Der Hafen

Part 12

Chapter 123,794 wordsPublic domain

Er geht ihr entgegen und hilft ihr beim Ablegen. Es fällt ihr auf, daß er sehr ernst ist. Sie war auch von ihm mit vielen guten Wünschen und unter Scherzen entlassen worden. Es scheint ihr, daß alle Menschen heute gut und heiter waren.

Sie legt daher ihren Arm um seine Schulter und lehnt das heiße Gesicht an seine Wange.

»Noch mein Kamerad?« fragt sie.

»Ja«, sagt er lächelnd. Er selbst hatte ihr vor kurzem nach einer tüchtigen Arbeit im Bureau diesen Titel gegeben. Nun bekommt er ihn zurück.

Er erkundigt sich, ob sie Hunger habe, und macht eine Bewegung zur Tür, als wolle er sie selbst noch bewirten.

Sie lehnt ab und beginnt zu berichten. Sie habe den Kapitän getroffen. Er sei auch im Konzert gewesen. Unwillkürlich sagt sie nicht, daß er ihretwegen mitgekommen sei. Sie überlegt, wovon sie zuerst erzählen solle, vom Eindruck der Musik, vom Publikum oder vom Kapitän. Sie ist ungewöhnlich plauderlustig und in einem inneren Gleichgewicht, wie sie es seit Joachim Beckers Zeit nicht mehr kannte.

Ein Geräusch, das vom Schlafzimmer herüberdringt, läßt sie aufhorchen.

Herr Pohl rückt verlegen auf seinem Sofa.

»Es ist der Junge«, sagt er zögernd. »Wir haben den Arzt schon kommen lassen. Er hustet und hat leichtes Fieber.«

Irmgard starrt ihn fassungslos an. Hier sitzt sie in ihrem silbergrauen leichten Kleid, so reizvoll wie seit Jahren nicht, und wird mit dieser Nachricht empfangen.

Sie ist nicht traurig, sondern fast ärgerlich. Als habe man ihr rücksichtslos ein Vergnügen verdorben.

»Es wird irgendeine gewöhnliche Kinderkrankheit sein«, meint Herr Pohl beruhigend.

»Dann werde ich mich umziehen und die Mutter ablösen«, sagt sie still.

»Nein.« Er hält sie auf ihrem Stuhl zurück. »Ich wollte ohnehin in diesen Tagen mit dir über die Mutter reden. Sie wird jetzt niemand zum Knaben lassen. Du kennst ihren Eifer.«

Er schweigt und holt dann sehr weit aus: »Wie du weißt, stammt ihr Vater aus einer Hugenottenfamilie, und dieser Fanatismus mag ihnen von den Ahnen her im Blute liegen. Wir können nicht dagegen ankämpfen. Denn durch Widerstand unterstützen wir ihren Wahn. Nun scheint sich in letzter Zeit ihr Erinnerungsvermögen viel mehr gestärkt zu haben, als wir ahnen. Ich habe zuweilen das Gefühl, daß sie der Wahrheit schon sehr nahe ist, aber absichtlich nicht mehr fragt, weil sie sich fürchtet.«

Irmgard, die immer eine so aufmerksame Zuhörerin war, schweift mit ihren Gedanken ab und vermag der Rede des Vaters nicht mit Interesse zu folgen. Die vielfältigen Klänge des Orchesters, sanfte Tonfolgen, Beethovensche Akkorde mit ihren dunklen Untertönen liegen ihr in den Ohren. Sie hat Mühe, auf ihrem Stuhl sitzenzubleiben. Es drängt sie, einherzugehen, leicht, mit schwebendem Rhythmus im Gang.

Sie versteht nicht, warum der Vater gerade heute mit ihr darüber sprechen muß. Merkt er nicht, daß sie in die »Welt« zurückgekehrt ist, daß sie endlich, endlich mit der Vergangenheit abschließen will? Großer Gott, daß sie einmal von Krankheit, Wahn und Kindersorge nichts hören möchte?

Sie blickt, ein wenig verträumt und gleichzeitig trotzig, in eine Ecke des Zimmers, am Vater vorbei und sagt, mit einer fremden kühlen Stimme: »Was soll ich denn tun? Ich kann ja verreisen, wenn du willst. Ja --«

Sie springt auf und geht nun doch im Zimmer umher.

»Reisen! Ich werde mir die Welt ansehen. Du sagtest neulich, der Mensch muß seine alte Umgebung verlassen, um neu anfangen zu können. Gut, ich will mir die Welt ansehen!«

Sie hat die Arme auf dem Rücken ineinandergelegt und bleibt plötzlich vor dem Vater stehen, während der weite silbrige Rock noch um ihre schmalen Beine schwebt.

»Komm einmal hierher!« sagt Herr Pohl in gutmütig befehlendem Ton und macht ihr den Sofaplatz an seiner Seite frei. Etwas an seiner Tochter gefällt ihm nicht. Es ist ein Zuviel in den Bewegungen, eine Übertreibung im Ton.

Er legt die Hand um ihre abfallenden Hüften und zuckt unwillkürlich vor der weichen Seide zusammen, die seine Fingerspitzen so unendlich lange nicht berührten. Wieviel Härte und Strenge, wieviel Entsagung ist doch immer in seinem Hause gewesen, wo nur die Arbeit regiert. Er zieht die Finger wieder fort und rückt ein wenig ab.

»Ja,« sagt er langsam, »du bist jetzt zweiundzwanzig Jahre alt, und das ganze Leben liegt noch vor dir. Wir beide, deine Mutter und ich, sind nun so weit --« Er stockt.

»Nein, nicht erst jetzt«, setzt er mit leichter Bitterkeit fort. »Wir waren immer so, daß wir nicht uns selbst, sondern den Pflichten lebten. Man kann auch darin zu Egoisten werden. Man bildet sich ein, für die anderen, für die Kinder etwa, zu leben, und hat sich rücksichtslos an die Arbeit gehalten, um den Mangel an Lebensfreude nicht einzugestehen. Siehst du, darin haben wir an dir gesündigt.«

»Das darfst du von dir nicht sagen, denn du bist immer gut gewesen. Und mit dir konnte man auch manchmal lustig sein.«

»Manchmal!« wiederholt er. In seinem großen braunen Gesicht mit den grauen, aufschimmernden Haaren, ist irgend etwas schief gezogen. Er versucht krampfhaft, es fortzulächeln. »Was ich dir bisher in diesem Arbeitshof geboten habe, war nicht die Freude.«

»Vater, fast ein Jahr lang bin ich sehr glücklich und jung gewesen. Und wenn es dann anders kam, so war ich daran schuld.«

»Nein,« erwidert er, »jetzt weiß ich, daß wir schuld sind. Mußtest du in jener Zeit nicht von zwanzig Jahren ohne Zärtlichkeit und Lebensfreude erlöst werden und alles einholen, was in dir ungehoben blieb? Wenn wir ein klares Glas aus kalter Luft in die Wärme tragen, so wird es blind. Aber bleibt es nicht blank, wenn es das Klima nicht wechselt? Die Kinder, die Wärme und Heiterkeit in reichem Maße bei den Eltern haben, werden selten in Gefühlsüberschwang geraten, der die Grenzen verliert.«

Irmgard lehnt den Kopf gegen das Polster und läßt ungehindert aus den weitgeöffneten, lächelnden Augen Tränen tropfen.

»Und nun sehe ich mit an, wie du dich um den Knaben quälst. Du wärst vielleicht so weit, ihn der Mutter allein zu überlassen, weil er ihr einziger Lebensinhalt ist und du jung und gesund genug wärst, um noch auf ein eigenes Leben zu hoffen. Erst wenn man von sich selbst nichts mehr erwartet, versenkt man sich vollkommen in seine Kinder. Aber da ist dir von uns dieses Pflichtbewußtsein eingeimpft. Du glaubst, die Achtung vor dir verlieren zu müssen, wenn du dich mit deinen Muttergefühlen von ihm befreist.«

Er spricht das alles vor sich hin, während sie still neben ihm sitzt. Jetzt wendet er sich um und blickt offen in ihr tränenüberströmtes heißes Gesicht.

»Glaubst du,« fragt sie, während sie die Augen langsam schließt, »daß es nicht unnatürlich wäre, wenn ich, wenn ich --«

»Wenn du lebensfreudig genug wärst, um mit der Vergangenheit abzuschließen?«

Er versucht, zu lächeln und in leicht scherzendem Ton zu sprechen. »Du gibst uns das -- das Produkt unserer falschen Erziehung als Tribut zurück und beginnst, dein junges Leben neu und richtig aufzubauen. Jetzt wissen wir wohl, wie wir es machen müssen?«

»Ja«, sagt sie leise. »Alle Sorgen werden heute von mir fortgenommen.«

Sie denkt an den Kapitän, an die bewundernden Blicke der fremden Menschen, an die Musik, die von ferne wieder aufklingt, an ihre eigenen leichten wiegenden Schritte.

Sie springt auf und gleitet mit den Händen über die weiche Seide ihres Kleides, während sie sich in der Mitte des Zimmers hinstellt und mit glänzenden Augen in die Luft blickt.

»Jetzt --« sagt sie, als wäre sie voller Unternehmungslust, »jetzt muß ich wohl schlafen gehen.«

Herr Pohl steht auch auf und will sie zur Tür begleiten. Da schlingt sie ihren Arm noch einmal um ihn und eilt davon.

Er lauscht gedankenvoll ihren Schritten. Dann nimmt er langsam die Hand von der Klinke.

›Wir wissen wohl, wie wir es jetzt machen müssen,‹ denkt er, ›aber wir haben nicht selbst die Entscheidung --‹

Es ist fast Mitternacht. Aus dem Schlafzimmer dringen keine Geräusche mehr herüber. Er faltet seine Zeitung zusammen und geht hinein. --

Der Sohn

Joachim Becker erscheint am nächsten Morgen im Verwaltungsgebäude, um mit dem Hafendirektor einiges zu besprechen.

Der Kapitän muß von Fräulein Spandau erst gesucht werden. Der Generaldirektor geht solange in sein Zimmer, setzt sich vor den Schreibtisch und kann es sich nicht versagen, in die umherliegenden Papiere einen Blick zu werfen.

Er ist so vertieft, daß er fast aufschreckt, als das Telephon neben ihm rasselt. Er nimmt den Hörer ab und murmelt ärgerlich ein »Hallo« in den Apparat.

»Herr Kapitän?« hört er eine fragende Stimme.

Er weiß nicht sofort, woher ihm dieser Tonfall bekannt ist, aber er ist irgendwie davon betroffen und verliert so weit seine kühle Überlegung, daß er möglichst tonlos in der Art des Kapitäns ein »Ja« murmelt.

»Hier Irmgard Pohl«, vernimmt er nun, und es fällt ihm ein, daß er noch niemals mit ihr telephoniert hat. Ihre Stimme wirkt in der Verwandlung durch den Draht sehr tief und voll.

Seine Herzschläge werden heftiger und rascher. Er ist ärgerlich darüber, zumal ihm bewußt wird, daß er jetzt nicht länger hören darf, was für ihn nicht bestimmt ist.

»Ich muß Sie leider bitten, Herr Kapitän, heute nicht zu kommen. Unser Michael hat den Keuchhusten. Wir möchten doch vermeiden, daß Sie die Krankheit etwa zu den Kindern der Schiffer im Hafen bringen --«

Er wirft den Hörer hin und rennt erregt im Zimmer umher.

›Ist es nötig,‹ denkt er, ›daß der Kapitän mehr als das Geschäftliche drüben erledigt? Was hat er mit der Tochter zu tun? Und was sind das für Kinderkrankheiten drüben? Wie kommen Kinder in die Mühle?‹

Er wird immer ärgerlicher, weil er hier vor etwas Fremdem steht, vor einer Tatsache, die so unerwartet über ihn herfällt. Und weil er fühlt, daß das Vergangene ihn doch nicht so unberührt läßt. Wäre er sonst dermaßen erregt? Er ist unerklärlicherweise voller Zorn auf den Kapitän.

Der kommt ahnungslos herein, begrüßt ihn mit dem stets freundlichen Lächeln im braunen, hageren Gesicht und spricht gleich von den geschäftlichen Dingen.

Joachim Becker hört unaufmerksam zu. Er ist sehr nervös und muß sich zusammennehmen, um nicht ungerechte, ärgerliche Bemerkungen zu machen. Außerdem fürchtet er das erneute Klingeln des Telephons.

Die Sache ist ihm verdammt peinlich. Er sieht ein, daß er nicht schweigend darüber hinweggehen kann. Schließlich sagt er:

»Übrigens -- ich habe da vorhin eine telephonische Bestellung für Sie entgegengenommen. Von der Mühle drüben hat jemand angerufen, Sie möchten nicht hinkommen, es hätte jemand den Keuchhusten --«

Er ärgert sich über das doppelte »jemand«, das ihm zu betont unpersönlich scheint. Dem Kapitän kann es nicht entgangen sein.

»Das ist ja sehr unangenehm,« meint der Kapitän, »sehr unangenehm.«

»Na, Sie werden sich doch nicht gleich den Keuchhusten holen«, sagt der Generaldirektor laut, mit übertriebenem Gelächter.

Der Kapitän lächelt höflich. »Nicht für mich natürlich. Ja, das tut mir sehr leid.«

Joachim Becker erhofft immer noch eine Erklärung. Er kann das Gefühl nicht loswerden, daß der Kapitän sie ihm absichtlich vorenthält.

»Da drüben sind anscheinend Kinder? Ich dächte doch, daß Erwachsene keinen Keuchhusten haben?« fragt er endlich.

»Allerdings nicht«, meint der Kapitän lächelnd. »Ja, ein Sohn ist da. Ein Knabe, von etwa zwei Jahren glaube ich.«

»So --« Der Generaldirektor fühlt, daß seine Ohren brennen und wendet sich halb ab. In seiner Verlegenheit zieht er die Uhr und sucht seine Aktentasche, um in sein Stadtbureau zurückzukehren.

Obgleich das konziliante Lächeln im verschlossenen Gesicht des Kapitäns ihn bis zum Äußersten reizt, gibt er ihm sehr liebenswürdig zum Abschied die Hand.

»Ja, was mir eben einfällt«, sagt er an der Tür. »War die alte Frau Pohl drüben nicht gelähmt?«

»Ich hörte auch einmal davon«, erwidert der Kapitän. »Soviel ich weiß, ist sie jetzt gesund.«

»Soso, das ist ja sehr erfreulich.« Er geht mit langen Schritten, ohne sich umzusehen, zu seinem Wagen.

Unterwegs rückt er auf den Polstern hin und her. Plötzlich lacht er nervös auf.

Der Chauffeur macht eine kleine Bewegung, als fühle er sich angerufen, fährt aber in steifer Haltung weiter.

›Zum Teufel!‹ denkt der Generaldirektor, ›was ist das für eine verrückte Geschichte! Ich könnte doch wahrhaftig fast den Kerl da vorn fragen, ob es möglich ist, daß ein altes Weib von beinahe fünfzig Jahren, das lange Zeit gelähmt und wahnsinnig war, noch Kinder kriegen kann.‹

Und dann rechnet er und überlegt, ob in seiner Umgebung nicht ein einziger Mensch ist, der es ihm gesagt haben könnte, wenn dieser Junge wirklich -- Er stellt fest, daß er ganz allein ist und daß alle, denen es etwa bekannt war, gerade ihm gegenüber diskret schweigen mußten.

Auch der Kapitän ist mit dem Gespräch nicht zufrieden. Er kann nur annehmen, daß Irmgard Pohl ihm selbst die Mitteilung machen wollte. Und nun sollte sie mit dem gesprochen haben, den sie gerade jetzt zu vergessen im Begriff ist?

Während er nervös umherläuft und überlegt, was er zu unternehmen habe, vergißt er sogar, daß er nun um den Besuch gebracht wird. Er war hier in heiterer Stimmung spazierengegangen und hatte sich darauf gefreut.

Da liegen seine Papiere und warten auf ihn. Er hat im Grunde keine Zeit, sich während des Dienstes mit persönlichen Dingen abzugeben. Aber er nimmt langsam den schief eingehängten Hörer ab und läßt sich mit Irmgard Pohl verbinden.

Sie meldet sich von der Wohnung aus, und er glaubt zu entnehmen, daß sie in Ungeduld sei.

»Hier v. Hollmann«, sagt er so laut, daß seine heisere Stimme mehr Klang bekommt. Wenn er telephoniert, so ist es auch immer, als riefe er gegen einen mächtigen Sturm, der ihm die Verständigung erschwert.

Irmgard Pohl scheint im ersten Augenblick nicht zu wissen, mit wem sie es zu tun hat, denn sie kannte ihn immer nur als den »Kapitän«. Dann begrüßt sie ihn sehr herzlich und bedauert, daß die Verbindung vorhin gestört worden sei.

Ja, das bedaure er auch sehr lebhaft, noch mehr jedoch die Mitteilung von der Erkrankung des Knaben.

So, nun ist er im Bilde. Er atmet erleichtert auf. Aber blitzschnell fährt es ihm doch durch den Kopf, während er sich nach Fräulein Pohls Befinden erkundigt, daß der Generaldirektor aus irgendwelchen Gründen eine Täuschung beging.

Noch weiß er nicht, ob zu persönlichen oder geschäftlichen Zwecken. Jedenfalls findet er, daß es nicht leicht ist, diesem Mann gegenüber immer gerecht zu bleiben.

Irmgard nimmt alle guten Wünsche des Kapitäns entgegen und vertröstet ihn mit ihrer Musikstunde auf spätere Wochen. --

Es ist nicht mehr viel von der gestrigen heiteren und leichten Stimmung in ihr. Und wenn zuweilen noch einige Harmonien in ihr Ohr klingen, so werden sie bald von dem furchtbaren Stickhusten des kleinen Kranken zerstört.

Frau Pohl, die während der ganzen Nacht in ihrer Angst nicht schlafen konnte, hat sich nun hinlegen müssen und der Tochter die Pflege des Kindes nicht ohne Sorge überlassen.

Irmgard nimmt bei jedem Anfall den kleinen zuckenden Körper in ihre Arme, und die Tränen schießen ihr in die Augen, wenn sie diese Qual miterlebt.

Seine hellblonden geringelten Haare kleben naß auf dem Kopf, das Gesicht ist rot und verquollen. Er hat nun das Alter erreicht, in dem jedes Kind Freude bereitet. Fest und drollig trippelte er auf seinen stämmigen Beinchen umher, seine Stimme war hell, die Aussprache eigenwillig und ein steter Anlaß zu Belustigungen.

Noch nie ist so viel in der Familie Pohl gelacht worden wie in den letzten Monaten, während sich sein Sprachtalent entwickelte.

Irmgard glaubt, daß sie diesen reizenden, munteren Burschen keineswegs weniger lieben würde, wenn er ihr Bruder oder gar ein fremdes Kind wäre. Daß er von offener und heiterer Art ist, kann ihm in diesem Alter schon nachgesagt werden. Wer sollte wohl solch einen Knaben, der außerdem schön und anschmiegsam ist, nicht in sein Herz schließen?

Man kann nicht übersehen, daß er nach Michael Pohl geraten ist. Nun, da sein Kopf durch das Fieber breiter scheint und die Augen tiefer in die Höhlen gesunken sind, tritt die Ähnlichkeit noch markanter hervor. Irmgard denkt, wenn es wahr sei, daß die Gefühle der Mutter Einfluß auf die Entwicklung der Kinder gewönnen, so wäre hier ein Beweis dafür, denn sie hatte in jener Zeit fast mehr um den Vater als um Joachim Becker gelitten.

Nur der schmale Mund, die Unduldsamkeit und der herrische Ton in der hellen, lauten Stimme mochten von ihm herrühren. Noch lieben sie alle diese Eigenschaften an ihm und freuen sich ihres kleinen Tyrannen.

Jetzt aber liegt er still in den Kissen, sein Atem geht pfeifend und hastig, und wenn er hochgehoben wird, so schlingt er seine Arme fest um Irmgards Hals und preßt das zerquälte heiße Gesicht gegen ihre Wange.

Irmgard ist zu gesund und vernünftig, um auf den Gedanken zu kommen, daß der Knabe nun so leiden müsse, weil sie gestern im Begriff war, ihn aufzugeben, oder weil es sie im letzten Jahr immer weniger schmerzte, wenn die Mutter ihn allein für sich in Anspruch nahm.

Doch sie hat keine Sehnsucht mehr nach der »Welt«, sie nimmt es als eine Mahnung hin, daß trotz allem in diesem Hause der Pflichterfüllung ihr Platz sei. Sie weiß wieder, daß sie im Grunde eine ernste und arbeitsame Natur ist, die nur zuweilen feiertäglich beschwingt und gelöst sein will. In der Erinnerung an diesen Abend der Klänge und der Heiterkeit erkennt sie gleichzeitig, daß sie solcher Stunden auch bedarf, um nicht wie die Mutter über ihrem Tagewerk zu erkalten.

Sie beschließt, sobald der Knabe wieder gesund sei -- der Gedanke an eine ernstliche Gefahr liegt ihr vollkommen fern --, den Kapitän zu bitten, daß er sie wieder in ein Konzert oder Theater begleite. --

Als die Krankheit des Kindes sich steigerte und heftigere Formen gewann, ließ Schwester Emmi es sich nicht nehmen, zu Herrn Pohl in das Bureau hinüberzugehen, um dort einige Ratschläge aus ihrer Praxis niederzulegen. In die Wohnung wollte sie sich »ihrer Kinder wegen« nicht begeben, so gern sie persönlich geholfen hätte.

Herr Pohl drückt ihr immer wieder die Hand. Er läuft in diesen Tagen unruhig und mit vielen Umwegen in seinem Betriebe umher und kann nicht still in seinem Schreibtischsessel sitzen. Nun schreibt er alles getreulich auf, was Schwester Emmi ihm diktiert, und sagt kaum ein Wort.

Das wäre wohl das letzte, daß er diesen kleinen Kerl verlieren sollte, den er allmählich ohne viel Aufhebens in sein altes, viel getäuschtes Herz aufnahm.

Er begleitet Schwester Emmi bis vor die Tür und gibt beim Abschied ihre kleine feste Hand langsam frei. Wie er durch den dunklen Korridor zu seinem Zimmer zurückgeht, stützt er sich ein paarmal mit der Handfläche schwer gegen die Wand. --

Vor der Kantine begegnet Schwester Emmi dem Generaldirektor. Sie will ihm flink ausweichen, aber er tritt ihr entgegen und sagt sehr ungehalten:

»Ich sehe, Sie verlassen hier Ihren Platz!«

Sie glaubt, daß er sah, woher sie kam, und greift rasch zu einer Lüge.

»Ich hatte nur in der Mühle für die Verwaltung etwas auszurichten«, stammelt sie.

»So. Sie von der Fürsorge hätten am wenigsten Ursache, die ansteckende Krankheit von drüben hierher zu verschleppen. Oder ist die Gefahr vorüber?« fügt er etwas milder hinzu.

Es fällt ihr ein, daß es sich doch eigentlich um seinen eigenen Sohn handele und daß die Besorgnis ihr vor dem Generaldirektor zur Ehre gereichen müsse. Sie antwortet daher mit betrübtem Blick:

»Leider nein. Es steht sehr schlimm.«

Unwillkürlich sieht sie dabei verlegen zu Boden, und da sie in Anwesenheit von Vorgesetzten immer ein wenig verwirrt ist, zieht ein roter Schein über ihr kleines Gesicht.

Der Generaldirektor ist seit dem Telephongespräch in dieser Angelegenheit mißtrauisch geworden. Er vermutet überall Mitwisser, hämischen Klatsch. Im übrigen aber hofft er noch, daß seine wahnwitzige Hypothese falsch sein könne. Er bringt sich selbst in schiefe Situationen, um endlich aus der scheußlichen Ungewißheit herauszukommen. Vielleicht hat er zage vermutet, bei diesem Gespräch, das zu einer glatten Zurechtweisung der armen Fürsorgeschwester wurde, etwas zu erfahren.

Ärgerlich wendet er sich ab und geht in das Verwaltungsgebäude.

Am Schluß der geschäftlichen Besprechung mit dem Kapitän sagt er:

»Ich sah vorhin die Fürsorgeschwester von der Mühle kommen. Was hat gerade sie dort zu suchen, wo die ansteckende Krankheit ist? Hatten Sie keinen anderen Boten?«

Es verstimmt ihn, daß er nicht sofort davon sprach, sondern nervös während der geschäftlichen Auseinandersetzung die geschickteste Formulierung suchte. Seine Worte klingen daher schroffer, als es in seiner Absicht lag.

Der Kapitän ist nicht geneigt, sich von einem Vorwurf, zu dem keine Veranlassung vorliegt, auf Kosten eines Angestellten zu befreien. Außerdem weiß er nun, worauf Joachim Becker hinauswill.

»Ja,« meint er leichthin, während er mit den Händen auf dem Rücken in die Mitte des Raumes stelzt, »sie ist drüben bekannt, die Schwester Emmi. Sie hat seinerzeit Fräulein Pohl gepflegt. Übrigens haben Sie wohl auch nicht gewußt, daß sie eigentlich gelernte Säuglingsschwester ist?«

»Nein«, sagt der Generaldirektor verdutzt. Nun hat er seine Gewißheit. Auf so viel Aufklärung war er nicht einmal gefaßt. »Sie macht doch ihre Sache bei unserer Fürsorge ganz gut?« bringt er, immer noch sehr barsch, hervor.

»Allerdings, ausgezeichnet«, erwidert der Kapitän, der nun seine Stiefelspitzen beguckt. »Die Kenntnisse schaden durchaus nicht. Warum sollen sie nicht auch hier im Hafen noch zu verwerten sein?«

Er lacht wie über einen Witz. Der Generaldirektor nimmt es als eine geschmacklose Anspielung und verabschiedet sich zum erstenmal von diesem korrekten Mitarbeiter, ohne ihm die Hand zu reichen. -- -- --

Eines Nachts, nachdem Frau Pohl in ununterbrochener Pflege um das Leben des kleinen Kranken gekämpft hat, wird sie wieder von dieser Vision erschreckt: ein Kind, noch unausgeprägt in seinen Formen, vielleicht erst wenige Tage alt, liegt ohne Atem in ihrem Arm; sie lauscht, tastet und kann die Starrheit des winzigen Körpers mit ihrer eigenen Wärme nicht lösen.

Unmittelbar anschließend erscheint ihr dann diese beängstigende Barriere, die undurchdringliche Wand vor dem Abgrund in ihrer Erinnerung.

Sie weiß nichts mit diesem Bild zu beginnen, denn da liegt ihr Kind mit den Zügen Michael Pohls, und es fehlt ihr jede Ordnung in ihrem Gedächtnis.

Sie beugt sich zu dem Knaben herab und lauscht, dicht am fiebernden Körper, seinem geschwächten Herzschlag. Periodisch wiederkehrende Erstickungsanfälle, wohl vierzig an diesem Tag, haben den kleinen Organismus vollkommen erschüttert.

Frau Pohl starrt mit ihren heißen, fanatischen Augen angespannt auf die Uhr. Sie hat sich die Zeit für den nächsten Anfall ausgerechnet. Die Sekunden schleichen. Aber der Zeiger rührt sich, rückt fürchterlich vorwärts.

Das Brausen und Feilen des Blutes in ihrem Kopf, die gleichmäßigen Atemzüge ihres Mannes, der -- hilfsbereit -- angekleidet auf seinem Bett liegt, das Ticken der Uhr scheinen ihr lärmende Geräusche in der nächtlichen Stille.

Der Knabe wirft sich herum. Frau Pohl umklammert das Gitter des Bettes, vornübergebeugt, atemlos.

Den Körper gestrafft, jedes Gefühl, jeden Gedanken ausgeschaltet, alle Kräfte im wartenden Blick, im Lauschen des Ohrs gesammelt, so verharrt sie ohne Gefühl für Zeit und Raum.

Sie nimmt wahr, wie die Atemzüge allmählich reiner und gemäßigter werden, wie der Körper sich beruhigt, wie die fiebernde Röte schwindet.

Unvermittelt entsinnt sie sich der Uhr. Überschreitet der Zeiger nun die Zahl, ohne daß die Stille von jenem grauenhaften Bellen und Stöhnen des Kindes gestört wird?

Sie wendet ihr Gesicht zum Zifferblatt. Es verschwimmt, grau, mit einem tanzenden Zahlenkreis, vor ihrem Blick. Sie hebt die Hände über die Augen und starrt fassungslos auf die Uhr. Zwei Stunden sind vergangen, zwei Stunden war ihr eigenes Dasein ausgeschaltet, zwei Stunden bereits beginnt der Knabe zu genesen.