Der graue Alltag und sein Licht

Part 6

Chapter 63,760 wordsPublic domain

Es ist plötzlich eine wunderliche Stimmung über mich gekommen, soll ich’s Weichheit, Beängstigung, Untapferkeit nennen? Wie beschämend für meines Vaters Tochter. Wird es sich auch an mir bewahrheiten: »Die Lager Luft verwirret Kopf und Herz?« Mich soll _nichts_ verwirren. –

22.

Die allheilende Arbeit hat mich bei der Hand genommen. Sie versagt niemals; und so habe ich auch auf den steinigen Pfaden, die sie mich führte, meine Wirrnis und Weichheit verwunden. Wie sehr mein Dorf und seine Leute ungeteilte Aufmerksamkeit verlangen, wird mir täglich mehr bewußt. Sie erziehen mich zur inneren Ruhe und zum logischen Denken. Hie und da erscheint der umsichtige Baumeister des neuen Krankenhauses auf dem Plan und unterbreitet mir neue, praktische Gedanken, in welche ich mich vertiefe, und welche ich dann beinahe alle gutheißen kann. Wie weit mich des Baumeisters Vortrag, in dem vielfach die Worte wiederkehren: »Baron Lage meint …«, »Baron Lage gibt anheim …«, beeinflußt, will ich dahingestellt sein lassen.

Heute begleitete mich der Architekt durch das ganze Dorf. Es gibt überall etwas zu flicken, auszuheben, anzubauen. Den jungen Dörflern macht es Spaß, ein neues Dach über den Kopf zu bekommen, die Alten murmeln und murren und haben nicht viel Dank für mich. Sie scheuen jegliche Unruhe. Der neunzigjährige Wilm Lammers meinte, wenn das morsche Dach von selbst herunterfiele, dann würde das für ihn auch ein Zeichen vom Herrgott sein, daß seine Zeit gekommen sei. –

Aber ich möchte lieber die Balken aufhalten, die den Dorfältesten zu erschlagen drohen. – Es war ein erfrischender Arbeitsgang mit dem jungen, schaffensfreudigen Baumeister, und ich kam recht erfrischt heim. Meine Frische trage ich dann zuerst ins Kinderzimmer, wo Klein Erika immer mehr dem Leben entgegenwächst, und für mich bedeutet das Menschwerden dieses Geschöpfchens eine Quelle reinsten Glückes. Ich tue dem Kleinchen um so mehr Handreichungen und widme ihm von meiner knappen Zeit, als mir Gese Tönnings unaufmerksam und fahrig zu werden scheint. Sie sieht auch nicht gut aus und hat ihre »unverschämte Frische«, wie sich Ohm Matthias auszudrücken beliebte, bedeutend eingebüßt. Sie scheint es vermeiden zu wollen, daß ich sie frage, denn sie ist meistens abwesend, wenn ich das Kinderzimmer aufsuche. –

Eva geht mit umwölkter Stirn umher. Als ich gestern abend im Lager Wald unsern Brunnen besichtigte, löste sich aus dem Dunkel der dicht stehenden Tannen ein Menschenpaar, – ich meinte, flüchtig Gese Tönnings erkannt zu haben, aber beide tauchten rasch im Dunkel wieder unter. – Alte Eva, ich glaube nicht, daß just im Lager Forst ein Kraut gegen die Liebe wächst, da es doch in der weiten Welt nirgends zu finden ist. –

Am Nachmittage gleich nach Tische machten wir eine kleine Ausfahrt rund um mein Besitztum herum. Hans und Fritz wurden vor den leichten Jagdwagen gespannt und scheuten denn auch glücklich vor jedem Busch, vor jedem weißen Meilenstein oder Papier, ja selbst vor Kinderwagen, die leer oder mit Insassen vor den Türen standen. Der alte Kutscher meinte tiefsinnig: »Vor’n Kinderwagen scheut sich mancher.«

Madame Oswald holte ich ab, und auch der Pfarrer schloß sich uns an. Wir saßen recht behaglich zusammen, und ich spürte den Gewinn, den das Finden einer schönen Seele bringt. Pfarrer Oswald ist ungeheuer beliebt im Dorf; selbst die Pfefferkuchenhexe lachte mit ihrem zahnlosen Munde, als wir einen Augenblick zu ihr eintraten, da sie krank ist. Maria Dörping blickte mit ernsten Augen auf Pfarrer Oswald und mich. –

Ritter Lage schreibt: »Also das kleine Mädchen will in sein Unglück rennen, und der Gottesmann hält seinen Talar ausgebreitet, damit es recht weich fällt. Und die würdige Hamburger Madame, die doch bereits einen so kostbaren Zobelpelz besitzt, möchte sich noch ein Kuppelpelzchen dazu verdienen. O Welt, Welt, wie bist du närrisch! Ich kann aber nicht behaupten, daß es sehr vergnüglich ist, Zuschauer zu sein. Wenngleich ich mich noch weniger zum Mitspielen eigne. Und der ›getreue Eckart‹ hat allezeit die kläglichste Rolle gespielt. Aber daß Sie ›Nein‹ sagen können, kleine Regenschirmbase, haben Sie doch bewiesen, als gestern der große Schreibebrief mit dem talerdicken Siegel ankam. Üben Sie sich nur hübsch weiter im Rufen dieses hübschen Wörtchens. Armer Baron Ellers! Seine Schulden schreien lauter, als Klein Erika, wenn sie Leibweh hat. – Deshalb müssen Sie auch nicht gar zu tugendhaft entrüstet sein. Was weiß so ein schneeiges Bähschäfchen von Schulden! Und es schadet Ihrer Charakterentwicklung (die noch sehr mangelhaft ist) durchaus nicht, wenn Gitti einsieht, daß sie selbst auch mal nebenbeifällt und das Lagesche Vermögen als Nummer Eins betrachtet wird. Im übrigen strahlten Ihre Augen heute dermaßen in reinster Bläue, als Sie meine Grenze überfuhren, daß ich glaubte, der Himmel habe sich plötzlich auf Lage herabgesenkt. Sie sehen, der bissige Hofhund, der in Holland an der Kette liegt, kann auch poetisch werden.

Alles in allem könnte ich Ihnen doch beinahe empfehlen, Pfarrer Oswald auch bald dingfest zu machen. Er kuscht schon aus innerster Überzeugung, und wie Sie ihn gestern im Jagdwagen anstrahlten, das war nichts anderes als Tierquälerei.

Gitti, Gitti! Nun wollte ich wieder, Sie blieben das kleine Mädchen, das Blumen küßt und Bäume umarmt.

Der Enterbte.«

Klein Erika hatte heute wieder Fieber, es ist doch ein recht zartes Kind. Und ich blieb bei ihm, trotzdem der Krankenhausbau und verschiedene Beratungen über Wohlfahrtseinrichtungen mich eigentlich ins Dorf und ins Pfarrhaus riefen. Aber Gese Tönnings ließ mich im Stich, kam erst erhitzt und verweint um die Mittagszeit in Haus Lage an, und ich sah wohl, daß sie mit dem Herzen nicht bei der kleinen Kranken war. Ich vermutete, daß der jähzornige Schmied um irgendeiner Sache willen seine Tochter gezüchtigt habe, und sprach das auch mißbilligend aus. Denn Gese steht jetzt in meinen Diensten, und ich verlange, daß sie auf dem Posten ist. Geses Gesicht verfärbte sich, als ich ihren Vater erwähnte, und mit allen Zeichen der Angst bat sie mich, gegen ihn von ihrer Unpünktlichkeit zu schweigen. »Bist du verliebt, Gese?« fragte ich mit scherzhaftem Ernst.

Da weinte sie plötzlich schwer. – –

23.

Mein Geburtstag ist angebrochen. Es ist eigen, daß niemand darum weiß … Im Elternhause wurde er immer wie ein hohes Fest begangen. Der Vater pflegte auf dem Harmonium den gleichen Choral zu spielen: »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren.« Der gehörte zur Eröffnung des Feiertages, und die liebe Mutter hatte die selbstgebackene Geburtstagsbrezel, die sich rosinengefüllt über den ganzen Tisch ausbreitete, mit Lichtern besteckt. So viel Jahre, so viel Lichtchen. Wie hätte heute der Tisch im Glanze von 26 Lichtern strahlen können!

So tat es diesmal nur eine goldene Morgensonne, die Tante Fernande und mich beschien. Ich hielt unsere Andacht über den Text: »Freuet euch! Und abermals sage ich euch, freuet euch.« Gerade weil mir so einsam und weh ums Herz war …

Komme eben von meinem morgendlichen Rundgang zurück.

Der Geburtstagstext warf sein Licht auf meinen Weg. Zur Clemenskapelle eilte ich und fand dort eine wohlbehütete ewige Lampe, und der Wandfries mit seiner köstlichen Malerei gab mir Frieden und senkte etwas in mein Herz, das beinahe wie Glück aussah. Und auf dem Rückweg, da kam plötzlich das Freuen, denn an meinem Lieblingsbaum, einer starken, wunderlich geformten Birke, lehnte – ein Regenschirm. Lehnte _der_ rote Regenschirm der Muhme Jesuliebe, der mein Schicksal ward. An seiner gelben schweren Elfenbeinkrücke, auf deren umschließendem, silbernem Ring der Name eingraviert war, baumelte ein Heidestrauß, mit leuchtendem Band eingebunden. Im Strauße steckte ein gelbes Geburtstagswachslicht, mit Rosengirlanden verziert.

Als ich das liebe Geschenk sah, kam ein solch übermütiges Freuen in meine Seele, daß ich das Ungetüm aufspannte und in hellstem Sonnenschein unter dem roten Riesendach heimwärts wandelte, die närrischste Lage, die wohl je durch den Lager Busch stolzierte …

Es ist mir niemand begegnet, und ich habe meinen Schatz in die tiefsten Tiefen meines ungeheuren Kleiderschrankes versenkt, das einzige Möbel, das mein rotes Ungetüm fassen konnte.

Lieber Herrgott, schick’ einen Abglanz meiner Freude in das Herz und das Haus eines Einsamen!

24.

Es hat heute abend ein Sturm eingesetzt, der ganz wunderlich ist im Hochsommer. Er könnte einem kalten November an der Nordsee Ehre machen. Mir bringt dieser Sturm doppelte Behaglichkeit. Er dringt nicht durch die festen Mauern meines Hauses, sondern tobt sich in den leeren Fenstern der Ruine aus. Die Fledermäuse haben sich versteckt. Die alte Eva läßt mich heute seltsam allein. Ich weiß, daß sie meinen Geburtstag nicht ahnt, aber sie hat noch keinen Tag vergehen lassen, ohne daß sie mir ein liebes Wort gesagt, einen Wunsch, ein Gottbehüt’! Heute streiften mich mehrmals scheu ihre Augen … Aber ich kann mich täuschen. Dies alte Haus verleitet dazu, Gespenster zu sehen. Ist mir’s doch auch allabendlich, wenn ich mich zur Ruhe begeben will, als läge ein zusammengeworfenes Bündel vor meiner Stubentür, dasselbige unselige Bündel, das ich damals vor der ~Pietà~ fand. Aber die Bahn ist immer frei, sobald ich die oberste Treppenstufe erreiche. Weshalb narren mich meine Sinne? Ich habe keine Angst vor dem Krüppel, ich meide ihn nur aus Gehorsam. Manchmal packt mich das seltsame, kindische Gelüst, ungehorsam zu sein. Ich wehre mich dann gegen Unsichtbares, gegen Büttenpapiere und Befehle, gegen Fledermäuse und Enterbte. Dann kommt mir jäh der Gedanke, hinauszulaufen nach dem »Holländerwald« und den Krüppel zu suchen. Ihn in mein Haus zu nehmen, ihm Mutter zu sein. Ihm Gutes zu tun unter hundert persönlichen Opfern. Weil ein schweres Geschick ihm alles Menschentum, alles Menschenwürdige nahm, ihn zum stammelnden Kinde ummodelte, mit dem abschreckenden Antlitze eines mißgestalteten Zwerges. Daß man mir diesen Samariterdienst nimmt und mit kurzen, herrischen Worten meine Christenpflicht verneint, dünkt mich ein Eingriff in meine freie Liebestätigkeit. Mir fehlt auch der Krüppel in dem Bilde, das ich mir von meinem Krankenhause und Siechenheim malte. Der »Enterbte« wird nie zugeben, daß ich den Kranken betreue. Und der ist doch wahrhaft »enterbt«. – Denk’ ich an den Krüppel, so wirft sich der »graue Alltag« wie ein schwarzer Meltau auf alle Blumen, die sich für mich in Lage erschlossen. Ein Meer von Blüten vernichtet er.

Der Sturm draußen ist allgemach in ein ächzendes Klagen übergegangen. Einmal schlug es wie in schwerem Schlag und Fall gegen meine Tür, nun weint es draußen, wie ein wunder Mensch …

Nachts.

Die Gese Tönnings lag gestern abend auf der Schwelle des Hauses. Ach, – freilich ein wunder Mensch. Und bis nach Mitternacht mußte ich ihre Beichte anhören. Die hat mir Kopf und Herz verwirrt … Laut hätte ich weinen mögen über meine arme Mitschwester, die sich ihr junges Leben so verpfuschte. Aber wir Frauen von Lage können nur schwer die erlösenden Tränen finden. Vielleicht hielt sie auch der Ekel zurück, der mich bei dieser Beichte schüttelte, – und den ich jetzt mit Scham als tiefes Unrecht und Pharisäertum erkenne. – Darf ich als Unversuchte, sorglich Behütete aburteilen?

Wer sich frei fühlet von Schuld, der werfe den ersten Stein …

Ich habe Gese Tönnings aufgehoben. Will sie bei mir behalten bis zu ihrer schweren Stunde und für das Kind sorgen, das sie unter dem Herzen trägt, Sie ist die Liebste des jungen Försters Nordstamm gewesen, – schon jahrelang, und diese Erkenntnis ward auch zum jähen Schlag für Frau Rika. Der die Zarte lähmte und unfähig zum Weiterleben machte. Welch ein düstres, schuldvolles Kapitel in Dorf Lage!

Als ich das gänzlich verstörte, zitternde Mädchen auskleidete, um es ins Bett zu bringen, sah ich entsetzliche Striemen auf Armen, Händen und Rücken. »Mein Vater«, kam es würgend aus ihrer Kehle. Und ich kann am Abschluß meines Geburtstages nur beten: »O Gott, Allerbarmer, nimm den grauen Alltag wieder von meinem Hause und gib mir lichten Sonntag durch reine Menschenliebe!« –

Ritter Lage schreibt: »Kleine Regenschirmbase, es _muß_ Ihnen ja über den Kopf wachsen. Und bei mir sitzt die Angst zu Tische, und die Sorge, Sie könnten schließlich doch den Gottesmann bitten, Ihr dauernder Berater zu werden, weil Sie nicht mehr aus noch ein wissen. Standesamtlich beurkundeter Lebensgenosse und dazu kirchlich angetraut. Und alles nur aus dem starken, eigensinnigen Verlangen heraus, Gutes zu tun. Denn lieb haben Sie ihn nicht. Das weiße Schäfchen von Lage hat überhaupt keine Ahnung von Mannes- und Weibesliebe, und ich selbst will auch beileibe keinen Lehrstuhl für dies Kapitel errichten und Sie etwa als aufhorchenden Studenten zu meinen Füßen sitzen sehen. Aber es widerstrebt mir ebenso, daß in Ihre kleinen, feinen Ohren überaus rüde Bekenntnisse hineinerzählt werden. Sie sollten als störrische Lutheranerin die Ohrenbeichte ablehnen. Sprächen nicht ernste Gründe dagegen, so wäre ich längst in die Erscheinung getreten. Es dünkt mich unritterlich, daß ich die kleine Gitti allein im Walde der Schwierigkeiten Bäume fällen lasse. Und meine ernsten Gründe sind schließlich nur – Eitelkeiten … Kleine Gitti, was habe ich prophezeit? Jeder würde Ihnen sein Kleinzeug vor die Türe legen. Und die Regenschirmbase hebt getreulich auf und meint, es kommt vom lieben Gott. Und dünkt sich wunder wie alt und verständig, und sollte doch von Rechts wegen unter Vormundschaft kommen.

Der Enterbte.«

25.

Ich habe heute einen schweren Gang hinter mir. War bei Geses Vater, dem Schmied. Der Mann ist wie von Sinnen. Nicht zornig oder wüst, nicht schimpfend oder aufbegehrend. Er stiert nur vor sich hin und arbeitet nicht. – All seinen Jähzorn hat er wohl bereits an seiner Tochter ausgelassen, wie die furchtbaren Male an ihrem Körper ausweisen. Nun ist er wie versteint. Die Mutter aber scheint Schande und Leid der Tochter ganz vergessen zu haben und sieht nur ihren Mann. Und die Angst um ihn, um seine Starrheit schaut herzzerreißend aus ihren bangen Augen. Sie fragt ihn um hundert Dinge und bekommt nie eine Antwort. Ist dann schon wieder erfinderisch bemüht, seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken. Während ich dort war, kam Baron Ellers mit seinem prachtvollen Gespann, von dem ihm wahrscheinlich kein Hufeisen mehr gehört. Und Schmied Tönnings, der es sich sonst nicht nehmen läßt, die Guts- und Hofbesitzer der Umgegend allein zu bedienen, rührte sich nicht von seinem Stuhl und überließ es ganz seiner Frau, ob sie den vornehmen Kunden vom Gesellen bedienen lassen wolle. Als der Feierabend eingetreten war und ich keine Störung mehr befürchtete, setzte ich mich ganz nahe zum Vater Schmied hin und sprach eindringlich, aber ganz ruhig über Geses Unglück.

Und da brach ein Zorn los, so allgewaltig, daß das Haus schier erzitterte, und der Schmerz, das fressende Leid eines in seiner Ehre verletzten Mannes, des angesehensten im ganzen Dorfe, bebte durch diesen furchtbaren Zorn. –

Ich habe nichts ausgerichtet.

Sein Haus soll die Tochter nicht wieder betreten, und er hat mich nicht gefragt, wo sie dann bleibt. Und die Mutter sah an mir vorbei, sah nur ihren Mann.

Sind das noch Eltern? Haben sie wirklich einst das Kindlein in Liebe empfangen, geboren und gehegt? Und sind jetzt nur grausame Härte und Mißachtung? Was geht in ihren Seelen vor? In welchem Versteck kauert die Liebe, die alles glaubt, alles hofft, alles duldet? Die langmütig ist und nicht das Ihre sucht? Lange saß ich und grübelte über das Wesen der »Größten« nach. Wie hat sie die Herzen der Menschenkinder in dem kleinen Dörflein Lage zusammengerüttelt! Wie mag Frau Rika gelitten haben! Und in welcher Form lebt die Liebe in des jungen Försters Brust? Kann sie auch feige machen? Daß er der wilden, schönen, üppigen Gese treulos wurde und sich die sanfte, feingebildete Rika in sein Haus nahm? Und doch nicht leben konnte ohne die begehrende Art der Schmiedstochter?

Die alte Eva läuft in Ängsten umher. Wir finden Gese Tönnings nicht, – sie ist nach dem Bescheid, daß sie nicht ins Elternhaus zurückkehren dürfe, nicht aufzufinden. Ich selbst bin ruhig. Gese ist zu lebensbejahend, um einen jähen Abschluß zu machen. Aber sie hat den lodernden Zorn von ihrem Vater geerbt und wird ihn wohl im Lager Busch herumtragen. Die Zuneigung zu Klein Erika war nur ein Flackerfeuer. Es ist das Kind der »anderen«, die sich zwischen sie und den Geliebten stellte; Gese Tönnings scheint in ihrer Not und Zerfahrenheit völlig vergessen zu haben, daß sie sich bei mir für das Kind verpflichtete. Es schlummert drüben in seinen Kissen und ahnt nichts von den Kämpfen und Irrungen um sich herum. Die es doch so nahe angehen. –

Ritter Lage schreibt: »Nun kann die kleine Gitti zeigen, ob sie Schneid hat. Feine, linde Frauenhände besitzt sie, das weiß ich. Aber jetzt gibt es weniger Wunden zu verbinden, als sturre Trotzköpfe zu zwingen und Feiglinge an ihre Pflicht zu mahnen.

Patronin von Lage, werde hart!

Im Laufe des Tages wird der Bursche Nordstamm bei Ihnen anklopfen, der Sünder, der sein häßliches Geheimnis so außerordentlich schlangenklug vor Deutschland und Holland zu wahren wußte, und den nur sein eigen Weib durchschaute. Arme kleine Rika! – Regenschirmbase, gehen Sie tapfer durch all den Schmutz und all das Leid hindurch, und lassen Sie sich Ihre leuchtenden Blauaugen nicht verdunkeln. Wir alle brauchen dies ›Licht im grauen Alltag‹.

Der Enterbte.«

O ich glaube wohl, daß ich Schneid genug in mir habe. Der half mir über das widerliche Gefühl der tiefen Abneigung hinweg, das in mir aufstand, als Förster Nordstamm mir gemeldet wurde. Dann schlug es jäh in Mitleid um. Denn ich bin ja eine Frau, die Menschen und Tiere nicht leiden sehen kann. Und wie ein erbarmungslos durch Busch und Dorn gehetztes Wild sah der Jägersmann aus. Stoßweise, gequält gab er mir seinen Bericht. Der Schmied hatte ihm aufgelauert. Mit einer Peitsche war er über ihn hergefallen. Eine breite, rote Spur zog sich quer über sein blasses Gesicht.

»Ich bin geschändet,« stöhnte er, »ich kann mich nie wieder vor jemand blicken lassen.«

»Nicht _mehr_ geschändet, als Gese Tönnings und ihre Eltern«, sagte ich laut.

Da schlug er beide Hände vor sein Gesicht. »Warum hat man sie mir nicht vor vier Jahren gegeben?« klang es verbissen. »Da sollte die Gese zu gering für die Erbförsterei sein. Meine Mutter hat’s nicht gelitten, die Rika mußte es werden. Da ist die Gese leichtsinnig geworden, hat’s trotzdem mit mir gehalten. Schlecht ist sie nicht, – schlecht nicht. Gnädiges Fräulein haben es selbst gesehen, daß sie das Kleine von meiner Frau gehegt hat. Und wenn ich mir nicht das Leben genommen hab’, als meine Frau starb, und ich mir sagen mußte, ich hab’ sie auf dem Gewissen, so ist mir die Gese in den Arm gefallen, als ich das Gewehr losdrücken wollte …«

»Toben Sie nicht so«, wies ich ihn zurecht, denn seine Stimme war immer lauter geworden. »Es ist viel Schuld und Wirrnis gekommen, – doch es kann wohl geschlichtet werden. Aber trauen Sie wirklich der Gese Tönnings zu, daß sie der Erbförsterei wohl ansteht?«

»Der Erbförsterei!« sagte er verbittert. »Dem Begriff ist schon mancher von meiner Sippe geopfert worden. Viel Glück ist da nicht gesehen worden in dem Hause. Und als ich’s hineinbringen wollte, da schloß man die Tür vor ihm zu.«

»Wenn Sie meinen, daß Gese Tönnings dies Glück ist, so will ich Ihnen helfen«, sagte ich fest. »Ihr Kind soll im Vaterhause geboren werden.«

»Das leidet mein Vater nicht, und nicht der Schmied.«

»Das wollen wir sehen.« Ich stand auf, und Förster Nordstamm tat desgleichen. Er sah unschlüssig zu mir herüber, aber die Hand konnte ich ihm nicht reichen, ich legte sie fest in die Falten meines Kleides. Da wandte er sich und ging langsamen, schweren Schrittes durch den Park dem Walde zu. – Ich setzte mich wieder still in den großen Ohrenstuhl und faltete die Hände über meinen Knien. Es ward eine Stunde der tiefsten Einkehr in mich selbst. –

So stark wie nie zuvor mußte ich meiner Eltern gedenken, meiner Mutter Pauline, die so ganz Liebe war und doch gar keine Überschwenglichkeiten kannte. Und meines Vaters, der wiederum die ganze Welt mit einer großen, nachsichtigen, verstehenden Liebe umfaßte, »himmelhoch jauchzend« und »zum Tode betrübt« sein konnte und über allem nie die große Linie vergaß. An seiner starken Hand führte er mich allem Schönen entgegen, zeigte mir jede kunstvolle Pflanze, jede prächtige Rose, die im großen Gewächshause der Welt aufblühte, und ließ mich doch auch an keinem Wiesenkräutlein vorbeigehen, das meiner Entwicklung von Nutzen sein konnte. Und seine köstlichen Gedanken und Wahrsprüche, erlesen und erlebt, die er meinem Verständnis nahebrachte! Die mir alle nur den einen Weg zur inneren Ruhe wiesen, den Weg der _Liebe_. – Den Weg, den die Erde nicht kennt, _nur_ die Liebe.

Auch das rechtfühlende Herz suchte er in mir schlagen zu lassen. Er pries es als den Mittelpunkt der ganzen Welt und meinte, daß vor der Echtheit eines solchen rechten Fühlens sich das Weltgeschehen ordne. –

In all dieses Versenken meiner eigenen Seele in tiefe, besinnliche Stille schrillte das Glöcklein von Haus Lage und brachte mir einen Besuch.

Madame Oswald war es, die so gut in den Urväterhausrat von Lage paßt. Wenn sie mit ihrem weißen, stillen Gesicht und den mütterlichen Augen im alten Ohrenstuhl sitzt, wirkt sie recht wie ein Bild des Friedens.

Heute freilich nicht. Heute war sie voll Unrast, und diese teilte sich mir so stark mit, daß ich allen guten Gedanken Valet geben mußte und recht aufgeregt und zwiespältig wurde. Nicht so, nicht so. Ich kann da nicht folgen. Ich vermag es nicht, eine so schwerwiegende Frage wie meine Verheiratung in Hast zu erledigen. Ich kenne die Liebe nicht, und glaube es der alten Frau, daß so tiefe Achtung und ein so großes Vertrauen, wie ich es Pastor Oswald entgegenbringe, wohl Gründe sein können, auf denen man ein Haus ohne Reue aufbaut. Aber etwas erwartungsvoller müßte doch mein Herz schlagen, wenn wirklich das Glück geschritten käme. Ich freue mich gewiß, wenn ich Oswald begegne, habe eine schöne Sicherheit, wenn er neben mir schreitet, oder mir gegenüber sitzt, und auch ein bewunderndes Gefühl für seine überlegene Geistigkeit. –

Genügt dies schon? Wie werte ich jenes andere, das Himmelhochjauchzende, Zumtodebetrübte, das die Dichter Glück nennen? Oder sind wir überhaupt nicht zum Glück geboren, sondern nur zur Pflicht? Und ist stärkste Pflichterfüllung zugleich höchstes Glück?

Ich konnte Madame Oswald keine befriedigende, abschließende Antwort geben. Auch hielt mich ein leises Befremden davon zurück. Daß Pastor Konrad Oswald nicht selbst um mich warb, sondern die Mutter schickte. Ist das Hamburger Sitte? Aber wir beiden Hauptbeteiligten sind nicht mehr so jung, daß wir Vertreter brauchten. Gewiß ist alles gut gemeint, aber ich vermisse das Unmittelbare. Können sich zwei gereifte Menschen nicht auch ein ehrliches Nein sagen? Es hätte ja auch nicht unbedingt ein Nein sein müssen. Ich bin nur nicht für die Hast eines raschen Verlöbnisses. Nicht nur das Ziel ist schön, auch der Weg zum Ziele. – Er muß tausend Wunder bergen, und die Prinzessin Ohnearg aus dem Hause Weißnichts bedarf ihrer. Bedarf eines langen, langen Wanderweges bis zur leuchtenden Wunderlampe. Aber ich glaube nicht, daß Pastor Oswald mir diesen Weg zeigen kann. Vielleicht müßte ich ihn an irgendeiner Wegecke stehenlassen und einsam und befreit weiterwandern …

In seiner alten Mutter war ein Drängen, das seltsam von ihrer beherrschten Vornehmheit abstach und ihr das Ausgeglichene nahm, das mich sonst so entzückt hatte. So schieden wir beide unfroh voneinander, und hätten uns doch gern in Fried und Freude festgehalten. Ich sah der feinen Gestalt, die mit dem Schwebeschritt der Krinolinenzeit dahinwippte, lange nach. Eine sorgende, sorgliche Mutter ging von mir, – und ich bin elternlos. – –