Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten
Part 21
Ich stellte bei ihm mehrere Widersprüche fest und noch mehr Lügen. Jemand verlangte von ihm 4000 Gulden zurück, die er in Schwabach oder Umgegend aus der Zeit seines dortigen Aufenthaltes noch schuldig ist. Er machte ihm weis, daß er sie aus dem Erlös eines Wechselbriefes von 4000 Rubeln bezahlen würde, den er mir zum Verkauf übergeben hätte. Diese Lüge hat er sich in der Zeit geleistet, wo er mich beschwor, ihm durch ein Darlehen aus der Verlegenheit zu helfen.
Kann ein Weiser lügen? Gegenwärtig soll es mit seinen Finanzen besser stehen; er hat einen Leichtgläubigeren gefunden, mit dem er beim Goldmachen ist.
Ich hoffe, Eure Hoheit werden diese vielen Worte entschuldigen, aber ich glaubte, Ihnen meine Ansicht über diesen Sonderling nicht verhehlen zu sollen.
+Nachschrift.+ Soeben übersendet mir Saint-Germain den beifolgenden Brief für Eure Hoheit[458].
Bischoffwerder[459] an Prinz Friedrich August
Elsterwerda, 25. März 1777.
Ich gestehe, daß ich zu wenig aufgeklärt bin, um ein Urteil über einen Mann wie Herrn von Saint-Germain zu haben. Aber ich will Ihnen gehorchen und Ihnen frei meine Gedanken über den Brief des Bruders Dubosc[460] und den des Grafen Welldone[458] aussprechen.
Obwohl man von jenem sagen kann: _Ecce vere Israelita, in quo dolus non est_[461], glaube ich doch (aus Erfahrung), daß er in seinem Urteil über sehr achtbare Personen recht vorschnell ist. Der Vorwurf einer Lüge bedarf stichhaltiger Beweise; zudem muß er wissen, daß die größten Kenntnisse mit Armut sehr wohl vereinbar, ja bisweilen (durch das Gesetz) von ihr nicht zu trennen sind. Man kann ungeheure Schätze austeilen und doch davor zurückscheuen, eine sehr mäßige Summe aus Laune auszugeben. Der Bruder Dubosc muß aus den Berichten aller, die Herrn von Saint-Germain seit lange kennen, doch wohl wissen, daß er oft in die Lage gekommen ist, sich Geld zu borgen, aber daß er es durch Anweisung beträchtlicher Summen stets ehrlich zurückgezahlt hat. Kurz, es macht den Eindruck, als ob der Bruder Dubosc durch das Darlehnsgesuch des Grafen von Welldone verblüfft worden ist und in diesem Augenblick alles in falschem Licht gesehen hat.
Andrerseits ist der Brief des Grafen Welldone nicht anders, als man von einem Kenner des =T=[462] erwarten kann. Ich sehe daher nicht die mindeste Gefahr darin, daß Sie seine Bekanntschaft machen, zumal wenn Sie, wie ich überzeugt bin, nichts verlangen, was mit der Moral und mit dem Berufe[463], zu dem er sich in seinem Briefe bekennt, nicht völlig im Einklang steht, und wenn Sie die Anknüpfung besonderer Beziehungen bis zu dem Zeitpunkt hinausschieben werden, den er Ihnen angibt und den die Guten zum Ruhm Gottes herbeiwünschen.
Frölich[464] an Prinz Friedrich August
Görlitz, 28. März 1777.
Von Saint-Germain werden Ihro Durchlaucht in der Maurerei keine Aufschlüsse bekommen. Dieser Mann ist in Leipzig eine geraume Zeit unter dem Namen _Sieur Welldone_ gewesen. Ich habe bei Dubosc mit ihm gegessen. Ich kenne ihn sehr speziell. Dieser _Sieur Welldone_ ist kein Maurer; er ist auch kein Magus, auch kein Theosoph. Seine Rolle wird in Leipzig traurig ablaufen, wenn er nicht einen gutherzigen Freund kürzlich gefunden, der ihm Geld vorschießt. Ich melde solches Ihrer Durchlaucht als Maurer, damit (er), wenn er nach Berlin kommt, sich nicht auf eben diese Weise zu _remboursieren_ sucht.
Dubosc an Prinz Friedrich August
Leipzig, 2. April 1777.
Da Eure Hoheit anscheinend Interesse an dem angeblichen Grafen Saint-Germain nehmen und ihn sogar mit der Einladung nach Berlin beehrt haben, halte ich mich für verpflichtet, Eurer Hoheit zu berichten, was nach und nach über die Vorgeschichte dieses rätselhaften Mannes zutage kommt. Wie man sagt, ist er in Frankreich geboren, von niederer Herkunft und soll ein Handwerk gelernt haben. Folgendes weiß ich aber positiv von einem meiner Freunde, einem verdienstvollen Mann, einem Schweizer Offizier, Namens Hotz, der als Oberstleutnant in der Garde des russischen Großfürsten steht[465] und zur Zeit in Familienangelegenheiten hier weilt. Wie er mir versichert, hat er unseren Saint-Germain unterwegs in Rußland getroffen, wie er traurig zu Fuß des Weges zog. Wegen eines Fußschadens schleppte er sich nur mühsam weiter. Voll Mitleid ließ ihn der Offizier in seinen Wagen steigen. Er muß in Moskau oder Umgegend ein Fabrikunternehmen gehabt haben, das aber nicht gehen wollte. Er hatte das Glück, den Grafen Orlow[466] kennen zu lernen, mit dem er eine Weile chemische Versuche anstellte, aber schließlich hatte der Graf diese fruchtlose und kostspielige Arbeit satt und entließ ihn. Von den Wohltaten dieses Herrn hat er lange Zeit sein Leben gefristet. Seitdem hat er sich in mehreren Gegenden Deutschlands herumgetrieben, wie die Schulden beweisen, die er namentlich in der Gegend von Schwabach gemacht hat. Hier ging sogar ein von ihm ausgestellter und nicht bezahlter Wechselbrief eines Ansbacher Juden in Höhe von 20000 Gulden ein.
Gegenwärtig erfahre ich, daß er den Brief Eurer Hoheit[467] überall herumzeigt und zum Lesen gibt. Er erzählt jedermann, man bestürme ihn allerorten, zu kommen und der Welt seine erhabenen Kenntnisse nicht vorzuenthalten. So spielt er einen gegen den anderen aus. Verzeihen Eure Hoheit, daß ich solche Geschichten berichte. Aber sie tragen dazu bei, den Betrüger zu entlarven. Ich wollte schließen, vergaß aber noch eine bezeichnende Anekdote. Gestern war ich in einem Hause, in dem ein Ring gezeigt wurde, den er einem seiner hiesigen Beschützer geschenkt hat. Es war ein ziemlich großer gelber Stein, der Feuer besaß. Als er ihn verschenkte, betonte er, daß es ein gelber Diamant sei, und schätzte ihn auf mindestens 1000 Taler. Ein anwesender Juwelier und großer Kenner prüfte den Ring und sagte: „Ei gewiß, dieser Stein kann wohl acht Groschen wert sein.“ Das scheint mir ein recht charakteristischer Zug für ihn.
Bischoffwerder an Prinz Friedrich August
5. April 1777.
Alles, was ich bezüglich des Grafen Welldone hinzufügen kann, ist, daß er nicht P[rior] Cler[icorum] ist, und daß ich Ihnen trotz der Beweise seines Wissens nicht anraten möchte, ihm Briefe zu schreiben, die nicht öffentlich gezeigt werden können. Eine kurze Unterredung mit den Maurern, die ich in Leipzig antreffen werde, soll dies Geheimnis lichten.
Dubosc an Prinz Friedrich August
Leipzig, 12. April 1777.
Auf Befehl Eurer Hoheit will ich mit dem angeblichen Saint-Germain sprechen. Hoffentlich macht meine Vorhaltung mehr Eindruck, als ich erwarte. Der Mann weiß sich nicht besser ins Licht zu setzen, als dadurch, daß er mit geheimnisvoller Miene Briefe vorzeigt, deren Inhalt einen hohen Begriff von ihm geben kann. Derart gelingt es ihm, für einen Wundermann zu gelten.
Hat man recht viele Anekdoten aus seinem Leben gehört und vergleicht man sie miteinander, so kommt man allmählich hinter seine Schliche. Ich möchte jetzt wetten, daß er jüdischer Abstammung ist. Er ist eine Weile in einer Kattunfabrik in Moskau gewesen, weil er Farben herstellt, worin er nach seiner Behauptung große Kenntnisse besitzt. Da er sich dort nicht zu halten vermochte, scheint das Gegenteil bewiesen. Hält man diesen Umstand mit der Zeit seiner Reise nach Rußland zusammen, so ergibt sich, daß es derselbe Fremde ist, mit dem einer meiner Freunde[468], ein höchst kenntnisreicher Mann, die Reise nach Moskau teilweise gemacht hat. Das stimmt sowohl mit der Zeit, wie mit den Talenten, deren er sich rühmte, und der Schilderung, die mein Freund von ihm gemacht hat. Hier erzählt er immerfort, er sei am russischen Hofe wohlbekannt und sehr beliebt und habe dort eine große Rolle gespielt. Das alles beweist zum mindesten, daß er stark aufschneidet.
Gestern unterhielt ich mich sehr lange mit einem meiner Freunde, einem großen Steinschneider, der auf alles, was darauf Bezug hat, sehr erpicht ist. Er kennt unseren Sonderling gut, weiß über ihn Bescheid und hat sich nach seinem Geheimverfahren zur Herstellung wie zur Verbesserung von Edelsteinen erkundigt. Wie er mir beteuerte, kann Saint-Germain keine Edelsteine herstellen noch fehlerhafte Diamanten verbessern und vervollkommnen. Das Verfahren, dessen er sich rühmt, kann sich höchstens auf Topase oder Halbedelsteine beziehen; er hat einen Versuch mit braunen Topasen gemacht, und zwar mit Erfolg; sie sind ganz weiß geworden. Mein Freund hat den Versuch mit Diamanten mehrfach wiederholt, aber vergeblich; das Mittel blieb völlig wirkungslos.
Die einzigen Steine, die Saint-Germain besitzt und die er sehr hoch veranschlagt, stammen aus einem Bergwerk, das er in Rußland entdeckt hat und das er nach seiner Behauptung ausbeuten darf. Er macht erstaunlichen Lärm darüber und möchte den Leuten weismachen, daß sich daraus ein sehr ertragreicher Handelszweig machen ließe. Man hat ihm jedoch bewiesen, daß dazu keine Aussicht ist; denn diese Steine bestehen aus einer Kristallart, die zwar sehr hart ist, aber weit unter den Topasen steht, da sie weder deren Schönheit noch Glanz haben. Sie sind wie die Kieselsteine, die man bei uns und anderswo findet.
Es ist sehr wohl möglich, daß Herr von Sagramoso[469] ihn in Florenz, Pisa und Venedig gesehen hat, denn er hat sich tatsächlich in Italien herumgetrieben. Aber bei aller schuldigen Hochachtung vor der Einsicht des Herrn von Sagramoso kann ich nicht so günstig von ihm denken wie dieser. Sonst müßte er sich seither gewaltig verändert haben. Aber warum soll ein Mensch sich zum Schlechteren verändern? Auf diese Weise behauptet man weder seinen Ruf noch erwirbt man Anhänger. Ich bleibe also bei meiner Ansicht: Er ist einschmeichelnd, geschmeidig, er redet allen nach dem Munde, aber wehe dem, der auf ihn hereinfällt! Graf Orlow kann ein Lied davon singen[470]. Ob Saint-Germain schon einmal in Dresden war, bezweifle ich; niemand hat ihn dort gesehen. Er redet von so vielen Städten, aber von Dresden sagt er kein Wort. Auch hier muß ich mich über Herrn von Sagramoso wundern.
Saint-Germain ist noch hier; er hat sich nicht gerührt. Graf Marcolini, der eigens hergekommen ist, um mit ihm zu sprechen und ihn nach Dresden mitzunehmen[471], falls er mit ihm zufrieden wäre, ist schleunigst wieder abgereist und hat ihn hier gelassen. Das beweist nicht gerade, daß er befriedigt war. Trotzdem muß Herr von Sagramoso, der den Grafen Marcolini begleitete, von Saint-Germain eine hohe Meinung gehabt haben. Dieser lebt hier weiter im Dunkeln und macht einige Bekanntschaften, aber es dauert nie lange; man überwirft sich sehr bald mit ihm.
Herzog Karl von Kurland[472] an Prinz Friedrich August
Dresden, 22. April 1777.
Bruder B[ischoffwerder] ist diese Nacht nach Leipzig abgereist, wo er rechnet, die Bekanntschaft des seltsamen Mannes zu machen, der sich seit einigen Monaten in Leipzig aufhält und über dessen Kenntnisse wir noch im unklaren sind.
Bischoffwerder an Prinz Friedrich August
Dresden, 2. Mai 1777.
Eure Hoheit werden durch den Bruder Decker die Gründe erfahren haben, aus denen Graf _Welldone_ Ihren Brief gezeigt hat[473].
Frölich an Prinz Friedrich August
Görlitz, 7. Mai 1777.
Saint-Germain befindet sich noch in Leipzig, und man ist immer weniger attent auf ihn, da alle Hoffnung wegfällt, daß er nur im geringsten in der Maurerei Kenntnis hat.
Saint-Germain an Prinz Friedrich August[474]
Leipzig, 8. Mai 1777.
Eure Hoheit wollen gestatten, daß ich Ihnen mein Herz öffne. Es blutet, seit der Herr Rat Dubosc mir in einer für mich peinlichen Form die Befehle zukommen ließ, mit denen Sie ihn seiner Angabe zufolge beehrt haben. Sie galten aber sicherlich nicht mir. Herr Baron von Wurmb[475] und Herr Baron von Bischoffwerder werden stets für mich rühmliches Zeugnis ablegen, daß mein Schritt voller Berechtigung und Redlichkeit war, daß meine Ehrerbietung und meine eifrige und treue Hingabe, die ich für alle Zeit Eurer Hoheit gelobt habe, ihn mir unumgänglich geboten, obwohl ich zunächst voll Zartgefühl meinen Beweggrund verschweigen wollte. Nach Möglichkeit will ich hier die Abwicklung meiner ebenso wichtigen wie unerläßlichen Geschäfte beschleunigen, um alsbald die unaussprechliche Freude zu haben, Ihnen meine Aufwartung zu machen. Unvergleichlicher Fürst, wenn ich erst die Ehre habe, Ihnen genau bekannt zu sein, verspreche ich mir von Ihrer Gerechtigkeit und Ihrem Scharfblick zuversichtlich alles, was mir zukommt und was mir, da von Ihnen kommend, lieb und wert sein wird. Ich bin aus Pflicht, Neigung und ehrerbietiger, treuer Hingebung Eurer Hoheit ehrerbietigster und gehorsamster Diener
Graf _Welldone_.
Minister von Wurmb[476] an Prinz Friedrich August
Dresden, 19. Mai 1777.
Ich habe meinen vierzehntägigen Aufenthalt in Leipzig benutzt, um dem berühmten Saint-Germain, der sich jetzt Graf _Welldone_ nennt, den Puls zu fühlen. Auf meine Bitte ist er sogar auf einige Zeit hergekommen. Da er, wie ich weiß, es einigen nachträgt, daß sie ihn durchaus zum Wundermann machen wollten, habe ich das Gegenteil getan und ihn als gewöhnlichen Menschen behandelt, dessen chemische und physikalische Kenntnisse meine Neugier erregt haben.
Ich fand einen Mann von 60 bis 70 Jahren, sehr lebhaft für sein Alter. Er spottet über die, welche ihm ein außerordentliches Alter zuschreiben. Er macht zwar keineswegs den Eindruck eines Neugeborenen, hat aber bei seiner geregelten Lebensweise und den guten Medizinen, die er angeblich besitzt, starken Anspruch darauf, noch lange zu leben. Trotz alledem sieht er äußerlich nicht so aus, als ob er es noch lange triebe. Man kann nicht leugnen, daß er schöne Kenntnisse besitzt. Ich werde mit ihm an einigen Artikeln der Färberei und der Verarbeitung von Wolle und Leinen arbeiten, um zu sehen, ob sich für unsere Manufakturen etwas herausschlagen läßt. Was mir mißfällt, ist, daß er oft von Millionen spricht, während er weit entfernt ist, darüber zu verfügen, und anscheinend nicht einmal Gold zu machen versteht.
Nachdem ich sein Vertrauen gewonnen hatte, brachte ich das Gespräch auf die Freimaurerei. Ohne Eifer noch selbst besondere Aufmerksamkeit für die Sache gestand er mir, er sei im vierten Grade, entsänne sich aber der Zeichen nicht mehr. Daher konnte ich nicht näher mit ihm darauf eingehen; denn er bewies durch nichts irgendwelche Kenntnisse des Systems der strikten Observanz. Schließlich bekundete er selbst Neugier über die Angelegenheit Schrepfers[477], und als ich ihm so viel davon sagte, als ich sagen konnte, tischte er mir eine Geschichte auf, die ihm in Paris begegnet war. Dort hatten eine Gesellschaft von etwa 200 Personen, an deren Spitze der blöde Herzog von Bouillon stand, und ein paar Damen, die für das System des Grafen Gabalis[478] schwärmten, seine Bekanntschaft zu machen gesucht, weil sie ihn für einen Oberen hielten. Aus alledem glaube ich zu schließen, daß er entweder sich sehr verstellt oder keiner der Unsrigen ist. Letzteres halte ich für wahrscheinlicher, zumal er in Dingen der Religion und der Philosophie ein nackter Materialist ist.
Bischoffwerder an Prinz Friedrich August
Elsterwerda, 9. Juli 1777.
Graf _Welldone_ ist tatsächlich keiner der Unsrigen. Aber wenn er wirkliche Geheimnisse besitzt, so bin ich im Besitz des wichtigsten. Obgleich es gegen alle Regeln der Wahrscheinlichkeit ist:
1. daß die Sache überhaupt möglich ist,
2. daß ich zum Träger eines so reichen Arkanums bestimmt bin,
3. daß ich es als Novize empfangen habe, will ich doch mein Urteil von heute ab auf 14 Tage hinausschieben, wo kein Zweifel über die Sache mehr möglich sein wird. Nur Ihnen vertraue ich es an und werde ich sagen, was daran ist. Wäre es wohl eine Prüfung neuer Art? Denn es scheint mir bedenklich, daß ein so kostbares Arkanum mir durch die Hand eines Laien, eines Atheisten, angeboten wird.
Elsterwerda, 16. September 1777.
Die Versuche, die ich mit den mir von Saint-Germain mitgeteilten Geheimverfahren angestellt habe, sind von erstaunlicher Wirkung. Stets unter der mindesten Bedingung meines Ehrenwortes, zu schweigen; ich begreife bis heute nicht, warum ich ihr Träger geworden bin.
SAINT-GERMAIN IN BERLIN[479]
I
Aus den „Erinnerungen“ Thiébaults[480]
Ein ungewöhnlicher Mann, in der Welt als Graf Saint-Germain bekannt, kam nach Berlin und blieb dort über ein Jahr. Der Abbé Pernety[481] besuchte ihn als Adept sofort und erzählte uns Wunderdinge von ihm.
Der Graf war ein Greis, dessen Alter und Heimat unbekannt war. Er war indes noch sehr rüstig, obgleich etwas beleibt. Wie man sagte, besaß er das Geheimnis, Gold zu machen, ja sogar Diamanten. Er lebte -- was weit wichtiger ist -- seit ich weiß nicht wieviel hundert Jahren. Er war der ewige Jude, etwas ganz Wunderbares, zumal er alle europäischen Sprachen beherrschte. Saint-Germain nahm ein paar Zimmer in einem der ersten Gasthöfe Berlins. Er lebte dort sehr zurückgezogen, hatte zwei Diener und einen Mietswagen, der den ganzen Tag vor der Tür stand. Er bezahlte ihn gut, benutzte ihn aber nie.
Der alte Freiherr von Knyphausen[482] besuchte ihn sogleich als alten Bekannten und lud ihn dringend ein, bei ihm zu speisen. „Gern,“ sagte Saint-Germain, „aber nur, wenn Sie mir Ihren Wagen schicken. Ich kann keine Mietswagen brauchen; sie hängen zu schlecht in den Riemen.“ Bemerkenswert ist, daß der Unbekannte den Freiherrn immer nur „mein Sohn“ anredete.
Die Prinzessin Amalie[483] wollte ihn sehen, und er stellte sich pünktlich ein. Sie fragte ihn, aus welchem Lande er sei.
„Ich bin aus einem Lande,“ entgegnete er, „das nie Ausländer zu Herrschern gehabt hat.“
In dieser geschickten, rätselhaften Art beantwortete er alle Fragen Ihrer Königlichen Hoheit, die zuletzt ganz sprachlos war und ihn verabschiedete, ohne etwas von ihm erfahren zu haben.
Auch Frau du Troussel[484] wollte ihn sehen. Der Abbé Pernety spielte den Vermittler bei dieser Staatsaktion, und eines Abends kam der Graf zu ihr und speiste bei ihr. Man brachte das Gespräch auf den Stein der Weisen. Er bemerkte jedoch nur, die, welche sich damit beschäftigten, begingen zumeist eine wunderliche Torheit, indem sie nur das Feuer als Hauptelement in Anwendung brächten. Sie bedächten aber nicht, daß das Feuer auflöst und zerteilt und daß es somit widersinnig sei, mit Feuer zu arbeiten, wo es sich um eine neue Zusammensetzung handle. Hierüber redete er lang und breit und ging dann zu alltäglicheren Dingen über.
Er hatte feine, durchgeistigte Züge; man sah ihm den Mann aus guter Familie und von guter Erziehung an. Er soll der Lehrmeister des berüchtigten Cagliostro gewesen sein[485], der bekanntlich in Paris den Kardinal von Rohan[486] und so viele andere zum besten gehabt hat. Aber der Schüler konnte sich in keiner Weise mit dem Lehrer messen. Hat sich dieser doch bis zu seinem Tode ohne irgendein peinliches Abenteuer behauptet, wogegen der dreistere Cagliostro oft alles aufs Spiel gesetzt und seine Laufbahn in den Kerkern der römischen Inquisition beschlossen hat, ein trauriges, aber viel zu mildes Schicksal.
Die Geschichte des Grafen Saint-Germain zeigt einen klügeren und vorsichtigeren Abenteurer und nichts, was gegen die Ehre im eigentlichen Sinne verstößt. Nichts ist unredlich, alles wunderbar, nirgends Niedertracht und Ärgernis. Wenn es wahr ist, daß er Damen, die bei dem Trauerspiel „Mariamne“ weinten, gesagt hat: „Wie wäre es erst, meine Damen, hätten Sie sie wie ich gekannt, hätten Sie gesehen, wie liebenswürdig, reizvoll und schön sie war[487]!“ -- wenn es wahr ist, daß er vom Leiden Jesu Christi gesagt hat: „Es war seine eigene Schuld; ich hatte es ihm vorhergesagt, daß er ein schlimmes Ende nehmen würde, wenn er seine Ziele nicht änderte“, -- so sind das lächerliche Redensarten, aber im Sinne der Gesellschaftsordnung keine Verbrechen.
Als jener seltsame Mann in Berlin weilte, wagte ich eines Tages, mit dem französischen Gesandten, Herrn von Pons Saint-Maurice[488], über ihn zu reden. Insbesondere drückte ich mein Erstaunen über seine besonderen, nahen Beziehungen zu hochstehenden Personen aus, z. B. zum Kardinal de Bernis[489], von dem er vertrauliche Briefe aus der Zeit haben sollte, wo dieser Minister des Auswärtigen war. Der Gesandte ließ sich darüber nicht aus, brachte dann aber Mutmaßungen vor, die recht wahrscheinlich klangen.
„Ich nehme an,“ sagte er zu mir, „daß ein wirklich eigenartiger Mensch den Entschluß faßt, sich ein außerordentliches Schicksal zu zimmern und in der Welt eine Rolle zu spielen, die Erstaunen und allgemeines Aufsehen erregt. Ich nehme an, daß dieser Mann, einzig von dieser Vorstellung beherrscht und sich ihr ganz widmend, Geist besitzt, Kenntnisse erwirbt, auf alle Umstände ein scharfes Augenmerk hat und noch mehr Beharrlichkeit in der Ausführung seines Planes zeigt. Ich nehme besonders an, daß er seine Absichten in den Schleier tiefster Verschwiegenheit zu hüllen versteht und daß es ihm im Bedarfsfalle nie an Geistesgegenwart und Geschmeidigkeit fehlt. Ich nehme schließlich an, daß er ein beträchtliches Vermögen geerbt oder erworben hat, etwa 20000 Franken festes Einkommen. Wie wird ein solcher Mann sich nun benehmen? Er wird weder von seinem Alter noch von seiner Heimat, Familie und Person offen sprechen; er wird sich in den tiefsten Schleier des Geheimnisses hüllen, seine Einkünfte für ein paar Jahre zurücklegen und dadurch ein Kapital erübrigen, das er sicheren und bekannten Bankhäusern anvertraut. Wenn er nach Berlin kommt, wird er seine Gelder z. B. in Leipzig haben. Ein Berliner Bankhaus wird den Auftrag erhalten, ihm 20000 Franken oder mehr auszuzahlen. Er wird sie abheben und sie an ein Bankhaus in Hamburg senden, das sie ihm dann zurückschickt. Das gleiche Spiel wird er mit einigen Frankfurter Bankhäusern und in anderen Städten spielen; aber es wird stets das gleiche Kapital sein, bei dem er nur einige Prozente verliert, und er wird seinen Zweck erreichen; denn man erfährt, daß er allwöchentlich beträchtliche Summen von überall erhält, und wird nicht erfahren, was er damit macht, zumal wenn er wenig ausgibt und sich auf keinerlei Geschäfte einläßt. Alle anderen Wunderdinge, die man von solchen rätselhaften Unbekannten erzählt, lassen sich ebenso leicht natürlich erklären, wie die Gelder, die der Graf Saint-Germain so häufig erhält, obwohl er so wenig ausgibt.“
II
Aus Zimmermanns „Fragmenten über Friedrich den Großen“[490]
Madame du Troussel[491] hatte Zufälle, die man in Berlin für unheilbar hielt; deswegen begab sie sich in die Kur des berühmten Grafen von Saint-Germain. Dieser heilte sie aus dem Grunde, und sie zeigte jedermann einen Stein von der Größe eines Hühnereies, der ihr von Saint-Germain abgetrieben sei. Dennoch war das Berlinische Publikum argwöhnisch genug, zu glauben, was auch höchstwahrscheinlich ist: Saint-Germain habe sie bloß von einem Nachlasse ihrer Liebe für den schändlichen Bischof von Breslau[492] geheilt. Zwei Jahre nachher starb diese nicht unberühmte Berlinische Dame an einem hitzigen Fieber.
III
Graf Saint-Germain[493]
Dieser vor zwei Jahren im Dänisch-Holsteinischen verstorbene Abenteurer war ein würdiges Gegenstück des verstorbenen Grafen Cagliostro[494]. Auch er fand Bewunderer und Anhänger in Menge, und in welchem Tone ward er bewundert! Eben itzt bekomme ich einen großen Kupferstich[495] zu Gesichte, worin er mit einer unbedeutenden vornehmen Hofmannsmiene in einem prachtvollen Pelzkleide zu sehen ist, und worunter höchst merkwürdige Verse stehen, die mir eine Anzeige zu verdienen scheinen, um die Denkungsart solcher Menschen bekannt zu machen, die sich nicht schämen, von Zeit zu Zeit dergleichen Dinge in die Welt zu streuen.