Der graue Alltag und sein Licht

Part 5

Chapter 53,749 wordsPublic domain

Kurz vor dem Abendbrot erschien noch ganz unerwarteter Besuch, der im Ruhestand lebende Pastor Külpers. – Er war mir in seiner steifen Zugeknöpftheit, die er zu Anfang zeigte, aber noch angenehmer, als in der väterlich bevormundenden Art, die er im Laufe des Gespräches herauskehrte. Würde eine liebe, alte Pfarrfrau in weißem Haar, bekannt und vertraut mit allen Familien, Tugenden und Untugenden meines Dorfes, mir Ratschläge gegeben haben, ich würde sie ohne Vorbehalt dankbar annehmen. Aber diesem lehrhaften Tone des alten Herrn gegenüber, der mit messerscharfer Unduldsamkeit jegliches Tun und Lassen seiner Mitmenschen, Vorgänger und Nachfahren kritisierte, ließ mich aufmucken. –

Es hat bis jetzt noch nichts Gnade vor seinen Augen gefunden, was ich getan, angeordnet und unterlassen habe, aber ganz besonders mein Nichtbeachten der verschiedenen Konfessionen in meinem Dörflein scheint ihm bitteres Unbehagen zu schaffen.

»Sie haben es sich gewiß gar nicht überlegt, gnädiges Fräulein, was für böses Blut es machen muß, wenn Sie in Ihr protestantisches Haus, dem die brave, fromme Eva vorsteht« … »Meinem Hause stehe ich vor«, warf ich ein. Er beachtete es gar nicht … »nicht nur einen streng katholischen Verwandten dauernd aufnahmen, sondern auch, wie ich heute zu meinem schmerzlichen Bedauern sah, der leichtfertigen Tochter des gleichfalls katholischen Schmiedes Tönnings Einlaß gewährten. Überhaupt würde ich vermeiden, anrüchige Personen zu besuchen, wie z. B. die Korb-Sina.«

»Da bin ich anderer Meinung,« widersprach ich, »ich habe tiefes Erbarmen mit Maria Dörping, der Enkelin, sie trägt schwer an dem Verfemtsein ihrer Großmutter.«

Der Pfarrer lächelte mild über meinen Eifer. »Sie sind noch stürmend jung, gnädiges Fräulein, es ist die Pflicht alter Leute, Sie auf mancherlei Gerede aufmerksam zu machen, das sich über Ihrem Kopf zusammenzieht …«

»Mancherlei Gerede ist Klatsch«, sagte ich mit eisiger Abwehr.

»Da ist z. B. die Clemenskapelle drinnen im sogenannten Holländer Wald, ich bin nie dort gewesen trotz meiner langjährigen Tätigkeit hier, – man hat Sie gesehen, wie Sie mit einem Ölkrüglein die ewige Lampe füllten, – Sie sind Protestantin …«

Ich stand so rasch und ungestüm auf, daß mein Stuhl umfiel.

Und blieb stehen und sah den alten Mann an, ganz fest, und ganz schweigend. Hier ist also meine Achillesferse …

Und dann hörte ich, wie die Tür hinter ihm ins Schloß klappte.

Ritter Lage schreibt: »Tat’s weh, kleine Regenschirmbase? Ja, das ist nun so echt Lage. Aber nun nicht gleich denken, daß aller Schmelz von dem Bilde fort ist, das sich das phantasievolle Geschöpfchen so nett zurechtgemalt hatte. Es ist richtiger, wenn Sie etwas nüchterner werden. Vielleicht hat auch der Herr Pfarrer in manchem recht. Wer zu großen Dingen auf dem Wege ist, soll sich nicht mit kleinen aufhalten. Den Nadelstich mit der Clemenskapelle lassen Sie sich nur gefallen. Ich wußte es gleich, daß dieser rührende Liebesdienst, den die Protestantin dem Heiligen erwies, einen Sturm im Wasserglase verursachen würde. So etwas versteht niemand, nicht einmal ich. Denn wir gehen gewöhnlich im Trott und im ausgefahrenen Gleise. Aber ich kannte und verehrte Vetter Ernst Lage. Nur er konnte einen solchen Außenseiter zur Tochter haben, – Sie können aber jetzt ganz unbesorgt und folglich streng zurückhaltend sein. Ich werde die Lampe nie mehr verlassen, noch versäumen. Warum wollen Sie den Lagern Ursache geben, ›ihr Maul dreinzuhängen‹, wie die Bibel sagt? Sie wissen ja auch, daß sich Flecke am schärfsten von weißem Grunde abheben. Kleines weißes Bähschäfchen! Wieviel Wolle wird man Ihnen noch ausrupfen! – Zum Schluß noch gute Ratschläge: Seien Sie ein wenig strenger mit Ohm Matthias und ein wenig netter mit der alten Eva, sie verdient es um Sie.

Der Enterbte.«

War ich nicht gut mit dir, alte Eva?

Wer ist schuld an dem Mißtrauen, das ich dir seit einiger Zeit entgegenbringe?

Als ich es Eva beinahe abbittend sagte, fing sie an, bitterlich zu weinen. Aber meinen drängenden Fragen setzt sie doch Schweigen entgegen. So will ich nun eben gut mit ihr sein …

17.

Das Zimmer, darinnen Tante Jesuliebe gearbeitet und geschafft hat, und darin sie nach hartem Kampfe auch gestorben ist, habe auch ich mir zur Wohn- und Arbeitsstätte erkoren. Der riesengroße, ovale Tisch darin ist wohl eigentlich ein Eßtisch gewesen, aber die Verstorbene hat ihn als Schreibtisch benutzt, und ich tue desgleichen. Man kann die eingehenden Schreibereien übersichtlich darauf ordnen, man kann an verschiedenen Stellen daran schreiben, ohne nur ein Blatt von dem zu verschieben, was sonst auf dem Tische ruht, und sowohl das Juchtenbuch, als auch der ehrenfeste Foliant, den man kaum aufheben kann ob seiner Schwere, haben darauf Platz. »Mit Gott, Brigitte Lage, zünd an!« …

Als ich heute durch den Ahnensaal schritt, war mir’s, als schaue das Bild von Jesuliebe Lage mich an. Es pflegt eigentlich über den Kopf des Beschauers hinweg zu sehen; der Maler hat diese Eigentümlichkeit der Verstorbenen, deren ich mich wohl erinnere, ganz vorzüglich herausgeholt und dargestellt. Aber sie sah mich wahrhaft heute an mit gutem Blick.

Hab’ ich ihren Wunsch denn schon erfüllt? Bin ich auf dem Wege dazu?

In Tante Jesuliebes Zimmer kommen mir Erkenntnisse. Sitze ich in dem runden Sessel am Schreibtisch, in dem ich schier versinke, so wird mir alles übersichtlich in Kopf und Herz, was mir vorher ungeordnet schien. Vielfach verknotete Dinge entwirren sich, in dunkle Wege fallen Lichtstrahlen, Hindernisse lassen sich übersteigen.

Die Fäden vieler Menschenschicksale laufen hier in Haus Lage zuhauf. Muhme Jesuliebe hat angefangen, sie zu einer Webkette zusammenzuscheren. Ihr Wille und Werk blieb unvollendet.

Entriß ihr der Tod das Handwerkszeug?

Ich glaube das nicht.

Denn als sie die Worte niederschrieb: »Zünd an, Brigitte!«, da erwählte sie mich klaren Geistes zur Vollenderin ihres begonnenen Werkes. Und erst nach Monaten traf sie der lähmende Schlag, dem bald der harte Tod folgte. Aus der drängenden Bitte der Toten klingt es wie Jammer zu mir herüber.

Klage über ihre Unfähigkeit?

Wie kann ich dies beschämende, herabsetzende Wort mit Muhme Jesuliebes Klugheit und Arbeitswillen paaren? Wird es mir, der jungen, so viel minderen Nachfahrin, gelingen, die zusammengeschorenen Lebensschicksale zu einem festen Gewebe zu vereinen?

Wie nennt sich das bindende Edelmaterial für den starken Einschlag? Herrgott, ich fühl’s, es verlohnt sich kein Suchen, denn nach der _Liebe_, und ich brauche nichts zu wissen, was mich die Liebe nicht lehrt. –

18.

Bin noch gar nicht wieder in meinen Märchenwald gekommen. Gerade weil es mich mit Allgewalt zu ihm hin- und in ihn hineinzieht, nehme ich mich an die Kandare. Über mich befehlen soll nur die Arbeit. Es ist wohl die feste Mauer, um die ich gebetet habe. Sie hat sich wie ein Gürtel rings um Lage gelegt. Und wohin ich nur schaue, gibt es Arbeit zu überwältigen, zu der sich außer meinen eigenen nicht allzu viele willige Hände ausstrecken. Immer wieder gehe ich auf die Suche. Maria Dörping und Gese Tönnings habe ich mir verpflichtet. Diese beiden Gegenfüßler, von denen die eine das leichtsinnige Heim mit der übelbeleumundeten Großmutter adeln, und die andere den ihr eigenen leichtsinnigen Ton in das strenge, ehrbare Gefüge des Elternhauses hineinsingen will. Die beiden verschieden gearteten Mädchen haben kein gutes Einvernehmen und arbeiten widerwillig miteinander. Maria Dörping sagt nichts, aber sie »blickt«. Ihre ernsten Augen fragen unablässig: »Warum verflachst und verhudelst du dir dein eigenes Leben?« Diese fragenden Augen reizen Gese Tönnings, und sie bricht den Streit vom Zaun, der aber höchst einseitig geführt wird.

So habe ich den beiden verschiedene Arbeitsfelder zugewiesen; Maria hat für die Vormittage einen Kindergarten übernommen und besucht und sammelt am Nachmittage die Lahmen und Siechen, bis das Haus auf der sonnigen Wiese fertig sein wird, das beide Trüppchen aufnehmen soll. »Im Auftrage des Ritter Lage« erschien ein Architekt bei mir, der mir Baupläne unterbreitete, zu denen ich nur freudig ja und amen sagen konnte. Es wird ein reizendes Haus. Einstöckig, langgestreckt. Mit zwei gleichen, hochgewölbten Eingangspforten, über denen je ein Spruch gemeißelt wird. Für die Siechen: »Auf, nimm dein Bett und wandle!« Und für die Kleinen: »Lasset die Kindlein zu mir kommen!«

Zwei helle große Dielen enthält das Haus, darinnen die Siechen rasten und die Kindlein rennen sollen, wenn schlechtes Wetter den Aufenthalt im Garten und Wald verbietet; hohe, luftige, helle Zimmer bergen die Betten und Möbel. Auch einen Andachtsraum mit einem schönen Harmonium sollen meine Pflegebefohlenen haben, der wird das Schönste im ganzen Hause werden. Denn ~ora~ steht vor ~labora~. –

Die leichtherzige, fröhliche, leichtlebige, leichtsinnige Gese Tönnings habe ich für Haus Lage verpflichtet. Sie versteht sich gut mit meiner alten Eva. Ob diese ihr gute Lehren gibt, die von Gese angenommen werden, oder ob sich Eva aller Einmischung enthält und Geses Tüchtigkeit als Kinderpflegerin anerkennt, entzieht sich meiner Beurteilung. Die beiden arbeiten jedenfalls Hand in Hand, und Klein Erika gedeiht.

Auch der junge Förster Nordstamm erwacht langsam wieder zum Leben und besucht das Kind hie und da. Im Gegensatz dazu hat sich der Großvater Nordstamm grollend zurückgezogen und wirkt mehr und mehr wie ein knorriger Eichbaum, den man nächstens in den Märchenwald verpflanzen kann. Wunderliche Lebewesen hat unser Herrgott um mich herumgestellt, aber ich habe sie alle liebgewonnen, weil sie mir soviel geben. Oder weil ich ihnen soviel geben darf? Ich fühle eine Quelle in mir, die immer stärker strömt, je mehr man davon trinkt. »Solch Spendegold erschöpft sich nicht.«

Mein neuer Bechsteinflügel ist angekommen. Es ist das einzige, von dem ich fühle, daß ich es außer der Arbeit haben _muß_.

Mit Beethoven habe ich das köstliche Instrument eingeweiht. Die Fenster hatte ich weit geöffnet, und in die stille Mondnacht hinein klang und sang das Adagio aus der 2. Symphonie.

»Still sank der Abendsonne Gold Hinunter an des Himmels Zelt. Im Abendfrieden süß und hold Ruht um mich her nun Wald und Feld.

O wohnte doch im Herzen drein So süßer Friede für und für; Mein Gott, laß mich dein eigen sein, Den Frieden find’ ich nur bei dir.«

Diese schlichten Worte sind den Tönen untergelegt … Die Fledermäuse der Ruine müssen gelauscht und mein Spiel hinterbracht haben, auch müssen sie die 2. Symphonie und ihre Geschichte kennen.

Ritter Lage schreibt: »O wohnte doch im Herzen drein so süßer Friede für und für …

Regenschirmbase, hilf mir!

Der Enterbte.«

19.

Wie auf gut geölten Rollen läuft mein Haushalt. Wenn hie und da ein Ruck eintritt, ein Signal ertönt, das scheinbar gebieterisch »Halt« verlangt, so sind dann Ohm Matthias und Tante Fernande die Ursache. – Beide haben noch manchmal ihren Koller. Sie sind zu verschieden, und ihre Gegensätze berühren sich durchaus nicht.

Trotz der gänzlichen Verarmung ist das »Spitalweibchen« doch immer die Freiin Lage geblieben. Und jetzt in den Kleidern der Muhme Jesuliebe, die in ungeahnter Fülle die Schränke zierten, und die ich Tante Fernande überließ, sieht sie wirklich vornehm aus. Sie verkörpert recht das ~ancien régime~ in Lage, ist überhaupt nicht mit dem frischen Wind einverstanden, der durch mein Regiment weht, das sie demokratisch nennt. Ich kann die vielen, schwerseidenen Staatskleider gar nicht in Einklang mit Muhme Jesuliebes Aufzug und Anzug in Erfurt bringen. Vor zehn Jahren hätte man sie als Vogelscheuche in die Erfurter Gemüsefelder stellen können, und jetzt sitzt Tante Fernande in den ererbten Sachen wie eine Fürstin da.

Ohm Matthias dagegen ist recht verwildert, um nicht zu sagen verwahrlost, sowohl in seiner Kleidung, als auch in seinen Worten. – Er ist nie Soldat gewesen und ohne jede Straffheit und Disziplin. Sein Umgang mit Frauen hat sich wohl nur auf ungebildete Hauswirtinnen beschränkt. Jetzt murrt er leise und schimpft laut über die Bevorzugung der Tante Fernande. Denn die Männerbeinkleider, die Muhme Jesuliebe unter ihrem Frauenrock trug, und die ich ihm bereitwillig zur Verfügung stellte, passen ihm nicht. Er hat sich unter der Pflege von Haus Lage ein kleines Bäuchlein angemästet, und Muhme Jesuliebe war dürr wie die sieben mageren Jahre.

Nun redet er des öfteren von »Kleiderhaken«, »Bohnenstangen« und »Plattformen«, was Tante Fernande aufs höchste anwidert. Sie wirft dann die Schachfiguren mit unnachahmlicher Grandezza zusammen, schreitet hoch erhobenen Hauptes hinaus, und ihre steife Seidenschleppe rauscht und raschelt hinter ihr drein. Dann bleibt der höchst ärgerliche, unkultivierte Hausgenosse für den Rest des Abends mir allein überlassen. Das ist eine große Schattenseite unseres Zusammenlebens. Es wird mir schwer, ihn in Schach zu halten. Ich bin scheu und hilflos seiner Art gegenüber. Außerdem hat mir von Anfang an die mir anerzogene Ehrerbietung vor dem Alter die Waffen, die sonst wohl eine Frau gebraucht, aus der Hand gewunden. Und doch widerstrebt es mir, ihn einfach sitzen zu lassen und wie Tante Fernande hoheitsvoll aus dem Zimmer zu schreiten. Denn dann ist mir’s, als wollte er das gerade so haben, damit er sich richtig rekeln könnte. Er pflegt dann die Beine auf die Sofalehne zu legen, den Kragen abzutun, einen abscheulichen Knaster zu rauchen und auf den Teppich zu spucken. Überdies liegt mir die Mahnung unablässig in den Ohren: »Seien Sie etwas strenger mit Ohm Matthias.« So habe ich also gestern abend versucht, streng zu sein. Dem war ein geradezu schrecklicher, aufregender Nachmittag vorhergegangen. Klein Erika fieberte wieder etwas, und ich wollte bei ihr bleiben, schickte deshalb Gese Tönnings nach dem Zimmer, in welchem Tante Fernande und Ohm Matthias mit dem Kaffee meiner harrten. Sie sollte mich entschuldigen und dann gleich zu meiner Hilfe zurückkehren. Statt dessen erschien sie erst nach langer Pause aufgeregt und weinend mit der Entschuldigung, der Herr Baron Matthias von Lage habe sie ungebührlich aufgehalten, und … und … und nun sei das gnädige Fräulein Fernande dazugekommen, aber schon wieder in hellem Zorne fortgelaufen, und … und … und … Genug, ich ging nun doch selbst nach oben und fand Ohm Matthias sehr gemütlich Kaffee schlürfend, was er immer in lauter, häßlicher Weise tut. Und da ich wirklich ärgerlich erregt war, und mir außerdem eine ekle Wolke häßlichen Fuselduftes entgegenschlug, so sagte ich ihm in knapper Form, wenn auch halblaut und beherrscht, daß ich mir Übergriffe gegen mein Personal energisch verbäte. Da sagte er mir denn Sachen, die mich ganz und gar in Harnisch brachten. Daß das kleine Wicht Gese nicht an dem Kusse sterben werde, den er ihr in höchst väterlicher Weise verabreicht hätte, und daß sie gewiß ganz andere Sünden zu beichten hätte.

Mir stiegen heiße, zornige Tränen auf, denn von dieser allerhäßlichsten Seite hatte ich den Ohm noch gar nicht kennengelernt. Wie widerlich war es mir, den alten Mann so reden zu hören. Als ich ihm das sagte, schleuderte er mir laut an den Kopf, daß der Teufel alt sei, aber nicht er, Freiherr von Lage, und daß es gar nicht ausgeschlossen sei, daß er noch einmal eine junge Frau nach Lage brächte … »Im übrigen, meine liebe Nichte Brigitte,« schloß er seine entsetzliche Philippika, »wer im Glashause sitzt, soll bekanntlich nicht mit Steinen werfen; und wer, wie du, den jungen Pastor Oswald toll gemacht hat, also daß er neulich in seiner Verfassung ein kleines Mädchen ›Heinrich‹ getauft hat …«

Er lachte so laut und dröhnend zu seiner greulichen Bemerkung, daß er sich verschluckte und wiederholt aus einer kleinen, versteckten Flasche nachtrinken mußte, um nicht zu ersticken. Und dann wollte er mich streicheln, aber er stolperte über den Teppich und mußte sich setzen, wobei er mir zurief, ich sollte nicht »so’n verfluchtes Gesicht« ziehen, wir seien doch die besten Freunde …

In diesem Augenblicke trat die alte Eva ein; o wie liebte ich ihr runzliges Gesicht und ihre ernsten Augen. Wie eine Mutter nahm sie mich bei der Hand und führte mich die Treppe hinauf in mein Arbeitszimmer. –

20.

Es ist nicht so häßlich und niederdrückend, was böswillige Menschen sagen, als daß dies Böswillige haftet und belastet und einen kraftvollen Baum, der das innige Bestreben hat, hinauf ins Licht zu wachsen, wie eine Schmarotzerpflanze umschlingt und im Wachstum aufhält. Aber Pastor Oswald …

Er ist’s wohl wert, daß man sich länger mit ihm beschäftigt. Er hält sich seit einiger Zeit von Haus Lage fern; oder von mir? Warum muß sich immer zwischen zwei junge Freunde jenes andere drängen …? Könnten wir beide nicht Schulter an Schulter arbeiten, zwei gute Kameraden, die _nur_ das Wohl der Pfarrkinder des Dorfes im Auge haben?

Warum muß ich durch mein Verhalten ihm weh tun? Ich weiß, daß er nur um Brigitte Lage wirbt. Mein »Drumherum«, das schiert ihn nicht. Er selbst gibt bei Kollekten die größten Summen, größer sogar als der reiche Holländer Ritter Lage. Denn Pastor Oswald gibt mit eigener Hand und weiß, wo es jedesmal besonders not tut, und Ritter Lage läßt seinen Verwalter bestimmen, der immer die gleiche hohe Ziffer ausfüllt. Um nicht zu sagen, Pastor Oswald gibt mit dem Herzen und Ritter Lage mit dem Verstand. Das sagte ich auch heute der alten Eva. Da hob sie freilich erschrocken abwehrend die Hand. Sie ist über jede Kritik persönlich beleidigt, die man an den »Besten von allen Lages« legt.

Pastor Oswald hat mir neulich seine alte Mutter angemeldet. Sie will auf ein paar Tage von Hamburg her den Sohn besuchen. Ihr Bild, das eine unendlich gütige, vornehme alte Frau zeigt, steht auf seinem altmodischen Spinett …

»Sie werden meine alte Mama liebgewinnen,« sagte er mir schlicht und doch sehr bestimmt, »sie ist einzig …«

Ich habe sie schon lieb. Es liegt etwas in ihren Augen, das unmittelbar zu mir spricht. Aber ihr Sohn kann mir nur Bruder sein. – Wenn er’s doch wäre! Ich habe nie einen Bruder gehabt und sehne mich oft nach solch einem natürlichen Beschützer.

Ohm Matthias habe ich noch nicht wiedergesehen. Er erscheint nicht einmal zu den gemeinsamen Mahlzeiten. Zuerst bin ich schweigend über dies eigenartige Verhalten hinweggegangen, habe auch nicht nach ihm geschickt. Heute fragte ich aber doch die Eva, ob sie ihm das Mahl auf sein Zimmer bringe. Sie schüttelte abweisend ihr graues Haupt. Tante Fernande aber bisse sich lieber die Zunge ab, als daß sie mich nach dem ungeschliffenen Gesellen fragen würde. Und wenn sie etwas von ihm wüßte, so erführe ich’s doch nicht von ihr. Ich komme mir wieder einmal im eigenen Hause recht wie »Mamsell Niemand« vor. –

Ritter Lage schreibt: »Mein Herz habe ich ganz und gar abgeschafft, es hält nur auf, Verstand ist besser. Bis jetzt riet ich ja der verehrten Regenschirmbase immer gut, und sie ist im großen ganzen folgsam gewesen. Wenn ich es auch unangebracht fände, sie in dieser Hinsicht zuviel zu loben. – Aber Ohm Matthias ist ein so ungezogener Junge mit seinen siebenzig Jahren, daß die kleine Gitti, selbst wenn sie ›streng‹ tut, nur lächerlich wirkt.

Ich habe also den Rüpel nach Holland entführt, und nun sitzt er erst einmal fest bei mir, und ist sehr nüchtern geworden. Kann aber nicht sagen, daß er mir etwa in diesem Zustande besser gefällt. Mir geht wohl überhaupt jegliches Verständnis ab für adlige Müßiggänger, die sich durchs Leben gelumpt haben und nun auf dem ehrenhaften Wappenschilde der Vorfahren ausruhen. Dreimal hat sich Ohm Matthias schon mit mir schlagen wollen, aber wir sägen jetzt Holz zusammen, und da wird er hübsch zahm dabei. Sollte der alte Sünder einmal von Holland herüberwechseln, so bitte ich Sie, ihn ganz unbeachtet zu lassen, ja, ich verlange das wieder ganz einfach von Ihnen. Weil das weiße Mähschäfchen noch weltdümmer ist, als die kleine Gitti im Märchen, und es einem heiß und kalt wird, wenn man zusieht, mit was für Gelichter sie sich umgibt. Es wird diesmal ein Schreibebrief von der Dicke des ehrenfesten Folianten auf Ihrem Schreibtisch. Unverantwortlich ist’s, was Sie mir für Sorgen und für Schreiberei machen. – Also wie ich oben sehr richtig bemerkte, ich habe das Herz abgeschafft und würde Ihnen _auch_ dazu raten, wenn Sie dann nicht einfach umfielen und mausetot wären, Sie ›Herz‹ schlechthin. Aber etwas muß ich Ihnen abgewöhnen, und das ist die Sentimentalität. Etwas ganz Abscheuliches. Wenn Sie die nicht abtöten, dann werden Sie schließlich noch Frau Pastor Oswald. Ein elender und aufreizender Gedanke für mich. Warum? Weil Sie gar nicht zu ihm passen, weil er Sie teilweise dreidoppelt überragt mit seinem umfassenden Wissen und teilweise wieder gar nicht an die dumme kleine Gitti heranreicht. Und weil der gute Mann gar kein Leben mit Ihnen aushielte, sondern ich ihn wahrscheinlich nach 2–3 Jahren, vielleicht auch schon eher, von einer meiner Eichen abschneiden müßte, denn auf Ihrem Grund und Boden würde er sich schon aus lauter Wohlerzogenheit nicht aufhängen.

Aber nun kommt seine Mutter. Und ihr Anblick wird die Rührseligkeit der Regenschirmbase ins Ungemessene steigern. Die alte Dame ist die verkörperte gute Kinderstube. Ganz ›Hamborgerin‹. Sie trägt eine schneeweiße Fladduse auf dem Kopf, aus welcher liebliche Korkzieherlöckchen hervorquellen. Und sie hat schwarze, sprechende, kluge Augen. Und ist eine ganz ›süße‹ alte Frau. Und sie wird Sie ›mein Töchterchen‹ nennen, und das ist bitter.

Sie sind just das, was sie sich für ihren Konrad wünscht. ›Konrad, sprach die Frau Mama.‹ Um Gottes willen, Gitti, haben Sie Erbarmen mit dem Gottesmann. Winken Sie ab, ehe es zu spät ist. Denken Sie nicht einen Augenblick, daß er an Ihrem Nein zugrunde geht, bloß weil er sich jetzt etwas in die Einsamkeit begeben hat.

Sie brauchen keinen Wanderkameraden, Gitti, Sie brauchen einen _Mitflieger_. Sie würden ja immer schon auf dem Hausschornstein sitzen, wenn der arme Pastor noch nach seinem Bratenrock suchte, um auszugehen. Herrgott, wie würde mir der Mann leid tun, der Sie kriegte. Ich meine natürlich einen Nichtflieger.

Wenn Sie sich nun gehörig über mich geärgert und fest beschlossen haben, mich nie kennenzulernen, kommen Sie schleunigst zu mir nach Holland und helfen Sie mir und Ohm Matthias Holz sägen. Das macht sanft.

Der Enterbte.«

21.

Heute habe ich Frau Oswald aus Hamburg meinen Besuch gemacht. Sie schickte ein Mädchen zu mir herüber, das sie wohl aus Hamburg mitbrachte; denn die schwarzen Kleider mit den schneeigen Kragen und Manschetten, den Stickereischürzen und den getollten Kopfhäubchen, von denen lange Bänder niederhängen, kennt man hier nicht. Sie knickste zierlich und meldete mir, daß »Madame Oswald« ihres hohen Alters wegen noch lange ruhen müsse, ehe sie es wagen dürfe, herauszugehen, und daß sie mich deshalb bitten lasse, zu kommen …

Ja, sie war sehr lieb und gut, die alte Dame, aus innerer Herzensgüte heraus, und alles gefällt mir an ihr. Sie nannte mich auch »mein Töchterchen«, und das klang lieb und vertraut. Wie lange hat mich niemand so genannt! – Und die vornehme Art, die fein beherrschten Formen erinnerten mich an meine Mutter. Ich will recht unbefangen zu ihr sein, will mich durch nichts, auch nicht durch gelbe Büttenpapiere, die von irgendwoher zu mir fliegen, beeinflussen lassen. Es ist nichts Berechnendes an der alten Dame. Man sieht sofort, daß sie ein reiches, ruhiges Leben gelebt hat, nach ihrem eigenen Willen, ein Leben der feinen Arbeit, des schönen Ausruhens, ihre dunklen Augen haben nur Kultur gesehen. – In ihrem stattlichen Sohne, der aus innerer Überzeugung einen schweren Beruf wählte, der ihn in herbe Schlichtheit führte, da er ihn doch auf reiche besonnte Höhe hätte heben können, sieht sie wohl das Sinnbild edler Männlichkeit. Wenn sie mich also für würdig erachtet, an seine Seite zu treten, so muß mich das ehren. Und wir könnten für das Dorf ein Segen werden …