Der Hafen

Part 8

Chapter 83,723 wordsPublic domain

Das ist wohl nicht der richtige Verkehrston für Tom, denn er rennt brüllend weiter. Es gelingt Schwester Emmi, ihn vor der Flucht auf den Kahn zu erreichen, denn hier wird ausgeladen, und da hat ein vierjähriger Bengel nichts zu schaffen.

»Warum ist er denn fortgelaufen?« fragt der Kapitän die Schwester.

»Er ist heute noch nicht gewaschen, denn seine Mutter liegt im Krankenhaus. Wie ich mich umdrehte, um den Schwamm zu nehmen, rannte er davon.«

Diese wilde Wasserratte, der Tom, auf dem Wasser geboren und immer dem Wasser nahe, vor einem nassen Schwamm hat er Angst. Der Kapitän lacht.

»Sie gehören auch zum Hafen?« fragt er.

»Ja,« sagt Schwester Emmi, »ich bin die Fürsorgeschwester.«

»So, so, da haben Sie ja eine schöne Aufgabe. Vielleicht besuchen Sie mich einmal heute nachmittag, damit wir uns darüber unterhalten können.«

Schwester Emmi bekommt Herzklopfen. Natürlich kann man sich darüber unterhalten, da gibt es viel zu berichten, aber warum nicht gleich, warum erst nachmittags, so daß sie bis dahin vor Angst vergeht?

»Um welche Zeit, bitte?« fragt sie.

»Nun, so gegen sieben.«

Der Lademeister sieht einen Augenblick auf. Es geht ihn ja nichts an, aber er denkt: bisher war hier im allgemeinen um vier Uhr Schluß für diejenigen, die frühmorgens angetreten sind, und Schwester Emmi ist immer mit den ersten auf den Beinen. Jedenfalls wollte er einmal mit seiner Frau darüber sprechen, was das für eine Art sei, ein junges Mädchen um sieben Uhr in die Wohnung zu bestellen, denn ein Bureau ist noch nicht vorhanden.

Zwei Stunden später bereits hat der Kapitän mit der Generaldirektion telephoniert und Möbel für zwei Bureaus angefordert, dazu eine Sekretärin. Denn nun weiß er, was er im Hafen zu tun hat.

Als nachmittags um fünf Uhr Frau Generaldirektor Adelheid Becker mit Rechtsanwalt Bernhard im Hafen vorfährt, wird sie bereits im neuen Privatkontor des Hafendirektors empfangen. Ja, das ist schnelle Arbeit!

Frau Adelheid kann sich gar nicht fassen, so erstaunt ist sie über die vielen Fortschritte im Hafen. Sie hat ihn seit der Geburt ihrer Tochter nicht gesehen.

»So, ein Töchterchen?« fragt der Kapitän, mit einem Blick auf ihr kindliches rundes Gesicht.

Sie errötet. »Ja,« sagt sie, »ich bin sehr glücklich darüber. Aber mein Mann wollte eigentlich einen Sohn.«

»Es ist ein reizendes Kind«, meint Rechtsanwalt Bernhard. »Es hat ganz und gar die Augen der Mutter.«

»Das sind die Friemannschen Augen,« sagt Frau Adelheid, »sie sehen bei dem Kinde so traurig aus. Aber das verliert sich wohl.«

Rechtsanwalt Bernhard findet, daß Frau Adelheids Augen auch nicht lustiger sind, ja sie dünken ihn sogar sehr traurig, und es wird immer schlimmer damit. Als er die junge Frau abholte, waren die Lider verdächtig gerötet, und Rechtsanwalt Bernhard gäbe viel darum, wenn er das strahlende Lächeln der Adelheid Friemann aus der Tanzstundenzeit nur ein einziges Mal wiedersehen könnte.

»Wissen Sie noch,« fragt er, um sie abzulenken, »als wir zum ersten Spatenstich hier waren?«

»Ach ja«, ruft sie begeistert aus. »Das war hier alles ebene Erde mit ein paar Bäumen. Und -- ach, was meinen Sie wohl, Herr Doktor, wo mag das gewesen sein -- der Platz mit den Linden und den langen Tafeln, wo wir nach der Feier gefrühstückt haben?«

Ihr Gesicht ist selig verklärt, während sie zum Fenster hinausspäht und den Platz sucht, zu dem ihr Mann sie damals geführt hatte, als sie sich so glücklich geborgen fühlte, nachdem sie vorher wie ein verirrtes Kind war.

Rechtsanwalt Bernhard überlegt. Plötzlich sagt er sehr laut und selbst überrascht:

»Ja, denken Sie, das war hier, genau hier, wo wir jetzt stehen. Man hat das Verwaltungsgebäude auf diesen Platz gebaut. Ich weiß es bestimmt, denn wir hatten den Blick auf den Kanal und die --«

Er stockt, denn er wollte sagen »die Mühle«, aber gerade in diesem Augenblick will er Frau Adelheid nicht an die Nachbarn erinnern, über deren Bedeutung sie sicher unterrichtet ist.

Darum sagt er weiter: »Und die lange Tafel, an der wir die belegten Brote aßen, hat vielleicht gerade hier gestanden, einen Meter unter uns auf der weichen Erde. Ich weiß noch, wie Sie mit Ihrem schmalen Absatz fast eingesunken waren, so locker war die Erde.«

»Ja, wissen Sie das?« fragt sie gedankenlos. Es fällt ihr nicht einmal auf, daß Rechtsanwalt Bernhard damals anscheinend gar zu genau ihre Füße betrachtet hat, so erfüllt ist sie von dem beseligenden Gefühl, auf diesem Platz zu stehen.

»Und später,« sagt sie dann, um sich endlich von der Erinnerung loszureißen, »später war ich einmal hier, da habe ich nur Löcher gesehen. Überall wurde die Erde aufgerissen, aber es war noch kein Wasser im Hafenbecken, und noch nicht ~ein~ Gebäude wuchs heraus. Seitdem bin ich, offen gestanden, nicht hier gewesen.«

Sie sprach die letzten Worte etwas leiser, als sei es ihr peinlich, das eingestehen zu müssen.

»Dann darf ich hoffen,« sagt der Kapitän verbindlich, »daß Sie durch mich heute einen willkommenen Anlaß zum Besuch fanden?«

»Ach ja«, erwidert sie, von neuem errötend. Sie fühlt sich so erkannt.

Der Kapitän bietet ihr eine Führung durch den Hafen an. Sie wehrt ab.

»Nein,« sagt sie, »dann wird man von den Menschen so angestarrt. Ich kann es auch von hier sehen.«

Das Klingeln des Telephons befreit sie in diesem Augenblick aus ihrer Verlegenheit, denn nun wird der Kapitän von ihr abgelenkt, und Rechtsanwalt Bernhard ist ihr schon etwas vertrauter. Sie stellen sich ans Fenster, während der Kapitän in den Apparat spricht.

Plötzlich hört Frau Adelheid ihn sagen: »Gewiß, Herr Kommerzienrat, also morgen früh.«

»Ach -- Papa,« ruft sie aus und macht unwillkürlich mit erhobenem Arm einen Schritt zum Telephon.

Der Kapitän hat sie verstanden und bittet den Kommerzienrat, einen Augenblick zu warten.

Sie nimmt den Hörer.

»Ja, ich bin hier -- Papa -- Adelheid.« Sie sagt diese Worte mit ganz kleiner schüchterner Stimme, wie ein Kind, das zum erstenmal telephoniert.

Die beiden Herren sind höflich zur Seite getreten. Der Kapitän erkundigt sich nach den Prozessen, der Rechtsanwalt ist jedoch dafür, in dieser Angelegenheit an einem anderen Tage vorzusprechen.

»Ja -- ja,« sagt Frau Adelheid nun mit fast ersticktem Ton. Rechtsanwalt Bernhard sieht plötzlich das vermißte reizende Lächeln auf ihrem heißen Gesicht. Es hält noch an, als sie den Hörer hinlegt und sagt: »Papa kommt sofort hierher.«

Dann setzt sie eine ernste hausfrauliche Miene auf und erwähnt den eigentlichen Zweck ihres Besuches: dem Kapitän behilflich zu sein. Sie fragt, ob er schon einen Tapezierer für seine Wohnung habe, und wie es mit der Reinigung stehe.

Er dankt ihr sehr herzlich, die Vorhänge und Gardinen habe heute nachmittag -- soeben, ehe sie erschien -- der Dekorateur befestigt, der mit den Geschäftsmöbeln kam. Die Reinigung könne die Frau übernehmen, die drüben im Lager das Kontor versehe.

»Ich dachte an eine Wirtschafterin, die man Ihnen besorgen könnte, des Essens wegen«, sagt sie hilfsbereit.

Nein, das sei nicht nötig. Er würde in der Kantine essen.

»Ach, Sie sind ja ein sehr anspruchsloser und praktischer Junggeselle.«

»Ja, das wird man mit der Zeit«, sagt er; aber weil sie sehr enttäuscht scheint, und damit sie den Zweck ihres Besuches nicht verfehlt habe, meint er, daß er in anderen Fragen gern ihren Rat erbeten hätte, in Geschmacksfragen bezüglich der Einrichtung. Ob er ihr die Wohnung zeigen dürfe.

»Ach ja.« Sie ist sehr erleichtert, und nun gehen sie zu dritt in die erste Etage.

Frau Adelheid gefällt alles sehr gut. Sie haben das Eßzimmer und das Arbeitszimmer besichtigt. In den Schlafraum hat sie nur durch die offene Tür einen scheuen Blick geworfen.

»Diese schönen alten Möbel,« sagt sie vor dem breiten Mahagoni-Schreibtisch, »sie haben sicherlich einen großen Wert.«

»Das kann sein. Für mich sind es jedenfalls kostbare Erinnerungen. Sie stammen noch von meiner Mutter.«

»Sie sind musikalisch?« fragt Rechtsanwalt Bernhard, mit einem Blick auf den Geigenkasten.

»Ein wenig. Nur für den Hausgebrauch«, meint der Kapitän. Er geht sehr schnell über das Thema hinweg und fragt Frau Adelheid, ob nach ihrer Ansicht dieses Bild richtig hänge.

»Das Bild hängt sehr schön so, es wirkt sogar ganz ausgezeichnet an dieser Stelle.« Nein, hier kann Frau Adelheid nichts verbessern. Sie merkt, daß der Kapitän ihr nur gefällig sein wollte.

Zum Glück fährt in diesem Augenblick der Wagen des Kommerzienrats vor. Sie entschuldigt sich bei dem Kapitän und eilt die Treppen hinab, um ihren Vater zu begrüßen. Die beiden Herren folgen langsam. Rechtsanwalt Bernhard möchte sich gern über die moderne Musik mit dem Kapitän unterhalten; er sei sehr musikalisch. Aber der Kapitän spricht lieber von etwas anderem.

Der Kommerzienrat ist ausgezeichneter Laune. Er hat sich in den Arm seiner Tochter gehakt und schlägt eine gemeinsame Besichtigung des Hafens vor. Nun hat Frau Adelheid keine Angst mehr, sie läßt sich alles eingehend erklären, obgleich sie immer wieder eingestehen muß, daß sie nicht viel davon begreift. Aber das Ganze macht auf sie einen gewaltigen Eindruck.

Selbst dem Kommerzienrat imponieren die Fortschritte. Er spricht sich lobend dem Kapitän gegenüber aus, der doch daran noch gar keinen Anteil hat.

»Ja, und wenn mein Sohn seinen Doktor gemacht hat,« sagt er mit väterlichem Stolz, »dann kann er bei Ihnen als Volontär eintreten, Herr Kapitän.«

»Papa, er hat ihn noch nicht gemacht«, warnt Adelheid mit abergläubischer Ängstlichkeit.

»Er ~wird~ ihn machen, mein Kind,« meint er lächelnd, »in zwei Monaten haben wir ein Telegramm.«

Wenn er jetzt seine kleinen dicken Hände frei hätte, so würde er sie vor Vergnügen ineinander legen, wie es zu Hause, im Familienkreis, seine Art ist. Aber da er seine Tochter eingehakt hat, begnügt er sich damit, ihren Arm ein wenig zu drücken. Er ist, weiß Gott, der beste und dankbarste Vater, den man sich denken kann.

»Ihr Sohn ist Nationalökonom?« fragt der Kapitän, um auch etwas zu sagen.

»Ja, erst hatte er sich zwar allzusehr für die schönen Künste interessiert, wie das so in diesem Alter üblich ist, aber schließlich wandte er sich doch einer gesünderen Kunst zu.«

Der Kommerzienrat lacht, und der Kapitän stimmt höflich ein.

»Heutzutage werden die jungen Leute mit den tiefgründigen Kunstgesprächen geradezu aufgepäppelt, dafür haben sie es aber auch schneller überwunden«, fügt der Kommerzienrat hinzu.

»Ja, das mag sein«, meint der Kapitän, er macht nicht den Eindruck, als ob er in solchen Fragen kompetent sei.

Schließlich fährt der Kommerzienrat mit seiner Tochter nach Hause, und Rechtsanwalt Bernhard, der dem Wagen lange nachblickt, kann nun dem Kapitän über die juristischen Angelegenheiten berichten.

Pünktlich um sieben Uhr findet sich Schwester Emmi im Bureau des Kapitäns ein.

»Also, bitte, setzen Sie sich, Fräulein -- wie war doch Ihr Name?«

»Schwester Emmi.«

»Also -- Schwester Emmi -- und erzählen Sie mir von Ihren Arbeiten. Wo sind Sie ausgebildet worden?«

Schwester Emmi wird ganz zaghaft. Mein Gott, wann soll sie beginnen? Bei ihrer Geburt? Wo sie ausgebildet wurde? Sie ist doch eigentlich Säuglingsschwester. Aber das wird sie ihm nicht sagen. Sie wird seine Frage einfach überhören. Über ihre Vergangenheit spricht sie nicht gern. Von ihren Arbeiten im Hafen jedoch will sie erzählen. Natürlich wird sie an einer ganz falschen Stelle anfangen, sie weiß es genau. Doch da sie etwas sagen muß, so redet sie darauf los, kunterbunt durcheinander. Sie zählt alles auf, was sie bisher getan hat; dabei merkt sie erst, daß es, so einfach summiert, gar nicht bedeutend wirkt. Im Gegenteil, es ist sogar sehr wenig. Sie versucht, die gequetschten Finger und verstauchten Füße zu zählen, die herausgezogenen Holz- und Eisensplitter werden nicht vergessen, und die verwundete Hand des Maurers Johannes rechnet sie als fünf kranke Finger. Aber dann ist sie am Ende, und sie hat das Gefühl, daß nun alles verloren sei. In Gottes Namen! Und wenn sie wieder zurückgehen muß zu den egoistisch-glücklichen jungen Müttern und den hungrigen Ehemännern, so soll es ihr auch gleich sein. Diese Qual hält sie nicht länger aus.

Aber der Kapitän sagt: »Sehr schön, sehr schön.«

Und dann läuft er im Zimmer umher, immer auf und ab, mit seinen gespreizten steifen Beinen und erzählt auch etwas -- von einem Professor und einem wissenschaftlichen Institut, von klinischen Untersuchungen und chirurgischen Eingriffen, von Lehrschwestern und so weiter. Die Schwester versteht nur die Hälfte davon, und sie weiß nicht, wohin das alles führen soll.

Schließlich hört sie überhaupt nicht mehr hin. Sie sieht den Kapitän scheinbar andächtig und aufmerksam an und hat dabei ihre eigenen Gedanken. Ob dieser Mann, der hier so ledern und langweilig etwas von Gott und der Welt erzählt, ob er wohl schon einmal verheiratet war?

Sie hat so ein Gefühl dafür, sie kann es nicht erklären, ihr Instinkt sagt ihr, daß dieser Kapitän mit den schmalen steifen Gliedern und den langen dunkelbehaarten Händen kein echter Junggeselle sei. Nun -- wenn ihm eine Frau etwa davongelaufen sein sollte, so kann sie das vollkommen verstehen. Während sie seine glatt und glänzend gebürsteten dünnen Haare betrachtet, muß sie an Herrn Gregors vollen schwarzen Schopf denken, und der Vergleich fällt nicht zu des Kapitäns Gunsten aus. Da ist ihr doch ein weiches gepudertes Gesicht noch lieber als dieser kantige Kopf mit der gebräunten trockenen Haut.

Endlich scheint der Kapitän mit seiner Rede fertig zu sein. Schwester Emmi warf einige Male ein »Ja« und »Gewiß« dazwischen, aber sie hat sich dabei nur nach dem Tonfall seiner Stimme gerichtet. Jetzt kann sie endlich wieder einen Satz dem Sinne nach erfassen, es ist, als wäre der Kapitän damit zu ihrer Muttersprache zurückgekehrt. Er sagt:

»Der Herr Generaldirektor erzählt mir, daß Sie Ihre Sache bisher sehr gut gemacht haben. Also lassen wir zunächst alles beim alten.«

Großer Gott, dann ist es ja überstanden! Schwester Emmi atmet erleichtert auf und erhebt sich. Sie hat in ihrer Freude das Wörtchen »zunächst« ganz überhört.

Der Kapitän drückt ihr fast schmerzhaft die Hand und begleitet sie zur Tür. Er selbst geht in seine Wohnung hinauf.

Schwester Emmi blickt geblendet in die Helle des milden Sommerabends.

Schiffer Jensen und Karle Töndern sitzen vor ihren Selterflaschen neben der Veranda. Sie grüßen die Schwester mit einem Griff an die Mützen und mit einem recht vertraulichen Zwinkern. Ja, ja, blitzen die listigen Augen, die jungen Mädchen werden nach sieben Uhr empfangen.

Schwester Emmi sieht an der Hafenuhr, daß sie länger als eine halbe Stunde beim Kapitän war. Ihr Herz ist so angefüllt, daß sie es irgendwo ausschütten muß. Für dieses Geschenk ist am besten Irmgard Pohl geeignet; die hört sich alles schweigend an, ohne gleich von sich selbst zu sprechen -- wie Frau Reiche oder Herr Gregor --, und dann findet sie sogar noch einige ruhige Worte, die man mit nach Hause nehmen kann. So geht sie wieder zum »feindlichen« Nachbarn hinüber.

Schiffer Jensen und Karle Töndern starren zu den Fenstern der Kapitänswohnung hinauf, denn ihre Köpfe sind mit diesem Problem noch nicht fertig geworden. Sie stammen beide von der Wasserkante, und da dauert es immer eine Weile, bis sie etwas zu Ende gedacht haben.

Plötzlich senken sie ihre Blicke sehr interessiert auf ihre Selterflaschen, denn oben -- an einem Fenster -- ist der Kapitän erschienen.

Er hat nur das Fenster geschlossen. Das an diesem milden und schönen Sommerabend!

Die beiden haben ihrer neugierigen Blicke wegen kein ganz reines Gewissen, aber sie denken: Wir werden wohl hier sitzen dürfen! Schließlich ist die Kantine doch für uns da!

Wie sie sich noch damit beschäftigen, vernehmen sie etwas Merkwürdiges: langgezogene Töne, wie ferne Musik.

»Hörst du das auch?« fragt Karle Töndern.

»Ja, freilich hör' ich das«, sagt Schiffer Jensen etwas ungeduldig. Er muß plötzlich an seine Frau denken, die immer noch im Krankenhaus liegt und die nächste Fahrt wieder nicht mitmachen kann.

»Es ist eine Violine, mein' ich«, sagt Karle Töndern.

»Ja, das mag sein«, erwidert Schiffer Jensen. Ihm wird immer wehmütiger ums Herz. Daran ist nur die verdammte traurige Musik schuld. Nun liegt der Tom wieder allein in der Kabuse. Aber weggeben? Da soll die Schwester sich nur ja keine Mühe machen. Diese blauen Augen, die in Toms Gesicht stecken, gibt es nur noch einmal in der Welt, und die hat Toms Mutter. Und wenn Schiffer Jensens Frau im Krankenhaus liegt, dann muß Schiffer Jensens Tom immer auf dem Kahn bleiben, denn ohne diesen blonden Schopf läßt sich der Kahn von keinem Schlepper ziehen. Das ist so gewiß, wie Schiffer Jensen jetzt hier sitzt und mit dem Ärmel über die Augen wischt.

»Und es kommt aus der Wohnung vom Kapitän«, sagt Karle Töndern.

»Hm«, macht Schiffer Jensen, denn nun bringt er keinen Ton mehr heraus.

Aber da sagt auch Karle Töndern nichts mehr, und sie sitzen und horchen und sind ganz still.

Bis wieder ein Fenster geöffnet wird und der Kapitän nach einiger Zeit unten in der Tür erscheint. Da stehen sie auf und ziehen ihre Mützen.

Der Kapitän nickt ihnen zu und geht mit seinem gespreizten steifen Gang zum Hafenbecken und immer weiter bis zum Kanal hinunter.

Die Verhaftung

Bei der Familie Friemann ist wirklich das Telegramm eingegangen: »Doktor bestanden. Gratuliere. Felix.«

Das sieht diesem Bengel, diesem Erzschelm ähnlich, daß er dazu seinen Eltern gratuliert, anstatt seinerseits die Gratulation abzuwarten.

Der Kommerzienrat war sich zwar längst über die angemessene Belohnung dieses tüchtigen Jungen einig, aber er beruft dennoch Frau und Tochter zusammen, um sich mit ihnen zu beraten. Joachim Becker ist zu sehr mit seinen wichtigen Aufgaben für den Hafen beschäftigt, als daß er an solchem Familienrat teilnehmen könnte.

Die vom Kommerzienrat vorgeschlagene Nordlandreise findet auch den Beifall der Frauen, aber die Mutter des tüchtigen Kandidaten will deswegen nicht auf eine kleine Festlichkeit verzichten, ganz im engsten Kreise der Familie. Weil die allernächste Verwandtschaft recht ausgedehnt ist, kommt man immerhin auf dreißig Personen.

Wann aber durfte man den Jungen zu Haus erwarten? Natürlich sollte er den Feiern seiner Studienkollegen nicht entzogen werden, doch konnte er nicht Nachricht geben, dieser unverbesserliche Schlingel, dieser Tausendkerl und Hallodri? Der Kommerzienrat findet immer mehr freundliche Schimpfnamen für seinen ungeratenen Sohn.

Währenddessen hebt draußen im Park der Villa ein großer Spektakel an. Die Kommerzienrätin müßte nicht die Mutter ihres Sohnes sein, wenn sie diese Stimme nicht erkennen sollte. Mit einem Aufschrei stürzt sie zur Tür, sie rennt so schnell die Treppen hinab, als es ihre geschwollenen Beine gestatten.

Rasch ist die ganze Familie im Vestibül. Hier steht ein baumlanger Kerl und sagt begütigend: »Aber, aber, meine Herrschaften!« Dabei kollern ihm die Tränen über die weichen Backen, und er muß sich dauernd bücken, um jemand zu umarmen. Das ist der junge +Dr.+ Felix Friemann.

»F. F.« fügt er gern nach der Vorstellung seinem Namen hinzu, denn er ist, wie sein Vater, ein Freund von Witzen. Die Studiengenossen nannten ihn die »Gaslaterne«. Sein weißes kugelrundes Gesicht mit den Friemannschen Augen hinter den blitzenden Brillengläsern, meinten sie, sei die Milchglaskugel, die lange dünne Figur der Laternenpfahl. Die Jugend ist grausam und spottet gern über die Kuriositäten der Mutter Natur.

Wer jedoch damit Felix Friemann ärgern will, kommt nicht an den rechten Mann! Er lacht wie über einen guten Witz und sagt in seiner überhasteten Sprache: »Gewiß, ich will mich bessern, gewiß.«

Er hat die Eigenart, daß er in der Eile des Sprechens einige Silben verschluckt. Weil er aber seinen Zuhörern diese schlechte Verständigung nicht zumuten will, hat er sich daran gewöhnt, ein paar Worte, die vielleicht verlorengegangen sein könnten, nachträglich zu wiederholen.

Wer Geduld mit ihm hat oder ihn gar liebt, findet sich in dem Kauderwelsch ganz gut zurecht. Doch es ist merkwürdig: vor solchen Naturen befleißigt er sich einer ganz ausgezeichneten und normalen Sprechweise.

Und die drei glücklichen Menschen, die ihn nun mit Begeisterung und Rührung begrüßen, brauchen sich weder über Wortverluste noch über Wiederholungen zu beklagen.

Der junge Doktor ist mit allem einverstanden, mit dem Familienfest und mit der Nordlandreise. Wann hätte er die Vorschläge seines prächtigen Vaters nicht großartig gefunden?

Die bevorstehende Arbeit im Hafen kann er kaum erwarten.

»Denke dir, meine Kommilitonen lachten, als ich ihnen erzählte, was wir hier für einen Hafen bauen. Aber neulich hat mein Professor doch wahrhaftig einmal im Kolleg das Projekt erwähnt. Na, ich habe euch ja gleich darüber telegraphiert. Er fand es phänomenal und -- durchführbar!«

»Wenn so ein Theoretiker das schon durchführbar findet, nicht wahr?« fragt der Kommerzienrat lachend. »Nun will ich dir auch gleich verraten, daß ich dem Professor durch die Hafengesellschaft ein ausgezeichnetes Exposé einschicken ließ.«

»Also, das ist die Veranlassung gewesen?« fragt der Sohn ehrfurchtsvoll und erstaunt.

»Ja,« sagt die Kommerzienrätin stolz, »was unser Papa alles zustande bringt! Er belehrt sogar die Professoren.«

Hier sind vier Menschen, die mit allem einverstanden und zufrieden sind, die sich nichts Besseres mehr wünschen.

Was ist so ein unschlüssiger Schürzenjäger wie Herr Gregor dagegen für ein unglücklicher Mensch! Nun treibt er die Tyrannei im Hause Reiche tatsächlich doch auf die äußerste Spitze, und man kann nicht voraussagen, wie lange die verliebte Kantinenwirtin sich das noch gefallen läßt.

Er findet ihr Essen miserabel, aber sie sagt nicht: »Sie haben ja schon seit mehreren Monaten nichts mehr dafür bezahlt.« Sie flüstert: »Wenn es angebrannt ist, so wirst du wohl am besten wissen, woran das liegt.«

Was erwidert darauf Herr Gregor? Er schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch und steht auf. An der Tür sagt er verächtlich: »Was haben Sie wieder für eine schmutzige Schürze umgebunden?«

Es hilft Frau Reiche nichts, daß sie sofort eine schneeweiße breite Schürze holt, und daß sie sich abends in ihrem besten Kleid auf die Veranda setzt. Da muß sie zuweilen den Kopf auf die Arme werfen und heftig schluchzen. Und sie beruhigt sich erst, wenn sie endlich den festen Entschluß gefaßt hat, Schwester Emmi Salzsäure ins Gesicht zu gießen.

Ihr Mann muß immer öfter hinter dem Schanktisch stehen und in seiner schwerfälligen Art Selterwasser und Milch verkaufen. Früher hat Frau Reiche in der Küche das beste Essen zustande gebracht und dabei immer noch Zeit gefunden, mit den Gästen ein freundliches Wort zu wechseln.

Jetzt hat nicht nur die Güte des Essens nachgelassen, die Kantinenbesucher finden auch die Bedienung nicht flink und freundlich genug. Der ehemalige Bäckermeister ist kein redseliger Mann, und mit den guten Eigenschaften seiner Frau kann er sich freilich nicht messen. Deswegen ist er auch schon sehr bescheiden geworden.

Seine Frau versteht es, gut einzukaufen und mit den Lieferanten fertig zu werden, sie eignet sich prächtig dafür, solchem großen Betrieb vorzustehen, ohne es jemals geübt zu haben; er aber kann nur das, was er in seinen Jugendjahren gelernt hat: Brot und Semmeln backen. Schon mit dem Kuchen hat es immer etwas gehapert, der war den Leuten nicht fein genug.

So begnügt er sich nun damit, das zu tun, was seine Frau ihm befiehlt, und er hat keinen Funken Ehrgefühl mehr im Leibe, denn sonst würde er sich dagegen sträuben, zur Bewachung der Wirtschaftsräume in einer Kammer hinter der Kantine zu schlafen, während seine Frau das schöne große Schlafzimmer im ersten Stock allein gar nicht ausnutzen kann.