Der Hafen

Part 4

Chapter 43,783 wordsPublic domain

Das Glockenspiel auf der Niklauskirche klimperte sorglos die Takte seiner Melodie unkenntlich durcheinander. Da kam in der Judengasse eine einsame Nachtdroschke. Baptist rief sie an und wandte sich an die Kameraden: „Gelt, ihr geht mit! Wir suchen die Italiener! Wenn der Ochs von Wirt sie hinausgeschmissen hat, weil sie mir halfen, dann muß doch ...“

Die drei waren gerne einverstanden.

Baptist unterhielt sich mit dem Kutscher, wo die Italiener wohnen könnten.

„Ja, Herr, das Kirmespack, das geht alles in die kleinen Hotels am Bahnhof. Vielleicht im Hotel Trier oder im Hotel de Paris?“

„Nun denn, fahren wir mal hin!“

Die vier packten sich eng aneinander und die Droschke fuhr los. Sie jagte in der lautlosen Nacht knallend über das Pflaster, die Philippstraße hinunter, fuhr sachter über die neue Brücke und hielt nach einer Viertelstunde vor dem Hotel de Paris. Es war noch Licht im Wirtszimmer. An einem Tische saßen Türken, die auf der Messe herumzogen und Teppiche, arabische Metallsachen, Rosenöl und goldbestickte Decken verkauften. Sie stritten mit leisen fremden Stimmen und beugten die Oberkörper gegeneinander vor. Um den Schenktisch stand ein Kranz von Bahnarbeitern, die wohl hier auf die Frühzüge warteten. Baptist rief als er eintrat: „Ich gebe eine Runde Kognak für die ganze Stube!“

„Das ist nun einmal ein angenehmer Herr!“ sagte einer der Arbeiter, und alle lachten den Eintretenden fröhlich zum Gruß.

Als der Kognak eingeschenkt war, ging Baptist zum Wirt und fragte: „Wohnen keine Italiener hier?“

„Ja gewiß doch!“ antwortete der Mann. „Ich hab das ganze Haus voll von dem Flohpack liegen. Jetzt mit der Schobermesse, wissen Sie, da wird man die Bagage nicht mehr los!“

„Sind auch die Musikanten von Hiltchen dabei?“

„Ja, warten Sie mal, das könnt schon sein! Warten Sie, ich ruf den Alfons, der kann ja dann mal mit Ihnen hinaufgehn. Dann können Sie selber schauen ... Alfons!“ rief er in die Hintertüre. „Alfons!“

Ein stämmiger Bursche erschien.

„Geh zeig doch mal dem Herrn unsere Italiener!“

Die beiden kletterten eine enge, geländerlose Stiege hinauf. Der Knecht hob unterwegs ein kleines Wandlicht mit einem Reflektor aus einem Nagel und leuchtete damit in ein Zimmer. Dort lag ein Haufen Schlafender. Sie lagen in ihren Kleidern auf Strohsäcken mit unordentlichen schwarzen Haaren, Männer, Frauen und Kinder, Affen, Hunde, Papageien, Vogelbauer, Drehorgeln, bunte Tücher, alles durcheinander. Ein Mann wälzte sich schimpfend herum, als das Licht seine Augen traf.

„Nu, gemütlich, Männchen!“ tat der Knecht.

Wie in dem ersten Raum, so sah es in all den andern Stuben aus; die Musikantengesellschaft war nicht unter den Schlafenden.

Als Baptist enttäuscht wieder in das Lokal hinabkam, erzählte gerade ein Mann aus der Runde am Schenktisch: „... Ja und dann in Antwerpen nehm ich das Schiff der Red Star Line. Der Platz ist schon bezahlt. Da schaut, wenn ihr Einfaltspinsel es nicht glaubt, schaut! Und dann gehts über den großen Pfuhl, Jungens! Geh weg, das ist drüben doch etwas anderes als wie hier. Sein ganzes Leben für einen Apfel und eine Brodrinde vertun ... Hat ja keinen Zweck! Der Teufel, ihr dummen Kerle, kommt mit! hat ja keinen Zweck!“

Langsam sagte einer der Freunde von Baptist: „Ich hätte sogar Lust!“

Da wandte sich der Arbeiter direkt an ihn und begann wieder zu schildern, wie es drüben so anders sei; da verdiene man in einer Stunde so viel wie hier an einem Tag!

Ob er denn schon dagewesen sei, fragte der Kamerad von Baptist.

„Nein, aber ...“

Da fiel ihm der andere ins Wort: „Was maulst du denn, wenn du’s nicht selber weißt. Aber sonst wäre ich vielleicht mitgegangen.“

Baptist gab nicht weiter acht auf diese Reden. Er war traurig, aber er war auch ernüchtert. Was wollte er eigentlich? Wozu suchte er die Italiener? Er war müde an Gliedern und Gedanken und sehnte sich nach seinem Bett, nach dem wohllebigen Luxus seiner schönen Zimmer in der Villa am Park.

„Ja, dann gehn wir wohl wieder?“ sagte er zu den Kameraden.

„Ach, was sollst du schon heimgehn! Es ist ja noch nicht einmal hell draußen!“ entgegnete einer. „Wir bleiben noch!“

Aber Baptist wehrte ab. „Seid nicht bös, ich bin müde!“

Dann wandte er sich an den Wirt: „Was kostet die ganze Flasche Kognak da?“

„Oh, mit vier Franken wär’ sie nicht zu teuer bezahlt!“

„Überlassen Sie sie dann den Herren!“ bat Baptist. Er gab den dreien die Hand. „Ich danke euch denn! Gute Nacht, also! Gute Nacht, die Herren!“ verabschiedete er sich.

Und er ging hinaus.

Die Droschke polterte gemächlich in der Finsternis, die den ersten Morgenstrahl witterte, über das unbebaute alte Glacis, das zwischen dem Bahnhof und der neuen Brücke lag. Als sie über die Brücke fuhr, die mit einem Bogen das Petrustal schlank überspannte, lag über den Dächern der Stadt, zwischen dunklen Wolkenmassen die erste Helligkeit, wie ein ernstes, unendlich fern herblickendes Auge. Der Turm der Niklauskirche stach mit seiner kurzen Spitze plump daneben auf.

„Ach Gott, weshalb, wozu nun das alles?“ klagte Baptist und seufzte. „Weshalb, wozu?“

Seine Lippe schmerzte ein wenig. Er tupfte das nasse Taschentuch an die kleine Wunde, sie leise kosend, wie ein trauriges Mal.

„Ja, ja, wozu alles? Ach mir ist so ...“

Er stieß mit dem Fuß auf.

„Lächerlich! Jetzt wein ich auch noch! Puh! Es ist geschehn. Ich werde morgen Nacht mit der Rosa schlafen gehn. Hol’s der Teufel!“

Aber er dachte an seine Schwester Jeanne.

„Nein, ich geh nicht! Es genügt, daß ich mir der Möglichkeit bewußt bin, es zu können.“

So räsonnierte er, dessen Sinnlichkeit noch keine Erhörung gefunden und auch noch niemals im Ernst gesucht hatte. Wie ein großer zauberhafter Vogel stand nur immer über allem, was er dachte und tat, der fromme Glauben, daß die Erfüllung dieser Wünsche sich wie ein wahr gewordenes Märchen, wie ein mit Sternen besäter, weiter, dunkler Mantel, der voll weißer Blumen und voll rätselhaften Jasminduftes sei, auf ihn niedersenken müßte, ganz von selbst, ohne daß er die Hand oder den Fuß drum rührte.

Diese Gedanken erfüllten ihn auch, als er vorsichtig auf den Socken die Gesindetreppe hinauf zu seinem Zimmer schlich. Als er ins Bett sank, war ihm eine ganze Weile, als läge er in einem wundersamen Bade. Dann gaukelten die verschwiegenen Wünsche wieder empor, aber während er mit offenen Augen und mit einer kleinen, harten Melancholie im Herzen das Licht draußen über den Bäumen des Parkes erwachen sah, zog auf einmal das Gespräch des Auswanderers in der Kneipe in seiner Erinnerung klar auf. Einer seiner Kameraden wollte mit dem Arbeiter nach Amerika gehn! – War das Kraft und Willen! Und schließlich seufzte Baptist, mürbe und sich hingebend: „Könnt ich das auch!“

Viertes Kapitel

Baptist lag noch im Bett, als er vor der Türe Annas Stimme hörte: „Elis!“ rief sie hastig in den Flur hinein, „der Hämmelsmarsch!“

Halbwach hörte Baptist weiter, wie die Worte von einem ungeduldigen Davonknistern von Röcken erstickt wurden. Plötzlich rannte ein anderer gröberer Schritt trommelnd in den ersten Lärm, und in demselben Augenblick unterschied er mitten in diesen Geräuschen, die ihn im Halbschlaf überfallen hatten, die Töne von Blasinstrumenten, die zusammenhangslos ineinander krähten. Er sprang verwirrt aus dem Bett und stürzte ans Fenster, durch das er seitwärts auf die Straße sah. Dort waren vier Musikanten aufgestellt, von einer Herde bändergezierter Hämmel umgeben, die sie, während sie spielten, mit den Füßen energisch zusammen hielten. Einer stand etwas vor und blies in ein weißes Nickelpiston; das war der Kellner Ändri von Hiltchen. Eine Schar Kinder hielten sich neben den Musikanten und sangen mit frechen, spitzen Stimmen, die aus den Tonmassen der Trompeten gleichsam herausstachen:

„Die Kanner lossen hire Kaffi stohn Fi...ir den Hä...ää...ämel nozegohn, Den Hämmel no! ze! gon!“

Den letzten Vers zerhackten sie, gleich als hätten sie es eilig.

Die kurze Melodie begann immer wieder von neuem. Die hungrigen Hämmel wurden von den Kindern hinterlistig gereizt und sprangen mit kläglichen Schreien durcheinander. Ändri haute, ohne das Piston abzusetzen, einem Buben unversehens eine hinter die Ohren. Der Bube sprang heulend weg und rief: „Wart, du Hund, ich sag’s meinem Vater!“ Aber Ändri blies wie wütend über das Geschimpf hinweg. Dann ging der Junge auf die andere Seite der Straße, wartete ein wenig und warf mit einem kleinen Stein nach Ändri. Ohne umzublicken, stürzte der Bub davon und rannte was gibst du, was hast du!

Baptist war von dem plötzlichen Zusammenstoß all der Geräusche im Halbschlaf überrumpelt worden. Nun wollte er enttäuscht vom Fenster weggehn. Es ärgerte ihn, daß man den alten schönen Gebrauch, die Schobermesse, das Nationalfest der Stadt, mit dem Hämmelsmarsch einzuweihen, so zum Gewerbe machte, daß schließlich die Musikanten an jedem dritten Tag den Marsch spielen gingen. Aber da erschien Anna auf der Straße und reichte Ändri ein Geldstück. Das weiße Piston glitt vom Munde ab, und Ändri machte einen Diener. Einen Augenblick spielte nur der Keuchatem der begleitenden Instrumente. Dann beschrieb Ändri mit der Linken einen schnellen Schnörkel durch die Luft, jagte mit dem Piston an den Mund, aber nur zu einem kurzen, zweitönigen Auftakt, der die kleine Weise abschloß.

Die Musikanten hoben die Trompeten vom Mund. Sie riefen wie aus einem Hals: „Ein Vive für den Herrn Biver!“

Die Trompeten flogen wieder unter die Schnauzbärte und, eine nach der andern einsetzend, bliesen sie dreimal hintereinander das „dreimal-hoch, dreimal-hoch-hoch-hoch!“

Dann lupften die Musikanten die Hüte gegen ein Fenster, in dem Baptist seinen Vater vermutete, und der Zug setzte sich in Bewegung auf die nächste Villa zu.

Als Baptist ins Zimmer zurücktrat, fühlte er seinen Kopf schwer und voll stechender Schmerzen. In seiner Lippe brannte ein kleines Feuer, und er ging zum Spiegel. Aber die Wunde war kaum sichtbar und nicht bedeutender, als die Geschwulst eines Wespenstichs. Das beruhigte ihn. Er goß das Waschbecken voll Wasser und steckte den Kopf hinein, daß das Wasser über den Rand der großen Schüssel auf den Tisch niederkletterte.

Er zog sich langsam an, indem er die Ereignisse der Nacht vor sich aufmarschieren ließ, und ging in das Eßzimmer hinab. Dort fand er seinen Vater am Kaffeetisch über ein Blatt der ‚Luxemburger Zeitung‘ gebückt sitzen. Der Vater grüßte aus der Lektüre heraus Baptist gut gelaunt und herzlicher, als seine Gewohnheit war.

Als Anna Baptists Tasse gefüllt hatte, sagte dieser zu seinem Vater: „Dieser Hämmelsmarsch entwickelt sich schnell zur reinsten Bettelei. Vor zwei Jahren folgten sie wenigstens noch dem alten Brauch und kamen uns nur am Schobersonntag in aller Früh’ aus den Betten blasen. Nun kommen sie auch noch am Donnerstag, und am zweiten Sonntag und warten, bis die Leute aufgestanden sind. So ist es nicht mehr schön.“

Aber der Vater meinte gutmütig: „Laß’ die Jungen doch ihre paar Mark verdienen.“

Baptist war nicht einverstanden damit: „Die paar Mark gönne ich ihnen. Aber daß sie den einzigen alten volkstümlichen Gebrauch, den die Stadt noch hat, industrialisieren, das meine ich nur damit!“

Sein Vater ging jedoch nicht ein auf Baptists Einwände. „Das Industrialisieren ist der Zug der Zeit. Diese alten Gebräuche, das kommt aus der Mode. Heute ist eben eine andre Zeit!“ meinte er gleichgültig und las wieder in der Zeitung, von der einige Blätter über den Tisch gebreitet lagen. Dann ging er hinaus, kam aber bald wieder.

„Sag’ mal,“ fragte er, „du hast doch den Professor Hamilius im Examen?“

„Leider!“ antwortete Baptist.

„Horch mal!“ und Herr Biver las aus der Zeitung vor: „Der Sultan von Marokko, der bei dem Nationalfest der französischen Turner in Reims zu Gaste war, hat Herrn Professor Albert Hamilius aus Luxemburg, den der Turnverband des Großherzogtums als Vertreter zu den französischen Freunden geschickt hatte, den Orden des Nicham Astika am grünweißen Band verliehen.“

„Den verdient er!“ sagte Baptist spöttisch. „Er ist ein wirklicher Gymnastiker! Er läßt Knabenschicksale auf seinem Bizeps jonglieren, wie ein Zirkuskünstler, der mit Messern spielt, die nicht geschliffen sind.“

„Ja, er soll ein strenger Lehrer sein!“

„Streng und gerecht – nach dem Recht von: Ich bin groß und du bist klein!“ entgegnete Baptist bitter.

„Das ist ein Grund, ihm entgegen zu kommen!“ sagte Herr Biver.

Baptist schaute seinen Vater an. Der sah nicht weg aus der Zeitung. Aber nach einer Weile stand er auf und trat vor Baptist hin: „Schau mal, Junge, ich weiß ja, was das ist, mit dem Examensglück. Die einen haben’s, die andern nicht. Das verändert einen Menschen nicht. Besteht man es dieses Jahr nicht, so besteht man es im nächsten. Ohne das kommt man aber auch durch, wie du an mir siehst. Aber du hast nun einmal _den_ Weg genommen, und es wäre doch gerade miserabel dumm, wenn du mit so einem Examen ein Jahr verlieren müßtest. Ein Jahr ist heute was. In unserer Zeit, die so schnell lebt, ist ein Jahr ein bedeutendes Stück Arbeit. Was meinst du, wenn wir der beim Examen so wichtigen Gunst des Geschicks ein wenig entgegenkämen?“

Baptist stammelte betroffen: „Ja, ich weiß nicht, Vater ...“

„Ich meine,“ fuhr der Vater fort, „wir sichern uns einen Hauptfaktor des gutgesinnten Geschicks, zum Beispiel den Herrn Hamilius. Herr Hamilius gibt dir die vier Wochen, die es bis zum Examen noch sind, Unterricht. Einem bellenden Hund hält man am besten eine Wurst hin, das ist ein bewährtes Mittel. Wir finanzieren das Glück, und es wird seinen Vertreter, den Professor Hamilius, günstig gegen uns stimmen. Ich hab’ gestern Abend mit Herrn Wampach darüber gesprochen. Der hat mich gerade auf Hamilius gebracht, den er aus der Erfahrung seiner Studenten kennt. Was meinst du, ich nehm den Nicham Astika bei der Krawatte und beweg mich mal zu dem Herrn Examinator? Ich will ein blaues Känguruh sein, wenn der Streich nicht gelingt.“

Er schaute Baptist lächelnd und fragend an.

Baptist sagte: „Das würde sicher helfen!“

Aber das Blut kam ihm voll Scham ins Gesicht. Er freute sich an der unerwarteten Herzlichkeit, mit der sein Vater sich in sein Geschick mischte, aber er schämte sich, daß der Vater seine Angelegenheit vor das Kartenkollegium gebracht hatte; vor diese Versammlung kleinbürgerlicher Rechner, mit denen sein Vater verkehrte, weil ihre gröbern Formen ihm mehr gingen als der Schliff der Gesellschaft, und weil diese Männer ihn bedingungslos anerkannten, während er für die andere Klasse noch zu sehr die Spuren der Arbeit, mit der er sein Vermögen hereingeackert hatte, an seinen Kleidern trug. Und Baptist haßte diesen Proleten Hamilius, der wie ein Hofköter hinter dem schwächeren Vieh des Stalles dreinbellte, um seine rücksichtslose Macht an ihm zeigen zu können, und der durch jede Wurstpelle zum Bundesgenossen zu machen war. Er konnte sich nicht vorstellen, daß er sich gerade diesem so ausliefern sollte, wie es sein Vater vorschlug, obschon er wußte, wie vortrefflich der väterliche Plan war.

Sein Vater rieb sich hastig die Hände, als fühlte er sich von einer Last befreit. „Das wollen wir schon deichseln!“ sagte er vergnügt, faltete die Zeitungen geschäftig zusammen und ging, die Blätter in die Tasche schiebend, auf die Türe zu. „Heute kann ich nicht gut zu ihm gehen!“ meinte er noch, während er sich an der Türe umdrehte. „Es ist Sonntag. Das geht dann wohl nicht.“

„Nein!“ antwortete Baptist. „Aber morgen vielleicht!“

Dann entfernte sich sein Vater.

Baptist seufzte. Er wußte nicht, wo er dran war. Seine Gedanken lagen wie in Nebel gebadet. Er sah keine zwei Schritte weit hinein. Dann schloß sich ihr Gemengsel zu einem unklaren Dickicht, in dem sich, wie etwas unerhört Rohes, aber doch Wichtiges, der Zusammenstoß bewegte, den er gestern mit dem verlumpten Arzt gehabt hatte.

Er wollte mit Jeanne über sich sprechen und klingelte.

Anna kam. Aber sie sagte, Jeanne sei schon ausgegangen.

„Wie spät ist es denn?“ fragte Baptist.

„Gleich elf!“ antwortete das Mädchen lächelnd. Sie räumte auf dem Tisch herum. Dann fragte sie vertraulich: „War es schön gestern Nacht, Herr Baptist?“

Baptist erschrak.

„Was wissen Sie denn, wie es war?“

„Ja, Sie sind doch gestern ausgegangen!“

„Ach so! Ja, ja, es war sehr schön!“

„Die jungen Herren amüsieren sich immer gut!“

„Ach was!“ sagte Baptist gedankenlos. Er kam nicht mit sich in Ordnung, und das Gespräch des Mädchens reizte ihn.

Anna räumte den Tisch auf und verließ mit einem schnippisch unzufriedenen Gesicht das Zimmer.

Baptist stieg zu seiner Studierstube hinauf. Er setzte sich zum Schein an seinen Tisch – er konnte ja doch nicht arbeiten und er versuchte auch gar nicht anzufangen. In das Gespräch seines Vaters mischten sich unerbittlich die Erlebnisse der Nacht, und beides wollte nicht ineinander aufgehn. Es war wie zwei Welten, die sich an einander rieben: die Sorge des äußern Lebens und die Sorge des innern Lebens. Aber aus dem Mischmasch all dieser zwiespältigen Überlegungen drängten sich die Schlägerei und die auf seinen Feind losstürzenden Italiener unaufhörlich grob und faßbar klar heraus, bis die Erinnerung an diese leibhafte Tat Baptist etwas wie eine Erlösung in dem Verfließen aller andern Vorstellungen wurde.

So nahm Baptist seinen Hut und ging schnell durch den Park zur Schobermesse, weil er die Italiener finden mußte.

* * * * *

Auf der Schobermesse schritt Baptist ohne umzublicken zwischen den Reihen der langsam zum Sonntagsleben erwachenden Buden auf die Baracke von Hiltchen zu. Die Vorderwand war ausgehoben wegen des Tages, der sonnig begonnen hatte, und ein paar Vormittagsgäste saßen vereinzelt an den vorderen Tischen und tranken ihr Pöttchen Bier. Baptist setzte sich abseits von ihnen tiefer ins Lokal hinein. Ein fremder Kellner bediente ihn.

„Sind die Italiener noch nicht da?“ fragte ihn Baptist.

„Die lassen wir nicht mehr herein, nein, nein!“ antwortete der Bursche mit wichtigtuender Aufgeblasenheit.

„So, so!“ sagte Baptist wütend. Er trank sein Glas auf einen Zug leer und ging wieder.

Als er langsam und unentschieden in der harten Vormittagssonne durch eine der schattenlosen Budenstraßen schritt, sah er unerwartet den dicken Italiener vor sich.

„Das ist gut, daß ich Sie finde!“ rief Baptist erfreut. „Ich suchte Sie grade bei Hiltchen.“

Der Italiener drückte ihm lässig die Hand.

„Bei Hiltchen ist nix mehr!“ sagte er traurig. „Großer Schaden für uns!“ fügte er nach einer Pause hinzu.

„Das ist durch mich, und es ist selbstverständlich, daß ich Sie entschädige.“

Der Dicke blitzte ihm erstaunt zu.

„Ja, und ich danke Ihnen auch, daß Sie gestern für mich einsprangen!“ fuhr Baptist fort.

Aber auf einmal umringte ihn die ganze italienische Kapelle. Er konnte nicht begreifen, wo sie alle so plötzlich herkamen. Sie reichten ihm mit lebhaften Worten alle nacheinander die Hand und schüttelten die seinige, zuletzt Rosa, und sie fingen an, mit schnellen Bewegungen der Arme, mit gespreizten und geballten Fingern, mit hüpfenden Sprüngen des Körpers ihm zu erzählen und zu schildern. Sie mischten in ihr Italienisch die paar deutschen und französischen Wörter, die sie sich angeeignet hatten, und waren herzliche Kameraden zu ihm. Margherita drängte sich an ihn heran und tupfte sich mit dem winzigen Zeigefinger auf die Oberlippe, riß dann die Augen auf, sperrte alle zehn Finger auseinander und sagte immer, indem sie die gespreizten Finger wie abwehrend vorhielt, oh, oh, oh! die ganz entsetzt klangen. Rosa schaute ihn mit dem sanften Mitleid ihrer gutmütig dummen Augen an und die andern turnten, hüpften, lachten, drohten und schimpften um ihn herum.

Als aber der Dicke etwas zu ihnen sagte, waren sie bald ruhig. Nur Margherita konnte ihre entsetzte Miene noch nicht beendigen. Die Italiener schauten Baptist erwartungsvoll an. Aber er verstand nicht, worum es sich handelte.

„Wir wollen morgen in der Früh reisen!“ sagte der Dicke.

„Wissen Sie was, Häuptling!“ rief ihn Baptist an. „Wir feiern zusammen Abschied. Ich lade Sie zum Mittagessen ein, und dann bringen wir auch die andere Sache in Ordnung. Wollen Sie um zwei Uhr alle zu Engler am Bahnhof kommen?“

„Gut, gut!“ sagte der Dicke. „Dank schön!“ Er verdolmetschte die Einladung an die Italiener und sie winkten froh ja!

In dem Augenblick ging eine Kameradin von Baptists Schwester vorbei und drehte sich auffällig weg, indem sie die Nase rümpfte. Da genierte sich Baptist der Gesellschaft, zog den Hut und machte sich rasch davon. An der Ecke, an der er die Schobermesse verlassen wollte, stieß er mit dem Professor Hamilius zusammen. Der Professor tat, als müßte er vor Verwunderung, daß der Schüler hier und nicht hinter seinen Büchern war, einen Schritt lang stehen bleiben. Baptist errötete, weil er an den Kuhhandel dachte, der ihn vielleicht schon morgen mit diesem Manne verband. Er lüftete verwirrt den Hut und drückte sich dann rasch in den Park hinein.

* * * * *

Als Baptist gegen Mittag wieder nach Hause kam, war seine Schwester im Garten zwischen den Rosen.

„A, Jeanne!“ grüßte er.

„Wir sind heute und morgen Herr im Haus!“ rief Jeanne ihn gleich an, „Papa fährt um halb eins nach Nancy. Er hat ein Telegramm bekommen. Was fangen wir an?“

„Armes Schwesterlein, du mußt dich das allein fragen. Ich bin schon belegt. Ich muß bald weg!“

„Darf man fragen – wohin?“

„Nein, das darf man nicht!“

„So?!“ machte Jeanne enttäuscht und schnitt weiter in dem dichten Rosenstock.

„Ist der Vater schon weg?“ fragte Baptist.

„Du weißt doch, daß er immer eine Stunde vor Zugabfahrt im Bahnhof sein muß. Sonst hat der Zug keine Lust einzulaufen!“

„Ja, ja!“ lachte Baptist.

Die Nachricht dieser Reise war ihm sehr angenehm. Er hatte gefürchtet, daß er nicht bis zwei Uhr bei Engler sein könnte, denn er mußte zu Haus mit essen. Jetzt war er schon gleich frei. Er ging sich umziehen. Dann schlenderte er über die neue Brücke dem Bahnhofviertel zu und trat ins Hotel Engler ein. Er ließ in einem kleinen Saal des ersten Stockes den Tisch rüsten, bestimmte, was serviert werden sollte, und fing an, auf die Italiener zu warten.

Sie kamen kurz nach zwei und begrüßten ihn mit einer gewissen steifen Feierlichkeit. Sie hatten ihre Instrumente mitgebracht und ordneten sie in einer Ecke zusammen. Als sie sich um den Tisch setzen wollten, wies der Dicke die Plätze an. Er schob Rosa Baptist zu und nahm sich selber den Stuhl an der andern Seite des Gastgebers. Baptist gegenüber saßen Margherita und ihre Mutter. Die Tischgesellschaft zählte neun Personen, die zuerst etwas geniert anfingen, vor einander zuzulangen. Baptist hatte das Menü mit Überlegung zusammengestellt, indem er die Nationalität und die Gewohnheit der Lebenslage der Gäste gegen die Gebräuche seiner heimatlichen Küche aufrechnete. An Weinen stand ein leichter Mosel und ein kleiner Bordeaux auf dem Tisch bereit, denen sich, wer davon mochte, italienische Weine zugesellten. Ein schwererer Rheinwein wartete in Eiskübeln auf dem Büfett. Es war ein kleines Meisterstück von Höflichkeit, dieses Mahl, eine diskrete Huldigung für die Italiener.

Sie merken es wohl nicht! sagte sich Baptist. Aber das störte seine Laune nicht. Weshalb sollen sie’s auch merken! Die Hauptsache ist ja nicht für sie, sondern für mich – die Absicht, die wie ein Kern in der Schale liegt.

Baptist war zum ersten Male allein und unbeobachtet zwischen ihnen, und es machte ihm Schwierigkeit, immer den Dicken als Dolmetscher heranziehen zu müssen, wenn einer ihn anredete oder er selber einem etwas sagen wollte. Es hatte etwas Befremdendes, so eng zwischen ihnen zu sitzen und sie mit einer ganz andern Führung der Gesten, mit Worten der fremden Sprache, gegen deren Sinn er vergeblich anrannte, miteinander verkehren zu sehen. Ja, es hatte etwas Feindliches zum Ansehn, und jedes Lachen machte Baptist mißtrauisch. Er kam sich unsicher und wie verraten vor.