Part 5
Aber bald fühlte er doch heraus, daß lebhafte Gutmütigkeit ihren Verkehr beherrschte. Er mischte sich öfter und inniger hinein, trank Rosa, Margherita und ihrer Mutter, auch den Männern zu, und als er ein wenig getrunken hatte, während zugleich die Italiener ihre Schüchternheit immer mehr abwarfen und sich mit immer eindringlichern Gebärden und Wörtern an ihn wandten, war ihm, als verstünde er den ganzen Gang der Unterhaltungen.
Da gehörte er ihnen mit ganzem Herzen an und erwies den Damen dieselben galanten Aufmerksamkeiten, die er sich gegen die Freundinnen seiner Schwester angewöhnt hatte. Aber er zeichnete dabei Rosa immer aus.
Rosas ovales, zartgoldiges Gesicht glühte von dem Essen und dem Wein. Ihre Augen hatten etwas träge Lüsternes, eine verlangende Schläfrigkeit. Baptist fühlte, wie die andern ihn immer mehr mit ihr allein ließen. Der Dicke drehte ihnen schon halb den Rücken.
Baptist unterhielt sich mit Rosa, indem er die kleinen Dinge, die er ihr sagte, dem Bestand von Wörtern anpaßte, die er aus der fremden Sprache kannte, und die Lücken durch Gesten füllte. Aber ihre Antworten mußte er fast rein aus Gebärden erraten. So bekam ihr Verkehr etwas Lebhaftes, das Glieder und Körper in fortwährende Bewegung setzte und einander entgegenbrachte, so daß seine Knie bald an ihre Schenkel stießen. Diese Berührung wurde ihm ein Ausdruck seiner Zärtlichkeit. Er gab sie nicht mehr auf, und der fortwährende körperliche Kontakt erhitzte das weinvolle Blut der beiden noch stärker.
Baptist knittelte dem Mädchen mit seinen kargen Sprachkenntnissen ein paar Verliebtheiten zusammen und sie tat, als glaubte sie sie nicht. Das war ein Spielchen, das sie eine geraume Weile mit Lust pflogen. Aber Baptist neigte sich plötzlich zu ihrem Gesicht, dessen seidig blasse Gebräuntheit jetzt auf einem rosigen Untergrund leuchtete und seine Wärme auf Baptists Wangen und Augen überströmte. Er fragte, ernster geworden, und mit einer bedeutsamen Eindringlichkeit: „Willst du jetzt mit mir allein sein?“
Sie antwortete: „_Io sono come in una stufa!_“
Baptist verstand sie nicht. Er forschte nach: „Du bist wie in ein ...? wie in was?“
„In _stufa, stufa_!“ sagte Rosa nachdrücklich und schaute im Zimmer herum.
Aber als Baptist, nicht verstehend, den Kopf schüttelte, rief Margherita auf einmal herüber: „In Ofen!“
Baptist fuhr erschreckt und beschämt mit dem Kopf auf. Margherita hatte sie belauscht. Er sah, wie sie ihn mit ihrem kleinen schwarzen Äffchengesicht vermessen einen Augenblick anschaute. Dann lachte sie ihm grinsend zu: „Offen, in Offen! Swarser Offen!“ und sie schaute in die Ecke, ob sie ihm nicht einen Ofen vor Augen führen könnte.
Aber in diesem Augenblick rettete ihn der Dicke: „Wär’s angenehm, wenn wir jetzt ...“ und er machte ping, ping mit seinem Daumen über den gebogenen Arm.
„Los, Häuptling!“ rief Baptist und schlug ihm auf die Schulter. Der Dicke hob die Hand mit einem: ‚_avanti_‘! Die Burschen sprangen auf und brachten die Instrumente heran.
„_Vieni sol mare?_“ fragte der Häuptling, verständnisvoll lächelnd und Baptist winkte mit einem Lachen zu.
Baptist saß nun allein am Tisch und die Italiener standen vor ihm in einer Ecke zusammengeschart, wie auf dem Podium bei Hiltchen und spielten. Aber sie waren heute nicht alle so wie gleich gehobelt. Jeder war über Tisch wieder einmal er selbst geworden, hatte sich losgelöst von dem Beruf auf dem Podium zu stehen und jeder bewegte sich nun anders unter dem Ertönen seines Instrumentes. Selbst der lange zweite Violinist mit dem schwarzen, verschlafenen Sarazenengesicht, dessen Schnurrbartspitzen den Kasten seiner Geige kitzelten, wedelte gefühlvoll mit dem langen, flachen Körper zu seinem Bogenstreichen.
Da hielt mitten im Spiel der Dicke mit einem fragenden Kopfwinken Baptist seine Geige hin.
Baptist sprang hinzu und fuhr gleich mit vollem Ton ins Zusammenspiel hinein und führte es mit der nachdrücklichen Kraft seines Spiels davon, wie eine Windbö ein paar Segler mit sich zieht. Er ließ wieder die Töne steigen, als erreichten sie die blaue Uferlosigkeit des Himmels.
Als das Lied fertig war und die Italiener leise in die Hände klatschten, drückte sich die kleine Margherita verstohlen gegen Baptist an, daß ihr dickes krauses Haar seinen Hals traf. Er faßte sie lachend unters Kinn und sagte, auf ihren Bräutigam zeigend: „Er sieht’s ja nicht!“
Der Bräutigam lachte und drehte ihnen mit einem Ruck den Rücken. Da schauten die kleinen schwarzen Augen des Mädchens Baptist entflammt an. Wie ein fordernder Blitz schlug es zu ihm herauf und alle seine Gedanken bäumten sich eine Sekunde vor diesem trotzigen Verlangen. Aber der dicke Manager rieb sich wie unabsichtlich an ihn, schob seinen Arm unter und zog ihn zum Fenster. Dort zwinkerte er ihm mit einem Auge zu und warf mit knapper, ernst tuender Wichtigkeit hin: „Das wär was für Sie!“
Baptist war betroffen. Er glaubte, der Dicke meinte Margherita.
„Das wär was!“ fuhr der Italiener fort. „Da kämen Ihnen die Weiber in die Arme geregnet. Ich sag Ihnen – was für welche! Da ist die Rosa eine Henne dagegen!“
Und er beschrieb mit seinen kurzen Armen die Umrisse prächtiger Frauen.
„Ich kann’s Ihnen sagen! Mit Ihrer Figur!“ und er schnalzte mit der Zunge.
„Ja, was?“ fragte Baptist. Er verstand nicht.
„Was!?“ fuhr ihn der Dicke wichtig an. „Gehn Sie mit uns. Ich gebe Ihnen die erste Violine zu spielen!“
Baptist lächelte den Häuptling erst ein wenig an.
Auf einmal dachte er an den Auswanderer in der Kneipe, und dann war es, als sauste der Vorschlag des Italieners wie ein Anker in ihn hinein, biß sich mit einem einzigen, ganz kleinen, aber froh aufjauchzenden Schmerz fest und zog ihn wonnig davon.
Ist das die Rettung! Ist das die Zukunft? jubelte es in Baptist.
Im Nu fühlte er sich frei von aller Last der Jugend, der Umgebung, des Examens. Mit einem Schlag war alles gelöst, alles klar, alles Freude und Lust, und er – thronend über den Dingen!
Er legte dem dicken Manne beide Hände auf die Schulter und schüttelte ihn im Überschwang: „Ja, ja, ja!“ rief er.
Der Dicke sagte vorsichtig und untersuchend: „Ich weiß aber nicht, ob Sie so leben können wie wir? So einfach!“ Mit einer Handbewegung deutete er auf den Tisch, „so geht’s nicht bei uns zu!“
Aber Baptist meinte: „Ach, das ist das wenigste. Das werde ich schon!“
Er bedachte sich jedoch auf einmal. Er wollte sich nicht ganz ausliefern und war sich auch nicht ganz sicher, ob die Absichten des Italieners ernst seien.
„Ich hab ja einiges Geld!“ sagte er vorsichtig. Und dachte sich, daß er damit immer eine letzte heimliche Macht in der Hand behielt.
Der Italiener winkte zufriedengestellt.
„Wo gehen wir denn zuerst hin?“ fragte Baptist.
„Wir spielen in Brüssel, bis die Ausstellung in Antwerpen im Frühjahr eröffnet wird. Da haben wir ein gutes Engagement, in einer großen Bierhalle zu spielen. Wir wollten morgen mit dem Frühzug abreisen.“
„Ja, ja!“ sagte Baptist. „Es ist gut, daß wir gleich aus dem Lande kommen.“
Der Italiener teilte der ganzen Gesellschaft mit, daß Baptist sie begleiten wollte und sie drängten sich um ihn, wie Kinder so laut und fröhlich.
„Aber hören Sie mal Häuptling!“ wandte Baptist ein, „es darf kein Wort in der Stadt darüber gesagt werden, daß ich mitgehe. Und ihr müßt mir auch helfen, meine Kleider und so allerlei wegzuschaffen. Ich fahre dann morgen mit dem Abendzug und komme in der Nacht in Brüssel an.“
Der Italiener winkte mit der Hand und bedeutete lächelnd: „Wird gemacht werden!“
Dann dachte sich Baptist einen Kriegsplan aus. Zwei von den Italienern sollten in der Nacht hinter dem Haus die Sachen sammeln, die Baptist an einem Seil herunterließ. Der Koffer könne dann über das Geländer in den Park geschafft werden, von dort auf die Straße und Baptist wolle einen verschwiegenen Droschkenkutscher auftreiben, der die Sachen zum Bahnhof bringe.
„Punkt zwölf Uhr! Ganz genau zwölf Uhr! Und kein Geräusch machen!“
Der Dicke gab die Weisung weiter. Die Italiener winkten zu. Als sie sich dann verabschiedet hatten, entfernte sich Baptist zuerst allein.
Er lief mehr als er ging. Mit wirren, stürmischen Gedanken, die flatterten wie Festfahnen auf hohen Dächern, malte er sich sein neues Unternehmen aus. Er fluchte und lachte und watete, und ungemessen stiegen die Hoffnungen auf ihn hernieder.
Nun kommt das Leben zu mir! unterhielt er sich so im Ausschreiten mit sich selber. Die Welt ist offen. Ich bin frei. Geld? Ach was Geld! Ich weiß ja, wo davon ist. Es wird nun einmal ernst, was bis jetzt Verlegenheit und unproper war. Er ist reich genug. Ich schädige niemanden. Davon kann ich dann eine Zeit leben. Ich nehm genug mit und werde sparsam sein. Wenn ich dann eine Zeitlang umsonst gespielt habe, muß der Häuptling mich schon bezahlen. Ich kann ja mehr, als die ganze Kapelle zusammen. Die Rosa ist meine Freundin, und die Margherita ... ach, die Margherita! ... daran denk ich lieber nicht. Das soll laufen, wie es geht. Vielleicht liebt der Italiener sie nicht so sehr. Sie ist im Gesicht nicht so schön wie Rosa, aber ... nein, nein ich rühr’ daran nicht. Das soll von selber fließen. Und dann ziehn wir von Stadt zu Stadt, durch die Länder. Teufel, Teufel!
Jeanne!
Da blieben die Bilder stehn. Es schmerzte ihn, an sie denken zu müssen.
‚Jeanne, Jeanne, liebes Gutes!‘ schmeichelte er dem Geist der Schwester. ‚Geh mit! Du bist ja auch nicht gut hier und bist nicht glücklich! ...‘
‚Jetzt muß ich brutal sein!‘ sagte er auf einmal. ‚Solche Unternehmen gehen nicht anders. Rücksichtslos und brutal! Ich muß Jeanne das auch schreiben. Ich werde ihr einen langen schönen Brief hinterlassen. Darin steht so und so ... und daß es auch gar nicht wegen Rosas ist, und daß ich das Schwesterlein lieber hab als sonst alle Menschen ...‘
* * * * *
Als Baptist nach Haus kam, ging er gleich, ohne daß jemand ihn gesehen hatte, in das Arbeitszimmer seines Vaters und schloß die Türe hinter sich ab. Er ließ das geheime Schloß knacken, schob den Rolladen hoch und nahm die Schlüssel von ihrem gewohnten Platz.
Mit kühler Ruhe untersuchte er dann den Inhalt des Geldschrankes. Es lagen wohl einige tausend Mark in Goldrollen und in Scheinen drin. In einem Fach seitwärts stand ein abgegriffenes Ledertäschchen aufrecht. Er zog es heraus und sah, daß es mit Papieren gefüllt war.
Da setzte Baptist sich an den Tisch und begann, die Papiere eins nach dem andern durchzuschauen. Es waren Verträge zunächst. Aber dann kam etwas wie ein Heft, auf dem in Rundschrift ‚Bilanz‘ stand. Die Jahreszahl drunter zeigte, daß es die letzte Vermögensberechnung seines Vaters war, die er in den Händen hielt.
Mit knappen und stumm in einander gebissenen Zeichen war die Sprache geführt, die diese Seiten füllte. Aber Baptist las sie, indem er seinen Willen zur Aufmerksamkeit anstrengte. Er sah bald leise Beziehungen sich zwischen den einzelnen Summen knüpfen; die Seiten lasen sich fort, wie ein Gewebe. Es war das Gewebe eines Lebens, das sich in dieser heimlichen, verbotenen Stunde bloßlegte; eines Lebens, in dem das seinige bis heute gefaßt und gefesselt lag. ‚Also ihr!‘ grollte er und schlug mit den Knöcheln der geballten Hand in die Zahlenhaufen.
Es war das Leben seines Vaters, und er konnte es nun Schritt für Schritt verfolgen in seiner vergiftenden Phantasielosigkeit und seinem kleinen, rasselosen Aufeinanderhäufen. Er konnte so hart und klar aus diesen ordentlich gescharten Zahlen Tag für Tag aus dem letzten Jahr dieses Hauses herausheben und sich sie anschauen, wie gefangene Käfer, die sich zwischen den Fingern nicht wehren können. Tage der Freude: hinter einem Plus eine Summe; Tage des Griesgrams und hadernder Gereiztheit: hinter einem Minus eine Summe. Und jene Summen standen unter den Tagen, wo die kleinen, übeln Zwischenhändler mit am Tisch gegessen hatten, mit Knechtsmanieren, und sich zur Empörung Jeannes betrunken hatten, während er selber ihr Benehmen mit einer verlegenen Peinlichkeit überwachen mußte. Und jene andern Summen trugen die Namen der Herren, hinter deren Rücken sein Vater lästerte, während er mit einem ergebenen Lächeln ihre Gespräche empfing, wenn sie sich ins Haus verirrten. Und es gab keine Teppiche, keine Schlinggewächse, die wohltätig bedeckten. Es war roh und brutal. Es waren keine großen Zahlen, aus denen waghalsige Ruhelosigkeit mit Gefahr gespielt hätte. Es waren nur ungezählte, unruhige, kleinmütige mit drei oder vier Nullen.
Baptist redete sie an: ‚Herr Wampach, Herr Küborn, Herr Faber!‘ Und er hatte die Summen auf der Hand liegen, wie armselige tote Tierchen, denen man Fell und Haut abgezogen hat.
Aber in dieser unvermuteten kalten Beschäftigung änderte sich in seinem Innern das Bild der geplanten Flucht. Es verlor das Genießerische und bekam etwas Wehrendes. Es schnitt eine Grimasse mit dem schönen Gesicht, kniff die träumerischen Augen zu und bleckte ein herrliches Gebiß.
‚So machen wir’s jetzt!‘ triumphierte Baptist. ‚So, so, so! Mit den Muskeln!‘
Er mußte seine Körperkraft in Tätigkeit setzen, sprang auf und hob die eiserne Kopierpresse mit einer Hand über den Kopf und ließ sie langsam mit ausgestrecktem Arm wieder auf ihren Platz nieder. Dann machte er dasselbe mit dem linken Arm. Die Presse war gewichtig. Und die Übung hatte seine ungeschulten Muskeln ermattet. Schwer atmend ging Baptist zu den Zahlen zurück. Er schlug genau Seite um Seite um. Das Bild blieb dasselbe. Nur sein Vater änderte darüber das Aussehn. Baptist drang nun in ihn hinein, weil er die Zusammenhänge sah. Er dachte fast mit zärtlichem Mitleid an ihn.
Das letzte eingetragene Datum war der 15. August. Baptist kannte die Gewohnheit seines Vaters, an diesem Tage das alte Geschäftsjahr zu beschließen und das neue zu beginnen. Heute war der 5. September. Also waren die eingetragenen Tintenzeichen, die die kleinen Felder hinter den Konten: Kassa, Konto – Korrent – Konto bis Kapitalkonto füllten, noch kaum getrocknet. Baptist wollte darüber wischen, wollte in einem Anfall von rebellierender Bitternis sie wegwischen. Aber hinter dem ‚Saldo als Reinvermögen‘ stand fest wie ein eiserner Turm die Schlußzahl:
1 Million 825560 Franken.
Baptist legte das Heft auf den Stoß der Papiere, die er schon durchblättert hatte. In der Ledermappe war noch ein kleines, in Wachstuch gebundenes Büchlein. Als er es öffnete, sah er, daß es ein Sparkassenbuch war. Aber alle die schwarzliniierten Seiten mit den von der Zeit gebräunten Rändern waren unberührt. Nur auf der ersten stand: ‚Sparkassenbuch, gehörend Baptist und Jeanne Biver. Eingezahlt zehntausend Mark‘. Dann ein Datum, das neun Jahre zurücklag, und unten am Rand mit der Handschrift des Vaters ‚Meinen lieben Kindern Baptist und Jeanne zum Fest ihrer ersten Kommunion 10000 Mark, die sie zu gleichen Teilen und zu beliebiger eigener Verfügung bekommen, wenn Jeanne großjährig ist‘.
Baptist blinzelte diese hastig gezogene nervöse Schrift an, als sei es nicht möglich, daß er sie richtig gedeutet habe; daß das so nahe vor ihm zu lesen stand. Er las ein paarmal die Wörter und stockte beim Lesen. Dann schaute er auf, irgendwohin und dann schlug er mit dem Kopf nieder und weinte.
Er schämte sich, daß er anders über seinen Vater gedacht hatte, und daß er hinter dem verbitternden Hadern, der hartherzig erscheinenden Verständnislosigkeit des Vaters für die anders gerichteten Absichten und Wünsche seiner Kinder nie die Liebe für diese Kinder gesehen hatte. Daß er ungerecht und verstockt an einer anders gearteten Seele vorbeigegangen war. Aber er empfand zugleich ganz klar, daß, wenn auch er selber seinen Vater nicht richtig eingeschätzt hatte, so dieser doch niemals seine Stellung zu den Daseinszielen des Sohnes nur das geringste ändern konnte, und er kam sich geschützt und stark vor in seinen jungen Absichten, wie in einer stählernen Rüstung.
Baptist packte die Papiere wieder in die Mappe und stellte sie in den Schrank zurück. Aber das Sparkassenbüchlein steckte er in seine Brieftasche. Er schloß den Schrank, legte die Schlüssel, wo er sie gefunden hatte, und ging auf sein Zimmer.
Jetzt hatte er Geld! Er kam sich wie bewahrt vor, daß er nicht aus dem Schrank zu nehmen brauchte, und die Freude an seinem Unternehmen schlug reiner und freier auf. Er ging erregt auf und ab in dem Raum und versuchte sich kühl zu berechnen, wie lange er mit fünftausend Mark durchkommen könnte. Natürlich: leitendes Prinzip – Sparsamkeit ... Sparsamkeit ... Sparsamkeit! Das kam immer wieder. Aber darüber kam er nicht hinweg. Die Lust an seiner beginnenden Tat schlug jauchzend über ihm zusammen.
Er begab sich in die Schlafkammer und suchte in seinen Schränken, was er mitnehmen sollte, und legte es zusammen.
Ja, er muß doch Jeanne schreiben, sagte er sich während dieser Arbeit und er eilte nebenan zum Schreibtisch und legte einen Bogen Papier zurecht. Die Gedanken, Pläne, Hoffnungen umbrausten ihn, wie Orgelrauschen, das zwischen Kirchensäulen verschallt, und von dem ganzen, prachtvollen, wundererfüllten Choral kam folgendes aufs Papier:
„Jeanne, ich muß fort. Ich gehe fort mit einem Jauchzen, ich würde dich am liebsten mitnehmen. Nun wird alles schön und frei. Ach, ich kann nicht mehr schreiben. Adieu, Schwester. Ich liebe dich. Baptist.“
Ach, was soll ich mehr schreiben. Ich kann auch gar nicht. Ich hab ja keine Zeit dazu und keine Geduld. Und es steht ja auch alles drin! entschuldigte er sich, während er den Zettel in ein Kuvert steckte.
Dann ging er wieder zu den Schränken und suchte weiter in den Kleidern und in der Wäsche; er wählte mit Bedacht die besten und die praktischsten Sachen.
* * * * *
Schon lange vor Mitternacht hatte er das Licht gelöscht und sich aufs Fensterbrett gesetzt. Kaum hatte das Glockenspiel auf der Niklauskirche hinter den zwölf Schlägen ausgeklungen, so war es Baptist, als hörte er ein Geräusch im Garten. Er bückte sich über die Brüstung.
„_Signor!_“ rief unten eine flüsternde Stimme, „_Signor Battisto!_“
Baptist flüsterte zurück: „_Ssst Italiani?_“
„_Si bene!_“ kam es leise von unten herauf.
Dann ließ Baptist an der Wäscheleine, die er sich vom Trockenboden geholt hatte, Bündel für Bündel hinab. Die Italiener arbeiteten huschend katzenleis. Die Dunkelheit der Nacht deckte sie zu.
Endlich flüsterte Baptist hinab: „_Finito! Pss! Finito!_“
„_Bene!_“ hörte er von unten. Schritte schlichen davon. Im Nu war es stumm.
Baptist hörte am Fenster eine Droschke in der Nähe herankommen. Er zündete eine Kerze an und ging rasch die Treppen des schlafenden Hauses hinab und auf die Straße. Die Laternen der Droschke leuchteten neben dem Park und Baptist eilte ihr entgegen.
„Toni!“ rief er leise, als er sie erreicht hatte.
Das Pferd stand mit einem Ruck still und der Kutscher bückte sich vom Bock über die Laterne.
„Jawohl, Herr Biver!“ sagte er nach einer Weile.
Baptist trat außerhalb des Lichtkegels der Laterne an den Bock heran. „Ja, ich bins! Jahren Sie bis zwischen die beiden Laternen. Aber gelt, leise!“ sagte Baptist flüsternd.
„Gewiß Herr Biver!“
Baptist sprang in die Dunkelheit davon, lief in den Park und pfiff leise. Auf einmal hörte er nicht weit von sich den Pfiff wiederholt, ganz fein und wie unterdrückt. Er blieb stehen. Aber er hörte nichts mehr. Da sagte er mit halblauter Stimme: „_Italiani!_“
„_Signor Battisto, voi?_“ antwortete es neben ihm flüsternd aus einem Strauch heraus, der am Wege stand. Baptist erschrak ein wenig. Dann lachte er über die Geschicklichkeit und Vorsicht, mit der die Italiener ihren Auftrag erledigt hatten. „_Tutto pronto!_“ sagte eine leise Stimme, und es rauschte geschmeidig im Gebüsch.
Der Korb wurde auf die Droschke geladen. Baptist schloß ihn ab und steckte den Schlüssel ein. Dann gab er dem Kutscher Anweisung. Die beiden Italiener sprangen in den Wagen und er rollte davon. Baptist spazierte noch eine Weile in dem finstern Park hin und her. Dann ging er ins Haus und in sein Bett, war ermattet und wußte doch, daß er in dieser Nacht keine einzige Minute verschlafen würde.
* * * * *
Am nächsten Tag waren die notwendigen Besorgungen – als Hauptsache die Abhebung von fünftausend Mark auf das Sparkassenbuch – bald gemacht. In der Sparkasse hatte der junge Beamte, der Baptist gut kannte, ihn ein bißchen wehmütig angeschaut, als er das Geld in deutschen Papierscheinen aufzählte. Baptist hatte die Bemerkung des Vaters zuvor mit einem Papierstreifen überklebt.
Als er nach Hause kam, war Jeanne schon fort. Sie hatte Klavierstunde im Konservatorium und blieb dann bei einer Freundin zum Mittagessen, so hatte sie Baptist hinterlassen. Er sah sie also nicht mehr, und das schien ihm gut zu sein. Er strich ruhelos und heiß erregt durch das Haus, weilte wiederholt in allen Räumen, stieg von Stockwerk zu Stockwerk und nahm zärtlichen Abschied von seiner lieben Bude, den Bücherschränken und den Bildern.
Als er dann in Jeannes Räume kam, legte er den Brief und das Sparkassenbuch in die Schreibmappe ihres kleinen lackierten Tischchens. Er strich mit der Hand über die Möbel und über das Bett und über die Wände und bat, sie mögen ihm das Schwesterlein wohl bewahren, daß sie glücklich drinnen werde. Dann sank er unter der Wehmut dieses Abschiednehmens zusammen, und ein Weinen brach aus ihm, das warm und wohltätig quoll, wie ein Mairegen. Aber er riß bald den Kopf hoch und verließ mit einer melancholischen Energie diese Räume, ging noch im Garten zwischen den hohen reich bescherten Rosenstöcken auf und ab und wurde dann zum Essen gerufen. Damit eilte er, appetitlos und unruhig. Er trank viel Wein. Später trat er noch einmal ins Musikzimmer. Aber er mochte nicht auf seiner Geige spielen, schlug nur ein paar Läufe und Ansätze von Melodien über die Tasten des Flügels. Alles zitterte leis und klingend ruhelos in ihm, wie ein leicht aufgestellter Metallgegenstand, der auf einem Klavier durch die Tonschwingungen ins Vibrieren gebracht wird. Es war ihm, als sei er in Feuersgefahr. Er grub das Gesicht in die kühlen weichen Kissen der Chaiselongue in der dunklen Ecke, sprang dann auf und schrieb seinem Vater einen kurzen Brief zum Abschied, in dem er ihn um Verzeihung für alles Leid bat, das der Vater durch ihn erlitten.
Sein Zug fuhr um halb vier.
Um halb drei ging er wieder ins Musikzimmer, nahm seinen Geigenkasten unter den Arm und verließ das Haus. Es war alles so feierlich und so schwer in ihm. Schwer, wie ein Apfel, der in herbstlicher Reise kaum noch am Zweig hält, und jeden Augenblick ins Gras niederklopfen will.
Baptist schritt über die neue Brücke. Die hohen Mauern der alten Bastionen schossen grau, verwittert und kahl aus der grünen Tiefe des Petrustales herauf. Die Stadt lag schmal, wetterhart und nüchtern bis an ihre Kanten heran. Ein Stück weiter lief mit großen, plumpen Sätzen die alte ‚Passerelle‘ mit zahllosen engen Bögen übers Tal bis zum Bahnhofsviertel hinüber.
Baptist zog traurig wie ein beregneter Hund dahin. Diese alte Landschaft hielt eine kleine Zwiesprache mit dem undankbaren Wanderlustigen – und er konnte nicht antworten. Denn gegen diese Argumentation halb verwichener Erinnerungen, die sich in der Zeit die weichen Leiber von Müttern angepflegt haben, war natürlich nicht aufzukommen. Er ging, seinen kleinen leichten Geigenkasten unterm Arm, über das noch unbebaute Glacis wie zwischen Spießruten hindurch zum Bahnhof und weiß der Henker, als er vom Glacis in die Bahnhofstraße einbog, da machte sich auch noch dieses widerwärtige, proletisch rechnerische Produkt des modernen Luxemburgs an ihn heran, das er sein Lebtag gehaßt hatte, weil es wie ein Firmenschild all der Menschen aussah, zwischen denen er zu leben gezwungen war.
Aber da hatte er genug. Mit Galgenhumor schnitt er der Bahnhofstraße eine Fratze, streckte ihr die Zunge heraus und hastete über das Trottoir zum Bahnhof hinunter. Er wartete fast noch eine Stunde, in der die gedämpfte Gewalt seines Innern widerstandslos ausbrach und wie eine Feuersbrunst rasend um ihn herumsprang.