Part 6
Sie legt den weiten Weg zu Fuß zurück und kommt müde, zerschlagen zu Haus an. Ihre Augen brennen in den Höhlen und sind wie leer. Sie geht sofort in ihr Zimmer. Und zum erstenmal seit Monaten fällt sie in einen tiefen traumlosen Schlaf. --
Frau Pohl liegt wach in den Kissen und lauscht. Sie ist wieder in ihrem alten Eheschlafzimmer gebettet und legt sich schon am frühen Abend nieder, weil die ungewohnte Bewegung sie noch allzusehr ermüdet. Aber erst, wenn ihr Mann neben ihr liegt, wird sie ruhig und kann schlafen.
Nun lauscht sie seinen gleichmäßigen Atemzügen, sie glaubt, selbst den zarten Hauch aus dem Kinderbett zu vernehmen, und sie könnte einschlafen, weil ihr Haus wohlbestellt ist, denn auch Irmgards Heimkehr war ihr nicht entgangen.
Aber da ist etwas, das sie nicht zur Ruhe kommen läßt. Sie hat nach der stummen Begegnung mit ihrer Tochter angefangen, in ihrem Gedächtnis zu suchen.
Man hat ihr gesagt, daß sie lange krank war und daß Lücken in ihre Erinnerung gerissen sind. Sie kann ausrechnen, daß ihre Krankheit nur wenige Monate währte, denn der Knabe ist nun ein halbes Jahr alt.
Aber ihren verwirrten Gedanken drängen sich Bilder und Geräusche auf, die unendlich lange zurückliegen, während die jüngste Vergangenheit spurlos verwischt ist. Immer wieder dröhnen in ihren Ohren die dunklen Schläge jener Uhr, die ihr Vater zu Hause in unheimlichem Eifer stimmte, damit sie dem reinen Klang der Kirchenglocken gleichen. Er hatte sich in den Wahn verstiegen, daß seine Sünden erst dann von ihm genommen würden, wenn auch der letzte unreine Ton aus der alten Uhr verschwunden wäre. Sie hört sein halblautes Beten und seine Selbstgespräche. Sie geht durch die Zimmer der alten Wohnung, sie spricht mit dem Vater und bittet ihn, endlich aufzuhören, denn keine Glocke könne heller schlagen als seine Uhr. Und kein Mensch könne das länger mit anhören.
Sie sieht seine glänzenden Fanatikeraugen so deutlich und irisierend, als müßte er jetzt in das Zimmer treten und ächzend auf den Stuhl steigen, um wiederum an der Uhr zu drehen und sie schlagen zu lassen. Sie selbst aber ist nicht älter als Irmgard und geht zuweilen in ein dunkles Zimmer, um aus ihrer Einsamkeit heraus zu weinen.
Mächtiger und quälender schlagen die Töne in das Brausen ihrer Ohren. Das Blut schießt brennend in ihren Kopf, und ihre Glieder erstarren unter den dicken Federbetten.
Endlich erträgt sie es nicht länger. Sie weckt ihren Mann. Verstört wacht Michael Pohl auf. Er verdrängt alle Besorgnis aus seinem Blick, während er sich zu ihr hinüberneigt und sie behutsam fragt.
»Willst du Vaters Uhr forttragen, damit sie mich nicht länger quält?« bittet sie ihn.
Michael Pohl weiß nicht, welche Antwort er ihr geben soll, denn die Uhr ist niemals in seinem Hause gewesen.
»Die Uhr ist nicht hier«, sagt er schließlich. »Deine erregten Nerven täuschen sie dir vor. Du bist noch zu anfällig nach der langen Krankheit und wirst dich künftig nicht so überanstrengen.«
»Ja, das sind die fixen Ideen, an denen der Vater zugrunde gegangen ist und die ich dir nun als Erbe ins Haus gebracht habe. Jetzt hat es schon unsere Tochter angesteckt. Sie sitzt im dunklen Zimmer und weint.«
»Irmgard hat einen ganz gewöhnlichen Liebeskummer wie viele junge Mädchen. Sie ist gesund und vernünftig und wird es überwinden. Aber sieh: bei dir ist es anders. Du hast so viel Schweres erlebt, daß es dich wieder überfallen muß, wenn du krank und schwach bist.«
Sie ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich nach dem Kummer der Tochter näher zu erkundigen.
»Aber in meiner Erinnerung ist ein Abgrund«, flüstert sie und versucht sich aufzurichten. Er ist ihr behilflich und stützt sie durch Kissenberge im Rücken.
»Du kannst nur allmählich zurückfinden.« Er hält ihre Hände fest, die unter seiner Wärme wieder ruhig werden. »Vor allen Dingen darfst du es nicht erzwingen wollen, du mußt geduldig warten, bis alles von selbst wiederkehrt.«
»Ja«, erwidert sie gehorsam. »Nur das eine mußt du mir sagen: der Vater ist tot?«
»Seit fünfundzwanzig Jahren!« bestätigt er.
»Und daß mein Bruder bei seiner Bank die große Summe unterschlagen hat und daß du alles bezahltest, das ist kein Traum?«
Michael Pohl überlegt einen Augenblick und sagt schließlich lachend:
»Was sind das für alte Sachen! Auch das ist fünfundzwanzig Jahre her.«
»Siehst du, das habe ich gewußt. Das ist kein Traum gewesen. Ich habe so viel Unglück über dich gebracht. Und nun bin ich krank und kann nicht sparen und arbeiten, um dir alles wieder einzubringen.«
Sie hat ihm damit zum erstenmal nach so viel Jahren eine Erklärung für ihren Arbeitsfanatismus gegeben, der ihm so oft zur Last geworden war.
Er setzt ihr auseinander, daß sie reich seien, sehr reich. Er zählt ihr die Werte seiner Mühle und des Grundstücks auf. Ja, sie hätten mehr Geld, als sie verbrauchen könnten. Und wenn sie wolle, so würde er hier sofort alles verkaufen und sie in ein herrliches Schloß setzen, wie sie es sich damals träumte, als sie beide noch jung waren.
»Gott hat mich für meinen Hochmut bitter gestraft«, sagt sie abwehrend. »Ich bin schuld daran, daß mein Bruder das getan hat. Ich habe ihn zu sehr geliebt und verwöhnt und mit meinen Plänen vergiftet.«
»Du warst nur wenige Jahre älter als er, und man konnte von dir noch nicht verlangen, daß du ihn allein erziehst, zumal du auch ohne Mutter aufgewachsen warst. Er war nicht schlecht und hat seine leichtsinnige Handlung bereut. Ich bin fest davon überzeugt, daß er drüben ein neues Leben angefangen hat. Wir haben nur nichts mehr von ihm gehört, weil du nicht wolltest, daß er uns schreibt.«
»Nein,« sagt sie, »dein Leben sollte nicht noch einmal das eines Verbrechers kreuzen.«
Er fühlt wieder ihre unbeugsame Strenge und versucht, ihre Gedanken von diesen Erinnerungen abzulenken.
Allmählich gelingt es ihm, sie zu beruhigen. Er hält ihre Hand fest und erkennt an dem sachte nachlassenden Druck ihr Versinken in den Schlaf.
In Erwartung
Als im nächsten Frühjahr das erste Hafenbecken mit den langgestreckten, niedrigen Lagerhallen fertiggestellt war und Waren aus aller Herren Ländern eintrafen, um ausgeladen oder umgeladen zu werden, konnte man wohl von der eigentlichen Eröffnung des Hafenbetriebs reden. Aber man machte nicht viel Wesens davon.
Joachim Becker fährt nach wie vor an jedem Morgen in den Hafen und sieht nach dem Rechten, nicht nur bei den Bauten, sondern auch bei den neuen Aufgaben des Hafens, bei der positiven Arbeit, auf die er lange genug gewartet hat.
Er stellt sich neben den Lademeister und sieht ihm schweigend eine Weile zu, bis der Mann irre wird und einen Fehler begeht; dann hat der Direktor Gelegenheit, zu zeigen, was er alles sieht und was er versteht. Ja, man hat Respekt vor ihm, das muß man sagen, man läßt sich durch seine Gegenwart unsicher machen. Und Joachim Becker findet, daß so alles in Ordnung ist.
Er geht auch zum Kontoristen in das kleine Bureau der Lagerhalle und sagt gutgelaunt:
»Na, bald werden Sie es nicht mehr allein schaffen, was? Wenn im Verwaltungsgebäude die ersten beiden Stockwerke fertig sind, ziehen wir dort ein. Dann können sie an den weiteren Etagen über unseren Köpfen fortbauen.«
»Ach,« meint der Beamte ehrfürchtig, »zieht dann die Direktion hier ein?«
»Die Direktion?« Joachim Becker lacht. »Nein, die Direktion bleibt, wo sie ist. Aber hier werden wir eine Verwaltung einrichten müssen.«
»Ja«, sagt Herr Karcher verständnisvoll, und es liegt ihm fern, zu denken, daß er dann einen besseren Posten einnehmen könnte. Er hat zwanzig Jahre die Papiere und Bücher in Lagergeschäften ordnungsgemäß geführt, und er trägt ein Verzeichnis aller Waren und ihrer unmöglichsten dialektischen und fremdländischen Bezeichnungen im Kopf. Er kannte sich immer in seinen Dokumenten aus, und darauf ist er stolz. Mehr verlangt er von seinem bescheidenen Leben nicht.
Aber nun sieht er manchmal zum Gerüst des Verwaltungsgebäudes hinüber und denkt mit Bestürzung: es wächst und wächst. Er ist mit dem jetzigen Zustand so zufrieden und hätte bei Gott keine Veränderung gewünscht.
Wenn er morgens mit seinem Handbuch zum Hafenbecken kommt, um die Eingänge zu notieren, liegen die Kähne mit den dunklen schweren Leibern in der Sonne. Kinder und Hunde laufen auf dem Deck umher, und die Schiffer ziehen ihre Mützen.
»Guten Morgen, Herr Karcher,« sagen sie freundlich und zutraulich und »Ja, das ist ein Frühlingstag«. Das sagen sie an jedem Frühlingstage.
Und Herr Karcher meint, während er die schmalen Schultern wohlig hochzieht und die Hände reibt: »Ja, das laß ich mir gefallen,« und »Ist dort, wo Ihr gestern wart, auch schon der Frühling eingezogen?«
Dann erzählen sie, wie der Frühling zehn oder zwanzig Meilen weiter aussieht, und Herr Karcher hört andächtig zu, bis er plötzlich seiner Kladde gedenkt und einzutragen beginnt.
Dort drüben aber wächst das Verwaltungsgebäude mit jedem Tag, und dann wird die Verwaltung einziehen und ein anderes Regiment führen. Herr Karcher beginnt unter den Strahlen der Frühlingssonne zu frösteln, und wenn die Fürsorgeschwester nicht im Hafen wäre, so könnte er der Melancholie verfallen.
Aber Schwester Emmi kommt in ihrem blaugestreiften Kleid auf zierlichen Füßen daher wie ein Morgengruß und sagt in ihrer stets prächtigen Laune:
»Uff! Das hätten wir getan!«
»Guten Morgen«, pflegt Herr Karcher dann erst ermahnend zu sprechen. »Was hätten wir getan?«
»Guten Morgen«, ruft sie nachträglich, während sie sich auf seine Tischkante setzt. »Eben so unsere ersten Pflichten: eine Suppe auf einen Kahn getragen und ein Kind angezogen und -- na so weiter. Einen Finger habe ich heute noch nicht verbunden.«
»Aber hier ist eine Wunde zu heilen«, sagt Herr Gregor, der nun auch auf der Bildfläche erscheint. Er hält ihr seine Wange hin, die einen schmalen Riß sehen läßt.
»Nein, Rasierschnitte unterliegen nicht der Fürsorge«, wendet sie ein, und dabei gibt sie ihm einen kleinen Klaps auf die Schramme.
»Finden Sie,« fragt sie Herrn Karcher, »daß es schön ist, wenn ein Mann sein Gesicht pudert? Und wann, glauben Sie wohl, ist dieser leichtsinnige junge Herr heute nacht heimgekommen?«
»Sind Sie so gut unterrichtet?« fragt Herr Karcher, während Herr Gregor geschmeichelt an seinen Nägeln putzt.
»Jawohl,« erwidert sie, »denn ich kann es in meinem Zimmer deutlich hören. Und auch Frau Reiche hat ihn kontrolliert. Er ist nämlich heute nacht überhaupt nicht nach Hause gekommen. Der Morgenwächter hat ihn erst eingelassen.«
»Aha! Daher die Informationen!« stellt Herr Gregor fest.
»Und dieser Mann ist so naiv, Herrn Gregor für den tüchtigsten Beamten des Hafens zu halten.«
Herr Gregor räuspert sich respektfordernd.
»Er sagte nämlich: ›Herr Gregor hat heute um fünf Uhr schon den Hafen inspiziert.‹«
»Dieses Rhinozeros!« entfährt es dem jungen Mann, den man für würdig hält, so lange Objekt der Unterhaltung zu sein.
Aber da wird Herr Karcher plötzlich ernst und sagt: »Übrigens hat schon jemand von der Direktion nach Ihnen gefragt.«
»So -- die haben auch nichts Wichtigeres zu tun!«
Schwester Emmi macht ein sehr bestürztes Gesicht.
»Wer hat nach ihm gefragt? War es der Direktor selbst?«
»Nein, der Direktor ist seit gestern verreist. Er ist ins Ausland gefahren«, sagt Herr Gregor.
»Seine Sekretärin könnte es gewesen sein«, meint Herr Karcher.
»So, diese Pute geht das gar nichts an, wann ich komme.«
»Also eine Frauenstimme. Das ist nur gut«, sagt Schwester Emmi. Ihr Gesicht hellt sich wieder auf. »Aber jetzt gehen Sie wohl, Herr Gregor?«
»Wenn ich hier im Hafen mit meinen Arbeiten fertig bin, werde ich gehen. Diese Herrschaften bilden sich wohl ein, daß ich nur der Pünktlichkeitskontrolle wegen erst ins Stadtbureau fahre und dann für die Hafenarbeiten extra wieder herkomme. Diese Bureaukraten --«
Er vollendet den Satz nicht, sondern steht an der Tür, um draußen weiterzusprechen, in der Erwartung, daß Schwester Emmi ihm folgt. Aber sie bleibt auf der Tischkante sitzen und blickt ihm bekümmert nach.
»Ich dachte, Sie wollten auch an die Arbeit --« sagt er enttäuscht. Sein langes Gesicht ist grau und übernächtig.
»Oh, ich habe heute schon mancherlei getan, aber nun muß ich hier wegen der Unterstützung der kranken Schifferfrau mit der Kasse telephonieren. Sie soll nämlich in ein Krankenhaus.«
»Ich glaubte, bei Frau Reiche wäre dafür auch ein Telephon.«
»Ach ja, aber jetzt bin ich hier.«
»Na, dann viel Vergnügen!« Herr Gregor schmettert wütend die Tür ins Schloß und trottet allein am Kai entlang der Hafenwirtschaft zu. Dieser Schürzenjäger kann keine zehn Schritte mehr ohne weibliche Begleitung gehn, und er ist unzufrieden mit allem, was Röcke trägt.
Schwester Emmi springt vom Schreibtisch herunter und lauscht angespannt auf seine Schritte.
»Warum sind Sie denn nicht mitgegangen?« fragt Herr Karcher, während er sich wieder mit seinen Eintragungen in den Büchern beschäftigt.
»Ach, weil ich nicht wollte.«
Dann schlüpft sie zum Fenster und drückt sich die Nase an den Scheiben platt, um bis ans Ende des Hafenbeckens und bis zur Kantine zu sehen.
»Und dann«, sagt sie nach einer ganzen Weile, nachdem Herr Gregor endlich durch das Hauptportal verschwunden ist, »und dann will er immer noch dieses und jenes erzählen und hält sich auf, und im Bureau warten sie auf ihn. Meinen Sie wirklich, daß es nur die Sekretärin war? Wollte sie etwas Bestimmtes von ihm?«
»Es kann auch jemand von der Personalabteilung gewesen sein. Aber das war sicher nur wegen der üblichen Kontrolle. Vielleicht wollte man auch hören, ob ich auf meinem Posten sei.«
»Nein, das wollte man sicher nicht. Sind Sie in Ihrem Leben schon einmal zu spät gekommen, Herr Karcher?«
»Ja, einmal in zwanzig Jahren.«
»Aber da hat sicherlich ein schwerer Grund vorgelegen?«
»Es war an dem Tage, da meine Frau starb.«
»Ach. Und da sind Sie noch ins Bureau gegangen?«
Herr Karcher sieht auf seinen Federhalter und sagt langsam: »Als ich das Haus verließ, hat sie noch gelebt. Aber ich war sehr unruhig und kam zurück und ging zur Nachbarin und dachte auf der Straße daran, daß ich wieder etwas vergessen hatte, und da bin ich fünf Minuten zu spät gekommen.«
»Fünf Minuten? Ach, da hat sich doch niemand darüber aufgehalten?«
»Doch. Der Vorsteher wurde wütend und brummte: ›Da fängt der auch schon an.‹ Er war knurrig und mochte mich gar nicht sehen, bis dann die Nachbarin kam und sagte, daß meine Frau gestorben sei.«
»Da hat er wohl eine Erklärung gehabt?«
»Jedenfalls.«
»Wie lange liegt das zurück, Herr Karcher?«
»Zehn Jahre.«
»Zehn Jahre. Und seitdem sind Sie immer allein? Ach, du lieber Gott, es ist doch wirklich wahr, da fehlt wieder ein Knopf!«
»Ja, ich habe ihn eingesteckt.«
»Dann geben Sie ihn nur her, man wird sich doch so eines armen Junggesellen annehmen müssen.« Sie zieht schon einen schwarzen Faden und eine Nadel aus ihrer Schürzentasche.
»Nein, so etwas! Was sind Sie für ein hilfreiches und praktisches Menschenkind! Haben Sie das immer so zur Hand?«
»Aber gewiß! Bei meinen Kindern auf den Kähnen und bei den vielen Leuten hier im Hafen gibt es stets allerhand zu nähen. So, nun ist der Schaden bald repariert. Und diese kleine Stelle wollen wir auch gleich etwas zusammenziehen. -- Wissen Sie, das ist das Herrliche an meiner Arbeit hier, daß ich sie mir suchen darf. Nachdem der Direktor mich damals engagiert hatte, bin ich zu ihm hingefahren und habe ihn gefragt, was ich denn nun zu tun hätte. ›Ja,‹ sagte er, ›das weiß ~ich~ doch nicht, das werden ~Sie~ finden müssen. Im Hafen sind viele Menschen bei der Arbeit, denen etwas passieren kann. Sie können den Finger quetschen oder krank werden, und wenn einer besonders schlecht aussieht, dann könnte so eine Frau wie Sie ihn vielleicht fragen, was ihm fehlt.‹ Das hat er wirklich gesagt. Und dann meinte er noch: ›Vergessen Sie nicht die Leute auf den Kähnen. Die Schiffer mit ihren Familien sollen sich bei uns wohlfühlen. Sie müssen sich eben immer vor Augen halten, daß Sie die Fürsorgestelle sind.‹ Und dabei betonte er das Wort ›Fürsorge‹ so besonders. Unterwegs, in der Bahn, mußte ich immerfort darüber nachdenken. Schließlich habe ich mir das Wort in zwei Teile zerlegt, und da kam ich dahinter. ›Für Sorge‹ soll ich da sein, für alle Sorgen, um sie zu vertreiben. Und daran will ich mich eben immer halten.«
»Vielleicht hat das Wort aber die Bedeutung von Vorsorge; also vorsorgen, vorbeugen gewissermaßen sollen Sie«, meint Herr Karcher, während er auf ihre flinken Finger sieht.
Sie läßt die Nadel im Stoff stecken und macht ein sehr nachdenkliches Gesicht.
»Nun haben Sie mir alles umgeworfen, und ich kann wieder von neuem anfangen, darüber zu grübeln. Sie mögen auch recht haben. Vorbeugen, sehen Sie, das kann auch in seiner Absicht gewesen sein. Denn wie der Direktor mich draußen einmal traf, sagte er: ›Die Kinder der Schiffer laufen hier zwischen den Bauten herum, es könnte ihnen etwas passieren. Vielleicht haben Sie eine Beschäftigung für sie, Spiele oder Handarbeiten, damit sie auf einem Platz gesammelt sind.‹ Ja, an was er alles denkt. Damit also haben wir dem Unglück vorgebeugt.«
Jetzt reißt sie den Faden ab und ist mit ihrer Arbeit fertig.
»War das auch eine dienstliche Verrichtung?« fragt Herr Karcher lächelnd.
»Da müßte ich erst bei der Direktion anfragen.« Sie lacht schelmisch und steckt das Nähzeug wieder in die Tasche. »Ja, nun will ich gehn.« Sie nickt ihm kameradschaftlich zu und verschwindet hinter der Tür. Das beabsichtigte Telephongespräch wird sie wohl doch bei Frau Reiche führen.
Herr Karcher ist wieder mit seinen Büchern allein und betrachtet den festgenähten Knopf. Aber vor dem Fenster sieht er etwas Helles, und das ist Schwester Emmis blaugestreiftes Kleid. Ihr wasserstoffblondes Haar hat dunkle Flecken, weil sie es in seiner natürlichen Farbe nachwachsen läßt. Herr Karcher findet das sehr schön. Plötzlich springt er hoch, reißt beide Fensterflügel auf, daß die neue Ölfarbe kracht, und ruft hinaus:
»Ich habe ja den Dank vergessen!«
Dann schlägt er das Fenster wieder zu und hat den Dank durchaus noch nicht nachgeholt.
Schwester Emmi lacht und wehrt mit großen Armbewegungen ab. Dann geht sie wieder ihres Weges, und Herr Karcher beugt sich über seine Bücher.
So schön könnte es also auch weiterhin in seinem kleinen Kontor sein, wenn nicht plötzlich eine neue Nachricht bombenartig hereingeplatzt wäre.
Wer es zuerst erzählt hat, läßt sich nicht mehr feststellen, jedenfalls ist ein jeder mit dem Gerücht beschäftigt, daß ein neuer Hafendirektor einziehen soll.
Und Joachim Becker? Er ist für die höhere Politik vorgesehen, als Außenminister des Hafens gewissermaßen. Er übernimmt die Generaldirektion in der Stadt und hat im Hafen seinen Direktor. Ja, diese Hafengesellschaft, sie hat erst ~ein~ Becken, aber ~zwei~ Direktoren, und davon ist der eine sogar ein Generaldirektor und der andere ein richtiger Kapitän.
»Ein Kap'tein?« fragt Schiffer Martens ungläubig.
»Ja,« sagt Lagerverwalter Scholz, »das habe ich gehört, und aus einem großen Seehafen soll er kommen.«
»Düwel! Dann ist er auf den Riesenschiffens über den Großen Teich gefahren. Dat is mien Mann!«
Und er freut sich ordentlich auf seinen großen Kollegen.
Auch der Bodenmeister Ulrich erwartet gern den neuen Mann. Nun würde doch einer kommen, der seiner würdig wäre, einer, der auch die Welt gesehen hat und nicht wie dieser hier immer mit der Nase in der Heimat geblieben ist und dabei doch klugschnacken will. Ja, Ulrich ist ein weitgereister Mann. Er war für einen großen Spediteur in Saloniki tätig, und in Rustschuk hat er einen Getreidespeicher mit Elevatoren und allem modernen Kram bedient. Ach, sogar in Konstantinopel ist er gewesen, und wenn er von den Harems erzählt, die er in seinem Leben schon gesehen hat, dann sperren die anderen die Mäuler nur so auf.
Aber daran liegt ihm wenig. Nun würde doch einer kommen, mit dem er auch ein Wort in einer anderen Sprache reden könnte, denn so ein Kapitän versteht natürlich alle Sprachen, zum Beispiel Französisch. Und über das Technische könnte man sich mit ihm richtig fachmännisch unterhalten, über Schiffsbecherwerke und Saugförderanlagen und Krane, über die ganze Ausrüstung, die ein moderner Getreidespeicher heutzutage braucht. Ulrich zweifelt keinen Augenblick daran, daß ein Mann, der in der Welt herumgekommen ist, davon etwas versteht.
Er sieht im Geiste den halbfertigen Getreidespeicher in seiner vollkommenen Größe und mit allen maschinellen Anlagen ausgestattet. Dann ist seine Zeit angebrochen, denn dafür ist er bestimmt, und er wartet nur darauf. Nun aber kommt der Kapitän, der dafür sorgen muß, daß der Bau beschleunigt wird, und daß es ein richtiger und sehenswerter Hafen wird.
So freut sich auch der Bodenmeister Ulrich auf den Kapitän.
Aber da sind einige im Hafen, die ihm mit großer Sorge entgegensehen.
»Brauchen wir schon einen Aufpasser hier im Hafen?« fragt Frau Reiche ihren Mann. »Ich meine, es ist doch bisher ganz gut so gegangen.«
»Wenn die Direktion es für richtig hält, so mag es schon stimmen«, meint der ehemalige Bäckermeister und jetzige Kantinenwirt. Sein blasses, aufgeschwemmtes Gesicht mit den unzähligen Sommersprossen und dem roten Schnurrbart ist in letzter Zeit etwas eingefallen, denn er hat es nun mit Selterwasser und Milch versucht, und das ist nicht das richtige Getränk für einen Mann, der zu vergessen hat, daß er das beste Brot im ganzen Stadtviertel backen konnte, und der nun hinter dem Schanktisch stehen muß, weil es die Frau so will.
»Mag es schon stimmen,« macht sie ihm mit verzogenem Mund nach, »mag es schon stimmen! Du bist auch so einer, der alles für richtig findet, was die Obrigkeit anordnet, ohne einmal selber darüber nachzudenken. Ich bin der Ansicht, wir brauchen noch keinen Kapitän. Dazu sind wir hier noch viel zu klein. Aber der Direktor Becker weiß nicht mehr, wo er hinaus soll mit seinen hohen Plänen, und wenn man ihn sprechen will, so hat er keine Zeit.«
»Das ist auch richtig so. Unsereins hat in seinem Bureau nichts zu suchen. Was er uns zu sagen hat, läßt er uns schon durch Herrn Gregor bestellen.«
»Na, und ist es nicht immer sehr gut gegangen mit Herrn Gregor?« fragt sie triumphierend. »Brauchen wir einen neuen Mann? Warum können sie denn dem Herrn Gregor nicht den Posten geben?«
»Dafür werden sie schon ihre Gründe haben«, sagt ihr Mann und verläßt den Raum.
»Esel«, ruft sie ihm wütend nach. Nein, sie ist gar nicht zufrieden mit dem angekündigten neuen Mann.
Und darin stimmt ihr selbst Herr Gregor zu, der in den letzten Monaten nicht immer ihre Ansichten teilte, und der recht schwer zu lenken war.
»Das wird hier ja recht gemütlich werden«, sagt er zu Herrn Karcher, der über seinen Büchern sitzt und alle Prophezeiungen vom neuen Mann über sich ergehen läßt.
»Haben Sie ihn schon gesehen?« fragt Herr Karcher.
»Nein, den hat noch niemand gesehen. Der Becker hat ihn auf seiner Reise getroffen, er soll von den Reedereien empfohlen sein.«
»Von den Seehafenreedereien?« fragt Herr Karcher, als wüßte er, daß diese Empfehlung dann etwas zu bedeuten habe.
»Jedenfalls von den Seehafenreedereien, denn der Kommerzienrat und der Becker haben dauernd in den Seehäfen Besprechungen gehabt.«
›Was bist du doch für ein kurzsichtiger Mann‹, apostrophiert Herr Karcher sich selbst mit Beschämung. ›Da denkst du, es könnte alles so bleiben, wie es ist: mit einem halbstündigen Morgenbesuch des Direktors, mit Herrn Gregor und Schwester Emmi. Doch mit dem Kapitän und den Reedereien wird es schon seine besondere Bewandtnis haben. In ~die~ Pläne siehst du nicht hinein, aber für die Weiterentwicklung des Hafens und für dieses ganze Riesenprojekt werden sie schon ungeheuer viel bedeuten. Wenn es nach dir ginge, könnte man die ganzen in den Hafen gesteckten Millionen in den Schornstein schreiben‹. Er ist bereit, sich den Beschlüssen der obersten Leitung ohne Kritik zu fügen.