verheißungsbild vor seinen Augen, das Bild des Mädchens, das schon einmal ihre junge gewährungsfrohe Schönheit den verlechzenden Lippen des Knaben geboten ... wo blieb sie so lange? Wußte sie denn nicht, daß er sie ersehnte? Daß er ihr Bild an seine Seite beschwor in jeder seiner verlassenen Nächte?!

Wann würde sie kommen? Er mußte doch einmal fragen ... und wenn auch der Bruder Simon noch so haßfunkelnde Blicke schießen würde aus seiner Ecke hinter dem Ladenpult ...

Und dann, wenn sie käme ... dann schnell! schnell! schnell!!

Denn Scholz war ja wieder im Land ... Scholz, der Sieger, der verachtende Bezwinger, der mit einem Hohnlächeln seiner schmalen Lippen die Weiber zu füßeküssenden Sklavinnen machte ...

Darum schnell! schnell!

Und dann wollte er sie heiß und toll in die Arme pressen, sie so wahnsinnig küssen, so schonungslos sich hineinwühlen in all ihre Wunder, daß sie nach keinem andern mehr verlangte.

Rosalie ... Rosalie ...

Da stand er vor dem niedern Häuschen, vor der Schwelle, über die sie nun bald wieder hinüberschreiten würde ... hinüberschreiten, um ihn zu beglücken ...

Und der Schlüssel knackte im Schloß, die Stiege knackte -- und Werner stand in seinem dunkeln Stübchen. Noch einmal ans Fenster! Noch einen Abschiedsblick zu den weißen, erstarrten Sternenschäumen da oben ... und dann ins Bett ... das nun nicht lange mehr einsam sein sollte ...

Da ... ha!

Was? War denn das Nebenzimmer jetzt vermietet?

Und so dünn war die Wand? Man konnte ja die Stimmen ...

Was?! Unmöglich ...

Doch ... seine Stimme ... Scholz ...

Und nun -- eine andere Stimme ... eine -- Frauenstimme --

Barmherzigkeit --!! Rosalie!!

Abgebrochene ... flüsternde ... stammelnde Worte ... töricht-lockendes Liebesgeschwätz ...

Nun Stille ... ein Tappen von nackten Füßen -- nun eine werbende, dunkeltönige Mannesstimme ... wehrende, kichernde, schmollende Weibeslaute ...

Und wieder still ... und Rascheln wieder und ...

Und nun -- und nun -- -- Werner mußte alles hören ... alles ... mußte er hören ... alles.

Stille dann ... Stille ...

~Das also war die Liebe?! -- Gott -- -- das war die Liebe --?!~

* * * * *

Und im Verzweiflungswahnsinn fuhr Werner empor. Er riß die Kleider über die schlotternden Glieder, knöpfte zu, so gut die tatternden Finger den Dienst verrichten wollten, fand seinen alten Reisehut, seinen Stock, dann zur Tür -- --

Ach ... Geld ... er brauchte ja Geld ... Hahaha! Rundes, blinkendes, bares Geld ...

Das Portemonnaie war leer ... schnell den Schlüssel ins Schubfach ... so, da drin war ja noch was ... acht, zehn, zwanzig Mark ... so ... so ....

Und nun die Treppe hinunter ... den Steinweg hinab ... da die Ketzerbach ... die Beine flogen ... das Herz raste ... die Sinne schrien ... die Seele schrie ... schrie ... schrie ...

Da war's ... da bog der Seitenweg in die Hecke hinein ... da war das massive Gartentor ... da ragte der niedere Giebel des Fachhauses als schwarzes Dreieck in die Sternenprächte des Firmaments hinein.

Was stockst du, tastender Fuß? Hinein! Hinein! Das ist das Ende!

Da ... in der Haustür knarrt von innen ein Schlüssel ... sie öffnet sich ... es kommt wer heraus ... rasch ins schützende Gartengesträuch ...

Eine dunkle Männergestalt taumelt vorüber ... bückt sich ... greift nach irgend was unter dem Gebüsch am Boden ... nun flimmert im Sternenschein der weiße Besatz einer Cimbernmütze ... die wird mit raschem Ruck auf ein dunkles Haupt gestülpt ... und matt, gespensterhaft eine Sekunde aufleuchtend im fahlen Himmelsglanz, huscht ein stieres Antlitz vorbei, die Augen tief in schwarze Schattenlöcher versunken ... Willy Klauser ...

Ah! Hahaha! Recht so!! Der auch!

Das ist das Ende!!

Nicht Sinnenliebe, nicht Seelenliebe retten vor diesem Ende ...

Hahaha! Der auch!!

Verstoßen, verbannt aus dem Arm des Lebensglücks ... von reinem Munde, aus keuschen Armen verbannt und verstoßen ...

Das ist das Ende!!

Wozu sich noch sträuben!

Hinein, hinein in den Pfuhl --!!

Dort ist Wasser für deine Fieberdürste, betrogene, geschändete Seele, für deine lechzenden Brünste, gefolterter, gehetzter Leib ... Wasser ...

Zwar es stinkt ... es ist voll Gift ...

Aber es ist doch Wasser ... es löscht die rasenden Qualen ...

Trinken ... trinken!! ...

Und Werner klopfte an Linas Tür.

VII.

»Mein Herzensjunge!

Das ist nun der letzte Brief, den ich Dir in Dein erstes Semester schreibe, denn heute in acht Tagen werden wir Dich ja, wie Du schreibst, schon wieder bei uns haben! Ich kann es noch gar nicht recht glauben, daß uns dann unser Ältester wieder für mehr als zwei Monate gehören soll, denn die vier Monate, daß Du fort bist, wollten gar nicht vorübergehen, und kann ich mir kaum vorstellen, daß es nicht wenigstens ein Jahr war seit Deinem Abiturientenexamen. Hoffentlich wird es Dir nun aber, nach dem schönen Burschenleben da draußen in Saus und Braus, in Deinem einfachen Elternhause auch noch gefallen. Wir freuen uns alle riesig auf Dich, die Brüder schwatzen von nichts anderem als vom Bruder Student und freuen sich, alle Deine Herrlichkeiten zu sehen; ich glaube, sie denken, Du läufst immer mit einem Schläger an der Seite herum. Und unser guter Vater freut sich schon sehr darauf, mit Dir über das Römische Recht, das Du ja nun schon kennst, tüchtig fachsimpeln zu können.«

Hier mußte Werner, trotz seiner Rührung, lächeln, halb verlegen, halb verschmitzt.

»Vor allem aber freut sich Deine Mutter auf Dich: ich bin ganz stolz darauf, einen so großen und wohlgeratenen Sohn zu haben, der auch draußen in der Fremde dem Namen seines Vaters Ehre macht und im Leben bewährt, was wir Eltern nach unsern schwachen Kräften versucht haben ihm mitzugeben. So schließe ich denn für heute mit dem Wunsche, daß Dir, mein lieber Sohn, noch einige schöne Sommertage in Deiner neuen Heimat beschert sein mögen und Du dann zurückkehrst, gestärkt und gereift an Leib und Seele und beglückt in dem Bewußtsein, täglich vorwärts zu schreiten in allem Guten und Tüchtigen.«

Werner ließ den Brief einen Augenblick sinken. Mechanisch trank er einen Schluck Kaffee und starrte zur Decke empor.

Täglich vorwärts in allem Guten und Tüchtigen --! Ach ja ... der Dammelsberg ... der heiter-prächtige Anfang und das wüste, scheußliche Ende: der Heimweg in stolperndem Rausch, und --

Äh -- das mußte der wüste Kopf doch nur geträumt haben ...

Nein ... nein ... es war Wirklichkeit: er ~war~ nun wissend ... er hatte die Blume der Sehnsucht gepflückt ... und sie war ihm in den Kot gefallen ...

Ah -- pfui -- pfui! Der Ekel, die Schmach!!

Und alles stand auf einmal wieder vor ihm da!

Das Entsetzen dieser Nacht ... die schreckhafte Erkenntnis, daß auch ihn, wie seinen Freund, ein Reifer, ein Sicherer, ein Mann um seine Liebe betrogen hatte ...

Um seine Liebe --? Hahaha!!

Und doch ... war das nicht auch Liebe, was ihn zu Rosalien gezogen? War dieser Schmerz, in dem seine Seele sich krümmte, war der Jammer um ihren Verlust, der ihn blindlings hinaus und in die Arme der Dirne gehetzt hatte ... war das nicht auch ein Gram um ein verlorenes Liebesglück?!

Liebe? Was war Liebe überhaupt anderes als das Verlangen nach dem Besitz?

Ja, sie war ihm verloren, an die sich sein Sehnen angeklammert, in der es die Erfüllung heißesten Erdenglücksbegehrens erblickt hatte ... sie, die ihm nicht ein armes Judenmädel, ein armes Käseladenfräulein gewesen war, sondern Aphrodite, die süße und schreckliche Herrin der Erde ...

Sie hatte am Morgentore seines Lebens stehen sollen als Spenderin erlösender Erstlingswonnen, hatte ihn hineinführen sollen in das Allerheiligste des Daseins, das ihm Liebe, Liebe -- Liebe!! hieß!

Und nun war sie jenem andern, dem Erfahrenen, dem Desillusionierten, dem Pascha in die Arme geweht worden, dem ihre Liebe nicht ein ungeheures, umwälzendes, erlösendes Erlebnis war ... nein, ein Blatt mehr in einem Notizbuch flüchtiger Erinnerungen an lustige Stunden ...

Und Werners Blume lag im Kot ... gemein, trivial, weihelos, ekel war die erste Stunde in Weibesarmen gewesen, Sünde, weil sie schmutzig und würdebar, Schande, weil sie käuflich und häßlich gewesen war ...

Das war nicht wieder gut zu machen ... der Fleck aus dem Leben nicht mehr wegzuwischen ... nein, das würde bleiben ... die Erinnerung an die frechen, entehrenden Zärtlichkeiten, die rohe Vertraulichkeit, die hungrige Groschengier der Dirne würde sich besudelnd eindrängen in alles Glück, das ihm künftig zuteil werden möchte ...

Unsühnbar -- untilgbar das Andenken an die erste Liebesstunde, besudelt -- besudelt ...

* * * * *

Ein hartes Klopfen an der Tür.

Und Scholz trat ein.

»Morgen, Leibfuchs -- na? Jammer? Sieht so aus!«

Stumm stand Werner auf. Ihm war's, als hätte er dem andern ins Gesicht schreien müssen, was alles er ihm genommen ... wie jener, jener schuld sei an der Katastrophe seines Liebeslebens ...

Aber der würde ihn nicht verstanden haben ... eiskalt, höhnisch ihn angegrinst ...

Nein ... Schweigen ... Haltung ... herunter das Visier ...

Er hieß den Älteren willkommen. Scholz streckte sich aufs Kanapee, schob die Beine lang in die Stube hinein, gähnte geräuschvoll und bedeckte eine Sekunde lang die Augen.

»Verdammt müde ... aber schön war's doch ... na und du, Leibfuchs? Wunderst du dich nicht, daß ich hier bin? Ich bin nämlich seit gestern abend dein Nachbar. Habe da nebenan die kleine Bude für nächstes Semester gemietet und bin gleich eingezogen. Laß dir erzählen, wie das gekommen ist. Ich kam gestern abend von Berlin mit dem Casseler Schnellzug an; zugleich kam von der andern Seite der Frankfurter D-Zug auch, ich sah zufällig hin, und aus der dritten Klasse klettert wer? die schöne Rosalie, deine +filia hospitalis+ nee, ~unsere~! Na, ich begrüßte sie natürlich, machte mich mit Gepäckbesorgung galant, erzählte ihr, daß ich promoviert hab' und nun zum Abschiedskommers zurückkomme ... daß ich nächstes Semester wieder nach Marburg will ... frage ganz im Spaß, ob bei ihr nicht eine Wohnung frei ist ... und ... +me voilà!+ was sagst du dazu?!«

Auf der Straße klang der Cimbernpfiff und überhob Werner der Antwort. Beide gingen ans Fenster; unten stand der Zweite, Krusius, und neben ihm der Senior der Hasso-Nassovia, Herr Seydelmann.

Krusius bemerkte zuerst Werner und rief:

»Sag mal, Achenbach, ist das richtig, daß i. a. C. B. Doktor Scholz jetzt bei dir im Hause wohnt?«

»Allerdings, zu dienen!« sagte Scholz und ließ seinen Oberkörper am Fenster erscheinen. »Guten Morgen, Krusius, guten Morgen, Herr Seydelmann -- na? Wie schaut's aus? Wieviel Gramm Antipyrin haben Sie heute morgen schon gefressen?«

»Lieber Scholz,« sagte Krusius mit tiefernstem Gesicht, »Herr Seydelmann hat etwas mit dir zu besprechen.«

Scholzens Gesicht versteinerte sofort ebenfalls in offiziellen Falten. »Wenn die Herren sich freundlichst heraufbemühen wollen?«

Die Angeredeten tappten die Treppe hinauf und standen bald darauf an der Tür, die Scholz ihnen höflich geöffnet hatte.

»Bitte einzutreten.«

»Möchten wir nicht lieber in dein Zimmer --?« meinte Krusius mit einem Seitenblick auf den Fuchs Achenbach.

»Ich habe nur ein Zimmer, und das ist noch nicht aufgeräumt,« sagte Doktor Scholz. »Ich denke, mein Leibfuchs erlaubt uns einen Augenblick seinen Salon?«

»Selbstverständlich, Leibbursch -- ich gehe so lange hinaus.«

»Nee, nee, bitte bleib nur --«

»Es ist aber eine sehr ... persönliche Angelegenheit --« meinte Seydelmann.

»Tut nichts, hier, mein Leibfuchs, der kann ruhig zuhören, schad't ihm nichts, wenn er auch ein bißchen Schimmer bekommt. Also. Herr Seydelmann --?«

»Herr Doktor Scholz,« sagte Seydelmann, »ich habe den Auftrag, Ihnen namens des +studiosus medicinae+ Simon Markus eine Pistolenforderung auf fünfzehn Schritt Barriere bis zur Kampfunfähigkeit zu überbringen.«

Eine Sekunde lang standen alle vier jungen Männer in der engen Stube regungslos; langsam zog Scholz die Augenbrauen ganz hoch in die Höhe. Eine Kälte, ein Schauer wehte allen ans Herz.

»Hm --« machte Scholz. Wieder ein paar Herzschläge lang Schweigen.

»-- -- bitte, teilen Sie Ihrem Auftraggeber mit, daß ich die Forderung annehme,« sagte Scholz dann in eisiger Ruhe.

»Nein, Scholz, das darfst du nicht!« fuhr da Krusius dazwischen. »Das darfst du nicht! Es handelt sich doch jedenfalls um -- um das Mädel ... die Schwester von dem Kerl --«

»Wir brauchen darüber kein Wort zu verlieren,« sagte Scholz. »Die Forderung kann binnen vierundzwanzig Stunden ausgetragen sein. Wann kann das Ehrengericht zusammentreten?«

»Nun, heut nachmittag um drei, denke ich,« sagte Herr Seydelmann. »Ihr Gegner hat sich dem S. C. Ehrengericht und dem S. C. Pistolenkomment ohne weiteres unterworfen, die Sache ist also sehr einfach.«

»Ich leid's nicht, Scholz!« rief Krusius erregt. »Du wirst dich doch um so'n Frauenzimmer nicht schießen? Und mit so 'nem Judenjungen, dessen Schwester nicht viel besser als 'ne Hure ist?«

»Oho?!« meinte Scholz. »Woher weißt du das?«

»Ja, ja, woher weiß man das? Ich kann nichts Positives gegen das Mädel behaupten, aber seit Ewigkeiten wohnen hier Korpsbrüder von uns, und es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn die alle sich den Bissen da bis jetzt hätten entgehen lassen!«

»Wenn du nichts Positives weißt -- dann braucht man ja gar nicht darüber zu reden. Hat Ihnen, Herr Seydelmann, Ihr Auftraggeber einen Grund der Forderung angegeben --?«

»Allerdings,« sagte Seydelmann mit diskreter Zurückhaltung im Ton. »Herr +studiosus+ Markus behauptet, Sie hätten heut nacht seine Schwester ... in Ihrem Schlafzimmer gehabt.«

»Also gut, Herr Seydelmann ... ich werde, wenn Sie mir keinen anderweitigen Bescheid mehr zukommen lassen, um drei Uhr auf Ihrer Kneipe zum S. C. Ehrengericht erscheinen.«

»Nein, meine Herren, das ist einfach Wahnsinn,« sagte Krusius, »da darf nichts draus werden! Ich telegraphiere sofort an unsere Inaktiven, die in den letzten Jahren hier im Hause Markus gewohnt haben, und frage an, ob sie das Schicksel da unten nicht auch gehabt haben, und wenn auch nur einer ja sagt, dann hast du doch wahrhaftig keine Veranlassung, dich mit ihrem Bruder zu schießen, als wenn du sie verführt hättest --! Was sagen Sie, Herr Seydelmann?«

»Da mein Auftrag noch nicht erledigt ist, so bedaure ich, eine Ansicht über diesen Punkt nicht äußern zu können,« erwiderte der Hessen-Nassauer.

»Sie haben vollkommen recht,« sagte Doktor Scholz. »Lieber Krusius, deine Anfrage an die Inaktiven ist überflüssig. Das Mädchen ist keine Dirne, und nach meiner Auffassung ist der Bruder berechtigt, sich jeden zu kaufen, der sie mit der Fingerspitze berührt. Und gegen den Herrn Markus liegt meines Wissens auch nichts vor ... ich würde es also geradezu als Kneiferei auffassen, wenn ich mich weigern wollte, ihm Satisfaktion zu geben.«

»Nun, dann bin ich wohl fertig,« meinte Seydelmann. »Mein Bedauern, Herr Doktor, daß ich in so fataler Angelegenheit gegen Sie tätig sein muß -- nachdem wir uns beide bisher --« er lächelte diskret, korrekt, verbindlich, wies mit leichter Handbewegung erst auf seine, dann auf Scholzens Narben, die sie beide einer dem andern verdankten -- »immer so ausgezeichnet vertragen haben.«

Als der Hessen-Nassauer fort war, bestürmte Krusius nochmals mit aller Entschiedenheit den Korpsbruder, das Duell nicht anzunehmen.

»Ich finde, Scholz, du kannst das deinen Eltern gegenüber einfach nicht verantworten, dich wegen so einem Frauenzimmer zu schießen! Denn daß du bei der nicht der erste gewesen bist, dafür laß ich mich hängen! Zwar die Korpsbrüder, die früher hier gewohnt haben, die haben anscheinend immer nach dem bekannten Grundsatz vom dankbaren und verschwiegenen Jüngling gehandelt. Aber wenn's um Tod und Leben eines Korpsbruders geht, dann werden sie wohl herausrücken. Du brauchst gar nicht selbst zu telegraphieren, gib nur deine Zustimmung, daß ich es tu.«

»Ich hab' dir schon einmal gesagt, es kommt, meiner Auffassung nach, gar nicht darauf an, ob das Mädel unschuldig war oder nicht. Ja, es ist wahr: ich habe sie heut nacht hier, im Hause ihrer Mutter, im Bett gehabt. Und daß sie einen Bruder hat, der Student ist, und gegen dessen Honorigkeit nicht das geringste vorliegt, das hab' ich auch gewußt. Also es wäre die tollste Drückebergerei, wenn ich mich jetzt der Verantwortung entziehen wollte.«

»Das finde ich verrückt, nimm mir's nicht übel,« sagte Krusius und ließ sich wütend in eine Sofaecke fallen. »Das heißt wirklich, die Schneidigkeit ins Fatzkenhafte übertreiben.«

»Lieber Krusius, du weißt, ich bin immer ein großer Sünder gewesen. Wie viele Weiber ich im Arm gehabt habe, ich glaub', ich krieg's nicht mehr zusammen. Aber eins ist mir dabei stets klar gewesen: der Korpsstudent kann tun und lassen was er will, wenn er nur stets bereit ist, mit seiner Person für all seine Handlungen einzutreten. Und wenn ich Geschichten mit einem Mädel mach', dann muß ich jeden Augenblick daraus gefaßt sein, daß irgendeiner, der des Mädels natürlicher Beschützer ist, mich vor die Mündung fordert. Ja -- so weit wäre ich nun diesmal glücklich gekommen ... da heißt's eben, die Nase hinhalten ... aber an die Korpsbrüder telegraphieren ... und das Mädel, das sich mir ... na -- die zur Hure machen, bloß damit ich ihrem Bruder nicht vor die Pistole brauch' ... nee ... das macht Hubert Scholz nicht. Also gib dir keine Mühe, lieber Krusius, um drei Uhr ist Ehrengericht.«

Krusius stürzte in großer Erregung hinaus. Im Weggehen rief er noch:

»Na, jedenfalls besprech ich die Sache zunächst noch mal mit Papendieck.«

Als der Zweite fort war, wurde Scholzens Haltung plötzlich matt und schlaff. Er schien Werners Gegenwart ganz vergessen zu haben; wie eine tiefe, haltlose Müdigkeit ging es über seine Züge, seine Glieder, er setzte sich schwerfällig in das Sofa und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.

Werner rührte sich nicht in seiner Fensternische, in die er sich beim Eintritt des Nassauer-Seniors zurückgezogen, von der aus er mit fliegenden Pulsen, fröstelnden Fingern die Vorgänge verfolgt hatte. Und mit einem Male begriff er diese undurchdringliche Seele. Er verstand, was diesem jungen Manne die sieghafte Rücksichtslosigkeit, die brutale Überlegenheit gegeben hatte. Und noch tiefer meinte er hineinzuschauen in das innerste Herz des Korpsbruders; er wähnte zu sehen, wie vor dessen innerem Auge langsam, unabweisbar das Bild eines verlassenen, ausgestoßenen Mädchens aufstieg, eines kinderjungen, holdselig-grauenvollen Leibes, den er einst besessen, in dem er die Keime des Lebens geweckt, um sie dann schutzlos, wehrlos dem Schicksal zu überlassen, das ihr den Wellentod befahl ... ihm war's, jener lechze danach, dem Sühnetode die Brust zu bieten, um mindestens sich selber zu zeigen, daß er nicht nur die Dreistigkeit habe, Glück zu stehlen, sondern auch den Mut, es bar zu bezahlen.

Und während Werner den Starken, den Gefürchteten, den Unnahbaren da sitzen sah, stumm, aufgelöst, von der unerschütterlichen Haltung verlassen, da kam über ihn eine große, feierliche Liebe zu dieser schuldbeladenen, doch edlen und mannhaften Seele. Da fühlte er plötzlich, daß der Drang, der jenen von Munde zu Munde, von Busen zu Busen getrieben hatte, kein anderer sei, als jener, unter dessen Geißelhieben auch er geblutet hatte -- er und jener andere auch, der in dieser Nacht zuerst seinen Verzweiflungswahnsinn zur Dirne geschleppt hatte.

Und er ging auf Scholz zu, setzte sich auf die Sofalehne und legte den Arm um den Nacken des Brütenden.

»Es wird gut gehn, Leibbursch.«

»Ach -- Leibfuchs -- entschuldige ... ich hatte dich ganz vergessen.« Er ließ die Hände sinken ... trocken, glanzlos starrten seine Augen.

»Wenn sie mich nun morgen früh so ... zurückbringen ... und dann telegraphieren sie meinem Vater ... und dann kommen meine Eltern und wollen wissen, was eigentlich passiert ist ... das begreift dann doch kein Mensch ... ein Lump, den der Teufel geholt hat ... ja ... so reden dann die Menschen ... und daß das alles so hat sein müssen ... äh -- bah ... is ja egal ... is ja egal.«

Er stand mit hartem Ruck auf.

»Komm, Leibfuchs, wollen zum Frühschoppen gehn -- morgen trinkt ihr ihn vielleicht ohne mich.«

VIII.

Professor Dornblüth hatte sich beim Einschlafen vorgenommen, sehr früh aufzuwachen, um dann sofort Klauser aufzusuchen. Ihm bangte für den jungen Korpsbruder, den er lieben mußte, trotz des grauenhaften Auftritts vom Dammelsberg. Was da geschehen war, das überstieg das Maß menschlicher Verantwortung. Es war eine Wahnsinnstat ... eine Tat, die eben nur die Leidenskraft des Herzens verriet, aus dem sie emporgelodert war. Und so fühlte Dornblüth sich für die Gemütsverfassung des Jünglings verantwortlich.

Daß es auch im Interesse von Fräulein Hollerbaum, im Interesse seiner eigenen Hoffnungen liegen müsse, den unglücklichen Studenten von unbedachten Schritten abzuhalten, war dem Professor völlig klar. Und er dünkte sich Diplomat und wortgewaltig genug, um alles zum Frieden hinauszuführen. Ja, seine Pädagogenseele empfand eine gewisse lockende Genugtuung darin, diese jungen Herzen zu lenken wie Schachfiguren und mit seinem eigenen Herzenswunsch zugleich auch das zu fördern, was er das wohlverstandene Interesse seiner Auserwählten und ihres nun zurückgedrängten Verehrers nannte.

Und doch war ihm nicht ganz wohl bei seiner Mission ... doch empfand er ein seltsames Gefühl, wenn er an Klausers Ausbruch am gestrigen Abend dachte ... so etwas konnte ja ihm, Dornblüth, längst nicht mehr passieren ... aber war es nicht doch auch schön, ach schön gewesen, als noch alles Gärung und schwellender Überschwang war da drinnen?

O ja, man war klar, man war klug, man war dem Leben gewachsen ... ach, und dennoch ...

Jugend -- Jugend ...

Wann fing denn eigentlich das Leben an -- das wahre Leben? Wenn man begann, der Meister der Dinge zu werden -- dann hatten sie auch schon den süßen Duft, die wonnevolle Dämmerhaftigkeit verloren, die sie uns so begehrenswert erscheinen ließ.

War denn nicht heute Wilhelm Dornblüths Verlobungstag? Würde nicht heute Wilhelm Dornblüth sich im Überrock und Zylinder das Jawort seiner Braut und seiner Schwiegereltern holen? Würde nicht heute der zweite Teil seines Lebens beginnen ... der erfüllen, der halten sollte, was der erste ersehnt, erstrebt, erarbeitet?