Part 11
Im warmen Zimmer bettet Irmgard sie auf den Diwan, und dann beginnt sie, mit milden und zärtlichen Worten auf sie einzureden. Wenn sie doch weinen könnte, denkt sie, das wäre gut.
Als das alles nicht hilft, versucht sie es auf eine andere Weise.
»Was haben Sie sich denn gedacht?« sagt sie streng. »Wollen Sie sich an diesen Herrn Stein verkaufen, um einen Menschen zu retten, der nicht das geringste Opfer wert ist?«
Die Schwester springt erregt auf. Es ist, als wollte sie davonstürzen, aber dann wirft sie sich auf die Erde und weint, laut und leidenschaftlich. Alle Demütigungen, die Angst, die zurückgedrängten Tränen lösen sich auf in diesem befreienden Schluchzen.
Als sie sich müde geweint hat, bettet Irmgard sie wieder auf den Diwan, dann geht sie hinunter zu den Eltern.
»Kommst du endlich?« sagt Frau Pohl vorwurfsvoll. Sie ist mit einer Häkelei beschäftigt, während der Mühlenbesitzer seine Zeitung liest.
Hier sitzen zwei Menschen wie in friedlichem Kreis um einen runden Tisch und sind nur vom Schicksal ihrer eigenen kleinen Familie umschlossen.
»Ich habe Schwester Emmi mitgebracht«, sagt Irmgard, während sie ihren Vater bittend ansieht. »Drüben ist in ihrer Gegenwart ein Angestellter verhaftet worden. Sie wurde dadurch so erregt, daß ich sie nicht allein lassen wollte.«
Frau Pohl steht auf.
»Dann will ich euch etwas Abendbrot besorgen«, sagt sie.
Seitdem ihre Tochter in der Mühle eine geregelte Tätigkeit hat, wird sie von Frau Pohl als selbständiger Mensch behandelt, der sich seine Gäste mitbringen darf, und der sein Essen zu fordern hat, wenn er das Haus betritt. Frau Pohl versäumt niemals ihre Pflichten.
Irmgard geht zu ihrem Vater. Sie setzt sich neben ihn auf das Sofa und lehnt stumm den Kopf an seine Schulter. Der Mühlenbesitzer legt die Zeitung hin und schließt den Arm um seine Tochter.
So sitzen sie, bis Irmgard die Schritte der Mutter hört. Sollte man es wohl für möglich halten, daß eine Mutter auf ihre eigene Tochter eifersüchtig ist?
Wie Irmgard dem mißtrauischen Blick Frau Pohls begegnet, denkt sie, wie schön es wäre, wenn noch einige Menschen so in der Mitte ständen wie der Kapitän.
Aber sie kann sich noch nicht entscheiden, ob sie es in vielen Fällen gutheißen würde.
Als sie in ihr Zimmer hinaufkommt, ist Schwester Emmi nach ganz kurzer Ruhe erwacht und von neuen Sorgen erfüllt.
»Nun wird man mich entlassen«, sagt sie verzweifelt. »Ich habe zwar gesagt, daß ich Herrn Gregor heute überhaupt nicht gesehen hätte, aber Frau Reiche wird dafür sorgen, daß man mich davonjagt.« Die ganze Trostlosigkeit ihres Wanderlebens liegt wieder vor ihr.
»Nein,« sagt Irmgard, »der Kapitän wird niemals zugeben, daß man Sie entläßt. Davon dürfen Sie fest überzeugt sein.«
»Haben Sie ihn gesprochen?«
»Ja.«
»Und er hat es Ihnen gesagt?«
»Es war so gut, als hätte er genau das gesagt.«
Und wiederum ist sie froh, daß sie sich auf den Mann in der Mitte verlassen kann.
Wer könnte dem Kapitän vorwerfen, daß er jemals von diesem Platz gewichen wäre?
Wenn die Kantinenwirtin bei ihm erscheint und mit sittlicher Entrüstung meldet, daß sie am frühen Morgen einen Herrn aus dem Zimmer der Fürsorgeschwester kommen sah, so sagt er nicht: »Dieser Skandal! Ich werde die Schwester verwarnen oder entlassen.« Aber er fragt auch nicht: »Warum werden Sie durch diesen Vorgang so erregt? Hätten Sie es lieber gesehen, wenn der Herr aus einer anderen Tür gegangen wäre?«
Nein, er sagt: »So. Ich werde es in Ordnung bringen.« Dann geht alles seinen alten Gang, und durch eine Verhaftung ist jede Wiederholung des beanstandeten Besuches unmöglich geworden, so daß sich das Weitere erübrigt.
Er macht auch dem Mühlenbesitzer Pohl den versprochenen Besuch, als habe er keine Ahnung davon, daß die Hafengesellschaft mit ihm einen Prozeß führe.
»Ich komme mit einer Bitte«, sagt der Kapitän, ohne Herrn Pohl Zeit zu anderen Erörterungen zu lassen. »Sie haben hier einen großen schönen Speicher, und wir wissen nicht, wo wir unsere Getreideladungen lassen sollen. Könnten Sie uns nicht vorübergehend aushelfen?«
»Der Speicher war ursprünglich nur für meinen eigenen Bedarf bestimmt, aber nun habe ich seit Bestehen des Hafens schon oft ausgeholfen. Es ist für manchen sehr günstig, sein Getreide bei mir zu lassen.«
»Sie werden doch keinen Unterschied machen?«
»Nein,« sagt Herr Pohl lächelnd, »warum sollte ich meine Prozeßgegner schlechter behandeln?«
Die Zeit geht über so vieles heilend hinweg, man muß nun über eine erbitterte Feindschaft lächeln.
»Also können wir einen Vertrag abschließen?« fragt der Kapitän.
»Nein, um Gottes willen keine Verträge. Kommen Sie, wenn Sie meinen Speicher brauchen, und ich will zusehen, wie ich einem so großen Unternehmen helfen kann.«
Die beiden Männer verabschieden sich mit einem Händedruck. Während die Prozeßgegner vor den Gerichten ihre Sache weiter verfechten, schließen sie daheim friedlich ihre Geschäfte ab. Und das ist keinem anderen zu verdanken als dem Kapitän, dem Mann in der Mitte.
Oder der Bäckermeister Reiche, Kantinenwirt im Hafen, spricht bei ihm vor und dreht lange verlegen an seiner Mütze, bis er endlich mit der Sprache herausrückt.
Also: er halte dieses Leben nicht länger aus, er sei Handwerker und nicht Schankwirt. Und wenn das nicht bald ein Ende nähme, so wüßte er nicht, was noch geschehen könnte. Er bittet um die Erlaubnis, das Recht für die Bewirtschaftung der Kantine mit seinem eigenen geringen Inventar verkaufen zu dürfen, damit er wieder imstande sei, sich eine Bäckerei anzuschaffen.
»Was sagt Ihre Frau dazu?« fragt der Kapitän.
»Meine Frau?« wiederholt Herr Reiche, »sie trägt die Zigaretten und das Essen aus der Kantine in das Untersuchungsgefängnis und verschenkt mein Geld an fremde Menschen.«
»Sie ist in der Wirtschaft sehr tüchtig, und man scheint allgemein zufrieden mit ihrer Küche zu sein«, sagt der Kapitän. »Wollen Sie es nicht auf eine andere Art mit ihr versuchen? Was Ihre Bäckerei betrifft, so will ich Ihnen natürlich nichts in den Weg stellen.«
Wie Herr Reiche im Vorzimmer an Fräulein Spandau, der stillen Sekretärin, vorbeikommt, sieht er sehr zufrieden aus, als habe der Kapitän ihm geholfen. Fräulein Spandau nickt ihm lächelnd zu, sie wird es zwar sehr bedauern, wenn sie mit ihm nicht mehr jeden Tag um ein Uhr ein paar Worte wechseln kann, doch sie freut sich in seinem Interesse, daß er zu seinem Beruf zurückkehren darf.
Fräulein Spandau hat ein blasses flaches Gesicht und dünne aschblonde Haare, sie ist nicht hübsch, nein, das ist sie nicht. Aber sie konnte noch nie einem Menschen ihr Mitgefühl versagen. Sie hat sechs Geschwister und eine kranke Mutter. Wenn sie heimkommt, beginnt sie zu kochen, zu waschen und zu nähen, und sie ist immer froh, wenn ihr nicht weniger als fünf Stunden Schlaf verbleiben. Eine geordnete Bäckerei mit weißgestrichenen Regalen und frischen Broten scheint ihr wie das Paradies, der zufriedene Bäckermeister mit der großen, weißen Schürze wie der gute Petrus, auch wenn er Sommersprossen und rote Haare hat.
Wird Reiche nun in das Paradies einziehen? Ach -- an Fräulein Spandau vorbei geht auch die Kantinenwirtin zum Kapitän, diesmal in eigener Angelegenheit. Auch sie kehrt befriedigt zurück. Und es bleibt alles beim alten. Der Kapitän hat seinen Platz in der Mitte nicht verlassen.
Selbst ein Herr Gregor hatte niemals Grund, sich über den anfangs so gefürchteten Kapitän zu beklagen. Herr Gregor gehörte zur Generaldirektion und der Kapitän zum Hafen, und so ging jeder seiner Wege, bis die Verhaftung erfolgte und Herrn Gregors Posten frei wurde.
Warum sollte der junge +Dr.+ Felix Friemann nicht auf diesem Platz seine guten Kenntnisse erproben? Hatte er sich nicht seit Monaten im Hafen bewährt? Oder konnte jemand Klagen des Kapitäns nachweisen?
Die Frage war wichtig genug, um einen Besuch des Generaldirektors beim Kapitän herbeizuführen.
Fräulein Spandau lauscht ängstlich auf die laute Stimme Joachim Beckers.
»Können Sie mir auch nur ~einen~ praktischen Erfolg nachweisen?« fragt er erregt.
»Er steht am Anfang«, sagt der Kapitän. »Wir müssen Nachsicht üben.«
»Nachsicht, Nachsicht! Ich brauche praktische Arbeiter. Ich muß Positives leisten und kann mich nicht mit Theorien abgeben.«
»Seine Ideen sind nicht schlecht«, wendet der Kapitän ein. »Er macht zuweilen Vorschläge, die bei ihm überraschen.«
»Haben Sie schon ~einen~ davon ausführen können?«
»Nein, das nicht, weil er noch nicht fähig war, über die Idee hinaus einen Plan auszuarbeiten. Vielleicht lassen wir ihm Zeit dafür.«
»Bitte«, sagt der Generaldirektor kurz. »Dann beantragen Sie seine Weiterarbeit mit der Begründung, daß er Ihnen unentbehrlich sei.«
So wurde auch diese Frage zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst.
Der Kommerzienrat sucht selbst den Kapitän auf, um ihm zu gestehen, wie sehr er sich über die Erfolge seines Sohnes freue.
Der Kapitän meint: »Ja, er wird sich mit dem Hafen entwickeln können. Hier bei der praktischen Arbeit findet er am besten den Übergang aus den Theorien.«
»So ist es«, sagt der Kommerzienrat nun vollkommen befriedigt, weil er sieht, daß der Kapitän seinen Platz in der Mitte behauptet. »Wir haben uns früher unsere Ansichten aus der Praxis gebildet, heute ist es wohl so, daß man mit ihnen hineingeht und versucht, ob sie auch passen.«
Seine Kritik versagt selbst vor dem Sohne nicht, aber er ist geneigt, den Zeitgeist für das negative Resultat verantwortlich zu machen.
Die Vergangenheit
Wenige Wochen nach seinem ersten Besuch ist der Kapitän genötigt, noch einmal in der Mühle vorzusprechen.
Es handelt sich um eine große und wichtige Getreideladung, die während unsachgemäßer Lagerung gelitten hat und gereinigt werden soll, ehe sie weitergeht.
Herr Pohl hat zwar zurzeit wenig Raum. Aber er erklärt sich schließlich bereit, seine Einrichtungen dafür zur Verfügung zu stellen, wenn der Kapitän die Arbeit überwachen läßt.
Der Kapitän will selbst von Zeit zu Zeit das Getreide prüfen. So kommt es, daß er nun oft jenseits des Kanals zu sehen ist.
Wenn er Irmgard Pohl begegnet, so grüßt er sie mit seinem eckigen Hutschwenken wie einen alten Freund. Sie hat keine Zeit, sich in eine Unterhaltung mit ihm einzulassen, wenn er im dienstlichen Eifer um das Bureau der Mühle stapft. Er nimmt ein Lächeln von ihr mit in das Gebrumm der Maschinen, und sie sagt bei Tisch zum Vater:
»Ich habe den Kapitän eben hier getroffen.«
»Ja«, erwidert er. »Der hat jetzt öfter bei uns zu tun.«
Frau Pohl erkundigt sich nach dem Mann, welche Stellung er im Hafen bekleide, und -- nach kurzer Pause -- ob er verheiratet sei.
Vater und Tochter wechseln einen raschen Blick. Sie geben ihr Auskunft, und sie mag daraus entnehmen, daß sie es mit dem ersten und wichtigsten Mann im Hafen, nach dem Kommerzienrat, zu tun habe, denn Joachim Becker wird in stillem Einvernehmen nicht erwähnt.
»Siehst du«, sagt Herr Pohl auf dem Weg ins Bureau zu seiner Tochter. »Die Mutter hat einen Heiratskandidaten für dich.«
»Ja«, sagt Irmgard. »Sie beschäftigt sich jetzt damit. Neulich fragte sie mich, wie alt ich sei. Sie war lange sehr nachdenklich, als ich es ihr wahrheitsgemäß gesagt hatte. Es wird immer schwerer, ihre Fragen zu beantworten.«
Herr Pohl nickt. »Sie möchte, daß du mehr unter junge Leute kommst, und erklärte sich sogar bereit, Gäste zu bewirten.«
Sie sind vor dem Bureau angekommen. Irmgard macht keine Anstalten, zu ihm hineinzugehen, um das Gespräch fortzusetzen. Sie wendet sich halb zu ihrer Tür, dann sagt sie, ehe sie im Hauptkontor verschwindet:
»Wenn ihr wollt, könnt ihr ja den Kapitän einladen!«
Michael Pohl sieht ihr einen Augenblick kopfschüttelnd nach und geht mit unzufriedenem Gesicht zu seinem Schreibtisch.
Der Kapitän ist ihm nicht unsympathisch. Seinetwegen war er auch der Hafengesellschaft entgegengekommen, denn er kann einem guten Menschen schwer etwas abschlagen, während er sich die schlechten peinlich vom Halse hält.
Und gern sieht er es nicht mit an, wie die Tochter im Bureau sitzt und sich daheim überflüssig fühlt.
Der Kapitän wäre ihm als Gesellschafter bei einer guten Zigarre gleichfalls recht. Aber nun kann er die Einladung verteufelt schwer anbringen.
Er legt die Hand wuchtig auf den Tisch. Seine Stirn hat sich bedenklich gerötet.
Zum Kuckuck, soll er seine Tochter jetzt vielleicht öffentlich ausbieten? Nein, mit ~seiner~ Einladung kommt der Kapitän nicht in sein Haus. Das ist seine Ansicht, klipp und klar.
Und er begegnet dem Hafendirektor, der ihm bisher wahrhaftig keinen Anlaß zu Klagen gab, von nun an mit kühlen, fast finsteren Mienen.
Die Arbeiten sind auch beendet, die Abrechnungen erledigt. Der Kapitän hatte sich mehr als nötig selbst darum bemüht. Nun dürfte er eine Weile auf der anderen Seite des Kanals bleiben. Herr Pohl atmet erleichtert auf.
Irmgard Pohl hat selbst eingesehen, daß ihr einige Abwechslung gut täte. Sie will zunächst einmal in ein Konzert gehen. Der Vater kann sich noch immer nicht entschließen, seine Frau an den Abenden allein zu lassen, sonst hätte er sie vielleicht begleitet, wie er es früher zuweilen tat, bis Joachim Becker ihr ein besserer Gesellschafter wurde.
Er hilft ihr in den Pelz und begleitet sie bis zum Tor. Ihr Gesicht ist von innen erwärmt, und wie sie nun, hoch und schmal, mit behenden Schritten von ihm fortgeht, sieht er ihr mit unverhülltem Vaterstolz nach.
Der Konzertsaal ist nicht sehr weit entfernt. Irmgard nimmt den Weg als willkommenen Spaziergang. Es ist unvermeidlich, daß sie wieder Erinnerungen nachhängt, denn sie hatte am Anfang ihrer Bekanntschaft mit Joachim Becker auch einige Male versucht, ihn für gute Musik zu interessieren. Er verstand wenig davon, ließ sich aber willig führen, und dann waren sie taumlig von den Tönen durch die Straßen gesegelt. Im Frühjahr und im Sommer fanden sie später andere Verwendung für ihre Abende. Irmgard hatte jedoch schon viele Pläne für den neuen Winter geschmiedet, der dann so trostlos und einsam verlief.
Bei solchen Träumereien achtet man nicht auf die Umwelt. Der Kapitän, der ihr entgegenkommt, kann ungesehen umkehren und eine ganze Weile hinter ihr hergehen.
Vielleicht überlegt er, ob er sie noch ansprechen soll. Er zögert sehr lange. Das mag an ihrem leichten und wiegenden Gang liegen. Sie hat nicht sonderlich kleine, aber sehr schmale Füße, die sie in ihrer Verträumtheit langsam über das bereifte Pflaster führt.
»Werden Ihnen in diesen dünnen Schuhen nicht die Füße erfrieren?« sagt er schließlich dicht neben ihr, während er die Hand aus der Manteltasche zieht, um sie nach dieser burschikosen Anrede zu begrüßen.
Er hat sie selbstverständlich sehr erschreckt. Aber sie geht rasch auf seinen Ton ein und sagt: »Wie hätten Sie die schönen neuen Schuhe bewundern können, wenn sie in solchen Ungetümen von Überschuhen steckten?«
Sie mögen beide jetzt zu gleicher Zeit erkennen, daß das der geeignete Verkehrston für sie ist. Menschen mit Enttäuschungen, die nicht verbittern wollen, wählen gern den leichten Spott zum Verdecken ihrer Grundstimmung.
Nun haben sie das richtige Fahrwasser gewonnen und langen in munterer Unterhaltung vor dem Konzerthaus an. Der Kapitän macht keine Anstalten, sich zu verabschieden.
Sie sieht ihn belustigt an: »Ja, wollen Sie denn auch hierher?«
»Nein, das heißt ja, jetzt will ich es auch. Sie haben mich auf eine ausgezeichnete Idee gebracht.«
Sie ist einen Augenblick verlegen und bleibt stehen.
»Ich hoffe doch, Sie wissen, mit wem Sie hier hineingehen, und daß es für Sie peinlich sein kann?« fragt sie und fühlt, wie ihr die Röte langsam ins Gesicht steigt.
»Ich weiß, was ich tue«, sagt er fast ärgerlich. »Und ich wüßte mir keine angenehmere Gesellschaft.« Seine Worte verlieren dabei den Sinn eines Komplimentes.
»Verzeihen Sie, ich habe Sie nicht verstimmen wollen. Zuweilen muß man sich selbst daran erinnern, damit man nicht zu übermütig wird. Natürlich werden Sie wissen, was Sie zu unternehmen haben, um keinen Menschen zu kränken.«
»Wovon sprechen Sie, Fräulein Pohl?« fragt er plötzlich sehr streng.
»Wovon?« fragt sie verwirrt. »Von dem, was Sie ebenso wissen wie alle anderen, die mich kennen. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, daß die Menschen über das Unangenehme schweigen. Nur das Angenehme behalten sie für sich. Warum soll ich diskreter sein als die anderen, zumal es sich hier um mich selbst handelt?«
»Nur mit dem Unterschied, daß Sie heute noch darüber sprechen, während die anderen längst schweigen. Geben Sie mir Ihre Karte, damit ich versuche, den Nachbarplatz zu bekommen.«
Sie folgt der Aufforderung wie ein gestraftes Schulmädchen. Als sie von ihrer Tasche hochblickt und die strengen Falten in seinem Gesicht bemerkt, muß sie lächeln. Sie weiß keine Erklärung dafür, daß sie sich auf einmal unsäglich erleichtert fühlt.
Er geht stumm neben ihr her, während sie sich der Billettkasse nähern. Sie ist ihm so dankbar und möchte ihm irgend etwas Gutes sagen.
Während sie ihn betrachtet, wie er zum Schalter herabgeneigt ist und in seiner etwas umständlichen Art verhandelt, muß sie daran denken, daß ihr die Achtung der Menschen doch nicht so gleichgültig ist, wie sie es sich immer eingeredet hatte. Es ist sehr schön, zu wissen, daß man trotzdem nicht von ihnen gerichtet wurde.
Der Kapitän kommt zurück. Er hat drei Karten in der Hand.
»Der Nachbarplatz war schon vergeben«, sagt er und blickt unschlüssig auf die unverwendbare Karte.
»Geben Sie, bitte!« sagt sie. Er läßt sich die Karte aus der Hand nehmen. Sie steckt sie in ihre Handtasche. »Die hebe ich mir auf zum Andenken an einen guten Mann.«
»Sie sollten sie lieber einem armen Menschen schenken, der sich keine Musik leisten kann«, erwidert er, auch jetzt nicht ohne Strenge.
»Mein Gott, Herr Schulmeister, nun könnten Sie wieder etwas freundlicher sein. Natürlich haben Sie recht.« Sie sieht sich suchend um.
Er lächelt. »Gehen wir wieder vor den Eingang! Hier haben die Leute schon das Geld in der Hand.«
An der Tür begegnet ihnen ein junger Mensch mit rotgefrorenen Händen. Ein armer Musikstudent vielleicht.
Irmgard geht schüchtern auf ihn zu und sagt leise: »Ach verzeihen Sie, wollen Sie vielleicht ...«
Sie hält ihm die Karte hin. Aber ehe sie ausgesprochen hat, sagt er barsch: »Danke«, und geht beschleunigt weiter.
Erschreckt zieht sie die Hand zurück und gesellt sich kleinlaut zum Kapitän. Der hebt die Schultern hoch, wie jemand, der einen Bubenstreich ausgeheckt hat und nun flüchtet. Er nimmt ihren Arm, und sie schlüpfen vor die Tür.
»Aber das haben Sie ja ganz verkehrt angefangen«, sagt er draußen mit seinem aufgeräumten trocknen Lachen. »Der Mann hat natürlich gedacht, daß er Ihnen die Karte abkaufen soll, und er hat höchstens das Geld für die Galerie. Soll ich es einmal versuchen?«
»Bitte, wenn Sie es besser verstehen!«
Sie beobachten nun beide die Passanten. Ein paarmal sieht der Kapitän sie fragend an.
»Sie können doch nicht irgendeinem Mann, der vielleicht zu einem Rendezvous gehen will, eine Konzertkarte aufschwatzen!« Jetzt lacht sie ihn aus, weil er es auch nicht geschickter anzufangen weiß.
Zufällig fahren gerade viele Autos vor. Elegante, plaudernde Menschen gehen in das Tor. Es ist inzwischen spät geworden. Sie müssen eilen, um den Beginn nicht zu versäumen.
Er gibt es auf. »Ich habe mir das Verschenken wirklich leichter gedacht«, sagt er resignierend.
Schließlich nimmt sie die Karte wieder an sich, und sie begeben sich hinein.
»Ach ja, Beethoven kann man immer wieder hören«, sagt eine Frau sehr laut neben ihnen, als wolle sie sich vor aller Öffentlichkeit entschuldigen, daß sie noch zu so alter Musik geht.
Die beiden sehen sich belustigt an. Sie sind in der Laune, die alles mit einem heitern Spott betrachtet.
Aber dann sitzen sie auf ihren Plätzen und werden schon bei den ersten Tönen, die vom Stimmen der Instrumente in das schwatzende Publikum fallen, sehr still.
In der Pause gehen sie lange schweigsam auf und ab. Nach diesem gemeinsamen Erlebnis will ihr neuer Verkehrston doch nicht mehr passen.
Endlich beginnt er das Gespräch damit: »Ja, die Deutschen müssen sich bei der Musik immer etwas denken. Sie machen sich zu jeder Symphonie und selbst zu den Walzern einen Text.«
Irmgard, die von den Tönen sehr angeregt wird und noch im tiefen Nachdenken ist, sagt:
»Sie sprechen von den Deutschen, als gehörten Sie nicht dazu.«
»Verzeihen Sie, ich habe mich nicht korrekt genug ausgedrückt, ich hätte sagen müssen ›wir‹ Deutschen.«
»Ja, sehen Sie, das klingt schon mehr nach persönlichem Bekenntnis, und darum vermeiden Sie es.« Sie kann es sich selbst nicht erklären, warum sie ihm jetzt seine Schwäche vorhalten muß.
»Sie haben recht,« erwidert er, »man gewöhnt sich daran, seine Gefühle vor den Menschen zu verbergen.«
Sie sehen einander einen Augenblick schweigend an. Da sagt sie unvermittelt:
»Sie haben eine Geige, und ich würde gern wieder Klavier spielen, wenn Sie manchmal zur Begleitung herüberkämen.«
Er wird nicht verlegen, wie es sonst seine Art ist, wenn man sein Steckenpferd erwähnt.
»Ja,« sagt er, »das will ich gern tun. Bestimmen Sie die Stunde!«
Dann beginnt er, ehe sie geantwortet hat, sehr ausführlich davon zu erzählen, wie andere Völker die Musik auffassen, die Südländer etwa oder die Chinesen. Am wenigsten könne man als Europäer bei der Negermusik etwas empfinden.
Sie hört ihm sehr unaufmerksam zu. Er hat einen gleichmäßigen, einschläfernden Tonfall. Es wäre ihr viel lieber, wenn er jetzt schwiege.
Sie muß daran denken, daß Joachim Becker sie niemals durch seine Anwesenheit oder durch überflüssige Worte störte wie dieser gebildete und rücksichtsvolle Mann, der von der Musik sehr erschüttert ist und trotzdem so viele Worte macht. Aber sie ist gerecht genug, sich einzugestehen, daß der ungeliebte Mensch eben nichts zur Zufriedenheit machen kann, der geliebte aber selbst nach den schlechtesten Handlungen noch in guter Erinnerung bleibt.
Die Musik läßt sie diese Betrachtungen wieder vergessen. Und am Schluß, nach dem ernüchternden Handgemenge an der Garderobe, sind sie wieder in ihrem Fahrwasser. Irmgard wird viel betrachtet, der Kapitän nimmt mit ironischen Bemerkungen davon Notiz.
Sie hat unwillkürlich das Gefühl, daß sie noch etwas an ihm gutzumachen habe. Es muß ihr immer erst einfallen, sie ist gewissermaßen mit dem Verstande und nicht mit dem Herzen gut zu ihm.
»Sie sind sehr weit gereist und haben viele Menschen und Gebräuche kennengelernt. Auch mein Vater wird sich auf eine Unterhaltung mit Ihnen freuen. Kommen Sie morgen abend!« sagt sie freundlich.
»Danke, gern.«
»Gegen sieben, zu einem Imbiß?«
»Ja, wie Sie bestimmen. Noch weiß ich nicht, wo ich heute etwas zu essen bekomme.«
»Mein Gott«, ruft sie erschreckt aus. »Haben Sie heute abend noch nicht gegessen?«
»Ich wußte doch nicht, daß mir nur Musik vorgesetzt wird«, erwidert er lächelnd.
»Aber für heute kann ich Sie nicht einladen.«
»Beileibe nicht. Doch wenn Sie mir noch bei einem Abendbrot Gesellschaft leisten würden ...«
»Nein«, sagt sie entschlossen.
»Das ist sehr schroff. Die jungen Damen sind heute so selbständig, daß ich nicht glaubte, gegen die guten Sitten zu verstoßen.«
»Gewiß nicht!« erwidert sie. »Frauen, die einen guten Ruf haben, dürften es vielleicht annehmen, die mit einem schlechten noch eher. Aber wer sich sein Ansehen zurückerobern muß --«
»Ja, kommen Sie nur, Sie Moralistin!« Er läßt sie den Satz nicht zu Ende sprechen und begleitet sie unter vielen Erzählungen und Scherzen nach Haus.
»Im übrigen haben Sie ja Tee zu Haus, und in der Kantine wird auch noch etwas für Sie zu essen sein«, sagt sie einmal zwischendurch. Er stellt fest, daß sie sich sehr besorgt mit seinem Hunger beschäftigt, und wird immer lebhafter.
An der Föhrbrücke verabschieden sie sich. Sie fühlt seinen schmerzhaft festen Händedruck noch, als sie in das erhellte Wohnzimmer tritt, wo sie den Vater über der Zeitung antrifft.