Der Hafen

Part 7

Chapter 73,783 wordsPublic domain

»Der wird schon der rechte schneidige Mann sein«, setzt Herr Gregor seinen Gedankengang fort. »Da der Becker ihn ausgesucht hat, ist er sicher einer von seinem Kaliber: hochmütig, scharf und kurz angebunden.«

Herr Karcher schweigt.

»Aber es mag auch sein,« überlegt Herr Gregor weiter, »daß er das Gegenteil davon ist: ein Duckmäuser. Denn man kann vermuten, daß der Becker nicht einen von seiner Art neben sich duldet, das gäbe ja eine unliebsame Konkurrenz. Und wenn man der Schwiegersohn ist, darf man sich schon einen persönlichen Geschmack leisten.«

»Ja, Herr Gregor,« meint der andere, während er, über den eigenen Mut errötend, auf seinen Federhalter starrt, »Sie sind wie der Kammerdiener, der seinen Herrn in Unterhosen sieht. Sie wollen nicht die Größe an ihm erkennen, weil Sie ihn zu sehr aus der Nähe betrachten.«

Herr Gregor starrt den kleinen Mann verblüfft an. Er begreift den Sinn seiner Worte erst allmählich, sie waren aus diesem Munde gar zu überraschend gekommen. Nun möchte er sich am liebsten in Positur setzen und solche Bemerkungen aufs strengste untersagen, aber er überlegt, daß er jetzt einige Freunde im Hafen sehr nötig gebrauchen wird, da der Feind im Anrücken ist. Denn nur so und nicht anders kann er den Kapitän betrachten.

»Auf jeden Fall,« schließt er seine Erwägungen, ohne der unpassenden Äußerung Beachtung zu schenken, »auf jeden Fall haben wir dann einen Schnüffler mehr.«

Auch Schwester Emmi fürchtet sich ein wenig vor dem neuen Mann. Zuallererst denkt sie daran, wie dann dem armen Herrn Gregor zugesetzt würde, der nun, nach der Rückkehr Joachim Beckers, zwar pünktlicher geworden ist, aber doch jede Kontrolle haßt. Ja, er ist ein freier Mann, ein Herrenmensch, aber man erkennt nicht seine besondere Art an, und darum grollt die kleine Schwester dem Direktor, so sehr sie ihn auch sonst zu schätzen gezwungen ist.

Und wie würde es bei dem neuen Kapitän um ihre eigene Tätigkeit bestellt sein? Ob es dann auch heißen würde: die Arbeit müssen Sie selbst finden? Ach, sie hat soviel gefunden, und bis zum späten Abend ist sie auf den Beinen.

Im Winter hat sie ganz allein dafür gesorgt, daß die Schifferkinder vom Winterlager auch die Schule besuchten und für das im Sommer versäumte Pensum Nachhilfen erhielten. Ihr ist es zu verdanken, daß vom entfernt gelegenen Südbecken, in dem wegen der Sprengungen die meisten Gefahren für die Arbeiter lauern, eine direkte Telephonleitung in ihre kleine Wohnung gelegt wurde, damit sie bei Unfällen sofort gerufen werden kann. Sie ist immer schnell zur Hand gewesen und hat manchem die erste Hilfe geleistet. Selbst auf das Gelände der Verhüttungsgesellschaft, die im kleinen mit der Förderung der Erze begonnen hat, war sie schon geholt worden, und sie ist eher erschienen als der Arzt von der Rettungsstation, der ihren fachmännischen Verband rühmte.

Jetzt hat sie den Bauarbeitern sagen lassen, wer schwächliche Kinder habe, solle es melden, sie werde für eine Unterbringung in den Ferienkolonien sorgen, denn sie hat die Unterstützung der Stadt. Für einige Kinder des Hafenpersonals aber, das immer eine bevorzugte Stellung einnimmt, weil es doch die eigentlichen Angehörigen des Hafens sind, hat sie bei einem Dorfschullehrer in ihrer Heimat einen schönen Ferienaufenthalt gesichert. Joachim Becker setzte ihr einen bestimmten Betrag dafür aus, als sie ihm zaghaft den Vorschlag machte, und sie hat lange gerechnet und überlegt und das Geld gut verteilt. Das Lob des Direktors, der mit seinen kühlen grauen Augen immer kurz in ihr Gesicht blickt, wenn sie von ihren Plänen spricht, ließ sie erröten. Sehr aufgeregt und ängstlich ist sie stets in das Stadtbureau gefahren, wenn sie ein besonderes Anliegen hatte, aber auf dem Heimweg war sie immer von großem Stolz und Glück erfüllt.

Wenn sie sich um Herrn Gregors leibliches und seelisches Wohl ein wenig besorgt zeigt und ihm zuweilen abends noch einige Blumen ins Zimmer trägt, auch wenn er nicht zu Hause ist -- und er ist abends oft nicht da --, so erfüllt sie doch menschliche Pflichten an ihrem nächsten Nachbarn, denn sie wohnen im Gebäude der Hafenwirtschaft Tür an Tür. Sie sucht ihn auf diese Weise ans Haus zu fesseln, damit er am nächsten Tage seinen Aufgaben für die Hafengesellschaft um so besser nachkomme, und wenn sie ihn auch einmal begleitet, so geschieht das nur, weil sie ihn vor schlechter Gesellschaft bewahren will. Ist das nicht eine Motivierung, die sich auch vor dem neuen Kapitän sehen lassen kann?

Und daß Frau Reiche, die Kantinenwirtin, die in der ersten Zeit ihre Freundin war, sich nun als Feindin entpuppte, verdankt sie nur ihren Bemühungen, Herrn Gregor dem verderblichen Einfluß zu entziehen! Doch das ist ein Kapitel für sich.

Sie ist nicht im reinen darüber, ob der neue Mann etwas Gutes oder Böses in ihr Leben hineinbringen werde, und weil sie weder mit Herrn Gregor noch mit Frau Reiche, die ihn beide als den Feind betrachten, in Ruhe darüber sprechen kann, und weil auch Herr Karcher nur von Respektsgefühlen erfüllt ist, ohne sich eine eigene Meinung zu erlauben, hat sie das Bedürfnis, zur Mühle hinüberzugehen, um mit Irmgard Pohl zu plaudern oder gar einige Worte von Herrn Pohl selbst zu hören.

Seitdem sie in den Hafen übergesiedelt ist, hat es sie oft zur Mühle hingezogen, und sie ist das verbindende Element zwischen Hafen und Mühle, obgleich Rechtsanwalt Bernhard seinen Prozeß in der ersten Instanz verloren hat und an die Einsicht eines höheren Gerichtshofes appelliert.

Irmgard sitzt auf der Bank vor dem Hause und zeigt dem kleinen Michael die Blumenpracht des Gartens. Sie spricht mit dem Knaben, der eben ein Jahr alt geworden ist, wie mit einem Erwachsenen und bekommt ein lustiges Krähen und Jauchzen zur Antwort.

›Wie langsam entwickelt sich so ein Menschenleben,‹ denkt sie, während sie das Kind im Arm hält, ›und wie schnell wachsen die menschlichen Werke!‹ Sie blickt zum Hafen hinüber: dort hat der Getreidespeicher sein drittes Stockwerk wieder erreicht, im Hafenbecken liegen die Flußschiffe in zwei Reihen, und die Kräne recken vor den Lagerhallen ihre schwarzen Arme in die Höhe.

Das ist etwas Fertiges in sich, etwas Hochgewachsenes und vollkommen Ausgestattetes, an dem nichts mehr zu verbessern scheint, aber ein Mensch ist in der gleichen Zeit nur einige Zentimeter gewachsen, er hat kaum sprechen und gehen gelernt, und wenn er schließlich zweiundzwanzig Jahre alt ist wie Irmgard Pohl, dann glaubt er wieder am Anfang zu stehen und beginnt erst an seiner Inneneinrichtung zu bauen.

Sie wird in ihren Gedankengängen von Schwester Emmi unterbrochen, die den Knaben mit entzückten Lauten begrüßt.

»Nein, wie er wieder gewachsen ist!« ruft sie einmal über das andere, »und was für ein reizender und gesunder Kerl!«

Sie setzt sich auf den schöngepflegten Rasen und nimmt das Kind in ihren Schoß. Während sie mit dem Kleinen spielt, erzählt sie vom erwarteten neuen Mann im Hafen. Dabei lacht sie und neckt den Knaben. So einen lustigen Kameraden hat er nicht alle Tage, und er weiß die Minuten mit genießerischer Freude auszukosten.

Frau Pohl tritt, von dem Lärm angezogen, vor die Tür und sieht mißbilligend auf die Zerstörung ihres Gartens, denn nach ihrer Auffassung ist die grüne Rasenfläche nur für den Anblick bestimmt. Sie kann sich seit einigen Wochen schon ohne Stock bewegen.

Schwester Emmi will aufstehen, um sie zu begrüßen, denn sie hat sehr viel Respekt vor der hochgewachsenen Frau mit den harten Gesichtszügen, die ihr immer noch als Wesen einer anderen Welt erscheint. Ihre unbewußte Abneigung gegen die Wiederauferstandene sucht sie durch eine besonders erzwungene Freundlichkeit und Aufgeräumtheit zu verbergen. Aber nun kann sie ihr nicht einmal entgegengehen, denn der kleine Tyrann will seinen Platz nicht aufgeben und beginnt zu schreien, sobald sie sich erheben will.

So ruft sie einen lauten Gruß hinüber und lacht. Frau Pohl nickt kaum merklich und sagt zu ihrer Tochter:

»Ich wollte dich zum Kaffee rufen, du benachrichtigst wohl den Vater?« Sie hat keine Einladung für den Gast.

»Ja, gern«, sagt Irmgard freundlich. »Schwester Emmi wird uns Gesellschaft leisten. Wir wollen doch noch ein wenig plaudern.«

»Soll ich zu Herrn Pohl hinüberspringen?« fragt die Schwester, die gern aus dem Gesichtskreis der unfreundlichen Frau verschwinden möchte.

»Ach ja,« sagt Irmgard, »das ist lieb von Ihnen«, und sie nimmt ihr den Knaben ab, der sich über die Folgen der Veränderung noch nicht schlüssig ist und schweigt.

»Gib mir den Jungen«, sagt Frau Pohl rasch, und sie geht mit dem schreienden Kind ins Haus.

»Aber kommen Sie auch zurück!« ruft Irmgard der Schwester nach. Sie kennt den ersten Eindruck, den Fremde von der Mutter gern schnell wieder davontragen.

Schwester Emmi winkt ihr beruhigend zu und verschwindet im Kontor der Mühle.

»Ei sieh da!« ruft der Mühlenbesitzer aus, als sie nach zaghaftem Klopfen in sein Zimmer tritt. »Kehrt unsere Schwester reumütig zurück?«

»Ach ja,« sagt sie, auf den Scherz eingehend, »und nun will ich Sie zum Kaffee abholen.«

Er erhebt sich und geht ihr entgegen.

»Da soll ich wohl gleich mitkommen?«

»Sofort, wie ein Verhafteter!«

Er nimmt seine Mütze vom Haken und öffnet der Schwester die Tür.

Schwester Emmi will den kurzen Weg rasch für eine Aussprache nutzen und beginnt zu plaudern.

»Wissen Sie, Herr Pohl, Ihr Vorschlag neulich mit der kleinen Apotheke im Schuppen am Südbecken war wirklich sehr gut. Die Verhüttungsgesellschaft hat sich daran beteiligt, weil sie es doch so weit bis zur nächsten Hilfsstelle hat und noch gar keine richtigen Gebäude besitzt. Nun ist das für alle eine sehr große Erleichterung, denn gerade dort passiert doch mal dieses und jenes.«

»So. Findet denn die Verhüttungsgesellschaft da drüben schon Erze?«

»Ja, das muß man annehmen. Aber was meinen Sie, Herr Pohl,« schießt sie nun auf ihr Ziel zu, »was wird das wohl für ein Mensch sein, dieser neue Kapitän, den wir jetzt bekommen sollen?«

»Bekommt ihr einen Kapitän?«

»Ja, einen neuen Hafendirektor, der bei uns wohnen soll und auch sein Bureau im Hafen haben wird. Das Erdgeschoß im Verwaltungsgebäude haben sie schon dafür eingerichtet, jetzt arbeiten sie an der Wohnung im ersten Stock.«

»So. Was soll denn nun der andere Direktor?«

»Der wird Generaldirektor im Stadtbureau. Aber was meinen Sie, wie kann das werden mit so einem Kapitän im Hafen?«

»Hm, da müßte man den Mann schon gesehen haben.«

Ach ja, da hatte er recht, was sollte man jetzt schon sagen können? Sie stellt auch gar zu törichte Fragen an diesen reifen und erfahrenen Mann. Aber er hört sie geduldig an und gibt sogar eine Antwort darauf.

Sie sind im Haus angelangt, und Schwester Emmi hätte sich auf den Kaffee am schönen runden Tisch sicherlich sehr gefreut, wenn noch alles so wie damals gewesen wäre, als Frau Pohl »oben« lag und am Leben der Gegenwart keinen Anteil nahm.

Nun sind über das Sofa und den Lehnstuhl am Fenster die alten Häkeldecken gebreitet, die Irmgard damals entfernt hatte, Nippes, Tischchen und anderer kleiner Hausrat hat das Zimmer so gefüllt, daß man sich nicht zu rühren wagt.

Schwester Emmi fühlt sich sehr unbehaglich. Sie beobachtet verstohlen die beiden Frauen und stellt fest, daß Irmgard die Züge und die hohe schmale Figur der Mutter hat. Aber was bei der alten Frau, die eine Greisin scheint, obgleich sie noch nicht fünfzig Jahre zählt, hart und streng gebildet ist, wirkt bei Irmgard weich und ausgeglichen.

›Was hat sie doch jetzt für ein liebes freundliches Gesicht‹, denkt die Schwester, wenn sie Irmgard Pohl betrachtet, die nun wieder ganz verjüngt wirkt. Sie empfindet den Kontrast neben der schweigsamen Frau wohltuend und erwärmend. Die schönen goldbraunen Augen Irmgards streifen besorgt ihre Mutter und bleiben mit großer Zärtlichkeit am Gesicht des Vaters haften.

Die Unterhaltung bewegt sich fast nur zwischen Irmgard und der Schwester. Sie sprechen von den Eigenheiten und drolligen Bemerkungen des kleinen Michael. Während der Mahlzeiten muß er im Schlafzimmer bleiben, denn Frau Pohl ist nicht für Unruhe und Unregelmäßigkeiten bei Tisch.

Dann unterhalten sie sich von den Aufgaben der Fürsorgestelle. Herr Pohl erkundigt sich nach den Ferienkindern und lobt Schwester Emmis Eifer und Erfolge. Sie ist sehr stolz darüber.

Frau Pohl vertritt die Ansicht, daß solche Fürsorge für die verwahrlosten Kinder der Arbeiter, die es gar nicht besser haben wollen, übertrieben sei, und sieht Schwester Emmi mißbilligend an.

Die Schwester blickt auf Vater und Tochter, aber weil beide rücksichtsvoll schweigen, entgegnet sie nur, daß »ihre« Leute Ausnahmen seien. Dann verabschiedet sie sich bald, weil ihre Pflichten warten.

Irmgard nimmt ihr das Versprechen ab, wiederzukommen, aber Frau Pohl sagt zu ihrer Tochter, als Schwester Emmi gegangen ist:

»Diese Person scheint nicht der geeignete Umgang für dich. Sie macht einen leichtsinnigen Eindruck und kann dich nicht zum Guten beeinflussen.«

»Ach, Mutter,« sagt Irmgard, »hast du so wenig Vertrauen zu mir? Aber wenn du wegen meines Umganges besorgt bist, will ich mich am besten an den Vater halten. -- Nimmst du mich mit?« fragt sie den Mühlenbesitzer, der sich erhoben hat, um wieder in sein Kontor zu gehen.

»Ich dachte, du deckst hier den Tisch ab«, sagt Frau Pohl.

»Sie kann mir im Kontor bei den schriftlichen Arbeiten helfen«, meint Herr Pohl einlenkend.

Irmgard ist ihm so dankbar für diese Worte, daß sie um seinetwillen rasch in die Küche läuft und das Hausmädchen holt, damit es der Mutter bei der Arbeit hilft.

Im Vorgarten hat sie den Vater bereits wieder eingeholt. Sie hängt sich in seinen Arm und fragt ihn:

»Könntest du mich nicht in deinem Bureau einstellen? Ich will auch gern noch einen Handelskursus mitmachen.«

Da bleibt er stehen und sieht ihr in das erwartungsvolle Gesicht:

»Siehst du, das habe ich auch gedacht!«

Und wie zwei gute Kameraden gehen sie Arm in Arm weiter.

Irmgard läßt sich in seinem Privatkontor auf das alte schwarze Ledersofa fallen, das sie schon als Kind zu stillen Träumereien aufgenommen hatte, während der Vater an seinem Schreibtisch arbeitete oder die Zeitung las.

In diesem Raum hat sich der Mühlenbesitzer von jeher am wohlsten gefühlt, denn drüben im Wohnhaus fand er keine Harmonie. Dort wird wieder von morgens bis abends nach einem unerschütterlichen, strengen Arbeitsplan gefegt, gewaschen, genäht, und keine Hand darf ruhn. Wie soll da die Seele Einkehr halten und ein Herz das andere finden? Aber er hat es aufgegeben, ein Prediger in der Wüste zu sein.

Michael Pohl dreht sich auf seinem Arbeitssessel um und blickt zu seiner Tochter hinüber, die mit verschränkten Armen lächelnd vor sich hinträumt.

»Was meinst du,« fragt er, »wie sollte man sich in einem solchen Fall verhalten?« Und er liest ihr einen Geschäftsbrief vor.

Es ist nicht das erstemal, daß er sie um einen Rat fragt, und seht an: so eine Frau findet manchmal den besseren Weg und scheint klüger als zwei Männer zusammen.

»Ja, so könnte man es machen«, sagt er befriedigt. Er dreht sich wieder um und überläßt sie weiter ihren Grübeleien.

Sie denkt, wie es wohl mit einem Generaldirektor und einem Kapitän im unfertigen Hafen gehen würde, und sie versucht, sich ein Bild von diesem Kapitän zu machen, der Joachim Becker zur Seite gestellt wird.

Darin aber stimmt sie mit allen überein, die den neuen Mann als Freund oder Feind erwarten: Ein richtiger Kapitän muß es sein, groß, mit wiegendem Gang und breiten Schultern, mit hellen blauen Augen und in einem dunkelblauen Anzug.

Der Kapitän

Am Nachmittag vor dem 1. August, dem Tage, der für den Einzug des Kapitäns bestimmt ist, werden einige Möbel und Kisten am Verwaltungsgebäude abgeladen. Wer gerade vorbeikommt, wirft einen Blick darauf, und es sind nicht wenige, die zufällig diesen Weg nehmen.

Der größere Teil dieses Hauses ist noch von Gerüsten umgeben, aber der linke Seitenflügel wird bereits überdacht, während der turmartige Mittelbau und der rechte Flügel noch nicht die vierte Etage erreichen.

Der fast fertige linke Teil hat einen besonderen Eingang an der Seite erhalten, direkt gegenüber der Hafenwirtschaft. Hier steht der Wagen, und Frau Reiche kann von ihrem Fenster aus jedes einzelne Stück betrachten.

»Es sind alles sehr einfache und alte Sachen«, sagt sie zu ihrem Küchenmädchen. Sie beobachtet den kleinen dunklen Herrn, der mit einem Verzeichnis in der Hand das Ausladen der Möbel verfolgt und mit gespreizten Schritten hinaufrennt, um die Aufstellung zu überwachen.

Der leere Möbelwagen fährt davon; der kleine Herr schließt die Wohnung ab und geht auch hinaus, ohne in der Hafenwirtschaft eingekehrt zu sein, Frau Reiche ist sehr enttäuscht; sie hätte durch ihn gern einiges über den Kapitän erfahren.

Nach der Ablösung bestellt der Tageswächter eine Flasche Malzbier bei Frau Reiche.

Ehe er die Flasche ansetzt, um sie in einem Zuge auszutrinken, sagt er:

»Na, Frau Reiche, haben Sie den Kapitän gesehen?«

»Den Kapitän?« fragt sie erstaunt. »Nein, ist er hier gewesen?« Sie kann es gar nicht erwarten, daß die Flasche leer wird und der Mann weiterberichtet.

»Er hat doch hier vor der Tür gestanden beim Ausladen der Möbel.«

»Der Möbel?« fragt sie ungläubig. »Sie meinen doch nicht den kleinen Mann mit der Liste?«

»Ob er eine Liste hatte, weiß ich nicht. Aber so ein kleiner dunkler Herr ist es gewesen.«

»Nein, mein Lieber«, sagt sie entschieden. »Ein Kapitän ist das nicht gewesen.«

»Aber er hat sich ausgewiesen. ›Kapitän v. Hollmann‹ hat auf der Karte gestanden, vom Direktor Becker unterschrieben.«

»Dann war es eben ein Beauftragter von ihm«, stellt sie fest, nun ganz sicher geworden.

»Na, das mag ja sein, aber wenn's richtig wäre, dürfte nur der Kapitän selber die Karte haben.«

Wie leicht läßt sich der Mann von der Ansicht einer Frau, die etwas mit Bestimmtheit zu sagen versteht, überzeugen! Der Wächter geht nun mit der sicheren Meinung nach Haus, daß der Kapitän doch blaue Augen und einen blauen Anzug hat.

Aber Herr Gregor muß am Abend bestätigen, daß der Kapitän ein kleiner Herr mit steifen Beinen in einem grauen Anzug ist. Ja, ein schmales brünettes Gesicht hat er und dunkle Haare auch, darin stimmt er in der Beschreibung mit Frau Reiche überein, denn Herr Gregor sah ihn heute früh im Stadtbureau.

»Das will ein Kapitän sein«, ruft Frau Reiche ein paarmal aus, und sie holt sogar ihren Mann herbei, um ihm zu berichten, daß sie als erste den Kapitän gesehen hat. So aufgeräumt und lustig ist sie lange nicht gewesen wie an diesem Abend. Immer wieder deckt sie komische Seiten dieses Mannes auf, der mit einer Liste in der Hand hinter seinen Möbeln hergerannt war, und der ein Kapitän sein soll.

Sie wird vor Freude darüber so unvorsichtig, daß sie in Gegenwart ihres Mannes Herrn Gregor auf die Schulter schlägt und mit einem zärtlichen Blick ihrer feuchten Augen versichert:

»Na, dann habe ich keine Sorge mehr!« Mit dem Kapitän wollte sie fertig werden!

Herr Gregor hat einen Zettel mitgebracht, der am Wächterhaus befestigt wird. Darauf steht zu lesen, daß alle abkömmlichen Hafenbeamten und -arbeiter sowie die Herren Bauleiter zu einer Besprechung am 1. August um 11 Uhr vormittags von Generaldirektor Becker in den großen Kantinenraum gebeten werden.

Wer seinen Platz verlassen kann, erscheint am nächsten Tage pünktlich und guckt sich den neuen Hafendirektor an. Der junge Generaldirektor stellt ihn mit einer kurzen Rede vor.

»Jeder, der Wünsche und Beschwerden hat, wird gebeten, sich an die Hafendirektion zu wenden. Die oberste Leitung bleibt nach wie vor bei der Generaldirektion in der Stadt.« Das sind seine letzten Worte.

Auch der Kapitän spricht -- mit einer zerbrochenen Stimme, als kämpfe er gegen einen heftigen Sturm -- einiges zur eigenen Einführung. Er hoffe und wolle und so weiter. Es ist nichts von Belang; die schweigend abziehende Versammlung hat jedenfalls Neues daraus nicht entnommen.

Vor der Tür verweilen sie noch einen Augenblick und sehen einander an.

»Tja«, sagt wohl der eine oder andere.

»Nun, wir wollen erst einmal abwarten!« Damit scheint zunächst die Ruhe und Ordnung im Hafen wiederhergestellt.

Joachim Becker ist dann mit dem Kapitän ins Verwaltungsgebäude hinübergegangen, sie sind durch die leeren Bureauräume des Erdgeschosses gewandert, die der Kapitän nun allmählich mit seinem Personal beleben soll. An der Treppe zum oberen Stockwerk sagt der Generaldirektor:

»Meine Frau kommt also heute nachmittag, um Ihnen in der Einrichtungs- und Bedienungsfrage ein wenig zu raten. Sie wollte es sich nicht nehmen lassen.«

»Das ist sehr liebenswürdig,« sagt der Kapitän, »das ist ganz reizend«, und er reibt seine trocknen Hände, daß es raschelt.

»Ich habe Rechtsanwalt Bernhard gebeten, meine Frau zu begleiten. Er ist ein Freund der Familie Friemann und kann Sie als unser Rechtsbeistand gleichzeitig über einige juristische Fragen flüchtig unterrichten.«

»Rechtsanwalt Bernhard«, wiederholt der Kapitän, um sich den Namen einzuprägen. »Sehr schön, sehr schön!«

Sie gehen um die Schmalseite des fertigen Hafenbeckens herum, das gerade vor dem Verwaltungsgebäude endet, und spazieren am Kai entlang.

Generaldirektor Becker, der soeben von einer Reise aus England zurückgekehrt ist, zieht eine Pfeife aus der Tasche, stopft sie geschickt mit einer Hand, während er die Linke in der Hosentasche hält, und steckt sie in den Mundwinkel. Er sieht dabei fast wie ein leibhaftiger Engländer aus.

»Ja«, sagt er, »die englischen Häfen. Davon können wir noch viel lernen.«

Vor der Lagerhalle I bleiben sie stehen, um dem Lagerkontoristen einen Besuch zu machen.

Herr Karcher springt beim Eintritt der beiden Herren von seinem Stuhl auf, und siehe da: er ist nicht viel kleiner als der Kapitän.

Sie beratschlagen kurz, ob es besser sei, Herrn Karcher hierzulassen oder in das Verwaltungsgebäude hinüberzunehmen, doch der Kapitän ist dafür, daß alles beim alten bleibt.

Der Generaldirektor muß sich nun verabschieden und empfiehlt dem Kapitän Herrn Karcher zur weiteren Führung. Aber der Kapitän will sich selbst orientieren.

Er begleitet Joachim Becker vor die Tür und beginnt seinen Rundgang beim Bodenmeister Ulrich in der Lagerhalle II.

Nun ist der große Augenblick für den weltgereisten Herrscher des künftigen Getreidespeichers gekommen.

»Also Sie sind der Getreidefachmann«, sagt der Kapitän auf eine diesbezügliche Bemerkung hin.

»Ja,« erwidert der Bodenmeister mit strammer Haltung, »im Hafen von Rustschuk bin ich zehn Jahre tätig gewesen.«

»Ei sieh da, Rustschuk!« ruft der Kapitän gutgelaunt aus. »Da ist ein hübsches Schloß. Und an neunundzwanzig Moscheen kann man sich mehrere Tage lang nicht sattsehen. -- Rustschuk«, wiederholt er in freundlicher Erinnerung, während er vorangeht und die Lagerwaren betrachtet.

Bodenmeister Ulrich folgt ihm stumm, betroffen. Vom großen Donauhafen wollte er sprechen, von seinem technischen Wissen, aber die Moscheen hat er nicht gezählt. Einsilbig erklärt er die Art der eingelagerten Waren, und als der Kapitän die Halle verläßt, sieht er ihm kopfschüttelnd nach.

Nun kommt die Lagerhalle mit den Ölen und Fetten an die Reihe, auch das große Freilager an Kohlen und Schrott wird besichtigt, der Kapitän sieht sich alles eingehend an und sagt:

»Sehr schön, sehr schön.«

Dann bleibt er noch eine Weile beim Lademeister stehen und unterhält sich mit ihm. Zum Schluß sagt er:

»Ja, da will ich Sie also nicht länger von der Arbeit abhalten«, und geht weiter.

Er stellt sich nicht hin und sieht den Leuten zu, bis sie unsichere Hände bekommen. Er spricht sie an und plaudert mit ihnen.

Selbst mit dem kleinen flachsblonden Tom vom Schiffer Jensen will er sich unterhalten. Der verschmitzte Bengel ist gerade der Schwester Emmi davongelaufen, um zu seinem Pudel auf des Vaters Kahn zu flüchten.

»Na, was machst du denn hier?« fragt der Kapitän mit seiner heiseren Stimme, lächelnd.