Part 3
Als er eintrat, sah er gleich im Grunde des tiefen, mit Tüchern, Fahnen und Tannengirlanden verhängten Lokals die Gruppe der Musikanten in bunten Kleidern aufrecht stehen, spielen und fingen, und Rosa stand vor ihnen und schüttelte das Tamburin auf ihren Fingern. Sie war untersetzt und leidenschaftslos und konnte ihre Hüften nicht biegen. Sie schlug das Tamburin, als müßte sie eine Last heben. Baptist sah gleich ihre schweren Hände. Ein Gefühl von Mißbehagen ergriff ihn. „Eine Magd!“ sagte er sich und wollte davoneilen.
Aber da sprangen oben in der Nähe der Kapelle zwei Menschen auf und winkten ihm eifrig zu.
Baptist ging zwischen den Tischen durch zu seinen Bekannten und setzte sich neben sie. Er war jeden Abend mit diesen beiden zusammen. Er hielt sie neben sich, wie Angestellte, wenn er nicht gern allein sein mochte, und bezahlte immer, was sie tranken.
Als er sich setzte, bemerkte er, daß die Italiener ihm grüßend mitten im Spiel zuwinkten. Aber er tat, als sähe er es nicht.
„Batti, kuck, die Jitzkos wollen dir Guten Abend sagen!“ stieß ihn Adolf an. Da erwiderte er flüchtig die Grüße.
„Die Rosa hat vorhin gefragt, ob du nicht kämest!“ begann Adolf wieder.
„Was liegt mir an der Rosa!“ sagte Baptist ärgerlich.
„Nachher wirst du das nicht mehr sagen!“ lachte Adolf anzüglich und rollte mit einem Fluch die Augen dazu, als kostete er im vorneherein schon etwas übertrieben Genießerisches, was Baptist nachher widerfahren sollte. Aber der Fluch und das Augenrollen waren falsch, wie ein geschliffener Glasdiamant am Finger eines sonntäglich geputzten Bierknechtes. Adolf drehte seinen langen braunen Schnurrbart, der wie aufgeklebt im Gesichte saß, und lachte, als hielte er nur mit Mühe zurück, indem er mehrmals mit der Hand auf den Schenkel schlug.
Der Dritte, der ein dünner, blonder Realschüler war, während Adolf schon seit zwei Jahren in der „Regierung“ schrieb, saß in ruhigem, kostendem Behagen da, lächelte mit seinen rot umränderten Augen, trank und schwieg.
Mittlerweile hatten die Italiener ihr Lied heruntergegeigt und gezupft. Der dicke, schwarzhaarige und schwitzende Kapellmeister und Manager, der aussah wie ein cholerischer deutscher Bierwirt, kam zu Baptist heran und gab ihm die Hand. „Wie gehts?“ fragte er lässig auf Hochdeutsch. „Hab’ einen Durst so lang, um dran bis an die Wolken zu klettern! Holla, Garçon so einen großen Münchener!“
„Ach,“ sagte Baptist, „man kann ja der ganzen Gesellschaft einen aufführen lassen! Ändri, für alle!“
Der Kellner Andree machte einen ergebenen Diener und ging davon. „Na ja!“ bestätigte der dicke Italiener.
„Das schlägt Ihnen an bei uns, was?“ machte Adolf und tippte den Dicken auf den Ranzen. Der blonde Realschüler grub lächelnd seine roten Augen in den Bierkrug. Der Dicke lachte und schmatzte zwischen den schwarzen Haaren seines Bartes heraus: „Makkaroni!“
„Einen alten Dreck, Makkaroni!“ warf Adolf mit einer sich wehrenden Armbewegung hin. „Schweinekoteletti, Bierio, hä Italiano? Daher die dicke Trommel, bum, bum!“ und er tat, als schlüge er ihn auf den Bauch. „Makkaroni! – Erstick dran!“ sagte er noch einmal wegwerfend. Der Italiener lachte, daß alles an ihm in ein kurzes Schaukeln geriet. Seine kleinen gemeinen Augen kniffen sich zu und stachen funkelnd zwischen den Augenlidern heraus, daß es aussah, als entfielen ihnen kleine glitzernde Küglein.
Da kam Rosa und hielt das Tamburin hin, zuerst dem blonden Realschüler, der einen Sou hineinlegte, darauf Adolf, der sie verbindlich anlächelte und nichts gab. Sie zog das Tamburin schnell zurück und errötete. Dann schaute sie zu Baptist hin, lächelte ein bißchen mit ihrem unbeweglichen Gesicht und winkte ihm zu, indem sie ihm leise sagte: „_Bona Sera, Signor!_“ Sie sprach kein einziges Wort einer andern Sprache.
Baptist reichte ihr an dem Kapellmeister vorbei die Hand. Sie wunderte sich etwas darüber und begriff seine Bewegung nicht gleich. Aber ihre leise und unaufdringliche Art hatte Baptist versöhnt. Er unterschlug sich ihre Hände und sah nur das ruhige Gesicht, das zu einem sanften Oval gebildet und lieblich war und die Sonne der Heimat wie einen zarten, blaßbraunen Reif auf seiner Blondheit trug.
Baptist legte eine Mark in das Tamburin, und die Italienerin nickte wieder mit ihrem etwas schwerfälligen Lächeln und sagte ein leises: „_Grazie!_“
Sie ging auf das Podium zurück, und Baptist schaute sie immer an. Es war ihm wohl und es hatte ihn erlöst, daß er wieder einen Weg zu ihr gefunden hatte. Der dicke Italiener spaßte weiter mit Adolf. Der Realschüler hockte sozusagen nur nebenan, wie ein Kinderfräulein bei einem Ausflug am Tisch ihrer Herrschaft, und beteiligte sich nur durch lächelnde Mienen.
Als der Italiener ging, um ein neues Stück zu spielen, sagte ihm Baptist: „Aber gelt, Häuptling, keins von den dummen, die Ihr immer spielt. Lieber: ‚_Vieni sol mare!_‘“
„Wie Sie wünschen, Herr!“ und die Italiener spielten das Lied. So oft der Refrain kam, standen sie alle auf und sangen zur Begleitung der Geigen und Mandolinen: ‚_Vieni sol mare ...!_‘
Und die Melancholie, die Verliebtheit, das süße Leid eines andern, bunten Volkes erschienen Baptist aus der schwermütigen, weichen Weise. Das Meer ebbte dunkelblau und sanft. Die Sonne lag drauf wie ein Traum. Die Ferne stand auf und war voll stiller Einsamkeiten, voll stiller Wanderwinkel, nach denen Baptist sich sehnte. Er schaute Rosa an, und ihr liebliches Gesicht, das kein Bewußtsein von sich selbst zu haben schien, lächelte ihm bisweilen schwerfällig zu.
Ob sie ihn liebte!
Nein, nein, sie liebte ihn nicht. Weshalb sollte sie ihn lieben? Weil er immer hier sitzt und sie anschaut? ... Er hat noch kein Wort mit ihr gesprochen. Weshalb sollte sie ihn lieben? Vielleicht war einer der Musikanten ihr Schatz? Was war auch gleichgültiger als das? Sie stand ja nur mitten im Lied, mitten in dem Glast des fernen Landes, das mit seiner Melancholie, seinem funkelnden blauen Meer sich hinter ihr ausbreitete.
_Vieni sol mare ..._
Es war der Rhythmus von Verzichten, von der traurigen Süße jenes Verzichtens, in dem man erst recht besitzt. Vor vierzehn Tagen war sie gekommen. Er hat sie jeden Tag gesehen, hat jeden Tag hier gesessen und mit Blicken um sie geworben. Morgen wird es das letztemal sein. Und dann sieht er nicht einmal mehr die Spur, vor der sie davonging! Die Poesie des Vorüberziehens, fern und keusch!
Aber es war nicht traurig, das so auszudenken. Es zog auf in Baptist wie die blanken Scharen weißer Wanderwolken an ersten Sommertagen. Seine Phantasie wanderte und schweifte. Weiten öffneten sich vor ihm, er brauchte nur hineinzuschreiten. Er war reich und besaß Macht wie ein Fürst. Eine heiße Fröhlichkeit brach in ihm empor, wie eine zum Himmel steigende Schwalbe.
„O Jungen,“ rief er auf einmal, „jetzt wird Champagner getrunken!“ Er winkte dem Kellner: „Ändri, Änder, her mit dir!“
Der Kellner kam ergeben herangestürzt.
„Jetzt bring in einem Faß voll Eis eine Flasche _Moët dry_! oder lieber gleich zwei! ... Wir wollen mal sausen!“ sagte er den beiden andern, und die wackelten auf ihren Stühlen und lachten und lächelten. Adolf schlug sich wieder mit der Hand auf den Schenkel, als klopfte er Lustigkeit da heraus. „Batti, Batti!“ lachte er.
„Wir wollen sausen, daß Luxemburg über Nacht zum Kaiserreich wird!“
Bald kam der Kellner mit den bestellten Flaschen. „So, Ändri!“ sagte Baptist, „Nun zählen Sie mal die Gesellschaft auf dem Podium und setzen Sie ebensoviel Gläser auf ein Tablett und dann bringen Sie auch zwei Flaschen dahin!“
* * * * *
Über die elfte Stunde wurde es leerer in dem großen Raum, der von dem trockenen und erhitzten Geruch ungestrichenen Fichtenholzes erfüllt war. Die Bürger rückten heimwärts. Aber auf ihre Stühle setzten sich die Junggesellen der Stadt.
Die Junggesellen waren im gesellschaftlichen Leben der Stadt eine Kaste. Es war eine Kaste, die sich einigermaßen außerhalb von Sitte und Gesetz gestellt hatte, aus eigener Macht und mit der notwendigen Rücksichtslosigkeit, denn sie bildeten einen zahlreichen und vielleicht den wichtigsten Stand in der Gesellschaft von Stadt und Land. Eine Hauptsache vor allem hatten sie sich gesichert: Die Legitimität ihrer Maitressen. Die Gesellschaft der kleinen Stadt mußte sie duldend anerkennen, bis die Verlobung dem anarchischen Stand ein natürliches Ende bereitete. Aber sie rächte sich dafür, indem sie von diesen Damen witzige Streiche erfand und verbreitete und ihnen Spottnamen anhing, wie z. B. das Petrolkännchen oder das Gaslaternchen, der Kaffeesack ... Namen, unter denen sich für Eingeweihte meist derbe Ergötzlichkeiten verbargen.
Mit diesen legitimen Maitressen erschienen die Junggesellen, alte und grüne, bei Hiltchen und besetzten die großen Mitteltische. Um jedes Paar schwänzelten einige leichtsinnige Ehemänner herum, denen das Privileg der Junggesellen nicht zugebilligt worden war, und machten den Damen eindringlich den Hof. Es wurden Krebse und Champagner bestellt, nachdem man von irgendeinem kräftigen Hotelsouper gekommen war, und die Heiterkeit schickte derbe Scherze los, dröhnte zu dem Holzdach hinauf und polterte durch das ganze Lokal.
Da erschien drunten in der Eingangstüre ein Mensch, der plump, knorrig und verbeult aufgeschossen war, wie ein Birnbaum, der an einem Hügel wächst. Er ging langsam zwischen den Tischen durch. Sein Kopf saß etwas kegelig gespitzt auf dem langen Leibe und hatte eine mächtige, flachgedrückte Entennase, wie eine Last zu tragen. Ein Büschel schmutzigblonder Haare flatterte unter ihr über die Lippen. Im ganzen Lande kannte man diesen Menschen wegen seiner Häßlichkeit, und man sagte: Der oder der ist häßlich, wie der Heng aus Esch.
Herr Heng war von Haus aus Arzt gewesen. Man hatte ihm aber bald die Praxis genommen und ihm auch zeitweilig die Freiheit entzogen. Das war wohl schon lange her und so gut wie vergessen. Aber er war dann in die Welt gewandert, hatte ihre Härte erfahren und war zurück nach der Heimat gekrochen, wie ein geschlagener Hund. Er saß nun in dem jungen und unkontrolliert wachsenden Eisenerzstädtchen Esch und heilte die Jünglinge, die sich scheuten, zum Arzt in Amt und Würden zu gehen, von ihren heimlichen Krankheiten. Man ließ ihm diesen Erwerb, weil er aus einer angesehenen Familie war, der man den Skandal vermeiden wollte.
Dieser Herr Heng, der zu allem noch ein Trunkenbold und Raufer geworden war, ging an den Tischen der Junggesellen vorbei und hob rümpfend die Nase hoch, als röche es nicht gut in dieser Gesellschaft. Seine großen gefleckten Giraffenaugen schlugen dabei klappernd jedem der Reihe nach ins Gesicht, und er räusperte sich herausfordernd vor jedem der Junggesellen, während er die Stelle, wo eine Dame saß, immer nur mit einem verächtlichen Blick streifte. So ging der Ausgestoßene an diesem erlesenen Teil der Gesellschaft vorbei. Aber die Junggesellen leerten scherzhaft ihre Mißachtung über ihn aus. Sie lachten und sagten laut unter sich Scherze über den Herrn Heng.
Als er an den Tischen vorbei war, schüttelte Herr Heng den ganzen Körper und fing an zu wiehern wie ein Pferd, worauf die Tische der Junggesellen mit allen Damen vor Lachen in ein verrücktes Durcheinanderschaukeln fielen. Herr Heng drehte sich aber nicht mehr um, sondern ging mit seinem krummen Stolz zwischen den Tischen weiter, bis er die Gesellschaft Baptists sah. Da schritt er stracks auf diesen Tisch los, ließ seine großen dummen Giraffenaugen einen Augenblick über Baptists Kopf drohend klappern und setzte sich, während Baptist anfing loszulachen, an den Nebentisch.
Der Wirt war aus dem Verschlag herausgetreten, von dem aus er das Lokal überwachte. Er stand ernst und würdig in seinem zweigezackten schweren grauen Bart zwischen den Tischen und hielt Herrn Heng mit den Augen fest, wie ein General das Schlachtfeld in das Bereich seiner Blicke zu konzentrieren sucht. Er winkte, aber daß man es kaum merkte, den Kellnern eine Ordre zu, und dieses Heer schien heimlich bereit, auf das erste Kommando des Befehlshabers auf Herrn Heng loszustürzen. Die Italiener strichen, zupften, rasselten und sangen vom _Bello Napoli_, von dem _Sole mio_, von _Amare e morire, danzare e baciare_, vom _Mare_, von der _Santa Lucia_ und der _Bella Annita_, von den _Funiculi_ ... Es war Leben in sie gekommen bei dem Champagner, und die Männer begleiteten ihr Spiel mit Grimassen und schlugen mit den Beinen dazu wie Frösche, die im Gras auf dem Rücken liegen und mit Fliegen spielen, die sie kitzeln wollen.
Die kleine Margherita, die schwarz und kraus war wie ein Äffchen, hüpfte vom Podium herunter und stieß mit ihrem Glas mit Baptist an. Mit ihm allein. Ihre kleinen schwarzen Augen lachten ihn an, daß der Blick ihm wie ein heißer Tropfen ins Herz fiel.
„_Evviva Margherita, la bella Margherita!_“ sagte Baptist leise und erhitzt.
Aber dann kam auch Rosa langsam und schwerfällig, lächelte wie unbewegt und stieß mit einer etwas plumpen Gebärde gegen sein Glas, so daß ein wenig von ihrem Champagner auf seine Knie geschüttet wurde. Da stellte sie ihr Glas ab, nahm erregt das Taschentuch, um die Weinflecken abzuwischen. Ihr Gesicht bückte sich dabei zu Baptist nieder und er sah dieses sanfte, gebräunt blonde Oval in dem leisen Dunst des beginnenden Rausches, wie etwas unerhört Zärtliches nahe bei sich. Er zog es heran und küßte leicht die Wange.
Rosa fuhr zurück, langsam und geniert, und die Italiener lachten und tranken Baptist vom Podium aus zu, einer nach dem andern.
Aber dieser Vorgang erregte das Mißfallen des Herrn Heng. Er klapperte mit seinem Bierkrug auf den Tisch und rief: „_Nom de Dieu_, _Goddam_!“ Er zog mit einer weiten Gebärde seinen rechten Arm an, faßte sich an den Bizeps und ließ den Arm dann locker spielen, als boxte er gegen die Luft. Das war eine Londoner Erinnerung von ihm. Jedoch niemand tat seiner acht. Die Italiener glaubten, er sei ein harmlos Betrunkener, und lachten sich an über ihn. Dann klatschte der Dicke die beiden Mädchen wieder herbei.
„Gelt, Häuptling, noch einmal: _Vieni sol mare!_“ rief Baptist und der Italiener winkte: ja!
Das Lied regnete wieder auf Baptist herein. Sein Herz ging drunter auf, wie die Astspitzen der Kirschbäume unter den gewärmten Aprilschauern. Er stand jetzt mitten im Lied und war selber drin tätig. Er erlebte selber die süßen Traurigkeiten, von denen es sang. Und da erfaßte ihn ein, wie ihm schien, ganz unwiderstehlicher und romantischer Einfall. Er sprang aufs Podium hinauf, nahm dem leicht widerstrebenden Kapellmeister die Geige unterm Kinn weg, drückte ihn schnell beiseite und spielte nun selber die führende Violine; und so oft bei dem Refrain das _Vieni sol mare_ der Stimmen gegen das volle Erbeben seiner Saiten aufzuklingen und es zu ertränken begann, ließ er die Töne zur Höhe fliegen wie Lerchen. Sie blieben oben liegen über den Stimmen, wie das Trillern der Vögel über hochsommerlichen, melancholisch reifen Kornfeldern.
Die Tische in der Mitte des Saales wurden aufmerksam. „Das ist der junge Biver, der spielt!“ sagten die Junggesellen zu ihren Maitressen, waren anfangs etwas betroffen und deshalb skeptisch und spöttelnd, aber dann doch für ihn eingenommen. Sie lärmten nicht mehr und horchten zu. Die gleichgültigen Augen ihrer Maitressen hängten sich mit kaltem Aufglühen an den jungen Helden. Sie verglichen ihn mit der polternden Art ihrer Freunde und dachten sich schon gerührt aus: Welche von uns wird er nehmen, wenn er sein Examen gemacht hat? Aber ganz in der Nähe hörte Baptist ein scharfes Trommeln immer in sein Saitenstreichen hämmern. Es störte ihn und er wußte nicht, was es war. Der Herr Heng, der sich kaum noch zu fassen wußte, schlug mit dem Bierkrug den Takt zu dem Lied. Er hatte die Knie angezogen, bereit aufzuspringen. Auf einmal brüllte er los und setzte mit seinen langen Armen fuchtelnd auf das Podium zu. Gerade war das Lied aus. Der dicke Italiener klatschte in die Hände und auf den Tischen in der Mitte hoben sich Champagnerkelche empor, um Baptist zuzutrinken. Eines der Mädchen begann mit ihrem Glase heranzukommen. Aber als Baptist vom Podium heruntersprang, stand Heng unvermittelt und feindselig vor ihm. Die fleckigen großen Giraffenaugen unter der dreieckigen Stirn waren weit aufgerissen und das pockennarbige Gesicht schien losbrüllen zu wollen.
„Weg!“ sagte Baptist und schob Heng lässig zur Seite, um zu seinem Tisch und zum Champagnerglas zu gelangen. Er wollte mit dem Mädchen anstoßen, das auf ihn zukam.
„_Nom de Dieu_, ich hau dir eine runter, du grüner Junge!“ gröhlte Herr Heng.
Baptist setzte sich zur Wehr.
„_Goddam_, so ein Bürschchen spielt sich auf! Du Protz!“ schrie Heng. „Er säuft Champus und glaubt die ergaunerten Millionen seines Vaters stänken nicht mehr an ihm!“
Kaum hatte Baptist das gehört, da war ihm, als ob er emporgeschleudert würde. Aber er fiel gleich schwer wie Eisen auf den Feind hernieder. Es entstand ein brutales Gegeneinanderprallen, ein krachendes Sichvermengen von Körpern, Fäusten und Muskeln, vor dem Tische und Stühle wie Flöhe wegsprangen. Es schlug in Baptist alle Vorstellungen heiß, Funken sausten über ihn nieder. Er wollte bebend alle Kraft der Muskeln einsetzen. Seine Arme waren auf einmal wie von Blei. Um ihn wurde es schwarz von stürzenden Menschen und er spürte seine Lippen als etwas brennend Nasses.
Er stand auf einmal überrascht allein und wischte mit der Hand über den Mund, in dem eine Flamme zu sitzen schien. Als er seine Hand zurückzog, war sie voll Blut. Er beugte sich vor und das Blut tröpfelte langsam auf den Boden. Da stand einer neben ihm und führte ihn zu der kleinen Türe hinaus hinter die Baracke in die Finsternis. Das Mädchen, das vorher mit dem Champagnerglas auf ihn zugekommen war, tunkte ihr Taschentuch immer in ein Glas mit Wasser und näßte und spülte ihm die Lippe, während sie sanfte Worte dazu sagte. Ein paar Männer bewegten sich um ihn und einer faßte ihm an die wunde Stelle und ließ eine elektrische Taschenlampe drauf leuchten. Dann drückte er mit dem Finger zwischen den Lippen auf die Zähne.
„No, es ist gut gegangen!“ sagte er erleichtert und wie zu einem Kind.
Nun erst kam Baptist wieder zum klaren Bewußtsein. Er dankte dem Mädchen und stillte mit seinem eigenen Taschentuch das Blut weiter.
Das Mädchen und die paar Menschen standen eng um ihn her. „Der Hund!“ sagte Baptist mit einem Schluchzen.
„Da ist Kognak, trinken Sie das!“ redete eine Stimme begütigend im Dunkeln und ein kleines Gläschen wurde Baptist vors Gesicht gehalten. Der Kognak duftete ihm stark zu und er goß ihn hastig in den Mund. Es brannte auf in der Wunde.
„Er hat ihn mit einem Totschläger auf den Mund gehauen!“ erzählte einer in der kleinen Türe, in der sich das Licht des Lokals grell funkelnd zurückzuhalten schien.
Aber die kleine Türe fuhr plötzlich zu.
„Die Polizei!“ sagte eine Stimme. „Rasch weg!“ Eine Bewegung entstand in den dunklen Gestalten. Jemand ergriff Baptists Arm. Sie drangen in das finstere Gewirr eines Schuppens.
Nach einer Weile rief draußen eine Stimme: „He, wo seid Ihr? Sie ist wieder weg!“ Da kamen sie heraus.
Das Blut hörte schon auf zu fließen. „Es ist nicht schlimm!“ sagte Baptist. Er drückte das nasse Seidentuch auf den Mund und trat mitten zwischen den dunklen Gestalten wieder in das Lokal hinein.
Es war leer. Die Italiener, die Junggesellen und die Damen und ebenso Adolf und der blonde Realschüler, alle waren fort. Nur der Wirt schritt drunten mit seinem langen zweizackigen grauen Bart ernst und streng zwischen den Tischen herum. Ein Kellner kam und blieb abseits im Wege stehen. Baptist sah erstaunt, daß er nur drei Menschen um sich hatte. Es waren drei Realschüler der oberen Klasse, kurz gebaute, breitschulterige Kameraden, die man in den verrufenen Schlupfwinkeln der heimlichen Cafees immer zusammen sah. Sie trugen über niedrig umgeschlagenen bunten Kragen, wie die „Cheminots“ sie lieben, ihre feisten Hälser zur Schau, in denen sich bei jeder Kopfbewegung die Sehnen wie Stränge spannten. Ihre runden Rücken schienen die Gewalt der Muskeln unter den Kleidern kaum mehr zusammenhalten zu können. Sie waren in der brutalen Eisenerzgegend des Landes daheim und Baptist nicht sonderlich vertraut, weil sie, wie sie körperlich aussahen, auch innerlich waren. Sie tranken Branntwein und machten den Soldaten die Dienstmägde der engen, heimlichen Gassen des Heiligengeistviertels streitig.
„Den Hund wollen wir heute schon noch erwischen!“ sagte der eine und machte eine Faust. Und alle drei boten sich, ehrliche Athleten, Baptist vollkommen an. „Der sitzt jetzt in der Bädergasse im Cafee Heinck! Da gehen wir hin!“ rief einer kriegslustig. „Mit einem Ring zu schlagen, so ein feiges, hinterlistiges Schwein!“
Aber Baptist fragte: „Wo sind die Italiener?“
„Der Hiltchen hat sie hinausgeworfen, weil sie dir halfen und sich in den Streit mischten.“
„Dann muß ich mit dem Wirt sprechen!“ entgegnete Baptist gleich und ging nach dem unteren Teil des Lokales zu.
Als der Wirt ihn kommen sah, schritt er schnell in den Verschlag des Büfetts und in die angebaute Kammer hinein.
„Herr Hiltchen, Herr Hiltchen!“ rief Baptist, aber niemand kam heraus. Nur der Kellner war Baptist gefolgt und blieb in derselben abgemessenen Entfernung stehen, wie vorhin. Da verstand Baptist.
„Wieviel?“ fragte er.
Der Kellner gab ihm einen Zettel, auf dem die Rechnung stand. Baptist bezahlte.
Dann gingen die vier hinaus.
Auf der Schobermesse waren fast alle Buden geschlossen. Nur vor ein paar zerstreuten gemeineren Zuckerläden brannten noch dürftige schwälende Petrollampen. Die vier jungen Menschen eilten im Sturmschritt durch die breite reglose Straße zwischen den in der Nacht ergrauten toten Fassaden der Schaubuden und Karussells davon. „_Gare_, wenn wir ihn kriegen!“ drohte einer. Aber Baptist dachte an die Italiener und an Rosa. Er sagte, jedoch mehr für sich: „Donnerwetter, die Italiener sind doch feine Kerle.“
Er hatte nicht gedacht, daß sie sich für ihn einsetzen könnten, und er malte sich aus, wie sie von dem Podium herunterstürzten und Heng an die Kehle fuhren. Da war gewiß der mit dem vorstehenden Wust von gekräuselten Haaren, der Schatz der Margherita, voran gewesen. Ein feiner Kerl!
„Der junge Schwarze, der die Mandoline spielt, das ist ein famoser Kerl!“ sagte Baptist seinen Kameraden.
Sie gingen in gleich schnellem geschlossenem Marsch die lange Parkstraße hinab, und die Schienen der Trambahn liefen heimlich neben ihnen und gleißten nur dann und wann auf, wenn ein Laternenschein sie berührte.
Hier war vorhin der Nebel herangewandert. Aber jetzt lag die Nacht mit reiner Schwärze zwischen den Bäumen. Es war einsam. Auch als ihre Schritte in der Neutorstraße an den Häusern hallend klangen, hatten sie noch keinen Menschen getroffen. In den schwärzeren Schatten eines Baumes kuschte sich reglos eine unkenntliche Gestalt. Einer der Burschen sagte: „Vielleicht ist ers!“ und trat auf die Gestalt zu. Aber es war ein Polizist, der da stand; er hüstelte und ging einige Schritte weiter bis in den Schatten des nächsten Baumes. Ein leiser Nachtwind strich in den Straßen und ließ die Laternenscheiben einsam erzittern. Er war frisch, dieser Wind, als hätte er noch keine Menschenluft durchzogen. Frisch und traurig war er, voll von verluderten Nächten, dachte sich Baptist. Dieser Wind hatte ihn oft nach Hause begleitet, und Baptist hatte ihn oft um sich getragen, wie einen einhüllenden Mantel, wenn nach verflogenen Genüssen die Stunden kamen, die ihn vereinsamt der Reue überließen. Er war einsam, dieser Nachtwind, einsam wie ein Menschenkind nach der Sünde. Wie ein Vorwurf von mütterlich sanftem, aber unendlich entschiedenem Ernst trug er den Klang der Schritte des jungen Arbeitstages, der über das Land heranzog, zu den nächtig Fehlenden.
Es war drei Uhr.