Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten

Part 1

Chapter 13,036 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1923 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

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OPAL-BÜCHEREI

DER GRAF VON SAINT-GERMAIN

DAS LEBEN EINES ALCHIMISTEN

Nach großenteils unveröffentlichten Urkunden

Herausgegeben und eingeleitet von

GUSTAV BERTHOLD VOLZ

*

Deutsch von

FRIEDRICH VON OPPELN-BRONIKOWSKI

Mit 16 Bildbeigaben

*

PAUL ARETZ VERLAG DRESDEN

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Copyright 1923 by Paul Aretz Verlag, Dresden

INHALT

EINLEITUNG 5

Der „berühmte Alchimist“ S. 5. -- Das Rätsel seines Ursprungs S. 7. -- Das Rätsel seines Alters S. 10. -- Das erste Auftreten S. 11. -- Sein Aufenthalt in Frankreich S. 13. -- Die Mission des Grafen Saint-Germain im Haag S. 15. -- Saint-Germain in Rußland S. 20. -- Das Abenteuer von Tournai S. 23. -- Ausgang S. 27. -- Saint-Germains Künste und Geheimnisse S. 31. -- War Saint-Germain Freimaurer und Kabbalist? S. 34. -- Saint-Germains Persönlichkeit und die Legendenbildung S. 37.

ERSTER TEIL

ALLGEMEINE DARSTELLUNGEN, ANEKDOTEN UND FÄLSCHUNGEN

Aus den „Erinnerungen“ des Barons von Gleichen 47

Aus dem „Tagebuch eines Weltkindes“ von Graf Lamberg 59

Schreiben des Grafen Lamberg an Opiz 67

Aus Lambergs „Kritischen, moralischen und politischen Briefen“ 68

Epigramm des Grafen Lamberg auf Saint-Germain 68

Grabschrift Saint-Germains auf den Grafen Lamberg 68

Zur Kritik Lambergs (Moehsen) 69

Aus den „Denkwürdigkeiten“ der Gräfin Genlis 70

Aus Grosleys „Nachgelassenen Schriften“ 76

Anekdoten 85

(I. Schöning S. 85. II. Corberon S. 85. III. Lehndorff S. 86. IV. Madame Campan S. 87. V. Bertuch S. 87. VI. Mirabeau S. 88.)

Aus den „Denkwürdigkeiten“ der Lady Craven 89

Aus den „Erinnerungen“ der Marquise von Créquy 91

Aus den „Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Grafen Cagliostro“. Cagliostros Besuch bei Saint-Germain. Eine Satire (von Luchet) 100

Charakteristik des Grafen Saint-Germain 107

Kritik der „Charakteristik“ von Meister 108

Saint-Germain und Cagliostro 108

Graf Saint-Germain (von Luchet) 110

Charakteristik des Grafen Saint-Germain 112

Kritik der „Charakteristik“ 114

ZWEITER TEIL

URKUNDEN ZUR LEBENSGESCHICHTE DES GRAFEN SAINT-GERMAIN

Saint-Germain in London (1743-1745) 119

I. Aus dem Briefwechsel von Horace Walpole 119

II. Aus: „The London Chronicle“ 120

Saint-Germain in Frankreich 122

I. Aus Casanovas „Memoiren“ und dem „Monolog eines Denkers“ 122

II. Aus den „Denkwürdigkeiten“ der Madame du Hausset 126

III. Bericht Hellens (1760) 139

IV. Saint-Germain auf Schloß Chambord. (Aus dem Schriftwechsel des Marquis von Marigny) 141

V. Aus einem Schreiben des Grafen Bernstorff (1779) 143

VI. Aus den „Episoden meines Lebens“ des Grafen d’Angiviller 143

Die Mission Saint-Germains im Haag (1760) 144

I. Aus dem Schriftwechsel des Herzogs von Choiseul 144

II. Denkschrift des Grafen d’Affry an die Generalstaaten 160

III. Protokoll der Sitzung der Generalstaaten 161

IV. Aus den Aufzeichnungen des Grafen Bentinck 162

V. Aus Yorkes Korrespondenz 170

VI. Aus Hellens Korrespondenz mit Friedrich dem Großen 182

VII. Aus der Korrespondenz von Knyphausen und Michell mit Friedrich dem Großen 189

VIII. Aus Mitchells Korrespondenz 194

IX. Berichte Reischachs an Graf Kaunitz 196

X. Aus Kauderbachs Korrespondenz 206

XI. Friedrich der Große und Voltaire 215

XII. Aus der „Geschichte des Siebenjährigen Krieges“ von Friedrich dem Großen 216

XIII. Aus: „The London Chronicle“ 218

XIV. Graf Danneskjold-Laurwigen an Saint-Germain 219

Saint-Germain in Holland (1762) 221

I. Aus dem Schriftwechsel des Herzogs von Choiseul 221

II. Aus den Aufzeichnungen Hardenbroeks 222

Saint-Germain in den österreichischen Niederlanden (1763) 225

I. Aus dem Schriftwechsel des Grafen Karl Cobenzl 225

II. Aus den „Erinnerungen“ des Grafen Philipp Cobenzl 280

III. Aus Casanovas „Memoiren“ 284

Saint-Germain in Ansbach (1774-1776) 288

„Aufschlüsse über den Wundermann, Marquis Saint-Germain, und sein Aufenthalt in Ansbach, von einem Augenzeugen“ (Freiherr von Gemmingen).

Saint-Germain in Leipzig und Dresden (1776-1777) 304

I. Aus den Tagebüchern des Grafen Lehndorff 304

II. Aus dem Briefwechsel Friedrichs des Großen mit Prinz Heinrich, der Prinzessin Wilhelmine von Oranien und Alvensleben 306

III. Aus den Briefen des Kurfürsten Maximilian III. Joseph von Bayern 323

IV. Aus dem Briefwechsel des Prinzen Friedrich August von Braunschweig 324

Saint-Germain in Berlin 338

I. Aus den „Erinnerungen“ Thiébaults 338

II. Aus Zimmermanns „Fragmenten über Friedrich den Großen“ 342

III. Graf Saint-Germain („Berlinische Monatsschrift“) 343

Saint-Germain in Hamburg (1778) 350

Saint-Germain in Schleswig und Eckernförde (1779-1784) 353

I. Aus den „Denkwürdigkeiten“ des Prinzen Karl von Hessen-Kassel 353

II. Prinz Karl von Hessen an Prinz Christian von Hessen-Darmstadt (1825) 360

III. Prinz Ferdinand von Braunschweig an Prinz Friedrich August von Braunschweig (1779) 360

IV. Aus Briefen des Grafen Warnstedt (1779) 361

V. Friedrich der Große an die Königin-Witwe Juliane von Dänemark (1784) 362

Saint-Germains Tod in Eckernförde 363

I. Aus dem „Totenregister“ der St. Nikolaikirche in Eckernförde 363

II. Aus den „Einnahmen an Begräbnißöffnung und Vestegeldern“ 363

III. Aus dem Verzeichnis der „Glockengelder“ 364

IV. Aufruf von Bürgermeister und Rat der Stadt Eckernförde 364

V. Nachruf des Professors Remer in den „Neuen Braunschweigischen Nachrichten“ (1784) 366

PERSONENVERZEICHNIS 368

ORTSVERZEICHNIS 375

VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN 378

EINLEITUNG

Der „berühmte Alchimist“

Der Name des Grafen Saint-Germain führt uns mitten hinein in die Welt der Abenteurer, Projektenmacher und Betrüger, von denen das 18. Jahrhundert, so stolz das Jahrhundert der Aufklärung genannt, wimmelte; denn selten stand das Abenteurertum in solch üppiger Blüte wie damals. In unaufhörlicher Wanderung von einem Staate zum anderen, hier untertauchend, um unvermutet dort wieder zu erscheinen, dabei chamäleonartig Namen und Gestalt wechselnd -- so flutet der Strom der abenteuerlichen Gesellen durch ganz Europa. Vor allem sind Frankreich, England und Italien die gesegneten Stätten ihres dunklen Wirkens; aber auch Rußland, das sich seit Beginn des Jahrhunderts aus einem asiatischen Reiche zu einem Mitglied der europäischen Staatenwelt zu entwickeln begann, war ein dankbares Feld ihrer Tätigkeit. Sie bewegen sich nicht nur in den niederen und mittleren Sphären, wie es zu allen Zeiten gewesen, sondern einige Erwählte dringen auch in die Kreise der höchsten Gesellschaft bis in die unmittelbare Nähe der Fürstenthrone. Und auch ihr Gewerbe ist keineswegs das der kleinen Schelme und Betrüger. Sie kommen mit großen Plänen zur Beglückung der Völker, sie gebärden sich als Wohltäter der Menschheit, und was ihrer Tätigkeit den besonderen Stempel aufdrückt, sie umgeben sich mit dem Schimmer des Geheimnisvollen, indem sie bald als Alchimisten, bald als Geisterseher oder gar als Magier auftreten.

Auf dem einzigen Bildnis, das wir von Saint-Germain besitzen, ist er denn auch als der „berühmte Alchimist“ bezeichnet. Überschwänglich wird von ihm gerühmt, daß er die Herrschaft über die Natur besaß, die ihm ebenso wie dem Schöpfer willig gehorchte.

Schon seit altersgrauen Zeiten schwebte den Forschern in dem großen Buche der Natur als höchstes Ziel ihres Strebens die künstliche Erzeugung der Edelmetalle vor. Das war die Aufgabe, die sich eben die Alchimie stellte. Ihre Wiege stand in Ägypten. Als die Araber im 7. Jahrhundert dieses Land eroberten, machten sie sich diese geheime Wissenschaft zu eigen, verpflanzten sie nach Spanien, von wo aus sie ihren Siegeszug durch ganz Europa antrat. So blühte denn die Alchimie durch das ganze Mittelalter hindurch bis in die neuere Zeit hinein, und erst die Entwicklung der Chemie zu einer Wissenschaft machte diesem Spukglauben ein Ende. So zählte denn auch Saint-Germain zu den letzten großen Vertretern der „Adepten“, wie die Meister dieses Geheimnisses hießen, die im Besitz des „Steines der Weisen“ waren; denn letzten Endes lief alles Forschen und Experimentieren darauf hinaus, die _materia prima_, den Urstoff für die Gewinnung des „Steines der Weisen“, zu finden, mit dem sich das Problem der künstlichen Herstellung von Gold und der Metallverwandlung lösen ließ. Und wer den „Stein der Weisen“ besaß, der besaß damit zugleich auch das Geheimnis der Universalmedizin oder des „Elixiers“, das schier unvergängliche Dauer des Lebens gewährte.

Das mystische Dunkel, mit dem Saint-Germain seine Person geheimnisvoll umgab, ist bis heute noch kaum gelichtet. Über das Anekdotenhafte kommen die meisten der bisher bekannten Berichte -- überdies zum Teil apokrypher Art -- kaum hinaus. Nur die Aufzeichnungen der Madame du Hausset, der Kammerfrau der Marquise von Pompadour, und des Ansbachischen Ministers Freiherr von Gemmingen machen davon eine Ausnahme. Aber auch sie erhellen nur kurze Wegstrecken in dem wechselvollen Leben dieses Abenteurers. Die zahlreichen neuen Urkunden, die wir im folgenden aus verschiedenen Archiven mitteilen und die gut die Hälfte dieses Buches umfassen, bringen daher nicht nur weitere wertvolle Aufklärung über sein Schicksal, ja sie gewähren überhaupt erst die Möglichkeit, die Umrisse seiner Gestalt deutlich zu zeichnen. Und wenn auch nicht alle Rätsel gelöst werden können, so sinkt doch der Schleier. Der Nimbus des „Adepten“ schwindet, und es bleibt allein das Bild eines abenteuernden Industrieritters.

Das Rätsel seines Ursprungs

Mit höchster Kunst verstand Saint-Germain, über seine Herkunft einen Schleier zu breiten. Mit Vorliebe deutete er auf seine Abstammung aus fürstlichem Geschlecht; ja, er nannte sich wohl selbst im vertraulichen Gespräch einen Nachkommen des letzten siebenbürgischen Fürsten. Andere leiten seine Herkunft aus dem letzten spanischen Herrscherhause ab. In grellem Kontraste dazu stehen die Angaben, nach denen er ein portugiesischer Jude gewesen sein soll. Endlich wird er als Sohn eines savoyischen Steuereinnehmers namens Rotondo oder auch als der italienische Geigenspieler Catalani bezeichnet[1]. Wie steht es um die Zuverlässigkeit dieser einzelnen Nachrichten?

Zunächst die Frage seiner Abstammung von Franz II. Rakoczy, dem letzten Fürsten von Siebenbürgen. Verworren sind alle Angaben des Prinzen Karl von Hessen. So macht er unseren Helden zum Sohne aus erster Ehe des Fürsten mit einer Tököly; diese war aber nicht die erste Gattin, sondern die Mutter desselben. Saint-Germain spricht von zwei Brüdern. Tatsächlich wurden dem Fürsten drei Söhne geboren, aber der älteste, Leopold Georg, für den Saint-Germain sich selbst ausgibt, starb nachweislich im Kindesalter; er wurde 1696 geboren und starb 1700. Wohl trifft es zu, daß die beiden Brüder, Joseph und Georg, am Wiener Hofe aufwuchsen, wo sie den Namen Marquis de San Marco und Marquis della Santa Elisabetta erhielten. Aber beide flüchteten (1726 und 1734) -- also sie unterwarfen sich nicht feige und demütig ihrem Lose, wie Saint-Germain dem preußischen Gesandten von Alvensleben und dem hessischen Prinzen erzählt, und damit entfällt auch die Pointe, daß er sich selbst, im Gegensatz zu diesem erniedrigenden Verhalten seiner Brüder, den „heiligen Bruder“, _Sanctus Germanus_ (Saint-Germain) genannt habe. Man sieht: die ganze Fabel der Abstammung aus dem siebenbürgischen Fürstenhause steht auf schwachen Füßen. Verdächtig ist auch der Umstand, daß bereits alle Mitglieder des Hauses tot waren, deren Zeugnis ihn der Lüge hätte überführen können. Tot war auch der letzte Fürst aus dem Hause Medici, der ihn nach der Erzählung des Hessen als zweiter Vater aufgezogen haben sollte.

Nicht größeres Vertrauen erweckt die Fabel seiner Abstammung aus dem spanischen Königshause. Nicht daß Karl II. († 1700) sein Vater gewesen wäre. Die Königin -- Maria Anna von Pfalz-Neuburg -- soll ihm während ihres Aufenthaltes in Bayonne (1705) als Frucht einer illegitimen Verbindung das Leben geschenkt haben. Damit erscheint er gewissermaßen als Prätendent des durch den Tod Karls II. erledigten spanischen Thrones, und nur wenn man sich diesen historischen Hintergrund vergegenwärtigt, wird die von Grosley überlieferte Frage des spanischen Granden bei der Rückkehr der Königin nach Madrid verständlich: „Ist sie in anderen Umständen?“ Und sollte sich auch, wie gerüchtweise behauptet wird[2], Saint-Germain verschiedentlich als „_Prinz von Spanien_“ unterzeichnet haben, so läge auch darin noch kein zwingender Beweis für seine Abstammung aus diesem Hause. Im Gegenteil, diese Unterschrift würde eher beweisen, daß sein Anspruch falsch ist, da die spanischen Prinzen offiziell den Titel „_Infant von Spanien_“ führten.

Für seine portugiesische Abkunft spricht die mehrfach bezeugte Kenntnis der Sprache, die um so überraschender ist, als Portugal bereits damals keine große Weltrolle mehr spielte. Dazu kommt, daß er, wie von verschiedenen Seiten bezeugt wird, bei seinem Aufenthalt in Holland im Frühling 1760 bei reichen portugiesischen Juden in Amsterdam und im Haag wohnte, eine durchaus natürliche Erscheinung, wenn er deren Stammesbruder war.

Aber auch die Hypothese, daß er aus dem savoyischen Flecken San Germano stamme, ist nicht einfach von der Hand zu weisen; denn sie würde seine Namensgebung auf die einfachste und natürlichste Weise erklären.

Mit seiner Herkunft, sei es aus Portugal, sei es aus Savoyen, wäre auch leicht seine Antwort auf die diesbezügliche Frage der Prinzessin Amalie von Preußen zu vereinbaren; denn nach Thiébaults Bericht erwiderte er, seine Heimat sei ein Land mit angestammten Fürsten. Dies aber trifft sowohl auf Portugal wie auf Savoyen zu.

Was endlich die der Marquise von Créquy in den Mund gelegte Version betrifft, daß Saint-Germain der Sohn eines jüdischen Arztes Wolf aus Straßburg gewesen sei, so ist zu bemerken, daß wir es bei den „Erinnerungen“ dieser Dame mit einer groben Fälschung aus späterer Zeit zu tun haben. Ebensowenig kommt die Erzählung von Montaigne[3] in Betracht, der von einem Germain berichtet, den er in Vitry gesehen habe, und der als Mädchen aufgezogen sei, bis ein Zufall sein wahres Geschlecht ans Licht gebracht habe.

Wird das Rätsel seines Ursprunges also auch nicht ganz gelöst, so viel steht fest, daß er nicht fürstlicher Abkunft war; denn auch nicht die Spur eines Beweises läßt sich dafür beibringen.

Das Rätsel seines Alters

Nicht minder geschickt, wie er seine Herkunft zu verschleiern wußte, so auch sein Geburtsjahr. Er deutete an, daß sein Lebensalter nicht nach Jahren und Jahrzehnten, sondern nach Jahrhunderten zähle. Der Spaßvogel „Mylord Gower“, von dem der Baron von Gleichen berichtet, mußte ihm als Schrittmacher für die Fabel dienen, daß er schon ein Zeitgenosse Christi gewesen sei. In seinen Gesprächen ließ Saint-Germain gern durchblicken, daß er schon in früheren Jahrhunderten gelebt habe. Für denjenigen, der, wie Alvensleben, ihn stellen wollte, hatte er, in die Enge getrieben, die Antwort bereit, daß er sich von Zeit zu Zeit aus dem Treiben der Welt zurückziehe. Vergeblich suchen die einzelnen Berichterstatter aus seiner äußeren Erscheinung Schlüsse auf sein Lebensalter zu ziehen. Gegenüber all den Zeugnissen fremder Personen, wie der Gräfin Gergy, die ihn nach Jahrzehnten im Äußeren unverändert wiederfinden wollte, fällt das eigene Geständnis des Grafen Saint-Germain schwer ins Gewicht, der dem Prinzen von Hessen nach dessen Aufzeichnung erklärte, er sei bei seiner Ankunft in Schleswig (1779) 88 Jahre alt gewesen. Das würde ungefähr mit dem Lebensalter stimmen, das für den Sohn des Steuereinnehmers aus San Germano angegeben wird.

Aber, so könnte man einwenden, spricht nicht für sein Alter das Stammbuch mit den Eintragungen von Montaigne und dem älteren Grafen Lamberg? Darauf läßt sich mit der Gegenfrage antworten: waren diese echt? Schon der jüngere Lamberg spielt auf die Möglichkeit einer Fälschung an. Waren sie jedoch echt, wo ist dann der Beweis, daß das Album nicht erst später in den Besitz Saint-Germains gelangt ist? Denn jene Einzeichnungen sind ganz unpersönlicher Art. Damit scheidet das Stammbuch als Argument für die Frage des Alters des Grafen aus.

Das erste Auftreten

Gleichwie die Abstammung Saint-Germains ist auch die erste Hälfte seines Lebens ins Dunkel getaucht. Es heißt, daß er in Mexiko durch Heirat zu einem großen Vermögen kam und damit nach Konstantinopel durchbrannte. Für das Jahr 1735 ist sein Aufenthalt im Haag nachweisbar; denn von dort aus richtete er am 22. November dieses Jahres ein Schreiben an den englischen Gelehrten Sloane, das über einen alten Bibeldruck handelt, aber sonst keinerlei persönliche Angaben enthält[4].

Erst mit seinem Erscheinen in England ums Jahr 1744 gewinnen wir festen Boden unter den Füßen, und zwar erwähnt ihn Horace Walpole in einem Schreiben vom 9. Dezember 1745. Wir sehen Saint-Germain als Teilnehmer an dem Kampfe, den Karl Eduard Stuart, der Enkel des 1688 vertriebenen Königs Jakob II., um seine Ansprüche auf die Krone mit der englischen Regierung führte. Wagemutig war der Prätendent in Schottland gelandet, hatte Edinburg genommen und stand Anfang Dezember bereits in Derby, um auf London zu marschieren. Doch unter dem Druck der schottischen Häuptlinge, die ihm die Gefolgschaft versagten, mußte er umkehren, und die Niederlage bei Culloden (27. April 1746) besiegelte sein Schicksal.

Nach Walpoles Bericht war Saint-Germain offenbar mehr ein Mitläufer als ein Mitstreiter, wenn er nicht gar, wie es die Nachricht des _London Chronicle_ von 1760 besagt, unschuldig in den Aufstand des Prätendenten verwickelt wurde. Jedenfalls aber spielte er keine Heldenrolle, denn die Untersuchungsakten über den Aufstand schweigen über ihn völlig[5].

Größere, doch unblutige Lorbeeren erntete er, als er sich als Geigenvirtuose vorstellte. In diese Zeit fällt wohl auch die Entstehung seines „Traktats über die Musik nach den Regeln des gesunden Menschenverstandes für die englischen Damen, die den wahren Geschmack in dieser Kunst lieben“[6].

Immerhin hören wir, daß das Andenken an seinen Londoner Aufenthalt bei den Engländern auch 1760 noch nicht erloschen war.

Das folgende Jahrzehnt liegt wieder im Dunkel. Während dieser Zeit unternahm der Graf zwei Reisen nach Indien. So wenigstens erzählt er in einem späteren Briefe aus dem Jahre 1773, den sein Freund, Graf Lamberg, uns überliefert hat. Aber nur über die zweite Reise erfahren wir einiges Nähere. Er will sie mit dem Admiral Watson und mit Robert Clive, dem berühmten Eroberer Ostindiens, im Jahre 1755 angetreten haben. Allein die Einzelheiten, die er meldet, sind so nichtig und albern, daß es schwer fällt, diesen Bericht ernst zu nehmen. Dabei soll keineswegs bestritten werden, daß er weite Reisen gemacht und auch den Orient besucht hat; denn wie wir von kritischen Ohrenzeugen vernehmen, wußte er anregend zu erzählen, und dies läßt voraussetzen, daß er selbst Land und Leute gesehen hat, die er so fesselnd zu schildern verstand.

+Sein Aufenthalt in Frankreich+

Wir kommen jetzt zu seinem Aufenthalt in Frankreich, der den Höhepunkt seines Lebens darstellt.

Wann Saint-Germain nach Frankreich gekommen ist, steht nicht fest. Nach den Aufzeichnungen Casanovas zu urteilen, mit dem sich seine Wege mehrfach kreuzten, ist er dort schon 1757 oder 1758 gelandet. In Chambord erscheint er 1758, während ihn der anonyme Verfasser der „_Anecdotes_“[7] erst 1759 in Frankreich auftreten läßt.

Hier ging sein Stern auf. Er erlangte die Gunst der Marquise von Pompadour. Höchst anschaulich ist der Bericht ihrer Kammerfrau, Madame du Hausset, über seinen Verkehr am Hofe; denn durch die Marquise trat er auch in Beziehungen zu Ludwig XV., dem er vorgestellt wurde, an dessen Tafel er speiste und mit dem er alchimistische Studien trieb. Darin lag kluge Berechnung der Pompadour. Sann sie doch unablässig auf Mittel und Wege, wie sie dem der Geschäfte überdrüssigen Herrscher die Langeweile vertreiben könnte. Zu diesem Zwecke hatte sie ihm in Versailles ein intimes Theater eingerichtet, an dem sie und ihre Vertrauten mitwirkten. Dann, als sie selbst zu altern begann, hatte sie den berüchtigten Hirschpark geschaffen. Nun zog sie Saint-Germain heran, um alchimistischen Versuchen mit dem regierungsmüden König obzuliegen.