Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten

Part 2

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Die Stellung, die er bei Hofe genoß, der Ruf eines Alchimisten, der wie eine Aureole sein Haupt umschwebte, der Glanz seines Reichtums, über den fabelhafte Gerüchte umliefen, -- all das kam zusammen, um ihm hohes Ansehen und auch politischen Einfluß zu verschaffen. Der Sturz des Generalkontrolleurs Silhouette, der die französischen Finanzen leitete, soll, so berichtet der preußische Gesandte von der Hellen[8], sein Werk gewesen sein.

Er fühlte sich ferner berufen, das wirtschaftliche Leben Frankreichs zu heben. Durch die Ausbeutung eines Geheimmittels für Farben und Farbstoffe, in dessen Besitz zu sein er vorgab, sollte dieser Plan ins Werk gesetzt werden. Es erregte daher in den weitesten Kreisen gewaltiges Aufsehen, als ihm der König für seine Arbeiten Räume in dem Schloß Chambord, dem einstigen Sitz des Marschalls von Sachsen, zur Verfügung stellte.

Ist es nach alledem verwunderlich, daß es diesem offenbaren Schoßkind Fortunas nicht an geheimen Gegnern und Neidern fehlte? Schon hatte sein Ansehen Einbuße erlitten, der Ruf seines unermeßlichen Reichtums war untergraben -- so erfahren wir von einem Augenzeugen --, da lächelte ihm noch einmal das Glück: in geheimer Mission ward er im Auftrag des Hofes zu Anfang des Jahres 1760 nach Holland entsandt.

+Die Mission des Grafen Saint-Germain im Haag+

Zum Verständnis der Rolle, die Saint-Germain im Haag spielte, müssen wir kurz den allgemeinen politischen Hintergrund zeichnen.

Seit mehreren Jahren schon währte der englisch-französische Kolonialkrieg, rangen die Mächte Europas in erbittertem Kampfe miteinander. Mancherlei Versuche, den Frieden wieder herzustellen, waren im Sande verlaufen. Immer größer wurde indessen in Frankreich das Friedensbedürfnis, aber auch in England bestand eine starke Friedenspartei. Da bot im Herbst 1759 die spanische Krone ihre Vermittlung an.

Weit bedeutsamer war der Schritt, zu dem sich im November des Jahres die englische und die preußische Regierung entschlossen. Sie erklärten sich bereit, an einen noch zu bestimmenden Ort Bevollmächtigte zur Verhandlung mit den Gegnern über die Einleitung eines allgemeinen Friedens zu senden. Prinz Ludwig von Braunschweig, der Vormund des oranischen Erbstatthalters, übernahm es, den Vertretern des feindlichen Dreibundes im Haag (Graf d’Affry, Baron Reischach und Graf Golowkin) diese Erklärung zu übermitteln. Auf dem Schlosse zu Ryswijk fand am 25. November dieser feierliche Akt statt. Darauf brachten die Generalstaaten Breda als Konferenzort in Vorschlag. Aber der Plan des Kongresses scheiterte, da die drei eingeladenen Mächte (Österreich, Frankreich und Rußland) am 3. April 1760 durch ihre Vertreter dem Prinzen Ludwig ihre Gegenerklärung abgeben ließen, daß sie ohne Zuziehung ihrer übrigen Verbündeten (Kursachsen und Schweden) sich mit Preußen auf nichts einlassen könnten.

Der Versailler Hof, der bereits mit der Londoner Regierung durch die beiderseitigen Gesandten im Haag, Graf d’Affry und General Yorke, in geheime Besprechungen eingetreten war, fügte noch die weitere Erklärung hinzu, er sei zu einem Sondervergleich mit England bereit. Das Londoner Kabinett stand vor der Frage, ob es seine Verbündeten, Preußen und die übrigen deutschen Fürsten, mit denen es Subsidienverträge abgeschlossen hatte, preisgeben sollte. Doch William Pitt, der Leiter der englischen Politik, beharrte auf ihrem Einschluß in den Frieden. So kam es auch zwischen England und Frankreich zu keiner Verständigung, und der allgemeine Krieg ging weiter.

Neben den Verhandlungen, die von den beglaubigten Vertretern der Mächte geführt wurden, liefen andere einher, die des förmlichen Charakters entbehrten. Eine Zeitlang (1759) hatte Voltaire das Amt des Mittlers zwischen Friedrich dem Großen und dem französischen Premierminister, dem Herzog von Choiseul, versehen. Im Februar 1760 war der junge Freiherr von Edelsheim als geheimer preußischer Agent nach Paris geschickt worden. Nun erschien auch Saint-Germain im Haag auf der Bildfläche, um sich die diplomatischen Sporen zu verdienen.

Um die Mitte des Februar 1760 war er in Holland angelangt, hatte zunächst in Amsterdam verweilt. Als dann Anfang März im Haag die Vermählung der Schwester des Erbstatthalters gefeiert wurde, tauchte er in Hollands Hauptstadt auf. In der Öffentlichkeit sprach er von einer Anleihe, die er für Frankreich vermitteln sollte, von der Aufgabe, die er habe, die Verpflegung der vom Mutterland abgeschnittenen französischen Kolonien sicherzustellen. Einem Freunde vertraute er an, er sei beauftragt, sich über den Gang der Friedensverhandlungen zu unterrichten. Insgeheim aber setzte er sich mit Yorke in Verbindung, um ihm Eröffnungen über einen englisch-französischen Friedensschluß zu machen.

Auf drei mächtige Gönner berief er sich: auf die Pompadour, den Kriegsminister, Marschall von Belle-Isle, von dem er zwei Briefe nebst einem Paß vorweisen konnte, und -- im Verlauf einer zweiten Unterredung -- auf den Grafen von Clermont, einen Prinzen von Geblüt, der im Jahre 1758 den Oberbefehl über die französischen Armeen in Westdeutschland geführt hatte.

Trotzdem war Saint-Germains Verhandlung ein vorzeitiges und unrühmliches Ende beschieden. Zwar wußte er den Grafen Bentinck, den er zu seinem Werkzeug ausersehen hatte, geschickt für seinen Plan zu gewinnen[9]. Aber das Schreiben, das er mit dieser Mitteilung am 11. März an die Marquise von Pompadour richtete, wurde ihm zum Verhängnis. Die Marquise stellte den Brief dem Herzog von Choiseul zu; denn Saint-Germains Version, daß dieser Brief durch „Diebstahl“ in dessen Besitz gelangt sei[10], ist nicht ernst zu nehmen. Daraufhin verbot der Herzog dem Grafen unter heftigen Drohungen jede Einmischung in die Politik. Und als er gar von Saint-Germains Eröffnungen, den Friedensschluß betreffend, erfuhr, befahl er, auf das höchste erbost, dem Botschafter Graf d’Affry, die Auslieferung des „Abenteurers“ von Holland zu fordern. Ja, am liebsten wäre ihm gewesen, hätte d’Affry ihm eine Tracht Prügel verabfolgen lassen, um den „Halunken“, der die Kreise seiner Politik zu stören wagte, vor aller Welt in Verruf zu bringen. Wenigstens sorgte er aber dafür, daß eine Mitteilung in die Zeitungen gelangte, in der Saint-Germain mit schärfsten Ausdrücken des Mißbrauchs der ihm in Frankreich gewährten Gastfreundschaft beschuldigt wurde[11]. Bevor der Botschafter seinen förmlichen Antrag bei den Generalstaaten stellte, unterbreitete er den Entwurf dazu dem Herzog. So kam es denn erst am 30. April zur Übermittelung der Denkschrift mit dem förmlichen Auslieferungsgesuch an die holländische Regierung. Diese begrub den Antrag durch seine Verweisung an Kommissionen. Überdies war er gegenstandslos geworden, da Saint-Germain beizeiten von der ihm drohenden Gefahr Wind bekommen und mit Hilfe Bentincks sich nach England geflüchtet hatte.

Aber auch hier war seines Bleibens nicht. Sofort in polizeilichen Gewahrsam genommen, wurde er nach kurzer Frist wieder abgeschoben, da die englische Regierung fürchtete, daß sein Aufenthalt in England sie Frankreich gegenüber kompromittiere. Es war von seiner Übersiedlung nach Ostfriesland die Rede, wo ihm König Friedrich unter der Bedingung Zuflucht gewähren wollte, daß er sich künftig von jedem politischen Treiben fernhielt. Allein er begab sich wiederum nach Holland, wo er Unterschlupf fand.

Man vergleiche diese Darstellung, die sich auf die Berichte der Beteiligten stützt, mit dem Bilde, das Saint-Germain in seinem späteren Briefe an Graf Lamberg von den Geschehnissen entwirft. Da sind es Lügenmärchen, die er auftischt!

Zum Schluß noch die Frage: hat Saint-Germain bei seinen Friedenseröffnungen an General Yorke im Auftrage des Hofes gehandelt? Hat Ludwig XV. hinter dem Rücken seines Premierministers, wie dieser nach Gleichens Darstellung ihm vorwirft, eigene Politik gemacht? Waren also der König und die Pompadour seine geheimen Auftraggeber? Diese Frage ist zu verneinen. Denn erstens steht es fest, daß die Pompadour es war, die den Herzog von Choiseul auf die Spur Saint-Germains setzte, indem sie ihm den Bericht überlieferte, den ihr der Graf sofort über seine politische Tätigkeit im Haag erstattet hatte. Einen zweiten Beweis liefert das Schreiben, in welchem der Marschall Belle-Isle seinem Schützling, wenn auch in schonender Form, sein Verhalten vorwirft und ihm bedeutet, daß für die Behandlung politischer Fragen der Botschafter d’Affry zuständig sei[12].

Aber, so wird man einwenden, worauf bezogen sich dann die Schreiben von Belle-Isle und Clermont, die Saint-Germain dem General Yorke gleichsam als seine Beglaubigung vorlegte? Alles spricht dafür, daß sie die 30 Millionen-Anleihe betrafen, die er für den geldbedürftigen Versailler Hof und, wie wir hinzufügen dürfen, in seinem Auftrag vermitteln sollte[13]. Über diese Anleihe hat er offenbar in Amsterdam und auch im Haag mit seinen Gastgebern, den jüdischen Bankiers, verhandelt.

So lockte ihn der politische Ehrgeiz, auf eigene Faust die Rolle des Friedensstifters zu spielen oder, wie Kauderbach schreibt, gleich einer zweiten Jungfrau von Orléans Frankreich abermals zu retten. Doch seine diplomatische Laufbahn fand ein schnelles und klägliches Ende: sein Erscheinen auf der politischen Weltbühne glich einer schillernden Seifenblase, die nach kurzem Fluge jählings zerplatzt.

+Saint-Germain in Rußland+

Die bisherige Überlieferung nimmt an, daß Saint-Germain nach seinem unglücklichen politischen Debut im Haag und nach seiner Ausweisung aus England seine Schritte nach Rußland gelenkt und bei der Revolution, als deren Opfer Zar Peter III. im Juli 1762 um Thron und Leben kam, eine wichtige Rolle gespielt habe. Aber in allen Quellen und Darstellungen der Zeit findet sein Name nirgends Erwähnung. Durch die neuesten Forschungen ist festgestellt, daß nur ein einziger Ausländer an jenen Ereignissen beteiligt war, nämlich der Piemontese Odart, der in Diensten Katharinas II. stand[14].

Demgegenüber ist die Frage, wie es sich mit der uns überlieferten Äußerung des Fürsten Gregor Orlow, des bekannten Günstlings der Zarin, verhält, die das völlige Gegenteil bekundet. Nach Gleichens Mitteilung soll er auf der Durchreise durch Nürnberg von unserem Helden gesagt haben: „Dieser Mann hat eine große Rolle bei unserer Revolution gespielt.“ Aber Gleichens Bericht ist nicht zuverlässig. Er verwechselt die Brüder: nicht Gregor, sondern Alexei Orlow kam durch Nürnberg. Gleichen war auch nicht Augen- und Ohrenzeuge, wie der ansbachische Minister von Gemmingen, der von diesem Ausspruche Orlows nichts weiß: er begnügt sich, Gleichen zu zitieren. Mit diesem Ausspruche steht ferner in unvereinbarem Widerspruch, was Alvensleben 1777 als „feststehende Tatsache“ meldet: Alexei Orlow habe dem Grafen Saint-Germain, zu dem er „in engen Beziehungen“ stehe, einen Empfehlungsbrief an seinen Bruder, den Fürsten Gregor, gegeben und diesem den Grafen als „seinen Busenfreund“ ans Herz gelegt. Zählte nun aber Saint-Germain zu den Verschwörern von 1762, was bedurfte es da für ihn einer besonderen Empfehlung an Gregor, der doch mit Alexei zusammen eine der Hauptrollen bei dem Drama gespielt hatte?

Der letzte Zweifel wird durch die entscheidende Tatsache beseitigt, daß sich Saint-Germains Aufenthaltsort für jene kritische Epoche sicher nachweisen läßt. Seit er aus England zurückgekehrt war, hatte er in Holland unter fremden Namen ein unstetes Leben geführt, bis er sich im Frühjahr 1762 auf seiner neuerworbenen Besitzung Ubbergen bei Nimwegen, nach der er den Namen _Surmont_ annahm, niederließ. Damals geschah es denn auch, daß auf die Anfrage des Grafen d’Affry der Herzog von Choiseul ausdrücklich auf die weitere Verfolgung des Abenteurers in Holland verzichtete[15]. War Saint-Germain bisher noch des öfteren in Amsterdam eingekehrt, so zog er im August 1762 -- so bestätigt ausdrücklich Hardenbroek -- von dort weg, wahrscheinlich zur vollständigen Übersiedlung nach Ubbergen, worauf er dann, wie wir im folgenden Abschnitt sehen werden, im Frühling 1763 in Brüssel auftauchte, um dem österreichischen Minister Graf Cobenzl daselbst seinen folgenschweren Besuch abzustatten.

Danach gehört Saint-Germains Teilnahme an der russischen Revolution endgültig ins Reich der Erfindung. Dasselbe gilt für die Korrespondenz, die er angeblich mit der Zarin Katharina II. führte.

Auch seine Beziehungen zur Familie Orlow erfahren einige Einschränkung. Immerhin trifft soviel zu, daß er nach dem Ausdruck unseres Gewährsmannes „das Glück“ hatte, den Grafen Alexei kennen zu lernen, mit dem er nach seiner beliebten Praxis alchimistische Studien trieb, bis dieser seiner überdrüssig wurde[16]. In Italien, wo Alexei während des Türkenkrieges (1768-1774) längere Zeit als Admiral der russischen Flotte weilte, scheint die Bekanntschaft erneuert zu sein. Wenigsten berichtet Gleichen von ihrem Zusammentreffen in Livorno im Jahre 1770. Indessen ist nicht ganz aufgeklärt, was für eine Bewandtnis es mit dem russischen Generalspatent hat, das ihm angeblich von Alexei in Nürnberg auf der Heimreise nach Rußland überreicht wurde. Vielleicht steht es mit den Kämpfen in Zusammenhang, die während des Türkenkrieges im Archipel stattfanden, die aber, wie der Leipziger Bankier Dubosc 1777 boshaft bemerkte, Saint-Germain trotz aller seiner Erzählungen nicht mitgemacht hatte. Und so wäre denn auch das Patent als dreiste Fälschung zu buchen, um so mehr, da es auffälligerweise nur die Unterschrift des Grafen Alexei, aber nicht der Zarin trug.

Und doch hat Saint-Germain, wie sich aus unseren bisher noch unbekannten Quellen ergibt, den heiligen Boden Rußlands betreten -- zwar nicht als Verschwörer und politischer Abenteurer, wie er es darstellen möchte, sondern als schlichter Kaufmann, der aus seinen schönen Erfindungen Kapital schlagen wollte. Gleichwie in Frankreich waren es seine Farben, mit denen er sein Glück versuchte. In einer Kattunfabrik in Moskau war er tätig, aber mißgünstig wandte ihm Fortuna den Rücken, so daß er bettelarm die Stätte seines neuen Wirkens verlassen mußte. Voll Mitleid las ihn, den fußkrank und mühselig des Weges Dahinziehenden, der Schweizer Hotz von der Straße auf, wie er es hernach 1777 in Leipzig, wo er Saint-Germain wieder traf, erzählte[17]. Aber dieser russische Aufenthalt bildete für Saint-Germain doch keinen völligen Fehlschlag. Er wollte ein Bergwerk entdeckt haben, das schöne, den Topasen ähnliche Halbedelsteine lieferte und dessen Ausbeutung ihm zustand. Seitdem trug er sich mit dem Gedanken, daraus einen ertragreichen Handelszweig zu machen, ohne daß er freilich für seine Pläne viel Glauben und Entgegenkommen fand[18].

Aller Wahrscheinlichkeit nach fällt diese russische Episode in die Zeit zwischen dem Abenteuer von Tournai, zu dem wir uns nunmehr wenden, und dem Ausbruch des Türkenkrieges.

+Das Abenteuer von Tournai+

Zu Anfang des Jahres 1763 kam Saint-Germain, der, wie erwähnt, sich inzwischen in Holland angekauft und sich den Beinamen _Surmont_ zugelegt hatte, nach Brüssel, wo er die Bekanntschaft des Grafen Karl Cobenzl, des bevollmächtigten Ministers der österreichischen Niederlande, machte und sie geschickt auf seine Weise ausbeutete. Erst durch die von uns erschlossene Korrespondenz Cobenzls mit dem Hof- und Staatskanzler Graf Kaunitz sind wir über diese Episode aus dem Leben Saint-Germains aufs Zuverlässigste unterrichtet. Sie war bisher fast völlig unbekannt.

Sofort fand Cobenzl an der Unterhaltung mit Saint-Germain Gefallen. Geschickt wußte dieser das Gespräch auf seine alchimistischen Kenntnisse zu bringen; er führte ihm einige Experimente vor und begann von Millionengewinnen zu erzählen, die sich mit seinen Geheimmitteln erzielen ließen. In heller Begeisterung ging Cobenzl darauf ein, um so mehr, als Saint-Germain versicherte, „aus reiner Freundschaft“, nur gegen eine kleine Belohnung, seine Geheimnisse hergeben zu wollen. In der Besitzerin des Brüsseler Handlungshauses, Madame Nettine, die in freudigem Enthusiasmus mit ihm wetteiferte, fand Cobenzl die Persönlichkeit, die mit den erforderlichen Geldmitteln zur Begründung des Unternehmens einsprang. Kaunitz suchte den Eifer zu dämpfen; er warnte vor großen und vorzeitigen Ausgaben. Und um seinen Worten erhöhtes Gewicht zu geben, schickte er ein anekdotisches Portrait mit, das von einem Kundigen, der Saint-Germain von Paris her kannte, in recht düsteren Farben entworfen war.

Cobenzl, der im Banne Saint-Germains und seines großen Planes stand, war nicht gesonnen, sich Wasser in seinen Wein gießen zu lassen. Er überhörte die Warnung und erklärte leichthin, auf die Person komme es nicht an, wofern man nur in den Besitz der Geheimmittel gelange. Diese betrafen ein billiges Herstellungsverfahren für Farben und Farbstoffe, für gefärbte Hölzer, das Gerben und Färben von Fellen, die Herstellung eines goldähnlichen Metalls, die Raffinerie von Ölen und die Anlage einer Hutfabrik.

Doch eine unliebsame Überraschung folgte der anderen. Zunächst handelte es sich um die Einsendung von Proben; es waren Färbmittel, gefärbte Hölzer, Leder- und Metallproben. Bei der Prüfung durch Sachverständige, die Kaunitz vornehmen ließ, stellte sich heraus: die Farben waren minderwertig; sie standen mit einer Ausnahme hinter den in Österreich hergestellten zurück, geschweige denn, daß sie den Vergleich mit den englischen und französischen Fabrikaten aushielten. Ja, die Farbenskala war nicht einmal vollständig, da Blau und Grün fehlten. Und es war auch nur ein magerer Trost, wenn Saint-Germain verhieß, daß er für seine Farben das verlangte billige Herstellungsverfahren noch finden werde. Ebensowenig taugten die Holz- und Metallproben, während lediglich das Urteil über das Leder günstiger ausfiel.

Eine zweite Enttäuschung bildete der Anschlag des Unternehmens. Saint-Germain, der den Riesenerfolg auf die billige Herstellung der Fabrikate gründete, begnügte sich mit einer Gegenüberstellung der hohen alten und der billigen neuen Preise, bei denen der Unterschied allerdings mehrere 100 Prozent ausmachte. Aber da jede weitere Unterlage, wie z. B. der Überschlag des zu erwartenden Absatzes, fehlte, so schwebte der ganze Anschlag in der Luft.

Eine dritte Enttäuschung war, daß trotz der Warnungen aus Wien mit der Ausführung des Planes in Tournai bereits begonnen, Häuser und Geräte bereits gekauft waren. Es stellte sich heraus, daß die Ausgaben schon die artige Summe von 100000 Gulden betrugen. Dabei waren noch keinerlei Rohstoffe beschafft, noch keine Gelder für die Arbeitslöhne angewiesen!

Wie hatte alles so schnell und so weit gedeihen können? Es war das Werk Saint-Germains. Solange der Plan des ganzen Unternehmens nur auf dem Papier stand, mußte er befürchten, daß alles zu Nichts zerrann, sobald man von Wien aus ein Veto einlegte. Also drang er -- „mit äußerstem Eigensinn“, wie Cobenzl vorwurfsvoll bemerkt -- auf schnelle Inangriffnahme der Ausführung. Und da Madame Nettine vorschoß, ging alles flott vonstatten. Damit saß der Gimpel auf der Leimrute fest, denn es gab kein Zurück mehr oder nur unter schweren Verlusten. Doch bald kam es anders, als Cobenzl ursprünglich gedacht hatte. Von einer Hergabe der Geheimnisse, die „aus reiner Freundschaft“ oder nur gegen eine kleine Belohnung erfolgen sollte, war nicht mehr die Rede. Im Gegenteil, es wurde ein Kontrakt geschlossen, der dem Grafen Saint-Germain die Hälfte des Reingewinns sicherte. Also kein unrentables Geschäft, wenn das Unternehmen aufblühte! Doch es lag immerhin in einiger Ferne. Saint-Germain indessen zog nach dem Wort der Bibel den Spatzen in der Hand der Taube auf dem Dache vor. Mit Hilfe eines Geschäftsfreundes aus Nimwegen, der bezeugte, dem Grafen gehörige Wertsachen im Betrage von mindestens einer Million im Depot zu haben, erschwindelte er sich von Madame Nettine Vorschüsse, die von seinem künftigen Anteil am Reingewinn abgezogen werden sollten. Die Wertpapiere waren in Wirklichkeit fast wertlos, die gutgläubig darauf geleisteten Vorschüsse aber -- und das war eine neue bittere Enttäuschung -- beliefen sich ebenfalls auf rund 100000 Gulden. Damit stieg die Summe der bereits gemachten Aufwendungen auf 200000 Gulden, ohne daß die geringste Sicherheit für Erfolg bestand, von den Millionengewinnen ganz zu schweigen.

Auf den Bericht, den Kaunitz der Kaiserin Maria Theresia erstattete, lehnte diese die Übernahme des Unternehmens rundweg ab, und dieses ging nunmehr in die Hände der Madame Nettine über, die sich schon vorher damit einverstanden erklärt hatte. Cobenzl erteilte daraufhin dem Grafen Saint-Germain sofort den Laufpaß. Bevor dieser Tournai verließ, gab er der Nettine die Zusicherung, binnen wenigen Monaten werde er ihr die Auslagen zurückerstatten. Andernfalls, so fügte er mit blutigem Hohne hinzu, möge sie sich von seinen Geheimmitteln bezahlt machen.

Damit entpuppte sich sein ganzes Unternehmen als raffiniert angelegtes Schwindelmanöver. Er war als gemeiner Betrüger entlarvt, der, nachdem er die Opfer in sein Netz gelockt, sie listig zu rupfen gewußt hatte. Mit seiner Beute verschwand er alsbald aus Brüssel, um sich, wie es hieß, nach Deutschland zum Markgrafen Karl Friedrich von Baden-Durlach zu begeben. Tatsächlich aber scheint er den Weg nach Rußland eingeschlagen zu haben, wo er, wie wir schon hörten, sich in Moskau niederließ.

Ausgang

Auch die nächsten zehn Jahre sind wieder in Dunkel gehüllt. Doch scheint Saint-Germain während dieser Zeit zunächst in Rußland und dann vornehmlich in Italien geweilt zu haben; denn wir hören, daß er in Mantua, in Venedig, in Pisa und Livorno gewesen ist. Dann tauchte er in Deutschland auf.

Aber Saint-Germains Auftreten ist doch ein anderes geworden. Von seinen Reichtümern ist nicht mehr die Rede; im Gegenteil, es geht ihm offenbar dürftig. Er sucht nicht mehr die große Welt, sondern eine stille Stätte, wo er, in sicherem Hafen gelandet, das Haupt zur Ruhe legen, den Abend seines Lebens verbringen darf. Doch darin bleibt er sich getreu, daß er nach wie vor sein geheimes Wissen als Aushängeschild benutzt, daß er es auf die Großen der Welt abgesehen hat.

Freilich ist hier die Art seines Vorgehens verschieden. Indem er den scheinbar Uneigennützigen spielt, gebärdet er sich als Wohltäter der Menschheit unter dem durchsichtigen Namen _Welldone_, den er sich nunmehr beigelegt hat. So verfuhr er gegenüber dem großen Preußenkönig, dessen scharfer Blick indessen den Schwindel sofort durchschaute. König Friedrich winkte ihm energisch ab, als Saint-Germain ihm mit einem Begleitschreiben -- der einen von den drei uns erhaltenen Schriftproben seiner Hand -- sozusagen seine Preisliste einschickte. Er ließ ihm sagen, er möchte anderswo sein Heil versuchen, da man in Berlin „sehr ungläubig“ sei. Mehr Glück hatte Saint-Germain, als er den „Adepten“ herauskehrte und sich an Fürsten wandte, die alchimistischen Neigungen huldigten. So bei dem Markgrafen Alexander von Ansbach, dem er 1774 durch dessen mütterliche Freundin, die Schauspielerin Clairon, vorgestellt wurde, und dann 1779 bei dem Prinzen Karl von Hessen in Schleswig, dem er sich zunächst aufdrängte, den er aber dann in seine Fesseln zu schlagen wußte.