Der krasse Fuchs

Part 16

Chapter 163,592 wordsPublic domain

Und doch ... wo blieb die holde Osterstimmung der Seele, wo blieb das Sonntagmorgenglockenglück, das Sinn und Herz und Welt hätte zusammenklingen lassen müssen zu einer großen, hoch aufrauschenden Sinfonie des Lebens?!

War es nicht eben die Sicherheit, die Überreife, die all das zerstörte?

Wie wäre wohl dem armen Klauser zumute gewesen, wenn ihm der Morgen des Brautglücks aufgestrahlt wäre?

Ja, der wäre erwacht, wie die erlösten Seelen im Paradiese erwachen mögen ... der hätte sich die Augen gerieben und geblendet sie schnell geschlossen vor der überkühnen Herrlichkeit seines Traumes. Der hätte angebetet vor der Gnadenfülle dieser Stunde, der hätte demütig, mit abgezogenen Schuhen das heilige Land des Menschenglücks betreten ...

Freilich, das hätte ja dann nicht immer so bleiben können ... Enttäuschung, Bitterkeit wäre gekommen.

Wilhelm Dornblüth würde keine Enttäuschung erleben, weil er keine Illusionen hatte; er freite ein Mädchen, einen Menschen, und wußte aus tausend Beobachtungen, was das heißt -- daß Unvollkommenheit und Entsagung Menschenlos ist ...

Ach, und doch -- und doch ...

Oh, wenn solch ein Mädchen wüßte, wie arm, wie seelenlos diese Ruhe und Reife der Männer ist, die ihnen so imponiert, und wie heilig und reich die taprige Tumbheit der Knaben, die sie belächeln und beiseite schieben, um sich an die breite, sturmgemiedene, entgötterte Brust des abgeklärten Mannes zu bergen ...

Und Wilhelm Dornblüth sehnte sich am Morgen seines Verlobungstages nach dem Seelenreichtum des Knaben, den er aus dem Herzen seiner Erkorenen so spielend verdrängt hatte ...

Und den er doch dem Leben, dem Hoffen zurückzugeben sich vorgenommen hatte.

Und ehe der Professor den Weg zur Villa des Geheimrats Hollerbaum hinauflenkte, stieg er in der Morgenfrühe zu der schlichten Studentenbude des Jünglings hinunter, dessen Faust gestern nach seinem Haupte gezielt hatte.

Klauser hatte dumpfbrütend, mit verrückten Entschlüssen ringend, vor seinem unberührten Frühstück gesessen, als Dornblüth eintrat. Er fuhr auf, stand starr und steif.

»Komm, lieber Klauser, gib mir die Hand ... ich komme als Freund!« begann der Professor, und mechanisch legte der Student seine kalte Hand in die ausgestreckte des Besuchers.

»Darf ich mich setzen? Aber nicht, ehe du dich setzest! Nun, was hast du denn gestern abend noch angefangen nach unserer ... unserer Auseinandersetzung? Hoffentlich bist du vernünftig gewesen, gleich nach Hause und in die Falle gegangen und hast dir einen klaren, ruhigen Kopf angeschlafen? Ich hab's so gemacht ... das ist das beste, was man tun kann an solchen Wendepunkten des Schicksals. Oder ... hast du dich am Ende bekneipt, hä?«

»Ich bin bei der Lina gewesen,« sagte Klauser mit starrer Ruhe.

»Wa--?! Wo bist du gewesen?!«

»Bei der Lina -- der Sau da oben im Marbacher Tal.~Zum erstenmal.~«

»Klauser --!! Himmel ... ~so elend~ hab' ich dich gemacht?!«

Klauser zuckte mit den Achseln und sah zum Fenster hinaus.

Der Professor tupfte mit dem Taschentuch über seine Stirn, die plötzlich feucht geworden war.

»Komm, liebster, einziger Junge,« sagte er dann mühsam, nach Worten suchend -- »sieh mal, das hab' ich ... doch nicht gewußt ... daß ... daß das ~so~ bei dir war ... ich hab' eben gedacht, 's ist 'ne Jugendschwärmerei, wie wir sie eben alle mal durchmachen ...«

»Wir wollen das lassen,« sagte Klauser. »Was wollen ... was willst du von mir?«

»Vor allem mich nach dir umsehen, lieber Freund. Sind wir nicht Korpsbrüder? Heißt nicht der Wahlspruch unserer lieben Cimbria: >Einer für alle, alle für einen?< Ich sehe nicht ein, warum ich die Pflicht und das Recht, dir beizustehen in deinem Schmerz, deshalb weniger haben soll, weil ich daran schuld bin ... oder wenigstens die Veranlassung. Wir beide, du und ich, haben gestern abend eine ... einen Austritt miteinander erlebt, der ... aus dem vielleicht ein jugendliches Gemüt die Veranlassung zu ... zu bedauerlichen Schritten schöpfen könnte. Ich halte dich für viel zu vernünftig und geschmackvoll zu solchen Dummheiten ... aber ich will dir doch auch formell entgegenkommen: ich reiche dir die Freundeshand und schlage dir vor: Vergessen und Vergeben hinüber und herüber! Willst du?!«

»Alter Herr,« sagte Klauser mit gefrorenem Blick, »du kannst unbesorgt sein. Ich werde dir nicht mehr in den Weg treten. Ich werde auch keinen Skandal machen, du kannst ganz ruhig sein. Ich werde so geräuschlos aus eurem Leben verschwinden, wie ihr's nur wünschen könnt. Aber ... Freundeshand?! Nein. Ich fühle ja jetzt selber ... ich habe wohl zu hoch hinausgewollt. Ich hab' von ... Dingen geträumt ... die für mich noch nicht da sind. In Zukunft werd' ich mich besser einzurichten wissen. Die Lina ist ja soweit ein ganz liebes Mädchen. Und für einen dummen grünen Jungen gerade gut genug. Für diese Lehre ... dank ich dir. Aber ... geh jetzt ... in acht Tagen ist das Semester zu Ende ... dann wird mich das Korps hoffentlich inaktivieren ... obwohl ich im vierten Semester mal vorbeigefochten habe ... und wenn sie nicht wollen ... dann lassen sie's bleiben ... ich geh fort ... und komm nicht wieder ... das Physikum glückt mir doch nicht mehr hier. Also ... die acht Tage ... ich will dir aus dem Wege gehn ... und wenn du ... auch deinerseits ... mir nicht zu oft begegnen wolltest ... dann würde ich dir dankbar sein ... Alter Herr.«

»Und das soll also das Ende sein? Du willst mich von dir lassen in dem Bewußtsein, daß ich das, was ich dir getan habe, niemals gut machen kann?!«

»Nein, Alter Herr, das kannst du niemals.«

Der Professor sah mit schmerzlicher Ratlosigkeit zu dem Jüngling hinüber, dessen Augen die seinen mieden.

»Ja, lieber Klauser ... ich habe jetzt getan, was ich irgend vor mir selbst und ... verantworten konnte. Wenn du dich nicht überwinden kannst ... du mußt es wissen. Ich könnte mich vielleicht noch darauf berufen, daß ich dir doch auch vor kurzem einen wesentlichen Dienst -- doch nein --«

»Wieso? Was meinst du damit, Alter Herr?«

»Nein -- das gehört nicht hierher. Das magst du dir gelegentlich einmal von den Korpsbrüdern erfragen. Also ... unsere Wege sollen sich scheiden ... und werden sich nie mehr begegnen. Du willst es so ... das ist mir sehr bitter ... und wird noch jemanden tief schmerzen. Aber ... ich ehre deine Entscheidung. Leb wohl.«

Er stand auf, Klauser schnellte empor ... mit dem feierlich-finstern Gesicht, das wie eine eiserne Maske jede Gemütsbewegung verhüllte, schüttelten sie sich kurz die Hand. Und dann ging der Professor.

Klauser aber stand noch einen Augenblick in dunklem Grübeln. Dann griff er langsam zu seiner Korpsmütze.

Blau-rot-weiß! ... ja, wenn man diesen Halt nicht hätte!

Cimbria +vivat, crescat, floreat+!

Und er ging dahin, wo die andern waren. Die andern, die nicht zu wissen brauchten, daß er mit den Dämonen der Verzweiflung und Verneinung gekämpft hatte ...

Als er über den Markt kam, sah er noch, wie Dornblüth, jetzt im Besuchsanzuge, seine Schritte dem Berge zulenkte. Sein Zylinder blinkte in der Sonne.

Wo wollte er denn hin?

Ach so ...!!

Er, Willy Klauser, besaß überhaupt noch gar keinen Zylinder.

IX.

Selbstverständlich hatte Werner von dem Ausfall des Ehrengerichts nichts erfahren. Krusius, sein zweiter Leibbursch, hatte ihn noch einmal auf dem Frühschoppen beiseite genommen: »Leibfuchs, du hast heute morgen nichts gehört -- aber auch nicht das Geringste, verstehst du mich?!«

»Nein, nein, Leibbursch, das versteht sich ja ganz von selber.«

»Also, allen Ernstes, auch nicht den leisesten Ton zu irgend jemanden, wenn ich dir's raten soll! Du könntest die allertollsten Unannehmlichkeiten haben.«

»Nein, nein, du kannst ganz ruhig sein.«

Um halb drei waren dann beim Kaffee die beiden ersten Chargierten still verschwunden, mit ihnen Scholz. Und keinen von ihnen hatte Werner mehr zu sehen bekommen.

Auch Klauser war zwar beim Frühschoppen erschienen, hatte eine Zeitlang stumm, teilnahmslos, unzugänglich inmitten der katerfidelen Runde gesessen, war dann aber, kurz bevor das Korps zum Mittagessen aufbrach, plötzlich verschwunden.

Und Werner war allein geblieben mit all seinem bedrängenden, beängstigenden Wissen um das Schicksal der anderen. Und schließlich hatte er sich dann aus dem Kreise der ahnungslosen Korpsbrüder, deren inhaltlose Unterhaltung ihn heute geradezu anwiderte, losgemacht und war stundenlang allein in den Wäldern herumgerannt, unfähig, das Grauen vor dem Erlebten wie dem Kommenden zu besiegen.

Was mochte zwischen Dornblüth und Klauser vorgefallen sein, wenn Willy Klauser, der Unberührte, der immer wie auf einer Wolke von Reinheit zwischen den andern, den alltäglichen, gewöhnlichen Naturen hingeschritten war, wenn der sich zur Lina geflüchtet hatte?! Was mochte jetzt in ihm vorgehen? Welche Lösung würde er finden für das Sphinxrätsel seines sinnlosen Elends?

Und der andere, der Vielerfahrene, der kalt überlegene Sieger -- hatte sich nicht auch vor dem plötzlich das Gorgonenhaupt aufgereckt? Standen nicht beide, der Schuldlose wie der Schuldbesudelte, plötzlich dem spöttisch grinsenden Schicksal gegenüber, das nach ihrem Herzblut lechzte?

Daß Klausers junges Leben aus unheilbaren Wunden seine Kraft vertropfte, das war offenbarer scheußlicher Hohn des Fatums -- hier mußte jeder Versuch nach einer sittlichen Erklärung scheitern.

Aber was für ein Sinn lag denn darin, daß um eine Liebesnacht zwei Jünglingsleben vor die Pistolenmündung gestellt werden sollten, bis eins von ihnen die Kraft nicht mehr hätte, den Hahn der Waffe abzuziehen? Und wenn nun einer fiele? Der arme, tapfere, kleine Jude, der sein Leben so mannhaft für eine Tugend einsetzte, die wahrscheinlich längst zerlöchert war, zum mindesten aber doch zum Falle reif gewesen, wie nur ein rotbäckiger Apfel im September? Wenn der nun fiele -- was für ein Sinn darin?

Aber selbst Scholz ... war er des Todes schuldig? War er es um Rosaliens willen?

Also alle diese Not ohne Sinn, ohne irgendwelchen Zusammenhang mit irgendwie erkennbaren, konstruierbaren Weltgesetzen ... wenn nicht eben dies das Gesetz war, daß es kein Gesetz gab ...

Wenn nicht am Ende gar der Mensch wehrlos und machtlos dem Ansturm der Dinge und Geschehnisse ausgesetzt war, auf nichts angewiesen als auf seine eigene Kraft und Schläue, gezwungen, sich selber sein Schicksal zu schmieden in trotziger Auflehnung wider die Brutalität des Weltganges, und äußersten Falles noch mit der Herzensmacht begabt, unbeugsamen Grausamkeiten des Daseins gegenüber unerschüttert und trotzig zu fallen ...?

Und was war es denn, was jenen erst an das Herz des reinen Mädchens und dann in die Arme der Buhlerin geführt, was diesen von einer zur andern getrieben hatte zu immer neuem, flüchtigem Augenblicksentzücken, dem dann immer, ach so rasch, Erkaltung, Ermattung, Abkehr und Jammer folgen mußten?

War es nicht die gleiche, grauenvoll herrschergewaltige Macht, die auch Werner wie ein unstetes Wild durch alle Abgründe des einsamen Begehrens, des schaudernden Ergreifens gehetzt hatte?

Jene Macht, von deren Gnaden, auf deren Geheiß doch alles lebte, was da war?!

Wie sie nennen, diese teuflisch-göttliche, paradiesisch-höllische, dunkellichte, küssetränenblutbrünstige Macht?!

Die Liebe?!

Was war ein Name? Ein Name gab keinen Sinn, vermittelte kein Begreifen, schmiedete keine Waffe ...

Und der einsame Knabe, der da oben am Waldrand im Moose lag und herniederstarrte auf die alte Stadt, in der seinem jungen Leben so Ungeheures aufgegangen war, der wußte keine Lösung für die stürmenden Schauer, die dahinrasten über sein bebendes, schluchzendes Herz. --

Am Abend war dann Spielkneipe. Klauser hatte sich mit Unwohlsein beim ersten Chargierten schriftlich entschuldigt; Scholz erschien nicht; die beiden Ersten spielten ein Quodlibet mit zwei Inaktiven. Niemanden als Werner konnte es auffallen, daß die beiden jungen Männer sehr blaß, fieberhaft aufgeregt waren: die anerzogene Haltung verschleierte ihre Stimmung vor jedem Auge, das nicht durch Mitwisserschaft geschärft war.

»Nun, was ist denn geworden, Leibbursch?« Schüchtern hatte Werner die Frage gewagt.

»Geht dich nichts an!« schnauzte Krusius nervös ... dann sah er das heißerregte Gesicht des Leibfuchsen und setzte in freundlicherem Tone hinzu: »Nimm mir's nicht übel, Leibfuchs ... ich darf dir's nicht sagen, auf Ehrenwort nicht!«

Da glaubte Werner genug zu wissen ... also wirklich ... morgen früh ...

Schon um zehn Uhr waren Papendieck und Krusius verschwunden ...

Da machte sich auch Werner von dannen ... er meinte Scholz noch einmal sprechen zu müssen, ihm vielleicht die schwere Nacht, die vor ihm lag, tragen helfen zu können ... sie waren ja Zimmernachbarn.

Aber in dem Zimmer, das in der vergangenen Nacht Rosaliens wilden Liebesrausch umschlossen, war kein Licht. Bang klopfte Werner an: keine Antwort ... er drückte die Klinke ... das Zimmer war leer -- keine Spur von einem Bewohner -- Schränke, Schubfächer leer -- offenbar war Scholz ins Hotel übergesiedelt, um nicht in der letzten Nacht mit jenem unter einem Dache zu sein, der ihm morgen ...

Ins Hotel? Vermutlich ... und dann natürlich ins Pfeiffer ... das war ja das Cimbernhotel.

Und von einer unwiderstehlichen Macht getrieben, rannte Werner den Steinweg hinab und patrouillierte in der Dunkelheit vor dem Pfeiffer auf und ab. Der Gasthof war schon geschlossen, in den Wirtschaftsräumen jedes Licht erloschen. Nur in einem Zimmer des ersten Stocks schimmerte noch Licht; das Fenster war geöffnet, und sachtes, oft verlöschendes Geplauder von Männerstimmen drang auf die totenstille Straße. Werner meinte einmal die sonore Stimme des Ersten zu erkennen. Sonst vermochte er nichts zu unterscheiden.

Schließlich schien man droben aufzubrechen. Nach einigen Minuten Stille rasselte in der Tür des Hotels ein Schlüssel; Werner drückte sich in eine dunkle Haustürnische und sah, wie Papendieck und Krusius aus dem Gasthof kamen und sich von Scholz verabschiedeten.

»Also schlaf nur gehörig,« sagte Papendieck. »Wir kommen um punkt halb sechs und wecken dich, da kannst di man up verlaten.«

Sie drückten ihm die Hände und schritten wortlos, Arm in Arm der Stadt zu.

Die Hoteltür wurde geschlossen. Nach kurzer Zeit erschien droben am offenen Fenster Scholzens riesige, hagere Gestalt. Lange stand sie am Fenster, regungslos; das Haupt schien, in den Nacken zurückgeworfen, den Sternenhimmel zu suchen.

Werner aber blieb regungslos in seiner Nische. Er fühlte, daß er nicht das Recht hatte, sich in die Seele des andern einzudrängen, die der seinen nicht wesensverwandt war und ihrer nicht bedurfte, nicht nach ihr verlangt hatte angesichts dieser lichtlosen Nacht, durch die sie sich hindurchzuringen hatte.

Und er schaute nur stumm aus seinem Versteck zu dem Einsamen droben empor und empfand zum ersten Male in seinem jungen Leben mit erschütternder Gewalt die finstere Erkenntnis, daß es unter Menschen keine Gemeinsamkeit gibt ... daß gerade in den dunkelsten Stunden des Lebens auch der letzte Schimmer des fröhlichen Wahns zerfällt, als könnte einer dem andern irgend etwas sein ...

* * * * *

Aus wirrem Schlummer fuhr Werner auf und war sich rasch bewußt, daß dieser erwachende Tag ein verhülltes Schrecknis heranführe ... Er fuhr auf; unmöglich, noch eine Sekunde länger im Bett zu bleiben ... Luft, Luft ... und etwas tun, um zu vergessen ... um über die Stunden hinwegzukommen, die ihn von der Gewißheit trennten ...

Er kleidete sich an, und während er sich wusch, vernahm er über sich die leisen Tritte eines andern, der auch schon munter war ... der sich auch ankleidete, um sein junges Leben an den wirrsten und zerfahrensten Wahn zu setzen ...

Wie verrückt, was jener tat!! --

Und doch, wie begriff Werner den Juden da oben!

Ob jenes Mädchen vorher rein gewesen war -- was ging das den Bruder an? Für ihn war sie rein gewesen bis zu der Nacht, als er, weiß der Himmel wie, gewahr werden mußte, daß sie jenem andern das Lager schmückte ... ihm hatte man sie entehrt, ihm besudelt in dem Augenblick, da er ihrer Schande wissend geworden war ... und so lechzte jener nach Rache nicht für die Unschuld seiner Schwester, sondern für das eigene, in den Kot getretene Herz, für seine eigene, geschändete Bruderliebe ...

Nun tappte er die Treppe hinunter ... und durch die Vorhänge sah Werner ihn auf die Gasse treten ... drüben standen zwei Herren, die ihn empfingen: Herr Seydelmann und Herr v. Göhren, der erste und der zweite Chargierte der Hasso-Nassovia, beide im Hut, nur das Band schimmerte unter ihren Röcken hervor. Stumm begrüßten die Nassauer ihren Waffenbeleger und schritten dann mit ihm von dannen, den Bergpfad hinan, der über die Cimbernkneipe zum Schlosse führte ...

Und nicht lange, da klangen auch Schritte vom Steinweg her ... zwischen Papendieck und Krusius kam Scholz ...

Aller dreier Gesichter waren fahl ... Krusius strich ohne Unterlaß den blonden Schnurrbart, Papendieck rieb mit dem Zeigefinger immerfort an seiner mächtigen Hakennase, Scholz hatte den Kopf hoch in den Nacken geworfen und die Augen in das durchgoldete Blau des jungen Morgens gerichtet ...

Da gingen sie hin ...

Und Wernern hielt es nicht länger. Er schlich hinter ihnen drein ... sah sie hinter der Sternwarte zur Cimbernkneipe hinan einbiegen ... erreichte dann wieder ihren Anblick, als ihre hellgekleideten Gestalten sich durch die Heckenwege zum Schloß hinaufschoben ... sah sie unter dem Torbogen des Schlosses verschwinden ... dann hatte er sie wieder vor sich, als sie den Weg zum Dammelsberg einschlugen ... und so schritten sie immer vor ihm her, die beiden Gruppen ... ganz fern die Hessen-Nassauer, den kleinen, schäbig gekleideten, hochschultrigen Simon Markus in der Mitte ... und dahinter, ihm zunächst, die drei stattlichen Cimbern, der stattlichste in der Mitte ...

So schritten die Jünglinge in den Morgen des ersten August hinein ...

Und ringsum erwachte die Welt. Schon kräuselte erster Rauch aus manchem Schornstein im Tal. Ein Bahnzug brauste von Frankfurt her die Lahnebene hinauf ... lustig schwoll der Pfiff der Lokomotive, klang das Rasseln der Wagen auf den Schienen. Und der Weg, auf dem man schritt, trug noch die Spuren der Festnacht. Welke Blumensträußchen dorrten hier und dort, verkohlte Lampions lagen am Wege.

Und nun nahm der Dammelsbergwald die vorderste Gruppe auf -- Werner wartete, bis auch die zweite ein Stück in den Wald hineingedrungen war, damit nicht ein zufällig zurückschweifender Blick ihn erspähen möchte.

Und ein Wagengeroll hinter ihm ... schnell barg er sich hinter einem Busch und sah einen der wenigen schwerfälligen Marburger Mietwagen auf dem schmalen und steilen Wege sich emporwinden. Darin saßen der erste Chargierte der Guestphalia und ein älterer Herr, in dem Werner nach einigem Besinnen den Sanitätsrat Doktor Kuhlemann erkannte ... auf dem Rücksitz des Wagens standen zwei Kästen: ein großer, verschlissener und ein schmaler, niederer, eleganter.

Und dem Geräusch des Wagens folgte Werner. Es ging mitten durch den Festplatz hindurch, wo von vorgestern noch fast der ganze Aufbau vorhanden war. Die Arbeiter, welche die Aufräumungsarbeiten zu besorgen hatten, waren gestern offenbar nicht sehr eifrig beim Werke gewesen. Zerfetzt, zerschlissen schillerte das lustige Prunkgewand des Festtages. Und spukhaft huschten durch das Hirn des Jünglings die Bilder jener wirren Nacht.

Und plötzlich verstummte das Knirschen der Wagenräder. Werner bog ins Gebüsch ab, schlich näher und sah, wie der Wagen auf dem Platze hielt, den vorgestern der akademische Senat mit seinen Familien innegehabt hatte. Herr Paschke, der Westfalensenior, war ausgestiegen und half mit dem Kutscher zusammen den größeren der beiden Koffer aus dem Wagen zu heben. Dann lud der Kutscher den Koffer auf seine Schultern, und die Herren stiegen zwischen Büschen einen letzten Treppenpfad zu dem obersten und größten der Festplätze hinauf, der vorgestern die Marburger Bürgerschaft beherbergt hatte ...

Werner suchte sich durch das Gestrüpp einen Weg zu irgendeinem Punkte zu bahnen, der ihm eine Übersicht über den Kampfplatz gewähren könne. Eine fieberhafte Neugier war in ihm erwacht, die das Grauen seines Herzens besiegte. Er wollte, er mußte nun alles sehen.

Aber der Festplatz war ringsum dicht mit einer Kette niederer, kaum mannshoher Fichtenbäume umpflanzt. Unmöglich, da hindurchzudringen. -- Werner mußte versuchen, auf einem Umwege einen höheren Beobachtungspunkt zu erreichen.

Eine geraume Zeit verging, bis er sich orientiert hatte. Und plötzlich fiel ihm ein, daß sein Tun nicht gefahrlos sei ... denn da oben würden gleich Kugeln fliegen ... und daß jemand im Gebüsch herumkriechen könnte, darauf war man da oben nicht gefaßt ...

Über diesem Sorgen, Erwägen, dem planlosen Hin- und Herklettern war einige Zeit vergangen ... doch Werner gab seine Absicht nicht auf ... das Abenteuerliche des eigenen Beginnens ließ ihn vergessen, daß droben schon die Todeslose geschüttelt wurden:

Und plötzlich klang's vernehmlich durch die Stille:

»Eins ... zwei ... drei ...«

Und paff ... paff ... knallten zwei Schüsse, und dicht über Werners Kopfe pfiff's hin, riß Blätter und dünne Äste von den Bäumen ...

Da packte ihn eine Angst ... und er stand ab und kroch durchs Gebüsch zurück, dem Platze zu, wo das Wiehern und Scharren der Pferde den Standpunkt des Wagens verriet ...

Wie still auf einmal alles ... Gott ... vielleicht war alles schon vorbei ...

Da war der Weg; der Kutscher stand bei den Pferden, hielt die unruhigen am Gebiß, sprach ihnen zu und lauschte dabei gespannt nach oben ...

Und plötzlich kamen rasche Schritte von droben. Und tief gesenkt den Kopf, den Hut in der Stirn, daß fast nur die wüste Nase hervorschaute, kam der Student Markus die Treppe herunter, schritt, ohne den Kopf zu heben, an dem Kutscher vorüber ... und ... auf einmal wurde sein Gang zum Lauf ... er raste zu Tal ...

Also ... Scholz ...

Und dann, nach einer Weile dumpfen, gedankenlosen, blöden Wartens, klang der Ruf:

»Michel! Michel! Komme Se mal da nauf!«

Da ließ der zitternde Kutscher die Pferde und stürmte mit drei Sätzen die Treppe hinan ...

Und bald hörte Werner die keuchenden Atemzüge, die schwerfällig-unsicheren Tritte schwer tragender Männer. Nun kam der Sanitätsrat die Treppe herunter. Er trug seinen Strohhut in der Hand, wischte mit dem Taschentuch die kahle, schweißbedeckte Stirn, besah mit blöden Blicken seine Rechte -- sie war dunkelgefärbt. Er machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle er sie an seinem hellen Flanellanzuge abwischen, ließ es aber, rieb sie mit dem Taschentuch, riß dann den Wagenschlag auf, strich sich immer wieder krampfhaft über das gelichtete Haar und durch den langsträhnigen grauen Bart. Dann erschien der Kutscher zwischen den Büschen. Er tappte mühsam Stufe für Stufe herunter; die Ellenbogen trug er angewinkelt; ein Paar lange Unterschenkel in hellen Beinkleidern und gelben Schuhen baumelten darunter hervor. Und da wußte Werner, was geschehen war. So trug man keinen Verwundeten.

Papendieck und Krusius hielten den Oberkörper, hinter ihnen kamen die beiden Hessen-Nassauer und der Westfale. So schob sich die Gruppe langsam die Stiege herunter. Die Arme des Toten hingen lang herab, tief auf der Brust das Haupt mit dem wirren Haar. Unter dem Korpsband waren Weste und Hemd aufgerissen; die weiße, behaarte Brust zeigte Blutflecke.

Und keuchend, die Stirnadern zum Platzen aufgeschwellt, machten die Träger inmitten der Stiege einen Augenblick halt und senkten die Leiche auf die Bohlen. Da hielt sich Werner nicht länger: aufschluchzend sprang er aus dem Gebüsch und fiel neben dem Toten in die Knie.

Es war, als seien die Jünglinge durch den Anblick des Todes abgestumpft gegen irdisches Staunen.

»Ja, kleiner Achenbach,« sagte Papendieck, »deinen Leibburschen haben sie totgeschossen.« --

Als man die Leiche im Wagen untergebracht hatte, fragte der Kutscher, der das Verdeck geschlossen hatte:

»Wo soll ich die Herre hinfahre?«

Die drei Cimbern sahen sich an.