Der Hafen

Part 10

Chapter 103,858 wordsPublic domain

Hinter dem Tor, in der Nähe des Verwaltungsgebäudes, erscheint immer wieder ein kleiner Herr mit gespreiztem Gang, der gleichfalls jemand erwartet. Wenn er auf seinem merkwürdigen Spaziergang in die Nähe des Tores kommt, kann er sie sehen, obgleich sie sich Mühe gibt, ihm auszuweichen. Irmgard weiß nach Schwester Emmis Beschreibungen, daß es der Kapitän ist, sie hat ihn auch oft genug vom Mühlenplatz, jenseits des Kanals, bemerkt, ebenso wie er bei gelegentlichen Blicken zum Nachbarn die Mühle und ihre Angehörigen wohl beobachten kann.

Als er wieder in die Nähe des Tores kommt, gibt sie endlich das Spiel auf. Sie geht zum Wächter und fragt nach der Fürsorgeschwester, so daß der Kapitän es hören kann.

»Wollen Sie hier hinein?« fragt der Kapitän.

Ja, wenn es erlaubt sei und sie Schwester Emmi sprechen könne. Und weil sie glaubt, daß man sich hier als Besucher ausweisen muß, fügt sie hinzu: »Ich bin Ihre Nachbarin, Irmgard Pohl.«

»Ah so,« sagt der Kapitän verbindlich, »das ist sehr interessant.« Und dann stellt er sich vor. Sie wird hier ganz und gar als Dame behandelt, obgleich sie nur die Fürsorgeschwester besuchen will.

Er bittet sie in sein Bureau und sendet jemand aus, der Schwester Emmi an ihre vernachlässigten Pflichten als Gastgeberin erinnern soll.

Inzwischen plaudert er mit Irmgard Pohl, als wäre ihm nicht bekannt, daß sie zum Feinde gehöre. Er habe schon lange die Absicht gehabt, ihrem Vater einen Besuch zu machen, und er werde, wenn es erlaubt sei, in den nächsten Tagen vorsprechen.

Irmgard kennt nicht die Absichten der Hafengesellschaft -- man hatte bisher nur Rechtsanwalt Bernhard gesandt --, aber sie verspricht, ihren Vater auf den Besuch des Kapitäns vorzubereiten.

Sie ist erleichtert, als endlich Schwester Emmi erscheint, die nicht zu versichern braucht, daß sie über der vielen Arbeit die Einladung vergessen habe -- man sieht es ihr an, wie sehr sie überanstrengt und durch den Schrecken über ihre Nachlässigkeit verstört ist.

Irmgard dankt dem Kapitän und will die Teestunde bei Schwester Emmi auf einen anderen Tag verlegen. Doch sie wird mit vielen Worten überredet, zu bleiben. Die Schwester plaudert unaufhörlich, sie kann gar kein Ende damit finden, sich zu entschuldigen und Erklärungen über ihre Vergeßlichkeit abzugeben.

Was hatte sie ihr alles zeigen wollen! Aber nun ist nicht einmal Gebäck im Haus, und Irmgard muß selbst dafür sorgen, daß sie eine Tasse Tee erhält, denn Schwester Emmi ist sehr zerstreut und läuft wie ein Irrwisch umher, ohne etwas fertigzubringen. Auf dem Tisch liegen noch Zigarettenreste, und das Zimmer ist nicht aufgeräumt. So empfängt man einen Besuch, auf den man sich lange gefreut hat.

Irmgard Pohl hat wohl gemerkt, daß hier etwas nicht in Ordnung ist, es liegt jedoch nicht in ihrer Art, zu fragen. Sie erzählt von dem kleinen Michael und stellt fest, daß der Kapitän ein sehr liebenswürdiger Herr sei. Es war kaum ihre Absicht, sich im Hafen offiziell empfangen zu lassen, aber sie darf mit der freundlichen Aufnahme zufrieden sein.

Schwester Emmi hat sich inzwischen etwas erholt. Sie kann sogar darüber scherzen, was sie für eine schlechte Hausfrau sei.

Als sie sich zum Tee niedergelassen haben, wird die Tür aufgerissen, und Herr Gregor stürzt herein.

»Kannst du mir eine Reisetasche leihen?« fragt er Schwester Emmi hastig, ohne sich mit einem Gruß aufzuhalten, »ich muß sofort geschäftlich verreisen.«

Seine Augen sind starr geradeaus gerichtet, und er sieht nicht, daß noch jemand im Zimmer ist. Irmgard Pohl blickt peinlich berührt in ihre Teetasse.

Schwester Emmi geht schweigend zum Schrank und reicht ihm einen kleinen Koffer. Er reißt ihn ihr aus der Hand und läuft wortlos davon.

Die Schwester bringt auch jetzt noch keinen Ton hervor. Aber in ihrem Gesicht zuckt und kämpft es, daß Irmgard Pohl es kaum mit ansehen kann.

Dann hört man draußen Schritte. Schwester Emmi läuft zur Tür und horcht angespannt. Plötzlich reißt sie die Tür auf.

In diesem Augenblick geht der Kapitän mit zwei Herren vorbei. Der eine ist breit und untersetzt, mit einem kräftigen Schnurrbart. Sie öffnen, ohne anzuklopfen, Herrn Gregors Tür und verschwinden.

Irmgard Pohl versucht, Schwester Emmi, die am Türpfosten lehnt, in das Zimmer zu ziehen. Doch sie ist wie taub, sie stemmt sich gegen alle milden Versuche und bleibt so lange im Korridor, bis einer der beiden Herren mit Herrn Gregor vorbeikommt. Der andere folgt an der Seite des Kapitäns.

Schwester Emmi starrt auf die Handschellen, die man Herrn Gregor angelegt hat. Der Kapitän bleibt vor ihr stehen.

»Der Herr Kommissar will nur die Personalien aufnehmen,« sagt er höflich, »weil Sie die Nachbarin sind. Dürfen wir nähertreten?«

In diesem Augenblick bemerkt er Irmgard Pohl. Er bittet, die Störung zu entschuldigen.

Irmgard, die mit Herzklopfen den Vorgang verfolgt hat und den Herrn wiedererkennt, der sie vor dem Hafeneingang beobachtet hat, steht auf und sagt:

»Bitte. Ich wollte ohnehin gehen.«

»Darf ich vorher auch Ihre Personalien feststellen?« fragt der Beamte.

Sie fährt erschreckt zusammen.

»Ich habe doch mit der Angelegenheit nichts zu tun«, stammelt sie. »Ich bin heute zum erstenmal hier.«

Bei dem Gedanken, daß ihre Personalien in das Protokoll aufgenommen und Joachim Becker vorgelegt werden könnten, packt sie der Mut der Verzweiflung. Sie will ihren Namen auf keinen Fall preisgeben und sieht den Kapitän hilfeflehend an.

Er aber meint: »Es ist lediglich eine Formsache. Die Akten sind vollkommen diskret.«

»Nein, nein«, ruft sie aus. »Ich lasse meinen Namen nicht mit hineinziehen!«

Da erwacht endlich Schwester Emmi aus ihrer Erstarrung.

»Ich kann es beschwören, daß die Dame Herrn Gregor nicht gekannt hat und daß sie heute zum erstenmal hier ist. Sie ist eine frühere Patientin von mir. Ich bin die Fürsorgeschwester vom Hafen.«

Das sind die ersten Worte, die sie seit Herrn Gregors plötzlichem Auftreten und seiner Verhaftung spricht, und sie gelten wieder einer hilfreichen Tat.

Die beiden Herren schweigen.

»Im übrigen«, fügt sie mutig hinzu, »weiß der Herr Kapitän den Namen, und er wird sich denken können, daß die Dame mit der Sache nichts zu schaffen hat.«

Der Kommissar sieht ihn fragend an.

»Wenn Sie auf die Personalien verzichten wollen?« fragt er den Kapitän, als dieser sich nicht äußert.

»Da Sie es selbst vorschlagen -- ja.«

Irmgard Pohl darf den Schauplatz verlassen. Sie blickt Schwester Emmi dankerfüllt an. Dann eilt sie mit kurzem Gruß davon.

Der Mann in der Mitte

Auf der Föhrbrücke kehrt sie wieder um. Sie kann in dieser Erregung unmöglich ihren Eltern begegnen.

Ihr Gesicht brennt, und sie ist von heftigem Groll gegen den Kapitän erfüllt. Während sie abenddunkle Straßen aufsucht, um ihre Gedanken zu ordnen, wird ihre Abneigung gegen ihn immer stärker. Wohl hat er sie sehr liebenswürdig empfangen, obgleich sie kein Verlangen danach hatte, seine Bekanntschaft zu machen, aber als es darauf ankam, ihr beizustehen, versagte er.

Wie hätte Joachim Becker sich in dieser Situation benommen? Oh, er wäre der Zumutung des Kommissars sofort ganz energisch begegnet. Er hätte sie wie ein Ritter geschützt. Der Kapitän jedoch stand zwischen beiden Parteien und wollte niemand zu nahe treten.

Sie haßt diese lauen Menschen, sie haßt den Kapitän. Nur der Gedanke an Schwester Emmis treue Bereitschaft söhnt sie wieder aus.

Sie beginnt, sich von ihrem Groll gegen den Kapitän abzuwenden und über Schwester Emmis Schicksal nachzudenken. Das ist ein armer schwacher Mensch, der in seiner Liebe zu den anderen wirklich sehr weit geht. Hat sie sich nicht zuviel mit diesem eleganten, blassen Herrn Gregor abgegeben, der nun verhaftet werden mußte?

Irmgard Pohl weiß nicht, welches Vergehen dem Herrn Gregor vorgeworfen wird, aber so viel stand fest, daß er von Schwester Emmi eine Reisetasche forderte und flüchten wollte. Er kam einfach in ihr Zimmer und sagte »Du« zu ihr.

Frau Pohl hatte wohl recht damit, daß die blonde Fürsorgeschwester leichtsinnig sei und keinen moralischen Halt habe. Doch warum sollte sie diesen Menschen nicht auf ihre Art lieben?

Da steht sie nun mutig vor den beiden Herren, läßt sich ausfragen und gibt klare Antworten, ihr Freund aber ist mit Handschellen abgeführt worden, und wenn sie am Morgen aus ihrem Zimmer geht, so begegnet sie ihm weder auf dem Korridor noch unten im Hafen. Sie wird ihn nirgends mehr treffen, denn er sitzt hinter dicken Mauern und hat viel Zeit, über seine Vergehen und über Schwester Emmis Liebe nachzusinnen.

Während Irmgard Pohl ihren Beruhigungsspaziergang fortsetzt und an das Protokoll denkt, in dem nun ihr Name nicht verzeichnet ist, fällt ihr ein, daß auch eine Reisetasche für das Verfahren von Bedeutung sein kann. Hat der Verhaftete sie nicht für die Flucht benutzen wollen? Sie gehört ihm nicht, und wer sie ihm gegeben hat, macht sich der Beihilfe schuldig. Oh, das kluge Fräulein Pohl, das eine Handelsschule besucht hat und jetzt Sekretärin in der Mühle ihres Vaters ist, vermag sehr logisch zu denken, was sonst nicht Frauenart ist.

Sie verfügt nun wieder über ihren klaren Verstand und hat alle Folgen eines Strafverfahrens vor Augen. Man liest nicht ohne Gewinst die Zeitungen und vernimmt von Indizienbeweisen und Zeugenaussagen. Wer weiß außer ihr, daß Herr Gregor den Koffer für eine Geschäftsreise forderte und sonst kein Wort darüber verlor?

Schwester Emmi hatte ihren Besuch mutig vor dem Protokoll gerettet. Was aber tat Irmgard Pohl? Sie dachte nur an die Rettung ihres Namens und rannte davon.

Wie lächerlich erscheint ihr jetzt ihre Furcht vor Joachim Becker. Hat er damals daran gedacht, daß sie ihren guten Ruf verlieren könnte? Nein, er ließ sie im Stich und sorgte für sich selbst. Warum sollte ihr Name nicht im Protokoll stehen? Weil es der Name ihres Vaters ist? Michael Pohl ist es gleichgültig, was mit seinem Namen geschieht, wenn man nur vor sich selber ein anständiger Mensch bleibt und die eigene Achtung behält.

Und darum muß sie nun zurückgehen und sich als Entlastungszeugin für Schwester Emmi melden.

Sie wird am Hafentor ohne weiteres eingelassen, denn der Kapitän selbst hatte es ja erlaubt. Obgleich sie daran zweifelt, die Herren noch in Schwester Emmis Zimmer zu treffen, nimmt sie doch ihren Weg zunächst in das Gebäude der Hafenwirtschaft.

Auf der Treppe begegnet ihr Frau Reiche. Irmgard hat zwar noch nicht die Bekanntschaft mit der Kantinenwirtin gemacht, aber nach Schwester Emmis lebhaften Erzählungen ist ihr keine wichtige Person des Hafens fremd.

Frau Reiche hat rote geschwollene Augen.

»Zu wem wollen Sie?« fragt sie mit harter Stimme.

»Zur Fürsorgeschwester.«

»Da brauchen Sie gar nicht weiterzugehen, die ist fortgegangen«, gibt die Kantinenwirtin zurück.

»Und der Kapitän ist auch nicht oben?« fragt Irmgard. Das ist eine gar zu dumme Frage. Was sollte der Kapitän allein in Schwester Emmis Wohnung? Sie hat durch das verstörte Gesicht und die rauhe Stimme der Frau ihre Fassung wieder etwas verloren.

»Das Bureau ist drüben. Hier hat der Kapitän noch nie gewohnt.«

Wie Irmgard schon an der Haustür ist, ruft die Frau ihr keifend nach: »Wird denn gar keine Ruhe im Haus? Kommen schon fremde Weiber hierher und schnüffeln in den Korridoren?«

Irmgard läßt die Tür entsetzt zufallen und eilt zum Verwaltungsgebäude hinüber. Die Bureauräume im Erdgeschoß sind schon verdunkelt, nur aus der Wohnung des Kapitäns dringt Licht. Sie geht kurz entschlossen hinauf und klingelt an seiner Tür.

Der Kapitän öffnet selbst und ist gar nicht erstaunt, sie wiederzusehen. An diesem ereignisreichen Tag ist man auf alles gefaßt.

Er fragt, ob sie mit in das Bureau hinuntergehen oder nähertreten wolle.

Nein, sie möchte ihn nur einen Augenblick sprechen. Er führt sie in sein Arbeitszimmer.

Da ist der große alte Mahagonischreibtisch, beleuchtet vom runden Schein einer grünbeschirmten Lampe. Auf einem Stuhl daneben steht der geöffnete Geigenkasten.

»Ich habe Sie gestört«, sagt Irmgard entschuldigend. »Ich wollte Ihnen nur einige Worte sagen. Es betrifft Schwester Emmi.«

»Aber wollen Sie nicht ablegen?« sagt er. »Gestört haben Sie mich nicht. Sehen Sie, ich bin immer allein. Ich wollte mir eben meinen Tee bereiten. Ich glaube, ich muß mir doch noch eine Wirtschafterin nehmen.«

Indem er über seine Angelegenheiten plaudert, läßt er ihr Zeit, sich zu sammeln. Sie kann ihm plötzlich doch nicht mehr grollen, diesem einsamen Mann mit dem Geigenkasten.

Während sie sich umwendet, um ihr Taschentuch aus dem Mantel zu nehmen, den er auf den Diwan gelegt hat, schließt er rasch den Kasten und stellt ihn hinter den Schreibtisch. Dann bietet er ihr den frei gewordenen Stuhl an.

So, nun wird er wieder kühl, fast geschäftsmäßig. Es scheint wahrhaftig, als wäre es in seinen Augen eine Schande, wenn ein Hafendirektor Geige spielt. Er schließt seine Gefühle fest ein und geht im Zimmer umher, als sei nun alles in Ordnung.

Irmgard bringt ihr Anliegen vor und berichtet von dem Koffer.

»So,« sagt der Kapitän, »der Koffer gehört der Fürsorgeschwester? Das ist sicherlich noch nicht bekannt. Ich werde es jedenfalls melden. Und ob wir Sie brauchen, das steht noch nicht fest. Für alle Fälle danke ich Ihnen.«

Nun wäre Irmgards Mission beendet, aber sie steht nicht auf, um ihn zu verlassen.

»Wenn der Koffer bis jetzt keine Rolle gespielt hat,« meint sie unschlüssig, »so brauchen wir das Verfahren damit vielleicht nicht zu komplizieren. Schwester Emmi hat also anscheinend bisher mit der Angelegenheit nichts zu tun. Könnte man denn nicht alles beim alten lassen? Warum sollen wir sie unnötig hineinziehen?«

Sie redet sehr vertraut mit ihm. Sie sagt »wir« und schließt ihn in eine Partei ein, in die er als Direktor des Hafens wohl nicht gehört. Das empfindet sie im Augenblick, da sie zu Ende gesprochen hat.

Der Kapitän nimmt auch gleich die richtige Stellung ein.

»Was Sie mir gemeldet haben,« sagt er, »muß ich weitergeben. Das übrige wollen wir den Gerichten überlassen.«

»Ja,« erwidert sie nicht ohne Vorwurf, aber mit schwachem Lächeln, »Sie müssen sich schon als neutrale Person in die Mitte stellen. Aber der Schwester habe ich vielleicht mit meiner nachträglichen Meldung keinen guten Dienst geleistet.«

»Das können wir nicht wissen. Und warum soll sie ihre Tasche nicht zurückerhalten? Es ist nur schade, daß Sie vorhin fortgegangen waren, denn dann hätten wir Widersprüche vermieden.«

»Widersprüche?« fragt Irmgard ängstlich. Sie weiß, daß Frauen in der Notlage immer zuerst zu einer Lüge greifen. Was mochte also Schwester Emmi ausgesagt haben?

»Sie meinten vorhin, daß ich mich in die Mitte stelle. Damit haben Sie recht. In diesem Fall gehöre ich dahin, und ich kann Ihnen nicht die Erklärungen geben, die Sie vielleicht wünschen. Ihren Besuch darf ich nicht ungeschehen machen, wenn Sie mir deswegen vielleicht auch grollen. Sie sehen, wie unrecht es war, vorhin von der Mitte abzuweichen und Ihnen die Vernehmung zu ersparen.«

»Ach, sind Sie da schon von der Mitte abgewichen?«

Er überhört durchaus nicht die Ironie in ihrer Frage. Sein Gesicht scheint, soweit es überhaupt Gefühlsregungen verraten kann, traurig und verfallen.

»Ja,« sagt er, »wir Menschen in der Mitte werden verachtet, weil wir es keinem recht machen -- weder dem einen noch dem anderen. Wir haben keine Feinde, aber wir verschaffen uns auch keine Freunde.«

Er erhebt sich und tritt damit aus dem Lichtkreis der Lampe. Dann nimmt er seine Wanderung im Zimmer wieder auf und spricht weiter:

»Wer fragt danach, ~warum~ es ein Mensch für richtig hält, immer in der Mitte zu stehen und damit niemand unrecht zu tun? Wir würden einander viel Ärger und Leiden ersparen, wenn wir uns alle daran halten wollten.«

Irmgard muß an Joachim Becker denken, der niemals in der Mitte steht, sondern immer auf der einen Seite, während er der anderen Unrecht zufügt. Und sie selbst gehört zu der leidenden Partei. Hätte er aber sonst diesen Hafen gegründet?

»Wohin sollte das führen?« fragt sie den Kapitän. »Wäre dann ein Cäsar oder ein Napoleon möglich? Und wo blieben ihre ungeheuren Taten? Ich denke mir, daß jedes große Werk ein Opfer auf der anderen Seite fordert.«

»Es gibt robuste Naturen, denen es möglich ist, die Konsequenzen ihrer einseitigen Handlungen zu tragen. Es steht mir fern, sie zu verurteilen, denn ich sehe ihren Standpunkt ebenso wie den der Schwachen.«

»Richtig,« sagt Irmgard bitter, die jedes Wort als einen Hieb auf Joachim Becker empfindet, »Sie dürfen ja nicht nur die Mittelmäßigkeit verteidigen, Sie haben sich die Aufgabe gestellt, zwischen allen Parteien zu stehen.«

Sie wird ungerecht, ja, ihre Worte sind fast beleidigend, aber sie spricht zu einem Mann, der auch ihre Ansicht verstehen muß. Was darf sie ihm nicht alles sagen! Wird er nicht letzten Endes jedes Wort ruhig hinnehmen müssen und verständnisvoll verzeihen? Die harten Worte kommen aus einem schwachen oder starken Gefühl; er aber steht über allen Schwankungen des Herzens und hat seinen Standpunkt in der Mitte.

»Ach, wie schwer muß es sein, diesem Vorsatz treu zu bleiben!« fügt sie seufzend hinzu, während sie aufsteht und sich verabschieden will.

Sie hat kein Erbarmen mit diesem einsamen Menschen, der gehetzt im Zimmer umherrennt und durchaus nicht den Eindruck hervorruft, als seien seine Empfindungen klar und geebnet.

»Bitte, bleiben Sie noch«, sagt er, ohne seine Wanderung zu unterbrechen. »Sie wollen mich kränken. Sie sind grausam, und ich weiß nicht, womit ich mir das verdiente. Haben Sie nicht darüber nachgedacht, daß das, was Sie die Mittelmäßigkeit nennen, nach schweren Kämpfen aus Stärke und Schwäche erwachsen kann? Wie viele Ursachen dürften dafür vorhanden sein! Es gibt Erlebnisse, die das Wesen eines Menschen von Grund auf verändern. Ich will nicht von mir sprechen, es liegt mir fern, Sie damit zu langweilen. Aber nehmen wir ein Beispiel an. Ich will es so wählen, daß auch Sie als Frau es verstehen können:

Ein Mann glaubt, sehr geliebt zu werden. Er selbst -- nun lassen wir das. Er vertraut ihr und begibt sich auf eine weite Reise. Er fährt in fremde Erdteile, vielleicht, weil es sein Beruf erfordert oder weil es ihm Spaß macht. Jedenfalls bleibt er sehr lange fort, und er hat keinen Grund, seiner Frau zu mißtrauen. Er zweifelt niemals an ihrer Treue, darum trifft es ihn so unvermittelt, als sie ihm selbst gesteht, ihn betrogen zu haben. Sie hat keine äußere Ursache, es ihm zu sagen, ihr Gewissen treibt sie dazu, weil sie innerlich wieder zu ihm zurückgefunden hat. Der Mann gehört aber nicht zu den Neutralen, die auch die Schwächen der anderen verstehen. Nein, er sieht nur seine Seite, das an ihm begangene Unrecht, das getäuschte Vertrauen. Mit dem Recht des Starken verurteilt er, ja, er ist ohne Gnade, und die Frau geht ganz verzweifelt fort. Vielleicht wissen Sie, wie grausam ein Mensch sein kann, wenn er nur sein eigenes Herz schlagen fühlt und nicht auch das Herz des anderen. Aber dann kommt die Stunde, da sich plötzlich alles ins Gegenteil verkehrt.«

Der Kapitän bleibt stehen und blickt Irmgard Pohl mit verlorenen Blicken an. Nein, er sieht nicht das fremde junge Mädchen, das zu ihm gekommen ist, um ihm seine Geheimnisse zu entlocken, er arbeitet an seinem »Beispiel«. Und er geht wieder mit gespreiztem Gang im Zimmer umher, während er die Hände auf dem Rücken fest ineinanderlegt.

»Kaum ist sie fortgegangen, so daß er die Einsamkeit spürt, da sieht er auch die andere Seite. Er stellt sich wieder nicht in die Mitte, er springt zum anderen Extrem hinüber. Da beginnt er nun mit der Verteidigung der jungen Frau, die er selbst dem vielfältigen Leben schutzlos gegenübergestellt hat. Sie war jung und hat gefehlt, aber sie macht kein Hehl daraus, sie bekennt offen ihr Unrecht. Wie muß sie dem Manne vertraut haben, und welche Größe hat sie von ihm erwartet, da sie seiner Verzeihung so gewiß war. Er aber jagt sie davon. So sind die Menschen: wie man soeben den anderen verurteilt hat, so richtet man nun sich selbst. Wir finden keinen guten Weg dazwischen. Er will sie zurückholen, doch er weiß nicht, wo er sie suchen soll. Und er irrt eine ganze Nacht am Hafen, an den Fleeten, an jedem Wasser und auf allen Brücken umher und weiß sich keinen Rat. Am Morgen treibt ihn seine Verzweiflung in irgendeine Kirche, ihn, der keine Konfessionen kannte und kein Gebet, nur sein Vertrauen auf die eigene Kraft. Er bittet irgendeinen Gott, ihm zu helfen. Er legt ein Gelübde ab, eine Beichte, er faltet die Hände, er kniet, er will allen Religionen gerecht werden, um den wahren Gott zu finden, der ihm helfen kann. Aber wie er nach Hause kommt, hat die Frau das Leben weggeworfen, das sie neu beginnen wollte und das er ihr zerstört hat -- --«

Der Kapitän bricht plötzlich ab, ohne seine Stimme zu senken, als wollte er etwas hinzufügen. Doch er schweigt. Er rückt ein Bild an der Wand zurecht, eine afrikanische Landschaft, die mit seiner Erzählung nichts zu schaffen hat. Man sieht, daß ihn selbst sein Beispiel nichts angeht, es berührt ihn nicht, er kann sich sogar wieder mit einer afrikanischen Landschaft beschäftigen, er ist ja der Mann in der Mitte. Nur, daß er die Schlußfolgerung aus seiner Erzählung nicht mehr gezogen hat, war ihm dabei entgangen.

Aber das ist nicht nötig. Seine Zuhörerin hat ihn auch so verstanden. Sie erhebt sich und sagt: »Ja, da will ich jetzt gehen. Verzeihen Sie mir.«

»Ach, wollen Sie gehen?« fragt er lächelnd. »Nein, ich habe nichts zu verzeihen. Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Vater, und wenn es recht ist, so will ich ihm demnächst meine Aufwartung machen.«

Er begleitet sie bis zur Haustür und dankt ihr für den Besuch.

Irmgard Pohl geht langsam zum Hafentor. Wieviel stürmt auf einen jungen Menschen ein, der mit seinem eigenen Leben nicht fertig wird! Soll man sich nun noch mit den fremden Schicksalen beschäftigen? Sie ist fast erdrückt unter der Last ihrer Gedanken und Gefühle.

Wie schön war es sonst, in solchen Stunden Schwester Emmi zu begegnen, die plaudert und mit ihrem erheiternden Lachen alle schweren Gedanken davonjagt. Eine leichte und sonnige Natur ist viel wert, aber nun kommt Schwester Emmi kurz vor der Föhrbrücke Irmgard Pohl entgegen, und ihr Gesicht scheint grau und alt.

»Haben Sie mich gesucht?« fragt sie, während sie bei der Anstrengung zu einem Lächeln den rechten Mundwinkel herabzieht.

»Ja«, sagt Irmgard, obgleich es nicht ganz den Tatsachen entspricht. »Wo sind Sie gewesen? Sie sehen elend aus. Warum bleiben Sie nicht zu Hause?«

»Ach, ich mußte einen wichtigen Besuch machen. Bei einem Herrn Stein war ich, dem Mann einer früheren Patientin. Aber er hatte heute keine Zeit für mich, er war eben von der Reise gekommen. Das hätte ich mir denken können, nicht wahr? Ich weiß nicht, wo ich heute meine Überlegung habe, ich mache alles verkehrt.«

Irmgard sieht ihr prüfend in die starren Augen. ›Warum erzählt sie mir das alles mit diesem unheimlichen Gesicht?‹ denkt sie. Nun forscht sie weiter, um Schwester Emmi Gelegenheit zu geben, sich auszusprechen und aus ihrer Erstarrung herauszufinden.

»Was wollten Sie von diesem Herrn Stein? Mußten Sie ihn noch heute sprechen?«

»Ja«, antwortet die Schwester. »Es mußte sofort sein, obgleich es schon zu spät ist. Aber vielleicht kann ich ihn doch noch retten.«

»Meinen Sie Herrn Gregor?«

»Ja.«

»Was kann dieser Herr Stein für ihn tun? Handelt es sich um Geld?«

»Ja.«

»Und Sie glauben, daß Sie es von dem Herrn bekommen, wenn Sie abends in sein Bureau gehen?«

»Er hat es mir nicht direkt abgeschlagen, er meinte, falls ich morgen abend käme, wenn er Zeit hätte, dann könnten wir in Ruhe darüber sprechen.«

»Wollen Sie nicht zu mir hinüberkommen? Wir gehen gleich in mein Zimmer, damit uns niemand stört. Hier können wir nicht stehenbleiben«, sagt Irmgard Pohl.

Sie nimmt, ohne eine Antwort abzuwarten, die Schwester beim Arm und führt sie über die Föhrbrücke zur Mühle.

Unterwegs sagt die Schwester, die vor Kälte zittert: »Es ist so furchtbar, daß ich morgen noch zu diesem Menschen gehen muß. Aber das ist die einzige Rettung.«