Der Hafen

Part 13

Chapter 133,780 wordsPublic domain

Sie preßt die Zähne gegen ihren Handrücken, um nicht vor Freude zu schreien. Sie weint lautlos, mit krampfhaft unterdrücktem Schluchzen, während sie in der Mitte des Zimmers steht, hager, abgezehrt, mit ihrem glühenden, eingefallenen Gesicht.

Dann setzt sie sich auf den Stuhl neben das Kinderbett und schläft augenblicklich ein, die Hände im Schoß, den Kopf zur Seite geneigt, die rissigen Lippen leicht geöffnet. --

Im Morgengrauen erwacht Michael Pohl. Die Kleider kleben an seinem Körper. Die Glieder sind schwer, ohne Gefühl.

Ein schwaches, leise stöhnendes Husten läßt ihn erschreckt hochfahren. Mit stechendem Schmerz fühlt er das Blut von der raschen Bewegung in den Schläfen aufwallen und verebben.

Er geht zum Kinderbett hinüber. Auch Frau Pohl ist von dem Geräusch schreckhaft erwacht. Sie beugt sich über den Knaben und hebt das Gesicht zu ihrem Mann wieder auf.

»Er hat im Schlaf gehustet«, flüstert sie, mit einem weichen Lächeln im ausgeruhten Gesicht.

Ihre Blicke haften ineinander, sekundenlang. Michael Pohl berührt sachte ihre Schultern. Da fährt sie zusammen.

»Wieder habe ich es gesehen«, flüstert sie ängstlich. »Jetzt, in diesem Augenblick, ganz deutlich.«

Er löscht das Licht und führt sie in das Nebenzimmer. Blaugraue nebelverhüllte Morgenluft ist hinter den Fenstern.

Während Frau Pohl starr geradeaus blickt, beginnt er, sie vorsichtig auszufragen.

Sie erzählt von der Vision.

»Ja,« sagt er, den Blick ruhig, zwingend auf ihre Augen gerichtet, »das war dein Sohn! Und der Knabe nebenan, den du dir heute nacht ins Leben zurückgerettet hast, ist Irmgards Sohn. Aber nun gehört er dir, als wäre er dein eigener.«

Sie versucht, den Kopf zu bewegen. Steif wendet sie ihn dem Fenster zu und starrt wieder in ihre Erinnerung zurück.

»Wie lange war ich krank?« fragt sie mühselig, tonlos.

»Fünf Jahre.«

»Fünf Jahre ...« wiederholt sie langsam.

Michael Pohl nimmt ihre kalten, zuckenden Hände auf.

»Alles,« flüstert sie hastig, »alles mußt du mir erzählen!«

Und er berichtet langsam, was sie zunächst zu fassen vermag, bis mählich ihre Augen ruhig werden und sie alle Zusammenhänge erkennt.

Sie äußert sich nicht. Sie lehnt stumm den Kopf an seine Schulter und schließt die Augen.

Er streicht zärtlich über ihre stumpfen braunen Haare mit den grauen Streifen und atmet leichter, befreit. Ob jetzt das Leben auch für sie beide noch einmal beginnt? -- -- --

Nun weiß Joachim Becker, welche Bewandtnis es mit dem Knaben in der Mühle hat, und könnte zur Tagesordnung übergehen. Laufen nicht genug Kinder in der Welt umher, die von ihren Vätern niemals gesehen wurden, ja, von deren Existenz die Erzeuger keine Ahnung haben? Es wäre wirklich keine Ursache, diese Angelegenheit allzu wichtig zu nehmen.

Aber daß er gerade jetzt auch von der Krankheit erfahren mußte, kompliziert den Fall. Schließlich ist er ein fühlender Mensch, und wenn jemand schwer darniederliegt, kann er ihm seine Teilnahme nicht versagen. Er malt sich aus, was der Verlust für Irmgard Pohl bedeuten müßte, denn an ein Kind von fast zwei Jahren hat man sich immerhin gewöhnt. Schon aus diesem Grunde hätte er gern gewußt, wie es mit dem Knaben steht.

Er findet eine geschäftliche Angelegenheit, die sofort mit dem Kapitän besprochen werden kann. Also fährt er wieder in den Hafen und sieht sich dort gelegentlich auch nach Schwester Emmi um. Man könnte ihr heute ein freundliches Wort geben, obgleich ihm der Gedanke nicht angenehm ist, daß sie recht viel von seinen rein privaten Angelegenheiten weiß.

Schwester Emmi wird ihn wohl rechtzeitig erspäht haben. Sie läuft nicht ein zweites Mal blind in Ungelegenheiten hinein. Aber der Kapitän ist da, freundlich und höflich wie immer. Joachim Becker sieht ein, daß er ihm neulich Unrecht getan hat.

Er drückt ihm kräftig die Hand und bietet ihm von seinen Zigaretten an, während sie sich über die Fortschritte am Bau ihres Getreidespeichers unterhalten.

»Nun werden wir es bald nicht mehr nötig haben, unser Getreide drüben einzulagern.«

»Wie steht es übrigens jetzt mit der Ansteckungsgefahr? Es wäre mir sehr peinlich, wenn einer der Schiffer, die hier im Winterlager sind, dadurch mit seinen Kindern Sorgen bekäme«, meint der Generaldirektor bei dieser Gelegenheit. Es gelingt ihm der beabsichtigte leichte Ton.

Vielleicht ist der Kapitän der Ansicht, daß die Sorge um die Kinder der Schiffer erst an zweiter Stelle käme. Er rückt ein wenig an seinem Stuhl und erwidert:

»Wie solche Krankheiten manchmal verschleppt werden können, ist nicht abzusehen. Ich habe mich gestern telephonisch erkundigt und die betrübliche Nachricht erhalten, daß der Junge in größter Gefahr schwebt. Ob die Krisis jetzt überwunden ist, weiß ich nicht.«

Wenn er mehr Erbarmen mit Joachim Becker hätte, der so vortrefflich seine Vatergefühle verbirgt, dann würde er vielleicht seiner Sekretärin Auftrag gegeben haben, anzufragen, wie es jetzt »drüben« steht. Der Generaldirektor hätte eine beruhigende Nachricht mitnehmen können, wenn sie auch sonst ohne Wert für ihn wäre. Doch der Kapitän unternimmt nicht mehr, als für einen neutralen Mann nötig ist.

Joachim Becker drückt sein Bedauern über den traurigen Fall aus und wendet sich wieder den geschäftlichen Dingen zu.

Nachdem er sich verabschiedet hat, läßt der Kapitän sich sofort mit Irmgard Pohl verbinden, um seinerseits Gewißheit zu gewinnen.

»So, das ist ja ausgezeichnet, ausgezeichnet!« antwortet er auf die gute Auskunft hin. Er beugt sich in seinem Stuhl vor, den Arm mit dem Hörer aufgestützt, als wolle er sich noch lange in dieser angenehmen Weise unterhalten.

»Da gratuliere ich uns allen!« ruft er hinterher.

»Ja, mir auch«, antwortet er auf Irmgards Frage, »denn ich habe doch die Einladung nicht vergessen.«

Er plaudert im gleichen angeregten Ton weiter: Gewiß, eine Woche würde er sich gern gedulden, auch etwas länger, wenn es sein müßte.

Dann richtet er sich plötzlich auf. Seine Stimme wird noch lauter, weil er den Ton sehr tief aus der Kehle holen muß.

Wie? Verreisen? Wie lange? Ein ganzes Jahr? In die Schweiz? Er habe doch recht gehört: sie selbst? Ja, dann wünsche er alles Gute. Ach, in ein paar Wochen erst? Gewiß, dann hätte er noch Gelegenheit, sich persönlich zu verabschieden. Demnach also auf Wiedersehen! Und eine Empfehlung an die Eltern!

Er legt den Hörer langsam hin. Sein schmales kantiges Gesicht mit den vielen Falten in der braunen, trocknen Haut sieht nicht befreiter aus als das Joachim Beckers, der vor wenigen Minuten diesen Raum verließ.

Aber auch diese Woche vergeht, und er begibt sich eines Abends gegen sieben Uhr auf den kurzen Weg zum Nachbarn. Seine Geige ist natürlich zu Hause geblieben, denn nun hat es ja keinen Zweck, damit zu beginnen.

Frau Pohl lernt er noch immer nicht kennen, weil sie der Luftveränderung wegen mit dem Knaben verreist ist. Das sei ein gutes Mittel gegen diese Krankheit, meinte Irmgard Pohl am Vormittag, gelegentlich der telephonisch ausgesprochenen Einladung. Damit wäre übrigens auch die Ansteckungsgefahr für »seine Kinder« beseitigt.

Er wird von Vater und Tochter sehr liebenswürdig empfangen. Sie essen gemeinsam, und der Kapitän bestreitet hauptsächlich die Kosten der Unterhaltung. Das kann nicht schwer für ihn sein, da er soviel auf seinen weiten Reisen erlebte. Auch von der Schweiz erzählt er. Vielleicht dürfe er ihr für die Reise einige Ratschläge geben.

»Ach, stellen Sie sich meine Reise nur nicht als eine wechselvolle Vergnügungsfahrt vor, wie sie sich für einen Mann gestalten mag!« sagt Irmgard Pohl lachend. »Wir haben an ein Institut geschrieben, wo ich mich ein Jahr lang in praktischen Dingen und in Sprachen üben und mit jungen Menschen etwas Sport treiben kann. Der Vater findet, daß ich hier zu wenig Bewegung habe und daß er zu alt für mich sei.«

»Ja, das ist wahr,« meint Herr Pohl, »Jugend gehört zu Jugend. Wir haben es uns reiflich überlegt. Und so wird es das Beste für alle sein.«

»Da haben Sie recht«, bestätigt der Kapitän. »Da haben Sie vollkommen recht.«

Dann wird er etwas einsilbig. Das Essen ist abgeräumt. Sie sitzen um den runden Tisch, Herr Pohl in seiner Sofaecke, und Irmgard findet es an der Zeit, mit Wein und Gebäck aufzuwarten.

Herr Pohl sagt: »Wir wollen auf das Wohl unserer beiden Familienmitglieder anstoßen, die heute nicht bei uns sind.«

Er sieht fast unternehmungslustig aus und läßt es sich nicht nehmen, von den »beiden« zu erzählen. Er habe sie gestern zu seinem jüngeren Bruder, dem Arzt, aufs Land gebracht. Da hätten sie die nötige Luftveränderung und ständige Pflege.

»Und Ihre Tochter wollen Sie auch noch fortschicken?« Der Kapitän scheint mit so viel Veränderungen in der Familie wenig zufrieden zu sein.

»Erst müssen die beiden zurückkommen«, meint Irmgard Pohl einlenkend. »Das kann drei bis vier Wochen dauern. Ich werde wohl erst im April fahren.«

»So, im April«, meint der Kapitän. »Das sind ja fast zwei Monate bis dahin.«

Er wird wieder aufgeräumter. Zum Schluß ist es noch ein freundlicher und angenehmer Abend.

Herr Pohl begleitet seinen Gast ziemlich spät bis zum Tor hinter der Mühle und sieht ihm einen Augenblick nach, wie er mit seinen festen steifen Schritten zu seiner einsamen Wohnung im riesengroßen dunklen Verwaltungsgebäude hinüberstapft.

Das Brot

Nun ist auch der Tag gekommen, an dem der fertige Getreidespeicher seiner Bestimmung übergeben werden kann.

Das zweite Hafenbecken ist vollendet, und die gewaltigen Konturen des Speichers zeichnen sich auf seinem neuen Wasserspiegel ab.

Der erste Kahn mit einer russischen Getreideladung wird hereingelassen, und das ist ein großer und erhebender Augenblick.

Sogar Kommerzienrat Friemann erschien, um diesem Vorgang beizuwohnen, der die ersprießliche Zusammenarbeit seiner Firma mit dem Hafen einleitet. Auch der Generaldirektor nahm sich die Zeit, die er diesem Entwicklungsstadium seines Hafens schuldig ist.

Er stellt sich zu den Ingenieuren, die nun ihre Arbeit zu übergeben haben, und freut sich ihres Eifers.

Bodenmeister Ulrich steht neben dem Kapitän. Er hat die Augen fest auf das Hebelbrett der Antriebsmotoren gerichtet, das er von nun an bedienen wird. Heute übernehmen es noch die Ingenieure.

Die langen Schläuche der Saugförderanlage werden in den Kahn hinabgelassen, die Maschinen beginnen zu rattern.

Auch Herr Karcher ist herbeigekommen, um ehrfürchtig das fertige Werk der Technik zu bestaunen. Er stellt sich in der Nähe Schwester Emmis auf, die von Felix Friemann in ein Gespräch gezogen wird. Es ist wieder Frühling, und Schwester Emmi hat ein frischgewaschenes, hellblau gestreiftes Kleid an, dazu eine blendend weiße Latzschürze, die sich über dem Busen zierlich wölbt.

»Es fängt an«, ruft sie aus. Sie ist die erste, die in den Speicher eilt. Da steht schon der Bäckermeister Reiche und betrachtet die ankommenden Getreidekörner mit feuchten Augen. Sie fallen in schmaler Reihe aus den Rohren auf den Boden des Speichers herab und bilden niedrige Häufchen, von einer Staubwolke umwogt.

Aber seht, wie sie wachsen! Als der Kommerzienrat mit Joachim Becker und dem Kapitän hinzutritt, sind es richtige Hügel geworden, die sich in der Höhe und Breite vergrößern. Und wer Geduld hat zu warten, kann es erleben, wie der Speicher sich füllt, wie es an den Wänden hochklettert und die Räume überschwemmt. Nun sieht man keinen Fußboden mehr, die Flut der kleinen prallen Körner wächst an den eisernen Pfosten hoch, die den Raum wie Säulengänge teilen, sie steigt bis zu den Fenstern hinauf, die dicht unter der Decke liegen, sie ist schwer und reif wie ein fruchtbarer Segen im neuen Haus.

»Wir wollen uns auch das Becherwerk und die Bandförderung ansehen«, sagt der Kommerzienrat. Er hat einst das Getreide kiloweise verhandelt, und hier ist nun sein Getreidespeicher, der über 30000 Tonnen loses Getreide faßt.

Sie gehen zu den blitzschnell eilenden Bändern, die das Getreide davontragen und verteilen. Während die Motoren surren, eilen die Körner in dünner Schicht unter einer fliehenden grauen Wolke von Staub dahin, aber wenn man sie durch die Finger gleiten läßt, so sind sie wie Gold.

Felix Friemann, der den Gefühlen seines Vaters ferner steht, geht mit Schwester Emmi wieder zu den Kähnen hinaus, um mit ihr zu plaudern. Auch er hat seine Freude an ihrem Lachen und an ihren hellen flinken Worten. Herr Karcher zieht sich langsam in sein Lagerkontor zurück.

»Nun habe ich mein Exposé über die Erweiterung und Organisation unserer Fürsorgeeinrichtungen bei der Generaldirektion abgegeben«, sagt +Dr.+ Friemann zu Schwester Emmi.

»Ach, schriftlich haben Sie das sogar gemacht! Mein Gott, was wird uns das für Umwälzungen bringen! Muß man dann die Finger auf eine modernere oder wissenschaftlichere Weise verbinden?«

Nein, sie nimmt die Wichtigtuerei dieses Kommerzienratssohnes durchaus nicht ernst.

»Nun, das gerade nicht! Doch es werden Abteilungen und Untergruppen eingerichtet, und Sie sind dann nicht mehr die allmächtige Schwester Emmi, sondern einfach Schwester eins.«

»Herrjeh, wer wird dann Schwester dreizehn?« Sie will sich ausschütten vor Lachen.

»So weit wollen wir noch nicht gehen. Wir könnten getrost noch eine Schwester Anni oder Elli bekommen, die liebenswürdiger sind als Sie, -- die Anni oder Elli.«

Ihr Spott hat ihn etwas verwirrt, denn er fängt schon an, einzelne Worte zu wiederholen.

»Viel Vergnügen!« ruft sie aus. Sie blickt mit ihren lustigen Augen zu ihm hoch und hebt sich auf die Fußspitzen, um auch seine übertriebene Länge zu verspotten. »Die können Sie wirklich gebrauchen, die Anni oder Elli«, sagt sie noch lachend, während sie bereits enteilt.

Felix Friemann sieht ihr traurig nach. Er muß sich schon von einer kleinen Fürsorgeschwester auslachen lassen, er will sich bessern, das will er gewiß.

Der Kommerzienrat und Joachim Becker sehen sich auch sonst noch den Hafen an, dann fahren sie gemeinsam in das Stadtbureau zurück. Felix Friemann kann die beiden im letzten Augenblick vor der Abfahrt noch mit seinen langen Beinen einholen und seinen Schwager bitten, an Adelheid und seine Tochter Grüße zu bestellen.

Als alle Besucher fortgegangen sind und auch die Ingenieure mit dem Kapitän im Verwaltungsgebäude verschwanden, steht der Bäckermeister Reiche immer noch vor den Getreidemassen des Speichers und ist in tiefes Nachdenken versunken.

Er bückt sich und nimmt die Körner so voll in seine große helle Hand, daß sie zwischen den Fingern herausdringen, dann läßt er sie fallen, und wenn die Faust wieder leer ist, wird er von neuem traurig.

Schließlich muß er den Speicher verlassen. Bodenmeister Ulrich wird ungeduldig, er will endlich unumschränkter Herrscher in seinem Reiche sein. Die Befehle an die Arbeiter sind knapp und bestimmt, als spräche Joachim Becker mit ihnen.

Herr Reiche geht langsam und schwerfällig bis an das Ende des Hafenbeckens und um die Schmalseite herum zum Kanal, der den Hafen von der Mühle trennt.

Da steht der Speicher des Müllers, er ist nicht weniger vollkommen, nur etwas kleiner und älter. Daneben arbeitet die Mühle, die aus den prallen goldenen Körnern das Mehl bereitet. Und in der Stadt sind die vielen Meister, die ihr Brot davon backen. Sie holen es glühendheiß aus den Öfen, aber sie nehmen es trotzdem für den Bruchteil einer Sekunde zwischen die Hände und fühlen den elastischen goldbraunen Laib. Der ehemalige Bäckermeister glaubt den frischen sauer-süßen Duft zu verspüren, dann denkt er an die Selter- und Malzbierflaschen und an die Milchgläser, die er täglich mit einer langen Bürste reinigt.

Er ballt in ohnmächtiger Wut die Fäuste und findet keinen Weg aus seiner Not.

Nun fällt sein Blick auf einen Wagen, der neben der Mühle mit Säcken beladen wird. Er gehört einer großen Bäckerei, die sich ihr Mehl selbst holt und dabei den Zwischenhändler und die Rollfuhrspesen spart.

Herr Reiche beginnt, krampfhaft zu überlegen. Wenn man nun hier, direkt neben der Mühle -- zum Beispiel da, wo jetzt der Wagen steht -- eine Bäckerei errichtete, dann fielen nicht nur die Zwischenhändler und die Rollfuhrkosten, sondern auch das eigene Fuhrwerk fort.

Dieser Gedanke beschäftigte ihn eine ganze Woche lang, Tag und Nacht. Beim Gläserspülen greift er plötzlich nach irgendeinem Fetzen Papier und rechnet. Und wenn er des Nachts erwacht, so hält ihn die Grübelei stundenlang fest. Dabei sieht er nicht übernächtig aus, nein, im Gegenteil: prall und frisch. Seine Ohren sind stets rot angeglüht, seine Augen glänzen, nur in den Bewegungen scheint er sehr zerstreut.

Endlich faßt er einen Entschluß. Er zieht zum Erstaunen seiner Frau mitten an einem Wochentage seine besten Kleider an und geht fort. Zur Stunde des Arbeitsschlusses, als in der Kantine wieder viel zu tun ist, geht er, ohne eine Erklärung abzugeben, davon.

Er hat keinen weiten Weg. An der Föhrbrücke biegt er links ab zum Mühlengrundstück. Dort läßt er sich beim Mühlenbesitzer Pohl selbst melden. Er wird in das Privatkontor geführt, und seine Ohren brennen wie Feuer.

Michael Pohl fordert ihn -- was er bei jedem Besucher zu tun pflegt, ob es nun der Kapitän oder der Kantinenwirt ist -- mit einer stummen Handbewegung auf, im alten Sessel gegenüber seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Dann wartet er geduldig den Anfang der Rede ab. Er zeigt weder Neugierde noch Erstaunen, denn er ist schon an manchen eigenartigen Besuch, besonders aus dem Hafen, gewöhnt.

»Herr Pohl,« beginnt der Bäckermeister, »wenn ich so die Mühle sehe und die Getreidespeicher im Hafen und hier, da kommt mir so eine Idee -- der Herr Pohl wollen es mir nicht verübeln, wenn es nicht recht ist. Hier ist das Getreide, sage ich mir, und das Mehl --«

Er bricht seine Rede ab, um die Hauptsache nachzutragen:

»Ich bin nämlich Bäckermeister von Beruf, aber nun verwalte ich die Kantine im Hafen --«

Diese Worte, die ihm als geschickte Umschreibung des Wortes »Kantinenwirt« gefallen, hatte er sich mit großer Mühe zurechtgelegt, und nun sind sie wirklich richtig und glatt herausgekommen. Er ist geradezu glücklich darüber, stellt sich noch regelrecht mit seinem Namen vor und hat den Mut, weiterzusprechen.

»-- das Mehl, sage ich mir, und die Bäcker, die das Brot backen, müssen es erst in die Stadt fahren oder sie bekommen es von anderwärts oder vom Zwischenhändler -- der Herr Pohl werden mich schon verstehen?«

Der Mühlenbesitzer nickt.

»Nun sage ich mir, wie wäre es, wenn man das Mehl gleich hier verbacken würde? An Ort und Stelle. Dicht neben der Mühle. Da ist ein freier Platz, ich meine auf dem Grundstück vom Herrn Pohl, und wenn ich so rechne und rechne, so denke ich, daß das Brot mindestens um fünf Pfennig für das Stück billiger werden könnte als anderswo.«

Er sieht den Mühlenbesitzer erwartungsvoll an. In seinem Kopfe braust es, als säße er im Maschinenraum des Getreidespeichers, direkt neben den fünfzig Antriebsmotoren.

Mühlenbesitzer Pohl schweigt eine ganze Weile, dann sagt er langsam:

»Der Gedanke ist nicht schlecht. Wie hatten Sie sich das weiter gedacht?«

Der Bäckermeister richtet sich in seinem Sessel auf und macht erst einmal einen tiefen Atemzug. Jetzt fürchtet er sich nicht mehr. Die Details sind ihm außerdem geläufiger als die einleitende Rede. Er holt einen Zettel hervor, auf dem er die Resultate seiner Rechnereien abgeschrieben hat, und erklärt.

»Wer sollte nun die Bäckerei errichten?« fragt Herr Pohl.

»Wenn der Herr Pohl sich beteiligen würden? Mit einer Kleinigkeit und mit meiner Arbeitskraft könnte ich wohl mitmachen.«

»Und wer würde die Ersparnis von fünf Pfennig gewinnen, da die Brotpreise einheitlich geregelt sind?«

»Der Herr Pohl dürfen nicht denken, daß es mir um den Profit zu tun ist. Die Regelung will ich dem Herrn Pohl selber überlassen. Wenn ich nur meine alte Arbeit wiederbekomme. Das Brotbacken war mir das liebste, die Kinkerlitzchen überlasse ich den anderen.«

»Ja, Herr Reiche, das wollen wir uns mal beide durch den Kopf gehen lassen. Haben Sie noch zu einem anderen Menschen davon gesprochen?«

»Keiner Seele habe ich ein Sterbenswörtchen gesagt.«

»Dann wollen wir zunächst auch weiter darüber schweigen. Und Sie kommen morgen um die gleiche Zeit noch einmal her.«

Sie trennen sich mit einem kräftigen Händedruck.

Der Mühlenbesitzer steht am Fenster und sieht dem Manne nach, wie er mit schweren wiegenden Schritten über den Mühlenplatz geht.

Es gab eine Zeit, da der Bäckermeister Reiche sich für seinen neuen, von der Frau ersehnten Beruf die nötige Trinkfestigkeit holen mußte. Er hatte keinen Geschmack am Alkohol, aber wenn man ihn ausschenken soll, muß man ihn auch trinken können. So übte er sich eine ganze Weile darin, und als er die alkoholfreie Kantine bekam, war ihm das Trinken zur Gewohnheit geworden. Nun hat er wieder einen festen gleichmäßigen Gang und sogar Ideen im Kopf.

»Der Mann weiß gar nicht, was er hier für einen Plan aufgerollt hat«, sagt der Mühlenbesitzer vor sich hin. -- »Der Herr Pohl wollen es mir nicht verübeln, wenn es nicht recht ist«, hört er im Geiste noch einmal den Bäckermeister sagen. Michael Pohl schüttelt den Kopf und denkt nun erst gründlich über die Sache nach.

Dann geht er in das große Kontor hinüber und ruft seine Tochter.

Noch ist sie hier in seinem Bureau, und er kann sie um ihren Rat fragen. Aber in wenigen Tagen will sie ihre Reise antreten, und er weiß noch nicht, wie er dann ohne seinen Kompagnon auskommen soll.

Sie setzt sich im Privatkontor auf ihren angestammten Platz im Ledersofa und sieht ihren Vater interessiert an.

Michael Pohl erzählt ihr von der Idee des Bäckermeisters. Aus der Bäckerei ist eine Brotfabrik geworden, die Brote zählen nicht nach Hunderten, sondern nach vielen Tausenden, und die fünf Pfennig Ersparnis für jedes Brot will er den Konsumenten überlassen, denn es bleibt immer noch Verdienst genug.

»Hier ist das Getreide,« sagt der Mühlenbesitzer, »hier das Mehl und da das Brot für die ganze Stadt.«

Irmgard ist aufgesprungen. Sie sieht ihren Vater mit leuchtenden Augen an.

»Ja,« sagt sie, »Vater, das ist fast so groß wie damals das Projekt vom Hafen.«

Michael Pohl lächelt. »Nun, ganz so hoch wollen wir uns nicht versteigen. Und vorläufig sieht unser Plan noch genau so schwierig aus wie die Idee vom Hafen vor drei Jahren.«

»Mein Gott,« sagt Irmgard, »was sollen dann die vielen Bäcker machen, wenn wir das Brot allein backen wollen?«

»Sie können es mit dem gleichen Verdienst verkaufen, als wenn sie es selbst gebacken hätten. Aber sie werden natürlich ihr Handwerk nicht aufgeben wollen, um Händler zu werden. Du siehst, daß hier schon eine Schwierigkeit ist.«

Wie flink denkt nun eine Frau!

»Warum sollten sie nicht ihre Semmeln und Kuchen backen wie bisher? Wenn ich an unseren Bäcker denke, der ein ganz besonderes Brot bereitet, mit einem Geschmack, den man sonst nirgends wiederfindet, dann sage ich mir, es könnte doch jeder seine Spezialitäten weiterführen. Man zahlt dann gern etwas mehr, wenn man es sich leisten kann. Wir aber backen hier nur das billige Einheitsbrot, das tägliche Brot des Volkes, kurz: ~das~ Brot.«

Michael Pohl sieht sie befriedigt an. »Nun bleibt nur die Frage, wer der Unternehmer wird, und wie man es den Beteiligten klar macht. Ich meine die Produzenten, die den Gewinn dem Volke überlassen sollen.«

»Ist das Projekt für einen einzelnen zu groß?«

»Das auch, obgleich ich außer meinem freien Grund und Boden reichlich Kapital dazugeben könnte.«

»Könntest du das?«

»Gewiß, die Mühle entwickelt sich von Jahr zu Jahr und wirft größere Gewinne ab, unsere Ansprüche bleiben die gleichen. Nun ersetzest du mir sogar noch eine Arbeitskraft, und deine Mutter kennt nur ihre peinliche Pflichterfüllung. Ich habe das Geld nicht im Hafen unterbringen können, dazu war es zu wenig, jetzt muß ich es endlich für unseren Sohn anlegen.«

»Aber --?« fragt Irmgard Pohl.

»Aber für eine Brotfabrik, die den Bedarf der ganzen Stadt decken soll, brauchen wir die Unterstützung der Kommune oder der Allgemeinheit. Das ist ein volkswirtschaftliches Unternehmen, für das wir uns keine Feinde aufladen dürfen.«