Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten

Part 20

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Seine Äußerungen über seine Persönlichkeit, die ich selbst gehört habe, sind voller Eitelkeit und Hochmut. Verschiedene Unterhaltungen, die ich mit ihm hatte, seine Komplimente, die er urteilslos und wahllos an jeden verschwendet, und die lebhaften, ernstlichen Debatten, in die er sich leicht einläßt, bestimmen mich zu folgendem Urteil. Er ist ein hochbegabter Mann mit sehr regem Geiste, aber völlig urteilslos, und seinen eigenartigen Ruf hat er nur durch die niedrigste und gemeinste Schmeichelei erlangt, deren ein Mensch fähig ist, sowie durch seine hervorragende Redegabe, zumal wenn man sich durch den Eifer und die Begeisterung hinreißen läßt, mit der er sich auszudrücken versteht und die auf schwache Gemüter stets Eindruck macht. Dazu ist seine Redeweise mit allerlei oberflächlichen Kenntnissen und Tatsachen verbrämt, die er auf seinen Reisen gesammelt hat. Da sie aber in einem so wenig klaren Kopfe wie dem seinen schlecht geordnet sind, wird daraus ein dauerndes wirres Gerede, sobald er aus seinem Hohlkopf neue Gedanken entwickeln will. Maßlose Eitelkeit ist die Triebfeder, die den ganzen Mechanismus in Bewegung setzt, und diese Eitelkeit muß volle Befriedigung finden, wenn er von jüdischer Abstammung ist, wie die Leute behaupten, die ihn am besten zu kennen glauben. Denn es ist sicher erwiesen, daß er lediglich wegen seiner Gauklerkünste Eingang in die Häuser der Großen findet und von vielen mit stummer Bewunderung, die an Verehrung grenzt, als ein neuer Prophet angesehen wird.

Sein Alter -- er ist nahezu 70 Jahre -- und seine zahlreichen Reisen, die er in Europa, an den Küsten Afrikas, in Ägypten und Kleinasien gemacht haben will, haben seinen Kopf mit zahlreichen Anekdoten und vielen, vielleicht sehr oberflächlichen Handelsprojekten erfüllt. Dadurch ist er auch in Gesellschaft anregend und unterhaltend, solange er bloß erzählt. Sobald er aber eigene Gedanken entwickeln will, zeigt sich seine ganze Schwäche. Denn dann gerät er mit dem gesunden Verstand und mit den klar bewiesenen Grundbegriffen in Widerstreit. Aber wehe dem, der ihm zu widersprechen wagt! Dann kennt er keine Grenzen mehr, speit Feuer und Flamme und redet mit einer Begeisterung, daß man Angst bekommen könnte. Ja, dann geht er so weit, Bannflüche gegen jeden Zweifler an seinem System zu schleudern, obwohl dies System sich selbst widerlegt und in Widersprüche verwickelt. Wenn aber trotzdem jemand den Mut hat, ihm die Stirn zu bieten, nicht an seine Lehren zu glauben und sie mit Gründen zu bekämpfen, erwählt er das klügere Teil und schweigt still.

Wer ihn so reden hört, ist stets geneigt, sich für seinen engsten Vertrauten zu halten. Allerdings fühlt man sich etwas gedemütigt, wenn man bemerkt, daß die Zahl seiner Vertrauten mit der Zahl seiner Bekannten in gleichem Maße wächst. Seine Schmeichelei erschöpft alles, was die ausschweifendste Phantasie zu ersinnen vermag. Ich sah Leute darüber erröten, die sonst nicht gerade an Bescheidenheit leiden. Um E. M. nicht durch Wiederholung all seiner platten Schmeicheleien zu ermüden, will ich als einziges Beispiel dafür anführen, daß er mir vertraulich versichert hat, ich spräche wie eine Perle des Orients, ein Ausdruck, den er besonders betonte.

Er spricht fließend französisch, aber Kenner versichern, daß er dabei viele fremdartige Wendungen einfließen läßt. Auch beweisen zahlreiche Briefe, die er an hiesige Damen gerichtet hat, daß er die Gabe hat, Ausdrücke zu prägen, die der Französischen Akademie gewiß noch unbekannt sind.

Er nennt sich Fürst _Rakoczy_, und zum Beweise seines besonderen Vertrauens sagte er mir noch, er hätte zwei Brüder[438], die aber so niedrig dächten und so wenig hohen Sinn hätten, daß sie sich ihrem elenden Lose unterwürfen. Er dagegen habe zu einer gewissen Zeit den Namen _Saint-Germain_ angenommen, das bedeute: „der Heilige der Brüder“.

Wie er sagt, hat er fünfzehn Jahre lang einen Franzosen namens Boissy in Indien und China auf seine Kosten gehalten, um sich durch ihn alle Stoffe und Kenntnisse zu verschaffen, deren er bedurfte.

Er verachtet alle Ärzte, Arzneien und Hausmittel; trotzdem vertreibt er ein Pulver, von dem er Wunderdinge erzählt, und er selbst duftet wie eine wandelnde Apotheke.

Er hat mir eine Liste seiner Geheimmittel[439] gezeigt, aber ich sah sie nur einen Augenblick. Sie umfaßt über zwanzig Punkte, läßt sich jedoch, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, auf folgende zusammenziehen:

1. Färben von Häuten in den kräftigsten Farben.

2. Herstellung aller möglichen Farben, besonders von Weiß, in vorzüglicher Art.

3. Veredlung der minderwertigsten Häute, selbst der Schaffelle, so daß sie dreißig Jahre lang als Hängeriemen für Kutschwagen zu brauchen sind.

4. Ein Ersatzstoff für Cochenillefarbe.

5. Bleichen der Leinwand in kürzester Zeit und besser als in den Niederlanden, doch ohne den Stoff anzugreifen.

6. Veredlung von Seidenstoffen und Färbung mit den schönsten Farben.

7. Herstellung eines Lebenselixiers.

Diese Geheimmittel bestimmt er für die russische Zarin[440], für die er eine ganz besondere Zuneigung hegt. Doch sollen sie nach seiner Behauptung als Grundlage für den Handelsverkehr zwischen Sachsen und Rußland und für ihre gegenseitige politische Verbindung dienen. Beide Länder sollen durch diese Erwerbung zu vollkommenem Glück und zum Überfluß gelangen, sodaß sie sich gegenseitig nicht mehr entbehren und ohne einander nicht glücklich werden können. Gegenwärtig ist er jedoch mit Sachsen und mit dem Empfang, den er hier gefunden hat, unzufrieden, und so scheint es, als ob die Staaten E. M. an Stelle von Sachsen treten sollen, nicht bloß, um ihr Glück zu begründen, sondern auch, um das bestehende Bündnis zwischen Preußen und Rußland[441] zur Notwendigkeit zu machen und auf ewig zu besiegeln. Ich nehme an, daß dies der Hauptinhalt seines Briefes und seines Planes ist, wenigstens nach einigen Äußerungen zu schließen, die er mir darüber gemacht hat. Er ist sogar fest entschlossen, Sachsen als zu kleinen Schauplatz für einen so großen Geist wie den seinen zu verlassen, aber trotzdem wird er einige Menschen glücklich machen, die ihm als getreue Apostel anhängen. Nach seiner Behauptung hat diese Fülle von Geheimmitteln ihm Millionen gekostet, doch soll das Land, das er mit diesen Gaben beschenkt, aus ihrem Gebrauch jährlich mindestens 12 Millionen netto gewinnen, wobei er hinzufügte: „Das habe ich mir nicht erst seit gestern ausgerechnet.“ Und da er über so große Reichtümer verfügt, könne kein Herrscher ihn belohnen noch ihm ein Los bereiten, das ihn zu reizen vermöge, da er selbst ein Fürst sei.

Ich wagte ihm drei Fragen zu stellen, mit denen ich ihn in die Enge zu treiben glaubte, aber er hat sich als geschickter Gaukler aus der Klemme gezogen. Zunächst fragte ich ihn, warum er seine Blicke gerade auf Rußland gerichtet habe, um es zu beglücken, da er mir doch früher gestanden habe, er besäße ein Buch, in das er fünf Herrscher und Fürsten eingetragen habe, die er bewundere und denen er besonders zugetan sei, nämlich E. M., die Zarin von Rußland, den Kaiser[442], den König von Sardinien[443] und den Markgrafen von Baden[444]. Zweitens, warum er so spät auf seine Weltbeglückungspläne käme, da er ja so hochherzige und menschenfreundliche Gesinnungen zur Schau trüge. Drittens, ob er sein langes Leben tatsächlich der Wirkung des Lebenselixiers verdanke.

Bei jeder dieser Fragen näherte er sich mir mit geheimnisvoller Miene und versicherte mir, er müsse mir ein großes Geheimnis enthüllen. Im Grunde sagte er mir aber weiter nichts als große Worte und schwatzte so unzusammenhängendes Zeug, daß es unmöglich wäre, den Inhalt kurz anzugeben noch zu begreifen, wieso ich daraus die erwünschten Erklärungen entnehmen sollte. Nur über die letzte Frage konnte ich einigen Aufschluß erlangen. Ich hatte nämlich betont, daß, wenn sein angebliches Geheimmittel dazu verleiten könnte, an die Berichte über sein hohes Alter zu glauben, mich eine Bemerkung von ihm, die er kurz vorher gemacht hatte, daran fast irremachen könne. Denn als ich an dem besonderen Vergnügen gezweifelt hatte, das er beim Lesen von Swifts[445] Werken empfände, wofern er nicht die kleinsten Einzelheiten jener Zeit kenne, da habe er mir erwidert, er kenne sie aus sehr ausführlichen zeitgenössischen Schilderungen, die er sich zu verschaffen gewußt habe. Das wäre doch unnütz gewesen, wenn er zu jener Zeit gelebt hätte. Darauf entgegnete er nur: Diese Bemerkung widerspräche seinem Geheimmittel nicht; denn es sei sehr möglich, daß er damals für zehn bis fünfzehn Jahre zurückgezogen in einem anderen Lande gelebt hätte, z. B. in Portugal; somit müsse er sich an die Berichte von anderen halten. Zudem wäre es öffentlich bekannt, daß er oft für Jahre verschwunden gewesen sei, ohne daß man seinen Wohnsitz gekannt hätte.

Aus diesen Antworten ersehen E. M., daß er zwar nicht unumwunden ja sagte, aber doch durchblicken ließ, daß er sein Alter auf Jahrhunderte berechnet.

Oft sagte er: „Ich halte die Natur in meinen Händen, und wie Gott die Welt geschaffen hat, kann auch ich alles, was ich will, aus dem Nichts hervorzaubern.“

Eines Tages, als ich mit ihm von dem Posten des Generalkontrolleurs[446] sprach, den er, wie man sagte, erhalten sollte, versicherte er mir, er hätte diese Stellung nicht ausschlagen können, da sie ihm nie angeboten worden sei. Allerdings hätte man im Kronrat offen gesagt, zum Generalkontrolleur wäre ein Kopf wie der seine nötig. Das träfe auch zu, obgleich er als Fürst weit entfernt sei, eine Stellung anzunehmen, die von Gesindel und von Habenichtsen bekleidet worden sei.

Außer den schon aufgeführten Geheimmitteln schreibt man ihm im Publikum noch die Kunst zu, Kapwein herzustellen und Metalle und Steine zu veredeln.

Da ich mich für verpflichtet hielt, den Charakter eines Mannes, der sich an E. M. persönlich wenden will, genau zu schildern, und mir dies nicht möglich schien, ohne auf Einzelheiten einzugehen, hoffe ich auf E. M. gnädige Nachsicht, wenn ich die Grenzen überschritten habe, die die kostbare Zeit E. M. mir sonst bei meinen Berichten ziehen muß.

Nachschrift I

In diesem Augenblick bringt Graf Welldone mir persönlich die genaue Aufstellung der Geheimmittel, über die er mit E. M. selbst zu reden wünscht, um sie darauf zum Wohl Ihrer Staaten ans Licht bringen zu können. Die beifolgende Aufstellung ist von seiner eigenen Hand. Er hat sie mir für E. M. übergeben, nebst einigen auf seine Geheimmittel bezüglichen Proben. Er hat keinen Brief geschrieben, wie ich annahm, denn er befürchtete, daß die Einzelheiten, auf die er eingehen müßte, zu lang wären, und er wollte lieber in einigen Tagen selbst nach Potsdam reisen, um E. M. seine Künste zu unterbreiten, obwohl ich ihm klarzumachen suchte, daß er besser täte, hier E. M. Antwort abzuwarten.

Das Geheimmittel, über das er keine Auskunft geben will[447], betrifft die Veredlung von Edelsteinen. Allein durch diesen Gewerbszweig will er stündlich Millionenverdienste herbeiführen. Ich wiederhole lediglich, was er gesagt hat.

Nachschrift II

Obgleich Graf Welldone mir keinen Brief an E. M. in Aussicht gestellt hat, sendet er mir eben das beifolgende Kuvert, das wie ein Brief aussieht[448].

Neue Physik in Anwendung auf mehrere Handelsartikel, die ebenso wichtig wie neu sind[449]

1. Verfahren, das allen Sorten von Häuten und Leder eine bisher unbekannte Festigkeit, Güte, Schönheit, Haltbarkeit usw. gibt und besonders den Schaffellen einen wirklichen, sehr beträchtlichen Wert verleiht.

2. Verfahren zur Veredlung von Wolle, durch das diese weit mehr Haltbarkeit, Feinheit, Güte usw. erhält.

3. Verfahren zur äußersten, vollständigen Bleichung von Leinwand, Hanf, Flachs und deren Gespinsten, durchaus besser als in Harlem in Holland, ein Verfahren, das die Stoffe nicht wie dort angreift und nur kurze Zeit beansprucht.

4. Verfahren zum Waschen von Seide, durch welche die italienische Seide den allerschönsten Seiden der Welt überlegen, glänzender und stärker wird.

5. Verfahren zur Veredlung von Angoraziegenfellen, so daß man aus ihnen vorzügliche, glänzende Kamelotts herstellen kann, die nicht reißen, wie die früheren, weil das Fell bei diesem Verfahren fast seidenweich wird.

6. Verfahren zur vollständigen Bleichung und größeren Haltbarkeit von Leinwand und Baumwollgespinsten.

7. Verfahren zum Färben von Häuten und Leder in Blau, Grün, Schwarz, echtem Purpurrot, echtem Violett und feinem Grau von ganz außerordentlicher Schönheit und Güte.

8. Herstellung von unveränderlichen Malfarben in Gelb, Rot, Blau, Grün, Purpur, Violett usw. von vollendeter Schönheit und Güte.

9. Herstellung von Deckweiß in einer alle Begriffe übersteigender Güte. Die Farbe, die man umsonst zu allen Zeiten gesucht hat, bleibt stets weiß, verbindet sich mit allen guten Farben, denen man sie beimischt, verschönert und erhält sie. Kurz, dies Weiß ist ein wahres Wunder.

10. Herstellung von schwarzem Leder mit sehr reiner und sehr schöner Farbe aus Russisch Blau ohne irgendeinen anderen Zusatz. Das ergibt ein unnachahmliches schwarzes Leder von hervorragender Schönheit und Güte.

11. Herstellung von Leinwand und Hanfgespinsten in unvergleichlich reinem und glänzendem Gelb, das sich mit Seifenwasser waschen läßt und in der Luft nicht verschießt, in mehreren Schattierungen.

12. Herstellung von Baumwolltuchen und Gespinsten von vorzüglichem Gelb in mehreren Schattierungen, gut waschbar und in der Luft nicht verschießend.

13. Herstellung von Leinwand in feinem Grau, mit Seifenwasser waschbar und nicht verschießend.

14. Herstellung von Baumwollstoffen und Gespinsten in feinem Grau, mit Seifenwasser waschbar und nicht verschießend.

15. Herstellung von Leinwand, Leinen- und Hanfgespinsten in echtem Purpur, echtem Violett, echtem Rot usw., gut waschbar und durchaus nicht verschießend, in mehreren Schattierungen.

16. Herstellung von sehr feinen, sehr schönen, sehr haltbaren und ganz neuen Seidengeweben.

17. Herstellung von bunter Leinwand in ganz neuen und feinen Farben, namentlich in Grau und Schattierungen, die weder durch Säuren, noch Luft, noch Seifenwasser ausbleichen.

18. Herstellung von Silbertressen, mindestens ein Drittel billiger und viel weißer, glänzender und dauerhafter als die schönsten Lyoner Tressen.

19. Verschiedene Verfahren bei Edelmetallen, d. h. ohne Gold und Silber, die von großem Nutzen und großer Ersparnis sind und sicherlich das Erstaunen jedes guten Chemikers bilden werden, auch die ungeheuren, verderblichen Luxusausgaben verringern.

20. Herstellung eines ganz neuen Metalls, dessen Eigenschaften höchst überraschend sind.

21. Verschiedene Verfahren bei kostbaren Gegenständen, die völlig unmöglich erscheinen und sämtlich auf Verringerung der ungeheuren Luxusausgaben hinauslaufen.

22. Herstellung von Papier, Federn, Elfenbein, Knochen und gefärbtem Holz in prachtvollen, feinen und sehr schönen Farben.

23. Gute und heilsame physikalische Verfahren bei verschiedenen Weinen.

24. Herstellung von Rossoli-Likör aus Fruchtkernen usw. von vortrefflicher Qualität und zu sehr billigem Preis.

25. Herstellung anderer nützlicher Dinge, über die ich schweige.

26. Vorbeugungsmittel gegen Krankheiten und Unpäßlichkeiten aller Art usw.

27. Richtige Purgiermittel, die dem Körper nur schädliche Stoffe entziehen. _Nota bene._

28. Echte, sichere und wohltuende kosmetische Mittel.

29. Hochfeines Olivenöl, in 12 Stunden in Deutschland hergestellt.

Was die Landwirtschaft usw. betrifft, bleibt für später vorbehalten.

_L. P. T. C. von Welldone._

Über einen weiteren Punkt kann hier aus mancherlei Gründen nichts gesagt werden. Er bleibt vorbehalten usw.

Die Ausführung dieses neuen Handelsplanes kann der Staatskunst zu höchstem Nutzen gereichen und eine ganz unlösliche Verbindung zwischen gewissen Großmächten herbeiführen.

_von Welldone._

Saint-Germain an König Friedrich[450]

Dresden, 25. Juni 1777.

Sire. Von sich selbst anders zu reden als durch Taten, ist durchaus unpassend, wenn man das Glück hat, sich an einen so großen König zu wenden. Eure Majestät werden mir also die Befehle schicken, mit denen Sie mich zu beehren geruhen.

Eurer Majestät

untertänigster und gehorsamster Diener Graf _von Welldone_.

König Friedrich an Alvensleben

Potsdam, 30. Juni 1777.

Ich halte es nicht für angezeigt, dem Herrn Saint-Germain auf seinen Brief unmittelbar zu antworten. Ich ermächtige Sie daher, ihm von mir zu sagen, es stände ihm frei, hierher zu kommen, ihn aber zugleich darauf aufmerksam zu machen, man sei hier sehr ungläubig und glaubte im allgemeinen nur an Dinge, die sich handgreiflich beweisen lassen. Somit täte er gut, sich selbst zu fragen, ob er gewillt ist, seine Wissenschaft und seine Geheimmittel vorzuführen. Sonst würde er hier seine Zeit gewiß verlieren, während er sie anderswo vielleicht nützlicher anwenden könnte.

König Friedrich an die Prinzessin Wilhelmine von Oranien

(Potsdam) 30. Juni 1777.

Man droht uns mit dem Erscheinen eines Abenteurers namens Saint-Germain, der mit Projekten, alchimistischen Rezepten, medizinischen Geheimmitteln und Rezepten für den Stein der Weisen durch die Welt zieht. Ich bezweifle, daß er hier sein Glück macht.

König Friedrich an Prinz Heinrich[451]

(Potsdam) 2. Juli 1777.

Der berüchtigte Abenteurer Saint-Germain kommt hierher, um uns in seine Obhut zu nehmen. Er will unser Einkommen um 6 Millionen bereichern. Aber ich glaube, kein Mensch möchte sein Gehalt auf diese Einnahmequelle angewiesen sehen.

(Potsdam) 9. Juli 1777.

Saint-Germain ist noch nicht angelangt. Vielleicht besinnt er sich; denn ich habe ihn vor dem hier herrschenden Unglauben warnen lassen. Anbei eine Denkschrift über seine Kunstfertigkeiten, die er mir gesandt hat[452]. Könnte er Gold machen, so hätte er sich selbst damit versorgt, aber diesen alten Köder wagt er nicht auszuwerfen. Für uns besteht die einzige Kunst des Goldmachens in der Hebung von Landwirtschaft und Handel, aber auch damit kommt man nicht weit; denn die Ein- und Ausfuhrstoffe sind durch unsere Erzeugnisse und unseren Bedarf bedingt. Somit ist es klar, daß wir es bei den jetzigen Verhältnissen nicht so weit bringen werden wie Krösus und Montezuma. Man kann sehr glücklich sein, ohne von Gold zu strotzen; Seelenruhe und Frohsinn sind mehr wert als alle Schätze Perus.

Prinz Heinrich an König Friedrich

Rheinsberg, 15. Juli 1777.

Ich danke Dir, lieber Bruder, für die mir freundlich übersandte Denkschrift mit den Wundern, die Saint-Germain zu vollbringen weiß. Allerdings verheißt er viel; aber er weiß auch viel, muß umfassende Studien getrieben haben und hat stets für einen Wundermann gegolten. Daher ist wohl möglich, daß er das Geheimnis besitzt, gewisse Stoffe auszunutzen und zu vervollkommnen. Ein Versuch mit zwei bis drei von ihm vorgeschlagenen Gegenständen kann keine großen Kosten verursachen und würde, wenn er glückt, immerhin einen beträchtlichen Gewinn eintragen, zwar nicht die Schätze eines Krösus oder Montezuma, aber man kann reich, ja riesig reich sein, ohne sich mit ihnen vergleichen zu können. Den Maßstab für den Reichtum bilden die eigenen Bedürfnisse. Wer sein Genügen findet, büßt nichts von der Heiterkeit und dem Frieden seiner Seele ein, ja, er steigert sie noch, wenn er das Los der Unglücklichen und Bedürftigen zu erleichtern versteht.

III

Aus den Briefen des Kurfürsten Maximilian III. Joseph von Bayern (1727-1777)

Kurfürst Maximilian an seine Schwester, die Kurfürstin-Witwe Maria Antonia von Sachsen[453]

München, 27. März 1777.

Man sagt, bei Euch hielte sich ein Mensch auf, der 200 Jahre alt ist. Schreibe mir doch, was ist wahres daran.

München, 10. April 1777.

Wenn dieser Saint-Germain wirklich 200 Jahre zählt, ohne daß er danach aussieht, so ist er zweifellos ein Adept.

IV

Aus dem Briefwechsel des Prinzen Friedrich August von Braunschweig[454]

Dubosc[455] an Prinz Friedrich August

Leipzig, 15. März 1777.

Im Besitz des huldvollen Schreibens Eurer Hoheit[456] hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als dem angeblichen Grafen Saint-Germain den Brief[456] zu senden, mit dessen Übermittlung Eure Hoheit mich beauftragt hatten. Ich habe der Sendung eine sehr dringende Aufforderung beigefügt, gemäß den Wünschen Eurer Hoheit seine Abreise nach Berlin nicht aufzuschieben. Ich hätte ihm das mündlich und nicht schriftlich sagen müssen, aber wir haben uns entzweit, weil ich ihm gegenüber Mißtrauen für angezeigt hielt.

Nachstehend eine kurze Darstellung unserer flüchtigen Beziehungen. Nach einem rätselhaften Aufenthalt von etwa drei Monaten kam der jetzige Graf Saint-Germain, der damals unter dem Namen Graf _Welldone_ bekannt war und geflissentlich durchblicken ließ, daß dies nur ein Deckname für seinen wirklichen Namen Fürst _Rakoczy_ sei, auf den Einfall, sich mit mir anzufreunden. Ich gestehe, daß ich aus Mißtrauen über diesen Annäherungsversuch nicht so geschmeichelt war, wie ich es hätte sein sollen. Wurde er doch von einem Manne von Stand gemacht, der angeblich das höchste Wissen besaß und nach seiner Versicherung nur zur Bereicherung und Beglückung der Menschheit lebte. Heftig kämpfte in mir meine Abneigung mit dem heißen Wunsche, meine Einsicht zu vergrößern und zu berichtigen.

Unsere erste Zusammenkunft begann mit Lobeserhebungen über seine Talente und gewaltigen Leistungen in der Chemie, über die große Rolle, die er in Rußland gespielt hätte, über seine Teilnahme am Krieg im Archipel[457] (den er aber gar nicht mitgemacht hat), über seinen Beruf der Menschheitsbeglückung, über die Millionen, die er für Wohltaten ausgegeben hätte. Schließlich wandte er sich meiner Person zu, rühmte meine Kenntnisse, meine Rechtschaffenheit und viele andere Vorzüge. Höchst sonderbar! Woher wußte er das wohl? Denn er kannte mich ja gar nicht, und ich selbst erkannte mich in diesem Charakterbild nicht wieder. Darauf zeigte er mir Seidenstoffe in allen möglichen Farben, gewöhnliches Leder, aus dem Maroquin oder feines Leder von verschiedener Farbe gemacht, grobes Leinen, das in spanische Leinwand umgearbeitet war. Er sprach von seinem Geheimverfahren zur Verbesserung von Edelsteinen und von anderen unwichtigeren Geheimmitteln.

Als ich ihn verließ, war ich überrascht von seiner Zungenfertigkeit und Überredungskunst, aber keineswegs überzeugt. Wir sahen uns noch mehrere Male; jede Sitzung dauerte sieben Stunden. Ich hatte Zeit genug, um meine Zweifel zu bestärken; ich überzeugte mich, daß er keineswegs ein Adept war. Ich sah in ihm nur einen geistvollen Mann, der viel gelesen, gesehen und versucht hat, einen Mann, der ein paar Geheimmittel und verschiedene chemische Kenntnisse besaß, ohne deswegen ein methodischer Forscher geworden zu sein, kurz einen Mann ohne festes System. Ich erkannte, daß er nichts weniger als Theosoph war, daß er weit entfernt war, das unendliche All in der Gesamtheit der einzelnen Teile zu sehen oder einen rechten Begriff von der schöpferischen Ursache aus der Analyse der Schöpfung zu gewinnen.

Es schien mir, daß ein Mann, der nur auf der Welt ist, um sie zu beglücken und Schätze auszuteilen, nicht in die Lage kommen kann noch darf, daß es ihm an allem fehlt und daß er keinen Groschen hat. Ich gebe zu, daß ein Adept in der bescheidensten Weise auftreten kann, aber er ist nie in dringender Notlage; er prahlt nie mit seiner Einsicht noch seiner Herkunft. Er ist, was er sein soll: schlicht, offen und ehrlich.

Mein Roman endete schließlich, wie ich es voraussah. Er borgte mich in Erwartung seiner Reichtümer an, ich hielt es aber nicht für angezeigt, ihm etwas zu leihen. Damit endeten unsere Beziehungen.