Der krasse Fuchs

Part 14

Chapter 143,664 wordsPublic domain

Steinernen Gesichts erhob sich Klauser. Leise, nur Wernern vernehmbar, erwiderte er:

»Herr Professor, ich glaube, Sie hatten mir etwas zu sagen. Wollen wir ... das ... das Schmollistrinken ... nicht bis nach der Unterredung verschieben?!«

Der Professor stutzte einen Augenblick, mehr noch über den Ton der Worte als über ihren Sinn. Dann sah er Klauser ruhig ins Auge und sagte mit einem Lächeln, das in seltsamem Kontrast zu der Schärfe seines Blickes stand:

»Aber warum denn das? Um so freundschaftlicher werden wir plaudern können.«

Es durfte kein Aufsehen geben. Klauser griff zum Glase, nahm mit der Linken die Mütze ab, der Professor tat ein gleiches -- sie stießen mit den Gläsern an, tranken, nahmen die Gläser in die Linke, schüttelten sich kurz Auge in Auge die Hände und bedeckten die Köpfe.

Dann setzte der Professor sein Glas auf die ungehobelte Tischplatte und sagte:

»Na, nun komm also, lieber Klauser, laß uns eins schwatzen.«

Und wortlos folgte Klauser, weiß bis in die Lippen.

Werner begleitete die beiden mit den Augen. Kaum konnte er das rasende Pochen des Herzens ertragen. Da ging der Freund in die schwerste Stunde seines jungen Lebens ... tausendmal schwerer als alle Mensuren, als alles zusammengenommen ... was er bisher überhaupt erlebt ... und was würde werden? Was würde werden?!

Er muß mir vor die Pistole! hatte Klauser gesagt.

Und er war der Mann, sein Wort wahrzumachen ...

IV.

Dornblüth hatte seinen Arm in den Klausers geschoben, und so lange dieser fürchten mußte, vom Korps beobachtet werden zu können, ertrug er die schwere Männerhand in seiner Ellenbeuge. Kaum war man aber aus dem Bereich des Cimbernplatzes, da ließ er ruckartig den rechten Unterarm fallen und schritt stumm zur Linken des Alten Herrn weiter.

Auch Dornblüth schwieg. Schweigend drängten sich die beiden blaubemützten Männer durch den Schwall der hin und her flutenden Festteilnehmer, der dunkelgrünen, violetten, weißen, ziegelroten Mützen, der flatternden Sommerfähnchen, der keuchenden, bierschleifenden Kellner und Couleurdiener. Nun waren sie draußen, und hart neben dem Trubel des Festplatzes führte ein wohlgehaltener Fußpfad in Kühle und Schatteneinsamkeit. Die Sonne war schon verschwunden: es dämmerte durch den Bergpark.

»Ich ... es kommt mir vor, als hättest du, lieber Klauser, schon eine Ahnung, was ich mit dir zu besprechen habe.«

»Daß ich nicht wüßte,« sagte Klauser kalt gemessen.

»Lieber Freund,« sagte der Professor, »ich habe dir eben Bruderschaft angeboten. Ich hab's getan, weil ich ein gutes Recht dazu habe -- als Träger dieses Bandes. Ich hab's gerade jetzt getan, weil ich meine: das, was wir uns zu sagen haben werden, das kann nur im Sinne der Freundschaft, im Sinne der Korpsbruderschaft, meine ich, kann das zum Guten erledigt werden. Es handelt sich um Fräulein Marie Hollerbaum.«

Mit einem Ruck stand Klauser still.

»Herr Professor, ich denke, wir kürzen ab. Ich bitte Sie, morgen früh meine Zeugen zu erwarten. Haben Sie mir sonst noch etwas mitzuteilen?«

Dornblüth stand Klauser gegenüber und legte seine Hand auf des Jüngeren Schulter.

»Komm, mein Junge, laß uns als Korpsbrüder, laß uns als Menschen zueinander reden. Ich versichere dir, du hast keinen Grund, mir zu zürnen, keinen, dich von mir beleidigt zu fühlen, keinen, von mir Genugtuung mit der Waffe zu verlangen. Willst du mich ruhig anhören?«

»Bitte.« Klauser preßte die Zähne zusammen und stand, seitwärts gewandten Gesichts, die bebenden Fäuste in den Rocktaschen vergraben.

»Wir wollen dabei wandern, wenn's dir recht ist. Also hör, mein Lieber: ich hab von einem unbedachten Füchschen durch einen Zufall erfahren, daß du eine Neigung zu ... zu der Dame, die ich dir nannte ... daß du diese Dame ... liebst ... und ... daß du Grund hast, an Gegenliebe zu glauben. Damals hatte ich diese junge Dame nur einen Augenblick lang gesehen ... inzwischen hat's das Schicksal gewollt, daß ich sie kennen lernte. Sie ist die Tochter eines Kollegen von mir, wie du weißt, und ... du -- gerade du, wirst mich am besten verstehen, wenn ich dir sage, daß sie ... mir sehr wert geworden ist.«

Er hielt einen Augenblick im Schreiten inne, wie um für seine stürmenden Gefühle das rechte friedvolle Wort zu suchen.

»Sieh, lieber Freund ... wenn du nun ein xbeliebiger junger Student gewesen wärest ... dann würde mich's wenig gekümmert haben, daß Fräulein ... Marie ... ich will sagen, dann hätte ich einfach um sie geworben und hätte ihre Entscheidung zwischen mir und jenem ... andern ... abgewartet. Aber nun bist du mein Korpsbruder ... ich bin ja eigentlich seit Jahren aus all den akademischen Beziehungen heraus ... aber trotzdem ... ich fühle, dich und mich verbindet etwas ... das darf ich nicht so ohne weiteres beiseite schieben. Und ich will's auch nicht. Nicht nur will ich selber wie ein alter Korpsstudent handeln ... auch in dir möchte ich an den Korpsstudenten appellieren. --«

Er schwieg wieder einen Augenblick und suchte nach Worten.

»Also ... lieber Klauser ... du ... betrachtest dich als den Verlobten von Fräulein Hollerbaum ... und sie ... hat sich wohl bis heute ... als deine Braut betrachtet ...«

»Bis heute?!«

»Demnach hast du also ganz unzweifelhaft ... Rechte ... Rechte, die ich als Mann zu achten habe und in die ich nicht eingreifen darf, ohne zu erwarten, daß du von mir Sühne verlangst -- Genugtuung. Darum laß mich dir als Korpsbruder -- und als Mann von Ehre versichern, daß ich bis zu diesem Augenblick nicht mit einem Wort, nicht mit einem Blick in diese deine Rechte eingegriffen habe. Willst du mir das glauben? Antworte mir, ob du mir das glauben willst --!«

»Ich ... will's glauben.«

»Das ist schön, das ist gut. Nun aber hör mich an ... ich sagte dir schon ... Fräulein Marie ist mir wert geworden ... so wert, wie noch keine Frau zuvor in meinem vielerfahrenen Leben.«

»Herr Professor ... ich bitte um Verzeihung ... aber ich kann diese Unterredung nicht mehr ertragen. Lassen Sie mich gehen ... tun Sie, was Sie nicht lassen können, ich tu dann auch, was ... was ich muß ... aber das da anhören, das kann ich nicht länger ... ich geh.«

»Freund, noch ein kurzes Wort hör an, du weißt ja noch gar nicht, was ich dir eigentlich zu sagen habe! Sieh mal, es handelt sich doch wahrhaftig um heilige und wichtige Dinge ... da kann man sich schon mal ein wenig zusammennehmen ... solch schwere Stunden ... Männer müssen die ertragen lernen! Meinst du vielleicht, mir fiele das leicht, das da?«

»Also, was willst ... was ... wollen Sie von mir?«

»Du findest das korpsbrüderliche Du anscheinend noch nicht -- deshalb laß ich mir's aber nicht nehmen. Also sieh mal -- wenn zwei Männer ... wie du und ich ... zwei Ehrenmänner ... wenn die ein und dasselbe Weib ... zur Gattin begehren ... wer hat dann zu entscheiden?«

»Die Waffe!!«

»Ich glaube, dieser Standpunkt, mein Lieber, ist nicht mehr ganz zeitgemäß. Ich glaube, dann hat die Beteiligte, die umworbene Frau ... die, meine ich, hat dann zu entscheiden! -- Sieh mal, es könnte doch immerhin sein, daß Fräulein Marie ... ich ziehe ihre Gefühle für dich nicht im geringsten in Zweifel, im Gegenteil, ich bin überzeugt, sie hat dich sehr, sehr gern, es ist ja gar nicht anders möglich, denn du bist ein so lieber, prachtvoller Mensch ... aber --«

»Aber --?!«

»Du bist eben noch jung ... sehr jung ... und vielleicht hat sich Fräulein Mariens Neigung nur darum dir zugewandt, weil sie ... hier in der Universitätsstadt ... bisher wenig Gelegenheit hatte ... zu vergleichen ... denn sieh mal ... du bist ein lieber, prächtiger, herrlicher Mensch, aber doch eben ... noch ein werdender Mensch, ein Student, das ist ein Strebender, ein sich Entwickelnder ... und, glaube mir, du kennst das Leben noch nicht, ich kenn's! Eine junge Dame, wie Fräulein Marie, die ... ist reif, die ist fertig ... und zu ihrer Ergänzung ... da bedarf sie eines reifen, eines fertigen Mannes. Ich weiß nicht, ob ich mich täusche ... ich habe mich, wie gesagt, bis heute ihr nicht im geringsten genähert ... erst wollte ich das mit dir ins reine bringen ... und hätte auch ganz gewiß eine gelegenere Stunde als diese abgewartet ... wenn nicht vor zwei Stunden ... du weißt ... jene Begegnung, als ihr vorüberzogt ... deine Blicke ... und ihre ... da wußte ich, es ist keine Zeit mehr zu verlieren ... wenn nicht gar ein Unglück vorkommen soll ... ein großes, verhängnisvolles Unglück. Also, mein Freund ... wir beide stehen vor unserer Schicksalsstunde ... und die Entscheidung liegt in einer Hand, in einem Herzen, das uns beiden heilig ist ... wollen wir nicht ... in diesem bedeutungsschweren Augenblick, als Männer, als Korpsbrüder, als echte deutsche Korpsstudenten ... Arm in Arm dieser Stunde entgegensehen ... und sie als Freunde, als Brüder tragen ... wem auch immer sie das Glück ... wem sie die Trauer, die Entsagung bringt?!«

Er hatte mit beiden Händen des Jünglings Schultern ergriffen ... seine Stimme ward seltsam rauh, und die bärtigen Lippen zuckten.

»Na, deine Antwort, mein Junge?!«

Klausers Augen hafteten am Boden. Schwer, fast stöhnend, ruckweise, ging sein Atem -- und auf einmal erschütterte ihn ein kurzes, hastiges, trockenes Schluchzen.

»Lieber, lieber Freund!« sagte da der Professor erschüttert und schlang den linken Arm um Klausers Nacken.

Der suchte sich loszumachen und schrie:

»Ach, lassen Sie mich!! Es ist ja doch alles aus! Ich weiß ja, Sie haben sie mir genommen! Geraubt haben Sie sie mir! -- Es ist nichts mehr zu entscheiden -- Marie ... es ist aus! Lassen Sie mich los! Ich will zu ihr, sie selber soll mir's bestätigen, ... und dann ... dann hab ich nur noch eins zu tun ... abzurechnen mit Ihnen! Ja, mit Ihnen! Sie wußten, daß die Marie mir gehört ... mir! Und da hätten Sie überhaupt nicht wagen dürfen, an sie zu denken! ... Und darum ... und darum werden wir uns woanders weiter sprechen --!!«

Aber der Professor ließ ihn nicht. Er hielt ihn fest umschlungen und sagte:

»Lieber Freund, Sie sagen, Marie gehöre Ihnen? -- Gehöre? -- Kann ein Mensch einem andern gehören? Nichts ist freier, soll freier sein, als des Weibes Liebeswahl ... und wenn es wirklich wahr wäre ... wenn Marie sich von Ihnen ... von dir abwendete zu mir ... dann ... den Schimpf wirst du doch dem Mädchen, das du liebst, nicht antun, zu glauben, sie täte es, um schneller versorgt zu sein ... dann mußt du, wenn du sie wirklich liebst und heilig hältst ... dann mußt du ihr glauben, daß sie, die dich so innig geliebt hat, mich doch noch mehr, noch tiefer liebt ... mich, den Mann. Und dann -- dann wolltest du dem Mädchen, das du liebst ... wie tief und wahr du sie liebst, das seh' ich ja ... der wolltest du dann den Mann wegknallen, bei dem sie Glück zu finden hofft? Wäre das eines Korpsstudenten würdig ... wäre das ritterlich, männlich, menschlich?! Also du siehst, wie immer du die Sache betrachtest ... Marie wird zu entscheiden haben, und du, mein Freund, du wirst ihre Entscheidung ehren ... und wenn sie dir Trauer und Tränen bringen sollte, dann wirst du so stramm und straff, wie neulich und so oft schon deinem Gegner auf Mensur -- so wirst du auch dem Schmerz gegenüberstehen, ohne zu mucken, ohne zu reagieren, im Leben beweisen, was es heißt, ein Korpsstudent sein ... willst du mir das versprechen?!«

Es war ganz dunkel geworden in dem einsamen Laubgang. Nur von ferne klang das rhythmische Stampfen von Becken und Trommel, der quäkende Ton eines Fagotts, der Dreivierteltakt der Trompeten durch die Stille herüber; da hinten also hatte der Tanz bereits begonnen. Draußen überm Tal lag noch rote Dämmerung, und zwischen den Bäumen blinkte die breite Lahnebene, flimmerte der ferne Fluß. Und Kühle webte durch die Eichenhallen ... Kühle ... Stille ...

Und alles -- alles aus -- das Jugendglück entschwindend ... ach, schon verloren ...

Und er -- der andere? Der Räuber?!

Da stand er, mit ausgestreckter Freundeshand ... mit leuchtendem Freundesauge --

Wozu?!

Hahaha! um ihm, dem Besiegten, auch das letzte noch zu rauben -- die Wollust der Rache ... das Recht des Entscheidungskampfes auf Tod und Leben ...

Kämpften also nicht Hirsch und Stier um die allbegehrte Beute? Kämpften, bis einer auf dem Platze blieb?!

Und er sollte nicht dürfen, nicht einmal das dürfen?

Und eine tiefe, lastende, hoffnungslose Müdigkeit sank auf sein Herz. Wozu noch kämpfen? Es war ja aus -- nicht nur der Sieg, die Waffe selbst war ihm entwunden ... er war der Knabe, der dumme, grüne Junge, den noch Jahre der Arbeit und des Reifens vom Leben, von der Liebe trennten.

Und plötzlich warf er sich herum.

»Gute Nacht, Herr Professor.«

»Wohin?«

»Ich will nach Hause. Schlafen.«

Herrgott! durchfuhr's da den Professor -- hatte er's am Ende doch falsch gemacht? doch die empfindliche junge Seele zu tief geknickt?!

Schon war der andere ein paar Schritte entfernt. Dornblüth stürzte ihm nach, holte ihn ein:

»Klauser ... dein Ehrenwort, daß du mir keine Dummheiten machst --!«

»Dummheiten?«

»Du darfst jetzt nicht allein bleiben ... ich hab' Angst um dich ...«

Da erwachte der Knabentrotz.

»Ich brauche deine Angst nicht. Denkst du, ich tu mir ein Leids an? um ein Mädel, das ... äh!! Nee -- das nicht!! So armselig bin ich denn doch nicht!! -- Da kannst du ganz ruhig sein, Alter Herr!«

Und abermals riß er sich los und stürmte nun, statt zu Tal, den bergan führenden Weg hinan. Bald war er im Dunkel der Eichen verschwunden.

Dornblüth sah ihm lange nach. Oh, wie er ihn liebte! --

Der kommt durch, sagte er still. Nun zu Marie --!

V.

Nein -- so doch nicht! so doch nicht!

Was, so einfach verschwinden? Stumm, schattenhaft dahinhuschen ... hinaus aus ihrem Leben?

Er, der ihre ersten Küsse gepflückt hatte?

Er, dessen Leben hinfort nur Qual und sinnlos zehrendes Heimweh sein würde?!

Nein -- das letzte Wort wenigstens, das Abschiedswort -- das wollte er ihr nicht ersparen! Wenigstens sehen, fühlen, wissen sollte sie's, was sie ihm getan hatte! --

Hahaha! Darum so treu, so rein, so unberührt sich erhalten -- darum bezwungen Jugendfieber und Stürme des Bluts ... darum, um weggestoßen zu werden wie ein verbrauchtes Spielzeug?

Ach, sie hatten ja recht, die andern, die ihn ausgelacht hatten, wenn er nicht mitgemocht hatte zu den losen Mädchen ...

Liebe -- Treue -- Keuschheit -- alles Blödsinn!

Weiber! Weiber! Dirnen allesamt! Die eine wie die andere!

Die Dummen, die waren für zwei Taler zu haben ... die Gerissenen, die taten's nur um einen goldenen Ring und eine lebenslängliche Versorgung --!

Und so lange, bis einer kam, der das beides auf den Tisch des Hauses legen konnte, nahm man auch mit einem vorlieb, auf den man warten mußte!

Aber, wenn sich's dann doch noch schickte ... wenn er kam, der Ersehnte, der Mann mit dem großen Portemonnaie ... dann weg mit dem Jungen, dem armen, dem dummen Buben!

Weg -- Fußtritt -- aus -- vergessen!

Nein, Mädel, du hast dich verrechnet!!

So einfach in die Ecke fliegen, stumm, wehrlos, wie eine zerknüllte Puppe ... das gibt's nicht! Das gibt's nicht!

Wenigstens will ich dir noch sagen, wer du bist! will dir sagen, daß ich dich jetzt kenne! daß der Traum von der Göttin ausgeträumt ist! daß ich dich erkannt hab' in deiner ganzen Erbärmlichkeit! -- -- daß ich nun weiß: du bist wie alle!

Feil für Gold, nur verschmitzter, nur raffinierter als die arme Lina da hinten im Marbacher Tal! feil ... feil! --

Und durch die Büsche brach er sich Bahn, dorthin, wo die Walzerrhythmen hüpften, wo der rauhe Dielenboden knarrte ... wo arme, betrogene, verblendete Bürschlein die nichtsnutzigen, verschlagenen, ränkespinnenden Weiberchen im Tanze drehten ...

Mit rötlichem Schein überflutete das unstete Licht von Hunderten buntschimmernder Lampions den Tanzplatz. Glühenden Auges starrte Klauser in das wirbelnde Gewühl -- fahndete gierig nach einem lichten Scheitel über der wohlbekannten, adlig reinen, ernst geschwungenen Stirn, den vergötterten, heilig strahlenden Augen ...

Da -- -- da kam sie heran, sicher geleitet durchs Getümmel der Paare von einem starken, tragenden Arm ... sie ... in seinem Arm ...

Daß die Adern nicht sprangen, das Herz nicht riß, die Brust nicht barst in einem wilden, weidwunden Todesschrei -- --!!

Und aus war der Tanz ... durcheinander, auseinander quollen die Paare, strudelten den Ausgängen zu ...

Alle überragend die Hochgestalt des Blondbarts unter der vergilbten Cimbernmütze ... die wies ihm den Weg ...

Ein paar Minuten dumpfen Harrens am Eingang des Platzes der Professorenschaft ... dann hüpfte eine kecke Masurkaweise auf ... und Willy Klauser stand mit abgezogener Mütze neben Marien.

»Gnädiges Fräulein -- darf ich um den Tanz bitten?«

Entsetzen stand in Mariens Blicken, düsterer Schreck im grauen Augenblitz des Professors ...

»Ich danke ... ich möchte nicht mehr tanzen ... meine Eltern wollen eben aufbrechen --«

»Ach, so eilig ist's nicht, Mariechen!« klang da des alten Geheimrats behagliche Stimme von der andern Tischseite, und:

»Den einen Tanz kannst du schon noch riskieren, Mariechen!« lächelte wohlwollend, festlich heiter auch Frau Hollerbaums mildes Madonnengesicht ...

»Nein, wirklich, ich danke, Herr Klauser -- ich möchte mich noch ein wenig abkühlen!« Sie hatte die Augen tief gesenkt, ihre Stimme versagte.

»Ich habe heut' noch gar nicht Gelegenheit gehabt, Sie um einen Tanz zu bitten ... schlagen Sie mir den letzten Tanz nicht ab, ich bitte darum!« Es war ein befehlender Ton in der Bitte.

»Tanz nur, Mariechen, es ist noch ein Rest in der Bowle, den laß ich nicht umkommen!« lachte der Vater.

Ein hilfesuchender Blick flog aus Mariens Augen zu Dornblüth hinüber. Er erwiderte mit einem unmerklichen, ruhigen Kopfnicken.

Und wortlos, totenblaß stand Marie auf. Ihre zitternden Fingerspitzen schob sie in Klausers Arm, und hochaufgerichtet machte er sich Bahn ...

Am Tanzplatz führte er sie vorüber ...

»Wohin?!«

»Komm mit! ich rat es dir gut!!« Und mit der Linken griff er nach ihrer Hand, zog sie fest in seinen Arm, riß sie von hinnen, in den Laubgang hinein ... aus dem blendenden Lichterspiel ins nächtige Dunkel.

»Ich geh nicht weiter -- laß mich los!«

»Du bleibst! Bist du zu feige, meinen Glückwunsch zu deiner Verlobung in Empfang zu nehmen?«

»Ich habe mich nicht verlobt!«

»Also noch zu früh? Tut nichts -- er hält sich bis morgen!«

»Laß mich! Ich will dir schreiben ... will dir alles ... erklären!«

»Die Mühe spar dir! Ich weiß schon Bescheid! Ich weiß alles -- alles!«

»Willy ... ich kann nicht anders ... vergib mir ... und laß mich gehn!«

Er faßte sie an beiden Handgelenken. Durch die Zweige drang ein letzter Schein der Illumination; der gab in seinen Augen düster flackernden Widerschein, und rum-tata-tita-rum-tata! klang die Masurka.

»Laß mich, Willy ... ich hab' ihn lieb ... ich ...«

»Hast ihn lieb! wirklich! und mich? was? wann hast du denn eigentlich gelogen? Hä? damals? oder jetzt? oder gar damals ~und~ jetzt?«

»Ich hab' dich nicht belogen, Willy. Ich hab' dich lieb gehabt ... ich hab' dich noch lieb --«

»Marie!«

»Ja, Willy -- das ist wahr! Immer, immer werd' ich dir dankbar sein ... für all das Glück ... für deine Liebe ... für alles ... aber jetzt ... jetzt ... laß mich!«

»Ja, geh! geh! und lach, daß du mich zertreten hast! zertreten und zerschmissen!«

»Willy -- ach Willy -- verzeih mir!«

»Verzeihen? Niemals -- niemals! Werde glücklich, wenn du kannst! wenn du den Mut hast, zu vergessen, was du aus mir gemacht hast! du Verräterin! du Lügnerin!« Und er schleuderte ihre Hände von sich weg, daß sie fast taumelte.

»Jetzt ist's genug!« klang da eine schneidende Stimme, und Professor Dornblüth trat aus dem Dickicht. Er legte seinen Arm um die Wankende.

»Marie steht unter meinem Schutze!«

»Hahaha! gut -- nimm sie, Alter Herr! und laß dich von ihr betrügen, wie sie mich betrogen hat!«

»Knabe?!« Einen mächtigen Schritt trat Dornblüth auf Klauser zu.

Da fiel von dem Jüngling ab, was Elternhaus und Schule, was die Erziehung des Korps, was das Menschentum von Generationen an ihm gebildet. Die Bestie brüllte nach Blut. Und weit ausholend führte er einen wuchtigen Faustschlag nach des Nebenbuhlers Haupt.

Aber mit Riesenkraft fing der den Angriff auf. Mit beiden Tatzen packte er den Gegner am Unterarm und zwang ihn in die Knie.

»Danke du Gott, daß du mich nicht getroffen hast!«

Und er zog die wild aufweinende Marie von dannen.

VI.

Von verzehrender Ungeduld geschüttelt, hatte Werner auf des Freundes Rückkehr geharrt. Und als Viertelstunde um Viertelstunde verrann, ohne daß Klauser an den Cimberntisch zurückkehrte, hatte es ihn nicht mehr inmitten der zechenden und schwatzenden Korpsbrüder gelitten. Ruhelos hatte er den Festwald durchstreift, hatte sich durchs Gebüsch an den Professorenplatz herangeschlichen und beobachtet, wie Marie bald von diesem, bald von jenem Tänzer aufgefordert worden war; hatte schließlich Dornblüth zurückkommen und in ruhiger Haltung am Tische, dem Frau Geheimrat Hollerbaum präsidierte, Platz nehmen sehen. Dann war Marie am Arm des Hessen-Nassauer-Ersten Seydelmann zurückgekommen; Dornblüth hatte sie aufgefordert, und dann hatte Werner das dem Tanzplatze zuschreitende Paar im Getümmel der andrängenden Tänzer verloren. Er hatte sie zusammen tanzen sehen; als er dann nach Schluß des Tanzes sich bemüht hatte, das Paar weiter zu beobachten, war er wiederum abgedrängt worden und konnte erst nach geraumer Zeit zum zweiten Male sich einen Beobachterposten unweit des Professorenplatzes erobern. Marie und Dornblüth fehlten am Hollerbaumschen Tisch ... und erst nach längerem Warten sah er sie beide herankommen. Die unstete Beleuchtung der Lampions verwehrte ihm die Möglichkeit, beider Gesichtsausdruck zu beobachten. Alsbald brach das Ehepaar Hollerbaum auf; Dornblüth legte sorgsam einen Mantel um Mariens Schultern, ließ sich, wie alle Herren, von einem Kellner einen brennenden Lampion, der an einer zierlichen Stange baumelte, als Heimkehrleuchte geben, bot Marie den Arm und folgte mit ihr einer ganzen Gruppe von Universitätslehrern, die jetzt mit ihren Familien aufbrachen.

Nun kehrte Werner an den Tisch seines Korps zurück, ob der Freund sich dort etwa eingefunden. Aber auch da keine Spur von ihm. Die Stimmung war schon vorgerückt. Die Alten Herren, die Inaktiven waren verschwunden, auch Scholz war nicht mehr zu erblicken. Was noch von den Aktiven vorhanden war, hatte scharf getanzt und schärfer getrunken. Nun die meisten Familien schon aufgebrochen waren, blieb nur noch das Trinken übrig. Und das wurde denn auch gründlich betrieben. Die Nacht war schwül, die Kehlen vom Tanzen, Singen, Schwatzen ausgedörrt. Unheimlich glühte des Seniors scharfgeschnittenes Gesicht, der schöne Krusius stierte mit glanzlosen Augen vor sich hin; unten, wo die Füchse saßen, thronte Dammer auf einem geleerten Bierfaß, das man auf den Tisch gesetzt hatte, und ließ sich Glas auf Glas heraufreichen, um den Füchsen einen Halben nach dem andern vorzutrinken.

Und Werner überkam eine wilde, sinnlose Sauflust. All die Erregung der letzten Stunden, die Angst um des Freundes Schicksal würgte ihm in der Kehle, riß ihm an den Nerven und zwang ihn zu trinken. Dabei zündete er eine Zigarre nach der andern an und paffte dicke Wolken in die Nachtluft. Die grölende Bezechtheit der Füchse störte ihn; er mußte nachholen, um stumpfsinniges Vergessen zu finden.

Immer wüster ward das Ende des Festes. Von allen Tischen, wo noch die Studenten saßen, klang rauher, unsicherer Gesang von Bummelliedern, der monotone Lärm eines immer toller ausartenden Saufgelages.

Und plötzlich fühlte Werner, daß er zuviel hatte. Er hob sich schwerfällig auf, taumelte ins Gebüsch, und der plötzlich überschwemmte Magen gab die wüst hineingegossenen Bierfluten von sich.

Und sofort war Werner stark ernüchtert. Ekel und Gram, eine fürchterliche Angst um den Freund, ein unsägliches Grauen vor der ganzen Welt überkam ihn, und hastig, so schnell die unsicheren Beine