Part 14
»Wer sollte wohl feindlich gesinnt sein, wenn es sich darum handelt, der Allgemeinheit das Brot zu verbilligen?«
Der Mühlenbesitzer lacht. »Wer? Die Konkurrenz, die Rechthaber, der Neid, die Zwietracht. Es beständen viele Beweggründe.«
»Das Hafenprojekt hat sich auch verwirklichen lassen.«
»Da handelte es sich nur darum, Interessenten zu finden, die durch den gleichen Gedanken geeint werden: Geld zu verdienen. Dieses Motiv versöhnt die heftigsten Feinde. Nun aber sollen wir für einen ideellen Zweck werben. Meinst du, daß die Inhaber der bereits bestehenden Brotfabriken mit der Verbilligung einverstanden sind? Was geht sie das Volk an, wenn sie von ihrem Verdienst einbüßen?«
»Ja, müssen wir darum den Mut verlieren?«
»Nein, gewiß nicht. Wir wollen es versuchen. Das wäre sicherlich ein großer Erfolg, unter so viel Köpfen eine Einigung zu erzielen. Es gälte fast mehr als die Verbilligung des Brotes.«
»Siehst du, da ist wieder der alte Schwärmer. Gott sei Dank! Ach, weißt du, ich bin ganz stolz, daß wir nun auch so ein großartiges Projekt haben.«
Michael Pohl nimmt ihren Kopf zwischen seine Hände und lacht.
»Man möchte es durchaus mit einem anderen aufnehmen!« Und mit liebevoller Resignation fügt er hinzu: »Daran erkenne ich doch wieder die Frau.«
Sie schreibt ihm seine Briefe und ist ihm ein guter Kamerad, aber sie verfehlt doch dabei ihren besten Daseinszweck.
Als der Bäckermeister am nächsten Tage wiederkommt, kann der Mühlenbesitzer ihn mit ~seinen~ Berechnungen empfangen. Er zieht seine tüchtige Mitarbeiterin zu den Beratungen hinzu, und sie beleuchten das Projekt von allen Seiten. Da wird nichts übersehen, und ihr Fachmann, der schwerfällige Bäckermeister, kann immer wieder neue Momente ins Treffen führen.
Zum Schluß sind sie dahin einig geworden, daß die beiden Männer zunächst eine Orientierungsreise unternehmen, um ähnliche Anlagen in anderen Städten zu besichtigen. Dann wollen sie sich an die zunächst Interessierten, die Bäckermeister, wenden.
Frau Reiche hat die Augen gehörig geöffnet, als ihr Mann ihr kurz und bündig erklärte, daß er eine Reise zu unternehmen gedenke. Es liegt ihm fern, auf ihre Fragen etwa zu erwidern: »Ich habe dich auch nicht gefragt, was du mit deinen Besuchen im Gefängnis bezweckst.« Nein, er läßt sie nun ihres Weges gehen und macht seine Reise für sich.
Nur daß er auch Fräulein Spandau keine Auskunft darüber geben kann, geht nicht ganz nach seinem Herzen. Sie sieht ihn mit ihren müden Augen stumm fragend an, und er sagt: »Auf Wiedersehen, Fräulein Spandau, wenn ich zurück bin, kann ich Ihnen vielleicht etwas Gutes erzählen.«
Das befriedigt sie nicht weniger, als wenn er ihr ein prächtiges Geschenk versprochen hätte.
Wem wäre nicht eine Veränderung am Kantinenwirt Reiche aufgefallen, als er von seiner Reise wieder heimgelangte? Er hatte eine andere Art, zu gehen und zu sprechen, und er stellte sich nicht mehr hinter den Schanktisch, -- dieses Amt überließ er seiner Frau.
Aber das geschah beileibe nicht, weil er sich zu gut dafür dünkte, sondern einzig und allein, weil er keine Zeit dafür fand. Wenn er nicht seine geheimen Besprechungen mit dem Mühlenbesitzer hatte, so mußte er mit dem Innungsmeister konferieren oder in den Versammlungen Reden halten. Selbst vor dem Ersten Bürgermeister hat er eines Tages mit Mühlenbesitzer Pohl und einigen Abgeordneten der Bäckerinnung gesessen.
Er ist plötzlich ein geachteter Mann, man hört geduldig und ernst auf seine Worte. Und auch dem Mühlenbesitzer gegenüber hat er ein anderes Auftreten. Er sagt zum Beispiel: »Richtig, Herr Pohl, da haben Sie wieder recht.«
Wo ist der geduckte Kantinenwirt, der einmal sagte: »Der Herr Pohl wollen es mir nicht verübeln, wenn es nicht recht ist?«
Doch hier kann man wieder sehen, was der Prophet in seinem Vaterlande gilt. Hat Frau Reiche etwas von der Größe ihres Mannes verspürt? Nein, sie sagt: »Wie lange soll dieses Faulenzerleben noch dauern? Wenn das Konferenzen sind, mit denen du dich aufhältst, dann verwalte ich hier ein Hotel.«
Als der Streit in der Bäckerinnung so lebhaft geworden war, daß die Hilfe der Zeitungen angerufen wurde, da schreckte man nicht davor zurück, dem Bäckermeister Reiche vorzuwerfen, daß er nichts weiter als ein Kantinenwirt sei. Vom Mühlenbesitzer Pohl jedoch wußte man, daß seine Beteiligung beim Hafen seinerzeit abgelehnt wurde; man ist nicht geneigt, ihn nun an einer Brotfabrik profitieren zu lassen.
Wenn man keine sachlichen Bedenken finden kann, so gibt es der persönlichen genug.
Aber nun ist auch der Trotz in Michael Pohl erwacht. Er sagt zu Herrn Reiche: »Sie können solange in meiner Mühle arbeiten.« Und er bietet ihm einen Posten an.
»Was,« sagt Frau Reiche, »du willst eine Brotfabrik gründen? Hätte ich dir in deiner Bäckerei nicht die Brote verkauft, dann lägen sie heute noch da.« Sie hat noch immer keine Achtung vor ihrem Mann und ist nicht geneigt, ihren Platz in der Kantine zu verlassen.
Herr Reiche verabschiedet sich von Fräulein Spandau, nachdem er die Vermittlung des Kapitäns in Anspruch genommen hat, und sagt:
»Ich lasse ihr alles hier, so wie es ist. Ich habe meine beiden Fäuste zur Arbeit. Und wenn Sie einmal in der Mühle zu tun haben, so fragen Sie nach Lagerverwalter Reiche. Dann wird es schon recht sein.«
Inzwischen beleuchten die Zeitungen das Problem und suchen die Parteien zu orientieren.
»Wie lange wird die Verbilligung anhalten?« fragen die einen. »Wenn den Meistern die Arbeit genommen ist, gehen die Preise wieder in die Höhe, und die Großunternehmer allein stecken den Gewinn ein.«
»Man hat es auf zwei Berufe abgesehen«, klagen einige andere. »Der Zwischenhandel und das Transportgewerbe sollen ausgeschaltet werden«, und man rechnet den Interessenten vor, welche Schädigung das für sie bedeutet.
»Nun soll auch das gute ehrliche Handwerk unterjocht und versklavt werden.« -- »Das ist der Beginn der Vertrustung.« -- »Das Kapital reißt nun auch die Macht über das tägliche Brot an sich.« -- So und ähnlich lauten die Schlagworte, die auch von den Bäckermeistern aufgenommen werden.
Nur eine zaghafte Stimme vertritt die Ansicht, daß es der Stadt zur Ehre gereichen würde, wenn man in dieser Frage eine Einigung ohne Gewalt erzielte. Aber sie verknüpft diese einfache praktische Angelegenheit mit ihren Idealen und macht sich selbst lächerlich. Denn was hat eine Brotfabrik mit dem ewigen Frieden zu schaffen?
Verliert der Mühlenbesitzer den Mut darüber? Nein, er verliert ihn nicht; er war nicht ohne Vorbereitung in den Kampf eingetreten. Er bietet sein Geld und eine gute Idee an, und wenn sie es ablehnen, so wissen sie nicht, was sie tun. Er wäre nicht der erste, dem man seine Gaben vor die Füße wirft.
Ein anderer beginnt allmählich, im Kampfe zu verzagen. Er ist auf einen vorübergehenden Posten gestellt worden in Erwartung der großartigen Gründung; die Wartezeit erstreckt sich auf zwei Monate, drei Monate, es wird Herbst, und noch bezieht er mit bedrücktem Gewissen sein Gehalt als Lagerverwalter in einer Mühle und nicht als Meister in einer Brotfabrik. Was nutzt es ihm, daß er sich mit der modernen Technik vertraut macht und im stillen eine neue Lehrzeit in den verzwickten Büchern beginnt? Es ist nur gut, daß ein Fräulein Spandau eines Tages den Lagerverwalter Reiche aufsucht und ihn fragt, ob man das Mehl in der Mühle auch pfundweise kaufen könne.
Nein, damit kann er nicht dienen, doch wenn er sie nach Hause begleiten dürfe und sie sich noch für die Sache eines Mannes interessiere, den man so lächerlich finde, so wolle er ihr einiges erzählen.
Sie hat dagegen nichts einzuwenden und hört ihm auf dem weiten Wege mit großem Interesse zu, obgleich er zuletzt sehr verbittert und mutlos ist.
»Ach ja,« sagt sie zum Abschied, »wenn Sie es doch durchsetzen könnten! Wir brauchen zu Hause täglich ein Brot, das sind fünf Pfennig pro Tag und ein und eine halbe Mark im Monat. Sie glauben nicht, was das bedeutet, da wir alle von meinem Gehalt leben müssen.«
Ihr blasses Gesicht mit der dünnen unklaren Haut ist so vertrauensvoll zu ihm emporgewandt, daß es ihm wieder einen Ruck gibt, und er verspricht, nichts unversucht zu lassen.
Das sollte doch mit dem Teufel zugehen, denkt er auf dem Heimwege, wenn man denen nicht helfen dürfte, die es so dringend brauchen.
Er spricht noch einmal mit dem Mühlenbesitzer darüber, und sie fangen die Sache von einer anderen Seite an. Michael Pohl, der doch genug Lehrgeld gezahlt haben sollte, gibt wieder eine schriftliche Erklärung ab.
Sie wirkt nicht gleich wie der wunderbare Stab vor dem Zauberberg, aber dieser und jener läßt sich doch herbei, einen Blick auf das Dokument zu werfen und ein wenig darüber nachzudenken. Da soll nun die Bäckerinnung als Unternehmerin auftreten, und der Mühlenbesitzer will ihr die Mittel vorstrecken. Jeder Meister in der Stadt ist Teilhaber der großen Fabrik und hat schließlich auch eine Stimme ins Gewicht zu werfen.
»Wenn ich das gleiche verdiene und weniger Arbeit habe, so soll es mir recht sein«, meint nun der Bequeme, während der Arbeitsame befriedigt feststellt, daß man ihm trotzdem seine Tätigkeit läßt.
»Und wer sich das richtig überlegt, muß sich sagen, daß vom billigeren Brot mehr gegessen wird«, wirft Lagerverwalter Reiche in einer Versammlung ein. »Das Brot, das die eigene Familie ißt, fällt auch nicht unter den Tisch, es muß ebenso gerechnet werden, als ob es verkauft wird, und das sind fünf Pfennig für das Stück.«
In dieser Versammlung trägt er noch nicht den Sieg davon, aber als der Winter den Hafen wieder im Bann hält und auf dem Kanal vor der Mühle die Oberfläche glitzert und knackt, hat er endlich eine Abstimmung mit Stimmenmehrheit erreicht.
Die Scheidung
Er eilt in seinem Überschwang zur Mühle, mit der Absicht, den Mühlenbesitzer sogar aus dem Bett zu holen, um ihm die freudige Botschaft zu überbringen. Sie besitzen zwar noch lange keine Brotfabrik, aber sie haben die Einigkeit. Er weiß, wieviel das dem Mühlenbesitzer Pohl gilt.
Nun hätte er auch Lust, dem schmalen Fräulein Spandau zu sagen, daß sie in mindestens einem Jahr einundeinehalbe Mark monatlich sparen kann. Doch diese Freude muß er sich bis zum nächsten Morgen aufheben.
So frei und kräftig hat er sich lange nicht gefühlt, wie auf dem Heimweg von der Versammlung. Wenn er es recht überlegt, so hat ein Druck auf ihm gelastet, seitdem er in den Hafen kam.
Kurz vor der Föhrbrücke bemerkt er eine Frau, die mit wiegenden Hüften vor ihm hergeht und nicht viel Eile hat, vorwärtszukommen. Da sollte doch --! Wenn das nicht seine Frau ist!
Er findet es nicht übel, daß er ihr an diesem Abend noch begegnet. Man könnte der Madame gleich zeigen, was man für ein Kerl geworden ist, damit sie endlich einmal die richtige Meinung erhält.
Er ist nicht nachtragend. Nein, das kann niemand behaupten. Sie hat ihn nicht nur betrogen und obendrein verspottet, weil er nicht zu den Männern gehört, die deswegen einen Mord begehen, sie hat ihn auch um seinen Beruf gebracht und ihm den Rest seiner Selbstachtung genommen.
Aber nun sagt er »Guten Abend, Frau Reiche. Du hast anscheinend keine Lust, nach Hause zu gehen.«
»Ach, du bist's«, sagt sie. »Ich habe gehört, du willst dich von mir scheiden lassen.«
»Ich?« fragt er erstaunt. Auf diesen Gedanken war er bisher noch nicht gekommen, nun scheint er ihm nicht schlecht, ja er findet ihn plötzlich ausgezeichnet. Er muß unwillkürlich an Fräulein Spandau denken. Da könnte er für einen Menschen einstehen und ihm Freude bereiten, denn da wird alles dankbar angenommen. Ob sie wohl den Antrag eines Meisters in der größten Brotfabrik der Stadt ausschlagen würde?
Er streicht in stolzer Freude den Schnurrbart hoch. Nun ist er wieder ein Mann, der auf sich hält und auch bei den Frauen einen Stein im Brett hat.
Es ist ihm fast, als sähe selbst seine Frau ihn wieder wohlgefällig an.
»Nun, ich habe so etwas gehört. Wenn es dir recht ist, könnten wir ja darüber reden. Neulich ist ein Rechtsanwalt im Hafen gewesen, da habe ich die Gelegenheit wahrgenommen und ihn gefragt, was zu tun wäre.«
»So --« meint er. »Dann wirst du ja besser Bescheid wissen und kannst mir Unterricht erteilen.« Er nimmt die Sache von der lustigen Seite, und das ist fast etwas kränkend für eine Frau.
»Wir könnten gleich darüber sprechen,« schlägt sie vor, »dann ist die Sache abgemacht. Mein Bruder versieht die Wirtschaft, wie du gehört haben wirst. Wir können also hinaufgehen und alles in Ordnung bringen, wenn es dir recht ist.«
Wie zahm sie geworden ist, denkt Herr Reiche. Sollte sie etwa schon von der Versammlung gehört haben? Nun will er sich erst einmal das Vergnügen erlauben und ihr erzählen, was er für ein Mann ist.
»Ach, sieh einmal an«, sagt sie. »Was du nicht sagst. Wer hätte das für möglich gehalten? Darauf müssen wir von meinem selbstgemachten Kirschwasser trinken. Was meinst du dazu?«
»Hm, das wäre ja wie eine Feier. Aber da wir doch miteinander zu reden haben --« Das hätte er sich wahrhaftig im Traume nicht einfallen lassen, daß er noch einmal ein freier lediger Mann würde. Es gibt doch wirklich ganz einfache Gedanken, auf die man erst gestoßen werden muß. Was wird das für ein Spaß sein, wenn man zu Fräulein Spandau sagen kann: »Es gibt gewisse Männer, die einmal verheiratet ~waren~.«
»Huh«, macht Frau Reiche fröstelnd. »Wie ist das schon wieder kalt!« Und sie hakt sich mit ihrem molligen Arm bei ihm ein, um sich zu erwärmen.
»Die Madame wird sich einen Schaden antun«, sagt er gutmütig spottend über diese Äußerung einer ungewohnten Vertraulichkeit.
Sie stößt ihn mit dem Ellenbogen an. »Jetzt, da wir uns scheiden lassen --« meint sie lachend.
Allmählich geraten sie in eine Stimmung hinein, in der sie alles lächerlich finden. Sie setzen sich in ihrem alten Wohnzimmer über der Kantine auf das Sofa, trinken von dem Kirschwasser und stoßen »auf eine glückliche Scheidung« an.
»Eigentlich,« sagt sie mit glucksendem Lachen, »wenn ich's mir überlege, warst du ein ganz guter Ehemann. Ja, man erkennt die Vorzüge erst, wenn es zu spät ist. Was meinst du wohl, wie ich daran gedacht habe, wenn ich hier so allein war?« Sie sieht ihn mit ihren feuchten Augen ermutigend an und rückt etwas näher.
Der Bäckermeister hat wieder ganz rote Ohren, als wäre er in der Backstube beim Ausholen der Brote.
»Es ist verteufelt heiß hier bei dir«, bringt er halberstickt hervor.
»Meinst du?« fragt sie, und sie sieht ihn dabei so komisch an, daß sie wieder beide lachen müssen. Sie fährt ihm mit ihren Händen ins Gesicht und sagt: »Fühl' nur, wie kalt sie sind.«
Er gibt keine Antwort darauf. Er hat vollkommen vergessen, daß er sich vornahm, den Mühlenbesitzer aus dem Bett zu holen und einem blassen schmalen Bureaufräulein zu roten Backen und einem glücklichen Lächeln zu verhelfen, er schnappt plötzlich nach den kühlen Fingern vor seinem Mund und lacht.
»Nein, Mann, bist du denn verrückt geworden?« fragt Frau Reiche. Aber er gibt jetzt erst recht keine Antwort mehr. --
So ein Binnenhafen an einem dunklen Wintermorgen ist wie eine verwunschene Stadt.
Der Wächter am Tore wird müde und wärmebedürftig. Er achtet darauf, daß seine Scheiben klar bleiben, denn sonst muß er das kleine Fenster öffnen oder vor die Tür seines winzigen Häuschens treten und die dunstige Wärme herauslassen.
Aber gegen sieben Uhr morgens kommen noch nicht viele Menschen an ihm vorbei. Im Getreidespeicher rattern zwar schon wieder die Maschinen, und das Getreide beginnt seine unermüdliche Wanderung durch die Stockwerke. Es darf nicht zur Ruhe kommen, damit es nicht feucht oder muffig werde, und es bläst unterwegs seinen Staub in die Luft, daß Bodenmeister Ulrich und seine Helfer wie graue Figuren durch die Morgendämmerung wandern.
Das Verwaltungsgebäude ist von den Gerüsten entkleidet. In den Seitenflügeln flammen die ersten Lichter auf, im Mittelteil jedoch, dem stolzen Turmbau, warten die grauen Räume auf die Tätigkeit der Maler.
Das war eine andere Zeit, als die Arbeiter in Scharen herbeiströmten, auf die Gerüste kletterten und hinter Erdwällen verschwanden. Wie viele Gebäude mußten fertiggestellt werden, und nun stehen sie alle da! Mit verschneiten Dächern und vereinzelten Lichtern in den Fenstern.
Aber die Hafenbecken -- wo ist ihr Wasserspiegel? Er wird fast dicht bedeckt von den großen Kähnen, die hier ihr Winterlager aufgeschlagen haben, und darüber brauen die Nebel. Nur ein Becken ist wie ein langer und breiter leerer Schlund: der Südhafen, aus dem man die harte Füllung mit Dynamit sprengen mußte. Er hat noch keine Gebäude an den Seiten, und auf dem Nachbargelände stehen ein paar verschneite halb verfallene Holzschuppen. Ein Grundstücksmakler hat sein Schild danebengesetzt.
Wenn die Hafengesellschaft ihre Tätigkeit am Südbecken einstellte, so hatte das andere Gründe als die Arbeitsruhe der Verhüttungsgesellschaft, die eines Tages Konkurs anmeldete und die Erze im Schoße der Mutter Erde ließ. Man kann einem großen Projekt zustimmen, doch man darf sich Zeit mit der Ausführung lassen. Zwei Hafenbecken sind im Anfang genug, und wenn das Konsortium seine Gelder zurückhält, so ist damit nicht gesagt, daß sie etwa knapp geworden wären. Aber sie verkünden dem Generaldirektor: Nun mußt du dir das dritte Hafenbecken erst verdienen!
Das ist nicht leicht, zumal in den Wintermonaten, wenn die Schiffahrt ruht. Als der ehemalige Kantinenwirt an diesem dunklen Morgen aus der Tür der Hafenwirtschaft kommt, denkt er, daß hier immer noch Leben genug sei. Da fahren die großen Lastwagen schon die während eines langen Sommers aufgespeicherten Waren in die Stadt, die Lokomotiven schnauben und kreischen auf den vereisten Schienen und bringen neues Lagergut. Ja, diese treuen Eisenbahnstränge, sie sind doch etwas wert, sie tragen ihre Lasten das ganze Jahr und verlangen keinen Winterurlaub wie die anspruchsvollen Wasserstraßen.
Der Bäckermeister schleicht mit scheuen Blicken neben den Wagen aus dem Tor; es ist ihm angenehm, daß er dabei vom Wächter übersehen wird. Er gehörte einst mit gutem Recht hierher, und in der Hafenwirtschaft ist immer noch seine Ehefrau; über eine Scheidung wollten sie zwar sprechen, aber nun haben sie es beide vergessen. Wenn er trotzdem mit schlechtem Gewissen seinen Weg zur Mühle fortsetzt, so sind seine Privatgefühle daran schuld.
Er geht in sein Zimmer, das Michael Pohl ihm im Kontoranbau neben der Mühle zur Verfügung gestellt hat und wartet auf das Frühstück. Es wird ihm aus dem Wohnhaus gebracht. Man sorgt für ihn und nimmt sich seiner an, er jedoch kommt nicht mit einer guten Nachricht schnurstracks zum Müller, sondern läuft erst einmal einem Weiberrock nach.
Ein schlechter Patron bist du, sagt er vor sich hin, ein Schwächling, ein Weiberknecht. Er kann nichts damit ungeschehen machen.
Um acht Uhr geht er ins Kontor hinunter, um sich beim Mühlenbesitzer zu melden. Er läuft ihm nicht mit »Halloh« und »Gute Botschaft« entgegen. Er meldet das Resultat der Abstimmung und hält seine Mütze in der Hand.
Da spürt er einen kräftigen Schlag auf der Schulter, und ein herzlicher Händedruck rüttelt ihn wieder aus seiner Niedergeschlagenheit hoch.
Ja, nun sollen sie wirklich das Brot für die ganze Stadt backen.
»Aber das Schönste ist doch, daß sie einig geworden sind, -- daß sie für einen guten Zweck und nicht für einen Profit einig geworden sind!« sagt der Mühlenbesitzer. Er beginnt, der Menschheit wieder seinen Kinderglauben zu schenken.
Nun gibt es zu tun! Donnerlot, was muß nun alles überlegt und eingeleitet werden. Ein Winter ist kurz, wenn man eine so große Sache bis zur Grundsteinlegung bringen will. Im Frühling schon soll mit dem Bau begonnen werden. -- -- --
Frühling im Hafen! Das ist wie Gesang. Ein stummes Dank- und Jubellied schwebt unter der blauen Kuppel des Himmels. Hier stehen zwar viele Gebäude, ein Turmhaus sogar, und hohe Kräne recken ihre schwarzen Arme auf, doch man kann sich an das Kopfende eines Hafenbeckens stellen und Wasser, Himmel, Erde sehen, soweit das Auge reicht. Diese drei waren am Anfang der Welt, und hier sind sie noch und beginnen ein neues Leben.
Steigst du aber bis in den zehnten Stock des Turms im Verwaltungsgebäude, so siehst du außerdem noch eine ganze große Stadt. Und dort drüben zieht sich ein silbernes Band. Das ist der Fluß dieser Stadt, an dem sie sich einstmals anbaute, weil es praktisch ist, diese Straße zu haben. Und da ist ein zweites Band. Das ist der alte Kanal. Und hier ein drittes: der Verbindungskanal.
Nun sind sie aus ihrer Ruhe erwacht. Fleißige Schleppdampfer schicken ihre schmalen Rauchsäulen zu den weißen Himmelswolken empor, und hinter ihnen kommen sie in langer Reihe: die braven dunklen Kähne mit ihren Schätzen im tiefen breiten Bauch.
Der Kapitän tritt aus der Tür und geht in einer ganz anderen Art über den Platz. Er stößt die Beine mit einer Lust in den warmen Tag hinein, daß man fast glaubt, die Gelenke knacken zu hören. Wie war er hier doch geschlichen mit seinem grauen Tuch um den Hals, in den Winterpaletot geduckt, und wenn er, von seinem Reißen geplagt, den Kopf drehen wollte, so ging es nicht, er mußte den ganzen steifen Körper wenden.
Nun reibt er die Hände und sagt »Guten Morgen, guten Morgen«, immer in einer anderen Tonart. Wenn die Natur ihre neuen lustigen Melodien singt, dann zieht auch der Mensch vielfältige Register.
Schwester Emmi hat zum erstenmal ein helles Waschkleid an und läuft auf ihren zierlichen Lackschuhen zu den eben angelangten Kähnen am Zollspeicher. Felix Friemann verfolgt sie mit seinen langen Beinen aus weiter Entfernung und ruft: »Schwester eins, Schwester eins!«
Aber sie hört ihn nicht. Sie stellt sich vor einem Kahn auf und ruft: »Tom!« Da rennt ein Pudel bellend zur Bordwand, ein blonder Knabenkopf stößt in die Höhe, und dann setzen sie beide, der Junge und der Hund, mit einem Sprung auf die Kaimauer.
Schwester Emmi wird fast umgerannt, so stürmisch ist die Begrüßung des kleinen Tom, und so heftig zerrt der Pudel an ihrem Rock. Sie sind beide von ihrer ersten Ausfahrt zurückgekommen.
»Ich glaube, Junge,« ruft die Schwester aus, »du bist inzwischen wieder größer geworden! Hast du dich heute auch schon gewaschen?«
Nein, gewaschen scheint er noch nicht zu sein, aber er hat blitzblanke, saubere blaue Augen, und er ist seines Vaters Sohn!
Nun hat auch Felix Friemann endlich bei Schwester Emmi Anker geworfen.
»Schwester eins«, sagt er atemlos. »Warum laufen Sie mir denn davon?«
»Ach, Sie mit Ihrer eins. Wo ist denn die Schwester zwei?«
»Wenn Sie nicht bald etwas netter werden, beantrage ich sie bestimmt.«
»Ph -- ich warte nur darauf.«
»Aber ich habe Ihnen eine große Neuigkeit zu melden. Sie werden staunen!«
»So? Ich staune schon gar nicht mehr. Sind Sie endlich zum Direktor der Fürsorgestelle ernannt?« fragt sie spitz.
»Viel mehr! Ich schlage meine Sommerwohnung im Hafen auf!«
»Was machen Sie?«
»Ich ziehe in Herrn Gregors Zimmer.« Er sieht sie triumphierend an.
»Meinetwegen --«
»Freuen Sie sich denn gar nicht über den neuen Nachbarn?« fragt er traurig, als sie sich von Tom und seinem Pudel verabschiedet hat und weitergeht.
»Was geht das mich an?« sagt sie mit bösem Gesicht. Und mit einem Würgen in der Kehle setzt sie hinzu: »Wenn ihr mich doch endlich in Ruhe lassen wolltet!«
»Wen meinen Sie denn noch?«
»Ach -- ihr! Alle! Soll ich denn gar nicht zur Ruhe kommen?« Sie geht in das Kontor der Lagerhalle und schlägt die Tür vor +Dr.+ Friemanns Nase zu.
»Sie sehen ja so böse aus«, sagt Herr Karcher, der mit immer gleichmäßiger Freundlichkeit ihre Morgenbesuche aufnimmt.
»Ja,« sagt sie, »am frühen Morgen wird man schon geärgert.«
»Aber!« meint er bedauernd. Er fragt nicht; darum beichtet sie ihm auch alles, was ihr Herz bewegt. Er ist allmählich zu ihrem Vertrauten geworden, besonders wenn es sich um Telephongespräche handelt.